Nachmittagssitzung.

[95] DR. SIEMERS: Ich habe inzwischen meine Dokumente durchgesehen und bin daher in der Lage, jetzt bei dem ursprünglichen Plan zu bleiben, die Dokumente während des Verhörs mit zu überreichen.

Im Zusammenhang mit der zuletzt besprochenen Urkunde C-126 »Strategische Vorbereitungen« lege ich folgende Dokumente vor aus den Weißbüchern, die genehmigt wurden und in gleicher Weise strategische Vorbereitungen bei den Alliierten betreffen. Es handelt sich um Raeder Exhibit Nummer 33, eine Urkunde vom 9. November 1939, ferner um Raeder Exhibit Nummer 34, General Gamelin an General Lelong, vom 13. November 1939; sodann Raeder Exhibit Nummer 35, zwei Auszüge aus dem Tagebuch Jodl, 1809-PS, betreffend die Maßnahmen der Luftwaffe hinsichtlich Kaukasus. Ich brauche hierzu nichts zu sagen, ich erinnere nur an meine am 18. März gestellten Fragen an den Zeugen Reichsmarschall Göring, der über die Pläne der Alliierten bezüglich der Zerstörung der kaukasischen Ölfelder bereits ausgesagt hat. Und schließlich in diesem Zusammenhang noch Raeder Exhibit Nummer 41. Im Dokumentenbuch 3, Seite 205 folgt eine Aufzeichnung des Oberbefehlshabers des französischen Heeres General Gamelin vom 16. März 1940 über den Kriegsplan für 1940, betreffend die Verschärfung der Blockade, und die Pläne für die skandinavischen Länder, und außerdem wiederum über die Zerstörungspläne hinsichtlich des russischen Öles auf dem Kaukasus.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Großadmiral! Bevor ich jetzt zu den einzelnen Unternehmungen Griechenland, Norwegen und so weiter komme, bitte ich Sie noch, eine Sie persönlich betreffende Frage zu beantworten. Welche Auszeichnungen erhielten Sie von Hitler?

RAEDER: Ich erhielt von Hitler außer dem Goldenen Ehrenzeichen, das schon erwähnt worden ist, im Herbst 1939 das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz. Ferner im Jahre 1941, an meinem 65. Geburtstag eine Dotation von 250.000 Mark, die mir Hitler durch einen Adjutanten mit einem Dokument übersandte.

Als ich mich bei der nächsten Gelegenheit bei ihm bedankte, sagte er mir, daß er mir diese Dotation als Auszeichnung verleihe, in gleicher Weise wie die früheren Herrscher von Preußen ihren Generalen solche Dotationen verliehen hätten, sei es in Geldsummen, sei es in einem Landgut. Er betonte dann, daß auch Feldmarschall von Hindenburg und Mackensen von ihm Dotationen erhalten hätten.

DR. SIEMERS: Ich gehe nunmehr zu dem Thema Griechenland über. Bezüglich Griechenland hat die Anklage die Urkunde C-12, gleich GB-226, vorgelegt, im Dokumentenbuch 10, Seite 1. Es handelt [95] sich um eine Entscheidung Hitlers, mitgeteilt durch das OKW vom 30. Dezember 1939, unterzeichnet von Jodl, wo unter Ziffer I folgendes steht:

»Griechische Handelsschiffe sind in der durch USA um England erklärten Sperrzone wie feindliche zu behandeln.«

Diese Entscheidung Hitlers erfolgte auf Grund eines Vortrages seitens der Seekriegsleitung.

Was veranlaßte Sie zu diesem Vortrag, obwohl Griechenland damals neutral war?

RAEDER: Wir hatten in jener Zeit eine große Anzahl von Nachrichten vom Nachrichtendienst bekommen, daß griechische Reedereien, offenbar mit Wissen der Griechischen Regierung, ihre Schiffe unter sehr günstigen Bedingungen an England vercharterten. Sie fuhren also im Englanddienst und waren danach ebenso zu behandeln wie die englischen Handelsschiffe. Die Nachrichten bestätigten sich nachher in noch größerem Maße, als sie anfänglich vorlagen.

DR. SIEMERS: Ich erlaube mir, dem verehrlichen Gericht in diesem Zusammenhang Raeder Exhibit Nummer 53, in meinem Dokumentenbuch 3, Seite 258 zu überreichen. Es handelt sich um das Kriegstagebuch der Seekriegsleitung vom Dezember 1939. Auf Seite 259 ist unter dem 19. Dezember folgendes eingetragen:

»Griechenland hat etwa 20 Dampfer für den Verkehr von USA nach Le Havre und Liverpool verchartert.«

Dies bestätigen die Nachrichten, die der Zeuge eben erwähnte.

Und die nächste Eintragung auf der gleichen Seite unter dem 30. Dezember:

»Auf Grund der Verkäufe und Vercharterung zahlreicher griechischer Schiffe an England wird mit Einverständnis des Führers befohlen, daß griechische Schiffe im Seegebiet von 20 Grad West bis 2 Grad Ost und 44 Grad Nord bis 62 Grad Nord von U-Booten wie feindliche zu behandeln seien. Angriffe möglichst ungesehen.«

Ich überreiche ferner das nächste Dokument Nummer 54. Dieses Dokument stammt aus den Weißbüchern. Es ist datiert vom 23. Januar 1940. Ein Bericht der Deutschen Gesandtschaft im Haag an das Auswärtige Amt. Die Überschrift lautet: Bevorstehende Vercharterung von 50 bis 60 griechischen Schiffen an die Britische Regierung.

Ich brauche es nicht vorzulesen. Ich darf nur den Beginn des ersten Satzes zitieren: »Nachdem die englische Presse Ende November vorigen Jahres«, also 1939, »Meldungen über angebliche Vercharterungen griechischer Schiffe an britische Reedereien gebracht hatte...« und so weiter. Es wird dann festgestellt, daß diese 50 bis 60 griechischen Schiffe nunmehr verchartert sind.

[96] Obwohl es historisch nicht ganz richtig ist, möchte ich jetzt zunächst den Komplex Griechenland abschließen. Es käme eigentlich jetzt erst Norwegen, nur wegen des Zusammenhanges darf ich Griechenland, und zwar die Besetzung von Griechenland, vorwegnehmen.

Im Dokument C-152, gleich C-167, gleich GB-122, im Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10, Seite 23, hat die Anklage gegen Sie vorgetragen die Ziffer 9 dieses längeren Dokuments, und zwar Ziffer 9, B, f. Es heißt dort:

»Ob.d.M. bittet um Bestätigung, daß ganz Griechenland besetzt werden soll, auch bei friedlicher Regelung. Führer: die völlige Besetzung ist Vorbedingung für jede Regelung.«

Bei diesem Dokument handelt es sich um Ihren Vortrag bei Hitler vom 18. März 1941. Welche Gründe veranlaßten Sie zu diesem Vorschlag?

RAEDER: Ich hatte anfänglich von den politischen Absichten des Führers bezüglich Griechenland nur wenig erfahren. Ich kannte aber seine Weisung Nummer 20 vom 13. Dezember 1940.

DR. SIEMERS: Verzeihung, ich darf für das Gericht einschalten, es handelt sich um 1541-PS, gleich GB-117, Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10a, Seite 270. Diese Weisung datiert vom 13. Dezember 1940.


RAEDER: In dieser Weisung hatte der Führer gesagt aus Gründen, die er im Absatz 1 erwähnt, daß seine Absicht sei, Absatz 2:

»Nach Eintreten günstiger Witterung – voraussichtlich im März – diese Kräftegruppe über Bulgarien hinweg zur Besitznahme der Ägäischen Nordküste und – sollte dies erforderlich sein – des ganzen griechischen Festlandes anzusetzen (Unternehmen Marita). Mit der Unterstützung durch Bulgarien ist zu rechnen.«

Ich hörte dann erst von diesen Dingen wieder, als ich erfuhr, daß die Engländer in Südgriechenland am 3. März gelandet seien. Wir erfuhren das in der Zeit ungefähr um den 5. oder 6. März. Aus diesem Grunde beantragte ich beim Führer, daß er ganz Griechenland besetzen möge, um zu verhindern, daß die Engländer uns in den Rücken kommen könnten mit Angriffen, auch mit Luftangriffen, Flugplätze anlegen und damit auch unsere Kriegführung nicht nur in Griechenland, sondern auch im östlichen Mittelmeer schädigen könnten.

Es war ja so, daß, wenn eine politische Entscheidung von Hitler getroffen war, völlig selbständig und ohne irgend jemand zu befragen daß ich dann als Chef der Seekriegsleitung aus dieser politischen Entscheidung immer die strategischen Schlüsse ziehen mußte und ihm daraufhin meine Vorschläge bezüglich der Seekriegführung und [97] der übrigen Führung machen mußte, soweit sie mich angingen. Da er schon im Dezember ins Auge gefaßt hatte, daß eventuell ganz Griechenland zu besetzen sei, so war für mich jetzt der Fall eingetreten, daß ich ihm den Vorschlag machen mußte, aus dem Grunde, den ich vorher nannte. Wenn ich sagte ganz Griechenland, so bedeutet das für mich und die Seekriegführung die ganze griechische Küste, an der die englischen Streitkräfte landen konnten.

DR. SIEMERS: Ihr Vorschlag lag also zirka zwei Wochen, nachdem britische Truppen in Griechenland gelandet waren.

RAEDER: Ja.


DR. SIEMERS: Ich darf im Zusammenhang hiermit als Raeder Exhibit Nummer 58 mein Dokumentenbuch 3, Seite 271, ein Dokument aus dem Weißbuch überreichen, wonach am 4. Januar... Hohes Gericht, ich bitte vielmals zu entschuldigen, Sir David hat recht, das Dokument Nummer 58 ist abgelehnt; ich ziehe es zurück.

Ich überreiche in diesem Zusammenhang Raeder Exhibit Nummer 59, im Dokumentenbuch 3, Seite 273; es stammt aus dem Weißbuch und ist die Niederschrift über die Sitzung des französischen Kriegsausschusses vom 26. April 1940. Sie betrifft den Beschluß des Kriegsausschusses bezüglich Norwegen, des Kaukasus und Rumänien und Griechenland.

Ich überreiche ferner Raeder Exhibit Nummer 63, Dokumentenbuch 3, Seite 285, Rede des britischen Staatssekretärs für Indien Amery vom 1. Dezember 1940, woraus sich ebenfalls die Planungen bezüglich Griechenland ergeben, 11/4 Jahr vor dem Zeitpunkt, den eben der Zeuge schilderte.

Ich komme nunmehr zu dem Thema Norwegen. Den Angriff gegen Norwegen hat der britische Anklagevertreter Mr. Elwyn Jones als besonderen Fall im Rahmen der Angriffskriege der Nazi-Verschwörung hingestellt, indem er darauf hinwies, daß in diesem Falle Hitler nicht selbst auf den Gedanken kam, sondern erst von Ihnen überredet wurde. Da dieser Punkt sehr wichtig ist, darf ich Sie bitten, den Vorgang genau zu schildern und frage Sie daher zunächst, wann war die erste Besprechung zwischen Ihnen und Hitler?


RAEDER: Die erste Besprechung über die Frage Norwegen zwischen Hitler und mir war am 10. Oktober 1939 und war von mir nachgesucht. Der Grund war, daß wir durch unseren Nachrichtendienst durch die Vermittlung des Admirals Canaris in der letzten Septemberwoche verschiedentlich Nachrichten erhielten, daß die Engländer beabsichtigten, in Norwegen Stützpunkte zu besetzen. Ich erinnere mich, daß der Admiral Canaris einmal, nachdem schon verschiedentlich solche Nachrichten bei mir eingetroffen waren, selbst kam, was er nur in den wichtigen Fällen tat und mir in Gegenwart meines Chefs des Stabes einen zusammenhängenden Vortrag über die vorliegenden Nachrichten hielt. Es handelte sich darin immer [98] um Flugstützpunkte und Stützpunkte in Südnorwegen. Genannt wurde immer Stavanger mit dem Flugplatz Sola und meistens auch Drontheim, gelegentlich auch Christiansand. In den letzten Septembertagen hatte ich ein Telephongespräch mit dem Generaladmiral Carls, der der Oberbefehlshaber der Marinegruppe Nord war, der also die Kriegführung Skagerrak, Kattegatt und Nordsee hatte. Dieser hatte offenbar ähnliche Nachrichten bekommen und kündigte mir an, daß er einen Brief an mich verfaßt hätte, und zwar einen Privatbrief, in dem die Frage der Gefahr der Besetzung Norwegens durch englische Streitkräfte behandelt wurde und wo er die Frage allgemein auch behandeln würde in der Richtung, welche Nachteile dies für uns hätte und ob wir einem solchen Versuch zuvorkommen müßten und welche Vorteile und Nachteile die Besetzung Norwegens durch uns – der norwegischen Küste, norwegischer Stützpunkte – haben würden. Ich hatte mich bis dahin noch nicht beschäftigt mit der norwegischen Frage, abgesehen davon, daß ich diese Nachrichten bekommen hatte. Das Eintreffen des Briefes – letzte Septembertage oder erste Oktobertage, in der Zeit muß es gewesen sein – veranlaßte mich, diesen Brief dem Chef des Stabes der Seekriegsleitung zu geben und ihm den Auftrag zu geben, er möge schleunigst in der Seekriegsleitung die Frage der Besetzung norwegischer Stützpunkte durch England und die anderen Fragen, die der Generaladmiral Carls angestoßen hatte, innerhalb der Seekriegsleitung erörtern. Vor- und Nachteile einer Ausweitung des Krieges nach Norden hin, nicht nur der Ausweitung durch uns etwa, sondern vor allem und in erster Linie der Ausweitung durch England; welchen Wert, welchen Vorteil es hätte, wenn wir zuvorkämen, aber auch welche Nachteile es hätte, wenn wir die norwegische Küste dann zu verteidigen hätten. Dadurch entstand dieser Fragebogen, der in C-122 angedeutet ist, also welche Orte..., C-122, GB-82, und wo die Frage gestellt wurde, welche Orte als Stützpunkte in Frage kämen, wie die Verteidigungsmöglichkeit für uns sei, ob die Häfen noch weiter ausgebaut werden müßten und auch welchen Vorteil die Stützpunkte für unsere U-Boote hätten.

Diese Frage wurde, wie schon erwähnt, auch an Admiral Dönitz gestellt. Seine Antwort kam aber erst, nachdem ich den Vortrag am 10. Oktober bereits gehalten hatte. Ich möchte noch vorausschicken, daß mir durchaus klar war, daß, wenn wir eine Besetzung solcher Stützpunkte vornehmen, darin ein Neutralitätsbruch vorlag. Ich kannte aber auch die Abmachung, die zwischen der Deutschen und der Norwegischen Regierung am 2. September getroffen worden war bezüglich der Neutralität und kannte den Schlußsatz in diesem Aidemémoire, Dokument TC-31, GB-79 vom 2. September 1939.


DR. SIEMERS: Verzeihung, Herr Vorsitzender! Ich darf darauf hinweisen, das Dokument befindet sich in dem Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10a, Seite 330.

[99] Sie haben das Dokument vor sich liegen?


RAEDER: Ich habe das Dokument vor mir und darf den Schlußsatz vorlesen.


DR. SIEMERS: Das letzte Dokument im Buch, Seite 329.


RAEDER: Den letzten Satz:

»Sollte die Haltung der Königlich Norwegischen Regierung im Falle, daß ein derartiger Neutralitätsbruch von dritter Seite wiederkehrt, eine andere sein, so würde die Reichsregierung selbstverständlich genötigt sein, die Interessen des Reiches so wahrzunehmen, wie die sich dann ergebende Lage es der Reichsregierung aufnötigen würde.«

Ich ließ mir dann in den nächsten Tagen vom Chef des Stabes der Seekriegsleitung die Unterlagen geben, die die Seekriegsleitung die ganzen Tage über ausgearbeitet hatte und meldete mich zum 10. Oktober bei Hitler zum Vortrag an, weil ich diese Angelegenheit für besonders wichtig hielt. Ich war mir selbst darüber klar, daß für uns die beste Lösung eine zuverlässige Neutralität Norwegens sein würde und habe das auch ausgesprochen, wie sich das aus dem Dokument C-21, GB-194, ergibt. Das ist ein Auszug aus dem Kriegstagebuch der Seekriegsleitung und da steht...

DR. SIEMERS: Im Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10a, Seite 6.

RAEDER: Es steht auf der dritten Seite des deutschen Dokuments, vorletzter Absatz, unter dem 13. Januar: »Lagebesprechung bei dem Chef der Seekriegsleitung.«


DR. SIEMERS: Verzeihung, Herr Präsident! Das Dokument C-21 war von der Anklagebehörde nicht vollständig übersetzt worden. Ich habe das Dokument deshalb in unserem Dokumentenbuch unter Raeder Exhibit Nummer 69, das ich hiermit überreiche. Es befindet sich im Dokumentenbuch 3, Seite 62.


VORSITZENDER: Dokumentenbuch 3 geht nur bis 64. Stimmt das nicht? Es muß wohl Dokumentenbuch 4 sein.


DR. SIEMERS: Es muß ein Fehler im Dokumentenbuch sein, es wurde zunächst versehentlich im Inhaltsverzeichnis nur bis 64 von der Übersetzungsabteilung geschrieben. Nachträglich ist es berichtigt und ergänzt. Im Dokumentenbuch 4, Seite 317 ist das Dokument zu finden.


VORSITZENDER: Jawohl, Seite 317 oben.


DR. SIEMERS: Ja Sie können dazu Stellung nehmen.


RAEDER: Also, in dem vorletzten Absatz steht:

»In voller Übereinstimmung mit dieser Auffassung ist daher auch der Chef der Skl. davon überzeugt, daß die [100] günstigste Lösung zweifellos die Aufrechterhaltung des augenblicklichen Zustandes wäre, der bei Wahrung strikter Neutralität durch Norwegen die sichere Benutzung der norwegischen Hoheitsgewässer für den kriegswichtigen Seeverkehr Deutschlands gestattet, ohne daß auf seiten Englands der Versuch gemacht wird, diese Seeverbindung ernsthaft zu gefährden.«

Diesen Standpunkt habe ich bei meinem Vortrag auch Hitler gegenüber geltend gemacht.

In meinem Vortrag beim Führer führte ich zunächst die Nachrichten an, die uns vorlagen. Sodann schilderte ich ihm die Gefahren, die durch eine Besetzung englischer Stützpunkte an der norwegischen Küste für unsere gesamte Kriegführung eintreten würden, die ich sehr hoch einschätzte. Ich hatte das Gefühl, daß eine solche Besetzung unsere ganze Kriegführung auf das schwerste beeinträchtigen und gefährden würde. Wenn die Engländer norwegische Stützpunkte, im Süden Norwegens besonders, besetzten, so könnten sie von dort aus sowohl die Ostsee-Eingänge beherrschen als auch unsere Seekriegführung aus der Deutschen Bucht heraus – Elbe, Jade, Weser – flankieren, es war also der zweite Ausgang, den wir hatten, schwerstens gefährdet, sowohl die Operationen der Kriegsschiffe als auch die Fahrten unserer Handelsschiffe. Ferner konnten sie von ihren Flugstützpunkten in Norwegen aus auch unseren Flugverkehr, also die Operation unserer Flieger, sei es zur Aufklärung der Nordsee, sei es zum Angriff gegen England, gefährden. Ferner konnten sie von Norwegen aus einen starken Druck auf Schweden ausüben, der sich dahin äußern würde, daß die Erzzufuhr aus Schweden behindert würde oder auch durch rein politischen Druck abgestoppt wurde. Schließlich konnten sie auch die Erzzufuhr aus Narvik nach Deutschland völlig lahmlegen, und es ist bekannt, in wie hohem Maße Deutschland abhängig war von der Erzzufuhr aus Schweden und Norwegen. Sie konnten sogar so weit gehen, und wir haben das nachträglich erfahren, daß solche Erörterungen angestellt wurden, die Erzgruben von Lulea anzugreifen und zu zerstören oder in ihren Besitz zu bringen.

