Nachmittagssitzung.

[289] VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird morgen in öffentlicher Sitzung von 10.00 bis 13.00 Uhr verhandeln.

Und nun, bevor wir fortfahren, Dr. Horn, möchte ich im Namen des Gerichtshofs erklären, daß nach unserer Ansicht viel zu viel Zeit von dem Angeklagten auf detaillierte Beschreibungen der Verhandlungen, die zu einem Abkommen führten, verschwendet wird, das bereits geschichtliche Tatsache und jedem wohlbekannt ist. Damit hat sich der Angeklagte nicht zu befassen; womit er sich zu befassen hat, ist nicht der Abschluß von wohlbekannten Verträgen, sondern der Bruch dieser Abkommen durch Deutschland und die Rolle, die er dabei gespielt hat. Es ist sehr wichtig, daß die Zeit des Gerichtshofs nicht mit unnötigen Einzelheiten dieser Art vergeudet wird.


DR. HORN: Welche außenpolitische Reaktion hatte das Münchener Abkommen?


VON RIBBENTROP: Das Münchener Abkommen ist bekannt. Es beinhaltete, daß England und Deutschland niemals mehr Krieg führen sollten, daß der Flottenvertrag von hundert zu fünfunddreißig dauernden Bestand haben sollte, und eine Konsultation in wichtigen Angelegenheiten. Es wurde durch dieses Abkommen ganz zweifellos die Atmosphäre zwischen Deutschland und England, jedenfalls bis zu einem gewissen Grade, bereinigt. Es war zu hoffen, daß der Erfolg dieses Abkommens doch noch zu einer endgültigen Verständigung führen könnte. Die Enttäuschung war groß, als wenige Tage nach München in England die Aufrüstung um jeden Preis verkündet wurde. Es wurde dann von England eine Bündnispolitik eingeleitet, enge Verbindung mit Frankreich. Im November 1938 wurde eine handelspolitische Maßnahme gegen Deutschland getroffen und im Dezember 1938 hielt der englische Kolonialminister eine Rede, in der jeder Revision einer Kolonialfrage ein Nein entgegengesetzt wurde. Es waren auch die Fühlungnahmen mit den Vereinigten Staaten von Amerika im Gange. Unsere Berichte aus dieser Zeit, wie ich mich erinnere, zeigen eine zunehmende, ich möchte sagen, Versteifung der englischen Haltung gegenüber Deutschland, und es war der Eindruck in Deutschland einer Politik, die praktisch auf eine Einkreisung Deutschlands hinauslief.


DR. HORN: Es ist Ihnen von der Anklage vorgeworfen worden, daß Sie in völkerrechtswidriger Weise zur Lösung der Slowakei von der Tschechoslowakei beigetragen hätten. Welche Rolle haben Sie bei der Autonomieerklärung der Slowakei gespielt?

VON RIBBENTROP: Es ist kein Zweifel, daß Beziehungen zwischen Slowaken und einer ganzen Anzahl Mitgliedern der [289] Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bestanden. Auch waren natürlich die Bestrebungen im Auswärtigen Amte bekannt. Und es wäre falsch zu sagen, daß wir diesen irgendwie unsympathisch gegenüberstanden; es ist aber nicht richtig, daß diese Autonomie von uns in irgendeiner Form etwa gewünscht oder forciert wäre, sondern nach meiner Erinnerung hat damals Dr. Tiso diese Autonomie ausgerufen und die Prager Regierung hat damals unter dem Eindruck von München auch diese Autonomie anerkannt. Wie die Verhältnisse damals lagen, nach München, sieht man daraus, daß sämtliche Nationalitätenteile der Tschechoslowakei nach Autonomie und Selbständigkeit strebten. Es folgte kurz darauf zum Beispiel die Selbständigkeitserklärung der Karpatho-Ukrainer und auch die anderen hatten starke Bestrebungen. Nach dem Münchener Abkommen, ich möchte noch bemerken, es war eine Klausel im Münchener Abkommen enthalten, wonach Deutschland und Italien der Tschechoslowakei eine Garantie geben sollten. Eine solche Erklärung ist dann aber nicht abgegeben worden. Der Grund hierzu war der, daß Polen ein Ultimatum nach dem Münchener Abkommen an die Tschechoslowakei richtete und die polnischen Minderheiten von sich aus abtrennte und diese Länder und Gebietsteile besetzte. Die Ungarn verlangten ebenfalls nach Autonomie beziehungsweise Vereinigung ungarischer Teile, und es sind dann in einem Wiener Schiedsspruch gewisse Gebiete der Tschechoslowakei an Ungarn gekommen. Die Lage in der Tschechoslowakei war aber damit noch nicht klar und gestaltete sich auch weiter schwierig. Es ist dann der Slowake Tuka damals an uns herangetreten, um Deutschland für die Selbständigkeit der Slowakei zu gewinnen, die Approbation Deutschlands. Der Führer hat Tuka damals empfangen und nach einigen Zwischenspielen ist es dann schließlich zu der Unabhängigkeitserklärung der Slowakei, und zwar am 13. März, durch Tiso gekommen. Es ist in der Anklage hier ein Dokument vorgelegt worden, in dem ich in dieser Aussprache, die der Führer damals mit Tiso hatte, gesagt haben soll, es sei nur eine Frage von Stunden, anstatt Tagen, daß die Slowakei sich entscheiden müsse. Dies ist so damals zu verstehen gewesen, daß von ungarischer Seite Einmarschvorbereitungen da waren, um sowohl die Karpatho-Ukraine als auch sonstige Gebiete der Slowakei zu besetzen. Wir wollten aber verhindern, daran lag Adolf Hitler, daß hier etwa ein Krieg Slowakei-Ungarn oder Tschechoslowakei-Ungarn entstände, und so hat er dem Wunsche Tisos damals gerne entsprochen und hat dann später nach der Unabhängigkeitserklärung der Slowakei durch den Slowakischen Landtag der Bitte Tisos entsprochen und den Schutz der Slowakei übernommen.


DR. HORN: Wie kam es zum Besuch Hachas am 14. März 1939 nach Berlin?


[290] VON RIBBENTROP: Die Ereignisse in der Slowakei hatten natürlich auch wieder Rückwirkungen, und vor allen Dingen waren damals sehr starke Ausschreitungen – es wurde Adolf Hitler gemeldet – gegen Volksdeutsche in den Gebieten von Prag, Brünn, Iglau und so weiter. Es gab viele Flüchtlinge ins Altreich. Ich habe dann im Winter 1938/39 wiederholt versucht, diese Dinge mit der Prager Regierung zu besprechen. Hitler war der Überzeugung, daß sich hier in Prag aber eine Entwicklung anbahne, die vom Deutschen Reiche nicht hingenommen werden könnte. Es war die Haltung der Presse und maßgebender Regierungskreise in Prag. Ferner wollte der Führer, daß die Tschechei eine Reduzierung ihrer militärischen Macht vornehme, was aber von Prag abgelehnt wurde.

Ich habe in diesen Monaten wiederholt versucht, die deutschen Beziehungen zu Prag freundschaftlich weiterzugestalten. Vor allen Dingen habe ich oft verschiedentlich mit dem slowakischen Außenminister Chwalkowski gesprochen. Es war dann Mitte März, daß sich der slowakische. Außenminister Chvalkowski an den deutschen Geschäftsträger in Prag wandte, ob Hitler Hacha Gelegenheit geben wolle zu einer persönlichen Unterredung. Ich habe dem Führer hiervon Meldung gemacht und der Führer war einverstanden, ihn zu empfangen. Er erklärte mir damals aber, daß er wünsche, die Angelegenheit selbst zu behandeln. Ich habe in diesem Sinne dann auch mit Prag einen Telegrammwechsel gehabt, daß man sich dort völlig zurückhalten möge, aber Hacha sagen solle, daß der Führer ihn sehen würde.

Ich möchte hier kurz erwähnen, daß dem Auswärtigen Amt und mir von etwa kurz bevorstehenden militärischen Ereignissen zu diesem Zeitpunkt nichts bekannt war. Wir haben das erst dann mit dem.... kurz vorher in den nächsten Tagen erfahren. Ich habe den Führer vor der Ankunft des Präsidenten Hacha gefragt, ob ein Staatsvertrag vorbereitet werden soll, und der Führer antwortete mir damals, wie ich mich genau entsinne, daß er die Absicht habe, sehr viel weiter zu gehen. Nach der Ankunft Hachas in Berlin besuchte ich Hacha zunächst, und ich erinnere mich, daß er mir sagte, daß er das Schicksal der Tschechei in die Hände des Führers zu legen beabsichtige. Ich habe dies dem Führer gemeldet und der Führer hat mich beauftragt, ein Abkommen zu skizzieren. Der Entwurf wurde ihm vorgelegt und später noch, wie ich mich erinnere, umkorrigiert. Hacha wurde dann vom Führer empfangen und der Inhalt dieser Aussprache ist ja, soviel ich weiß, bereits hier bekannt und dokumentarisch vorgelegt worden, so daß ich darauf nicht einzugehen brauche.

Ich weiß, daß Adolf Hitler damals mit Hacha deutlich gesprochen hat und ihm erklärt hat, daß er beabsichtige, die Tschechei zu besetzen. Es handelte sich hier um altes historisches Land, das er unter seinen Schutz nehmen wolle. Die Tschechen sollten ihre volle [291] Autonomie und ihr Eigenleben haben, und er glaube, daß der heutige Entschluß auch sich noch einmal sehr zum Glück des tschechischen Volkes auswirken würde. Während Hacha mit dem Führer sprach, oder nachher vielmehr, bei der Besprechung des Führers mit Hacha war ich zugegen, hatte ich eine lange Aussprache mit dem Außenminister Chwalkowski. Dieser hat sich verhältnismäßig leicht unserem Standpunkt angeschlossen, und ich bat ihn, auf Hacha in dem Sinne einzuwirken, daß dieser Entschluß des Führers und die ganze Aktion ohne Blutvergießen vor sich gehen möge.

Ich glaube, daß es der starke Eindruck war, den Hacha vor allem von dem Führer selbst und von dem, was Adolf Hitler ihm mitgeteilt hatte, gewann, das ihn dann veranlaßte, sich telephonisch mit seiner Regierung in Prag in Verbindung zu setzen, auch glaube ich, mit dem Chef des Generalstabs; das weiß ich nicht genau; und er hat dann die Approbation seiner Regierung bekommen, um das eingangs von mir erwähnte besprochene Abkommen zu vollziehen. Dieses Abkommen wurde dann von Hitler, Hacha, den beiden Außenministern, das heißt auch von mir, unterschrieben. Hacha hat dann, wie ich mich entsinne, noch eine Weisung gegeben, daß die deutsche Armee freundlich empfangen werden möge, und, soweit ich orientiert bin, hat sich, glaube ich, der ganze Einmarsch und die Besetzung der Tschechei, der Länder Böhmen und Mähren, ohne irgendwelche Zwischenfälle besonderer Art vollzogen.

Nach der Besetzung – ich fuhr dann mit dem Führer nach Prag, und nach der Besetzung – oder in Prag schon, gab mir der Führer morgens eine Proklamation, in der er die Länder Böhmen und Mähren zum Reichsprotektorat erklärte. Diese Proklamation wurde von mir, ich darf sagen, daß sie eine gewisse Überraschung für mich war, wurde dann von mir in Prag verlesen. Ein Protest irgendwelcher Art ist nach meiner Erinnerung nicht erhoben worden, und ich glaube erwähnen zu dürfen, daß hier die Besetzung von Böhmen und Mähren, die der Führer im höchsten Interesse des Reiches für erforderlich hielt, stattfand aus historisch-wirtschaftlichen Gründen und vor allen Dingen aus Sicherheitsgründen für das Deutsche Reich. Ich glaube, hierüber ist schon von Göring im einzelnen gesprochen worden.

DR. HORN: Wie sahen Sie die europäische Situation zur Zeit der Inbesitznahme der Rest-Tschechoslowakei?


VON RIBBENTROP: Ich darf sagen, daß ich nach der Proklamation in Prag mit dem Führer eine lange Aussprache hatte. Ich wies den Führer darauf hin, daß diese Besetzung natürlich erhebliche Rückwirkungen im englisch-französischen Lager haben würde. Ich darf in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß in England die [292] Kreise, die sich gegen Deutschland gestellt hatten, sehr stark angewachsen waren und geführt waren von sehr bedeutenden Persönlichkeiten. Ich möchte in diesem Zusammenhang zurückkommen, oder kurz erwähnen, einen Vorfall noch zu meiner Botschafterzeit in London, als ich in der Botschaft einen Besuch von Mr. Winston Churchill hatte. Mr. Winston Churchill war damals nicht in der Regierung, und ich glaube auch nicht – es ist schon besprochen worden – der Führer der Opposition, aber er war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in England. Ich legte besonderen Wert darauf, ihn irgendwie mit Adolf Hitler zusammenzubringen und hatte ihn deshalb in die Botschaft gebeten. Wir hatten eine vielstündige Aussprache, deren Einzelheiten ich mich noch sehr genau entsinne. Es würde zu weit führen, glaube ich, hier alle Einzelheiten dieser Aussprache anzuführen, aber während bedeutende Männer, wie Lord Vansittart im Jahre 1936 sehr viel...


VORSITZENDER: Dokumente mit Bezug auf Mr. Winston Churchill zu einer Zeit, zu der er nicht Regierungsmitglied war, sind vom Gerichtshof schon als unerheblich zurückgewiesen worden. Was er bei einer Unterhaltung dieser Art sagte, betrachtet der Gerichtshof als absolut unerheblich und wünscht es nicht zu hören.


VON RIBBENTROP: [fortfahrend] Ich habe schon gesagt, daß ich den Führer damals auf die Reaktion in England hingewiesen habe. Adolf Hitler erklärte mir die Notwendigkeit der Besetzung von Böhmen und Mähren vor allem mit historischen und strategischen Gründen. Ich entsinne mich, daß er in diesem Zusammenhang damals besonders den ehemaligen französischen Luftfahrtminister Pierre Cot zitierte, der die Länder Böhmen und Mähren, die Tschechei, als das Flugzeugmutterschiff gegen Deutschland bezeichnet hatte. Ich glaube, es war Reichsmarschall Göring, der schon erwähnte, daß damals auch Nachrichten zu uns gekommen waren von russischen Fliegern oder russischen Kommissionen auf tschechischen Flugplätzen. Hitler sagte mir, er könne – auch dieser Worte entsinne ich mich genau – diesen feindlichen tschechischen Pfahl im deutschen Fleische nicht dulden. Man könne mit den Tschechen schon gut auskommen, aber es wäre notwendig, daß Deutschland den Schutz dieser Länder in den Händen hatte. Er erwähnte damals Sowjetrußland als einen unübersehbaren Machtfaktor, verbündet mit der Tschechoslowakei. Als ich auf England hinwies und die Reaktion, sagte er, daß England nicht in der Lage sei, den Schutz der Deutschen in der Tschechei zu übernehmen. Im übrigen sei die tschechoslowakische Staatsstruktur zerfallen; die Slowakei sei selbständig geworden. Daher hielte er im allseitigen Interesse bei einem zukünftigen deutsch-englischen Verhältnis es für notwendig, daß die Länder Böhmen und Mähren in ein enges Verhältnis zum Reiche kämen. Das Protektorat schien ihm dafür die geeignete Form.

[293] Adolf Hitler sagte dann, für England sei es doch gänzlich unwichtig, und für Deutschland sei diese Frage absolut vital. Das ergebe sich durch einen Blick auf die Landkarte, so äußerte er sich wörtlich. Im übrigen sehe er nicht, wie diese Lösung die erstrebte deutsch-englische Zusammenarbeit stören könne. Hitler wies darauf hin – ich entsinne mich noch zufälligerweise der Zahl –, daß England doch ungefähr 600 Dominien, Protektorate und Kolonien habe und müsse das doch verstehen, daß man solche Probleme eben lösen müßte.

Ich sagte ihm damals, Adolf Hitler, von den Schwierigkeiten, die Mr. Chamberlain persönlich aus dem Vorgehen Deutschlands haben könnte, daß England dies als einen Machtzuwachs Deutschlands betrachte und so weiter. Aber der Führer erklärte mir die ganze Frage mit den Gründen, die ich eben erwähnt habe.

Die englische Reaktion war zunächst von Mr. Chamberlain im Unterhaus eher eine positive. Er sagte, daß es kein Bruch des Münchener Abkommens sei, und die Britische Regierung sei nicht an eine Verpflichtung gebunden. Der Tschechoslowakische Staat sei zerfallen, und die von England in Aussicht gestellte Garantie sei nicht in Kraft getreten – oder die Garantieverpflichtung war es, käme nicht mehr danach in Frage.

Ich darf sagen, daß wir alle damals froh waren, daß man eine solche Haltung in England einnahm. Ich glaube, es war zwei oder drei Tage später, hat dann Mr. Chamberlain in Birmingham...


VORSITZENDER: Dr. Horn! Was haben wir mit Englands Reaktion zu tun, außer daß diese die Form einer Note annahm? Ich sehe nicht ein, was sie damit zu tun hat. Was wir wissen wollen ist, welche Rolle der Angeklagte Ribbentrop beim Bruch des Münchener Abkommens gespielt hat.


DR. HORN: Der Angeklagte von Ribbentrop ist angeklagt, daß er an einer Verschwörung mit teilgenommen habe, und zwar als Außenminister, und daß seine Außenpolitik mit auf die Herbeiführung eines Angriffskrieges abgezielt habe. Wenn der Angeklagte von Ribbentrop sich gegen diese Dinge verteidigen will und darf, dann muß er die Umstände, wie er sie gesehen hat und die Motive, die ihn zu seinem Handeln veranlaßt haben, darlegen können. Ich stelle dem Angeklagten nur in diesem Falle Fragen, die ihn zu seiner Meinungsbildung veranlaßt haben.


VORSITZENDER: Ich glaube nicht, daß Sie ihn darüber befragt haben. Er hat gerade...


DR. HORN: Es ist nicht gut hörbar. Es kam nicht richtig durch.


VORSITZENDER: Was ich sagte, war: Ich glaube nicht, daß Sie ihm irgendwelche Fragen in Bezug auf die Reaktion in England stellten.


[294] DOLMETSCHER: Die Leitung scheint irgendwie gestört zu sein. Es kommt mehr als eine Sprache durch.


VORSITZENDER: Ich denke, das beste ist, der Gerichtshof vertagt sich.


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Herr Dr. Horn! Als die Anlage versagte, wollte ich das Folgende sagen: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß der Angeklagte imstande sein sollte, seine Beweisführung innerhalb engerer Grenzen zu halten und nicht auf so viele Einzelheiten einzugehen. Was die Reaktionen, die politischen Reaktionen in England betrifft, so sind diese an sich nicht erheblich, und der Einfluß, den sie auf den Fall haben könnten, ist wirklich gering.

DR. HORN: Was veranlaßte Hitler, Sie in Oktober 1938 zu beauftragen, mit Polen in Verhandlungen einzutreten?


VON RIBBENTROP: Mit Polen gab es von jeher das Minderheitsproblem, was große Schwierigkeiten machte. Dies war trotz des Abkommens von 1934 nicht anders geworden. Im Jahre 1933 gingen die Entdeutschungsmaßnahmen im Volkstum weiter. Hitler wollte mit Polen wie auch mit den anderen Staaten zu einer endgültigen Klarheit kommen. Er beauftragte mich daher, ich glaube es war im Laufe des Oktober 1938, mit dem Polnischen Botschafter über eine endgültige Bereinigung der zwischen Deutschland und Polen schwebenden Fragen zu sprechen.


DR. HORN: Um welche Frage handelte es sich dann noch, außer der Minderheitenfrage?


VON RIBBENTROP: Es waren zwei Fragen. Die eine Frage, die Minderheitsfrage, das war die brennendste. Die zweite Frage war die Frage Danzigs und des Korridors, das heißt einer Verbindung nach Ostpreußen.


DR. HORN: Wie standen Hitler und Sie zur Danzig-und Korridorfrage?


VON RIBBENTROP: Es ist klar, daß diese beiden Fragen diejenigen waren, die seit Versailles die größten Schwierigkeiten gemacht hatten. Hitler mußte früher oder später diese Probleme irgendwie lösen. Auch ich stand auf diesem Standpunkt. Danzig stand unter dem ständigen Druck der Polen; es sollte nämlich immer mehr polonisiert werden, und aus dem Korridor waren im Oktober 1938, ich glaube, zwischen 800000 und 1 Million Deutsche ausgewiesen worden, beziehungsweise ins Reich zurückgewandert.


DR. HORN: Wie nahm der Polnische Botschafter Ihre Anregungen im Oktober 1938 auf?


[295] VON RIBBENTROP: Der Polnische Botschafter war zunächst zurückhaltend. Er legte sich nicht irgendwie fest, das konnte er auch nicht. Ich brachte das Problem auch in einer Form an ihn heran, daß er diese Dinge in aller Ruhe mit seiner Regierung besprechen möchte und verlangte sozusagen gar keine definitive Antwort von ihm. Er sagte, daß er bezüglich Danzigs natürlich gewisse Schwierigkeiten sehe, und auch eine Verbindung nach Ostpreußen wäre eine Frage, die man sehr zu überlegen hätte. Er hat sich aber sehr zurückhaltend verhalten, und die Unterredung endete damit, daß er versprach, seiner Regierung meine Eröffnungen der Deutschen Reichsregierung zu übermitteln und daß er mir in absehbarer Zeit eine Antwort zukommen lassen würde.


DR. HORN: Wie endete Ihre zweite Unterredung am 17. November 1938 mit Botschafter Lipski?


VON RIBBENTROP: Am 17. November 1938 kam Lipski zu mir und erklärte, daß die Frage ganz erhebliche Schwierigkeiten mache, und daß für Polen aus der ganzen Einstellung heraus gerade die Danziger Frage natürlich besonders schwierig sei.


DR. HORN: Haben Sie damals im Auftrag Hitlers an Lipski das Ersuchen gerichtet, mit Außenminister Beck direkt in Verhandlungen zu treten?


VON RIBBENTROP: Ich habe damals Außenminister Beck nach Berlin eingeladen.


DR. HORN: Wann kam Außenminister Beck nach Berchtesgaden?


VON RIBBENTROP: Minister Beck ist leider nicht nach Berlin gekommen, sondern er ging nach London.

DR. HORN: Nein. Sie haben meine Frage mißverstanden. Wann kam Außenminister Beck nach Berchtesgaden?


VON RIBBENTROP: Hitler hatte gesagt, daß er gern mit Herrn Beck persönlich über die Frage sprechen wollte. Herr Beck kam daraufhin, das Datum weiß ich nicht mehr genau


DR. HORN: Anfang Januar, am 5. Januar.


VON RIBBENTROP:... nach Berchtesgaden und hat eine lange Aussprache mit Adolf Hitler gehabt.


DR. HORN: Welches war das Ergebnis dieser Aussprache?


VON RIBBENTROP: Ich war bei der Aussprache zugegen Das Ergebnis der Aussprache war, daß Adolf Hitler Beck nochmals in allen Einzelheiten seinen Wunsch nach guten deutsch-polnischen Beziehungen zum Ausdruck brachte, und daß er sagte, man müsse für Danzig eine ganz neue Lösung neuer Art finden, und eine Verbindung nach Ostpreußen könnte keine unüberwindlichen Schwierigkeiten machen. In der Unterredung verhielt sich Herr Beck ziemlich [296] rezeptiv. Er sagte dem Führer, daß die Danziger Frage natürlich wegen der Weichselmündung Schwierigkeiten machte, aber er würde sich das Problem in allen Einzelheiten überlegen. Er hat also nicht etwa die Diskussion über diese Frage abgelehnt, sondern er hat nur auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die wegen der polnischen Einstellung einer Lösung dieses Problems entgegenständen.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Beck zu Verhandlungen grundsätzlich bereit war und Sie deshalb Ende Januar nach Warschau zu einem Besuch einlud?


VON RIBBENTROP: Das kann man so nicht ganz sagen. Ich habe mit Beck nach dem Berchtesgadener Zusammentreffen mit dem Führer eine weitere lange Aussprache in München gehabt. In dieser Aussprache hat Beck mir erneut auseinandergesetzt, daß das Problem sehr schwierig sei, aber er würde seinerseits alles tun, mit seinen Regierungskollegen sprechen, und irgendeine Lösung müßte man finden. Bei dieser Gelegenheit haben wir dann auch verabredet, daß ich ihm einen Gegenbesuch in Warschau abstatten würde. Während dieses Besuches haben wir auch über die Volkstumfrage und über Danzig und den Korridor gesprochen. Auch bei dieser Unterredung kam aber das Thema nicht recht weiter, sondern Herr Beck erklärte nur wieder die Argumente der Schwierigkeit. Ich habe ihm gesagt, daß es doch unmöglich sei, dieses Problem so stehen zu lassen zwischen Deutschland und Polen. Ich habe ihn hingewiesen auf die große Schwierigkeit der deutschen Volksgruppe und auf den, möchte ich sagen, unwürdigen Zustand, daß, wenn Deutsche nach Ostpreußen fahren wollten, diese großen Schwierigkeiten immer seien. Herr Beck versprach, in der Volkstumfrage zu helfen und auch die anderen Fragen einer weiteren Prüfung zu unterziehen. Ich habe dann am folgenden Tage, allerdings nur kurz, mit dem Marschall Rydz-Smygli gesprochen, aber hier ist das Gespräch nicht weiter vertieft worden.


DR. HORN: Haben Sie damals Beck zu einem weiteren Besuch nach Berlin aufgefordert, und hat dieser Besuch stattgefunden, oder hat Außenminister Beck andere Wege eingeschlagen?


VON RIBBENTROP: Es kam dann so, daß ich Außenminister Beck nach Berlin eingeladen hatte, denn der erste Besuch von ihm war kein offizieller gewesen. Leider ist aber Herr Beck nicht nach Berlin gekommen, sondern Herr Beck fuhr, wie ich eben schon sagte, nach London.


DR. HORN: Welches war die Reaktion des Londoner Besuchs auf den weiteren Gang der Verhandlungen?


VON RIBBENTROP: Die Reaktion des Londoner Besuchs war für uns eine völlig überraschende. Der Botschafter Lipski überreichte, ich glaube, es war am 21. März, ja, das ist richtig, uns plötzlich ein Memorandum.


[297] DR. HORN: Ich darf Sie unterbrechen. Sie hatten vorher am 21. März noch eine Unterredung mit Lipski anläßlich der Aufteilung der Tschechei und über die Probleme, die sich aus der Errichtung des Protektorats ergaben.


VON RIBBENTROP: Das mag sein, das war dann am 26.


DR. HORN: Jawohl.


VON RIBBENTROP: Das ist richtig. Am 21. März hatte ich eine Unterredung mit Lipski, das stimmt, und in dieser Unterredung sprach Lipski gewisse Bedenken aus wegen der Slowakei und des von Deutschland gegebenen Schutzes. Er drückte den Wunsch aus, daß zwischen Ungarn und Polen, zwei Länder, zwischen denen immer enge Beziehungen bestanden hatten, eine unmittelbare Grenze hergestellt werden könnte, ob das nicht möglich sei, und fragte auch indirekt, ob dieser Schutz der Slowakei sich irgendwie gegen Polen richte. Ich habe damals Herrn Beck beruhigt, da bei Abgabe dieses Schutzversprechens auch nicht die geringste Absicht irgendwie bei Hitler oder bei sonst irgend jemandem gegen Polen mitgesprochen hatte. Es war damals lediglich eine Maßnahme, eigentlich, um den Ungarn zu bedeuten, daß nunmehr diese territorialen Fragen doch klar seien. Ich glaube aber mich zu erinnern, daß ich Herrn Lipski in Aussicht stellte, daß man diese Verbindung auf dem Wege über die Karpatho-Ukraine, glaube ich, herstellen könnte.


DR. HORN: Ist es richtig, daß zwischen Polen und der Britischen Regierung, der Französischen und der Russischen Regierung, um den 20. März herum Konsultationen eingeleitet wurden?


VON RIBBENTROP: Ja, das stimmt. Es waren Konsultationen, die, soviel ich mich erinnere, auf den Vorschlag von Lord Simon zurückzuführen waren. Es sollte eine gemeinsame Erklärung abgegeben werden in Bezug auf Polen. Polen hat aber dann dies nicht als befriedigend angesehen und wohl in London bedeutet, daß das eine Lösung sei, die nicht für Polen in Frage käme.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Polen auf ein konkretes Bündnis mit England und Frankreich hingearbeitet hat?


VON RIBBENTROP: Es ist kein Zweifel und heute geschichtliche Tatsache, daß Polen sich mit England, um das Bündnis mit England bemüht hat.


DR. HORN: Wann wurde es der Deutschen Regierung bekannt, daß Polen eine Unterstützung Englands und Frankreichs zugesagt bekommen hatte?


VON RIBBENTROP: Das wurde bekannt, ich kann Ihnen das Datum nicht genau sagen, jedenfalls Ende März ist es gewesen. Ich weiß jedenfalls, daß – und es war unser aller Überzeugung und ich glaube, es ist heute erhärtete Tatsache –, daß diese Beziehungen,[298] die Ende März zwischen Warschau und London angeknüpft wurden, entscheidend waren für die Antwort, die Polen uns in einem Memorandum überraschenderweise, ich glaube, es war am 26. März, übermittelte.


DR. HORN: Ist es richtig, daß in diesem Memorandum stand, daß eine Weiterverfolgung der deutschen Ziele hinsichtlich einer Änderung der Danzig-Korridorfrage für Polen den Kriegsfall bedeute?


VON RIBBENTROP: Ja, das ist richtig. Das war unsere große Überraschung. Ich weiß, daß ich das Memorandum las und einen Augenblick gar nicht verstehen konnte, daß eine solche Antwort gekommen war. Wenn man bedenkt, daß wir monatelang versucht hatten, hier eine Lösung herbeizuführen, die, ich darf das hier betonen, seinerzeit nur Adolf Hitler mit seiner großen Autorität vor dem deutschen Volke überhaupt durchsetzen und verantworten konnte.

Ich möchte mich nicht in Einzelheiten verlieren, aber soviel möchte ich doch sagen, daß das Danzig-und Korridorproblem doch schon seit 1919 von sehr maßgebenden Staatsmännern als das Problem bezeichnet worden war, wo irgendwie die Revision von Versailles einsetzen mußte. Ich darf an die Äußerung von Marschall Foch, ich darf an sonstige Äußerungen Mr. Winston Churchills, der auch dazu Stellung nahm, Clemenceaus und so weiter erinnern. Alle diese Staatsmänner waren zweifellos der Überzeugung, daß tatsächlich auch eine territoriale Revision dieses Korridors vorgenommen werden müßte. Hitler seinerseits wollte aber den ganz großen Schnitt machen und mit Polen sich auf der Basis verständigen, daß er diesen Korridor akzeptierte und lediglich Danzig zu dem Reich zurückkehren sollte, wobei Polen auf wirtschaftlichem Gebiete eine denkbar großzügige Lösung zugestanden werden sollte. Das war also die Basis der Vorschläge, an denen ich im Auftrage Adolf Hitlers 4 bis 5 Monate gearbeitet hatte. Umso größer war unsere Überraschung, daß plötzlich von der anderen Seite erklärt wurde, daß eine weitere Verfolgung dieser von uns als sehr großzügig angesehenen Pläne und Lösungen den Krieg bedeuten sollte. Ich habe Hitler dies dann gemeldet, und Hitler hat das, ich entsinne mich sehr gut, sehr ruhig aufgenommen.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Sie am folgenden Tage dem Polnischen Botschafter erklärten, daß das Memorandum vom 26. März 1939 nicht als Basis für eine Regelung angesehen werden könne?

VON RIBBENTROP: Das stimmt; ich habe eben gesagt, daß Hitler die sehr harte und ernste Botschaft des Polnischen Botschafters sehr ruhig aufnahm. Er sagte mir aber, ich möge dem Polnischen Botschafter bedeuten, daß auf dieser Basis natürlich eine Lösung nicht gefunden werden könnte. Von Krieg dürfe hier nicht gesprochen werden.


[299] DR. HORN: Ist es richtig, daß im Anschluß daran, am 6. April 1939, der polnische Außenminister Beck nach London fuhr und eine vorläufige Vereinbarung über gegenseitige Beistandsverpflichtung zwischen Polen, England und Frankreich mit zurückbrachte?


VON RIBBENTROP: Jawohl, das stimmt.


DR. HORN: Welches war die deutsche Reaktion auf diese Beistandsverpflichtung?


VON RIBBENTROP: Die deutsche Reaktion drückte sich dann aus in – ich darf da vielleicht auf die Reichstagsrede Adolf Hitlers verweisen, in der er zu diesem gesamten Problem dann Stellung nahm. Wir empfanden diesen Beistandspakt zwischen England und Polen als nicht in Übereinstimmung mit dem deutsch-polnischen Pakt von 1934, denn in dem Pakt von 1934 war jede Gewalt zwischen Deutschland und Polen ausgeschlossen. Durch den neuen Pakt, den Polen mit England ohne vorherige Konsultation mit Deutschland abgeschlossen hatte, war Polen verpflichtet, ja auch zum Beispiel, wenn Deutschland mit England in irgendeinen Streit käme, seinerseits Deutschland anzugreifen. Ich weiß, daß Adolf Hitler es auch als nicht in Übereinstimmung empfand mit dem, was er seinerseits mit Herrn Chamberlain in München vereinbart hatte, nämlich ebenfalls die Ausschließung jeder Gewalt zwischen Deutschland und England, was immer auch eintritt.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Deutschland am 28. April daraufhin ein Memorandum durch Sie an Polen überreichen ließ, das die Kündigung der deutsch-polnischen Erklärung von 1934 beinhaltete?


VON RIBBENTROP: Das stimmt. Das war, glaube ich, am gleichen Tage wie die Reichstagsrede des Führers. Es wurde in dem Memorandum ungefähr das ausgeführt, was ich eben kurz zusammengefaßt gesagt habe, daß dieser Vertrag nicht in Übereinstimmung mit dem Vertrage von 1934 sei, und daß Deutschland dieses Abkommen als nicht mehr in Gültigkeit befindlich betrachte.


DR. HORN: Ist es richtig, daß als Folge dieses Memorandums eine starke Verschärfung in den deutsch-polnischen Beziehungen und neue Schwierigkeiten in der Minderheitsfrage auftauchten?


VON RIBBENTROP: Ja, das stimmt. Es waren in der Zeit vorher Verhandlungen im Gange gewesen, um das Minderheitenproblem auf eine neue Basis zu stellen. Ich weiß noch genau, daß diese Verhandlungen aber nicht vom Flecke kamen. Das war schon vor dem 28. Mai; und nach dem 28. Mai wurde die Lage des deutschen Volkstums sehr viel schwieriger noch als schon vorher. Es war vor allem damals der polnische Westmarken-Verband, der sich stärkstens betätigte, und die Verfolgungen der Deutschen, Vertreibung von [300] Haus und Hof und so weiter waren an der Tagesordnung. Ich weiß, daß gerade in den auf den 28. Mai folgenden Monaten, also im Sommer 1939, die sogenannten Flüchtlingsauffanglager für deutsche Flüchtlinge aus Polen ungeheuren Zustrom hatten.


DR. HORN: Wie wurden von Ihnen und Hitler die britisch-französischen Garantieerklärungen an Rumänien und Griechenland und später an die Türkei aufgenommen?


VON RIBBENTROP: Diese Erklärungen konnten von der deutschen Politik nur so aufgefaßt werden, daß England hier in Europa eine Bündnispolitik systematischer Art gegen Deutschland betrieb. Das war die Auffassung Hitlers und auch meine.


DR. HORN: Ist es richtig, daß auf diese Garantieerklärungen und die Botschaft Roosevelts vom 14. April 1939 dann am 22. Mai 1939 ein deutsch-italienischer Bündnispakt unterzeichnet wurde, und welches waren die Gründe dafür?


VON RIBBENTROP: Zwischen Deutschland und Italien bestanden natürlich, wie das ja bekannt ist, schon seit langem freundschaftliche Beziehungen, und es wurden im Hinblick auf die Verschärfung der Situation in Europa nun diese Beziehungen, und zwar auf Anregung Mussolinis, vertieft und zu einem Bündnispakt, der damals von Graf Ciano und mir zunächst in Mailand besprochen wurde, im Auftrage der Regierungschefs paraphiert, beziehungsweise vorbereitet. Es war dies eine Antwort auf die Bestrebungen der englisch-französischen Politik.


DR. HORN: Ist es richtig, daß die Krise mit Polen dadurch akut wurde, daß am 6. August in Danzig ein Zollinspektorenstreit eintrat, und dadurch die Deutsche Regierung zu einer Stellungnahme gezwungen wurde?


VON RIBBENTROP: Jawohl, das stimmt. Es war ein Streit entstanden zwischen dem polnischen Vertreter und dem Senat der Stadt Danzig; und zwar war eine Note des polnischen Vertreters an den Senatspräsidenten, in der mitgeteilt wurde, daß gewisse Senatszollbeamte sich polnischen Weisungen und so weiter widersetzen wollten. Diese Nachricht stellte sich dann als unwahr heraus, wurde von dem Senat beantwortet und führte zu einem scharfen Notenwechsel zwischen dem Senat und dem polnischen Vertreter. Ich habe damals im Auftrage Adolf Hitlers den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes beauftragt, bei der Polnischen Regierung entsprechende Vorstellungen vorzunehmen.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Ihr damaliger Staatssekretär Weizsäcker den Französischen und Englischen Botschafter am 15. August zu sich kommen ließ, um nun die beiden Botschafter über den Ernst der Lage eingehend zu unterrichten?


[301] VON RIBBENTROP: Jawohl, das stimmt. Das hatte er in meinem Auftrag getan.


DR. HORN: Ist am 18. August der Botschafter Henderson nochmals zu Ihrem Staatssekretär gebeten worden aus Gründen der weiteren Verschärfung der Lage in Polen und Danzig?


VON RIBBENTROP: Ja, es hat eine Besprechung wenige Tage später stattgefunden zwischen dem Englischen Botschafter und dem Staatssekretär. Der Staatssekretär hat ihm damals in sehr klaren Worten die große Schwierigkeit der Lage auseinandergesetzt und ihm gesagt, daß die Dinge sich in sehr ernster Richtung bewegten.

DR. HORN: Ist es richtig, daß Sie in dieser Phase der Krise den Entschluß faßten auf Grund einer Ihnen zugegangenen Anregung, Verhandlungen mit Rußland anzubahnen, und welches waren Ihre Gründe dafür?


VON RIBBENTROP: Verhandlungen mit Rußland sind schon einige Zeit vorher begonnen worden. Der Marschall Stalin hat im März 1939 eine Rede gehalten, in der er gewisse Andeutungen machte über seinen Wunsch, mit Deutschland in bessere Beziehungen zu kommen. Ich hatte damals diese Rede Adolf Hitler unterbreitet und ihn gebeten, ob man nicht diese Anregung mal sehen könnte, ob diese Anregung auf... ob irgend etwas Wirkliches dahintersteckte. Adolf Hitler war zunächst zögernd, er hat aber dann sich mit dieser Frage mehr befreundet. Es waren dann Handelsvertragsverhandlungen im Gange, und während dieser Handelsvertragsverhandlungen habe ich dann mit Erlaubnis des Führers Sondierungen vorgenommen in Moskau, ob nicht die Möglichkeit einer endgültigen Überbrückung des Nationalsozialismus und des Bolschewismus möglich sein könnte, und ob man nicht die Interessen der beiden Länder zumindest zusammen abstimmen könnte.


DR. HORN: Wie sind die durch die sowjetrussische Handelsvertretung in Berlin mit Ihrem Gesandten Schnurre aufgenommenen Beziehungen weitergelaufen?


VON RIBBENTROP: Die Verhandlungen des Gesandten Schnurre führten schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit – oder ergaben nach kurzer Zeit – ein Bild, aus dem mir klar war, daß Stalin diese Rede ernst gemeint hatte. Es hat dann ein Telegrammaustausch mit Moskau stattgefunden, der in der Mitte August dann dazu führte, daß Hitler ein Telegramm an Stalin sandte und in Beantwortung dieses Telegrammes Stalin einen bevollmächtigten Vertreter nach Moskau einlud. Das Ziel, das diplomatisch vorbereitet war, war der Abschluß eines Nichtangriffspakts zwischen den beiden Ländern.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Sie als Bevollmächtigter nach Moskau geschickt wurden?


[302] VON RIBBENTROP: Jawohl, das ist bekannt.


DR. HORN: Wann flogen Sie nach Moskau, und welche Verhandlungen haben Sie dort geführt?


VON RIBBENTROP: Ich bin am 22. August abends in Moskau angekommen. Der mir dort von Stalin und Molotow gewordene Empfang war sehr freundlich. Wir hatten zunächst eine zweistündige Besprechung. In dieser Besprechung wurde der Gesamtkomplex der deutsch-russischen Beziehungen besprochen.

Das Resultat war erstens der beiderseitige Wille, in beiden Ländern die Beziehungen auf eine völlig neue Basis zu stellen. Dies sollte zum Ausdruck kommen in einem Nichtangriffspakt. Zweitens sollten die Interessensphären der beiden Länder abgegrenzt werden, was ebenfalls geschah, und zwar durch ein geheimes Zusatzprotokoll.


DR. HORN: Für welchen Fall war dieses geheime Zusatzprotokoll abgeschlossen worden, und was beinhaltete es, und welches waren die politischen Grundlagen?


VON RIBBENTROP: Ich möchte da folgendes vorausschicken: Es ist bereits hier verschiedentlich über dieses geheime Protokoll gesprochen worden. Ich habe damals in den Verhandlungen mit Stalin und Molotow sehr offen gesprochen, genau so wie die russischen Herren auch sehr offen mit mir sprachen. Ich habe den Wunsch Adolf Hitlers geschildert, daß die beiden Länder zu einer endgültigen Einigung kommen möchten, und ich habe auch natürlich von der krisenhaften Lage in Europa gesprochen. Ich habe den russischen Herren gesagt, daß Deutschland alles tun würde, um die Lage mit Polen und die Schwierigkeit friedlich zu regeln und zu einer freundschaftlichen Vereinbarung trotz allem noch zu kommen.

Ich habe aber keinen Zweifel gelassen, daß die Situation ernst sei, und daß es möglich sei, daß auch ein kriegerischer Konflikt ausbrechen könnte. Das war ja klar. Es handelte sich hierbei für beide Staatsmänner, sowohl für Stalin als auch für Hitler, um Gebiete, die beiden Ländern nach einem unglücklichen Kriege verlorengegangen waren. Es ist daher falsch, diese Dinge von irgendeinem anderen Standpunkt aus zu betrachten, und so wie Adolf Hitler der Auffassung war, die ich auch in Moskau zum Ausdruck brachte, daß in irgendeiner Form dieses Problem so oder so gelöst werden müßte, und so war auch die russische Seite sich klar, daß dies der Fall war.

Wir haben dann gesprochen darüber, was im Falle eines kriegerischen Konflikts deutscherseits und russischerseits zu geschehen habe. Es ist dann eine Demarkationslinie, was bekannt ist, vereinbart worden, daß für den Fall unerträglicher polnischer Provokationen, [303] oder daß hier ein kriegerischer Konflikt entstände, daß hier eine Abgrenzung stattfinden müsse, damit nicht etwa irgendeine Kollision zwischen den deutschen und russischen Interessen im polnischen Raume stattfinden könnte oder sollte. Es ist dann die bekannte Linie gefunden worden, die sich ergab im polnischen Raum aus den Linien der Flüsse Vistula, San und Bug, und es wurde vereinbart, daß, falls ein Konflikt ausbrechen würde, daß die westlich dieser Flüsse liegenden Gebiete deutsches Interessengebiet und die östlich dieser Flüsse liegenden Gebiete russische Interessensphären sein würden.

Es ist dann ja auch später nach Ausbruch des Krieges zur Besetzung dieser Zonen auf der einen Seite durch Deutschland, auf der anderen Seite durch russische Truppen gekommen. Ich darf nochmal wiederholen, daß ich damals sowohl von Adolf Hitler als auch von Stalin den Eindruck hatte, daß die Gebiete – daß es sich hier bei den polnischen Gebieten und auch den sonstigen Gebieten, die in den Interessensphären abgegrenzt wurden, worauf ich gleich noch zu sprechen komme, um Gebiete handelte, die den beiden Ländern nach einem unglücklichen Kriege verlorengegangen waren; und beide Staatsmänner standen zweifellos auf dem Standpunkt, daß, wenn diese Gebiete, wenn, ich möchte sagen, die letzte Verhandlungsmöglichkeit um eine vernünftige Lösung dieser Fragen erschöpft sei, daß zweifellos eine Berechtigung für Adolf Hitler da sei, auch auf anderem Wege diese Gebiete wieder dem Deutschen Reiche einzuverleiben.

Es ist darüber hinaus, was ja auch bekannt ist... die anderen Interessensphären sind abgegrenzt worden, die sich bezogen auf Finnland, das Baltikum und Bessarabien. Es war dies eine große Bereinigung der Interessen zweier Großmächte sowohl für den Fall einer friedlichen Lösung als auch für den Fall einer kriegerischen Lösung.


DR. HORN: Ist es richtig, daß diese Verhandlungen ausdrücklich nur für den Fall geführt wurden, daß es auf Grund des Nichtangriffspakts und der politischen Bereinigung zwischen Rußland und Deutschland nicht gelingen sollte, auf diplomatischem Wege den polnischen Konflikt zu bereinigen?


VON RIBBENTROP: Bitte, nochmal zu wiederholen!


DR. HORN: Ist es richtig, daß diese Lösung ausdrücklich nur für den Fall bestimmt war, daß trotz des Nichtangriffspakts mit Rußland, wenn eine diplomatische Lösung des polnischen Konfliktes nicht möglich sei, und nur für diesen Fall, dieser Vertrag wirksam werden sollte?


VON RIBBENTROP: Jawohl, das stimmt. Ich habe damals zum Ausdruck gebracht, daß deutscherseits natürlich alles versucht [304] werden würde, um die Dinge in einer diplomatisch friedlichen Form zu lösen.


DR. HORN: Hat Ihnen Rußland bei dieser Lösung diplomatische Hilfe beziehungsweise wohlwollende Neutralität zugesichert?


VON RIBBENTROP: Das ergab sich ja an sich aus dem Nichtangriffspakt und aus den ganzen Besprechungen in Moskau. Es war ganz klar, daß, wenn durch die polnische Haltung, das war unsere Überzeugung, hier ein Krieg ausbrechen würde, Rußland uns gegenüber eine freundschaftliche Haltung einnehmen würde.


DR. HORN: Wann flogen Sie aus Moskau zurück, und welche Lage fanden Sie in Berlin vor?


VON RIBBENTROP: Der Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion wurde am 23. abgeschlossen. Ich bin dann am 24. nach Deutschland zurückgeflogen. Ich hatte gedacht, zunächst, daß ich zu dem Führer nach dem Berghof nach Berchtesgaden fliegen würde. Aber mir wurde bedeutet, ich weiß nicht mehr, ob während des Fluges oder vorher, daß ich nach Berlin kommen möge.

Wir flogen dann nach Berlin, und ich habe dort Adolf Hitler über die Moskauer Abmachungen Bericht erstattet. Die Situation, die ich vorfand, war zweifellos eine sehr gespannte. Das habe ich dann besonders am nächsten Tage bemerkt.


DR. HORN: Auf welche Ereignisse war diese Verschärfung der deutsch-polnischen Situation zurückzuführen?


VON RIBBENTROP: Es hatten sich in den Mitte-Augusttagen allerhand Dinge ereignet, die, ich möchte sagen, die Elektrizität in der Luft immer mehr geladen hatten. Grenzzwischenfälle, Schwierigkeiten zwischen Danzig und Polen; auf der einen Seite wurde Deutsch land vorgeworfen, Waffen nach Danzig zu schicken; auf der anderen Seite warfen wir den Polen vor, daß sie militärische Maßnahmen in Danzig ergriffen und so weiter.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Ihnen bei Ihrer Rückkehr nach Berlin die Unterzeichnung des britisch-polnischen Garantievertrages mitgeteilt wurde, und welches war Ihre und Hitlers Reaktion darauf?


VON RIBBENTROP: Das war am 25. August. Am 25. August habe ich Kenntnis bekommen von dem Gespräch, das der Führer mit Botschafter Henderson während meiner Abwesenheit von Deutschland, ich glaube am 22. August, in Berchtesgaden geführt hatte. Es war dies ein sehr ernstes Gespräch gewesen. Henderson hatte einen Brief des englischen Premierministers überbracht, der klar zum Ausdruck brachte, daß ein kriegerischer Konflikt zwischen Deutschland und Polen England auf den Plan rufen würde.

Ich habe dann am 25. früh mit dem Führer – der Führer hat dann, glaube ich, noch am selben Tage geantwortet, und zwar war [305] die Antwort so gehalten, daß im Augenblick eine Lösung auf diplomatischem Wege nicht abzusehen war. Ich habe über diesen Briefwechsel mit dem Führer am 25. gesprochen und ihn meinerseits gebeten, doch diese Frage auch nochmal zu überlegen, und ob man nicht doch nochmal einen Versuch mit England machen könnte.

Es war dies der 25., ein sehr ereignisreicher Tag. Es kam dann am Vormittag nämlich eine Mitteilung der Italienischen Regierung, wonach Italien im Falle eines Konfliktes über Polen nicht an deutscher Seite stehen würde. Der Führer entschloß sich dann, Botschafter Henderson im Laufe des Tages nochmal zu empfangen. Diese Unterredung hat um die Mittagszeit des 25. stattgefunden. Ich war anwesend dabei. Der Führer hat Sir Nevile Henderson nochmal in aller Ausführlichkeit seinen dringenden Wunsch, mit England zu einer Verständigung zu kommen, ans Herz gelegt. Er schilderte ihm die sehr schwierige Situation mit Polen und bat ihn, glaube ich, ein Flugzeug zu nehmen, um nach England zu fliegen, um diese ganze Situation nochmals mit der Englischen Regierung zu besprechen. Botschafter Henderson hat dies dann zugesagt, und ich schickte ihm, ich glaube im Laufe des Nachmittags, dann eine Notiz oder eine Verbalnote, in der der Führer seine Gedanken einer solchen Verständigung – oder ich glaube vielmehr das, was er in der Unterredung gesagt hatte – nochmals schriftlich zu Papier brachte, damit der Englische Botschafter in der Lage sein würde, seiner Regierung dies richtig übermitteln zu können.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Sie nach Bekanntwerden des britisch-polnischen Garantievertrages Hitler ersuchten, angelaufene militärische Maßnahmen in Deutschland zurückzunehmen?


VON RIBBENTROP: Ja, das stimmt. Ich wollte das gerade erzählen. Es ist dann im Laufe des Nachmittags – ich hörte im Laufe des Tages, daß gewisse militärische Maßnahmen angelaufen waren, und ich bekam dann im Laufe des Nachmittags, ich glaube es war eine Reutermeldung, jedenfalls war es eine Pressemeldung, daß in London der polnisch-englische Bündnispakt ratifiziert worden sei.

Ich glaube sogar, es war eine Notiz dabei, daß der Polnische Botschafter Raczynski krank gewesen sei, aber plötzlich trotzdem im Foreign Office diese Unterschrift vollzogen habe.


DR. HORN: Wurde dieser Vertrag vor oder nach Bekanntwerden der Verweigerung der Unterschrift unter die italienische Mobilmachung abgeschlossen?


VON RIBBENTROP: Dieser Vertrag wurde ganz zweifellos nachher abgeschlossen. Ich weiß natürlich Tag und Stunde nicht, aber ich glaube, es muß der Nachmittag des 25. August gewesen sein, denn – und die italienische Absage, die war ja bereits, glaube ich, auch in den Mittagsstunden bei uns eingetroffen, war also [306] zweifellos schon am selben Morgen oder tags vorher in Rom definitiv beschlossen worden. Jedenfalls, ich kann das auch noch aus einer anderen Tatsache sagen, vielleicht darf ich erst auf Ihre andere Frage antworten, was ich getan habe auf Grund dieser Nachricht?


DR. HORN: Jawohl.


VON RIBBENTROP: Ich ging, als ich diese Pressenachricht bekam, die mir dann, als ich in die Reichskanzlei kam, nochmals auch dort zur Kenntnis gebracht wurde, sofort zu Hitler und bat ihn meinerseits, die militärischen Maßnahmen, was immer sie waren, ich war über die militärischen Fragen nicht im einzelnen irgendwie orientiert, sofort abzustoppen und habe ihm gesagt, daß es ganz klar sei, daß dies den Krieg mit England bedeute, und daß England seine Unterschrift niemals verleugnen könnte. Der Führer hat nur verhältnismäßig kurz überlegt, sagte dann, das wäre richtig und rief sofort seinen militärischen Adjutanten, und ich glaube, es war dann der Feldmarschall Keitel, der kam, um die Generale zu rufen und angelaufene militärische Operationen abzustoppen. Er äußerte sich bei dieser Gelegenheit in der Weise, daß er sagte, wir haben zwei Hiobsbotschaften an einem Tage bekommen. Das war Italien und diese Botschaft. Und ich halte es für möglich, daß die Nachricht von der Haltung Italiens sofort in London bekanntgeworden ist, daß man daraufhin die endgültige Ratifizierung dieses Vertrages vorgenommen habe. An diese Äußerung des Führers entsinne ich mich sehr genau.


DR. HORN: Haben Sie und Hitler sich an diesem Tage gegenüber Henderson noch einmal bemüht, eine Bereinigung des Konfliktes herbeizuführen, und welches waren Ihre Vorschläge?


VON RIBBENTROP: Es war so, ich habe das schon ausgeführt, daß der Führer Henderson sah am 25. mittags, ich glaube, es war eine Frühnachmittagsstunde und ihm sagte, daß er nach wie vor die Absicht habe, mit England zu einer endgültigen Verständigung zu kommen. Die Frage Danzig-Korridor müsse in irgendeiner Form gelöst werden, und er wolle von sich aus an England mit einem umfassenden Angebot, das in dieser Verbalnote noch nicht enthalten war, herantreten, um auf einer ganz regulären Basis diese Dinge mit England zu lösen.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Hitler Henderson dann ein Flugzeug zur Verfügung gestellt hat, um diese Vorschläge sofort seiner Regierung unterbreiten zu können und um seine Regierung zu ersuchen, die angebotenen Dienste gegenüber Polen wirksam werden zu lassen?


VON RIBBENTROP: Ja, das stimmt. Ich weiß, daß Henderson, ich glaube am folgenden Tag, das muß wohl der 26. gewesen sein, [307] nach London in einem deutschen Flugzeug flog. Ich weiß die Einzelheiten davon nicht genau. Aber ich weiß, daß der Führer bei der Unterredung sagte: »Nehmen Sie sich sofort ein Flugzeug und fliegen Sie zu Ihrer Regierung.«


DR. HORN: Welche Ergebnisse brachte der Botschafter Sir Henderson am 28. August nach Berlin mit zurück?


VON RIBBENTROP: Ich möchte da sagen, daß im Hinblick auf die krisenhafte Situation zwischen Polen und Deutschland, die dem Englischen Botschafter ja auch bekannt war, der Führer eine gewisse Enttäuschung mir gegenüber zum Ausdruck brachte, daß der Englische Botschafter nicht schneller mit einer Antwort zurückgekommen sei, denn es war eben eine mit Elektrizität geladene Atmosphäre an dem Tage. Am 28. hatte Henderson dann eine neue Unterredung mit dem Führer. Ich war ebenfalls erneut zugegen. Die Antwort, die Sir Nevile Henderson aus London mitgebracht hatte, schien dem Führer zunächst nicht recht befriedigend. Sie beinhaltete verschiedene Punkte, die dem Führer unklar zu sein schienen. Der Hauptpunkt aber war, daß England in Aussicht gestellt hatte, zu einer großen Lösung der Probleme zwischen Deutschland und England bereit zu sein unter der Voraussetzung, daß die deutsch-polnische Frage einer friedlichen Lösung zugeführt werden könnte.

In der Unterredung hat Adolf Hitler Sir Nevile Henderson gesagt, daß er die Note prüfen und ihn dann erneut zu sich bitten würde. Er hat dann...


DR. HORN: Ist es richtig, daß in diesem Memorandum von England die Aufnahme direkter Verhandlungen zu Polen Deutschland nahegelegt wurde?


VON RIBBENTROP: Das stimmt. Einer der Punkte der Note – ich wollte jetzt auf den Inhalt noch kommen – war, daß von englischer Seite vorgeschlagen wurde, daß eine deutsch-polnische unmittelbare Verhandlung wohl der richtigste Weg sei, um zu einer Lösung zu kommen, und zweitens, daß diese Verhandlungen möglichst bald stattfinden sollten, weil die Lage... weil England anerkennen müsse, daß die Lage durch die Vorfälle an den Grenzen und überhaupt sehr gespannt sei. Es war ferner noch in der Note enthalten, daß, was immer auch für eine Lösung gefunden werden sollte, ich glaube es war in der Note, unter Garantie von den Großmächten gestellt werden sollte.


DR. HORN: Hatte sich England damals erboten, deutsche Vorschläge zu direkten Verhandlungen durch seine Vermittlung an Polen weiterzugeben?


VON RIBBENTROP: Ja, das ist richtig.


[308] DR. HORN: Wie waren diese deutschen Vorschläge gehalten, die am 29. August 1939 als Antwort auf Hendersons Memorandum von Hitler Henderson übergeben worden waren?


VON RIBBENTROP: Es war so: Adolf Hitler hat am 29. erneut den Englischen Botschafter empfangen und hat ihm bei dieser Gelegenheit gesagt, daß er bereit ist, auf die englische Anregung des 28. einzugehen, das heißt, daß er also, trotz der großen Spannungen und von ihm sehr hart empfundenen polnischen Haltung, bereit sein würde, nochmals die Hand zu einer friedlichen Lösung des deutsch-polnischen Problems zu reichen, wie es in dem englischen Vorschlag vom 28. enthalten war.


DR. HORN: Welches waren die Gründe, diesem deutschen Vorschlag eine Aufforderung beizufügen, bis zum 30. August einen polnischen Bevollmächtigten zu entsenden?


VON RIBBENTROP: In der Mitteilung Adolf Hitlers an Botschafter Henderson für die Englische Regierung wurde gesagt, daß die Deutsche Regierung im Hinblick auf die gespannte Lage sich hinsetzen würde und sofort entsprechende Vorschläge zu einer Lösung des Danzig- und Korridorproblems ausarbeiten würde. Sie hoffe, in der Lage zu sein, diese Vorschläge bis zum Eintreffen eines polnischen Unterhändlers, den sie im Laufe des 30. August erwartete, ebenfalls zur Verfügung stellen zu können.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Hitler diese Bestimmung oder diese Aufforderung zur Entsendung eines Bevollmächtigten deshalb hinzufügte mit einer 24stündigen Frist, weil er einen Konflikt infolge des Gegenüberliegens der beiden mobilisierten Wehrmachten befürchtete?


VON RIBBENTROP: Das stimmt absolut. Ich darf sagen, daß von der Unterredung vom 29. mir in Erinnerung ist, daß Botschafter Henderson den Führer fragte, ob das ein Ultimatum sei, und der Führer antwortete, nein, das sei kein Ultimatum, sondern, ich glaube er sagte, ein praktischer Vorschlag oder ein aus der Situation geborener Vorschlag, oder so etwas ähnliches. Tatsache war, wie ich nochmals wiederholen möchte, daß die Situation in den letzten Augusttagen an den Grenzen von Danzig und des Korridors so aussah, daß, man kann vielleicht sagen, wenn nicht bald etwas geschehe, die Gewehre von selbst losgehen würden. Daher die verhältnismäßig kurze Frist, die der Führer gestellt hatte. Er fürchte, daß, wenn eine längere Frist gestellt worden wäre, sich die Dinge vielleicht hinziehen könnten und dadurch die Gefahr eines kriegerischen Konfliktes nicht kleiner, sondern größer würde.


DR. HORN: Ist es richtig, daß trotz dieser Auskunft über diesen Punkt an den Botschafter Henderson die Antwort der Britischen Regierung diesen Vorschlag als unvernünftig bezeichnete?


[309] VON RIBBENTROP: Ich weiß über die englischen Reaktionen daraus aus einigen Dokumenten, die ich später gesehen habe. Die erste Reaktion selbst stammte erst aus meiner Unterredung mit Henderson am 30. August.


DR. HORN: Ist es richtig, daß Sie am 30. August eine vertrauliche Mitteilung bekamen über die polnische Totalmobilmachung?


VON RIBBENTROP: Das ist richtig. Der Führer hat im Laufe des 30. gewartet auf eine Nachricht des polnischen Unterhändlers. Diese kam aber nicht, sondern ich glaube, es war gegen Abend des 30., als die Nachricht eintraf, daß die polnische Generalmobilmachung befohlen, allerdings noch nicht veröffentlicht worden war. Ich glaube, veröffentlicht worden ist sie erst am nächsten Vormittag. Dies war natürlich eine weitere ungeheuere Verschärfung der Situation.


DR. HORN: Ist es richtig, daß die Britische Regierung dann ihre angebotene Vermittlung praktisch dadurch zurückzog, daß sie Deutschland zu direkten sofortigen Schritten über die Vorbereitung von Besprechungen zwischen Deutschland und Polen anregte?

VON RIBBENTROP: Sie meinen am 30.?


DR. HORN: Am 30., ja.


VON RIBBENTROP: Das war so, wir hatten den 30., wie ich schon sagte, gewartet, aber es war kein polnischer Unterhändler gekommen. Adolf Hitler hatte inzwischen diese Vorschläge vorbereitet, die er einem polnischen Unterhändler, der, wie er Sir Nevile Henderson ausdrücklich zugesagt hatte, auf völlig gleichwertiger Basis mit der Deutschen Regierung verhandeln könnte, übergeben wollte. Es ist dann erst kurz vor Mitternacht ein Anruf erfolgt, jedenfalls am späten Abend, glaube ich, daß der Englische Botschafter eine Mitteilung seiner Regierung zu übermitteln hätte. Diese Unterredung ist dann, glaube ich, nochmals verschoben worden; und jedenfalls hat um 12.00 Uhr Mitternacht vom 30. auf 31. August diese bekannte Unterredung zwischen dem Englischen Botschafter und mir stattgefunden.


DR. HORN: Sie haben gestern die Schilderung des Botschafters... des Gesandten Schmidt, über die Unterredung gehört. Haben Sie dieser Unterredung – dieser Schilderung – noch etwas hinzuzufügen?


VON RIBBENTROP: Ich möchte zu der Unterredung folgendes sagen: Es ist ganz klar, daß wir alle in dem Augenblick nervös waren, das stimmt. Das war so wohl der Englische Botschafter als ich auch. Der Englische Botschafter hatte, das möchte ich und muß ich hier erwähnen, am Tage vorher einen kleinen Auftritt mit dem Führer gehabt, so daß er leicht sehr ernst hätte enden können. Es gelang mir damals, die Dinge kurz abzubiegen. Es war daher eine [310] gewisse Spannung auch zwischen dem Englischen Botschafter und mir. Ich habe aber den Englischen Botschafter bewußt ruhig und sachlich empfangen, und ich habe nun seine Mitteilung entgegengenommen. Diese Mitteilung, hoffte ich, würde in letzter Stunde darin bestehen, daß er mir einen polnischen Unterhändler doch noch avisieren würde.

Dies geschah aber nicht, sondern Sir Nevile Henderson eröffnete mir

erstens, daß seine Regierung diesen modus precedendi nicht empfehlen könne trotz der sehr gespannten Lage, die durch die polnische Generalmobilmachung noch besonders verschärft war, sondern sie verwies die Deutsche Regierung auf den diplomatischen Kanal;

zweitens sagte er, daß, wenn die Deutsche Regierung der Britischen Regierung diese Vorschläge ebenfalls zur Verfügung stellen würde, dann würde die Englische Regierung bereit sein, sofern sie diese Vorschläge vernünftig finde, sich mit ihrem Einfluß in Warschau in positiver Weise für eine Lösung einzusetzen.

Es war dies aus der ganzen Situation heraus eine sehr schwierige Antwort. Denn, wie gesagt, die Situation war außerordentlich gespannt, und der Führer wartete seit dem Tage vorher auf einen Unterhändler. Ich fürchtete nun meinerseits auch, daß, wenn nicht irgendeine Lösung oder irgend etwas bald käme, wie gesagt, die Gewehre von selbst losgehen würden. Ich habe dann die Vorschläge, die der Führer mir gegeben hatte, Sir Nevile Henderson vorgelesen. Ich möchte hier nochmals unter meinem Eid aussagen, daß der Führer mir ausdrücklich verboten hatte, diese Vorschläge aus der Hand zu geben. Er hatte mir vielmehr gesagt, ich dürfte dieselben ausschließlich der Substanz nach, wenn ich es für richtig hielt, dem Britischen Botschafter mitteilen. Ich habe etwas mehr getan, indem ich die gesamten Vorschläge, von Anfang bis zu Ende, dem Britischen Botschafter vorgelesen habe. Ich hatte dies auch deshalb getan, weil ich irgendwie doch noch hoffte, daß die Englische Regierung ihren Einfluß in Warschau geltend machen und noch zu irgendeiner Lösung beitragen wollte. Ich muß aber hier auch offen aussagen, daß ich aus dem Gespräch mit dem Britischen Botschafter am 30. August den Eindruck gewann, sowohl aus seiner ganzen Einstellung, die ja zum gewissen Grade auch der Gesandte Schmidt gestern geschildert hat, als auch aus der Substanz der Mitteilung der Britischen Regierung, daß England in diesem Augenblick nicht bereit war, wirklich der Situation gerecht zu werden und, sagen wir mal, das äußerste zu tun, um diese Situation zu einer friedlichen Lösung kommen zu lassen.


DR. HORN: Was geschah nach Bekanntgabe des Inhalts der Note an Botschafter Henderson von seiten der Deutschen Regierung?


[311] VON RIBBENTROP: Ich habe nach dem Gespräch mit dem Englischen Botschafter dem Führer berichtet, daß es eine ernste Unterredung gewesen sei. Ich habe ihm auch gesagt, daß ich, entsprechend seiner Weisung, das Memorandum, trotz des Wunsches von Sir Nevile Henderson, ihm nicht übergeben hätte. Ich hätte aber den Eindruck des Ernstes der Lage, und es wäre meine Überzeugung, daß die britische Garantie für Polen in Kraft sei. Das wäre mein bestimmter Eindruck von dieser Unterredung gewesen. Es ist dann... Im Laufe des 31. hat der Führer dann noch den ganzen Tag gewartet, ob vielleicht doch noch in irgendeiner Form ein Unterhändler kommen würde, oder ob noch eine neue Mitteilung der Britischen Regierung eintreffen würde. Wir haben hier gehört über das Eingreifen von Reichsmarschall Göring, der Herrn Dahlerus damals nochmals den Inhalt dieser Note in allen Einzelheiten bekanntgab, so daß es ja kein Zweifel ist, daß im Laufe der Nacht, spätestens aber am Morgen des 31., die genauen Vorschläge der Reichsregierung in den Händen sowohl Londons, der Londoner Regierung, als auch der Warschauer Regierung gewesen sind. Der Führer hat dann noch den ganzen 31. gewartet, und ich bin der Überzeugung, ich möchte das hier ganz klar sagen, daß er gehofft hat, daß doch noch von Englands Seite irgend etwas geschehen würde. Es ist dann im Laufe des 31. der Polnische Botschafter zu mir gekommen. Aber es ist ja bekannt, daß er keinerlei Vollmachten hatte, um irgend etwas zu tun oder in Verhandlungen einzutreten oder gar noch Vorschläge irgendwelcher Art entgegenzunehmen. Ich weiß nicht, ob der Führer am 31. mich autorisiert haben würde, ihm solche Vorschläge zu übergeben, aber ich halte es für möglich. Aber der Polnische Botschafter war nicht hierzu autorisiert, wie er mir ausdrücklich sagte. Ich darf vielleicht kurz darauf hinweisen, daß über die Einstellung damals in Warschau ja der Zeuge Dahlerus weiteres ausgesagt hat.


DR. HORN: Ist es richtig, daß die deutschen Vorschläge von England erst am Abend des 31. August nach Warschau weitergeleitet wurden?


VON RIBBENTROP: Darf ich nochmals die Frage hören?


DR. HORN: Ist es richtig, daß die deutschen Vorschläge, die am Abend vorher, am 30. abends, von Ihnen dem Botschafter Sir Nevile Henderson unterbreitet worden waren, erst am Abend des 31. August nach Warschau weitergemeldet wurden?


VON RIBBENTROP: Sie meinen von London?


DR. HORN: Von London.


VON RIBBENTROP: Das kann ich Ihnen nicht genau sagen; aber das wird ja aus den amtlichen Dokumenten zweifellos hervorgehen.


[312] DR. HORN: Welche Erwägungen führten dann zum Entschluß, militärische Maßnahmen gegen Polen zu ergreifen?


VON RIBBENTROP: Ich kann Ihnen da im einzelnen nichts sagen. Ich weiß nur, daß der Führer diese Vorschläge, die ich dem Britischen Botschafter in der Nacht vom 30. zum 31. vorgelesen hatte, dann, ich glaube, am 31. gegen Abend durch den Rundfunk veröffentlichte. Die Reaktion des Warschauer Rundfunks – dieser Reaktion entsinne ich mich genau – war leider so, daß es eine absolute Kampfansage an diese deutschen Vorschläge, die ja, wie ich gehört habe, von Sir Nevile Henderson an sich als vernünftig bezeichnet worden waren, bedeutete. Ich glaube, sie wurden im polnischen Rundfunk damals als eine Unverschämtheit bezeichnet, und es wurde von den Deutschen als von Hunnen oder von solchen Dingen gesprochen. Das entsinne ich mich noch ungefähr. Jedenfalls kam prompt auf die Veröffentlichung dieser Vorschläge von Warschau eine sehr scharfe ablehnende Antwort. Ich nehme an, daß diese den Führer bestimmt hat, dann in der Nacht vom 31. zum 1. den Vormarschbefehl zu geben. Ich kann meinerseits dazu nur sagen, daß ich in die Reichskanzlei kam, und der Führer mir sagte, daß er Befehl gegeben habe, und das ginge nun nicht mehr anders oder so etwas ähnliches, und die Sache rolle. Ich habe daraufhin dem Führer nur gesagt: »Ich wünsche Ihnen Glück«.

Ich darf noch erwähnen, daß der Ausbruch dieser Feindseligkeiten das Ende der jahrelangen Bemühungen Adolf Hitlers um die Freundschaft Englands bedeutete.


DR. HORN: Ist von Mussolini noch ein Vermittlungsvorschlag gemacht worden, und wie endete dieser Vorschlag?


VON RIBBENTROP: Ja, das stimmt. Es ist... Am 3. vormittags kam ein solcher Vermittlungsvorschlag in Berlin an, daß Mussolini noch in der Lage sein könnte und würde, wenn eine schnelle Zustimmung der Deutschen Regierung käme, die polnische Frage irgendwie auf das Forum einer Konferenz zu bringen. Es wurde gleichzeitig mitgeteilt, daß die Französische Regierung bereits diesem Vorschlag zugestimmt habe. Deutscherseits wurde ebenfalls sofort zugestimmt. Aber einige Tage später, ich kann jetzt die Stunden nicht mehr genau angeben, wurde erklärt, daß, ich glaube es war durch eine Rede des britischen Außenministers Halifax im Unterhaus oder durch eine sonstige britische Mitteilung, dieser Vorschlag von London abgelehnt worden war.


DR. HORN: Ist Ihnen bekannt, ob Frankreich diesen Vorschlag auch abgelehnt hat?


VON RIBBENTROP: Ja, ich sagte schon, wir bekamen die Nachricht, ich glaube auch über die Italienische Regierung, gleich mit [313] dem Vorschlag, daß seitens der Französischen Regierung entweder man der Sache günstig gegenüberstände oder daß der Vorschlag angenommen worden sei.


DR. HORN: Haben Sie nach Abschluß des Polenfeldzuges Friedensmöglichkeiten gesehen und sie verfolgt?


VON RIBBENTROP: Nach Abschluß des Polenfeldzuges habe ich einige lange Unterredungen mit Adolf Hitler gehabt. Es war damals so, daß ganz zweifellos eine gewisse französische Unlust an diesem ganzen Kriege zu spüren war. Es fiel bei uns in den Wochen gelegentlich von militärischer Seite das Wort vom »Kartoffelkrieg im Westen«. Hitler lag gar nichts nach meiner Überzeugung, nach allem was er mir sagte, an einer Austragung an sich des Krieges im Westen, und ich glaube, das ging wohl uns allen Regierungsmitgliedern damals so. Ich darf in diesem Zusammenhang noch an die Rede des Reichsmarschalls Göring erinnern, die er damals hielt. Hitler hielt dann in Danzig eine Rede, und ich glaube später noch woanders, entweder im Reichstag oder, ich weiß es nicht mehr genau, ich glaube im Reichstag, in der er zweimal, ganz unmißverständlich, England und Frankreich zu verstehen gab, daß er immer noch und jederzeit gewillt sei, irgendwie in ein Gespräch zu kommen. Wir haben damals auch, allerdings in sehr vorsichtiger Form, da und dort uns umgehört in diplomatischen Kreisen, wie die Stimmung in den feindlichen Hauptstädten sei. Aber die öffentlichen Gegenäußerungen auf die Rede Adolf Hitlers zeigten ganz klar, daß an einen Frieden nicht zu denken war.


DR. HORN: Was haben Sie im weiteren Verlauf gegen eine Kriegsausweitung unternommen?


VON RIBBENTROP: Es war mein, ich möchte sagen, heißestes Bestreben seit Ende des Polenfeldzuges, zu versuchen, den Krieg zu lokalisieren, das heißt zu verhindern, daß irgendeine Kriegsausweitung in Europa stattfinden könnte. Ich mußte aber schon bald feststellen, daß, wenn ein Krieg einmal ausgebrochen ist, die Politik nicht immer allein, beziehungsweise überhaupt nicht das entscheidende Wort in diesen Dingen zu sprechen hat und daß in solchen Fällen dann die sogenannte Time Table, die Zeittafel der Generalstäbe, zu laufen anfängt. Der eine will dem anderen das Wasser abgraben. Unsere diplomatischen Bestrebungen waren ganz zweifelsohne überall, sowohl in Skandinavien als auch in dem Balkan, als auch wo es sonst sei, gegen eine Kriegsausweitung. Es ist dann ja doch dazu gekommen, und ich möchte hier nur erklären, daß nach meinen Gesprächen mit Adolf Hitler – und ich bin auch der Überzeugung, daß die deutschen Militärs die gleiche Auffassung hatten –, daß Hitler in keiner Weise gewünscht hat, den Krieg irgendwie auszudehnen.


[314] DR. HORN: Ist es richtig, daß Sie Nachrichten erhielten, die auf die Absicht der Westmächte hindeuteten, einen Einbruch in das Ruhrgebiet zu versuchen?


VON RIBBENTROP: Ja, das stimmt. Es waren da eine ganze Anzahl Nachrichten, die laufend kamen. Mit dem Nachrichtendienst war es bei uns so, daß sehr viele Kanäle Nachrichtendienst betrieben. Diese kamen alle beim Führer zusammen. Wir vom Auswärtigen Amt hatten verhältnismäßig wenig Nachrichtendienst, sondern wir waren mehr auf die offiziellen diplomatischen Kanäle angewiesen. Aber auch wir haben in der Zeit Nachrichten und Mitteilungen bekommen, die ganz zweifelsohne darauf schließen ließen. Wir haben auch damals Nachrichten bekommen im Auswärtigen Amt, die darauf schließen ließen, daß die Westmächte die Absicht hatten, bei irgendeiner oder der ersten passenden sich bietenden Gelegenheit irgendwie gegen das Ruhrgebiet vorzugehen. Nun war die Lage ja im Westen die, daß dort der Westwall eine sehr starke militärische Schranke gegenüber Frankreich aufgerichtet hatte, und es lag natürlich der Gedanke sehr nahe, daß ein solcher Angriff über neutrales Gebiet, das heißt Belgien und Holland, kommen könnte.


VORSITZENDER: Wie lange werden Sie noch brauchen, Dr. Horn?


DR. HORN: Ich vermute noch ein bis eineinhalb Stunden, Euer Lordschaft.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof hat mit viel Geduld sehr viele Einzelheiten angehört. Ich kann nur eines sagen, dieses übertriebene Eingehen auf Einzelheiten fördert nach meiner Ansicht die Sache des Angeklagten nicht. Wir werden uns nun vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis

30. März 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 10, S. 289-316.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Traumnovelle

Traumnovelle

Die vordergründig glückliche Ehe von Albertine und Fridolin verbirgt die ungestillten erotischen Begierden der beiden Partner, die sich in nächtlichen Eskapaden entladen. Schnitzlers Ergriffenheit von der Triebnatur des Menschen begleitet ihn seit seiner frühen Bekanntschaft mit Sigmund Freud, dessen Lehre er in seinem Werk literarisch spiegelt. Die Traumnovelle wurde 1999 unter dem Titel »Eyes Wide Shut« von Stanley Kubrick verfilmt.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon