Nachmittagssitzung.

[392] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Zeuge! Sie waren bei der Besprechung zwischen Präsident Hacha und Hitler am 15. März 1935 zugegen, nicht wahr?

VON RIBBENTROP: Ja, ich war anwesend.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich, daß Hitler bei dieser Besprechung sagte, er habe deutschen Truppen den Befehl erteilt, in die Tschechoslowakei einzumarschieren, und um 6.00 Uhr morgens würde die Deutsche Wehrmacht von allen Seiten in die Tschechoslowakei einfallen?


VON RIBBENTROP: Ich entsinne mich der genauen Worte nicht mehr, aber ich weiß, daß Hitler Hacha sagte, daß er die Länder Böhmen und Mähren besetzen würde.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich daran, daß er sagte, er habe den Befehl zum Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei erteilt?


VON RIBBENTROP: Ja, das ist ja das, was ich eben sagte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich daran, daß der Angeklagte Göring – gemäß seinen, Aussagen vor Gericht – Präsident Hacha erklärt hat, er werde der deutschen Luftwaffe den Befehl erteilen, Prag zu bombardieren?


VON RIBBENTROP: Darüber kann ich nichts im einzelnen aussagen, weil ich bei der Besprechung nicht...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich bitte Sie nicht um ausführliche Aussagen. Ich frage Sie, ob Sie sich an die immerhin sehr beachtliche Bemerkung des Angeklagten Göring gegenüber Präsident Hacha erinnern, daß er der deutschen Luftwaffe den Befehl erteilen würde, Prag zu bombardieren, wenn der tschechische Widerstand nicht abgeblasen würde. Erinnern Sie sich daran?


VON RIBBENTROP: Nein, das weiß ich nicht, da war ich nicht zugegen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie waren während der gesamten Dauer der Besprechung zugegen, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Nein, das war ich nicht, und wenn der britische Anklagevertreter mir die Möglichkeit gibt, dann werde ich dazu erklären, wie es war.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich bitte Sie, zu nächst meine Frage zu beantworten. Sie erklären, sich nicht daran zu erinnern. Wenn der Angeklagte Göring zugibt, dies gesagt zu haben, würden Sie annehmen, daß es geschehen ist?


[392] VON RIBBENTROP: Wenn Göring das sagt, dann wird es selbstverständlich zutreffen. Ich habe nur erklärt, daß ich nicht dabei war bei dieser Besprechung zwischen dem Präsidenten Hacha und dem damaligen Reichsmarschall Göring.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich an die Bemerkung Hitlers, daß die tschechische Armee innerhalb von zwei Tagen nicht mehr bestehen würde?


VON RIBBENTROP: Im einzelnen entsinne ich mich dessen nicht, nein; es war eine sehr lange Unterredung.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich an Hitlers Worte, daß die deutschen Truppen um 6.00 Uhr morgens einmarschieren würden? Er schämte sich fast, zu sagen, daß auf jedes tschechische Bataillon eine deutsche Division komme?


VON RIBBENTROP: Das ist möglich, daß so was gesagt worden ist. An Einzelheiten entsinne ich mich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Falls derartige Dinge gesagt wurden, stimmen Sie mir dann bei, daß auf Präsident Hacha ein ganz unerträglicher Druck ausgeübt wurde?


VON RIBBENTROP: Zweifellos hat Hitler eine sehr klare Sprache geführt. Aber ich muß dazu sagen, daß der Präsident Hacha seinerseits nach Berlin gekommen war, um auch mit Hitler eine Lösung zu finden. Er war überrascht, daß der Einmarsch der Truppen erfolgen sollte. Das weiß ich und dessen entsinne ich mich genau. Aber er hat sich dann damit einverstanden erklärt und sich dann mit seiner eigenen Regierung und seinem Generalstabschef in Verbindung gesetzt, daß den deutschen Truppen kein feindlicher Empfang zuteil würde. Das von mir skizzierte Abkommen hat er dann mit Hitler und dem Außenminister der Tschechoslowakei und mir vollzogen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Stimmen Sie mir darin bei, daß dieses Abkommen durch Androhung einer Angriffsaktion seitens der deutschen Armee und Luftwaffe zustande gekommen ist?


VON RIBBENTROP: Es ist sicher, da der Führer dem Präsidenten Hacha gesagt hat, daß die deutsche Armee einmarschieren würde, daß natürlich unter diesem Eindruck dieses Instrument geschrieben worden ist; das ist richtig.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Glauben Sie nicht, daß Sie wenigstens eine meiner Fragen direkt beantworten könnten? Ich wiederhole meine Frage: Stimmen Sie mir bei, daß jenes Dokument durch unerträglichen Druck und Androhung eines Angriffs zustande gekommen ist? Das ist eine einfache Frage. Stimmen Sie mir bei?


VON RIBBENTROP: So nicht, nein.


[393] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Welchen weiteren Druck könnten Sie auf das Oberhaupt eines Staates ausüben, außer ihm zu drohen, daß Ihre Armee in überwältigender Stärke einmarschieren und Ihre Luftwaffe seine Hauptstadt bombardieren würde?


VON RIBBENTROP: Krieg, zum Beispiel.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Was ist denn das anderes als Krieg? Sehen Sie es nicht als Krieg an, wenn die Armee im Stärkeverhältnis von einer Division gegen ein Bataillon einmarschieren und die Luftwaffe Prag bombardieren würde?


VON RIBBENTROP: Präsident Hacha hatte dem Führer erklärt, daß er das Schicksal seines Landes in die Hände des Führers lege und der Führer hat...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte, daß Sie meine Frage beantworten. Meine Frage ist äußerst einfach, und ich möchte, daß Sie sie beantworten. Sie haben uns erklärt, daß das Abkommen zustande kam, nachdem jene Drohungen ausgesprochen wurden.


VON RIBBENTROP: Nein, das habe ich nicht gesagt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Jawohl, das sagten Sie vor einem Augenblick.


VON RIBBENTROP: Nein.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich sagte, daß dieses Abkommen durch Androhung von Krieg zustande kam. Stimmt das?


VON RIBBENTROP: Ich glaube, daß diese Drohung unvergleichlich viel geringer ist, als die Drohungen, unter denen Deutschland jahrelang durch den Versailler Vertrag und seine Sanktionen gestanden hat.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie nunmehr, ohne Vergleiche zu stellen, meine Frage beantworten? Stimmen Sie mir darin bei, daß diese Zustimmung durch Androhung von Krieg erreicht wurde?


VON RIBBENTROP: Sie ist erfolgt unter einem Druck, und zwar unter dem Druck des Einmarsches in die – nach Prag, da ist kein Zweifel. Aber entscheidend bei der ganzen Sache war, daß der Führer dem Präsidenten Hacha die Gründe auseinandergesetzt hat, warum er dies tun müßte und Hacha hat zum Schluß sich absolut einverstanden erklärt, nachdem er mit seiner Regierung und seinem Generalstab sich in Verbindung gesetzt hat und deren Auffassung gehört hat. Allerdings, das ist absolut richtig, der Führer war entschlossen, diese Frage unter allen Umständen zu lösen. Der Grund war der, daß der Führer der Auffassung war, daß hier in der restlichen Tschechei gegen das Deutsche Reich konspiriert wurde. Reichsmarschall Göring hat bereits erklärt, daß dort russische Kommissionen [394] auf Flugplätzen der Tschechei gewesen sein sollen. Also der Führer hat dies getan, weil er glaubte, im höchsten Interesse und Schutze des Deutschen Reiches dies tun zu müssen. Ich darf einen Vergleich heranziehen: Zum Beispiel, Präsident Roosevelt hat ein Interesse an der westlichen Hemisphäre erklärt, England hat seine Interessen über den gesamten Erdball ausgedehnt. Ich glaube, daß dieses Rauminteresse, das der Führer an dem tschechischen Restraum gezeigt hat, für eine Großmacht an sich kein unbilliges ist, man mag über die Methode der Meinung sein, wie man will. Jedenfalls, eines ist sicher, daß diese Länder ohne das Vergießen auch nur eines Tropfen Blutes besetzt worden sind.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wurden besetzt, ohne daß auch nur ein Tropfen Blut vergossen wurde, weil Sie gedroht hatten, mit überwältigender Übermacht einzumarschieren und Prag zu bombardieren, falls sie nicht zustimmten, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Nein, nicht weil wir mit einer Übermacht gedroht hatten, sondern weil vorher vereinbart worden war, daß die Deutschen ungehindert einmarschieren konnten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich wiederhole: Die Vereinbarung kam jedoch zustande durch Ihre Drohung, einzumarschieren und Prag zu bombardieren, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Ich habe Ihnen schon einmal erwidert, es war nicht so, sondern der Führer hat mit Präsidenten Hacha darüber gesprochen und hat ihm gesagt, daß er einmarschieren würde. Die Aussprache zwischen dem Staatspräsidenten Hacha und Reichsmarschall Göring kenne ich nicht. Der Präsident hat dann das Abkommen unterschrieben, nachdem er sich mit seiner Regierung und seinem Generalstabschef in Prag telephonisch in Verbindung gesetzt hatte. Es ist kein Zweifel, daß die Persönlichkeit des Führers, seine Argumentation und letzten Endes auch der angekündigte Einmarsch der deutschen Truppen den Präsidenten Hacha veranlaßt hat, dieses Abkommen mit zu unterschreiben.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich... Möchten Sie für einen Augenblick aufstehen, Herr General?


[Ein tschechischer Offizier steht auf.]


Erinnern Sie sich daran, daß General Ecer, dieser tschechoslowakische General, Ihnen einmal verschiedene Fragen gestellt hat?

VON RIBBENTROP: Ja, gewiß.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Haben Sie ihm erklärt, daß Ihrer Meinung nach jene Aktion vom 15. März im Widerspruch zu der Chamberlain gegenüber abgegebenen Erklärung Hitlers stehe, daß jedoch Hitler die Besetzung als eine lebenswichtige Notwendigkeit für Deutschland betrachte?


[395] VON RIBBENTROP: Ja, das ist richtig. In diesem ersten Punkt habe ich mich geirrt, ich will mich dazu offen bekennen. Ich habe mich später erinnert. In dem Münchener Abkommen zwischen Chamberlain und Hitler steht etwas Ähnliches nicht drin. Es war auch nicht gegen dieses Abkommen gerichtet. Im zweiten Punkt habe ich, glaube ich, erklärt, daß Hitler glaubte, im Interesse seines Landes so handeln zu müssen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte, daß Sie uns ein oder zwei allgemeine Dinge über Ihre Ansichten in Bezug auf Großbritannien darlegen. Stimmt es, daß Sie, als Sie als Botschafter des Reiches nach London gingen, der Ansicht waren, daß die Aussichten für eine Verständigung sehr gering waren, ja, daß die Chancen einer Verständigung mit Großbritannien hundert zu eins standen?


VON RIBBENTROP: Als ich den Führer bat, mich persönlich nach London zu schicken...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Meine Frage ist ganz einfach: Ist es richtig, daß Sie, als Sie als Botschafter nach London gingen, der Ansicht waren, daß die Möglichkeit einer Verständigung mit England sehr gering war, ja, daß die Chance hundert zu eins stand?


VON RIBBENTROP: Ja, die Chance war nicht groß.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dieses sind Ihre eigenen Worte, wie Sie wissen...


VON RIBBENTROP: Ich möchte etwas hinzufügen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Beantworten Sie zuerst meine Frage. Das waren doch Ihre eigenen Worte, daß die Chance hundert zu eins stand? Erinnern Sie sich daran, das gesagt zu haben?


VON RIBBENTROP: Hundert zu eins entsinne ich mich nicht, aber ich möchte noch etwas hinzufügen. Ich habe Hitler gesagt, daß die Chance klein sei, und ich habe auch Hitler gesagt, daß ich alles versuchen werde, eine deutsch-englische Verständigung trotz allem herbeizuführen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Waren Sie, als Sie England verließen, der Ansicht, daß Krieg unvermeidlich sei? Als Sie England verließen, als Sie aufhörten, Botschafter zu sein, glaubten Sie, daß Krieg unvermeidlich sei?


VON RIBBENTROP: Nein, der Ansicht war ich nicht, daß er unvermeidlich sei, aber daß eine Möglichkeit des Krieges bei der Entwicklung, die in England vor sich ging, daß die denkbar sei, davon war ich überzeugt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte, daß Sie hier recht vorsichtig sind. Haben Sie beim Verlassen Englands gesagt, daß Sie nicht glaubten, daß Krieg unvermeidlich sei?


[396] VON RIBBENTROP: Ich kann weder sagen, daß er unvermeidlich gewesen ist oder vermeidlich, jedenfalls war mir klar, daß bei der Entwicklung der Politik, die in England gegenüber Deutschland vor sich ging, eine kriegerische Verwicklung im Bereich des Möglichen liegen konnte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich Seite 211-E des Dokumentenbuches, englisches Buch 170, zuwenden.


VON RIBBENTROP: Sagten Sie 211?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Haben Sie es?


VON RIBBENTROP: Ja, ich habe es gefunden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich jetzt dem zweiten Absatz zuwenden, er lautet wie folgt:

»Er, der RAM (Reichsaußenminister) sei schon bei seinem Antritt in London mehr als skeptisch gewesen und habe die Chancen einer Verständigung wie 100 : 1 angesehen. Die Kriegshetzer-Clique in England hätte dann auch die Überhand gewonnen. Als er (der RAM) London verließ, war der Krieg unvermeidlich.« (Dokument Nr. 1834-PS.)

Haben Sie das zu Botschafter Oshima gesagt?

VON RIBBENTROP: Ich weiß es nicht, ob ich das genau so gesagt habe, jedenfalls ist das diplomatische Sprache, Herr Anklagevertreter, und es ist durchaus möglich, daß wir damals aus der Situation heraus mit dem Japanischen Botschafter es für opportun hielten, es so zu sagen. Jedenfalls ist das nicht das Interessanteste; interessant ist – was ich mich entsinnen kann –, daß, als ich England verließ, eine Sicherheit und Unvermeidlichkeit des Krieges nicht gegeben war. Ob ich in späteren Jahren dies oder jenes gesagt habe, das hat keine Bedeutung für das, was ich sagte, als ich von London wegging. Ich glaube, daß dafür nicht der geringste Beweis ist. Vielleicht habe ich ihn in den Krieg gegen England hineinziehen wollen und habe daher eine starke Sprache geführt.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie haben ihm wahrscheinlich die Unwahrheit gesagt?


VON RIBBENTROP: Das weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob das im einzelnen genau aufgeschrieben worden ist. Es ist eine lange Aufzeichnung, ich weiß nicht, von wo es kommt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist Ihr eigenes Protokoll der Besprechung und gehört zu den erbeuteten deutschen Dokumenten.


VON RIBBENTROP: Mag durchaus sein, aber in der Diplomatie wird manches gesprochen und nicht jedes Wort auf die Waagschale [397] gelegt. Jedenfalls die Wahrheit ist, daß, als ich London verließ, eine Unvermeidbarkeit des Krieges nicht gegeben war; aber es ist kein Zweifel, daß ich skeptisch London verließ und nicht wußte, wohin die Dinge hintreiben würden, und dies vor allem wegen der sehr starken englischen Kriegspartei.


VORSITZENDER: Angeklagter, wollen Sie etwas langsamer sprechen?


VON RIBBENTROP: Jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Waren Sie, als Sie England verließen, nicht der Ansicht, daß Deutschland England gegenüber eine nach außen freundschaftliche Politik betreiben, in Wirklichkeit jedoch eine Koalition gegen dieses Land bilden solle?


VON RIBBENTROP: Das ist so nicht richtig. Es war mir klar, daß, als ich Außenminister wurde, die Durchsetzung der deutschen Wünsche in Europa schwierig sei, und daß es vor allem England war, das sich diesen Wünschen entgegenstellte. Jahrelang hatte ich im Auftrage des Führers versucht, auf dem Wege freundschaftlicher Verständigung mit England diese Dinge durchzusetzen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte, daß Sie meine Frage beantworten: Haben Sie dem Führer den Rat gegeben, England gegenüber eine nach außen freundschaftliche Politik zu verfolgen und in Wirklichkeit eine Koalition gegen dieses Land zu bilden? Ja oder nein?


VON RIBBENTROP: Nein, so ist das nicht richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Da Sie dies verneinen, sehen Sie sich bitte Dokument TC-75, Beweisstück GB-28 an, sowie die von Ihnen zu ziehenden Konsequenzen. Sie finden es am Ende unter Nummer 5. »Daher von uns zu ziehenden Konsequenz.« Es ist ungefähr am Ende der dritten Seite.

»5. Daher von uns zu ziehenden Konsequenz:

1. Nach außen weiter Verständigung mit England unter Wahrung Interessen unserer Freunde.

2. Herstellung in aller Stille aber mit ganzer Zähigkeit einer Bündniskonstellation gegen England – das heißt praktisch Festigung unserer Freundschaften mit Italien und Japan –, ferner Hinzugewinnung aller Staaten, deren Interessen direkt oder indirekt mit unseren konform gehen – enge und vertrauliche Zusammenarbeit der Diplomaten der drei Großmächte zu diesem Zweck.«

Und dann im letzten Satz:

»Jeder Tag, an dem in Zukunft – ganz gleich, welche taktischen Zwischenspiele der Verständigung mit uns versucht [398] werden sollten – unsere politischen Erwägungen nicht grundsätzlich von dem Gedanken an England als unseren gefährlichsten Gegner bestimmt würden, wäre ein Gewinn für unsere Feinde.«

Warum haben Sie dem Gerichtshof vor kaum einer Minute erklärt, Sie hätten dem Führer nicht den Rat erteilt, daß nach außen hin freundschaftliche Beziehungen bestehen sollten, in Wirklichkeit jedoch eine Koalition gegen England hergestellt werden sollte?

VON RIBBENTROP: Ich weiß nicht, was das überhaupt für ein Dokument ist. Dürfte ich es sehen?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist von Ihnen selbst unter dem Datum des 2. Januar 1938 unterzeichnet und stellt Ihren eigenen Bericht an den Führer dar.


VON RIBBENTROP: Ja, das stimmt an sich schon. Das ist die entscheidende Feststellung. Nur auf diese Weise kommen wir mit England an einem Tag zum Ausgleich oder zum Konflikt. Die Situation war damals ganz klar die, daß England sich diesen deutschen Revisionswünschen, die der Führer als vital bezeichnet hatte, widersetzte, und daß es nur möglich schien, durch eine starke diplomatische Konstellation auf diplomatischem und nicht kriegerischem Wege England dazu zu bringen, diesen deutschen Aspirationen schließlich zuzustimmen. Das war zweifellos die Situation.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte von Ihnen wissen, Zeuge, warum Sie dem Gerichtshof vor fünf Minuten erklärt haben, daß Sie Hitler keinen in dem dargelegten Sinne gehaltenen Rat gegeben hatten.


VON RIBBENTROP: Darf ich bitten, welchen Rat meinen Sie?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Äußerlich Verständigung mit England und unter größter Geheimhaltung Bildung einer Koalition gegen England. Ich habe Sie zweimal gefragt, und Sie haben es geleugnet. Ich möchte wissen, warum Sie es geleugnet haben.


VON RIBBENTROP: Ich habe das ganz klar gesagt, daß England sich den deutschen Wünschen entgegenstellte, und daß daher Deutschland, wenn es diese Aspirationen durchsetzen wollte, nichts anderes übrig bliebe, als Freunde zu suchen und mittels dieser Freunde England an den Verhandlungstisch zu bringen, damit England diesen Aspirationen zustimme, und zwar auf diplomatischem Wege. Das war damals meine Aufgabe.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte, daß Sie Ihre Aufmerksamkeit nunmehr den Beziehungen zu Polen zuwenden. Ich werde Ihnen Gelegenheit geben, eine Frage allgemein zu beantworten. Ich hoffe, daß wir auf diese Art und Weise vielleicht Zeit sparen.

[399] Stimmen Sie mir bei, daß die Reden sämtlicher deutscher Staatsmänner bis zu dem Münchener Abkommen von größter Sympathie und Achtung für Polen zeugen? Stimmen Sie mir bei?


VON RIBBENTROP: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Welchen Zweck hatte das in dem Memorandum des Auswärtigen Amtes (TC-76, GB-31) vom 26. August 1938 Gesagte?

Ich werde Ihnen die Seitenzahl angeben: Seite 107 Ihres Dokumentenbuches. Ich möchte, daß Sie es sich ansehen; ich glaube, es ist der vierte Absatz, der mit den Worten beginnt: »Diese Methode im Vorgehen gegen die Tschechei...«

Und die Methode der Annäherung war, daß man die Idee verbreitete, daß Sie und Hitler die Rückkehr aller Deutschen in das Reich wünschten. Ich habe es ganz fair und objektiv ausgedrückt. Das steht vor dem Passus. Wollen Sie sich den Absatz ansehen?


VON RIBBENTROP: Welchen Absatz meinen Sie, ich hörte es nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Der vierte Absatz. Es fängt an: »Diese Methode im Vorgehen gegen die Tschechei...«. Der vierte in meiner Kopie.


VON RIBBENTROP: Ich habe es noch nicht gefunden. Paragraph 5, ja, ich habe es.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE:

»Diese Methode im Vorgehen gegen die Tschechei empfiehlt sich auch wegen unseres Verhältnisses zu Polen. Unvermeidlich muß die deutsche Abkehr von den südöstlichen Grenzproblemen und der Übergang zu den östlichen und nordöstlichen die Polen hellhörig machen. Daß nach der Liquidation der tschechischen Frage Polen an der Reihe ist, wird allgemein vermutet werden. Je später diese Vermutung aber als fester Bestandteil in die internationale Politik eindringt, desto besser.« (Dokument TC-76.)

Erklärt das genau die damaligen Bestrebungen der deutschen Außenpolitik?

VON RIBBENTROP: Zweifellos nein, denn einmal weiß ich gar nicht, um was für ein Dokument es sich handelt. Es ist anscheinend über den Staatssekretär an mich von irgendeinem Referenten im Auswärtigen Amt aufgestellt worden, wo manches Mal solche theoretischen Arbeiten aufgestellt worden sind, daher entsinne ich mich auch nicht, es gelesen zu haben. Ob es zu mir gekommen ist, weiß ich im Augenblick nicht; aber es ist möglich, daß solche Gedankengänge bei einigen unserer Herren vorherrschend waren. Das ist durchaus möglich.

[400] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ach so. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, so wenden Sie sich bitte Seite 110 zu, wo Sie einen Auszug aus Hitlers Reichstagsrede vom 26. September 1938 finden. Verzeihung, ich sagte Reichstag, ich meinte Sportpalast.


VON RIBBENTROP: Sportpalast, ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Am Schluß dieses Auszuges werden die Worte des Führers bezüglich Polens nach ehrenden Worten für Marschall Pilsudski angeführt:

»Wir alle sind überzeugt, daß dieses Abkommen eine dauernde Befriedung mit sich bringen wird. Wir sehen ein, daß hier zwei Völker sind, die nebeneinander leben müssen und von denen keines das andere beseitigen kann. Ein Staat von 33 Millionen wird immer nach einem Zugang zum Meere streben. Es mußte daher ein Weg der Verständigung gefunden werden. Er ist gefunden worden und wird immer weiter ausgebaut. Natürlich lagen die Dinge in diesem Gebiet schwierig. Die Nationalitäten und kleine Volkstumsgruppen haben oft miteinander gestritten. Das Entscheidende ist, daß die beiden Staatsführungen und alle vernünftigen und einsichtigen Menschen in beiden Völkern und Ländern den festen Willen haben, das Verhältnis immer mehr zu bessern. Es war eine wirkliche Friedenstat, die mehr wert ist als das ganze Geschwätz im Genfer Völkerbundspalast.« (Dokument TC-73 Nr. 42.)

Glauben Sie, daß dies ehrlich gemeint war?

VON RIBBENTROP: Ja, ich glaube, daß das absolut die Auffassung des Führers damals war.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Also waren zu jener Zeit alle Fragen bezüglich der Behandlung der Minderheiten in Polen sehr unwichtig, stimmt das?


VON RIBBENTROP: Nein, sie waren nicht unwichtig, sondern er war ein latenter, ja schwieriger Punkt zwischen Polen und uns, der gerade durch solche Art von Führeräußerungen versucht wurde, immer wieder zu überbrücken. Das Volkstumsproblem in Polen kenne ich deshalb so gut, weil ich das aus persönlichen Gründen viele Jahre verfolgt habe. Seit der Übernahme des Außenministeriums hat es immer wieder die größten Schwierigkeiten gegeben, die aber unsererseits immer wieder in großzügiger Weise überbrückt worden sind.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Auf jeden Fall gehen Sie mit mir einig, daß die Reden damals – ganz ehrlich, wie Sie sagen, – voll des Lobes und der Sympathie für Polen waren, stimmt das?


[401] VON RIBBENTROP: Jawohl, wir hofften damit, daß wir immer mehr gerade das Volkstumsproblem zu einer guten, schönen und vernünftigen Lösung bringen können. Das war unsere Politik seit 1934.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Kurz nach München nun warfen Sie Herrn Lipski gegenüber zum erstenmal die Danziger Frage auf; ich glaube, es war um den 21. Oktober herum.


VON RIBBENTROP: Richtig, am 28. Oktober.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: 28. Oktober. Und die Polen hatten am 31. geantwortet. Die Antwort mag Sie über Herrn Lipski einen Tag später erreicht haben. Es wird darin der Vorschlag gemacht, ein gegenseitiges Abkommen zwischen Deutschland und Polen abzuschließen, gleichzeitig wird jedoch erklärt, daß die Rückkehr Danzigs zum Reich zu einem Konflikt führen würde.

Ich spreche nur ganz allgemein und lediglich um Sie an den Inhalt der Antwort zu erinnern. Erinnern Sie sich daran?


VON RIBBENTROP: Meiner Erinnerung nach war es nicht ganz so. Der Führer hatte mich beauftragt – es war genau am 28. Oktober –, den Botschafter Lipski nach Berchtesgaden zu bitten. Dieser Auftrag erfolgte, weil gerade der Führer – in Verfolg vielleicht sogar dieser Rede im Sportpalast, das weiß ich heute nicht mehr genau – nunmehr mit allen seinen Nachbarn in ein klares Verhältnis kommen wollte. Das wollte er gerade mit Polen. Er beauftragte mich daher, ich möchte mit Botschafter Lipski über die Frage Danzigs und über die Frage einer Verbindung des Reiches nach Ostpreußen sprechen.

Ich habe Botschafter Lipski kommen lassen und habe damals in einer sehr freundschaftlichen Atmosphäre diese Wünsche vorgebracht. Botschafter Lipski verhielt sich insofern reserviert, als er sagte, Danzig wäre immerhin ein nicht einfaches Problem, aber er würde mit seiner Regierung darüber sprechen. Ich bat ihn dann, er möge das doch in absehbarer Zeit tun und mir Nachricht zukommenlassen. Das war die Einleitung der Verhandlungen mit Polen gewesen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie jetzt bitte... Ich will Sie nicht unterbrechen, möchte jedoch diese Frage schnell zum Abschluß bringen. Gehen Sie bitte auf Seite 114 über. Dort finden Sie das Protokoll über Herrn Becks Unterredung mit Hitler am 5. Januar. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit lediglich auf den letzten Absatz lenken, wo der Reichskanzler auf Herrn Becks Erklärung, daß die Danziger Frage sehr schwierig sei, erwiderte:

»daß es notwendig sein würde, zur Lösung dieses Problems etwas vollkommen Neues, eine neue Formel, für die er den Ausdruck ›Körperschaft‹ anwandte, zu finden, die einerseits die Interessen der deutschen Bevölkerung und andererseits die polnischen Interessen wahrnehmen würde. Ferner erklärte der Kanzler, daß der Minister beruhigt sein könne, in Danzig [402] würde es keine faits accomplis geben; es würde nichts geschehen, was die Lage der Polnischen Regierung erschweren könnte.« (Dokument TC-73, Nummer 48.)

Ehe ich nun die Frage stelle – haben Sie das vor sich?

VON RIBBENTROP: Ja, ich habe das gelesen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sehen Sie sich bitte die Zusammenfassung Ihrer eigenen Unterredung mit Herrn Beck vom darauffolgenden Tage an. Es ist Seite 115 oben, zu Beginn des zweiten Absatzes. Nachdem Herr Beck die Danziger Frage erwähnte, sagen Sie:

»In seiner Antwort betonte Ribbentrop noch einmal, daß Deutschland keine Gewaltlösung anstrebe.« (Dokument TC-73, Nummer 49.)

Das ist fast Wort für Wort dasselbe, was Hitler am Tage zuvor gesagt hatte. Haben Sie die Stelle gefunden?

VON RIBBENTROP: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun kehren Sie bitte noch einmal auf Seite 113 zurück. (-137, Beweisstück GB-33.) Dort finden Sie die Befehle des Angeklagten Keitel, oder genau gesagt die Übermittlung des Führerbefehls betreffend Danzig durch den Angeklagten Keitel. Er trägt das Datum vom 24. November. Das war ungefähr sechs Wochen früher. Dieser Befehl stellt eine Ergänzung zu dem Befehl vom 21. Oktober dar. Sie sehen, was dort steht:

»Außer den 3 in der Weisung vom 21. 10. 38 angeführten Fällen sind auch Vorbereitungen zu treffen, daß der Freistaat Danzig überraschend von deutschen Truppen besetzt werden kann. (›4. Inbesitznahme von Danzig.‹)

Für die Vorbereitungen gelten folgende Grundlagen: Voraussetzung ist eine handstreichartige Besetzung von Danzig in Ausnützung einer politisch günstigen Lage, nicht ein Krieg gegen Polen.« (Dokument C-137.)

Wußten Sie von diesen Befehlen?

VON RIBBENTROP: Nein, das wußte ich nicht. Ich sehe diesen Befehl oder was es ist, zum erstenmal. Übrigens darf ich noch etwas hinzufügen?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nicht jetzt. Hitler mußte doch von diesem Befehl gewußt haben, nicht wahr? Es ist doch ein Befehl des Führers?


VON RIBBENTROP: Selbstverständlich, ich nehme daher an – und das wollte ich gerade hinzufügen –, daß es der Britischen [403] Anklagebehörde auch klar sei, daß Politik und Militär hier zwei völlig verschiedene Begriffe sind. Es ist kein Zweifel, daß der Führer im Hinblick auf die Schwierigkeiten, die in Danzig und im Korridor laufend waren, sicher militärische Eventualbefehle irgendwelcher Art gegeben hat, und ich kann es mir denken, daß es sich hier nur um einen solchen handelt. Ich sehe ihn heute zum ersten Male.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Angenommen, Sie hatten Kenntnis von diesen Befehlen, Zeuge, hätten Sie dann trotzdem am 5. Januar erklärt, daß Deutschland kein fait accompli oder eine Gewaltlösung suchte? Würden Sie das gesagt haben, auch wenn Sie diesen Befehl gekannt hätten?


VON RIBBENTROP: Wenn ich diesen Befehl gekannt hätte und ihn als das ansehe, wie ich ihn ansehen mußte, nämlich ein Generalstabsbefehl für eine Eventualmöglichkeit, dann wäre ich noch genau der gleichen Auffassung; denn ich glaube, es ist ja die Aufgabe der Generalstäbe, alle Probleme, die überhaupt möglich sind, grundsätzlich vorzubereiten. Das hat mit der Politik letzten Endes ja nichts zu tun.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Hat das nichts mit Politik zu tun, wenn man einen Plan zur Besetzung des Freistaates Danzig mittels Überraschung durch deutsche Truppen fix und fertig hat und gleichzeitig den Polen erzählt, daß man kein fait accompli beabsichtige? Ist das die Art und Weise, wie Ihrer Ansicht nach verfahren werden sollte? Falls ja, werde ich das Thema verlassen.


VON RIBBENTROP: Nein, sondern ich muß dazufügen, das weiß ich, daß der Führer lange Zeit immer besorgt war, besonders im Laufe des Jahres 1939, daß ein polnischer Handstreich auf Danzig vorkommen könnte, so daß es mir, ich bin kein Militär, aber an sich natürlich erscheint, daß man alle solchen Probleme und Möglichkeiten irgendwie vorbereitet. Einzelheiten dieses Befehls kann ich natürlich nicht beurteilen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wann haben Sie gehört, daß Hitler entschlossen war, Polen anzugreifen?


VON RIBBENTROP: Daß Hitler mit einem militärischen Eingreifen in Polen rechnete, das habe ich nach meiner Erinnerung zum ersten Male gehört in den Augusttagen des Jahres 1939. Daß er natürlich schon vorher gewisse militärische Maßnahmen oder Vorbereitungsmaßnahmen irgendwelcher Art getroffen hat für Eventualfälle, das geht ja aus diesem Befehl bezüglich Danzig hervor. Über diesen Befehl aber habe ich grundsätzlich nichts erfahren und ich entsinne mich jetzt auch nicht im einzelnen, ob ich damals irgendeine militärische Nachricht bekommen habe. In Erinnerung ist mir, daß ich davon so gut wie nichts wußte.


[404] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie damit dem Gerichtshof sagen, daß Sie im Mai nicht gewußt haben, daß Hitler in Wirklichkeit die Ansicht vertrat, daß Danzig überhaupt gar nicht der Gegenstand des Streites war und daß er tatsächlich den Erwerb von Lebensraum im Osten anstrebte?


VON RIBBENTROP: Nein, das habe ich in dem Sinne nicht gewußt. Der Führer hat zwar von Lebensraum manchmal gesprochen, das ist richtig. Aber ich habe nicht gewußt, daß er die Absicht hatte, Polen anzugreifen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Jetzt schlagen Sie bitte Seite 117 auf; es kann auch Seite 118 Ihres Dokuments sein. Auf Seite 117 finden Sie das Protokoll einer Konferenz vom 23. Mai 1939, die in der neuen Reichskanzlei stattfand.


VON RIBBENTROP: Sie sagten Seite 117?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: 117. Vielleicht steht der Absatz, auf den ich Sie verweise, auf Seite 118; er beginnt mit folgenden Worten:

»Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten und Sicherstellung der Ernährung, sowie die Lösung des Baltikumproblems. Lebensmittelversorgung ist nur von dort möglich, wo geringe Besiedlung herrscht. Neben der Fruchtbarkeit wird die deutsche gründliche Bewirtschaftung die Überschüsse gewaltig steigern. In Europa ist keine andere Möglichkeit zu sehen.« (Dokument L-79.)

Wollen Sie vor dem Gerichtshof weiterhin behaupten, daß Hitler Ihnen jenen Standpunkt niemals auseinandergesetzt hat?

VON RIBBENTROP: Es ist vielleicht merkwürdig zu sagen, aber ich darf zunächst eines dazu sagen: Bei dieser Unterredung scheine ich nicht dabei gewesen zu sein. Das ist eine militärische Besprechung gewesen, und der Führer hielt diese militärischen Besprechungen immer von den politischen getrennt. Der Führer hat in großen Zügen wohl ab und zu davon einmal gesprochen, daß wir Lebensraum haben müßten, aber von irgendeiner Absicht, Polen anzugreifen, habe ich zu dieser Zeit, das ist also im Mai 1939 gewesen, nichts gewußt, und darüber hat er mir nichts gesagt. Ja, das – glaube ich – war absichtlich, wie ich aus vielen anderen Fällen weiß, getrennt gehalten, weil er immer wünschte von seinen Diplomaten, daß sie mit voller Überzeugung für eine diplomatische Lösung eintreten und diese herbeiführen konnten.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wollen damit sagen, daß Hitler Sie über seine wirklichen Ziele, über seine Ansicht, daß [405] Danzig nicht der Streitgegenstand war, und darüber, daß er in Wirklichkeit Lebensraum anstrebte, absichtlich im Dunkeln ließ? Das behaupten Sie?


VON RIBBENTROP: Ja, ich nehme an, daß er das sogar bewußt gemacht hat, denn...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann lesen Sie bitte den ganz kurzen Absatz weiter unten, wo er sagt:

»Es entfällt also die Frage, Polen zu schonen und bleibt der Entschluß, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen. An eine Wiederholung der Tschechei ist nicht zu glauben. Es wird zum Kampf kommen. Aufgabe ist es, Polen zu isolieren.«

Behaupten Sie vor dem Gerichtshof, daß er das nie zu seinem Außenminister gesagt hat?

VON RIBBENTROP: Ich habe die Frage nicht ganz verstanden.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Die Frage ist sehr einfach. Behaupten Sie vor dem Gerichtshof, daß Hitler das, was ich soeben aus seiner Rede vorgelesen habe, niemals erwähnte, also, daß von einer Schonung Polens keine Rede sein könne, daß sie Polen bei erster Gelegenheit angreifen müßten und daß es Ihre Aufgabe sei, es zu isolieren? Wollen Sie vor dem Gerichtshof behaupten, daß Hitler dies seinem Außenminister gegenüber, dem die praktische Führung der Außenpolitik oblag, niemals erwähnt hat?


VON RIBBENTROP: Nein, das hat er zu diesem Zeitpunkt nicht getan, sondern nach meiner Erinnerung erst sehr viel später, und zwar im Sommer 1939. Da hat er davon gesprochen, daß er entschlossen sei, das Problem, und zwar drückte er sich wörtlich aus, so oder so zu lösen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und Sie sagen, daß Sie im Mai nicht wußten, daß Hitler Krieg wollte?


VON RIBBENTROP: Daß er was wollte?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wußten im Mai nicht, daß Hitler Krieg wollte?


VON RIBBENTROP: Nein, davon war ich gar nicht überzeugt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aus diesem Dokument geht klar hervor, daß er Krieg wollte, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Dieses Dokument beinhaltet zweifellos eine Absicht, gegen Polen vorzugehen, aber ich weiß, daß Hitler sehr oft seinem Militär gegenüber eine sehr starke Sprache sprach, und zwar in der Form, als ob er die ganz bestimmte Absicht hätte, ein bestimmtes Land irgendwie anzugreifen, aber ob er das nachher politisch wirklich gemacht hätte, das ist eine ganz andere Frage.

[406] Ich weiß, daß er mir wiederholt sagte, daß man mit dem Militär immer so sprechen müsse, als ob morgen da oder dort der Krieg ausbrechen würde.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte Sie nunmehr in einer anderen Angelegenheit vernehmen. Sie haben am Freitag behauptet, daß Sie nie die Ansicht geäußert hätten, daß Großbritannien dem Kriege fernbleiben und seine Polen gegebene Garantie nicht einlösen würde. Erinnern Sie sich daran?


VON RIBBENTROP: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Stimmt das?


VON RIBBENTROP: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, dann werfen Sie bitte einen Blick auf ein oder zwei andere Dokumente. Entsinnen Sie sich, am 29. April 1939 den ungarischen Ministerpräsidenten sowie den ungarischen Außenminister um 3.30 Uhr nachmittags empfangen zu haben?


VON RIBBENTROP: Nein, daran entsinne ich mich nicht mehr.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wir sind jedoch im Besitze des Protokolls Ihrer Besprechung, das, glaube ich, von Erdmannsdorff unterzeichnet hat. Haben Sie dem ungarischen Premierminister und dem ungarischen Außenminister gegenüber folgendes erklärt:

»Der Herr Reichsaußenminister fügte hinzu, es sei seine feste Überzeugung, daß, was auch in Europa passiere, kein französischer und englischer Soldat Deutschland angreifen werde.

Unser Verhältnis zu Polen sei augenblicklich getrübt.«

Haben Sie das gesagt?

VON RIBBENTROP: Nein, ich glaube, das habe ich nie gesagt. Das halte ich für ausgeschlossen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn Sie eine Abschrift haben...


VON RIBBENTROP: Darf ich vielleicht einmal die Urkunde sehen?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aber selbstverständlich, sehr gern. Das wird GB-289, Dokument D-

737.

VON RIBBENTROP: Ich kann natürlich nicht mehr im einzelnen sagen, was ich damals sagte. Es wäre wohl folgendes möglich, daß man den Ungarn gegenüber, die wahrscheinlich damals besorgt waren wegen des polnischen Problems, daß man sie beruhigen wollte, das ist durchaus möglich, aber daß ich so gesagt habe, das glaube ich kaum. Eines ist jedenfalls sicher, daß der Führer gewußt [407] hat und daß ich dem Führer gesagt habe, daß England zur Hilfe Polens marschieren wird.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn Sie Zweifel hegen, dann werfen Sie doch bitte einen Blick auf Dokument D-738, das GB-290 wird. Anscheinend hatten Sie mit diesen beiden Herren zwei Tage später noch mals eine Unterredung. Sehen Sie sich bitte einmal den letzten Satz an:

»Er (der Reichsaußenminister) wies sodann erneut darauf hin, daß Polen für uns kein militärisches Problem bedeute. Bei einer militärischen Auseinandersetzung würden die Engländer die Polen eiskalt im Stich lassen.«

Das ist doch ziemlich klar:

»Die Engländer würden die Polen eiskalt im Stich lassen.«

VON RIBBENTROP: Ich weiß nicht, auf welcher Seite das ist.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist Absatz 7 des Berichts vom 1. Mai, der letzte Satz meines Zitats. Der Bericht ist von einem Herrn von Erdmannsdorff unterzeichnet. Der fragliche Satz steht über seiner Unterschrift. Die Worte, über welche ich Sie befrage, sind folgende:

»Bei einer militärischen Auseinandersetzung würden die Engländer die Polen eiskalt im Stich lassen.«

VON RIBBENTROP: Auf Seite 8? Auf welcher Seite, darf ich fragen?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Mein Passus ist Absatz 7. Er beginnt mit den Worten:

»Der Herr RAM kam sodann nochmals auf unsere Einstellung zur Polenfrage zu sprechen und bemerkte, die polnische Haltung hätte bei uns starke Verbitterung ausgelöst.«

VON RIBBENTROP: Das ist durchaus denkbar, daß ich so etwas gesagt habe; wenn es gesagt worden ist, dann ist es deshalb getan, um die Ungarn nicht irgendwie zu beunruhigen und irgendwie bei der Stange zu halten. Das ist diplomatisches Gespräch, das ist ja klar.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Finden Sie nicht, daß man in politischen Unterredungen die Wahrheit sagen muß?


VON RIBBENTROP: Darum handelt es sich nicht, sondern es handelt sich darum, eine Situation herbeizuführen, um diese Frage, auch die polnische, in einer diplomatischen Form zu lösen. Wenn ich nun heute den Ungarn sagen würde, und das trifft auch für die Italiener zu, daß England für Polen eingreifen würde und hier ein großer Krieg und so weiter daraus entstände, dann würde das ja natürlich eine diplomatische Situation ergeben, daß das Problem überhaupt nicht mehr zu lösen wäre. Das ist kein Zweifel, daß[408] ich in der ganzen Zeit eine sehr starke Sprache führen mußte, wie das der Führer auch immer angewiesen hat, denn wenn sein eigener Außenminister etwa andere Möglichkeiten hätte durchblicken lassen, so wäre natürlich das sehr schwierig gewesen, und ich möchte sagen, hätte bedeutet, daß das unter allen Umständen zum Krieg geführt hätte. Wir wollten aber eine starke deutsche Position herbeiführen, um dieses Problem auf friedliche Weise zu lösen. Ich darf hinzufügen, daß die Ungarn in einer gewissen Sorge wegen der deutschen Politik waren, und daß mir der Führer doch von Anfang an gesagt hat, ich möchte eine besonders klare und starke Sprache in diesen Dingen führen. Diese Sprache habe ich auch meinen eigenen Diplomaten gegenüber sehr oft verwandt, aus denselben Gründen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wollen uns glauben machen, daß Sie die Ungarn angelogen haben, daß Sie dem Gerichtshof jedoch die Wahrheit sagen. Das ist es doch, kurz gesagt, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Ich weiß nicht, ob man hier von Lügen sprechen darf, Herr Anklagevertreter. Es handelt sich hier um Diplomatie, und wenn wir eine starke Situation herbeiführen wollten, dann wollten wir uns natürlich nicht darum drücken, und wie hätte das ausgesehen, wenn der deutsche Außenminister eine Sprache geführt hätte, als ob hier nun bei dem geringsten deutschen Schritt die ganze Welt über Deutschland herfallen würde! Der Führer hat oft eine solch starke Sprache gebraucht und sie auch von mir verlangt. Ich darf nochmals betonen, daß ich selbst meinem Auswärtigen Amt gegenüber oft eine solche Sprache führen mußte, damit hier eine klare Linie herrschte; wenn der Führer zur Lösung eines Problems so oder so entschlossen war, das heißt also auch, wenn es sein müßte, zum Krieg; denn es lag ja die einzige Chance überhaupt darin, daß man eine starke Haltung einnahm, denn tat man das nicht, dann hätte es unter allen Umständen Krieg gegeben.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie bitte beachten, was Sie nach Graf Cianos Äußerungen am 11. oder 12. August, unmittelbar vor Ihrer Zusammenkunft mit Hitler, ich glaube in Salzburg, zu ihm gesagt haben. Sie entsinnen sich doch wohl, laut dem Tagebuch des Grafen Ciano hat dieser Sie gefragt: »Was wollen Sie, den Korridor oder Danzig?« Sie blickten ihn daraufhin an und antworteten: »Nicht mehr; wir wollen den Krieg.« Entsinnen Sie sich?


VON RIBBENTROP: Ja, das ist absolut unwahr. Ich habe Graf Ciano damals gesagt, das liegt in derselben Linie: »Der Führer ist entschlossen, dieses polnische Problem so oder so zu lösen.« Das war die Sprachregelung, die ich vom Führer bekommen habe. Daß ich gesagt haben sollte, wir wollen den Krieg, ist auch deshalb absurd, weil das für jeden Diplomaten klar ist, daß man so etwas [409] überhaupt nicht sagt, nicht ein mal dem allerbesten und vertrautesten Bundesgenossen, aber bestimmt nicht Graf Ciano.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie dann bitte einen Blick auf einen Bericht über die nachfolgende Unterredung werfen, die Sie mit Mussolini und Graf Ciano kurze Zeit später – am 10. März 1940 –, also ungefähr 9 Monate später, hatten. Wollen Sie bitte zu Dokument 2835-PS, das Beweisstück GB-291 wird, auf Seite 18 oder 19 übergehen.


VON RIBBENTROP: Sie meinen Seite 18?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich weise Sie nochmals darauf hin, es ist eine Unterredung zwischen Ihnen, Mussolini und Ciano vom 10. März 1940; es beginnt hier mit den Worten:

»Der RAM erinnerte daran, daß er zwar in Salzburg dem Grafen Ciano gegenüber erklärt hätte, er glaube nicht daran, daß England und Frankreich ohne weiteres Polen beistehen würden, aber daß er doch immer mit der Möglichkeit eines Eingreifens der Westmächte gerechnet hätte. Er sei jetzt froh über den Verlauf der Dinge, weil es erstens schon immer klar gewesen sei, daß die Auseinandersetzung früher oder später doch kommen müsse, und daß sie unausbleiblich sei.«

Dann sagten Sie, es wäre gut, diesen Konflikt zu Lebzeiten des Führers zu erledigen.

VON RIBBENTROP: Ja, das war nach dem Ausbruch des Krieges, war es das?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja. Ich lege Ihnen nunmehr folgende Worte vor:

»Er sei jetzt froh über den Verlauf der Dinge, weil es erstens schon immer klar gewesen sei, daß die Auseinandersetzung früher oder später doch kommen müsse, und daß sie unausweichlich sei.«

Dann sehen Sie sich bitte an, was hinter »Zweitens« steht....

VON RIBBENTROP: Darf ich darauf antworten?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, was ich jedoch Ihnen damit zeigen will ist, daß diese Worte ganz klar zeigen, daß Graf Ciano recht hat und daß Sie sehr froh waren, daß Krieg ausgebrochen war, da dies Ihrer Ansicht nach zur rechten Zeit geschehen war.


VON RIBBENTROP: Ich kann das nicht finden. Im Gegenteil, hier wird auch gesagt, »daß er doch immer mit der Möglichkeit eines Eingreifens der Westmächte gerechnet hatte«; das steht doch hier ausdrücklich da.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Doch, ich wollte Ihnen den zweiten Teil vorlegen. Ich verlasse diesen Punkt über die britische [410] Intervention. Ich wiederhole: »Er sei jetzt froh über den Verlauf der Dinge«; nun wenden Sie sich bitte dem Absatz zu, in dem es »Zweitens« heißt, damit Sie sich seiner entsinnen. In der dritten Zeile heißt es:

»Zweitens, in dem Augenblick, als England die allgemeine Wehrpflicht einführte, war es klar, daß das Verhältnis der Kräfte sich auf die Dauer nicht zugunsten Italiens und Deutschlands gestalten würde.«

VON RIBBENTROP: Darf ich fragen, wo das steht?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Einige Zeilen weiter unten. Das Wort »Zweitens« ist unterstrichen, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Nein, bei mir ist es nicht hier – – Ja, hier ist es.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: »Zweitens, in dem Augenblick, als England die allgemeine Wehrpflicht einführte....«, etwa zehn Zeilen weiter.


VON RIBBENTROP: Ja. Was möchte der britische Anklagevertreter damit beweisen? Ich verstehe das nicht ganz.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte, daß Sie sich den nächsten Satz ansehen, bevor Sie meine Frage beantworten:

»Dies sei mitbestimmend für den Entschluß des Führers gewesen, die polnische Frage zu lösen, selbst auf die Gefahr eines Eingreifens der Westmächte. Das Entscheidende aber sei gewesen, daß sich eine Großmacht gewisse Dinge nicht bieten lassen könne.«

Ich behaupte....

VON RIBBENTROP: Ja, das scheint mir richtig.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Solcher Art war damals Ihr Standpunkt, und Sie haben ihn später als den Ihren erklärt, das heißt, Sie waren entschlossen, die polnische Frage zu lösen, selbst wenn es Krieg bedeuten würde. Graf Ciano hatte vollkommen recht, als er sagte, daß Sie den Krieg wollten. Das ist es, was ich Ihnen vorhalte.


VON RIBBENTROP: Nein, das ist nicht richtig, sondern ich habe Graf Ciano damals in Berchtesgaden gesagt, daß der Führer entschlossen ist, das Problem so oder so zu lösen. Diese Sprachregelung war deshalb schon notwendig, weil der Führer überzeugt war, daß, was auch immer in Rom bekannt wird, sofort nach Paris, London und so weiter ginge. Er wünschte daher eine klare Sprache, damit Italien diplomatisch auf unserer Seite stände. Wenn der Führer gesagt hätte, er wäre, oder ich gesagt hätte, der Führer wäre nicht so entschlossen, diese Frage zu lösen, dann wäre das zweifellos sofort [411] weiterberichtet worden. Da der Führer aber entschlossen war, sie unter Umständen auch kriegerisch zu lösen, wenn sie anders nicht zu lösen war, hätte das ja den Krieg bedeutet, daher die ganz klare, starke diplomatische Haltung, die ich damals in Salzburg einnehmen mußte. Ich weiß nur nicht, wieso dieses, was jetzt hier gesagt wird, dem irgendwie widerspricht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte nunmehr, daß Sie sich der letzten Augustwoche zuwenden. Wir wollen die Angelegenheit sehr kurz behandeln, da wir noch sehr viel vor uns haben.

Sie haben in Ihren Aussagen zugegeben, daß der Führer am 25. August den für den Morgen des 26. geplanten Angriff abgeblasen hat. Sie entsinnen sich? Ich möchte, daß Sie die Daten beachten.


VON RIBBENTROP: Das Datum kenne ich genau.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie waren im Gerichtssaal an dem Tage, als Dahlerus seine Aussagen machte und haben es gehört, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Ja, ich war hier.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Darf ich Sie nun an das Datum erinnern. Am Abend des 24. ersuchte der Angeklagte Göring Herrn Dahlerus, sich am nächsten Morgen nach London zu begeben, um ein Vorwort – eine Vorbotschaft – zu übermitteln, was der Führer Sir Nevile Henderson am 25. zu erklären beabsichtigte. Entsinnen Sie sich, daß er das ausgesagt hat? Und am 25., um 1.30 Uhr...


VON RIBBENTROP: Ich entsinne mich der Daten nicht genau, aber es wird wohl stimmen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich kenne diese Daten ziemlich genau und der Gerichtshof wird mich verbessern, wenn ich mich irre. Ich gebe sie an, so wie ich sie hier nachsehe. Es war am Abend des 24.; Dahlerus reiste am Morgen des 25. ab; dann um 1.30 am 25. – Sie sagten gegen Mittag und ich möchte mich mit Ihnen nicht um Minuten streiten – also am Mittag des 25. sah der Führer Sir Nevile Henderson...


VON RIBBENTROP: Ja, das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE:... und überreichte ihm die sogenannte Verbalnote, das heißt eine allgemein gehaltene Anfrage.


VON RIBBENTROP: Nein, die ist erst abends gegeben worden, mittags hat er nur mit ihm gesprochen und ich habe ihm abends den Gesandten Schmidt geschickt und diese Verbalnote überbringen lassen. Ich glaube, so ist es gewesen, mit einer besonderen Botschaft, worin ich nochmals bat, seiner Regierung ans Herz zu legen, wie ernst der Führer das Angebot oder diese Botschaft meinte. Das steht, glaube ich, in den Dokumenten des Britischen Blaubuches.

[412] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ganz gleich, wann Sie ihm die eigentliche Note gegeben haben, jedenfalls hat Hitler ihm die allgemeinen Ansichten in einer mündlichen Besprechung, die er mit Sir Nevile gegen Mittag hatte, mitgeteilt.


VON RIBBENTROP: Ja, das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und der Angriff wurde tatsächlich erst am Morgen des 26. abgeblasen, wie Sie aussagten, nachdem Sie gegen drei Uhr die Botschaft von Herrn Mussolini sowie die Nachricht erhalten hatten, daß das englisch-polnische formelle Abkommen an diesem Nachmittag gegen vier Uhr unterzeichnet werden sollte. Das waren Ihre Aussagen.

Ich halte Ihnen nun folgendes vor: Zu dem Zeitpunkt, als Herr Dahlerus entsandt und diese Note überreicht wurde, zu dem Zeitpunkt als der Führer mit Sir Nevile Henderson sprach, war es Deutschlands Absicht, am Morgen des 26. anzugreifen. Daraus geht meiner Ansicht nach hervor, daß sowohl die Botschaft des Herrn Dahlerus als auch die Erklärung gegenüber Sir Nevile Henderson lediglich dazu bestimmt waren, die Englische Regierung zu verwirren, in der Hoffnung, sie dahin zu beeinflussen, daß sie von ihrer Hilfe an Polen Abstand nimmt. Stimmt das?


VON RIBBENTROP: Möchten Sie, daß ich Antwort darauf gebe?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Selbstverständlich, ich frage Sie.


VON RIBBENTROP: Es ist so, die Botschaft des Herrn Dahlerus kenne ich nicht. Darüber kann ich nicht sprechen. Über das Zusammentreffen Hitlers mit Sir Nevile Henderson kann ich sagen, daß am Vormittag ich den Briefwechsel zwischen Mr. Chamberlain und Hitler las – ich glaube, vom 22. war dieser Briefwechsel –, der irgendwie in einer Art deadlock endete. Ich habe dann mit dem Führer gesprochen, ob man nicht doch noch irgendeine Anstrengung mit England machen sollte, um zu irgendeiner Lösung zu kommen. Der Führer hat dann gegen Mittag, ich glaube gegen ein oder zwei Uhr, so muß es gewesen sein, in meiner Anwesenheit Sir Nevile Henderson gesehen und hat ihm gesagt, er möge ein Flugzeug nehmen und nach London fliegen, um möglichst schnell mit der Britischen Regierung zu sprechen. Er hatte die Absicht, nach Lösung des Polenproblems nochmals mit einem umfassenden Angebot an England heranzugehen und so weiter. Er skizzierte, glaube ich, schon in der Verbalnote in großen Umrissen das Angebot. Ich habe es nicht mehr genau im Kopfe. Sir Nevile Henderson ist dann nach London geflogen. Als der Führer dieses Gespräch führte, liefen militärische Maßnahmen. Dies erfuhr ich im Laufe des Tages, weil die Absage Mussolinis, ich glaube schon früher, nicht erst um drei Uhr, sondern im Laufe des Mittags oder Vormittags, gekommen war. Ich erfuhr dann, es muß so zwischen vier und fünf Uhr nachmittags [413] gewesen sein, von der englischen Ratifizierung des polnisch-englischen Vertrags. Ich ging sofort zum Führer und schlug ihm vor, die angelaufenen militärischen Maßnahmen rückgängig zu machen; dies tat er auch nach kurzer Überlegung. Es ist kein Zweifel, daß inzwischen gewisse militärische Maßnahmen liefen. Wie weit diese gingen, kann ich leider nicht sagen, aber als der Führer dieses Angebot England schickte, diese Verbalnote, bin ich der Überzeugung gewesen und stand unter dem Eindruck, daß, wenn England irgendwie daraufhin reagiert, es zu einem kriegerischen Konflikt dann nicht kommt, und daß dann diese militärischen Maßnahmen, die, glaube ich, automatisch liefen, auch irgendwie später angehalten worden wären. Ich kann darüber im einzelnen nichts sagen. Ich entsinne mich nur an eines, daß, als ich die Verbalnote dann vom Führer bekam –, das war meiner Ansicht nach nachmittags oder gegen Abend – da waren entweder diese Maßnahmen schon angehalten oder waren jedenfalls im Begriff, angehalten zu werden. Genau zeitpunktmäßig kann ich das im Augenblick nicht mehr sagen, da müßte ich die genauen Unterlagen haben, die mir leider hier nicht zur Verfügung stehen. Aber eins ist sicher, das Angebot des Führers war damals ein Angebot, das er England machte, um zu versuchen, doch noch zu einer Lösung des polnischen Problems zu kommen. Ich habe ihn, als ich die Verbalnote sah, gefragt: »Ja, aber wie wird es denn mit der polnischen Lösung?« Daraufhin entsinne ich mich noch, daß er sagte: »Wir wollen diese Note jetzt den Engländern schicken und wenn die Engländer darauf reagieren, dann werden wir immer noch sehen, dann ist es immer noch Zeit.«

Jedenfalls wurden, glaube ich, die militärischen Maßnahmen entweder vorher schon eingestellt, als die Verbalnote überreicht wurde, oder sind jedenfalls kurz nachher eingestellt worden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie waren bei der Besprechung zwischen dem Führer und seinen Generalen am 22. August nicht zugegen. Sie müssen jedoch seit Beginn des Prozesses des öfteren den Bericht darüber gehört haben. Sie entsinnen sich, daß der Führer gemäß dem Protokoll folgendes gesagt haben soll:

»Ich werde propagandistischen Anlaß zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft. Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Bei Beginn und Führung des Krieges kommt es nicht auf das Recht an, sondern auf den Sieg.« (Dokument Nummer 1014-PS.)

Dies wurde auf dem Obersalzberg gesprochen. Hat Hitler jemals Ihnen gegenüber ähnliches zum Ausdruck gebracht?

VON RIBBENTROP: Sagten Sie am 27.?

[414] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Am 22. Ich fragte Sie, ob Hitler ähnliches Ihnen gegenüber geäußert hat.


VON RIBBENTROP: Am 22. war ich nicht zugegen, da war ich, glaube ich, unterwegs nach Moskau.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich sagte, daß Sie nicht anwesend waren. Aus diesem Grunde brachte ich es in dieser Form. Hat er jemals Ihnen gegenüber ähnliches erklärt? Sie sagen nein. Ich möchte nunmehr zum 29. kommen.


VON RIBBENTROP: Darf ich noch etwas dazu sagen?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nein. Wenn Sie sagen, daß er es Ihnen gegenüber nicht erklärt hat, werde ich die Angelegenheit nicht weiter verfolgen. Wir dürfen nicht zuviel Zeit mit diesen Einzelheiten verlieren. Ich möchte, daß Sie nun auf den 29. August zu sprechen kommen, den Tag, als Sie Sir Nevile Henderson sprachen und – während Sie mit einiger Zurückhaltung die Idee einer direkten Verhandlung mit Polen annahmen – erklärten, daß diese Verhandlungen nur unter der Bedingung stattfinden würden, daß die Polen bis zum nächsten Tag, dem 30., einen Bevollmächtigten entsandten. Entsinnen Sie sich daran?


VON RIBBENTROP: Ja, das war so, daß...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will Sie wirklich nicht unterbrechen, aber ich möchte die Angelegenheit schnell erledigen.


VON RIBBENTROP: Dann muß ich sagen, nein. Darf ich dann eine weitere Erklärung geben?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es tut mir leid, denn dies sind nur Vorfragen. Ich dachte, es wäre allgemein bekannt, daß Sie Sir Nevile am 29. sprachen und daß Sie eine Reihe von Bedingungen stellten. Eine der Bedingungen war, daß am 30. ein polnischer Unterhändler da sein müßte. Falls Sie anderer Meinung sind, sagen Sie bitte, ob ich mich irre, denn ich spreche nur nach meinem Gedächtnis.


VON RIBBENTROP: Ja, das stimmt, das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Weiterhin haben Sie uns erklärt, daß Ihr Grund dafür, Sir Nevile am 30. kein Exemplar der Bedingungen zu überreichen, vor allem der war, daß Hitler Ihnen die Anweisung gegeben hatte, keines auszuhändigen. Der seinerzeit von Ihnen angeführte Grund war, daß der polnische. Bevollmächtigte noch nicht eingetroffen sei und die Überreichung eines Exemplars der Bedingungen daher nichts nütze. Ist das nicht richtig?


VON RIBBENTROP: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Diese Bedingungen nun, die von Ihnen vorgelesen wurden, waren am 29. noch nicht fertig. Denn in [415] Ihrer Mitteilung, mit welcher Sie einen Bevollmächtigten anfordern, erklärten Sie, daß Sie, wenn er am 30. käme, die Bedingungen bis zu jenem Zeitpunkt fertig hätten. Ich darf daher wohl annehmen, daß diese Bedingungen von Hitler mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes zwischen dem 29. und 30. aufgestellt worden sind.


VON RIBBENTROP: Er hat sie persönlich diktiert. Ich glaube, es waren sechzehn Punkte, wenn ich mich recht entsinne.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, hatten Sie wirklich erwartet, daß die Polen angesichts der Behandlung, die Schuschnigg, Tiso und Hacha erfahren hatten, bereit gewesen wären, eine Fliege in das Netz der Spinne zu schicken?


VON RIBBENTROP: Wir haben ganz bestimmt damit gerechnet und darauf gehofft. Ich glaube, daß ein Wink der Britischen Regierung genügt hätte, um diesen Abgesandten nach Berlin zu bringen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie hofften, die Polen in folgende schwierige Lage zu versetzen: Entweder würden diese Bedingungen – wie Hitler sich ausdrückte – einen propagandistischen Anlaß für den Krieg abgeben; oder Sie würden in der Lage sein, durch Ausübung eines Druckes auf den polnischen Bevollmächtigten genau so zu verfahren wie damals mit Schuschnigg, Tiso und Hacha, und dadurch die Polen zum Nachgeben zu veranlassen. Waren das nicht Ihre Gedankengänge?


VON RIBBENTROP: Nein, die Situation war anders. Ich muß sagen, daß am 29. der Führer dem Englischen Botschafter sagte, er würde diese Bedingungen beziehungsweise diese Vertragsvereinbarung aufsetzen und würde sie bis zum Eintreffen eines polnischen Unterhändlers auch der Britischen Regierung zur Verfügung stellen, oder er hoffe, daß dies möglich sei – so war, glaube ich, sein Ausdruck. Sir Nevile Henderson nahm das entgegen und ich muß noch einmal erwähnen, daß der Führer, nachdem diese britische Antwort am 28. gekommen war, wiederum, trotz der unerhört gespannten Lage zwischen Deutschland und Polen, auf diesen Verhandlungsmodus eingegangen war. Das Entscheidende ist also folgendes in diesen kritischen Tagen des 30. und 31.: Der Führer hatte diese Bedingungen ausgearbeitet, England wußte, daß die Möglichkeit bestand, zu einer Lösung zu kommen. Im Laufe des gesamten 30. August haben wir von England nichts gehört, jedenfalls nichts Definitives. Erst, glaube ich, um zwölf Uhr nachts meldete sich dann der Britische Botschafter zu dieser Unterredung. Inzwischen, muß ich sagen, es war um sieben Uhr abends, waren Nachrichten von der polnischen Generalmobilmachung gekommen, die den Führer außerordentlich erregt hatten. Die Situation war dadurch außerordentlich weiter verschärft worden. Ich entsinne mich genau der Situation in der Reichskanzlei, in der damals fast stündlich Nachrichten einliefen [416] über Zwischenfälle, Flüchtlingsströme und so weiter. Es war also eine unerhört mit Elektrizität gespannte Situation. Der Führer wartete nun den ganzen 30. Es kam keine definitive Nachricht. Am 30. um Mitternacht hat dann diese Unterredung stattgefunden. Es wurde bereits hier von mir geschildert und auch von einem Zeugen, dem Dolmetscher Schmidt, ist es gesagt worden, wie diese Unterredung sich abgespielt hat. Ich habe damals mehr getan, als ich tun durfte, und Sir Nevile Henderson den gesamten Inhalt verlesen. Ich hatte die Hoffnung, daß England sich vielleicht dann doch noch irgendwie rühren würde. Der Führer hatte Sir Nevile Henderson gesagt, daß ein polnischer Unterhändler völlig gleichberechtigt behandelt werden würde. Es gab daher die Möglichkeit, daß man sich irgendwo am dritten Ort traf, oder daß einer nach Berlin kam, oder daß der Polnische Botschafter Lipski beauftragt wurde. Das waren die Möglichkeiten. Ja, ich mochte noch weiter gehen. Es war eigentlich nur notwendig im Laufe des 30. oder 31., bis spät nachts oder bis morgens, bis zum Augenblick des Vormarsches, daß zum mindesten der Polnische Botschafter Lipski wenigstens die Berechtigung erhielt, überhaupt einmal den deutschen Vorschlag entgegenzunehmen. Wäre dieses erfolgt, wären die diplomatischen Verhandlungen auf alle Fälle im Gang gewesen, und damit die Krise, zunächst jedenfalls, beseitigt gewesen. Ich glaube auch, ich habe das schon zum Ausdruck gebracht, daß gar nichts dagegen einzuwenden gewesen wäre. Ich glaube, der Führer hätte es begrüßt, wenn der Britische Botschafter sich dabei mit eingeschaltet hätte. Die Verhandlungsgrundlagen, das habe ich auch schon hier ausgeführt, waren von Sir Nevile Henderson persönlich als vernünftig bezeichnet worden. Also ein Wink der Britischen Regierung im Laufe des 30. oder 31. und die Verhandlungen auf der Basis dieser vernünftigen, von England selbst als vernünftig bezeichneten Vorschläge des Führers, wären im Gang gewesen. Es wäre nicht zu irgendeiner Situation gekommen, die etwa für die Polen besonders bedrückend gewesen wäre, sondern ich glaube, daß auf der Basis dieser vernünftigen Vorschläge, die sich durchaus an die Völkerbundssatzungen hielten und die die Abstimmung in diesen Korridorgebieten vorsahen, eine Lösung möglich gewesen wäre, die für Polen durchaus akzeptabel gewesen wäre.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof unterbricht die Sitzung für zehn Minuten.


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Angeklagter! Der Gerichtshof ersucht mich bekanntzugeben, daß seiner Ansicht nach Ihre Antworten und Erläuterungen zu lang, zu polemisch sind, daß sie Wiederholungen enthalten und Gegenstände betreffen, die vor dem Gerichtshof schon [417] so oft ausgeführt worden sind. Der Gerichtshof bittet Sie daher zu versuchen, Ihre Antworten so kurz wie möglich zu halten.

VON RIBBENTROP: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Habe ich Sie am Freitag richtig verstanden als Sie erklärten, daß Sie über die Verbindung zwischen Quisling und dem Angeklagten Rosenberg im Frühjahr und Sommer des Jahres 1939 nichts wußten? Das war lange vor dem Krieg, im Frühjahr und Sommer, vor Juni 1939?

VON RIBBENTROP: Ja, es ist so richtig, daß ich wußte, daß Rosenberg Freunde in Norwegen hatte, und daß der Name Quisling wohl auch mal gefallen ist. Für mich war dieser Name damals kein Begriff. Ich habe auf Wunsch des Führers Herrn Rosenberg damals bestimmte Gelder für seine Freunde in Norwegen zur Verfügung gestellt, für Zeitungen, Propaganda und ähnliche Zwecke.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn ich Ihre Aussagen recht verstehe, so wußten Sie nicht, daß einige Leute Quislings sich im August 1939, also vor dem Kriege, in einem Schulungslager in Deutschland befanden?


VON RIBBENTROP: Ich entsinne mich dessen nicht. Ich habe es hier durch ein Dokument gehört. Aber ich entsinne mich nicht, irgend etwas gewußt zu haben; jedenfalls, wenn ich irgend etwas davon wußte, wußte ich nicht, worum es sich im einzelnen handelte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wußten Sie, daß die in Norwegen ansässigen Deutschen kurz nach Ausbruch des Krieges dazu verwendet wurden, das Personal der verschiedenen deutschen Dienststellen, der Gesandtschaft und der Konsulate zu vergrößern?


VON RIBBENTROP: Nein, das ist mir im Augen blick überhaupt nicht gegenwärtig. Damals habe ich das wohl nie richtig erfahren, wenn das der Fall gewesen ist.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich zitiere hier das Jahrbuch der NSDAP. Ich möchte im Augenblick lediglich wissen, ob Sie davon etwas wußten oder nicht. Wenn Sie erklären, daß Sie es nicht...


VON RIBBENTROP: Nein, davon weiß ich nichts, kann ich leider nichts sagen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wußten Sie damals im Dezember 1939, daß Quisling am 16. und 18. Dezember je eine Besprechung mit Hitler gehabt hat?


VON RIBBENTROP: Nein, das wußte ich auch nicht. – Welches Datum, darf ich noch einmal bitten?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: 16. und 18. Dezember 1939 – durch Vermittlung des Angeklagten Raeder.


[418] VON RIBBENTROP: Nein, von diesen Besprechungen habe ich nach meiner. Erinnerung nichts gewußt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Also, praktisch hörten Sie zum erstenmal irgend etwas über die norwegische Angelegenheit, als Sie den Brief Raeders vom 3. April erhielten?


VON RIBBENTROP: Nein, ich glaube, das ist wohl ein Brief von Keitel gewesen. Ich glaube, das ist ein Mißverständnis.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Verzeihung, ich habe mich geirrt, entschuldigen Sie... Entsinnen Sie sich eines Schreibens von Keitel, in dem er erklärt, daß die militärische Besetzung Dänemarks und Norwegens auf Befehl des Führers vom Oberkommando der Wehrmacht von langer Hand vorbereitet war, und daß das Oberkommando der Wehrmacht daher genügend Zeit gehabt hat, sich mit allen mit der Ausführung dieser Operation im Zusammenhang stehenden Fragen zu beschäftigen?

Sie sind also, Herr Zeuge – vielleicht kann ich die Angelegenheit kürzer fassen –, keine sehr geeignete Person zur Beantwortung von Fragen über die frühen Vorbereitungen hinsichtlich Norwegens, weil Sie über die früheren Unterredungen zwischen Quisling, Raeder und Hitler nicht unterrichtet waren. Stimmt das? Wenn das zutrifft, werde ich diesen Gegenstand verlassen.


VON RIBBENTROP: Nein, ich war daran nicht beteiligt. Ich möchte nur kurz eines klarstellen: Daß ich auch diesen Brief, wieso weiß ich nicht, erst einige Tage später empfangen habe. Die erste Nachricht von der Absicht, Norwegen zu besetzen, wegen der bevor stehenden englischen Landung, erhielt ich durch den Führer ungefähr 36 Stunden vorher. Dieser Brief muß also irgendwie länger gelaufen sein, als er hätte laufen dürfen. Ich habe ihn erst nachher gesehen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann werde ich keine Zeit mehr darauf verwenden, da noch sehr viel vor uns liegt, und werde nunmehr sofort auf die Frage der Niederlande übergehen. Sie haben mich und andere Personen mehrmals die Erklärung Hitlers vom 22. August 1939 verlesen hören.

»Es wäre nun noch die Möglichkeit der Verletzung der Neutralität von Holland, Belgien und der Schweiz. Ich habe keinen Zweifel, daß alle diese Staaten und auch Skandinavien ihre Neutralität mit allen Mitteln verteidigen werden. England und Frankreich werden die Neutralität dieser Länder nicht verletzen.« (Dokument Nummer 798-PS.)

Das hat Hitler am 22. August gesagt. Sie waren damals nicht anwesend und ich frage Sie nochmals, ob er Ihnen gegenüber die gleiche Ansicht zum Ausdruck gebracht hat.

[419] VON RIBBENTROP: Nein, das hat er nicht getan.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wußten Sie, daß bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt, am 7. Oktober 1939, ein Armeegruppenbefehl des Inhalts erteilt worden war, daß Armeegruppe B alle in einem Sonderbefehl vorgeschriebenen »Vorbereitungen zu sofortigem Einrücken in holländisches und belgisches Gebiet zu treffen« habe, »falls die politische Lage es erfordert«. Wußten Sie am 7. Oktober von diesem Befehl?


VON RIBBENTROP: Nein, ich glaube, ich habe ihn hier gesehen, ich kannte ihn vorher nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wußten Sie, daß Hitler am 9. Oktober folgende Weisung ergehen ließ:

»...Ein längeres Abwarten führt nicht nur zu einer Beseitigung der belgischen, vielleicht auch der holländischen Neutralität zugunsten der Westmächte, sondern stärkt auch die militärische Kraft unserer Feinde in zunehmendem Maße, läßt das Vertrauen der Neutralen auf einen Endsieg Deutschlands schwinden...

Am Nordflügel der Westfront ist durch den luxemburgisch-belgischen und holländischen Raum eine Angriffsoperation vorzubereiten. Dieser Angriff muß so stark und so frühzeitig als möglich geführt werden.« (Dokument Nummer C-62.)

Wußten Sie, daß Hitler diese Weisung am 9. Oktober erteilt hat?

VON RIBBENTROP: Nein, das wußte ich nicht.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Was Sie also betrifft, so erklären Sie dem Gerichtshof, daß Hitler im August und Oktober seine Versicherung, seine zahlreichen Versicherungen abgab, ohne seinen Außenminister davon in Kenntnis zu setzen, daß er am 7. und 9. Oktober die Weisung für den Angriff auf die Niederlande erteilt hatte, ohne Sie von seinem Befehl oder seiner Weisung zum Angriff auf die Niederlande in Kenntnis zu setzen. Sind Sie dessen sicher?


VON RIBBENTROP: Ich bin ziemlich sicher, sonst würde ich mich dessen entsinnen. Ich weiß eines, daß solche Gedanken, ob man im Westen offensiv vorgehen würde, nach dem Polenkrieg so gelegentlich gesprächsweise erörtert wurden, aber von irgendwelchen Befehlen habe ich nichts gehört.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut, wenn Sie weiter nichts darüber wußten, dann wollen wir zu etwas anderem übergehen, über das Sie etwas mehr wußten. Entsinnen Sie sich an die Besprechung zwischen Hitler, Ihnen und Graf Ciano auf dem Obersalzberg am 12. August 1939?


VON RIBBENTROP: Ja, ich habe das Dokument, die Niederschrift hierüber, hier gesehen.


[420] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann bitte ich Sie, sich dieses Dokument auf Seite 181 anzusehen. Ich bitte Sie, den Satz, den ich verlesen werde, mitzulesen. Das müßte auf Seite 182 sein. Es ist bei mir auf der zweiten Seite und der Absatz beginnt mit den Worten: »Da Polen durch seine ganze Haltung zu er kennen gebe...«


VON RIBBENTROP: Ich habe es noch nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: »Da Polen durch seine ganze Haltung zu erkennen gebe...«


VON RIBBENTROP: Auf Seite 2?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist bei mir auf Seite 2, es ist vielleicht etwas weiter unten bei Ihnen.


VON RIBBENTROP: Ist es der Anfang eines Absatzes?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja. »Da Polen durch seine ganze Haltung zu erkennen gebe...« Es ist zwei Absätze nach einer ausgeworfenen Zeile, welche lautet: »Hier gab Graf Ciano einige Zeichen...«


VON RIBBENTROP: Ich habe es gefunden, ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sehen Sie sich bitte den nächsten Satz an:

»Ganz allgemein gesprochen sei es überhaupt das Beste, wenn die falschen Neutralen einer nach dem anderen liquidiert würden. Dieses ließe sich verhältnismäßig einfach durchführen, wenn jeweils der eine Partner der Achse dem anderen, der gerade einen der unsicheren Neutralen erledigte, den Rücken deckte und umgekehrt. Für Italien sei wohl Jugoslawien als ein derartiger unsicherer Neutraler anzusehen. Bei dem Besuche des Prinzregenten Paul habe er (der Führer) diesem besonders auch mit Rücksicht auf Italien nahegelegt, durch eine Geste seine politische Einstellung der Achse gegenüber zu klären. Er hat dabei an eine engere Verbindung an die Achse und an den Austritt Jugoslawiens aus dem Völkerbund gedacht. Dieser letztere sei auch vom Prinzen Paul zugesagt worden. Vor kurzem sei der Prinzregent in London gewesen und habe dort Rückversicherungen bei den Westmächten gesucht. Es habe sich hier das wiederholt, was man mit Gafencu erlebt hatte, der auch bei seinem Besuch in Deutschland außerordentlich vernünftig gewesen wäre und jedes Interesse an den Zielen der westlichen Demokratie abgeleugnet habe.« (Dokument 1871-PS.)

Das war also Hitlers Formulierung seiner eigenen Politik. Ich darf wohl annehmen, daß das die Politik war, bei deren Durchführung Sie Hilfestellung gaben, das heißt also der Politik der [421] Liquidierung der falschen Neutralen, einer nach dem anderen, einschließlich Jugoslawiens.

VON RIBBENTROP: Nein, so kann man das nicht verstehen, sondern ich muß dazu folgendes bemerken: Die Situation war damals die, daß Adolf Hitler unter allen Umständen Italien bei der Stange halten wollte. Italien war immer ein sehr unsicherer Kantonist. Daher hat der Führer damals in einer Form gesprochen, um sozusagen Italien zu sagen, daß, falls es mit Jugoslawien zu irgendwelchen Schwierigkeiten käme, er Italien beistehen würde. Es ist dies nur aus der Situation zu verstehen, und die war so, daß Deutschland mit der Hilfe Italiens bereits einige seiner Revisionen in Europa bis auf Danzig und den Korridor friedlich durchgesetzt hatte, wobei Mussolini Adolf Hitler zur Seite stand. Ich entsinne mich der Situation.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das ist eine sehr lange Erklärung, die jedoch keine Erläuterung der Worte darstellt, die ich Ihnen vorgehalten habe, und auf die es ankommt: »Ganz allgemein gesprochen sei es überhaupt das Beste, wenn die falschen Neutralen einer nach dem anderen liquidiert würden.« Leugnen Sie, daß Ihre Politik darin bestand, unsichere Neutrale zu liquidieren?


VON RIBBENTROP: Nein, das ist es nicht gewesen, sondern das kann man nicht so wörtlich nehmen, denn in diplomatischen Gesprächen – ich nehme an, daß das bei anderen Staaten nicht anders ist – werden manchmal viele Dinge gesagt...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie bitte...


VON RIBBENTROP: Das war die Frage Jugoslawien.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Mussolini war stets der Ansicht, daß der Balkan bei allererster Gelegenheit angegriffen werden sollte.


VON RIBBENTROP: Das weiß ich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich Dokument 2818-PS ansehen?

Euer Lordschaft! Das wird GB-292.

Beachten Sie bitte, daß dieses Dokument das geheime Zusatzprotokoll zu dem Freundschafts- und Bündnispakt zwischen Deutschland und Italien vom 22. Mai 1939 darstellt. Einige Kommentare von Mussolini vom 30. Mai 1939 sind angefügt. Haben Sie es?


VON RIBBENTROP: Darf ich bitten, auf welcher Seite?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich wollte Sie nur auf zwei Stellen hinweisen. Haben Sie die Stelle, wo die Kommentare Mussolinis beginnen? Nach dem Vertrag selbst; sehen Sie den Kommentar Mussolinis?


[422] VON RIBBENTROP: Ja, das habe ich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nr. I lautet:

»Der Krieg zwischen den plutokratischen und deshalb selbstsüchtig konservativen und den stark bevölkerten und armen Nationen ist unvermeidlich. Dieser Sachlage nach muß man sich entsprechend vorbereiten.«

Und dann gehen Sie zu Paragraph VII über. Mussolini hofft, daß der Krieg aufgeschoben wird und erwähnt, was geschehen sollte, wenn Krieg ausbricht. Er sagte folgendes:

»Der Krieg, den die großen Demokratien vorbereiten, ist ein Erschöpfungskrieg. Man muß deswegen von der härtesten Voraussetzung ausgehen, welche die hundertprozentige Wahrscheinlichkeit in sich birgt. Die Achse wird von der übrigen Welt nichts mehr bekommen. Diese Ausnahme wäre schwer, aber die von der Achse erreichten strategischen Stellungen verringern bedeutend die Schwere und die Gefahr eines Erschöpfungskrieges. Zu diesem Zwecke muß man sich, gleich nach den ersten Stunden des Krieges, des ganzen Donau- und Balkanbeckens bemächtigen. Man wird sich mit Neutralitätserklärungen nicht zufriedenstellen dürfen, sondern die Gebiete besetzen und dieselben zur Beschaffung von den erforderlichen Nahrungs- und Industrie-Kriegsvorräten ausnützen müssen.«

Haben Sie das gesehen?

VON RIBBENTROP: Ja, das habe ich.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sind Sie nicht der Ansicht, daß Mussolini den Standpunkt vertrat, daß der Balkan bei allererster Gelegenheit angegriffen werden müsse?


VON RIBBENTROP: Das sind Äußerungen von Mussolini, die ich hier zum ersten Male sehe, ich kannte sie nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann wollen wir zu Hitlers Bemerkungen übergehen, die Sie mehr als einmal gesehen haben. Entsinnen Sie sich, daß nach dem Simowitsch-Putsch am 27. März eine Besprechung mit Hitler stattfand, in der er seine Politik bekanntgab:

»Führer ist entschlossen, ohne mögliche Loyalitätserklärungen der neuen Regierung abzuwarten, alle Vorbereitungen zu treffen, um Jugoslawien militärisch und als Staatsgebilde zu zerschlagen. Außenpolitisch werden keine Anfragen oder Ultimaten gestellt werden. Zusicherungen der jugoslawischen Regierung, denen für die Zukunft doch nicht zu trauen ist, werden zur Kenntnis genommen. Angriff wird beginnen, [423] sobald die hierfür geeigneten Mittel und Truppen bereitstehen.« (Dokument 1746-PS.)

Entsinnen Sie sich, daß Hitler das am 27. März gesagt hat?

VON RIBBENTROP: Ich habe das nicht in Erinnerung, darf ich vielleicht das Dokument sehen?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Können Sie sich nicht entsinnen? Hitlers Erklärung ist des öfteren vor diesem Gerichtshof verlesen worden.

VON RIBBENTROP: An die einzelnen Worte nicht, aber an den Inhalt ungefähr, ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich, daß das der Sinn desselben war? Ich las seine Worte. Das war die Politik...


VON RIBBENTROP: Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen: »der Sinn desselben«.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich werde es Ihnen jetzt vorhalten. Ich will damit sagen, daß Ihre Politik darin bestand, Jugoslawien anzugreifen, ohne erst Versicherungen von ihm zu fordern, ohne eine diplomatische Aktion irgendwelcher Art. Sie beschlossen, Jugoslawien anzugreifen und Belgrad zu bombardieren. Stimmt das?


VON RIBBENTROP: Nein, das lag völlig anders und ich bitte, dazu den wirklichen Sachverhalt darlegen zu dürfen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte, daß Sie die Punkte erläutern, die ich im einzelnen verlesen und erwähnt habe: »Keine diplomatischen Anfragen werden gestellt werden.« Warum entschloß sich Hitler und warum unterstützten Sie ihn dabei, Jugoslawien anzugreifen, ohne diplomatische Anfragen zu stellen, ohne der neuen Regierung überhaupt die Möglichkeit zu geben, Ihnen Zusicherungen zu geben? Warum taten Sie das?


VON RIBBENTROP: Weil die neue Regierung gebildet worden ist vor allem durch England, wie mir im Laufe der Vorverhandlungen einer der vernehmenden englischen Herren selbst zugegeben hat. Es war daher völlig klar damals für den Führer, als der Simowitsch-Putsch durchgeführt worden war, daß hinter der Regierung Simowitsch die damaligen Feinde Deutschlands standen, und daß diese die Armee mobilisierte – diese Nachrichten lagen vor –, um der italienischen Armee in den Rücken zu fallen. Es ist nicht meine Politik gewesen, sondern zu dieser Besprechung, von der Sie eben sprechen, bin ich, glaube ich, erst später hinzugezogen worden, und Hitler hat damals apodiktisch seine Stellung kundgegeben, ohne daß es von irgendeiner Seite zum Widerspruch kam. Ich bitte hierzu die Herren Militärs als Zeugen zu vernehmen. Ich [424] war dabei gewesen, ich habe damals einen ernsten Auftritt mit dem Führer gehabt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Hielten Sie es für richtig, dieses Land anzugreifen, ohne daß diplomatische Schritte irgendwelcher Art unternommen worden waren, »mit unbarmherziger Härte«, wie Hitler sich ausdrückte, militärische Zerstörungen zu verursachen und die Hauptstadt Belgrad durch Wellen von Bombern zu zerstören. Hielten Sie das für richtig? Ich stelle eine einfache Frage. Hielten Sie es für richtig?


VON RIBBENTROP: Ich kann diese Frage, wenn Sie es wünschen, weder mit Ja noch mit Nein beantworten, ohne eine Erklärung abzugeben.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann brauchen Sie keine Antwort zu geben. Wenn Sie diese Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten können, brauchen Sie sie überhaupt nicht zu beantworten. Gehen Sie bitte zu dem nächsten Punkt über, zu der russischen Frage.

Wenn ich Ihre Erklärungen richtig verstanden habe, so sagten Sie, daß Hitler den Entschluß, die Sowjetunion anzugreifen, nach dem Besuche Molotows in Berlin am 12. November 1940 – wenn ich mich recht erinnere – gefaßt hatte.


VON RIBBENTROP: Das habe ich nicht gesagt, das wußte ich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn ich jedoch recht verstanden habe, so war einer der Gründe, die Sie zur Rechtfertigung des Angriffs auf die Sowjetunion anführten, die von Molotow während seines Besuches im November 1940 abgegebene Erklärung. Haben Sie das nicht behauptet?


VON RIBBENTROP: Das war einer der Gründe, die den Führer besorgt machten. Von einem Angriff wußte ich damals nichts.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wissen, daß der Angeklagte Jodl erklärt, daß Hitler ihm selbst während des Westfeldzugs, das heißt Mai-Juni 1940, gesagt hat, daß er den entscheidenden Entschluß gefaßt habe, gegen diese Gefahr, das heißt die Sowjetunion, Schritte zu unternehmen, »sobald es unsere militärische Lage irgendwie erlaubte«. Wußten Sie das?


VON RIBBENTROP: Das habe ich jetzt hier in Nürnberg gehört.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das ist L-172, US-34, Jodls Vortrag. Und wußten Sie, daß General Thomas am 14. August 1940 während einer Besprechung mit Göring davon unterrichtet wurde, daß der Führer pünktliche Lieferungen an die Russen lediglich bis zum Frühjahr 1941 wünsche, und daß er »später kein Interesse [425] mehr an einer völligen Befriedigung der russischen Forderungen habe«?

Wußten Sie das?


VON RIBBENTROP: Nein, das wußte ich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wußten Sie, daß General Thomas und die Staatssekretäre Körner, Neumann, Becker sowie General von Hannecken im November 1940 von Göring über die im Osten geplante Aktion unterrichtet wurden?

Wußten Sie das?

VON RIBBENTROP: Nein, das wußte ich auch nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wissen heute, nicht wahr, daß lange bevor irgendeiner der Punkte, die während Molotows Besuch aufgeworfen worden waren, zur Diskussion stand, Hitler bereits entschlossen war, die Sowjetunion anzugreifen?


VON RIBBENTROP: Nein, das wußte ich keineswegs. Ich wußte, daß Hitler Bedenken hatte, aber von einem Angriff wußte ich nichts. Ich habe von militärischen Vorbereitungen nichts erfahren, weil die ja grundsätzlich getrennt behandelt wurden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Selbst als Hitler am 18. Dezember die Anweisung Nr. 21 über »Barbarossa« erließ, hat er Ihnen nichts davon gesagt?


VON RIBBENTROP: Jawohl, denn gerade im Dezember habe ich nochmals, wie ich mich zufällig genau entsinne, mit dem Führer eine lange Aussprache gehabt, um sein Einverständnis dafür zu gewinnen, die Sowjetunion als Partner zum Dreier-Pakt zu bekommen und aus dem Pakt einen Viermächte-Pakt zu machen. Adolf Hitler war damals nicht hundertprozentig von dem Gedanken mehr eingenommen, das merkte ich, aber er sagte mir: »Wir haben schon dies und das zusammen durchgeführt, vielleicht schaffen wir auch das noch«. Das waren seine Worte. Das war im Dezember, darüber liegt, glaube ich, auch ein Affidavit eines Zeugen vor, das die Verteidigung noch vorbringen wird.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Begreifen Sie, was Sie da sagen? Dies liegt zeitlich nach der Mitteilung des Angeklagten Göring an General Thomas und die genannten Staatssekretäre, und nach der tatsächlichen Herausgabe der Weisung für die Aktion »Barbarossa«. Und Sie behaupten, daß Hitler Ihren Vorschlag, zu versuchen, die Sowjetunion zum Eintritt in den Dreier-Pakt zu bewegen, angehört hat, ohne Ihnen gegenüber zu erwähnen, daß die Befehle für den Angriff auf die Sowjetunion bereits fertig vorlagen? Erwarten Sie wirklich, daß Ihnen das irgend jemand glaubt?


VON RIBBENTROP: Ich habe die Frage nicht genau verstanden.


[426] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich habe Sie gefragt, ob Sie wirklich erwarten, daß irgend jemand glaubt, daß Hitler sich von Ihnen hat sagen lassen, Sie beabsichtigten, die Sowjetunion zum Beitritt zu dem Dreimächte-Pakt aufzufordern, nachdem so und so oft verkündet worden war, daß das Reich die Sowjetunion angreifen würde, und nachdem die tatsächlichen Befehle für den Angriff ergangen waren. Waren das Ihre Erklärungen?

VON RIBBENTROP: Jawohl, es ist genau so gewesen. Ich habe das im Dezember Hitler nochmals vorgeschlagen und habe seine Approbation für weitere Verhandlungen bekommen. Von einem Angriffskrieg gegen Rußland wußte ich nichts im Dezember.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und natürlich erhielt Ihr Ministerium über die Sowjetunion und über die Unwahrscheinlichkeit einer Einmischung der Sowjetunion in gegen Deutschland gerichtete politische Angelegenheiten äußerst günstige Berichte. Trifft das für die Berichte Ihres Botschafters und Ihrer eigenen Leute aus Rußland zu?


VON RIBBENTROP: Berichte dieser Art kamen von der Botschaft in Moskau. Ich habe sie wiederholt, das heißt überhaupt laufend dem Führer vorgelegt, aber der Führer äußerte sich, daß Diplomaten und Militärattachés in Moskau die schlechtest informierten Menschen der Welt seien. Das war seine Antwort.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das war also Ihre ehrliche, auf Ihren eigenen Informationen gegründete Ansicht, daß Rußland keine Gefahr darstellte, daß Rußland das mit Ihnen getroffene Abkommen ehrlich einhalten würde. Das war Ihre aufrichtige Überzeugung, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Nein, das habe ich nicht gesagt, sondern ich sagte, das waren die Diplomatenberichte, die wir aus Moskau bekamen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Glaubten Sie ihnen denn nicht, glaubten Sie selbst Ihren eigenen Beamten nicht?


VON RIBBENTROP: Ich war auch sehr skeptisch, ob diese Berichte zutreffend waren, denn es lagen beim Führer, wo die ganzen Nachrichtendienste zusammenkamen, Nachrichten ganz anderer Art vor, und die politische Haltung wies auch in andere Richtung.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Jedenfalls beteiligte sich ab Frühjahr 1941 Ihr Amt an den Vorbereitungen für den Angriff gegen die Sowjetunion, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Ich weiß es nicht genau, wann. Aber im Frühjahr spitzten sich die Dinge zu, und es müssen Besprechungen von irgendwelchen Instanzen gewesen sein, die sich um die Möglichkeit [427] eines Konfliktes mit der Sowjetunion drehten. Im einzelnen weiß ich das aber nicht mehr genau.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut. Ich möchte auch hier nicht allzuviel Zeit verschwenden. Es stimmt doch, nicht wahr, daß Sie im April 1941 in Zusammenarbeit mit Rosenbergs Dienststelle die Übernahme der Ostgebiete vorbereiteten, und daß Sie am 18. Mai ein Memorandum über die Vorbereitung der Seekriegsführung herausgegeben haben?


VON RIBBENTROP: Was die Vorbereitungen mit Rosenberg betrifft, so ist das ein Irrtum. Nach meiner Erinnerung habe ich über dieses Thema mit Rosenberg erst nach Kriegsausbruch gesprochen. Was dieses Marine-Memorandum anbetrifft, so habe ich das Dokument hier gesehen. Ich habe es vorher nicht gekannt. Ich glaube, es ist ein Eventualgutachten über völkerrechtliche Dinge, die im Falle eines Krieges in der Ostsee in Frage kommen könnten. Ein solches Gutachten war zweifellos abgegeben worden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es besagt: »Das Auswärtige Amt hat für ›Barbarossa‹ anliegenden Entwurf für Erklärung von Operationsgebieten vorbereitet.« Erinnern Sie sich daran nicht?


VON RIBBENTROP: Nein, das ist auch, glaube ich, damals nicht zu mir gekommen. Das ist wahrscheinlich von einer anderen Instanz erledigt worden. Selbstverständlich trage ich für alles, was in meinem Ministerium vorgekommen ist, die Verantwortung.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: War Botschafter Ritter nicht der Verbindungsmann zwischen Ihrem Amt und der Wehrmacht?

VON RIBBENTROP: Jawohl, das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich bitte Sie nochmals, mir bei ein oder zwei Punkten behilflich zu sein. Sie haben uns erklärt, daß Sie seinerzeit, 1936, den Antikomintern-Pakt abgeschlossen haben. Damals war der Antikomintern-Pakt natürlich gegen die Sowjetunion gerichtet. Sie sagten das ja auch selbst, glaube ich. Das trifft doch zu, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Ja, es war ein mehr weltanschaulicher Pakt, der natürlich auch ein gewisses Politikum in sich barg. Es ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und dieser wurde durch den Dreier-Pakt vom 27. September 1940 erweitert? Das war eine Erweiterung des ersten Paktes, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Das hatte mit dem ersten Pakt an sich nichts zu tun, denn dieses war ein rein politisch-militärisch-wirtschaftliches Bündnis.


[428] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist jedoch Tatsache – und ich hoffe, dies ganz kurz behandeln zu können –, daß Sie Japan drängten, bereits sehr früh, im März 1941, in den Krieg einzutreten.


VON RIBBENTROP: Das dürfte stimmen, damals zu einem Angriff gegen England.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja. Ich fasse mich kurz, da Sie Ihre Erklärung bereits abgegeben haben. Sie sagen, daß Sie sich mit England im Kriege befanden und daher berechtigt waren, in den Japanern einen Bundesgenossen zu sehen. Wollen Sie das zum Ausdruck bringen?


VON RIBBENTROP: Ich glaube, daß ich nichts anderes getan habe, als alle Diplomaten tun, wie zum Beispiel auch Großbritannien in Amerika versucht hat, und später in Rußland.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will über diesen Punkt keine weiteren Fragen stellen. Sie kamen bereits sehr früh auf den Gedanken, daß, wenn Japan in den Krieg eintreten würde, die Möglichkeit bestände, daß Amerika kurze Zeit später auch dazu gebracht werden könnte? Und Sie waren sich im April 1941 darüber im klaren, daß, falls Japan durch seinen Eintritt in den Krieg in einen Konflikt mit Amerika verwickelt würde, Sie bereit seien, auch gegen die Vereinigten Staaten zu kämpfen. Das stimmt, nicht wahr?


VON RIBBENTROP: Nein, das stimmt nicht so, sondern ich glaube, alles getan zu haben bis zu dem Tag von Pearl Harbor, um Amerika aus dem Krieg herauszuhalten. Ich glaube auch, daß das durch viele Dokumente, die ich zum Teil zum erstenmal hier gesehen habe, bewiesen werden kann.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Da Sie das behaupten, möchte ich, daß Sie einen Blick auf das Dokument auf Seite 352 in Ihrem Dokumentenbuch werfen, Seite 204 im englischen Dokumentenbuch.


VON RIBBENTROP: Ja, ich kenne dieses Dokument. Ich habe das hier schon gelesen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das war eine Woche vor Pearl Harbor am 29. November. Sie sollen dem Japanischen Botschafter gegenüber nach dessen Aussagen folgendes erklärt haben. Sehen Sie sich bitte den ersten Satz an:

»Ribbentrop: Es ist wichtig, daß Japan die Neuordnung in Ostasien beeinflußt, ohne diese Gelegenheit vorbeigehen zu lassen. Es gab niemals eine Zeit und wird wahrscheinlich nie wieder eine Zeit geben, in der engste Zusammenarbeit unter dem Dreier-Pakt so wichtig ist. Wenn Japan jetzt zögert und Deutschland mit dem Aufbau seiner europäischen Neuordnung vorangeht, dann wird die gesamte militärische Macht Englands und der Vereinigten Staaten sich auf Japan konzentrieren.

[429] Wie der Führer Hitler heute sagte, bestehen allein in der Existenzberechtigung zwischen Deutschland und Japan und den Vereinigten Staaten grundlegende Unterschiede. Wir sind davon in Kenntnis gesetzt worden, daß praktisch keine Hoffnung besteht, daß die Verhandlungen zwischen Japan und den Vereinigten Staaten erfolgreich ab geschlossen werden, weil die Vereinigten Staaten sich hartnäckig zeigen.

Wenn das wirklich die Sachlage ist, und wenn Japan sich entschließt, England und die USA zu bekämpfen, dann bin ich überzeugt, daß das nicht nur im gemeinsamen Interesse Deutschlands und Japans liegt, sondern auch günstige Folgen für Japan selbst haben würde.« (Dokument D-656.)

Wollen Sie angesichts dieses Dokuments und der Erklärung, die Sie dem Japanischen Botschafter gegenüber abgegeben haben, immer noch behaupten, daß Sie versucht haben, einen Krieg mit den Vereinigten Staaten zu vermeiden? Ich behaupte, daß Sie alles getan haben, um Japan zu einem Krieg mit den Vereinigten Staaten zu ermuntern.

VON RIBBENTROP: Herr Anklagevertreter, das stimmt nicht. Ich muß Ihnen widersprechen. Ich kenne dieses Dokument nicht, ich weiß auch nicht, woher das stammt. Jedenfalls habe ich unter keinen Umständen das so gesagt, und ich bedauere, daß die gesamten Dokumente, die beweisen, daß ich immer wieder bestrebt war, die Vereinigten Staaten aus einem Krieg herauszuhalten, hier noch nicht verlesen worden sind. Dieses Dokument habe ich hier gesehen, und ich habe mir die ganze Zeit überlegt, wie das überhaupt hier hereingekommen sein kann, dieser Passus. Alle anderen Dokumente, ich glaube ein Dutzend oder eineinhalb Dutzend, die hier vorliegen, beweisen ganz klar immer wieder meinen Wunsch, Amerika aus dem Krieg herauszuhalten. Ich kann auch nachweisen, daß ich jahrelang mich bemüht habe, auf allen Gebieten, trotz der unversöhnlichen Haltung der USA, nichts gegen dieselben zu tun. Dieses kann ich mir nur so erklären, daß der Japanische Botschafter, er wollte damals sehr gern, daß sein Land irgend etwas tat, und ich weiß, daß er von sich aus unendlich viel Telegramme nach Tokio geschickt hat, um in irgendeiner Form Japan in den Krieg, vor allen Dingen gegen Singapore und so weiter zu bekommen. Ich kann nur annehmen, daß dies eine, ich möchte sagen, vielleicht nicht richtige Auslegung dieses Gespräches ist. Ich bitte, der Verteidigung die Möglichkeit zu geben, sämtliche anderen Dokumente bis zu diesen Tagen, die genau das Gegenteil beweisen davon, was in dem einen Satz steht, vorlegen zu dürfen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dies ist aber der offizielle Bericht des Japanischen Botschafters an die Regierung. Sie sagen, es stimmt nicht, wenn er behauptet – er gibt Ihre Worte wieder –, [430] daß Sie zu ihm gesagt haben, Sie hegten die Zuversicht, daß es nicht nur im gemeinsamen Interesse Deutschlands und Japans liege, sondern auch für Japan selbst günstige Ergebnisse zeitigen würde.

Sehen Sie sich bitte das nächste Dokument auf Seite 356 an. Es ist ein weiterer Bericht des Japanischen Botschafters; er besagt, am Tage nach Pearl Harbor:

»Heute... besuchte ich um 1.00 Uhr Außenminister Ribbentrop. Ich erklärte ihm, daß es unser Wunsch sei, daß Deutschland und Italien unverzüglich eine formelle Kriegserklärung an Amerika ergehen ließen. Ribbentrop erwiderte, Hitler sei gerade mitten in einer Besprechung im Hauptquartier und erörtere, wie die Formalitäten der Kriegserklärung am besten durchzuführen seien, um dem deutschen Volke gegenüber einen guten Eindruck zu machen. Er erklärte, er würde ihm Ihren Wunsch sofort übermitteln und alles tun, was in seinen Kräften stehe, damit er sofort erfüllt würde.«

Sehen Sie sich die letzten drei Zeilen an:

»Zu jener Zeit erklärte mir Ribbentrop, daß Hitler am Morgen des 8. an die gesamte deutsche Marine den Befehl erteilt habe, amerikanische Schiffe anzugreifen, wann und wo immer sie auf solche stoße.« (Dokument D-657.)

Das war drei Tage vor der Kriegserklärung. Behaupten Sie, daß dieser Bericht des Japanischen Botschafters ebenfalls falsch ist?

VON RIBBENTROP: Ich glaube, daß es ein Irrtum ist.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Was ist daran falsch?


VON RIBBENTROP: Ich glaube, es ist ein Irrtum. Das war nach dem Angriff auf Pearl Harbor.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Stimmt, am Tag nach Pearl Harbor.


VON RIBBENTROP: Das war ein Befehl Adolf Hitlers, Amerika anzugreifen, das bekanntlich ja unsere Schiffe schon seit Monaten angegriffen hat. Das liegt auf einem ganz anderen Brett.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn Sie also von einem Angriff auf deutsche Schiffe reden, dann meinen Sie damit, daß die Amerikaner sich gegen deutsche Unterseeboote verteidigten?


VON RIBBENTROP: Nein, soviel ich weiß, haben wir bereits Monate vorher, ich kann Ihnen jetzt das Datum nicht genau sagen – jedenfalls eine ganze Zeit vor Pearl Harbor – einen offiziellen Protest herausgegeben an die USA, in dem wir darauf hinwiesen, in den Fällen der beiden Schiffe »Greer« und »Kearny«, daß die beiden Schiffe deutsche U-Boote verfolgt und Wasserbomben auf sie geworfen hätten. Ich glaube, das hat auch Marineminister Knox in [431] einer Pressekonferenz offen zugegeben. Ich habe gestern erwähnt, daß Hitler in seiner Rede in München sagte, er hat nicht den Auftrag gegeben, auf amerikanische Schiffe zu schießen und von sich aus anzugreifen; aber er hat den Befehl gegeben, wiederzuschießen, wenn sie zuerst schießen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Was ich von Ihnen wissen will, ist folgendes: Billigten Sie den der gesamten deutschen Marine drei Tage vor der Kriegserklärung erteilten Befehl, amerikanische Schiffe anzugreifen, wann und wo immer sie auf welche stoße? Billigten Sie das?


VON RIBBENTROP: Ich kann dazu jetzt keine Stellung nehmen, weil ich mich der Sache nicht entsinne und dieses Dokument auch gar nicht kenne.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann möchte ich Sie in einer anderen Angelegenheit vernehmen. Erinnern Sie sich, daß die...


VON RIBBENTROP: Aber verständlich wäre es gewesen, das möchte ich nur hinzufügen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie haben Ihre Antwort gegeben.

Entsinnen Sie sich an eine Besprechung im Juni 1944 über die Erschießung von sogenannten Terrorfliegern, über die bereits Aussagen gemacht worden sind.

Bitte hören Sie sich die Frage an und versuchen Sie bitte, eine direkte Antwort darauf zu geben.

Stimmt es, daß Sie, wie in dem Bericht erklärt wird, zu dem Begriff Terrorflieger jede Art von Terrorangriffen auf die deutsche Zivilbevölkerung rechnen wollten, das heißt also auch Bombenangriffe auf Städte? Stimmt es, daß Sie die Flieger, die die deutschen Städte angriffen, als Terrorflieger angesehen haben wollten?


VON RIBBENTROP: Nein, so stimmt es nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann sehen Sie sich bitte Seite 391 an. Dort finden Sie einen von General Warlimont unterzeichneten Bericht über die Besprechung vom 6. Juni. In der 4. Zeile – ich will es Ihnen vorlesen. Dort heißt es:

»Obergruppenführer Kaltenbrunner teilte am 6. 6. nachmittags in Kleßheim dem Stellv. Chef WFST. mit, daß kurz vorher eine Besprechung des Reichsmarschalls, Reichsaußenministers und Reichsführers-SS über die Frage stattgefunden habe. Dabei wurde im Gegensatz zu dem ursprünglichen Vorschlag des Reichsaußenministers, der jede Art von Terrorangriff gegen die heimische Zivilbevölkerung, also auch die Bombenangriffe gegen Städte, einbeziehen wollte, Einverständnis dahin erzielt, daß lediglich Bordwaffenangriffe,...

[432] als maßgebend für den Tatbestand einer verbrecherischen Handlung in diesem Sinne gelten sollen.« (Dokument 735-PS.)

Behaupten Sie, daß Kaltenbrunner mit seiner Behauptung, Sie wollten jede Art von Angriff einschließen, unrecht hatte?

VON RIBBENTROP: Ich habe gestern zu dieser Frage Stellung genommen. Ich weiß nicht, ob ich es gerade in diesem Punkt nochmal tun soll. Ich habe diesen Punkt gestern, glaube ich, ganz umfassend behandelt. Wenn Sie es wünschen, kann ich es noch einmal wiederholen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich mochte nicht, daß Sie es wiederholen. Ich möchte, daß Sie meine Frage beantworten. Behaupten Sie, daß Kaltenbrunner unrecht hatte, als er bei dieser Besprechung erklärte, Sie wollten Flieger, die deutsche Städte bombardierten, einschließen?


VON RIBBENTROP: Das stimmt nicht. Denn erstens hat meiner Erinnerung nach diese Konferenz gar nicht stattgefunden, und zweitens habe ich meine Einstellung gestern, glaube ich, ganz umfassend dargelegt, wie ich es mit Terrorfliegern halten wollte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut, beantworten Sie meine Frage.


VON RIBBENTROP: Nein, das ist nicht wahr, wie Sie es dargestellt haben.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut. Beantworten Sie dann folgende Frage: Waren Sie damit einverstanden, daß die von Ihnen als »Terrorflieger« bezeichneten Piloten der Bevölkerung zu Lynchmaßnahmen überlassen werden beziehungsweise der SS übergeben werden sollten?


VON RIBBENTROP: Nein, das war nicht meine Ansicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich verweise Sie auf Seite 393, Seite 214 des englischen Textes. Das ist, wie Sie wissen, ein Memorandum des Auswärtigen Amtes. Auf Seite 396 heißt es, daß General Warlimont erklärt, Botschafter Ritter habe ihm fernmündlich mitgeteilt, »daß der Außenminister diesen Entwurf gebilligt habe«. (Dokument 740-PS.) Der Entwurf befaßt sich mit zwei Aktionen, in Absatz 1 mit der Lynchjustiz und erläutert: »Einmal ist eine deutsche Behörde nicht unmittelbar verantwortlich; der Tod ist bereits eingetreten, bevor eine deutsche Behörde sich mit dem Fall beschäftigt.« (Dokument 728-PS.) Billigen Sie diesen Standpunkt? Ist das Ihr Standpunkt bezüglich der Lynchmaßnahmen an Fliegern?


VON RIBBENTROP: Nein, das ist nicht meine Auffassung. Ich habe es gestern ganz ausführlich auseinandergesetzt und zu diesem Dokument gestern Stellung genommen. Dieses Dokument ist ein [433] Gutachten des Auswärtigen Amtes – ich weiß nicht mehr, wie es entstanden ist, ob auf meinen Befehl oder auf Aussprache des Militärs –, das mir vorgelegt wurde. Dieses Gutachten habe ich nicht, wie es hier steht, gebilligt, sondern ich habe es an den Führer geschickt und bat ihn um seine Entscheidung. Der Führer hat dann dieses Dokument als Unsinn – glaube ich – bezeichnet, und dieses Gutachten des Auswärtigen Amtes ist damit unter den Tisch gefallen und war nicht irgendwie maßgeblich geworden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie behaupten also in diesem Zusammenhang, daß Warlimont, wenn er erklärt, Botschafter Ritter habe am 29. Juni der Wehrmacht telephonisch mitgeteilt, daß Sie den Entwurf billigten, daß entweder Warlimont oder Ritter nicht die Wahrheit sagen?


VON RIBBENTROP: Jedenfalls stimmt es nicht; denn es geht aus einem anderen Dokument, das ich hier auch gesehen habe, hervor, daß dieses Dokument zum Führer geschickt wurde, und daß ich da gesagt habe, der Führer müsse dies Dokument billigen. Irgendein anderes Dokument habe ich darüber auch hier gesehen. Das ist auch meine Erinnerung in der Sache.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Da Sie in diesem Zusammenhang die Ansicht des Führers erwähnen, wollen wir einmal sehen, wie die aussah. Lassen Sie uns Dokument 3780-PS ansehen, das zu GB-293 wird. Es ist ein Bericht über eine Besprechung zwischen Ihnen, Hitler und Oshima am 27. Mai 1944. Es befindet sich auf Seite 11, neunte bis zwölfte Zeile. Entsinnen Sie sich, daß Hitler Oshima in Ihrer Gegenwart den Rat erteilte, die Japaner sollten jeden amerikanischen Terrorflieger aufhängen, nicht erschießen, und erklärte, die Amerikaner würden es sich überlegen, solche Angriffe durchzuführen.

Waren Sie mit dieser Auffassung einverstanden?


VON RIBBENTROP: Nein, ich bin mit dieser Auffassung durchaus nicht einverstanden. Wenn das hier drinsteht, ist das nicht meine Meinung, nicht meine Auffassung.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut, nun...


VON RIBBENTROP: Ich weiß nicht, wo das, was Sie hier sagen, in dem Dokument steht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es steht auf Seite 11, Zeile 9 bis 12.


VON RIBBENTROP: Nein, ich entsinne mich dessen nicht, aber ich kann nur eines sagen, daß diese ganze Einstellung Adolf Hitlers, wie sie anscheinend aus diesem Dokument hervorgeht, durch diese fürchterlichen Wirkungen der damaligen Luftangriffe hervorgerufen worden ist.


[434] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das alles habe ich bereits früher gehört. Ich fragte Sie, ob Sie damit einverstanden waren oder nicht. Sie sagten »Nein«. Ich möchte auf einen anderen Punkt zu sprechen kommen.


VON RIBBENTROP: Ich bitte zu diesem Punkt aber noch etwas sagen zu dürfen, weil das entscheidend ist.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das können Sie Ihrem gelehrten Herrn Verteidiger sagen, nachdem Sie meine Frage beantwortet haben.

Ich verweise Sie jetzt auf Stalag Luft III. Sie haben vielleicht gehört, daß ich an eine Anzahl von Zeugen in dieser Angelegenheit verschiedene Fragen gerichtet habe. Es handelt sich um die fünfzig britischen Flieger, die von der SS nach einem Fluchtversuch ermordet wurden. Wissen Sie darüber Bescheid? Wissen Sie, wovon ich rede?


VON RIBBENTROP: Ich kenne das, ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie entsinnen sich, daß mein Kollege, Herr Eden, im Unterhaus eine sehr starke Erklärung des Inhalts abgegeben hat, daß diese Männer ermordet worden seien, und daß Großbritannien Gerechtigkeit fordern würde? Entsinnen Sie sich daran? Juni 1944?


VON RIBBENTROP: Ich habe durch diese Unterhausrede von Mr. Eden von dieser Sache gehört.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Entsinnen Sie sich, daß die Reichsregierung eine Erklärung des Inhalts abgab, daß in einer von der Reichsregierung über die Schweiz an die Englische Regierung gesandten Mitteilung diese ungerechtfertigte Anschuldigung des Britischen Außenministers scharf zurückgewiesen worden sei? Das war im Juli 1944. Erinnern Sie sich an diese Erklärung?


VON RIBBENTROP: Nein, ich erinnere mich dessen nicht. Ich entsinne mich nur an folgendes: daß damals uns die Unterlagen gegeben wurden, was sich dort abgespielt hatte, und daß in einer Note der Schutzmacht uns das mitgeteilt wurde. Das ist alles, was ich davon weiß.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das ist es ja gerade, was ich Sie fragen möchte: Wußten Sie damals, als diese Erklärung abgegeben wurde, daß diese Offiziere kaltblütig ermordet worden waren?


VON RIBBENTROP: Nein, das wußte ich nicht, sondern ich hörte, daß damals bei Fluchtversuchen diese Männer erschossen worden seien. Allerdings hatten wir damals den Eindruck, daß diese Dinge nicht alle in Ordnung gewesen seien. Das weiß ich, dessen entsinne ich mich noch.


[435] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Lassen Sie mich die Angelegenheit in zwei Teilen behandeln. Wer hat Ihnen die Lüge erzählt, daß diese Leute auf der Flucht erschossen worden seien? Wer hat Ihnen diese Lüge erzählt?


VON RIBBENTROP: Das weiß ich im einzelnen nicht. Wir haben damals von den kompetenten Stellen die Unterlagen bekommen und die Note ist damals an die Schweizer Regierung gegangen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Von wem erhielten Sie Ihre Unterlagen, die diese Lüge enthielten? Erhielten Sie diese von Himmler oder Göring?


VON RIBBENTROP: Das weiß ich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann haben Sie uns erklärt, Sie hätten eine Ahnung gehabt, daß nicht alles in Ordnung sei. Stimmt das?


VON RIBBENTROP: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Danke. Nun möchte ich, daß Sie uns etwas über Ihre Verbindung zur SS berichten. Sie behaupten wohl jetzt nicht mehr, daß Sie lediglich Ehrenmitglied der SS waren? Das war von Ihrem Verteidiger gesagt worden, und ich bin sicher, es ist nur ein Mißverständnis, daß Sie lediglich ein Ehrenmitglied der SS gewesen seien. Das war doch nicht der Fall, nicht wahr?

VON RIBBENTROP: Das ist kein Mißverständnis, sondern das liegt genau so: Ich habe von Adolf Hitler damals die SS-Uniform verliehen bekommen; irgend einen Dienst in der SS habe ich nie getan. Aber als Botschafter und nachher Außenminister war es üblich, daß man einen Rang hatte, und ich hatte einen Rang als SS-Führer bekommen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich behaupte, daß das völlig unwahr ist; Sie traten der SS auf Grund eines Gesuches bei, ehe Sie im Mai 1933 zum Botschafter zur besonderen Verwendung ernannt wurden. Stimmt das nicht?


VON RIBBENTROP: Das weiß ich. Jedenfalls habe ich immer zur SS gehört.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sagten eben, daß es eine Ehrenmitgliedschaft war, weil Hitler wünschte, daß Sie eine Uniform tragen. Ich behaupte jedoch, daß Sie im Mai 1933 auf regulärem Wege ein Gesuch zur Aufnahme in die SS gestellt haben. Stimmt das?


VON RIBBENTROP: Natürlich muß man ein Eintrittsgesuch machen, aber die Tatsache war die, ich bin ein paarmal in einem großen braunen Mantel herumgelaufen, und daraufhin sagte Hitler, ich müßte eine Uniform haben. Wann das war, weiß ich nicht mehr, [436] ich glaube 1933. Als Botschafter habe ich dann einen höheren Rang bekommen, als Außenminister noch einen höheren.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und im Mai 1933, nachdem Sie ein Aufnahmegesuch eingereicht hatten, traten Sie in die SS mit dem nicht allzu hohen Rang eines Standartenführers ein, stimmt das?


VON RIBBENTROP: Ja, das wird stimmen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und Sie wurden erst am 20. April 1935 Oberführer, am 18. Juni 1935 Brigadeführer und am 13. September 1936 Gruppenführer. Das war nach Ihrer Ernennung zum Botschafter. Und Obergruppenführer wurden Sie am 20. April 1940. Sie hatten bereits drei Jahre der SS angehört, ehe Sie Botschafter wurden, und waren auf dem regulären Wege befördert worden auf Grund Ihrer Arbeit in der SS, stimmt das?


VON RIBBENTROP: Ohne jemals einen Schritt oder Finger zu rühren in der SS, ja das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sehen Sie sich bitte GB-294 an, Dokument D-744-A; die Korrespondenz trägt die Nummer 744-B. Sie brauchen die Einzelheiten nicht zu lesen. Es ist Ihr Antrag mit sämtlichen Anlagen. Ich möchte lediglich eine oder zwei Fragen darüber stellen. Sie beantragten die Aufnahme in die Totenkopfdivision der SS?


VON RIBBENTROP: Nein, das kann nicht stimmen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Entsinnen Sie sich nicht, in Anerkennung Ihrer Dienste von Himmler einen besonderen Totenkopfring und einen Dolch erhalten zu haben?


VON RIBBENTROP: Nein, ich erinnere mich nicht. Einer Totenkopfdivision habe ich niemals angehört. Sie sprachen soeben von einer Totenkopfdivision, nicht wahr?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Hier steht Totenkopfdivision.


VON RIBBENTROP: Das stimmt nicht. Wenn es hier steht, ist es nicht wahr. Aber ich glaube wohl, daß ich einen sogenannten Degen bekommen habe wie alle SS-Führer. Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und den Ring haben Sie auch erhalten. Wir haben einen Brief vom 5. November 1935 an das Personalhauptamt des Reichsführers-SS:

»In Beantwortung Ihrer Anfrage teile ich mit, daß das Ringmaß des Brigadeführers v. Ribbentrop 17 ist. Heil Hitler, Thorner.«

Entsinnen Sie sich, das erhalten zu haben?

VON RIBBENTROP: Ich glaube, daß ein jeder einen solchen Ring bekam, aber ich entsinne mich nicht mehr genau der Sache. Es wird zweifellos stimmen.

[437] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und Sie haben seit 1933 bis weit in den Krieg hinein ständig an der SS Interesse genommen, nicht wahr? Ich glaube, Ihr Briefwechsel mit Himmler erstreckt sich bis weit in das Jahr 1941 oder 1942 hinein.


VON RIBBENTROP: Das ist durchaus möglich, das ist sicher richtig. Selbstverständlich hatten wir sehr viel mit der SS zu tun, auf allen möglichen Gebieten. Das ist ganz klar.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, und besonders bezüglich der Konzentrationslager, nicht wahr? Wollen Sie behaupten, daß Sie nicht wußten, daß Konzentrationslager in ungeheuerer Anzahl bestanden?


VON RIBBENTROP: Nein, darüber habe ich nichts gewußt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich bitte einmal umdrehen!


[Eine Landkarte hinter dem Zeugenstand wird enthüllt.]


Dies ist eine Vergrößerung der Beweisstücke, die von der Französischen Anklagebehörde eingereicht wurden, und diese roten Punkte sind Konzentrationslager. Bitte sehen Sie sich das an! Wir verstehen jetzt einen der Gründe für die Lage Ihrer verschiedenen Wohnsitze. Einer war im Norden Berlins, Sonnenburg. Sehen Sie die ungefähre Stelle auf der Karte?

VON RIBBENTROP: Sonnenburg liegt ungefähr eine Autostunde von Berlin.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nördlich von Berlin?


VON RIBBENTROP: Nein, östlich von Berlin.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nehmen wir einen anderen Ihrer Wohnsitze, ganz in der Nähe –. Ihr Schloß oder Ihren Turm in Fuschl. Das ist ganz nahe an der Grenze, gleich jenseits der Grenze, und ganz in der Nähe ist eine Gruppe von Lagern, die sich um Mauthausen befanden. Haben Sie es? Gerade oberhalb Ihrer rechten Hand. Sehen Sie die Gruppen von Lagern, die Mauthausen-Gruppe?


VON RIBBENTROP: Ja. Ich möchte auf meinen Eid versichern, daß ich den Namen Mauthausen zum ersten Male überhaupt hier in Nürnberg gehört habe.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann sehen wir uns einmal einen anderen Ort an. Sie sagten, Sie gingen nicht sehr oft dorthin, aber Sie pflegten...


VON RIBBENTROP: Ich glaube, das kann ich sehr viel kürzer machen, indem ich Ihnen sage, daß ich überhaupt nur von zwei Konzentrationslagern jemals gehört habe, bis ich hierherkam – nein, drei waren es: Dachau, Oranienburg und Theresienstadt. Alle [438] anderen Namen habe ich hier zum ersten Male gehört. Das Lager Theresienstadt war ein Lager, ich glaube, ein Altersheim für Juden, und das ist ein paarmal vom Internationalen Roten Kreuz besucht worden. Alle anderen Lagernamen habe ich überhaupt niemals gehört. Ich möchte das ganz klar feststellen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wissen Sie, daß es in der Nähe von Mauthausen 33 Lager gab, die in verhältnismäßig geringer Entfernung voneinander lagen, sowie weitere 45 Lager, deren Namen der Kommandant nicht einmal zu nennen versuchte, so viele waren es. In den 33 Lagern befanden sich über hunderttausend Internierte. Wollen Sie vor dem Gerichtshof behaupten, daß Sie bei all Ihren Reisen nach Fuschl niemals etwas von den Lagern Mauthausen gehört haben, wo Hunderttausende von Menschen eingesperrt waren?


VON RIBBENTROP: Das ist mir völlig unbekannt und ich bitte, da sind Dutzende von Zeugen, die Ihnen das beweisen können. Dutzende.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist mir ganz gleich, wieviele Zeugen Sie beibringen können. Sehen Sie sich bitte diese Landkarte noch einmal an. Sie waren ein verantwortlicher Minister in der Regierung dieses Landes vom 4. Februar 1938 bis zur Niederlage Deutschlands im Mai 1945, während eines Zeitraums von siebeneinviertel Jahren. Und Sie behaupten vor dem Gerichtshof, daß jemand verantwortlicher Minister in diesem Lande, wo Hunderte von Konzentrationslagern bestanden, sein konnte, ohne dabei, mit Ausnahme von zweien, von ihnen etwas zu wissen?


VON RIBBENTROP: Das mag erstaunlich sein, aber es ist die hundertprozentige Wahrheit.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich behaupte, daß es nicht nur erstaunlich, sondern so unglaublich ist, daß es unwahr sein muß. Wie konnten Sie von diesen Lagern nichts wissen? Haben Sie niemals mit Himmler gesprochen?


VON RIBBENTROP: Nein, niemals über diese Dinge. Niemals. Diese Dinge wurden vollkommen geheim gehalten, und wir haben jetzt überhaupt erst gehört, was darin vorgegangen ist. Kein Mensch wußte davon etwas. Es mag erstaunlich klingen, aber ich bin auch der festen Überzeugung, daß die Herren auf der Anklagebank von den ganzen Dingen nichts gewußt haben.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wir werden zu gegebener Zeit von ihnen darüber hören. Wußten Sie, daß allein in Auschwitz...


VON RIBBENTROP: Den Namen Auschwitz habe ich auch hier zum ersten Male gehört.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und der deutsche Kommandant von Auschwitz hat in einer eidesstattlichen Erklärung ausgesagt, daß [439] in dem Lager vier Millionen Menschen getötet worden sind. Wollen Sie vor Gericht behaupten, daß das geschehen ist, ohne daß Sie etwas davon wußten?


VON RIBBENTROP: Das war mir völlig unbekannt. Das kann ich hier auf meinen Eid absolut versichern.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann ist da eine andere Angelegenheit, mit der wir uns befassen wollen. Hier bin ich glücklicherweise in der Lage, Ihrem Gedächtnis mit einigen Dokumenten nachhelfen zu können. Es handelt sich um die Partisanen. Wollen Sie sich einige Dokumente, drei Dokumente, ansehen, die sich darauf beziehen?


VORSITZENDER: Werden Sie heute abschließen können?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, wenn Euer Lordschaft mir noch fünf Minuten gewähren. Ich habe versucht, heute zum Abschluß zu kommen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Geben Sie zu, daß Sie für härteste Behandlung der Menschen in den besetzten Gebieten eingetreten sind?

VON RIBBENTROP: Ich habe die Frage nicht richtig verstanden. Ich bitte nochmals darum.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Meine Frage lautet: Wäre es richtig, wenn man Ihren Standpunkt dahingehend ausdrückte, daß Sie für härteste Behandlung der – diese möchte ich zuerst nennen – der Partisanen waren?


VON RIBBENTROP: Ich weiß nicht, ob ich mich jemals über die Behandlung von Partisanen ausgelassen habe, ich entsinne mich nicht mehr. Jedenfalls im allgemeinen habe ich das Gegenteil von diesen Dingen gehört.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Schön. Ich verweise Sie auf Dokument D-735, das GB-295 wird. Es ist eine Unterredung zwischen Ihnen und dem Grafen Ciano in Anwesenheit von Feldmarschall Keitel und Marschall Cavallero im Führer-Hauptquartier am 19. Dezember 1942 nach dem Frühstück. Schlagen Sie bitte Seite 2 auf, dort finden Sie eine Stelle, wo Feldmarschall Keitel den italienischen Herren erklärt, daß

»der kroatische Raum von deutschen und italienischen Truppen gemeinsam gesäubert werden solle, und zwar noch jetzt im Winter angesichts des starken englischen Einflusses in diesem Gebiet. Der Führer habe erklärt, daß die serbischen Verschwörer ausgebrannt werden müßten und daß dabei keine weichen Methoden angewandt werden dürften. – Feldmarschall Keitel warf hier ein, daß jedes Dorf, in dem Partisanen [440] gefunden werden würden, niedergebrannt werden müsse. – Fortfahrend erklärte der RAM, daß Roatta nicht aus der dritten Zone herausgehen dürfe, sondern im Gegenteil vorrücken solle, und zwar in engster Zusammenarbeit mit den deutschen Truppen. – Feldmarschall Keitel bat in diesem Zusammenhang die italienischen Herren, die Mitheranziehung kroatischer Truppen zu dieser Säuberungsaktion nicht als eine Begünstigung der Kroaten anzusehen. – Der RAM bemerkte dazu, daß der Poglavnik, mit dem er sehr deutlich gesprochen habe, hundertprozentig bereit sei, sich mit Italien zu verständigen.«

War das Ihr Standpunkt, daß die »serbischen Verschwörer ausgebrannt werden sollten«?

VON RIBBENTROP: Bitte?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: War das Ihr Standpunkt, daß »die serbischen Verschwörer ausgebrannt werden müssen«?

VON RIBBENTROP: Den Ausdruck kenne ich nicht. Jedenfalls ist es sicher, daß sie hinter Schloß und Riegel kommen sollten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das soll heißen, daß ihre Dörfer durch Feuer dem Erdboden gleichgemacht werden sollten.


VON RIBBENTROP: Wo habe ich das gesagt? Das habe ich, glaube ich, nicht gesagt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das ist der Standpunkt des Führers. War es Ihr Standpunkt?


VON RIBBENTROP: Der Führer nahm einen sehr harten Standpunkt in diesen Dingen ein, und ich weiß, daß ab und zu auch von anderen Stellen, auch den militärischen, harte Befehle in diesen Dingen ergehen mußten. Es war hier ein Kampf auf Leben und Tod, das darf man nicht vergessen; es war ja Krieg.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Leugnen Sie...


VON RIBBENTROP: Jedenfalls sehe ich nicht, wo ich irgend etwas über Partisanen gesagt habe, das kommt...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie erklären, daß das nicht Ihr Standpunkt ist? Wollen Sie damit sagen, daß es nicht Ihre Ansicht von der Behandlung dieser Leute ist? Sehen Sie sich nicht das nächste Dokument an, sagen Sie mir, ob das Ihr Standpunkt ist.


VON RIBBENTROP: Ich bitte die Frage noch einmal zu wiederholen, die Sie von mir beantwortet haben wollen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Behaupten Sie, daß Sie nicht für die harte Behandlung der Partisanen waren?


[441] VON RIBBENTROP: Ich bin der Auffassung, daß man mit Partisanen, die den Truppen in den Rücken fallen, an sich schon hart vorgehen soll. Ja, der Auffassung bin ich, ich glaube, dieser Auffassung ist jeder in der Armee und, ich glaube, jeder Politiker.


STR DAVID MAXWELL-FYFE: Einschließlich Frauen und Kinder?


VON RIBBENTROP: Nein, keinesfalls.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Da Sie diese Einstellung gegenüber Frauen und Kinder ableugnen, sehen Sie sich bitte Dokument D-741 an.

Euer Lordschaft, dies ist Dokument D-741, es wird GB-296.


[Zum Zeugen gewandt:]


Bitte sehen Sie sich den Schluß an! Dies ist eine Unterredung zwischen Ihnen und Botschafter Alfieri in Berlin am 21. Februar 1943. Der letzte Absatz lautet:

»Fortfahrend betonte der RAM, daß die durch die Politik Roatta's mit herbeigeführten Zustände in Kroatien dem Führer große Sorgen machten. Deutscherseits verstehe man, daß Roatta italienisches Blut sparen wolle, glaube aber, daß er mit seiner Politik gewissermaßen den Teufel mit Beelzebub austreiben wolle. Diese Banden müßten vernichtet werden, und zwar Männer, Frauen und Kinder, weil ihr Fortbestand das Leben deutscher und italienischer Männer, Frauen und Kinder gefährde.«

Behaupten Sie immer noch, daß Sie Frauen und Kinder nicht brutal behandelt haben wollten?

VON RIBBENTROP: Welche Seite sollte das sein?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist Seite 10 bis 13. Es ist der letzte Absatz in meiner Übersetzung.

»Diese Banden müßten vernichtet werden, und zwar Männer, Frauen und Kinder, weil ihr Fortbestand das Leben deutscher und italienischer Männer, Frauen und Kinder gefährde.«

VON RIBBENTROP: Wenn das irgendwie so von mir gesagt worden ist, dann ist das vielleicht in einer großen Erregung geschehen. Jedenfalls entspricht das nicht meiner Auffassung, die ich durch meine Tätigkeit während des Krieges bewiesen habe. Ich kann im Augenblick nichts dazu sagen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte Ihnen zu Ihrer Tätigkeit noch ein letztes Dokument vorlegen, wenn der Gerichtshof es gestattet. Es ist Dokument D-740, welches GB-297 wird. Dies [442] ist die Aufzeichnung über eine Besprechung zwischen dem Reichsaußenminister und Staatssekretär Bastianini in Gegenwart der Botschafter von Mackensen und Alfieri im Schloß Kleßheim am Nachmittag des 8. April 1943. Sehen Sie sich bitte den Anfang an. Ich glaube, Sie sprachen über einen Streik in Italien. Sie sagen folgendes:

»Die Vermutung des RAM, daß dieser Streik vielleicht von englischen Agenten angezettelt worden sei, bestritt Bastianini energisch. Es seien italienische Kommunisten gewesen, die es in Italien immer noch gebe und die ihre Weisungen von Moskau erhielten. – Der RAM erwiderte, daß in einem solchen Falle nur erbarmungsloses Durchgreifen helfe.«

Und weiter, nach einer Erklärung über die Information:

»Er« (der Reichsaußenminister) »wolle nicht über Italien sprechen, sondern vielmehr über die besetzten Gebiete, wo sich gezeigt habe, daß man mit weichen Methoden oder dem Bemühen, einen Ausgleich zu finden, nicht weiterkomme. Der RAM erläuterte dann seine Gedankengänge durch einen Vergleich zwischen Dänemark und Norwegen. In Norwegen seien brutale Maßnahmen ergriffen worden, die besonders in Schweden lebhaften Widerspruch hervorgerufen hätten.«

Und dann fahren Sie fort, und nach einer Kritik an Dr. Best...

VON RIBBENTROP: Ich kann es nicht finden, auf welcher Seite ist es bitte?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Der Absatz beginnt: »Die Vermutung des RAM, daß dieser Streik vielleicht von englischen Agenten angezettelt worden sei...«


VON RIBBENTROP: Ja, hier ist es.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sehen also, was ich Ihnen vorhalte. Sie erklären, daß

»... nur erbarmungsloses Durchgreifen helfe« und »in Norwegen seien brutale Maßnahmen ergriffen worden.«

Und zu Beginn des nächsten Absatzes erklären Sie:

»Auch in Griechenland müsse brutal durchgegriffen werden, wenn etwa die Griechen Morgenluft wittern sollten. Er sei der Ansicht, daß die demobilisierte griechische Armee blitzschnell aus Griechenland abtransportiert werden sollte und daß man den Griechen eisern zeigen müsse, wer Herr im Lande sei. Derartige harte Methoden seien notwendig, wenn man sich in einem Kriege mit Stalin befände, der kein Kavalierkrieg, sondern ein brutaler Ausrottungskrieg sei.«

Und dann nach einigen Äußerungen über die Franzosen sagen Sie über Frankreich: [443] »Zu Griechenland zurückkehrend betonte der RAM noch einmal die Notwendigkeit, harte Maßnahmen zu ergreifen.«

Und in der dritten Zeile des nächsten Absatzes erklärten Sie:

»Der Führer würde in den besetzten Gebieten radikale Maßnahmen ergreifen müssen, um die dortigen Arbeitskräfte zu mobilisieren, damit dem amerikanischen Rüstungspotential etwas Gleichwertiges entgegengestellt werden könne.«

Stimmt das? Bringt das Ihre Meinung richtig zum Ausdruck? Wollten Sie, daß in den besetzten Gebieten die strengsten Maßnahmen zur Mobilisierung von Arbeitskräften ergriffen werden sollten, um das deutsche Kriegspotential zu erhöhen?

VON RIBBENTROP: Zu diesem Dokument kann ich nur folgendes sagen. Ich weiß, daß damals...

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut, das können Sie später sagen, aber Sie können bitte zuerst meine Frage beantworten. Waren Sie der Ansicht, daß...


VON RIBBENTROP: Nein.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE:... gegenüber aus ländischen Arbeitern und gegenüber den Bevölkerungen in besetzten Gebieten strenge Maßnahmen getroffen werden müßten? Drückt dieses Dokument Ihre Meinung aus?


VON RIBBENTROP: Nein, das trifft nicht zu.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Warum sagten Sie es dann? Warum äußerten Sie solche Dinge?


VON RIBBENTROP: Weil ich damals im Auftrage des Führers die Italiener bei der Stange halten mußte, weil in manchen von den Gebieten ein völliges Chaos war und die Italiener versuchten, mit gewissen Maßnahmen, die sie dort trafen, ein völliges Durcheinander in der Etappe der deutschen Armee hervorzurufen. Das war damals, warum ich verschiedentlich mit den Italienern in einer sehr harten Sprache sprechen mußte. Ich entsinne mich dessen noch sehr genau. Es war damals der Kampf... die Italiener taten sich zusammen mit den Tschetniks und kämpften zum Teil gegen deutsche Truppen; es war ein völliges Chaos da unten und da habe ich den Diplomaten gegenüber öfters eine ziemlich ernste und harte Sprache geführt, vielleicht auch eine sehr stark übertriebene Sprache. In der Tatsache aber haben die Dinge nachher ganz anders ausgesehen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es war durchaus keine Übertreibung, nicht wahr, weder in Norwegen noch in Griechenland? Sie wandten gegen die besetzten Länder die brutalsten Maßnahmen an.


VON RIBBENTROP: Das trifft nicht zu. In Norwegen hatten wir gar nichts zu sagen, wir versuchten immer, die Dinge anders zu [444] machen. In Dänemark haben wir alles getan, damit diese brutalen Maßnahmen, die zum Teil notwendig waren wegen der Fallschirmspringer und so weiter, damit sie möglichst applaniert und nicht durchgeführt wurden.

Wir haben also... glaube ich, das kann aus unendlich vielen anderen Dokumenten bewiesen werden, daß gerade ich und das Auswärtige Amt in den verschiedenen besetzten Gebieten immer auf einen Ausgleich der Dinge hingewirkt haben. Ich glaube nicht, daß es ganz fair ist und richtig, nur eine oder zwei solcher Äußerungen aus unendlich vielen Dokumenten jetzt hervorzuziehen, wo ich ab und zu eine harte Stellungnahme anwenden mußte. Es ist ganz sicher, daß im Laufe von sechs Kriegsjahren ab und zu eine harte Sprache geführt werden muß. Ich darf daran erinnern, daß auch ausländische Staatsmänner eine harte Sprache mit Bezug auf die Behandlung Deutschlands führten. Aber ich bin überzeugt, sie haben es auch nicht so gemeint.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erklären Sie mir folgendes: Sie haben heute jedesmal, wenn Ihnen ein Dokument vorgelegt wurde, nach dem Sie eine harte Sprache geführt oder das Gegenteil Ihrer hier gemachten Aussagen gesagt haben, erklärt, daß Sie bei der Gelegenheit eine diplomatische Unwahrheit sagten. Das ist es doch kurz gesagt. Danke sehr.


VORSITZENDER: Sir David, haben Sie alle diese Dokumente als Beweismittel eingereicht?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, Euer Lordschaft.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird sich nunmehr vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis

2. April 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 10, S. 392-446.
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