Alle diese Gefahren konnten kriegsentscheidend werden. Ich habe, abgesehen davon, daß ich Hitler sagte, das beste für uns wäre eine strenge Neutralität Norwegens, ihn auch auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die für uns selbst aus einer Besetzung der norwegischen Küste, norwegischer Stützpunkte, entstehen würden. Denn es würde zu einer lebhaften Seekriegführung an der norwegischen Küste kommen, wo die Engländer, auch nach unserer Besetzung von Stützpunkten, versuchen würden, unseren Erzverkehr von Narvik zu behindern, und da könnten Kämpfe entstehen, denen wir mit unseren geringen Überwasserstreitkräften auf die Dauer doch nicht gewachsen[101] sein würden. Ich habe also zu diesem Zeitpunkt keinen Vorschlag gemacht, daß wir Norwegen, oder Stützpunkte dort, besetzen sollten, sondern ich habe nur meine Pflicht erfüllt, meinen Obersten Befehlshaber der Wehrmacht auf eine schwere Gefahr aufmerksam zu machen, die uns drohte und gegen die wir eventuell das Mittel der Notwehr ergreifen müßten. Ich habe ihn auch darauf aufmerksam gemacht, daß etwaige Operationen zur Besetzung norwegischer Stützpunkte uns sehr teuer zu stehen kommen könnten. Ich habe mehrere Male im Laufe der ganzen späteren Verhandlungen ihm gesagt, wir könnten dabei unsere ganze Flotte verlieren. Ich betrachtete es als einen günstigen Fall, wenn wir nur ein Drittel verlören, was nachher auch geschehen ist. Also, es war für mich kein Anlaß zu erwarten, daß ich bei dieser Gelegenheit Ruhm gewinnen würde, wie mir vorgeworfen wird von der Anklage; es konnte stark das Gegenteil eintreten.

DR. SIEMERS: Ich darf das Hohe Gericht darauf hinweisen, daß sich diese Darstellung auch schon aus Urkunden ergibt, die aus der Zeit des Krieges stammen, und zwar einmal aus dem eben überreichten Raeder-Exhibit 69, also vom 13. Januar 1940, wo von der Studie die Rede ist, und man sagt, daß die Studie von der Überlegung ausgeht, daß ein Festsetzen Englands im norwegischen Raum für die deutsche Kriegführung untragbar ist und daß diese Entwicklung möglicherweise nur dadurch verhindert werden kann, daß wir England durch Besetzung Norwegens zuvorkämen.

Es ist hier im Kriegstagebuch genau das gleiche gesagt, was der Zeuge jetzt ausführt. In demselben Zusammenhang darf ich auf die Urkunde der Anklage C-66, GB-81, verweisen, im britischen Dokumentenbuch 10a, Seite 35. Diese Urkunde stammt vom 10. Januar 1944, und ich bitte das Gericht, davon Kenntnis zu nehmen, daß sich dort unter dem Stichwort »Weserübung«, dies war der Deckname für Norwegen, die Ausführungen finden, die der Zeuge jetzt im wesentlichen gemacht hat. Ich möchte sie nicht erst verlesen, da dadurch unnötig Zeit verlorengeht.


VORSITZENDER: C-66 sagen Sie? Das betrifft den Plan »Barbarossa«. Meinen Sie das?


DR. SIEMERS: Die letzte Seite unter dem Stichwort »Weserübung«, im englischen Dokumentenbuch Seite 39. Es ist dort unter »Weserübung« der erwähnte Brief des Generaladmirals Carls erwähnt, von dem der Zeuge sprach und von seinen weiteren Gedankengängen. Im deutschen Original hat es die Überschrift »Anhang 2«.

Die klarere Fassung kommt naturgemäß in dem Dokument Raeder 69 zum Ausdruck, weil das aus dem Januar 1940 stammt, also drei Monate später, wo inzwischen mehr Nachrichten vorlagen, [102] während dies eine Schilderung ist, die noch ganz auf dem Oktober 1939 beruht.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Großadmiral! Ich muß noch einmal auf die Urkunde C-122, die Sie schon erwähnt haben, zurückkommen.

Die Anklage macht dort zum Vorwurf, daß dort die Worte gebraucht sind:

»Chef Skl hält es für notwendig, den Führer baldmöglichst mit den Überlegungen der Skl über die Möglichkeiten zur Ausweitung der Operationsbasis nach Norden vertraut zu machen«

und glaubt hieraus schließen zu dürfen, daß das Ihr Grundgedanke war, die Operationsbasis für die Marine zu erweitern.


RAEDER: Ich habe vorher schon gesagt, daß ich mit Möglichkeiten der Ausweitung der Operationen nach Norden sowohl die Ausweitung der Operationen der Engländer und ihre Folgen meinte als auch die Möglichkeit für uns, diesen zuvorzukommen und dabei natürlich auch die Stützpunkte zu gewinnen, die dann auch uns von einem gewissen Nutzen sein würden.

DR. SIEMERS: Was antwortete Hitler bei dieser Unterhaltung am 10. Oktober 1939?


RAEDER: Hitler war mit dieser Frage noch nicht befaßt worden. Sie lag ihm fern, weil er mit den Verhältnissen der Seekriegführung nur wenig vertraut war und auch immer bemerkte, daß er diese Dinge weniger übersehe und sich infolgedessen unsicher fühle. Er sagte, er wolle sich mit der Frage beschäftigen, und ich möchte ihm meinen Sprechzettel, den ich mir auf Grund der Angaben der Seekriegsleitung ausgearbeitet hatte, überlassen, damit er denselben als Grundlage für seine Überlegungen nehmen könne. Es war typisch und spricht zu sehr gegen den Charakter der Verschwörung, daß mir Hitler bei dieser Gelegenheit, wo er mit Norwegen befaßt wurde, kein Wort sagte davon, daß er in früherer Zeit, zuletzt offenbar im Sommer dieses Jahres, und zwar von Rosenberg aus, mit norwegischen Fragen befaßt worden wäre. Ich entnehme einem Dokument, das mir erst hier bekanntgeworden ist, daß Herr Rosenberg schon am 20. Juni 1939 dem Führer einen ausführlichen Bericht vorgelegt hatte über seine Beziehungen zu norwegischen politischen Kreisen, von denen ich aber erst am 11. Dezember überhaupt etwas erfuhr.

Für mich wäre es durchaus natürlich gewesen, wenn der Führer, der sich mit norwegischen strategischen Dingen befaßte, mir bei dieser Gelegenheit gesagt hätte: Die und die Kenntnis habe ich über die norwegischen Verhältnisse.

[103] Das geschah aber nicht, wie ja immer ein starkes Nebeneinanderarbeiten stattfand. Der Führer sagte, wir wollten weitere Nachrichten abwarten, und er werde sich mit diesen Fragen beschäftigen.


DR. SIEMERS: Haben Sie in der weiteren Zeit, Oktober, November bis 11. Dezember noch mit Hitler über diese Frage gesprochen?


RAEDER: Nein. Die Frage kam in dieser Zeit gar nicht zur Sprache. Auf der anderen Seite war inzwischen im September der Korvettenkapitän Schreiber zuerst zum Hilfsattaché in Oslo und dann zum Marineattaché in Oslo ernannt worden, der mir in dieser Zeit nun ebenso wie der Nachrichtendienst weitere Nachrichten über die Verhältnisse in Norwegen und über die dort kursierenden Nachrichten über eventuelle Landungen der Engländer übermittelte. Der Kapitän Schreiber war nachher eigentlich mein Hauptmitarbeiter in diesen norwegischen Fragen und zeigte ganz besonders viel Verständnis für die Lage.


DR. SIEMERS: In diesem Zusammenhang möchte ich dem Hohen Tribunal Raeder Exhibit Nummer 107, das Affidavit des eben erwähnten Marineattachés Richard Schreiber überreichen. Es findet sich in meinem Dokumentenbuch 5, Seite 464.

Schreiber wurde danach am 7. September 1939 als Reserveoffizier einberufen und dann als Marineattaché nach Oslo geschickt; er bestätigt, daß er seit Herbst 1939 dort tätig gewesen ist.

Ich darf hieraus mit Erlaubnis des Gerichts einen Teil verlesen, unter I, auf Seite 465 unten...


VORSITZENDER: Wir sagten Ihnen, daß wir alle diese Dokumente gelesen haben, gegen die Einspruch erhoben wurde. Wir haben dieses Dokument zugelassen; es ist deshalb nicht notwendig, daß Sie es noch mals verlesen.


DR. SIEMERS: Also darf ich mich in diesem Zusammenhang beziehen auf den ersten Teil dieses Affidavits, Teil I.

Herr Präsident! Ich darf nur auf einen kleinen sinnstörenden Übersetzungsfehler hinweisen: auf Seite 465 in der..., Verzeihung, auf Seite 466 im. zweiten Absatz in der Zeile 2 fehlt das Wort »deutschen«, »German«. Es heißt dort:

»... klare Anweisungen des deutschen Außenministeriums vorlagen, die Neutralität Norwegens deutscherseits... zu respektieren...«

Es steht im englischen Text: »of the Foreign-Office«, statt »of the German Foreign-Office«. Ich wäre dankbar, wenn der Fehler berichtigt werden könnte.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Großadmiral! Sie kennen das Affidavit von Schreiber?

RAEDER: Jawohl.

[104] DR. SIEMERS: Es sind darin verschiedene Nachrichten erwähnt. Sie haben ja einen Teil der Nachrichten schon gesagt. Kamen nun in diesen zwei Monaten irgendwelche besonderen Nachrichten hinzu? Wurde unter anderem jetzt auch außer den Häfen, die Sie bis her erwähnten, Narvik erwähnt?


RAEDER: Vom Kapitän Schreiber wurde zum erstenmal ausdrücklich auch Narvik erwähnt, soweit ich mich erinnere. Der Kapitän Schreiber hatte sich sehr schnell in die dortigen Verhältnisse eingearbeitet und sehr gute Beziehungen zu Norwegern angeknüpft. Eine Bestätigung alles dessen, was ich bis dahin erfuhr, erfolgte dann erst am 11. Dezember.


DR. SIEMERS: Wollen Sie nun bitte Ihr Zusammentreffen mit Quisling am 11. Dezember 1939 schildern?


RAEDER: Darf ich vorher die Frage stellen, ob die Dokumente 004-PS und 007-PS, die, glaube ich, von der Anklage vorgelegt worden sind, dabei benutzt werden dürfen? Das Sitzungsprotokoll zum Beispiel über die Sitzung vom 11. und 12. Dezember, der Begleitbrief Rosenbergs zu diesem Sitzungsprotokoll und ähnliche Sachen.


DR. SIEMERS: Herr Großadmiral! Ich glaube sicher, daß Sie die Dokumente benützen können; aber da die Dokumente bekannt sind, brauchen Sie lediglich das zu erwähnen, was Sie sich selbst erinnern.


RAEDER: Jawohl.


DR. SIEMERS: Ich möchte nur bei der Gelegenheit fragen: Die Dokumente von Rosenberg, 004-PS und 007-PS, kannten Sie seinerzeit nicht?


RAEDER: Nein, die Dokumente kannte ich nicht.


DR. SIEMERS: Haben Sie sie erst hier kennengelernt?


RAEDER: Ja, sie habe ich erst hier kennengelernt. Aber was drinnen steht an Nachrichten, das hatten wir, wie in den Dokumenten ja nachgewiesen ist, datumsmäßig alles schon in der damaligen Zeit erfahren.


DR. SIEMERS: Erzählen Sie bitte nur das, was Sie seinerzeit hörten von Quisling.


RAEDER: Ich hatte bis zum 11. Dezember weder Beziehungen zu Herrn Rosenberg, abgesehen davon, daß ich ihn gelegentlich mal gesehen hatte, noch vor allem zu Quisling, von dem ich bis dahin noch gar nichts gehört hatte. Am 11. Dezember sagte mir mein Chef des Stabes, Schulte-Mönting, daß der Major Quisling aus Oslo, der schon einmal norwegischer Kriegsminister gewesen sei, durch einen Herrn Hagelin um eine Unterredung mit mir nachsuchte, da er mir über norwegische Verhältnisse vortragen wolle.

[105] Der Herr Hagelin war von Herrn Rosenberg, der diesen Herrn schon längere Zeit kannte, wie ich vorher sagte, zu meinem Chef des Stabes geschickt. Da mir Nachrichten aus einer solchen Quelle über die norwegischen Verhältnisse außerordentlich wertvoll erschienen, erklärte ich mich bereit, Herrn Quisling zu empfangen.

Er kam noch am gleichen Tage vormittags und schilderte mir nun eingehend die Lage in Norwegen bezüglich der Beziehungen der Norwegischen Regierung zu England, bezüglich der Nachrichten über Absichten Englands, in Norwegen zu landen, und bezeichnete die ganze Sache als außerordentlich dringend, da ja nach seinen Nachrichten die Gefahr sehr nahe bevorstünde. Er suchte auch einen Termin festzulegen. Er meinte, das müßte vor dem 10. Januar geschehen, weil dann eine günstige politische Lage eintrete. Ich sagte ihm, mit der politischen Lage hätte ich mich nicht zu beschäftigen, ich würde versuchen, daß er dies dem Führer vortragen könne. Für mich gäbe es nur die militärisch-strategische Lage, und da könnte ich ihm gleich sagen, daß eine Möglichkeit, vom 11. Dezember bis 10. Januar irgendwelche Maßnahmen vorzubereiten, einmal an der Kürze der Zeit und zweitens an der Winterszeit scheitern würde.

Ich hielt seine Ausführungen aber für so wichtig, daß ich ihm sagte, ich würde versuchen, daß er seine Nachrichten persönlich dem Führer vortragen könne, damit diese Nachrichten direkt auf ihn wirken könnten.

Ich begab mich am 12., am nächsten Tage, zu Hitler und teilte ihm den Inhalt des Gespräches mit Quisling mit und bat ihn, er möchte doch Quisling persönlich auf sich wirken lassen, damit er einen Eindruck bekäme. Ich sagte ihm bei dieser Gelegenheit – und das steht auch in irgendeinem der Dokumente –, daß man in solchen Fällen ja immer besonders vorsichtig sein müsse, weil man nicht wisse, inwiefern ein solcher Parteiführer etwa die Dinge seiner Partei auch fördern wolle. Deswegen mußten unsere Nachforschungen besonders sorgfältig sein, und ich machte den Führer noch einmal darauf aufmerksam, daß ein Versuch, Norwegen zu besetzen, mit größtem Risiko verbunden sei und auch gewisse Nachteile für die spätere Lage haben könne.

Ich habe ihm also den Fall nach beiden Seiten ganz sorgfältig und neutral beleuchtet.

Hitler entschloß sich, Herrn Quisling mit seinem Begleiter Hagelin an einem der folgenden Tage zu empfangen. Die beiden Herren standen dann offenbar mit Herrn Rosenberg in Verbindung, der sie, glaube ich, untergebracht hatte, und Herr Rosenberg schickte mir mit einem Brief nochmal ein Sitzungsprotokoll, das offenbar Quisling und Hagelin aufgenommen hatten, und eine Schilderung der Persönlichkeit von Quisling.

[106] In dem Brief, der auch als Dokument vorliegt, der aber von der Anklagebehörde nicht verlesen worden ist, steht ausdrücklich drin, daß er, Rosenberg, die politischen Verhältnisse kenne, daß er aber selbstverständlich die militärische Beurteilung völlig mir überlassen müsse, da sie zu meiner Kompetenz allein gehöre.


DR. SIEMERS: Hohes Gericht! Ich darf in diesem Zusammenhang Raeder Exhibit Nummer 67 überreichen, in meinem Dokumentenbuch 4, Seite 309. Das ist der Brief von Rosenberg an Raeder vom 13. Dezember 1939, den die Anklage nicht erwähnt hatte. Die Anklage hatte nur die in diesem Brief erwähnte Anlage vorgetragen, nämlich eine Aktennotiz von Rosenberg mit der Nummer C-65, GB-85. C-65 und Raeder Exhibit Nummer 67 gehören also sinngemäß zusammen. C-65 findet sich in dem...


VORSITZENDER: Sie sagen, es gab außer Nummer 67 ein anderes Dokument, auf das Sie sich bezogen?


DR. SIEMERS: Ja, ich beziehe mich auf Raeder Exhibit Nummer 67, und mit diesem Brief...


VORSITZENDER: Das habe ich; Sie erwähnten aber noch ein anderes Dokument?


DR. SIEMERS: Ja, das Dokument der Anklage C-65, das ist die Anlage zu diesem Brief; die beiden gehören zusammen. Ein Zusammenhang... Diese letztere Urkunde findet sich im Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10a, Seite 33. Wenn man diese Dokumente zusammennimmt, zeigt sich, daß die politische Seite in beiden Dokumenten nicht erwähnt ist. Daraus erklärt sich die Aussage des Zeugen, daß er politisch mit der Frage nichts zu tun hat, sondern nur militärisch und nur deshalb Rosenberg ihm es übersandt hat.


VORSITZENDER: Ich glaube, es wäre die gegebene Zeit für eine Pause.


[Pause von 10 Minuten.]


MR. DODD: Herr Präsident! Hinsichtlich des Falles des Angeklagten Seyß-Inquart haben sich der Verteidiger Seyß-Inquarts und die Anklagevertreter über seine Dokumentenanträge beraten. Wir haben uns über eine ganze Menge schon geeinigt, es sind aber noch zwanzig Dokumente vorhanden, über die wir uns nicht einigen konnten.

VORSITZENDER: Zwanzig?


MR. DODD: Zwanzig. Ich denke, daß wir sie in dreißig Minuten erledigen könnten, wenn der Gerichtshof diese Zeit dafür benützen will. Es kann auch etwas länger dauern. Sir David hat mich daran [107] erinnert, daß die Übersetzer auf uns warten, um ihre Arbeit fortsetzen zu können.


VORSITZENDER: Herr Dodd! Es wäre am besten, es morgen um 10.00 Uhr zu tun.


MR. DODD: Jawohl, Herr Präsident! Es ist auch vorgeschlagen worden, daß der Fall Seyß-Inquart vor dem Fall Papen verhandelt werden soll; das ist der Wunsch des Anwalts, wie ich höre, und wäre auch uns angenehm.


VORSITZENDER: Sehr gut.


DR. SIEMERS: Wir müssen dann noch kurz über die Urkunde 1809-PS sprechen, das Tagebuch von Generaloberst Jodl. Es ist GB-88, Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10a, Seite 289.

Ich darf Sie zunächst fragen: Wann wurden die Pläne der Norwegenbesetzung ausgearbeitet?


RAEDER: Ich darf kurz sagen: Auf Grund der Besprechung, die Quisling mit dem Führer hatte. Am 14. Dezember, in meiner Gegenwart, ordnete der Führer an, daß das OKW sich nunmehr mit der Sache befassen und sie studieren solle. Der Führer hatte dann noch zwei Unterredungen mit Quisling, am 16. und 18. Dezember, bei denen ich nicht zugegen war, und die Angelegenheit wurde dann weisungsgemäß im OKW bearbeitet, wo zunächst eine Studie »Nord« aufgestellt wurde.

Aus dem Dokument C-21, das ich vorher anführte, ergibt sich, daß diese Studie »Nord« am 13. Januar in der Seekriegsleitung vorlag und daß dann im weiteren Verlauf des Januar – es ist da ein Datum vom 27. Januar genannt – die Bearbeitung einer Weisung für den Fall »Nord« erfolgte. Die Bearbeitung erfolgte in der bisherigen Weise im OKW. Es nahm als Marinereferent der Kapitän Krancke teil. Die Weisung lag am 1. März 1940 vor und wurde an die drei Wehrmachtsteile ausgegeben. Inzwischen waren nun eine sehr große Menge von Nachrichten eingetroffen, die bei der Bearbeitung dieser Weisung zugrundegelegt werden konnten. Die Nachrichten stammten nunmehr, außer von Kapitän Schreiber, auch direkt von Quisling, der sie an den Führer gab, und diese Nachrichten betrafen die Vorarbeiten, die von Engländern und Franzosen – es wurde da besonders der Marineattaché Kermarec genannt – in den norwegischen Häfen ausgeführt wurden zur Erkundung der Landungsmöglichkeiten, der Abmessungen der Quais, der Höhe der Brücken von Narvik nach der schwedischen Grenze und lauter solche Dinge. Diese Nachrichten gelangten an uns und zeigten uns klar, daß in absehbarer Zeit eine Landung geplant war. Außerdem gelangten auch politische Nachrichten an uns, die Hagelin durch seine Beziehungen in den norwegischen Kreisen bekam und die teilweise direkt von Stortings-Abgeordneten und von Mitgliedern der Regierung [108] und deren Umgebung stammten. Sie alle bestätigten, daß der Vorwand der Finnlandhilfe in dem Streit Finnland-Rußland eine gewisse Rolle spielte, und es wurde auch die Gefahr erörtert, daß England, eben unter dem Vorwand der Finnlandhilfe, eine kalte Besetzung von Norwegen vornehmen würde. Die Weisung für den Fall Norwegen kam also am 1. März heraus.

Im weiteren Verlauf des März kamen noch viel mehr Nachrichten. Es war inzwischen der »Altmark«-Fall passiert, bei dem festgestellt war, auch durch Hagelin, daß das Verhalten der norwegischen Kommandanten eine aufgelegte Sache gewesen sei, und es wurde festgestellt, daß die Norwegische Regierung bei irgendwelchen Übergriffen von seiten Englands nur mit papierenen Protesten antworten würde.


DR. SIEMERS: Sie sagten eben, die Weisung stammt vom 1. März. Dies ist richtig. Die Anklage hat aus dem Dokument 1809-PS ein Zitat gebracht vom 5. März, also eine Eintragung im Tagebuch Jodls:

»15.00 Uhr große Besprechung über Weserübung mit drei Oberbefehlshabern Feldmarschall tobt sich aus, da bisher nicht befaßt.«

Herr Großadmiral! Wie ist es möglich, daß Reichsmarschall Göring noch nicht befaßt war, wenn sogar schon die Weisung vorlag?

RAEDER: Es ist mir völlig unerklärlich. Ich hatte keine Befugnis zu sprechen darüber, und ich kann es nicht sagen, warum er noch nicht befaßt war.

DR. SIEMERS: Der Sinn einer Verschwörung müßte doch dahingehen, daß der zweite Mann des Reiches von vornherein beteiligt war. Hatte er mit Ihnen nicht einmal über diese Sache gesprochen?


RAEDER: Nein, meines Wissens nach nicht; aber es ist wieder ein Zeichen dafür, wie wenig in der Umgebung des Führers von Verschwörung die Rede sein konnte. Auch der Außenminister von Ribbentrop war bei keiner der Sitzungen, der Empfänge von Quisling zugegen, und ich hatte auch keine Genehmigung, etwa mit ihm über diese Dinge zu sprechen.


DR. SIEMERS: Ich brauche dann noch Ihre Stellungnahme zu der Eintragung von Jodl unter dem 13. März:

»Führer gibt Befehl zur Weserübung noch nicht; er ist noch auf der Suche nach einer Begründung.«

Ich bitte Sie, diese Worte aufzuklären, wie Sie sie verstehen.

RAEDER: Ja. In der englischen Übersetzung steht sogar, soweit ich mich erinnere, »nach einer Ausrede«. Aber er hatte weder eine Begründung noch eine Ausrede nötig, denn er hatte ja in der Weisung vom 1. März, die also vierzehn Tage vorher lag, in dem ersten Absatz angegeben, welche Umstände es erforderten, mit Teilkräften der Wehrmacht Dänemark und Norwegen zu besetzen [109] Hierdurch sollte englischen Übergriffen auf Skandinavien und die Ostsee vorgebeugt, unsere Erzbasis in Schweden gesichert, und für Kriegsmarine und Luftwaffe sollte die Ausgangsstellung gegen England erweitert werden.

DR. SIEMERS: Herr Präsident! Ich darf darauf hinweisen, es handelt sich um das Dokument C-174, GB-89, Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10a, Seite 113. Das ist die Weisung für den Fall »Weserübung« vom 1. März 1940, die, wie der Zeuge erwähnt, bereits die Begründung enthält.

Hohes Tribunal! Zum Beweis dafür, daß die von dem Zeugen erwähnten Nachrichten durch den Nachrichtendienst Admiral Canaris, durch Kapitän Schreiber und so weiter auch objektiv den Tatsachen entsprachen, darf ich einige Dokumente vorlegen, und zwar Raeder Exhibit Nummer 75 aus dem Weißbuch, mit dem Datum vom 17 Februar 1940, wo über die Landung englischer Truppen in Bergen, Drontheim und Narvik die Rede ist, und einige Anlagen hierzu, aus denen die damaligen Gedankengänge sich ergeben, die sich auf das schwedische Erz bezogen. Dokument Raeder Exhibit Nummer 77.


VORSITZENDER: Das ist 75, Seite 43 und 44?


DR. SIEMERS: Verzeihung, nicht Seite, sondern Raeder Exhibit 75, Seite 340 im Dokumentenbuch 4.

Dann Raeder Exhibit 77, ebenfalls aus dem Weißbuch: Der Französische Ministerpräsident und Außenminister Daladier an den Französischen Botschafter in London, Corbin.

Im Dokumentenbuch 4, Seite 352... Ich habe gesehen, daß in dem englischen Dokumentenbuch versehentlich auf der Seite 353 die Überschrift fehlt, beziehungsweise auf der Seite 354, und darf deshalb erwähnen, daß dieses Dokument das Datum vom 21. Februar 1940 trägt. Es ist in dem Originaldokument enthalten mit der Überschrift: »Intervention in Skandinavien« betreffend die Besetzung der wichtigsten norwegischen Häfen und so weiter und erwähnt wiederum das schwedische Erz.

Es kommt dann das Dokument Raeder Exhibit 78, Dokumentenbuch 4, Seite 357, Auszug aus dem Kriegstagebuch der Seekriegsleitung vom 4. März, wo im Zusammenhang mit dem »Altmark«-Fall klargelegt wird, daß eine Abwehr englischer Militäraktionen durch Norwegen nicht möglich ist.

Dann Raeder Exhibit 79, Dokumentenbuch 4, Seite 359: Aufzeichnung des Oberbefehlshabers des französischen Heeres General Gamelin. Auch hier fehlt durch ein Versehen in der Übersetzung die Überschrift des Dokuments auf Seite 360.

Ich wäre dem Tribunal dankbar, wenn es sich vermerken würde, daß das Dokument das Datum vom 10. März 1940 hat. Es ist streng [110] geheim und hat als Grundlage, daß seit 16. Januar der allgemeine Plan einer bewaffneten Intervention in Finnland bestand und deshalb vorsichtshalber die Häfen und Flugplätze an der norwegischen Küste zu besetzen sind. Auf den übrigen Inhalt nehme ich Bezug.

Ich darf dann noch überreichen Raeder Exhibit Nummer 80, ein Verhandlungsbericht der Skandinavien-Kommission des Interalliierten Militärstudienausschusses vom 11. März 1940, streng geheim, betrifft Landung in Narvik.

Ich komme dann, Herr Großadmiral, mit Norwegen zu Ende. Ich glaube, Sie sagten schon, daß sich die Nachrichten im März erheblich häuften. Wann gab Hitler den endgültigen Befehl zur Besetzung?


RAEDER: Ende März oder Anfang April, das genaue Datum kann ich nicht mehr sagen.


DR. SIEMERS: Ich glaube, das genügt.


RAEDER: Ich darf noch eine besonders wichtige Nachricht erwähnen, die mir einfällt, nämlich, daß im Februar Quisling berichtete, daß Lord Halifax dem Norwegischen Gesandten in London mitgeteilt habe, daß eine Operation der Engländer zur Erwerbung norwegischer Stützpunkte in absehbarer Zeit beabsichtigt sei. Auch diese Nachricht gelangte damals an uns.

Ich darf dann noch sagen, daß ich vorhin betont habe, daß ich dem Führer in allem Verantwortungsbewußtsein stets beide Seiten der Aktion gezeigt habe, weil ich mir eben der Verantwortung bewußt war, daß auf Grund meiner Unterlagen der Führer diesen großen Entschluß fassen mußte oder ablehnen mußte. Aber ich will damit nicht sagen, daß ich in irgendeiner Weise die Verantwortung dafür ablehne, daß ich den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht auf diese Gefahr aufmerksam gemacht habe und infolgedessen selbstverständlich in gewisser Weise verantwortlich bin für das Ganze. Es ist mir schließlich vorgeworfen worden, daß ich in einem Brief, der hier auch zur Vorlage gekommen ist, C-155, zum Ausdruck gebracht habe gegenüber meinem Offizierskorps, daß ich stolz sei auf die Durchführung dieses außerordentlich gefährlichen Unternehmens. Ich möchte das bestätigen, denn ich glaube, ich konnte stolz sein darauf, daß die Marine mit so geringen Mitteln diese Operation doch angesichts der gesamten englischen Flotte durchgeführt hatte. Dabei bleibe ich.


DR. SIEMERS: Haben sich im März auch Nachrichten eingefunden bei der Seekriegsleitung über Verletzungen der Neutralität Norwegens, also Vorfälle in den Hoheitsgewässern?


RAEDER: Jawohl, im März, in der zweiten Hälfte des März, sind wiederholt Angriffe erfolgt, das heißt ein Vorgehen englischer Flugzeuge und Seestreitkräfte gegen unsere Handelsschiffe, die das Erz von Narvik herunterbrachten.


[111] DR. SIEMERS: Herr Präsident! Ich darf in dieser Beziehung, in diesem Zusammenhang, weitere Dokumente überreichen, und zwar Raeder Exhibit 81, Dokumentenbuch 5, Seite 372, Kriegstagebuch der Seekriegsleitung mit verschiedenen Eintragungen, wonach sich in der letzten Zeit die Fälle häuften, wo durch britische Luft- und Seestreitkräfte die norwegische Neutralität verletzt wird. Da das Dokument bekannt ist, brauche ich nichts daraus vorzulesen.

Dann Raeder Exhibit 82, Seite 377, Dokumentenbuch 5, Seite 377, ebenfalls Kriegstagebuch vom 27. März, das auch die Neutralitätsbrüche betrifft. Ferner Raeder Exhibit 83, Seite 379, ein schon gestern besprochener Beschlußentwurf der sechsten Sitzung des Obersten Rates vom 28. März 1940, wo die völkerrechtliche Begründung hinsichtlich der Lebensinteressen erwähnt wird und die Minenlegung in den Hoheitsgewässern am 5. April.

Sodann Raeder Exhibit 84, Seite 384; Raeder Exhibit Nummer 85, Seite 386; ebenso wie das vorige ein Dokument aus dem Weißbuch. Ich darf hier nur darauf hinweisen, daß dort festgelegt ist: »Der erste Transport wird am Tage J. 1 abfahren, das ist grundsätzlich am 5. April.« Also vier Tage vor der Besetzung durch Deutschland.

Raeder Exhibit Nummer 86, Auszug aus dem Kriegstagebuch, von dem ich Kenntnis zu nehmen bitte, der die neunzigprozentige Vercharterung der norwegischen Tanker an England betrifft.

Zum Abschluß bezüglich Norwegens darf ich Sie bitten zur Hand zu nehmen die beiden Urkunden C-151 und C-115; es sind die Dokumente GB-91 und GB-90, im Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10a auf Seite 106 und Seite 62. Die Daten sind 30. März 1940 und 4. April 1940. Die Dokumente ergeben, daß die Schiffe, die die Landung durchführen sollten, zur Tarnung die englische Kriegsflagge führen sollten. Auch hieraus leitet die Anklage einen Vorwurf her.

Wie stellen Sie sich dazu?


RAEDER: Es ist eine durchaus gebräuchliche Kriegslist, daß Kriegsschiffe eine fremde Flagge führen. Vorbedingung für die Rechtmäßigkeit des Verfahrens ist aber, daß im Moment einer feindlichen Handlung, im Moment des Feuereröffnens, die eigene Flagge gesetzt wurde, und zwar rechtzeitig. Das ist bei der deutschen Marine stets geschehen, insbesondere auch bei unseren Hilfskreuzern, die vielfach mit einer fremden Flagge fuhren, um von Handelsschiffen nicht gemeldet zu werden, die aber stets rechtzeitig niedergeholt wurde, eine Ehrensache. Es kommt aber hinzu, daß wir in diesem Falle, wie das Kriegstagebuch ergibt, am 8. September aus irgendwelchen...


DR. SIEMERS: 8. April.


RAEDER:... am 8. April aus irgendwelchen Überlegungen heraus diesen Befehl aufgehoben haben, weil wir die Nachricht hatten, daß [112] eine englische Aktion vor sich ging und wir fürchteten, daß daraus irgendwelche Verwicklungen entstehen könnten. Also, ausgeführt worden ist dieser Befehl dann nicht. Ich glaube, das Dokument ist vorhanden, wo das drinnen steht.


DR. SIEMERS: Herr Präsident! Ich überreiche dazu Raeder Exhibit Nummer 89, im Dokumentenbuch 5, Seite 400, wo ausdrücklich unter dem 8. April steht: »Der bisherige Befehl wird aufgehoben, die englische Kriegsflagge ist nicht zu setzen.«


RAEDER: Sie fragten auch nach dem Dokument C-115, worin steht, daß die Sperrbrecher als Handelsdampfer getarnt mit gesetzten Lichtem unauffällig in den Oslofjord eindringen sollten. Auch dies ist eine durchaus gebräuchliche Kriegslist, gegen die vom Rechtsstandpunkt aus nichts einzuwenden ist; ebenso ist auf das Antworten auf Anrufe betreffend Erkennungssignale, wenn dort dabei englische Namen angegeben werden, nichts einzuwenden.

Darf ich aber noch sagen... Ich habe vorher eine Frage nicht ganz beantwortet, weil ich unterbrochen wurde, nämlich die Frage nach dem Ausdruck »Begründung« oder »Ausrede« in dem Kriegstagebuch des Generalobersten Jodl. Es handelt sich, wie ich gezeigt habe, nicht um die Begründung, die von Hitler längst ausgesprochen war, sondern ich glaube sicher zu sein, daß es sich darum handelt, daß er die diplomatische Note, mit der er im Moment der Ausführung des Unternehmens der Norwegischen und Dänischen Regierung gegenüber sein Verhalten begründen wollte, noch nicht aufgesetzt hatte, zumal er ja mit dem Außenminister zu dieser Zeit überhaupt noch nicht gesprochen hatte. An den Außenminister gelangte ja die Nachricht, wie er selbst ausgesagt hat, erst am 3. April.


DR. SIEMERS: Ich möchte damit die Frage der norwegischen Besetzung abschließen. Ich darf nur noch das genehmigte Dokument Raeder Exhibit 66 einreichen, das selbst für Argumentationszwecke genehmigt ist, nämlich ein Gutachten von Dr. Mosler. Es befindet sich im Band 4, Seite 291, und in diesem Zusammenhang, bezüglich der Flaggenführung, darf ich speziell auf Ziffer 7 auf Seite 304 aufmerksam machen, woraus sich die juristische Begründung ergibt. Ferner darf ich überreichen Raeder Exhibit 90, im Dokumen tenbuch 5, Seite 402, und die fortlaufenden Dokumente, soweit sie genehmigt sind, nämlich Raeder Exhibit 91: Admiral Darlan an den französischen Kriegsminister Daladier vom 12. April 1940, Raeder Exhibit 92, Seite 402. In diesem Dokument ist die englisch-französische Note an die Norwegische Regierung vom 8. April 1940 zitiert. Ich habe dieses Dokument unterbreitet, weil diese Note genau denselben Rechtsstandpunkt vertritt, wie in dem Gutachten von Dr. Mosler.

Raeder Exhibit 97 und Raeder Exhibit Nummer 98; 97 betrifft das Weißbuch und die Planungen vom 7. Februar 1940 bezüglich der [113] Stützpunkte der Alliierten in Norwegen, und 98 den Kriegstagebuchauszug über die Befehle, die seinerzeit bei der Besetzung von Norwegen gefunden wurden, aus denen sieh dann ergab, daß eine englische Landung bevorstand, mit dem sogenannten Plan, der unter der Tarnbezeichnung »Stratford-Plan« bei der Britischen Admiralität lief.


[Zum Zeugen gewandt:]


Bezüglich Norwegen, Herr Großadmiral, darf ich Sie dann nur noch bitten, Sie folgendes zu fragen: Haben Sie während und nach der Besetzung sieh dafür eingesetzt, daß die norwegische Bevölkerung anständig behandelt wird, und wie haben Sie sich überhaupt zu der politischen Lage in Norwegen gestellt, zu der Einstellung Deutschlands zu Norwegen?

RAEDER: Ich bin von vornherein für eine gute Behandlung der norwegischen Bevölkerung eingetreten. Ich wußte, daß Hitler dem Gauleiter Terboven, den er unglücklicherweise zum Reichskommissar von Norwegen einsetzte und mit der Zivilverwaltung betraute, bei seiner Ernennung gesagt hatte, er möge ihm das norwegische Volk bringen, das heißt wohlgeneigt machen, und daß er die Absicht hatte, im letzten, Norwegen als einen souveränen Staat mit einem nordgermanischen Reich in Verbindung zu bringen. Das Auftreten Terbovens war ein entgegengesetztes. Er behandelte die norwegische Bevölkerung unfreundlich, und er sabotierte geradezu die Ziele Hitlers durch seine Behandlung. Ich versuchte, im engsten Einvernehmen mit dem Generaladmiral Boehm, der Marinebefehlshaber in Norwegen wurde und der sich den Kapitän Schreiber, den bisherigen Marineattaché, in seinen Stab als Verbindungsmann zur norwegischen Bevölkerung geholt hatte, diese Bestrebungen Terbovens zunichte zu machen, indem ich auf Grund der Berichte des Generaladmirals Boehm wiederholt bei dem Führer vorstellig wurde, daß er mit Terboven sein Ziel niemals erreichen würde. Es wurde vom Führer Quisling, ich weiß nicht mehr zu welcher Zeit es war, als Regierungschef designiert; er wurde Ministerpräsident. Aber Terboven sabotierte auch Quisling in seiner Bestätigung, indem er ihm Schwierigkeiten machte und ihn sogar bei der Bevölkerung diskreditierte. Der letzte Grund Terbovens war meiner Ansicht, daß er eben Gauleiter von Norwegen bleiben wollte. Alle unsere Bestrebungen hatten keinen Erfolg, so sehr sich der Generaladmiral Boehm bestrebte, mit der Marine bei der Bevölkerung das auszuführen, was Hitler erwartet hatte, nämlich das norwegische Volk heranzubringen. Ich verstand es nicht, daß man auf der einen Seite das Volk heranziehen wollte, auf der anderen Seite das Bestreben Hitlers sabotierte. Diese ganzen Dinge zogen sich durch die Jahre hin bis 1942, wo der Generaladmiral Boehm mir einen abschließenden Bericht machte, in dem er darlegte, daß es so nicht weitergehen könne und daß die Absichten Hitlers nicht erreicht würden. Ich legte [114] diesen Bericht Hitler vor und, da aber auch da keine Abänderung eintrat, es war im Spätherbst 1942, so wurde dieser mein Mißerfolg eine der Ursachen, die schließlich zu meinem Abgang führten.

DR. SIEMERS: Haben Sie Hitler ausdrücklich darum gebeten, Terboven abzusetzen?


RAEDER: Mehrere Male, und hatte vorgeschlagen, er möge doch den Generaladmiral Boehm zum Wehrmachtsbefehlshaber von Norwegen machen und ihm größere Rechte einräumen, damit er seine, Hitlers Ziele doch durchsetzen könnte. Ich schlug vor, der Führer möge so bald wie möglich einen Frieden mit Norwegen schließen, denn nur auf diesem Wege würde er erreichen, daß ein enges Zusammenwirken von Deutschland und Norwegen stattfinden würde und daß die Bevölkerung sich ihm zukehren würde.

Ich sagte ihm, daß auch die Sabotageversuche der norwegischen Emigranten ausfallen und aufhören würden und daß vielleicht auch die bisher englisch eingestellte norwegische Emigrantenbevölkerung zurückkehren würde, in der Befürchtung, sonst den Anschluß, besonders auch in wirtschaftlicher Beziehung, zu verpassen. Die Verteidigung Norwegens würde um ein ganz Erhebliches erleichtert werden, wenn der Friedenszustand hergestellt würde.


DR. SIEMERS: In Ergänzung darf ich mich auf Raeder Exhibit Nummer 107, auf das dem Gericht schon bekannte Affidavit von Schreiber berufen, unter römisch Nummer II.

Dort hat Schreiber im einzelnen die weitgehenden Bemühungen ausgeführt, mit denen die Marine versucht hat, die außerordentlich bedauerliche Gewaltherrschaft Terbovens zu verhindern beziehungsweise zu beseitigen und hat ausgeführt, daß Raeder im Jahr 1942 zum letztenmal energisch versucht hat, bei Hitler einen Friedensschluß zwischen Norwegen und Deutschland herbeizuführen. Ich glaube, daß das Ansehen der Marine in Norwegen gut gewesen ist und kann das als geschichtsbekannt voraussetzen, ohne es speziell zu beweisen. Ich hatte früher vorsorglich einen Zeugen beantragt, dann aber den Zeugen nicht genehmigt erhalten.

In diesem Zusammenhang darf ich ferner Raeder Exhibit Nummer 108 überreichen, im Dokumentenbuch 6, Seite 473, ein Briet Raeders an den erwähnten Generaladmiral Boehm vom 23. Oktober 1942, wo Raeder schreibt:

»Zu meinem Bedauern muß ich Ihnen in der Anlage ein Schreiben des Reichsministers Dr. Lammers an den Ministerpräsidenten Quisling zu Ihrer persönlichen Kenntnis senden,«

und in der Anlage auf Seite 476 findet sich der Brief von Lammers an Quisling, aus dem sich folgendes ergibt, ich zitiere der Einfachheit halber nur einen Satz:

[115] »Der Führer wünscht daher, daß während des Krieges keinerlei Verhandlungen und Erörterungen über den endgültigen oder einen vorläufigen Friedensschluß zwischen dem Großdeutschen Reich und Norwegen oder über sonstige Maßnahmen stattfinden, die die Stellung Norwegens zum Reich nach Beendigung des Krieges irgendwie festlegen oder vorwegnehmen.«

Dies ist das Schreiben, was der Zeuge meinte, womit seine Bemühungen und die Bemühungen von Generaladmiral Boehm endgültig zerstört wurden.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Großadmiral! Mit Frankreich haben Sie wenig zu tun gehabt, und daher können wir uns auch kurz fassen.

Ich darf Sie nur fragen: Haben Sie irgendwie einmal versucht, auf die politische Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich einzuwirken?

RAEDER: Diese Einwirkungen erfolgten ja, wenn sie stattfanden, in erster Linie immer aus Gründen, unsere Verteidigung des Landes möglichst günstig zu beeinflussen.

In zweiter Linie vor allem aber auch aus menschlichen Gründen. In Frankreich war ich öfters in den Marinestützpunkten, in U-Bootstützpunkten und bekam bei den Fahrten dorthin einen gewissen Einblick in die Verhältnisse in Frankreich. Ich sah, daß im Jahre 1940, und auch noch 1941, die Bevölkerung eigentlich wie im Frieden lebte, völlig ungestört. Infolgedessen glaubte ich, nachdem der Führer diese große Mäßigung bei dem Waffenstillstand bewiesen hatte, daß eine Grundlage vorhanden sein müsse, auf der man Frankreich, wo ja eine Regierung der Kollaboration vorhanden war, daß man Frankreich näher an uns heranziehen könnte. Ich erfuhr, daß Laval wirklich aufrichtig der Ansicht sein solle, daß nur ein Zusammengehen von Frankreich und Deutschland in Zukunft einen dauernden Frieden in Europa gewährleisten könne. Ich schlug ihm infolgedessen vor, ob er nicht in dieser Richtung selbst etwas unternehmen wolle. Das hatte er nicht vor, und ich kam darauf wieder zurück, als ich hörte, daß der Admiral Darlan das Bestreben hätte, mit unserem Marinebefehlshaber in Frankreich, das war damals der Admiral Schulze, enger zusammenzuarbeiten. Das geschah zunächst auf dem Gebiet des Nachrichtenwesens, wo er uns sehr nützliche Dienste erwies. Er äußerte um die Jahreswende 1941/42 den Wunsch, ob er nicht einmal mit mir sprechen könne. Der Wunsch wurde mir von Admiral Schulze übermittelt, und ich trug ihn Hitler vor und befürwortete eine solche Besprechung, weil ich glaubte, daß ein gewisser Nutzen daraus entstehen könne.


DR. SIEMERS: Was entstehen könne?


[116] RAEDER: Ein gewisser Nutzen daraus entstehen könne. Der Führer genehmigte diese Unterredung und unterrichtete mich über seine Ansichten. Ich habe dann die Unterredung in der Nähe von Paris gehabt gelegentlich einer Dienstreise, die ich zu den französischen Stützpunkten Ende Januar oder Anfang Februar 1942 unternahm. Ich hatte den Eindruck, daß diese Unterredung befriedigend verlief insofern, als auch Darlan der Ansicht war, daß ein Friedensschluß für beide Staaten von Nutzen sein könne, und er auch sonst zum Zusammenarbeiten sich geneigt zeigte. Er betonte aber, daß die gesamte politische Regelung erfolgen müsse, bevor ein Frieden geschlossen würde. Ich habe ihm dann auch ein Entgegenkommen bewiesen bei den Verhandlungen der Waffenstillstandskommission mit Bezug auf schwere Geschütze für die großen französischen Schiffe. Ich berichtete dem Führer über den Ausgang der Unterredung. Der Führer war auch in diesem Falle wieder hinzögernd und wollte keine Entscheidung fällen. Er sagte, er müßte erst sehen, wie der weitere Verlauf des Krieges wäre und wie er endgültig sich gegenüber Frankreich stellen müsse. Außerdem würde hier ein Präzedenzfall geschaffen, der auf andere Staaten zurückwirken könnte. Also auch dieses war ein Mißerfolg. Die von mir erhoffte Erleichterung der Verteidigung Frankreichs wurde nicht erzielt, und so wurde dieser Fall Frankreich, der Mißerfolg, den ich erlitt, der zweite Grund, der nachher dabei mitsprach, daß ich um meine Entlassung bat, weil ich mich nicht durchsetzen konnte.


DR. SIEMERS: Ich komme nun zu dem nächsten Thema, wo Ihnen Vorwürfe gemacht werden, und das ist Rußland.

Wann haben Sie zum ersten Male davon gehört, daß Hitler gegen Rußland Krieg führen wollte, obwohl er einen Nichtangriffspakt mit Rußland geschlossen hatte?


RAEDER: Ich darf zunächst daran erinnern, daß wir im Sommer 1940, also Juli, August, September, in der Marine auf das äußerste damit beschäftigt waren, eine Landung in England vorzubereiten, daß wir infolgedessen von uns aus gar nicht auf die Idee kamen, daß noch nach einer anderen Seite ein Vorgehen geplant sein könne.

Im August hörte ich von einer Heeresstelle, es kann sein, daß es der Oberbefehlshaber war, daß erhebliche Truppentransporte nach dem Osten gingen. Ich fragte Hitler darauf, was das bedeute, und er sagte mir, es sei eine großartige Tarnung seiner Landungsabsichten in England. Er wußte, daß ich sofort dagegen eingestellt sein würde, wenn er von einer Unternehmung gegen Rußland sprechen würde. Im September, ich kann nicht mehr genau das Datum sagen, kam es aber doch dazu, daß er mir gegenüber zugab, daß er gewisse Absichten gegenüber Rußland habe. Ich habe im September mindestens zwei Vorträge gehalten, der wichtigste war [117] am 26. September, in dem ich ihm auf das energischste und ausführlichste davon abriet, eine Unternehmung gegen Rußland zu inszenieren, und zwar habe ich in dem Vortrag, den ich in Gegenwart von Generalfeldmarschall Keitel und Generaloberst Jodl hielt, hauptsächlich die strategisch-militärische Seite beleuchtet, einmal, weil ich das in aller Schärfe auch in Gegenwart anderer Personen tun konnte, und dann, weil ich annahm, daß solche militärische Gründe, also die Möglichkeit des Mißlingens einer Rußland-Operation, wenn man gleichzeitig mit England im Kampfe war, daß dieses ihn ganz besonders beeindrucken würde und dazu geeignet wäre, ihn von diesem Plan abzubringen. Gerade am 26. September erbat ich dann aber, nach dem offiziellen Vortrag, eine persönliche Besprechung unter vier Augen mit Hitler. Herr Keitel und Herr Jodl können bezeugen, daß ich das stets tat, wenn ich etwas besonders Wichtiges mit dem Führer besprechen wollte, wo ich aus dem konventionellen Rahmen heraus mußte, was ich aber nur konnte, wenn Zeugen nicht dabei waren. Man konnte Hitler alles mögliche sagen, wenn man mit ihm allein war, man konnte ihm aber nicht im größeren Kreise derartige Ausführungen machen. Feldmarschall Keitel und der Generaloberst Jodl wissen das deswegen ganz besonders genau, weil sie diejenigen waren, die in solchen Fällen immer herausgehen mußten. In diesem Falle habe ich dann Hitler ausführliche Darlegungen gemacht in der Richtung, daß man erstens unmöglich den Rußlandpakt brechen könne, daß es also nicht moralisch wäre, daß es auch völlig unzweckmäßig wäre, da er uns große Vorteile sichere und da er eine Grundlage für eine spätere gesunde Politik Deutschlands wäre. Dann habe ich ihm gesagt, daß er doch unmöglich einen Zweifrontenkrieg entfesseln könne, wo er bisher immer betont habe, daß er die Dummheit der Regierung von 1914 nicht wiederholen würde und daß meiner Ansicht nach dieses unter gar keinen Umständen zu verantworten wäre. Dann habe ich ihm noch einmal das Kräfteverhältnis vorgehalten, die Notwendigkeit, daß die Marine sich völlig auf den Krieg mit England konzentriere und gerade in diesem Augenblick, daß alle Mittel aufs äußerste angespannt seien, um die Landung doch noch zu bewirken.

Gerade an diesem Tage bekam ich den Eindruck, daß Hitler geneigt war, auf meine Argumente zu hören, denn es wurde mir nachher oder am folgenden Tage von dem Marineadjutanten Kapitän von Puttkamer berichtet, daß Hitler sich nach dem Vortrag sehr in meinem Sinne ausgesprochen hätte und meine Argumente anerkannt hätte.

Es ging dann so weiter in den folgenden Monaten. Ich hatte verschiedentlich solche Vorträge, kam immer wieder mit den gleichen Argumenten und glaubte auch nochmal wieder im November, daß ich einen Erfolg davongetragen hätte. Zu meiner Überraschung aber kam dann am 18. Dezember die Weisung 21, [118] Barbarossa, heraus, in der der Fall eines Krieges mit Sowjetrußland vor Beendigung des Krieges gegen England vorgesehen war. Es war allerdings auch wieder eine Eventualweisung.

Es ist das Dokument 446-PS, US-31, vom 18. Dezember 1940. Kann ich darauf...


DR. SIEMERS: Herr Präsident! Es ist im Dokumentenbuch 10a, Seite 247.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Großadmiral! Die Anklage hat behauptet, daß die Marine und Sie an der Ausarbeitung dieser Weisung mitgearbeitet hätten. Ist das richtig?

RAEDER: Das ist in gar keiner Weise richtig. Solche Weisungen wurden, nachdem der Führer seinen politischen Entschluß gefaßt hatte, im OKW ausgearbeitet, in dem Führungsstab, und in diesem Führungsstab war auch ein Marineoffizier und ein oder mehrere Luftoffiziere, die unter dem Chef des Führungsstabes die Marine- und Luftdinge in solchen Weisungen bearbeiteten. Die Weisung ging dann an die Wehrmachtbefehlshaber, und diese erhielten den Auftrag, nun ihrerseits die Vorschläge für die Ausführung der Befehle des Führers auszuarbeiten und vorzulegen. Auf die Weisung selbst hatten sie keinen Einfluß, bekamen sie auch gar nicht vorher zu sehen.

Ich darf noch etwas dazu sagen. Es ist mir der Vorwurf gemacht worden von der Anklage, daß ich meine Einwirkung auf den Führer nicht etwa aus moralischen Gründen und ethischen Gründen gemacht hätte, sondern daß ich in zynischer Weise lediglich versucht hätte, erst die Abrechnung mit England zu erledigen und dann über Rußland herzufallen. Ich habe vorher schon gesagt, daß ich die anderen Gründe dem Führer dann gesagt hätte, wenn ich es konnte, daß ich es weder in einer solchen öffentlichen Sitzung vor anderen Personen äußern konnte, noch daß ich das in das Kriegstagebuch schreiben konnte, weil diese eventuellen Schärfen, die dabei vorkamen, ja nicht durch das Kriegstagebuch anderen Personen bekannt werden durften. Darüber hinausmöchte ich aber sagen, und hier möchte ich auf Dokument C-170, US-136, hinweisen, das im Datum vom 25. August 1939 bis zum 22. Juni 1941 geht und eine Zusammenstellung ist von vielen Auszügen aus dem Kriegstagebuch der Seekriegsleitung und aus meinen Protokollen über Besprechungen mit Hitler, in denen die russische Frage behandelt ist. Es handelt sich hier nicht um wörtliche Wiedergabe meiner Äußerungen oder wörtlicher Auszüge aus dem Kriegstagebuch, sondern um die Bearbeitung eines großen Auszuges durch das Marinearchiv, den Admiral Aßmann. Ich will keinerlei Einzelheiten aus diesen vielen Nummern vortragen, sondern ich möchte nur darauf hinweisen, daß sich gerade aus diesem Dokument, C-170, aus einer großen Anzahl [119] der angeführten Nummern ergibt, daß ich seit Kriegsbeginn 1939 dauernd in der Richtung auf den Führer eingewirkt habe, daß das gute Verhältnis mit Rußland stabilisiert würde aus den Gründen, die ich vorher angegeben habe. Es würde zu weit führen, wenn ich hier einige Nummern erwähnen würde. Aber das Dokument, möchte ich betonen, ist durchaus überzeugend in dieser Richtung.


DR. SIEMERS: Sie haben also an der Weisung 21, die von Hitler, Keitel und Jodl unterschrieben ist, nicht mitgewirkt?


RAEDER: In keiner Weise.


DR. SIEMERS: Sie haben aber dann anschließend weisungsgemäß gewisse Vorbereitungen, die bei der Marine sowieso gering waren, ausgeführt?


RAEDER: Jawohl, und zwar haben wir die erste Beratung im Januar gehabt, wie sich aus einer dieser Nummern von C-170 ergibt. Ich habe dem Führer am 4. Februar Vortrag über das gehalten, was wir beabsichtigten, und die Marine hat dann im März mit gewissen Vorbereitungen angefangen. Ich sagte vorher schon, daß ja die Marine in der ganzen ersten Zeit kaum mit größeren Operationen beschäftigt war, sondern nur mit der Abschließung des Finnischen Meerbusens durch Minen und leichte Streitkräfte. Der Führer hatte, ich weiß nicht, ob es in der Weisung 21 steht oder an anderer Stelle, auf meine Bitte, auf meine dringende Bitte verfügt, daß der Schwerpunkt der Seekriegführung sich weiter gegen England zu richten hätte. Infolgedessen konnten wir nur verhältnismäßig geringe Streitmittel für den Rußlandkrieg abstellen.


VORSITZENDER: Dr. Siemers! Wir unterbrechen die Sitzung jetzt lieber. Der Gerichtshof hatte Sie eigentlich dahin verstanden, daß Sie hofften, heute mittag zu Ende zu kommen. Wir sehen natürlich ein, daß zwei Stunden heute von Ihren Dokumenten in Anspruch genommen wurden. Wann glauben Sie, fertig zu werden?


DR. SIEMERS: Ich glaube, daß ich jetzt nur noch vielleicht eine Dreiviertelstunde benötige, eine halbe bis eine Stunde.


VORSITZENDER: Morgen um 10.00 Uhr beschäftigen wir uns mit den Dokumenten von Seyß-Inquart, und es wurde uns gesagt, daß dies nur dreißig Minuten in Anspruch nehmen wird.


[Das Gericht vertagt sich bis

18. Mai 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 14, S. 95-121.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Flegeljahre. Eine Biographie

Flegeljahre. Eine Biographie

Ein reicher Mann aus Haßlau hat sein verklausuliertes Testament mit aberwitzigen Auflagen für die Erben versehen. Mindestens eine Träne muss dem Verstorbenen nachgeweint werden, gemeinsame Wohnung soll bezogen werden und so unterschiedliche Berufe wie der des Klavierstimmers, Gärtner und Pfarrers müssen erfolgreich ausgeübt werden, bevor die Erben an den begehrten Nachlass kommen.

386 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon