Vormittagssitzung.

[227] M. DUBOST: Hoher Gerichtshof! Wir werden diesen Teil des französischen Anklagevortrags mit der Vernehmung einer Zeugin fortsetzen, die mehr als drei Jahre in deutschen Konzentrationslagern gelebt hat.


[Die Zeugin betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Stehen Sie bitte auf; wollen Sie den französischen Eid schwören. Wollen Sie mir Ihren Namen nennen.

ZEUGIN CLAUDE VAILLANT-COUTURIER: Claude Vaillant-Couturier.


VORSITZENDER: Wollen Sie mir nachsprechen: Ich schwöre ohne Haß und Furcht zu sprechen, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit.


[Die Zeugin spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER: Heben Sie die rechte Hand und sagen Sie: Ich schwöre.

VAILLANT-COUTURIER: Ich schwöre.


VORSITZENDER: Setzen Sie sich und sprechen Sie langsam.


M. DUBOST: Ihr jetziger Name ist Frau Vaillant-Couturier?


VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Sind Sie Witwe von Herrn Vaillant-Couturier?


VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Sie sind in Paris am 3. November 1912 geboren?


VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Sie sind französische Staatsangehörige?


VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Geborene Französin?


VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Waren Ihre Eltern französischer Nationalität?

VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Sie sind Abgeordnete der Konstituierenden Versammlung?


[227] VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Sie sind Ritter der Ehrenlegion?


VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Wurden Sie kürzlich von General Legentilhomme im Palais des Invalides ausgezeichnet?


VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Sie wurden verhaftet und deportiert? Können Sie nun Ihre Zeugenaussage abgeben?


VAILLANT-COUTURIER: Ich wurde am 9. November durch die französische Polizei des Marschalls Pétain verhaftet und nach sechs Wochen den deutschen Behörden übergeben. Ich kam am 20. März in die deutsche Abteilung des Gefängnisses La Santé. Ich wurde am 9. Juni 1942 verhört. Am Ende meiner Vernehmung wollte man mich veranlassen, eine Erklärung zu unterzeichnen, die meinen Angaben nicht entsprach. Da ich mich weigerte, diese Erklärung zu unterschreiben, bedrohte mich der verhörende Offizier, und als ich ihm sagte, daß ich mich vor dem Tode und dem Erschießen nicht fürchte, antwortete er: Wir haben viel schlimmere Mittel zur Verfügung als das Erschießen, um Leute dem Tode zu überantworten. Und der Dolmetscher erklärte mir: Sie wissen nicht, was Sie jetzt getan haben. Man wird Sie in ein deutsches Konzentrationslager schicken, und von dort kommt man nie zurück.


M. DUBOST: Wurden Sie danach ins Gefängnis gebracht?


VAILLANT-COUTURIER: Ich wurde in das Santé-Gefängnis zurückgebracht und dort in Einzelhaft gehalten. Ich konnte mich aber durch die Kanalisation und die Fenster mit meinen Nachbarn in Verbindung setzen. In den Zellen neben mir befanden sich der Philosoph Georges Politzer und der Physiker Jacques Solomon, Schwiegersohn von Professor Langevin, einem Schüler von Curie, einem der ersten, der sich mit der Atomzertrümmerung befaßt hatte.

Georges Politzer erzählte mir durch die Kanalisation, daß er bei seinem Verhör, nachdem man ihn gefoltert hatte, gefragt wurde, ob er nicht theoretische Schriften für den Nationalsozialismus schreiben wolle. Da er dies ablehnte, wurde ihm gesagt, daß er zur ersten Gruppe von Geiseln gehören werde, die erschossen werden sollten.

Auch Jacques Solomon wurde entsetzlich gefoltert, dann in den Kerker zurückgebracht, aus dem er erst am Tage seiner Erschießung wieder herausgeführt wurde, um sich von seiner Frau, die ebenfalls im Santé-Gefängnis eingesperrt war, zu verabschieden. Hélene Solomon-Langevin erzählte mir in Romainville, wo ich sie, nachdem ich das Gefängnis La Santé verlassen hatte, wiedersah, daß ihr [228] Gatte, als sie ihn umarmen wollte, stöhnte und sagte: Ich kann Dich nicht in meine Arme nehmen, denn ich kann sie nicht mehr bewegen.

Jedesmal, wenn die Gefangenen von Verhören zurückkamen, hörte man aus den Kerkerfenstern ihr Stöhnen; sie sagten, daß sie sich nicht mehr bewegen könnten.

Während dieser fünf Monate meines Aufenthaltes im Gefängnis La Santé hat man mehrere Male Geiseln geholt, um sie zu erschießen.

Als ich das Gefängnis La Santé am 20. August 1942 verließ, wurde ich zur Festung Romainville gebracht, die als Geisellager diente. Dort habe ich zweimal, und zwar am 21. August und am 22. September, die Aushebung von Geiseln mit angesehen. Unter den weggebrachten Geiseln waren die Ehegatten der Frauen, die mit mir nach Auschwitz gebracht wurden. Die meisten derselben starben dort. Diese Frauen wurden meist nur wegen der Tätigkeit ihrer Männer verhaftet, sie selbst hatten an diesen Handlungen nicht teilgenommen.

M. DUBOST: Wann sind Sie nach Auschwitz gebracht worden?


VAILLANT-COUTURIER: Am 23. Januar 1943, die Ankunft dort erfolgte am 27. Januar.


M. DUBOST: Kamen Sie mit einem Transport dort an?


VAILLANT-COUTURIER: Ich gehörte einem Transport von 230 französischen Frauen an. Unter uns befand sich Danielle Casanova, die in Auschwitz starb, Mai Politzer, die in Auschwitz starb, ebenso Hélene Solomon. Es befanden sich alte Frauen darunter...


M. DUBOST: Aus welcher sozialen Schicht kamen diese Frauen?


VAILLANT-COUTURIER: Intellektuelle, Lehrerinnen, aus allen sozialen Schichten. Mai Politzer war Ärztin; sie war die Frau des Philosophen Georges Politzer. Hélene Solomon ist die Frau des Physikers Solomon und die Tochter des Professors Langevin. Danielle Casanova war Zahnärztin, sie war sehr tätig unter den Frauen. Sie war es, die eine Widerstandsbewegung unter den Frauen der Gefangenen organisierte.


M. DUBOST: Wieviele sind von 230 zurückgekommen?

VAILLANT-COUTURIER: Neunundvierzig. In dem Transport waren auch alte Frauen; ich erinnere mich unter anderen an eine Frau von 67 Jahren, die verhaftet wurde, weil sie in der Küche das Jagdgewehr ihres Mannes hatte, das sie als Andenken an ihn aufbewahrt und nicht angemeldet hatte, damit man es ihr nicht wegnehme. Sie ist in Auschwitz innerhalb von 14 Tagen gestorben.


VORSITZENDER: Sie sagten, nur neunundvierzig kamen zurück? Verstehen Sie darunter, daß nur neunundvierzig aus diesem Transport in Auschwitz ankamen?


[229] VAILLANT-COUTURIER: Nein, nur neunundvierzig kamen nach Frankreich zurück. Wir hatten unter uns auch Krüppel, so eine Sängerin, die nur ein Bein hatte. Sie wurde ausgesucht und in Auschwitz vergast. Ferner ein junges Mädchen von sechzehn Jahren, eine Schülerin, Claudine Guérin. Auch sie starb in Auschwitz. Dann waren da zwei Frauen, die von dem deutschen Militärgericht freigesprochen worden waren; sie hießen Marie Alonzo und Marie-Thérese Fleuri; auch sie starben in Auschwitz.

Diese Reise war außerordentlich mühevoll, denn wir waren sechzig Personen in einem Güterwagen, und man hat uns weder Nahrung, noch Getränk während der ganzen Fahrt gegeben. Als wir bei verschie denen Aufenthalten des Zuges lothringische Soldaten, die in der deutschen Wehrmacht dienten und unsere Wächter waren, fragten, wann wir ankommen würden, antworteten sie uns: Wenn ihr wüßtet, wohin ihr kommt, würdet ihr euch nicht drängen, anzukommen.

Wir erreichten Auschwitz am frühen Morgen. Die Güterwaggons wurden entsiegelt, und man trieb uns mit Kolbenschlägen heraus, um uns in das Lager Birkenau zu führen. Birkenau ist eine Nebenabteilung des Konzentrationslagers Auschwitz. Es liegt auf einer weiten Ebene, die im Januar gefroren war. Während der ganzen Strecke haben wir unser Gepäck nachgeschleppt. Als wir den Vorhof passierten, fühlten wir, daß die Aussichten, wieder herauszukommen, sehr gering waren, denn wir waren bereits skelettartigen Kolonnen auf ihrem Weg zur Arbeit begegnet. Bei unserem Eintritt sangen wir die Marseillaise, um uns Mut zu machen.

Wir wurden in eine große Baracke geführt und dann zur Desinfektion. Dort rasierte man uns den Kopf und tätowierte uns auf dem Unterarm die Eintragungsnummer. Dann brachte man uns in einen großen Raum, um ein Dampfbad und eine eiskalte Dusche zu nehmen.

All dies geschah in Anwesenheit von SS-Männern und -Frauen, obwohl wir uns nackt ausziehen mußten. Sodann gab man uns schmutzige und zerrissene Kleider, einen Rock aus Wolle und eine Jacke aus ähnlichem Stoff. Da diese Vorgänge mehrere Stunden in Anspruch nahmen, konnten wir von den Fenstern unseres Blockes in das Lager der Männer sehen; gegen Abend spielte ein Orchester. Da es schneite, fragten wir uns, was der Grund dieser Musik sei. In diesem Augenblick kehrten die Arbeitskommandos der Männer in das Lager zurück. Hinter jedem Kommando gingen Leute, die Leichen trugen. Da diese Häftlinge sich selbst kaum schleppen konnten, brachte man sie mit Kolbenschlägen oder Fußtritten wieder auf die Beine, wenn sie zu Boden stürzten.

[230] Dann wurden wir zu dem Block geführt, wo wir wohnen sollten. Es gab keine Betten, sondern nur Holzpritschen, in der Größe von zwei mal zwei Metern, auf denen wir zu neunt ohne Strohsäcke und ohne Decken während der ersten Nacht zu schlafen hatten. Wir verbrachten mehrere Monate in Blocks dieser Art. Während der ganzen Nacht konnte man nicht schlafen, denn jedesmal, wenn eine dieser neun Frauen sich rührte, störte sie die anderen, und da alle krank waren, geschah dies unaufhörlich. Um 3.30 Uhr morgens weckte uns das Geschrei der Aufseherinnen. Mit Knüppelschlägen wurden wir von den Pritschen gejagt und zum Appell getrieben. Nichts in der Welt konnte uns von diesem Appell dispensieren. Selbst die Sterbenden mußten hingeschleppt werden. Dort standen wir in Reihen zu fünf, bis der Tag anbrach, das heißt bis 7 oder 8 Uhr morgens im Winter, und wenn es nebelig war, manchmal bis mittags; nachher machten sich die Kommandos auf ihren Weg zur Arbeit.


M. DUBOST: Können Sie uns diese Appellszenen beschreiben?


VAILLANT-COUTURIER: Beim Appell wurden wir in Reihen zu fünf eingeteilt, dann hatten wir bis Tagesanbruch zu warten, bis die Aufseherinnen, das heißt, bis die deutschen weiblichen Wächter in Uniform kamen, um uns zu zählen. Sie hatten Knüppel und verteilten damit aufs Geratewohl ihre Schläge.

Wir hatten eine Kameradin, Germaine Renaud, Lehrerin in Azay-le-Rideau in Frankreich, die vor meinen Augen durch einen Knüppelschlag während des Appells einen Schädelbruch erlitt.

Die Arbeit in Auschwitz bestand in der Räumung von zerstörten Häusern, in Straßenbau, und vor allem in der Trockenlegung von Sümpfen. Dies war bei weitem die härteste Arbeit, weil man den ganzen Tag mit den Füßen im Wasser stehen mußte und fortwährend die Gefahr bestand, einzusinken. Es geschah immer wieder, daß eine. Kameradin, die oft bis zur Hüfte im Sumpf eingesunken war, von uns herausgezogen werden mußte. Während der ganzen Arbeitszeit wachten die männlichen und weiblichen SS-Aufseher über uns und versetzten uns Knüppelschläge oder ließen ihre Hunde auf uns los. Vielen Kameradinnen wurden die Beine von den Hunden zerrissen. Einmal habe ich sogar gesehen, wie eine Frau von einem Hund zerfleischt und getötet wurde, als der SS-Mann Tauber seinen Hund auf sie hetzte und bei dem Schauspiel grinste.

Die Sterblichkeitsursachen waren außerordentlich zahlreich. Vor allem ist der Mangel an jeglicher Hygiene zu nennen. Bei unserer Ankunft in Auschwitz gab es für 12000 Häftlinge nur einen einzigen Wasserhahn, das Wasser war nicht trinkbar und floß nur ab und zu. Da dieser Wasserhahn sich in den deutschen Waschräumen befand, konnte man sich ihm nur nähern, wenn man an [231] einer Wache vorbeiging, die aus deutschen gemeinen Verbrecherinnen bestand, die uns entsetzlich schlugen. Es war daher fast unmöglich, sich zu waschen oder die Wäsche zu reinigen. Mehr als drei Monate vergingen, ohne daß wir reine Wäsche anziehen konnten. Wenn es Schnee gab, ließen wir den Schnee schmelzen, um uns waschen zu können. Später im Frühling benützten wir auf unserem Weg zur Arbeit dieselbe Wasserlache am Straßenrande zum Trinken und zum Waschen unserer Hemden und Hosen. Dann wuschen wir uns die Hände in diesem schmutzigen Wasser. Unsere Kameradinnen starben vor Durst, weil wir nur zweimal täglich ein Achtel Kräutertee zu trinken bekamen.


M. DUBOST: Bitte sagen Sie uns genau, woraus einer der Anfang Februar abgehaltenen Appelle bestand?


VAILLANT-COUTURIER: Am 5. Februar fand ein allgemeiner Appell statt.


M. DUBOST: Am 5. Februar welchen Jahres?


VAILLANT-COUTURIER: 1943; 3.30 Uhr wurde das ganze Lager geweckt.


M. DUBOST: 3.30 Uhr früh?


VAILLANT-COUTURIER: Ja, das ganze Lager wurde geweckt und auf die Ebene geschickt, während sonst der Appell um 3.30 Uhr im Innern des Lagers stattfand. Wir blieben auf der Ebene vor dem Lager bei Schneefall bis 5 Uhr nachmittags, ohne Nahrung irgendwelcher Art zu erhalten. Als dann das Signal gegeben wurde, hatten wir eine nach der anderen durch ein Tor zu gehen, und jede erhielt einen Knüppelschlag, um sie zum Laufen zu zwingen. Diejenigen, die nicht laufen konnten, weil sie zu alt oder zu krank waren, wurden mit einem Haken gefaßt und zum Block 25 geführt, dem Warteblock für die Vergasung. An diesem Tage wurden zehn französische Frauen unserer Gruppe auf diese Weise gefaßt und in den Warteblock gebracht. Nachdem alle Verhafteten ins Lager zurückgebracht waren, wurde eine Kolonne gebildet, der ich angehörte, um auf die Ebene zurückzukehren und die Toten aufzuheben, die wie auf einem Schlachtfeld zerstreut herumlagen. Wir haben unterschiedslos die Toten und die Sterbenden in den Hof von Block 25 gebracht. Sie sind dort zusammengepfercht liegen geblieben.

Dieser Block 25 war das Vorzimmer zur Gaskammer, wenn man so sagen darf. Ich kenne ihn sehr gut, denn wir sind zu dieser Zeit in den Block 26 verlegt worden und unsere Fenster öffneten sich in den Hof des Blocks 25. Man sah Mengen von Leichen im Hofe aufgehäuft, und von Zeit zu Zeit bewegte sich unter diesen Leichen eine Hand oder ein Kopf, die versuchten, sich freizumachen. [232] Es war eine Sterbende, die sich loszulösen versuchte, um weiter zu leben.

Die Sterblichkeit in diesem Block war noch schrecklicher als sonst, denn, da es sich um zum Tode verurteilte Frauen handelte, gab man ihnen nur das zu essen oder zu trinken, was zufällig in der Küche übrig blieb, das heißt, daß sie praktisch tagelang keinen Tropfen Wasser bekamen.

Eines Tages hatte eine unserer Kameradinnen, Annette Epaux, eine schöne junge Frau von 30 Jahren, die an diesem Block vorbeiging, mit diesen Frauen Mitleid, die von früh bis abends in allen Sprachen schrieen; Zu trinken, zu trinken, zu trinken, Wasser! Sie ist in unseren Block zurückgekommen, um ein wenig Kräutertee zu holen. Aber im Augenblick, wo sie den Tee durch das vergitterte Fenster reichte, wurde sie von der Aufseherin bemerkt, beim Kragen gepackt und selbst in den Block 25 geworfen.

Ich werde mich mein ganzes Leben lang an Annette Epaux erinnern. Zwei Tage später, auf dem Wagen, der zur Gaskammer führte, hielt sie eine andere Französin an sich gepreßt, es war die alte Line Porcher, und als der Wagen losfuhr, rief sie uns zu: Denkt an meinen kleinen Buben, wenn ihr nach Frankreich kommt. Dann begannen sie alle die Marseillaise zu singen.

Im Block 25 sah man im Hof Ratten so groß wie Katzen herumlaufen, die die Leichen annagten und sich sogar an die Sterbenden heranmachten, die nicht mehr die Kraft hatten, sie zu verjagen.

Ein anderer Grund für die Sterblichkeit und für die Seuchen lag in der Tatsache, daß man uns in großen roten Gefäßen zu essen gab, die nach dem Essen nur mit kaltem Wasser gespült wurden. Da alle Frauen krank waren und nicht mehr die Kraft hatten, sich nachts bis zum Graben hinzuschleppen, der als Latrine benutzt wurde und dessen Anblick unbeschreiblich war, benutzten sie die Eßgefäße für einen Zweck, für den sie nicht vorgesehen waren. Am nächsten Morgen wurden diese Gefäße eingesammelt und zu einem Misthaufen gebracht. Während des Tages kam eine andere Gruppe, um die Gefäße einzusammeln, sie spülten sie einfach mit kaltem Wasser ab und setzten sie wieder in Umlauf.

Ein anderer Grund für die Sterblichkeit war die Frage der Schuhe. Bei diesem Schnee und Schmutz in Polen waren lederne Schuhe innerhalb 8 oder 14 Tagen vollständig verbraucht. Man hatte also erfrorene Füße und Fußwunden. Man mußte auf diesen schmutzigen Schuhen schlafen, aus Angst, daß sie gestohlen wurden. Und fast jede Nacht, wenn man zum Appell aufstand, hörte man Schreie des Entsetzens: man hat mir die Schuhe gestohlen. Dann mußte man warten, bis alle Blocks leer waren, um unter den Pritschen zurückgelassene Schuhe zu suchen. Es waren oft zwei Schuhe für denselben Fuß oder ein Schuh und ein Holzschuh. Das [233] erlaubte, den Appell mitzumachen, bei der Arbeit aber war es eine zusätzliche Folterung, es entstanden Fußwunden, die sich aus Mangel an Pflege rasch verschlechterten. Zahlreich ist die Anzahl meiner Kameradinnen, die ins Revier kamen, weil sie Wunden an den Füßen hatten, und die nie mehr lebend herauskamen.


M. DUBOST: Was geschah denjenigen, die bei dem Appell ohne Schuhe erschienen?

VAILLANT-COUTURIER: Die jüdischen Internierten, die ohne Schuhe kamen, wurden sofort zum Block 25 gebracht.


M. DUBOST: Man hat sie also vergast?


VAILLANT-COUTURIER: Ja, man hat sie wegen nichts vergast. Übrigens war ihre Lage entsetzlich. Während wir in den Blocks zu 800 zusammengepfercht waren und uns dabei kaum rühren konnten, waren sie in Blocks von ähnlichen Abmessungen zu 1500, das heißt eine große Anzahl von ihnen konnte nachts nicht schlafen und sich nicht einmal ausstrecken.


M. DUBOST: Können Sie von dem Revier sprechen?


VAILLANT-COUTURIER: Um in das Revier zu kommen, mußte man zuerst den Appell mitmachen.


M. DUBOST: Wollen Sie bitte genau erklären, was das Revier im Lager war?


VAILLANT-COUTURIER: Das waren die Blocks, in denen die Kranken untergebracht wurden. Man kann diesem Ort nicht den Namen »Lazarett« geben, weil er in keiner Weise dem entsprach, was man sich unter Lazarett vorstellt. Um hineinzukommen, mußte man zuerst die Genehmigung des Chefs des Blocks bekommen, die dieser nur selten gab. Wenn man diese Bewilligung endlich erhalten hatte, wurde man in Kolonnen vor das Revier gebracht, bei jedem Wetter, gleichgültig ob es schneite oder regnete; auch mit 40 Grad Fieber mußten die Kranken mehrere Stunden Schlange stehen, um eingelassen zu werden. Es ist sehr häufig vorgekommen, daß Kranke vor der Türe des Reviers gestorben sind, noch bevor sie hineingekommen waren. Übrigens war auch das Warten vor dem Revier gefährlich, denn, wenn die Schlange zu lang war, packte ein SS-Mann die wartenden Frauen zusammen und führte sie sogleich zum Block 25.


M. DUBOST: Das heißt zur Gaskammer.


VAILLANT-COUTURIER: Das heißt zur Gaskammer. Deswegen haben die Frauen oft vorgezogen, nicht zum Revier zu gehen, sie starben bei der Arbeit oder während des Appells. Täglich wurden im Winter nach dem Abendappell tote Frauen aufgehoben, die in die Gräben gerollt waren.

[234] Der einzige Vorteil des sogenannten Reviers war, daß man im Bett lag und nicht zum Appell gehen mußte. Man lag zu Bett unter fürchterlichen Umständen, in Betten von 1 m Breite zu viert, mit verschiedenen Krankheiten, was dazu führte, daß eine Frau, die wegen Beinwunden angenommen worden war, anschließend Typhus oder Ruhr von ihrer Nachbarin bekam. Die Strohlager waren beschmutzt, sie wurden erst gewechselt, wenn sie vollständig verfault waren. Die Decken waren so verlaust, daß man dieses Ungeziefer wie Ameisen herumlaufen sah.

Eine meiner Kameradinnen, Marguerite Corringer, erzählte mir, daß sie während ihres Typhus die ganze Nacht nicht schlafen konnte wegen der Läuse. Sie verbrachte die Nacht damit, ihre Bettdecke über einem Stück Papier auszuschütteln, die Läuse in einem Gefäß bei ihrem Bett zu sammeln und so stundenlang weiter.

Es gab sozusagen keine Arzneimittel. Man ließ die Kranken ohne Pflege, ohne Hygiene, ohne sie zu waschen. Man ließ die Toten mehrere Stunden lang neben den Kranken liegen, und wenn man schließlich bemerkte, daß diese Kranken gestorben waren, wurden sie ganz einfach aus dem Bett herausgeworfen und vor den Block gelegt. Von dort wurden sie von der Kolonne der Totenträgerinnen auf kleinen Tragbahren, aus denen Kopf und Beine herunterhingen, weggebracht. Von morgens bis abends gingen die Totenträgerinnen zwischen Revier und Totenhaus hin und her.

Während der großen Typhusepidemien in den Wintern 1943 und 1944 wurden die Tragbahren durch Karren ersetzt, da es so viele Tote gab. Während dieser Epidemien hat es 200 bis 350 Todesfälle pro Tag gegeben.

M. DUBOST: Wieviele Leute sind damals gestorben?


VAILLANT-COUTURIER: Während der großen Typhusepidemien der Winter 1943 und 1944 gab es je nach den Lagen 200 bis 350 täglich.


M. DUBOST: War das sogenannte Revier für alle Internierten offen?


VAILLANT-COUTURIER: Nein, als wir ankamen, war es den jüdischen Frauen untersagt, sie wurden direkt in die Gaskammer geführt.


M. DUBOST: Wollen Sie von der Desinfektion der Blocks sprechen, bitte.


VAILLANT-COUTURIER: Von Zeit zu Zeit wurden die Blocks wegen des Schmutzes, der die Verlausung und das Entstehen von Seuchen begünstigte, mit Gas desinfiziert. Aber diese Desinfektion hat ebenfalls eine große Anzahl von Toten gekostet, weil, während der Block vergast wurde, die Gefangenen zu den Duschen gebracht [235] wurden, wo man ihnen die Kleider wegnahm, um sie zu desinfizieren. Man hieß sie ganz nackt draußen stehen, bis die Kleider von der Desinfektion wiederkamen. Man gab sie ihnen ganz naß zurück. Man hat sogar die Kranken zu diesen Duschen geschickt, solange sie auf den Beinen stehen konnten. Selbstverständlich starb eine sehr große Anzahl von ihnen unterwegs. Diejenigen, die sich nicht rühren konnten, wurden während der Desinfektion alle in derselben Badewanne gewaschen.


M. DUBOST: Wie wurden Sie ernährt?


VAILLANT-COUTURIER: Wir bekamen 200 Gramm Brot, je nachdem, dreiviertel oder einhalb Liter Mohrrübensuppe, einige Gramm Margarine und eine Scheibe Wurst am Abend. Das jeden Tag.


M. DUBOST: Wie schwer auch die Arbeit war, die man von den Häftlingen forderte?


VAILLANT-COUTURIER: Ja, ohne Rücksicht auf die Arbeit, die man von den Häftlingen verlangte. Einige Frauen, die in der Fabrik »Union« arbeiteten, einer Munitionsfabrik, in der sie Handgranaten und Geschosse herstellten, bekamen eine Zulage, wenn der bestimmte Erzeugungssatz erreicht war. Diese Häftlinge hatten, ebenso wie wir, an den Morgen- und Abendappellen teilzunehmen und waren zwölf Stunden lang in ihrem Werk bei der Arbeit. Sie kamen nach der Arbeit ins Lager zurück und mußten morgens und abends die ganze Strecke zu Fuß gehen.


M. DUBOST: Was für eine Fabrik war die »Union«?


VAILLANT-COUTURIER: Es war eine Munitionsfabrik. Ich weiß nicht, welcher Gesellschaft sie gehörte. Sie wurde »Union« genannt.

M. DUBOST: War es die einzige Fabrik?


VAILLANT-COUTURIER: Nein, es gab noch eine andere Fabrik für Buna, aber da ich dort nicht gearbeitet habe, weiß ich nicht, was dort hergestellt wurde. Die Häftlinge, die dieser Fabrik zugeteilt waren, kamen nicht mehr in unser Lager zurück.


M. DUBOST: Wollen Sie über die Experimente sprechen, deren Zeugin Sie geworden sind?


VAILLANT-COUTURIER: Experimente habe ich im Revier gesehen, denn ich war dort beschäftigt. Ich sah, wie die jungen Jüdinnen aus Saloniki vor dem Bestrahlungsraum Schlange standen, wo sie sterilisiert werden sollten. Ich weiß auch, daß man in der Männerabteilung Entmannungen vorgenommen hat. Was man mit den Frauen in der Frauenabteilung anstellte, weiß ich ganz genau, weil meine Freundin, Dr. Hadé Hautval aus Montbéliard, mehrere Monate in diesem Block gearbeitet und die Kranken gepflegt hat; [236] sie hat sich stets geweigert, an den Experimenten teilzunehmen. Die Frauen wurden durch Injektionen oder durch Operationen oder auch durch Bestrahlung sterilisiert. Ich habe mehrere Frauen gesehen und gekannt, die sterilisiert worden waren. Unter den Operierten war die Sterblichkeitsziffer sehr hoch. Vierzehn französische Jüdinnen, die sich ihrer Sterilisation widersetzten, wurden dem Strafarbeitskommando zugeteilt.


M. DUBOST: Kamen von diesen Kommandos welche zurück?


VAILLANT-COUTURIER: Sehr selten, nur ausnahmsweise.


M. DUBOST: Was war das von der SS verfolgte Ziel?


VAILLANT-COUTURIER: Die Sterilisationen, sie verhehlten dies nicht. Sie behaupteten, daß sie die beste Sterilisationsmethode suchten, um in den besetzten Ländern die bodenständige Bevölkerung durch Deutsche zu ersetzen, was im Laufe einer Generation möglich gewesen wäre, nachdem sie die Einheimischen zur Sklavenarbeit benutzt hätten.


M. DUBOST: Haben Sie im Revier schwangere Frauen gesehen?


VAILLANT-COUTURIER: Ja, jüdische Frauen. Wenn sie schwanger ankamen, und wenn die Schwangerschaft erst einige Monate angedauert hatte, dann wurde eine künstliche Geburt eingeleitet. Wenn die Schwangerschaft ihrem Ende zuging, wurden die Kinder nach der Geburt in einem Eimer Wasser ertränkt. Ich weiß darüber Bescheid, weil ich im Revier gearbeitet habe, und die Vorgesetzte für diese Arbeit eine deutsche Hebamme war, die wegen Abtreibungen gemeinrechtlich verurteilt worden war.

Nach einiger Zeit kam ein anderer Arzt, und zwei Monate lang wurden die jüdischen Kinder nicht mehr umgebracht. Aber eines Tages kam ein Befehl aus Berlin, der die Ermordung der jüdischen Kinder erneut anordnete. Daraufhin wurden die Mütter und die Kinder in das Revier gerufen; sie bestiegen Lastwagen und wurden dann zur Gaskammer gebracht.


M. DUBOST: Warum sagten Sie, daß der Befehl aus Berlin kam?


VAILLANT-COUTURIER: Weil ich die Häftlinge kannte, die in dem Sekretariat der SS beschäftigt waren, besonders eine Slowakin, Hertha Roth, die jetzt für die UNRRA in Preßburg arbeitet.


M. DUBOST: Hat sie es Ihnen gesagt?


VAILLANT-COUTURIER: Ja, und andererseits kannte ich auch die Männer, die im Gaskommando arbeiteten.


[237] M. DUBOST: Sie haben soeben von den jüdischen Müttern gesprochen. Gab es denn noch andere Mütter in dem Lager?


VAILLANT-COUTURIER: Ja, im Prinzip durften die nichtjüdischen Frauen Kinder zur Welt bringen und sie auch behalten. Aber angesichts der furchtbaren Verhältnisse im Lager blieben die Kinder nur selten mehr als vier bis fünf Wochen am Leben.


VAILLANT-COUTURIER: Es gab einen Block, in dem polnische und russische Mütter untergebracht waren. Eines Tages wurde den russischen Müttern vorgeworfen, daß sie zu viel Lärm machten. Danach wurden sie zum Appell gerufen und mußten vollkommen nackt, mit ihren Kindern im Arm, den ganzen Tag vor dem Haus stehen bleiben.


M. DUBOST: Wie waren die disziplinarischen Vorschriften des Lagers beschaffen? Wer hatte die Disziplin und Überwachung zu gewährleisten und welche Strafen wurden verhängt?


VAILLANT-COUTURIER: Im allgemeinen hat die SS mit ihrem eigenen Personal stark gespart, indem sie sich der Häftlinge zur Lagerüberwachung bediente. Sie selbst übte nur die Aufsicht aus. Diese Aufseherinnen wurden unter den Frauen ausgesucht, die wegen gemeiner Delikte verurteilt waren, oder unter den öffentlichen Mädchen. Es waren meistens Deutsche, nur einige waren fremde Staatsangehörige. Durch Bestechung, Angeberei und Terror gelang es, diese Frauen in menschliche Bestien zu verwandeln, und die Häftlinge hatten unter ihnen ebensoviel zu leiden, wie unter den SS-Leuten selbst; sie haben uns genau so geschlagen wie die SS selbst. Hinsichtlich der SS ist zu sagen, daß die Männer sich ebenso wie die Frauen benahmen, und daß die Frauen ebenso wild waren wie die Männer. Es war kein Unterschied.

Das von der SS angewandte System der tiefsten Erniedrigung des Menschen, das diese unter dem Zwang des Terrors zu Tatentrieb, die sie selbst erröten machen mußten, ließ sie nicht mehr als menschliche Wesen erscheinen. Das eben war ihr Ziel, und es gehörte viel Mut dazu, diesem Kreis des Terrors und der Bestechung zu widerstehen.


M. DUBOST: Wer hat die Strafen ausgeteilt?


VAILLANT-COUTURIER: Die SS-Führer, Männer und Frauen.


M. DUBOST: Worin bestanden diese Strafen?


VAILLANT-COUTURIER: Besonders in körperlichen Mißhandlungen. Eine der gebräuchlichsten Strafen waren 50 Stockschläge gegen die Nieren. Diese Stockhiebe wurden mit Hilfe einer Maschine verabreicht, die ich gesehen habe; es war ein Apparat von Schwengeln, den ein SS-Mann bediente. Es gab auch endlose [238] Appelle bei Tag und Nacht oder Turnübungen: man mußte sich nach auf den Bauch legen und wieder aufstehen – auf und nieder – viele Stunden lang, und wenn man umfiel, wurde man geprügelt und zum Block 25 gebracht.


M. DUBOST: Wie haben sich die SS-Männer und die SS-Aufseherinnen gegenüber den Frauen benommen?


VAILLANT-COUTURIER: In Auschwitz gab es ein Bordell für die SS-Männer und auch für jene Häftlinge, die männlichen Funktionäre, die man Kapos nannte. Andererseits, wenn die SS-Leute Dienstpersonal brauchten, kamen sie mit der Oberaufseherin, das heißt der Lagerführerin, um sich Leute während der Desinfektion auszusuchen. Sie wählten irgend ein kleines junges Mädchen aus, das die Oberaufseherin aus der Reihe heraustreten ließ. Sie musterten es, machten Witze über sein Aussehen, und, wenn es hübsch war und ihnen gefiel, nahmen sie es mit Zustimmung der Oberaufseherin als Dienstmädchen mit. Die Oberaufseherin sagte dem Mädchen, daß es ihnen absolut gehorchen müßte, was immer von ihm verlangt würde.


M. DUBOST: Warum kamen sie während der Desinfektion?


VAILLANT-COUTURIER: Weil während der Desinfektion die Frauen nackt waren.


M. DUBOST: War dieses System der Demoralisierung und der Korruption eine Ausnahme?


VAILLANT-COUTURIER: Nein, in allen Lagern, in denen ich gewesen bin, wurde das gleiche System angewandt; ich habe mit Häftlingen aus mir unbekannten Lagern gesprochen, es war überall dasselbe. In allen Lagern war das System das gleiche. Es gab jedoch kleine Unterschiede. Ich glaube, Auschwitz war eins der härtesten. Aber ich bin in Ravensbrück gewesen, und auch dort gab es ein Bordell, und auch dort hat man weibliche Häftlinge ausgesucht.


M. DUBOST: Also, nach Ihren Angaben wurde alles getan, um sie vor sich selbst herabzusetzen.


VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Was wissen Sie über den Judentransport, der ungefähr zu der gleichen Zeit wie Sie aus Romainville angekommen ist?


VAILLANT-COUTURIER: Als wir Romainville verließen, hatten wir die Jüdinnen zurückgelassen, die mit uns dort waren. Sie wurden nach Drancy verschickt, und schließlich kamen sie nach Auschwitz, wo wir sie drei Wochen später wiedersahen. Von 1200 bei der Abfahrt sind nur 125 im Lager angelangt. Die anderen [239] sind sogleich in die Gaskammern gebracht worden, und von diesen 125 war nach einem Monat keine einzige mehr übrig.

Die Transporte wurden folgendermaßen durchgeführt: Zu Anfang, wenn wir ankamen, wenn ein Judentransport eintraf, fand eine Aussonderung statt. Zuerst die Greisinnen, die alten Frauen, die Mütter und die Kinder. Man hieß sie auf Lastwagen steigen, ebenso wie die Kranken oder jene, die schwach aussahen. Man nahm nur junge Mädchen, junge Frauen und junge Männer; letztere wurden in das Männerlager geschickt.

Im allgemeinen erreichten aus einem Transport von 1000 bis 1500 sehr selten mehr als 250 das Lager. Das war schon das Maximum, und der Rest von ihnen wurde gleich in die Gaskammer geschickt.

Bei dieser Aussonderung wurden auch gesunde Frauen zwischen 20 und 30 Jahren ausgewählt, die man in den Experimentierblock schickte. Mädchen und Frauen, die etwas älter waren, oder die nicht zu diesem Zweck ausgewählt worden waren, wurden in das Lager geschickt und genau wie wir rasiert und tätowiert.

Es gab während des Frühjahrs 1944 auch einen Block für Zwillinge. Das war zur Zeit, als ungeheure Transporte von ungarischen Juden ankamen, ungefähr 700000. Dr. Mengele, der die Versuche durchführte, behielt von allen Transporten die Zwillingskinder und Zwillinge jeden Alters zurück, vorausgesetzt, daß beide Zwillinge da waren. In diesem Block lagen Kinder und Erwachsene auf dem Boden. Ich weiß nicht, was, abgesehen von Blutabnahmen und Messungen, an ihnen versucht wurde.


M. DUBOST: Waren Sie Augenzeugin der Auswahl beim Eintreffen der Transporte?


VAILLANT-COUTURIER: Ja, denn als wir 1944 in dem Block der Näherinnen arbeiteten, lag unser Block, in dem wir wohnten, gegenüber der Ankunftsstelle der Züge. Man hatte das ganze Verfahren verbessert: Anstatt die Auswahl bei der Ankunftsstelle vorzunehmen, brachte ein Abstellgeleise den Zug fast bis zur Gaskammer, der Zug hielt also etwa 100 Meter vor der Gaskammer. Das war genau vor unserem Block, aber natürlich durch zwei Reihen Stacheldraht getrennt. Dann sahen wir, wie die Plomben von den Wagen entfernt und wie Frauen, Männer und Kinder von Soldaten aus den Wagen herausgeholt wurden. Wir wohnten den entsetzlichen Szenen bei, wenn alte Ehepaare von einander getrennt wurden. Mütter mußten ihre Mädchen verlassen, weil diese in das Lager zu gehen hatten, während die Mütter und Kinder in die Gaskammern gebracht wurden. Alle diese Leute wußten nichts von dem Schicksal, das ihrer wartete. Sie waren nur verwirrt, [240] weil sie von einander getrennt wurden, aber wußten nicht, daß sie in den Tod gingen.

Um den Empfang angenehmer zu machen, spielte damals, das heißt im Juni und Juli 1944, ein aus Häftlingen gebildetes Orchester, alle hübsch und jung, Mädchen in weißen Blusen und dunkelblauen Röcken, während der bei der Ankunft der Züge getroffenen Auswahl lustige Weisen, wie »Die lustige Witwe«, die Barcarolle aus »Hoffmanns Erzählungen« und so weiter. Man sagte ihnen, es sei ein Arbeitslager, und da sie nicht in das Lager hineinkamen, sahen sie nur die kleine grünumrahmte Plattform, wo das Orchester spielte. Sie konnten nicht wissen, was sie erwartete.

Diejenigen, die für die Gaskammern ausgesucht worden waren, das heißt die alten Leute, Kinder und Mütter, wurden in ein rotes Ziegelgebäude geführt.


M. DUBOST: Diese wurden also nicht registriert?


VAILLANT-COUTURIER: Nein.


M. DUBOST: Sie wurden nicht tätowiert?


VAILLANT-COUTURIER: Nein, sie wurden nicht einmal gezählt.


M. DUBOST: Wurden Sie selbst tätowiert?


VAILLANT-COUTURIER: Ja.


[Die Zeugin zeigt ihren Arm.]


Sie wurden in ein Gebäude aus roten Ziegeln gebracht, auf dem die Inschrift »Bad« stand. Dort hieß man sie sich ausziehen und gab ihnen ein Handtuch, bevor sie in das angebliche Duschzimmer geführt wurden. Später, zur Zeit der großen Transporte aus Ungarn, blieb keine Zeit für Tarnungsmaßnahmen mehr übrig. Man zog sie in roher Weise aus, ich weiß von diesen Einzelheiten, weil ich eine kleine Jüdin aus Frankreich gekannt habe, die mit ihrer Familie am Republikplatz wohnte...

M. DUBOST: In Paris?

VAILLANT-COUTURIER: In Paris; sie wurde »die kleine Marie« genannt und war die einzige Überlebende einer neunköpfigen Familie. Ihre Mutter und ihre sieben Schwestern und Brüder waren schon bei der Ankunft vergast worden. Als ich sie kennenlernte, war sie mit der Arbeit beauftragt, die kleinen Kinder zu entkleiden, bevor sie in die Gaskammer kamen. Nachdem die Leute ausgezogen waren, führte man sie in einen Raum, der wie ein Duschzimmer aussah, und durch ein Loch in der Decke wurden die Kapseln in den Raum hinabgeworfen. Durch ein Guckloch beobachtete ein SS-Mann die Wirkung. Nach ungefähr fünf bis sieben Minuten, wenn das Gas sein Werk getan hatte, gab er ein Signal zur Öffnung der Türe. Männer mit Gasmasken, es waren [241] auch wieder Häftlinge, kamen herein und brachten die Leichen heraus. Sie haben uns erzählt, daß die Häftlinge vor ihrem Tod gelitten haben müssen, denn sie waren zu Trauben aneinander geklammert, so daß es schwer war, sie voneinander zu trennen.

Danach kam eine andere Mannschaft, um ihnen die Goldzähne und Gebisse herauszureißen. Nach der Verbrennung wurden sie aber noch einmal durchgesiebt, um den Versuch zu machen, das Gold zu sammeln.

In Auschwitz waren acht Verbrennungsöfen. Diese waren aber ab 1944 nicht mehr ausreichend. Die SS ließ von den Häftlingen große Gruben ausgraben, in denen sie mit Benzin übergossenes Reisig anzündeten. In diese Gruben warfen sie dann die Leichen. Von unserem Block aus sahen wir ungefähr dreiviertel bis eine Stunde nach der Ankunft eines Transportes hohe Flammen aus dem Verbrennungsofen emporschlagen und den Himmel durch die brennenden Gräben leuchten.

Eines Nachts wurden wir durch furchtbare Schreie aufgeweckt. Am nächsten Tag haben wir von den Männern, die im Sonderkommando, dem Gaskommando, arbeiteten, erfahren, daß sie am Abend vorher lebendige Kinder in die Scheiterhaufen geworfen hätten, da nicht mehr genügend Gas vorhanden war.


M. DUBOST: Können Sie, bitte, von den Aussonderungen sprechen, die bei Beginn des Winters gemacht wurden?


VAILLANT-COUTURIER: Jedes Jahr gegen Ende des Herbstes wurde in den Revieren eine große Auswahl getroffen. Das System schien das folgende gewesen zu sein. Was ich jetzt sagen werde, habe ich in Auschwitz persönlich festgestellt, und andere Personen, die noch länger als ich in Auschwitz gewesen sind, haben dieselben Feststellungen gemacht.

Im Frühling wurden in ganz Europa Frauen und Männer zusammengetrieben und nach Auschwitz gebracht. Es wurden nur diejenigen zurückbehalten, die stark genug waren, den Sommer über zu arbeiten. Während dieses Zeitraums kamen täglich Todesfälle vor. Die Kräftigsten, die es vielleicht sechs Monate aushalten konnten, waren nach dieser Zeit derartig erschöpft, daß auch sie ins Revier geschickt werden mußten. Das war gerade die Zeit der großen Herbstaussonderungen. Man wollte während des Winters keine unnützen Menschen ernähren. Sämtliche Frauen, die zu mager oder die längere Zeit krank waren, wurden in die Gaskammer geschickt. Aber die jüdischen Frauen wurden wegen der geringsten Kleinigkeit vergast. Zum Beispiel hat man alle aus dem Block der Krätzekranken vergast. Nun weiß jeder, daß die Krätze mit gehörigen Mitteln innerhalb von drei Tagen geheilt werden kann, wenn man sie pflegt. Ich kann mich noch daran [242] erinnern, daß von 500 typhuskranken Frauen, die ihrer Genesung entgegengingen, 450 zum Vergasen geschickt wurden. Zu Weihnachten 1943, als wir in Quarantäne lagen, haben wir gesehen, weil wir dem Block 25 gegenüber wohnten, wie nackte Frauen in den Block 25 geführt wurden. Dann ließ man offene Lastwagen kommen, auf denen man diese Frauen zusammenpferchte, so viele, wie die Lastwagen aufnehmen konnten, und jedes Mal, wenn ein Lastwagen abfuhr, lief der berüchtigte Heßler, einer der Verurteilten im Lüneburger Prozeß, dem Lastwagen nach und verprügelte mit seinem Knüppel diese zum Tode fahrenden nackten Frauen. Sie wußten, daß sie in die Gaskammer gebracht wurden und versuchten zu fliehen. Man massakrierte sie. Sie versuchten aus dem Lastwagen herauszuspringen, und wir in unserem Block, sahen die Lastwagen vorbeifahren und hörten die grauenvollen Klagen aller dieser Frauen, die wußten, daß sie zum Vergasen fuhren. Viele von ihnen hätten sehr gut leben können, sie waren bloß unterernährt oder litten auch nur an Krätze.


M. DUBOST: Sie sagten uns soeben, daß die Deportierten schon bei der Ankunft der Züge, ohne auch nur gezählt zu werden, in die Gaskammer geschickt wurden. Was geschah mit ihrem Gepäck und den Kleidern?

VAILLANT-COUTURIER: Für die Nichtjuden galt die Bestimmung, daß sie ihr Gepäck selbst zu tragen hatten und in getrennte Blocks eingeteilt wurden. Was die Juden anlangte, so mußten sie bei der Ankunft alles auf dem Bahnsteig liegen lassen. Sie mußten sich schon vor dem Eintritt ausziehen, und ihre Kleider, sowie alles, was sie mitgebracht und auf dem Bahnsteig hatten liegen lassen, wurde in große Baracken gebracht und von einem Kommando, das »Kanada« genannt wurde, sortiert. Dort wurde alles sortiert und nach Deutschland geschickt; Schmuck, Pelzmäntel und so weiter.

Da man die Jüdinnen mit ihren ganzen Familien unter der Angabe nach Auschwitz schickte, daß sie dort in einer Art Ghetto leben würden und sie deshalb ihre ganze Habe mitnehmen sollten, brachten sie also beträchtliche Reichtümer mit. Ich erinnere mich daran, wie die Jüdinnen aus Saloniki bei ihrer Ankunft Postkarten bekamen, auf denen als Absendeort Waldsee angegeben war. Waldsee, ein Ort, der nicht existierte. Auf der Karte war ein gedruckter Text für die Angehörigen, der lautete: »Es geht uns hier sehr gut, wir haben zu arbeiten und werden gut, behandelt, wir warten auf Eure Ankunft.« Ich habe diese Karten selbst gesehen und die Schreiberinnen, das heißt die Block-Sekretärinnen erhielten den Befehl, die Postkarten unter die Häftlinge zu verteilen, damit diese sie an ihre Familien schickten. Ich weiß, daß manche Angehörige sich daraufhin meldeten.

[243] Folgende Geschichte kenne ich nur hinsichtlich Griechenlands. Ich weiß nicht, ob sie auch anderswo passierte, aber auf jeden Fall haben sich in Griechenland und auch in der Slowakei bei den Werbestellen in Saloniki Familien gemeldet, die ihren Angehörigen nach Deutschland nachkommen wollten. Ich erinnere mich an einen Professor für Literatur aus Saloniki, der mit Entsetzen seinen Vater ankommen sah.


M. DUBOST: Wollen Sie von den Zigeunerlagern sprechen?


VAILLANT-COUTURIER: Neben unserem Lager, auf der anderen Seite, hinter dem Stacheldraht, drei Meter von unserem Lager entfernt, befanden sich zwei Lager. Ein Zigeunerlager, dessen Insassen ungefähr im August 1944 bis zum letzten Mann vergast worden sind. Es waren Zigeuner aus ganz Europa, einschließlich Deutschland. Auf der anderen Seite war das sogenannte Familienlager. Das waren Juden aus dem Ghetto Theresienstadt, die man dorthin gebracht hatte, und im Gegensatz zu uns waren sie weder tätowiert noch rasiert. Sie behielten ihre Kleider und haben nicht gearbeitet. Sie haben sechs Monate so gelebt, und am Ende dieser sechs Monate hat man dieses Familienlager vergast, das heißt etwa 600 bis 1000 Juden. Und einige Tage später kamen weitere große Transporte, ebenfalls mit Familien aus Theresienstadt, die ebenso wie die ersten nach sechs Monaten vergast wurden.


M. DUBOST: Möchten Sie einige Einzelheiten erzählen, über das was Sie gesehen haben, als Sie im Begriff waren, das Lager zu verlassen, und unter welchen Verhältnissen Sie es verlassen haben?


VAILLANT-COUTURIER: Wir wurden zuerst unter Quarantäne gestellt, bevor wir Auschwitz verließen.


M. DUBOST: Wann war das?


VAILLANT-COUTURIER: Wir waren zehn Monate in Quarantäne und zwar vom 15. Juli 1943 bis Mai 1944. Dann sind wir wieder für zwei Monate in das Lager zurückgeschickt worden. Daraufhin fuhren wir nach Ravensbrück.


M. DUBOST: Waren das alles überlebende Französinnen von Ihrem Transport?


VAILLANT-COUTURIER: Ja, alle überlebenden Französinnen unseres Transportes. Durch Jüdinnen, die gegen Juli 1944 aus Frankreich kamen, haben wir erfahren, daß im Londoner Rundfunk eine große Campagne eröffnet worden war, bei der von unserem Transport gesprochen wurde, und daß die Namen Mai Politzer, Danielle Casanova, Hélene Solomon-Langevin und mein eigener Name erwähnt worden waren. Wir wissen, daß demnach aus Berlin Befehle kamen, daß der Abtransport von französischen Frauen unter besseren Umständen zu erfolgen habe. Wir wurden also in Quarantäne [244] gebracht. Das war ein Block, der sich gegenüber dem Lager außerhalb des Stacheldrahts befand. Ich muß sagen, daß es nur dieser Quarantäne zu verdanken ist, daß diese 49 noch am Leben sind, denn nach vier Monaten waren wir nur mehr 52. Wir hätten sicherlich nicht 18 Monate unter solchen Bedingungen leben können, wenn wir nicht diese zehn Monate Quarantäne gehabt hätten. Diese Quarantäne war verhängt worden, weil der Flecktyphus in Auschwitz herrschte. Man durfte das Lager, um entweder befreit oder in ein anderes Lager versetzt oder vor Gericht gebracht zu werden, erst dann verlassen, wenn man vierzehn Tage in Quarantäne verbracht hatte, das heißt, die Inkubationszeit für Flecktyphus. Sobald die Papiere kamen, die die wahrscheinliche Befreiung eines Häftlings ankündigten, schickte man ihn in die Quarantäne, wo er so lange blieb, bis der Befreiungsbefehl unterzeichnet war. Das dauerte manchmal Monate, aber mindestens 14 Tage.

Während dieser Zeit gab es eine Politik der Freilassung für die nach dem Strafrecht verurteilten weiblichen Häftlinge, für asoziale Deutsche, um sie als Arbeitskräfte in die deutschen Fabriken zu schicken. Es ist daher unmöglich, sich vorzustellen, daß man in ganz Deutschland nicht wissen konnte, daß es Konzentrationslager gab, und was dort vorging; es ist schwer zu glauben, daß diese Frauen, obwohl sie von dort kamen, niemals darüber gesprochen haben. In den Fabriken, wo die Häftlinge arbeiteten, waren deutsche Zivilistinnen als Vorarbeiterinnen tätig, die mit den Häftlingen in Verbindung standen und mit ihnen sprechen konnten.

Die Aufseherinnen von Auschwitz, die später zu Siemens, Ravensbrück, als Aufseherinnen kamen, waren ehemalige freie Arbeiterinnen von Siemens, Berlin, und sie fanden sich wieder mit den Vorarbeiterinnen zusammen, die sie schon von Berlin her kannten und erzählten ihnen in unserer Gegenwart, was sie in Auschwitz gesehen hatten; daher kann man nicht annehmen, daß dies in Deutschland unbekannt war.

Als wir Auschwitz verließen, haben wir unseren Augen nicht getraut und unser Herz hat sich zusammengezogen, als wir unsere kleine Gruppe von 49 sahen, die nach 18 Monaten von 230 übrig geblieben waren. Aber es schien uns, als ob wir aus der Hölle herauskämen, und zum erstenmal konnten wir hoffen, daß wir Wiederaufleben und die Welt wiedersehen würden.

M. DUBOST: Wohin hat man Sie dann geschickt?


VAILLANT-COUTURIER: Als wir aus Auschwitz herauskamen, schickte man uns nach Ravensbrück. Dort wurden wir in den N.N.-Block gebracht, das heißt Nacht und Nebel, womit geheim gemeint war. In diesem Block waren mit uns polnische Frauen, die die Registriernummer 7000 trugen und einige andere, die die Hasen [245] genannt wurden, weil sie als Versuchskaninchen benutzt worden waren. Aus ihren Transporten hatte man sie wegen ihrer geraden Beine und ihres guten Gesundheitszustandes herausgesucht und sie dann verschiedenen Operationen unterworfen. Einigen wurden Teile der Knochen aus den Beinen entfernt. Andere bekamen Injektionen. Ich weiß aber nicht, welche Injektionen. Unter den Operierten war die Sterblichkeit groß. Als man die anderen auch zum Operieren abholen wollte, haben sie sich geweigert, ins Revier zu gehen. Sie wurden dann mit Gewalt in Zellen geführt, und dort von einem Professor in Uniform, der aus Berlin gekommen war, operiert, der nicht die geringsten antiseptischen Vorsichtsmaßregeln traf. Er zog keine Bluse an und wusch sich nicht einmal die Hände. Es gibt noch Überlebende von diesen Hasen. Sie leiden immer noch sehr stark. Von Zeit zu Zeit leiden sie an Eiterungen, und da man nicht weiß, welcher Natur die Versuche waren, denen man sie unterzogen hat, ist es sehr schwierig, sie zu heilen.


M. DUBOST: Waren diese Internierten bei ihrer Ankunft tätowiert?


VAILLANT-COUTURIER: Nein. In Ravensbrück wurde nicht tätowiert, dagegen wurde man gynäkologisch untersucht, und da überhaupt keine Vorsichtsmaßregeln getroffen und immer dieselben Instrumente benutzt wurden, gab es dabei viele Ansteckungen, weil die als gemeine Verbrecher verurteilten Häftlinge mit den politischen Häftlingen vermischt waren.

Im Block 32, in dem wir waren, gab es auch kriegsgefangene Russinnen, die es ablehnten, in Munitionsfabriken freiwillig zu arbeiten. Sie wurden deswegen nach Ravensbrück gebracht. Da sie ihre ablehnende Haltung bewahrten, wurden sie Mißhandlungen aller Art ausgesetzt; sie mußten zum Beispiel einen ganzen Tag vor dem Block stehen, ohne Nahrung zu erhalten. Ein Teil von ihnen wurde nach Barth abtransportiert, während ein anderer Teil mit dem Tragen von Blechgefäßen in das Lager beschäftigt wurde. Im Strafblock und im Bunker befanden sich ebenfalls Häftlinge, die sich geweigert hatten, in den Rüstungsbetrieben zu arbeiten.


M. DUBOST: Sie sprechen jetzt von den Gefängnissen des Lagers?


VAILLANT-COUTURIER: Von den Gefängnissen des Lagers. Übrigens habe ich dieses Gefängnis besucht. Es war ein Zivilgefängnis, ein wirkliches Gefängnis.


M. DUBOST: Wieviele Franzosen gab es in diesem Lager?


VAILLANT-COUTURIER: 8000 bis 10000.


M. DUBOST: Wieviele Frauen sind im ganzen dort gewesen?


VAILLANT-COUTURIER: Im Augenblick der Befreiung war die Registrierungsnummer 105000 erreicht.

[246] Es gab im Lager auch Hinrichtungen. Man rief die Nummern beim Morgenappell auf; die Aufgerufenen wurden dann zur Kommandantur gebracht. Sie wurden nicht mehr gesehen. Einige Tage später kamen die Kleider zur Effektenkammer zurück, wo die Kleider der Gefangenen aufbewahrt wurden. Nach einiger Zeit verschwanden auch ihre Personalkarten aus der Lagerkartei.


M. DUBOST: War das Haftsystem in Auschwitz dasselbe?


VAILLANT-COUTURIER: In Auschwitz war das Ziel offensichtlich Vernichtung, um die Leistungsfähigkeit hat man sich nicht gekümmert. Die Häftlinge wurden ohne jeden Grund geschlagen. Man mußte nur den ganzen Tag aufbleiben, und es spielte dabei keine Rolle, ob man einen oder zehn Backsteine trug. Es war ganz klar, daß das versklavte Menschenmaterial benutzt wurde, um liquidiert zu werden. Das war das Ziel. Hingegen spielte in Ravensbrück die Leistungsfähigkeit eine wichtige Rolle. Es war ein Lager für Aussonderungszwecke. Wenn Transporte in Ravensbrück ankamen, wurden die Gefangenen sehr schnell weitergeschickt, entweder in Munitionsfabriken, Pulverfabriken oder auch zum Bau von Flugplätzen oder in der letzten Zeit zum Bau von Schützengräben.

Um in die Fabriken zu kommen, wurde in folgender Weise vorgegangen: Die Industriellen oder ihre Meister oder Beauftragten kamen selbst in Begleitung von SS-Leuten, um die Auswahl vorzunehmen. Es sah wie auf einem Sklavenmarkt aus. Sie betasteten die Muskeln, prüften den Gesundheitszustand und trafen dann ihre Wahl. Dann wurde man zum Arzt geführt, mußte sich ausziehen, und der Arzt entschied, ob man für die Fabrikarbeit geeignet sei oder nicht. In der letzten Zeit war die ärztliche Untersuchung nur mehr pro forma, denn es wurde jeder genommen.

Die Arbeit war erschöpfend, besonders wegen der schlechten Ernährung, des Mangels an Schlaf, denn außer der zwölfstündigen effektiven Arbeitszeit mußten wir die Morgen- und Abendappelle mitmachen. In Ravensbrück selbst befand sich die Siemensfabrik, in der Telephonanlagen und verschiedene Funkgeräte für Flugzeuge hergestellt wurden. Dann gab es auch innerhalb des Lagers Werkstätten, in denen Tarnungsmaterial, Uniformen und andere von den Soldaten benötigte Gegenstände hergestellt wurden. Eine dieser Werkstätten, die ich am besten kannte...


VORSITZENDER: Ich glaube, es ist besser, wenn wir die Sitzung jetzt für 10 Minuten unterbrechen.


[Pause von 10 Minuten.]


M. DUBOST: Haben Sie gesehen, daß SS-Führer und Wehrmachtsangehörige die Lager Ravensbrück und Auschwitz besucht haben, während Sie dort waren?

[247] VAILLANT-COUTURIER: Ja.


M. DUBOST: Wissen Sie, ob Persönlichkeiten der Deutschen Regierung zu Besuch in diese Lager kamen?


VAILLANT-COUTURIER: Ich weiß es nur im Falle Himmler. Was die anderen betrifft, weiß ich nichts.


M. DUBOST: Wer waren die Aufseher dieser Lager?


VAILLANT-COUTURIER: Anfangs waren es nur SS-Leute. Ab Frühjahr 1944 wurden die jungen SS-Leute in vielen Kompanien durch ältere Wehrmachtsangehörige ersetzt. In Auschwitz sowohl wie in Ravensbrück wurden wir von 1944 an von Wehrmachtsangehörigen bewacht.


M. DUBOST: Sie bezeugen also, daß auf Befehl des deutschen großen Generalstabs die Deutsche Wehrmacht in diese Greueltaten verwickelt war, die Sie uns geschildert haben.


VAILLANT-COUTURIER: Sicherlich, da wir auch von Wehrmachtsangehörigen bewacht wurden. Das konnte nicht ohne Befehle geschehen.


M. DUBOST: Sie legen also ein förmliches Zeugnis ab, das gleichzeitig SS und Wehrmacht betrifft?


VAILLANT-COUTURIER: Durchaus.


M. DUBOST: Wollen Sie uns von der Ankunft ungarischer Jüdinnen in Ravensbrück im Winter 1944 erzählen, die in Massen verhaftet worden waren? Sie waren in Ravensbrück. Können Sie über dieses Ereignis Zeugnis ablegen?


VAILLANT-COUTURIER: Ja, natürlich. Ich war dabei. Es war in den Blocks kein Platz mehr. Die Häftlinge schliefen schon zu viert in einem Bett. Es wurde dann mitten im Lager ein großes Zelt errichtet. In dieses Zelt wurde Stroh gelegt, und die ungarischen Häftlinge wurden in dieses Zelt geführt. Sie befanden sich in einem fürchterlichen Zustand. Sehr viele hatten erfrorene Füße, da sie aus Budapest evakuiert worden waren und einen großen Teil der Reise zu Fuß im Schnee zurückzulegen hatten. Eine große Anzahl starb unterwegs. Diejenigen, die in Auschwitz eintrafen, wurden in dieses Zelt geführt, und dort sind sehr viele von ihnen gestorben. Jeden Tag kam ein Kommando und holte die Leichen aus dem Zelt heraus. Eines Tages, als ich zu meinem Block zurückkam, der sich in der Nähe befand, während der Reinigung...


VORSITZENDER: Sprechen Sie von Ravensbrück oder von Auschwitz?


VAILLANT-COUTURIER: Ich spreche jetzt von Ravensbrück. Das war im Winter 1944, ich glaube, ungefähr November oder [248] Dezember, ich kann den Monat nicht ganz genau angeben, weil es in den Konzentrationslagern sehr schwierig ist, ein genaues Datum anzugeben, da ein Tag der Folter dem andern folgte und die Eintönigkeit nur sehr schwer Anhaltspunkte gab.

Als ich also eines Tages an dem Zelt vorbeiging, als es gerade sauber gemacht wurde, sah ich einen großen dampfenden Misthaufen; plötzlich wurde es mir klar, daß es menschlicher Mist war, da viele unter diesen armen Frauen nicht mehr die Kraft hatten, sich zu den Latrinen fortzubewegen. Sie verfaulten also in diesem Schmutz.


M. DUBOST: Wie waren die Arbeitsverhältnisse in der Werkstätte, in der Jacken angefertigt wurden?


VAILLANT-COUTURIER: In der Uniformschneiderei?


M. DUBOST: War es die Lagerwerkstatt?


VAILLANT-COUTURIER: Das war die Werkstatt des Lagers, die Schneiderei I genannt wurde. Es wurden dort 200 Jacken und Hosen täglich hergestellt. Es waren zwei Schichten, eine Tag- und eine Nachtschicht. Zwölf Stunden Arbeit für jede Schicht. Zu Anfang erhielt die Nachtschicht, nur wenn der festgesetzte Produktionssatz erreicht war, aber nur unter dieser Bedingung, eine dünne Brotschnitte. Später wurde dies aufgehoben. Die Arbeit mußte in rasender Geschwindigkeit ausgeführt werden, so daß die Häftlinge sich nicht einmal zu den Toiletten begeben konnten. Tag und Nacht wurden sie in fürchterlicher Weise von der SS geschlagen, sowohl von SS-Männern wie von SS-Frauen, wenn zum Beispiel eine Nadel zerbrach, weil der Faden von schlechter Qualität war, weil die Maschine stillstand, oder ganz einfach, weil Sie eine Nase hatten, die diesen Herren oder Damen nicht gefiel.

Gegen Ende der Nacht sah man sie so erschöpft, daß ihnen jede Bewegung schwer wurde, ihre Stirn war mit Schweiß bedeckt. Sie konnten kaum noch sehen. Wenn das Arbeitsminimum nicht erreicht war, stürzte sich der Leiter der Werkstatt Binder auf die Arbeiterinnen und schlug mit aller Kraft eine Frau nach der anderen, so daß die letzten versteinert vor Schrecken warteten, bis sie an die Reihe kamen. Um zum Revier zu gehen, bedurfte man der Genehmigung der SS, die nur sehr selten erteilt wurde. Und selbst, wenn der Arzt eine Frau einige Tage von der Arbeit dispensierte, passierte es oft, daß die SS-Leute die Kranke aus dem Bett herausholten, um sie wieder an die Maschine zu setzen. Die Luft war entsetzlich, denn während der Nacht konnte man wegen der Verdunkelung die Fenster nicht öffnen, so daß 600 Frauen zwölf Stunden ohne jegliche Lüftung arbeiteten. Alle diejenigen, die in der Schneiderei arbeiteten, wurden nach einigen Monaten so mager wie Gerippe, sie fingen an zu husten, die Sehkraft ließ nach, sie bekamen krampfhafte Zuckungen aus Angst vor den Schlägen.

[249] Ich kenne die Zustände in dieser Werkstatt sehr gut, da meine kleine Freundin Marie Rubiano, eine kleine Französin, die eben drei Jahre im Gefängnis Kottbus verbracht hatte, zur Schneiderei geschickt wurde, als sie nach Ravensbrück kam, und jeden Abend erzählte sie mir von ihrem Martyrium. Eines Tages, als sie absolut erschöpft war, wurde ihr gestattet, in das Revier zu gehen. Die deutsche Schwester Erika war nicht ganz so schlechter Laune wie gewöhnlich, und Marie wurde zur Röntgenuntersuchung geschickt. Da die beiden Lungen sehr schwer mitgenommen waren, wurde sie zu dem schrecklichen Block 10, dem Block der Tuberkulosekranken geschickt. Dieser Block war besonders entsetzlich. Da die Tuberkulosen als dauernd arbeitsunfähig galten, wurden sie nicht gepflegt und aus Mangel an Personal nicht einmal gewaschen.

Die kleine Marie wurde in das Zimmer der Schwerkranken gebracht, das heißt derjenigen, die für verloren gehalten wurden. Sie verbrachte dort einige Wochen und hatte nicht einmal mehr den Mut, um ihr Leben zu kämpfen. Die Stimmung in diesem Raume war besonders deprimierend. Es waren dort zahlreiche Frauen, mehrere in einem Bett, in drei Etagen übereinander in einem überheizten Raum, verschiedene Nationalitäten untereinander gemischt, so daß sie nicht einmal miteinander sprechen konnten. Das Schweigen dieses Vorzimmers des Todes wurde nur von dem Kreischen der deutschen Asozialen, die den Dienst versahen, und von dem unterdrückten Schluchzen eines kleinen Mädchens unterbrochen, das seiner Mutter und seiner Heimat gedachte, die es nie mehr wiedersehen würde.

Trotzdem starb Marie Rubiano in den Augen der SS nicht schnell genug, und eines Tages setzte sie Dr. Winkelmann, der Spezialist für die Auslese in Ravensbrück, auf die schwarze Liste. Am 9. Februar 1945 wurde sie zusammen mit 72 anderen Tuberkulosekranken, unter ihnen 6 Französinnen, auf den Lastwagen für die Gaskammer gehoben. Während dieser Periode sandte man aus sämtlichen Revieren alle Kranken, die man nicht für arbeitsfähig hielt, zur Vergasung. Die Gaskammer in Ravensbrück war direkt hinter der Mauer des Lagers neben dem Krematorium. Wenn die Lastwagen die Kranken holten, hörten wir den Lärm des Motors durchs Lager; die Lastkraftwagen hielten direkt neben dem Krematorium, dessen Schlot über die hohen Mauern des Lagers emporragte.

Bei der Befreiung habe ich mich dorthin begeben und die Gaskammer besucht. Es war eine Holzbaracke, die hermetisch verschlossen war. Innen war noch der unangenehme Geruch der Gase zu spüren. Ich weiß, daß die Gase, die in Auschwitz gebraucht wurden, dieselben waren, wie die, die zum Vergasen der Läuse benutzt wurden. Sie hinterließen als Spuren kleine hellgrüne [250] Kristalle, die man nach öffnen der Fenster des Blockes auskehrte. Ich kenne diese Einzelheiten, weil die Leute, die bei der Entlausung der Blocks tätig waren, mit jenen Verbindung hatten, die die Menschen vergasten. Und diese erklärten ihnen, daß dasselbe Gas verwendet werde.


M. DUBOST: War es das einzige Mittel, das benutzt wurde, um die Internierten von Ravensbrück zu liquidieren?


VAILLANT-COUTURIER: Im Block 10 experimentierte man auch mit einem weißen Pulver. Eines Tages kam die deutsche Schwester Martha in den Block und verteilte an ungefähr zwanzig Kranke ein Pulver, das die Kranken in tiefen Schlaf versetzte. Vier oder fünf mußten sich erbrechen, und das rettete ihnen das Leben. Während der Nacht ließ allmählich das Schnarchen nach, und die Kranken waren tot.

Ich weiß das, weil ich jeden Tag Französinnen in diesem Block besuchte; zwei der Krankenschwestern waren Französinnen, und auch die Ärztin Louise Lepporz aus Bordeaux, die zurückgekommen ist, könnte das ebenfalls bestätigen.


M. DUBOST: Geschah dies oft?


VAILLANT-COUTURIER: Während meines Aufenthaltes war es das einzige Mal, daß dies innerhalb des Reviers passierte. Aber man benutzte dieses System ebenfalls im Jugendlager. Dieses wurde so genannt, weil es ein altes Strafgefängnis für junge deutsche Verbrecherinnen war.

Anfang 1945 war Dr. Winkelmann nicht mehr damit zufrieden, Leute aus dem Revier allein auszusuchen, sondern tat dies auch in den Blocks. Alle Häftlinge mußten zum Appell mit nackten Füßen kommen, mußten ihre Brust und Beine zeigen. Alle diejenigen, die zu alt, zu krank, zu mager waren oder deren Beine von Ödem geschwollen waren, wurden auf die Seite gestellt und dann nach dem Jugendlager abgeführt, das ungefähr eine Viertelstunde vom Lager Ravensbrück entfernt war. Ich besuchte es nach der Befreiung.

In den Blocks wurde bekanntgegeben, daß die alten und kranken Frauen, die nicht arbeiten konnten, sich für das Jugendlager melden sollten, wo es ihnen besser ginge, wo sie nicht zu arbeiten hätten, wo es keinen Appell gäbe. Wir haben es später erfahren, durch Angestellte, die im Jugendlager arbeiteten, wo die Lagerleiterin, eine Österreicherin namens Betty Wenz war, die ich von Auschwitz her kannte, und durch einige der Überlebenden, unter ihnen Irene Ottelard, eine Französin, die in Drancy, 17 Rue de la Liberté wohnt, und die zur selben Zeit wie ich nach Hause kam, und die ich nach der Befreiung gepflegt habe; durch sie haben wir Einzelheiten über das Jugendlager erfahren.


[251] M. DUBOST: Wollen Sie uns sagen, ob Sie diese Frage beantworten können: Haben die SS-Ärzte, die diese Aussonderungen machten, aus eigenem Antrieb gehandelt oder auf Grund von Befehlen, die sie erhalten hatten?


VAILLANT-COUTURIER: Sie handelten nach erhaltenen Befehlen, denn ich weiß, daß einer von ihnen, Dr. Lukas, der sich weigerte, an diesen Aussonderungen teilzunehmen, vom Lager zurückgezogen wurde, und daß Dr. Winkelmann als Nachfolger von Berlin gesandt wurde.


M. DUBOST: Sind Sie selbst Zeugin dieser Geschehnisse gewesen?


VAILLANT-COUTURIER: Er war es, der dies der Leiterin des Blockes 10 und der Ärztin Louise Lepporz gesagt hat, als er wegging.


M. DUBOST: Können Sie uns einige Auskünfte über die Lebensbedingungen geben, die im Männerlager Ravensbrück herrschten, als Sie sogleich nach der Befreiung das Lager besuchten.


VAILLANT-COUTURIER: Ich denke, daß es besser wäre, wenn ich zuerst vom Jugendlager spräche, weil dies der Zeit nach früher liegt.


M. DUBOST: Wenn Sie es so wollen.


VAILLANT-COUTURIER: Im Jugendlager wurden die alten Frauen und Kranken, die aus unserem Lager herausgeholt worden waren, zunächst in Blocks verlegt, in denen weder Wasserversorgung noch Toiletten vorhanden waren. Sie lagen auf Strohsäcken auf dem Boden und so dicht nebeneinander, daß man zwischen ihnen nicht durchgehen konnte, und daß nachts das Hin- und Hergehen den Schlaf unmöglich machte, und die Häftlinge sich beim Vorbeigehen gegenseitig beschmutzten. Die Strohsäcke waren verfault und wimmelten von Läusen. Diejenigen Häftlinge, die sich aufrechthalten konnten, traten zu einem mehrstündigen Appell an, bis sie zusammenbrachen.

Im Monat Februar wurden ihnen die Mäntel abgenommen, aber sie mußten weiterhin dem Appell draußen beiwohnen, was die Sterblichkeit noch stark vermehrte. Sie erhielten als gesamte Nahrung nur eine dünne Scheibe Brot und ein Achtelliter Rübensuppe und als Getränk ein Achtelliter Kräutertee in 24 Stunden. Sie hatten kein Trinkwasser und kein Wasser, um sich selbst oder ihr Eßgeschirr zu waschen.

Im Jugendlager gab es auch ein Revier, in das man alle diejenigen steckte, die sich nicht mehr aufrechthalten konnten. Während der Appelle wählte die Aufseherin in regelmäßigen Abständen die Häftlinge aus, die man bis aufs Hemd auszog. Man [252] gab ihnen ihren Mantel zurück, und sie bestiegen einen Lastkraftwagen, um zur Gaskammer gefahren zu werden. Einige Tage später kamen die Mäntel zur Kammer zurück, und ihre Karten wurden mit dem Vermerk »Mittwerda« versehen. Die Häftlinge, die an der Kartei arbeiteten, sagten uns, daß das Wort »Mittwerda« nicht existiere und zur Bezeichnung der Gaskammer verwendet wurde.

In dem Revier wurde periodisch weißes Pulver verteilt, und die Kranken starben genau wie die des Blocks 10, von dem ich soeben gesprochen habe. Es wurden...


VORSITZENDER: Die Zustände im Lager Ravensbrück scheinen dieselben wie im Lager Auschwitz gewesen zu sein. Wäre es nicht möglich, nachdem wir diese Einzelheiten gehört haben, nun die Angelegenheit in allgemeinerer Form zu behandeln, es sei denn, daß zwischen Ravensbrück und Auschwitz ein grundlegender Unterschied bestand.


M. DUBOST: Ich glaube, es gibt einen Unterschied, den die Zeugin uns auseinandergesetzt hat, und zwar den folgenden: In Auschwitz wurden die Internierten ganz einfach ausgerottet, es war einzig und allein Vernichtungslager, während sie in Ravensbrück interniert waren, um zu arbeiten. Sie wurden dadurch so erschöpft, daß sie daran starben.


VORSITZENDER: Falls es andere Unterschiede zwischen den beiden Lagern gibt, werden Sie ohne Zweifel die Zeugin darüber befragen.


M. DUBOST: Ich werde nicht verfehlen, es zu tun.


[Zur Zeugin gewandt:]


Können Sie dem Gerichtshof sagen, in welchem Zustand sich das Männerlager befand, als es befreit wurde, und wieviel Überlebende noch vorhanden waren?

VAILLANT-COUTURIER: Als die Deutschen das Lager verließen, haben sie 2000 kranke Frauen und zu ihrer Pflege einige Freiwillige, unter denen ich selbst war, zurückgelassen. Sie ließen uns ohne Wasser und Licht. Zum Glück sind die Russen am nächsten Tag gekommen. Wir haben dann in das Männerlager gehen können. Dort erwartete uns ein unbeschreiblicher Anblick. Sie waren seit fünf Tagen ohne Wasser, es gab 800 Schwerkranke, und die drei Ärzte und sieben Krankenwärter waren nicht in der Lage, die Toten von den Kranken zu trennen. Mit Hilfe der Roten Armee konnten wir diese Kranken in saubere Blocks bringen und ihnen Pflege und Nahrung geben. Unglücklicherweise kann ich Zahlen nur für die Franzosen angeben. Es waren 400, als wir ins Lager kamen, und nur 150 konnten nach Frankreich zurückkehren. Für die anderen war es, trotz der Pflege, zu spät.

[253] M. DUBOST: Haben Sie Hinrichtungen beigewohnt, und wie sind diese im Lager vor sich gegangen?


VAILLANT-COUTURIER: Ich bin nicht bei Hinrichtungen zugegen gewesen. Ich weiß nur, daß die letzte am 22. April stattfand, eine Woche vor Ankunft der Roten Armee. Man schickte die Häftlinge, wie ich erzählt habe, zur Kommandantur, dann kamen ihre Kleider zurück, und ihre Karten wurden aus der Kartei herausgezogen.


M. DUBOST: Waren die Zustände in diesem Lager außergewöhnlich, oder glauben Sie, daß es sich um ein System handelte?


VAILLANT-COUTURIER: Es ist schwer, wenn man nicht selbst dort gewesen ist, eine genaue Schilderung der Konzentrationslager zu geben, denn man kann nur Beispiele des Schreckens zitieren, man kann aber diesen Eindruck der langsamen Eintönigkeit nicht wiedergeben. Wenn man gefragt wird, was das Schlimmste sei, kann man darauf nicht antworten, denn alles war grauenhaft. Grauenhaft ist es zu verhungern oder zu verdursten oder krank zu sein, oder alle Genossinnen um sich herum sterben zu sehen, ohne daß man irgend etwas tun kann, an seine Kinder zu denken, an sein Land, das man nicht wiedersehen wird, und zu weilen fragten wir uns selbst, ob das alles nicht ein Alptraum sei, so unwirklich erschien uns dieses Leben mit seinen Schrecken.

Für Monate und Jahre hatten wir nur einen Willen, daß nämlich einige von uns lebend herauskommen möchten, um der Welt zu verkünden, was diese Zuchthäuser der Nazis waren. Überall, in Auschwitz sowie in Ravensbrück, und diese Tatsachen werden auch von den Genossinnen bestätigt, die in anderen Lagern waren, war der systematische und unerbittliche Wille zu finden, die Menschen als Sklaven auszunutzen und, wenn sie nicht länger arbeiten konnten, sie zu töten.


M. DUBOST: Haben Sie noch etwas anderes zu sagen?


VAILLANT-COUTURIER: Nein.


M. DUBOST: Ich danke Ihnen. Wenn der Gerichtshof die Zeugin noch befragen will, ich bin fertig.


GENERAL RUDENKO: Ich habe keine Fragen.


DR. HANNS MARX, VERTEIDIGER FÜR DEN ANGEKLAGTEN STREICHER: Rechtsanwalt Dr. Marx für den abwesenden Verteidiger der SS, Rechtsanwalt Babel. Herr Rechtsanwalt Babel ist heute morgen verhindert, weil er zu einer Besprechung zu Herrn General Mitchell beordert worden ist.

Meine Herren Richter, ich möchte mir erlauben, an die Zeugin einige Fragen zur Aufklärung des Sachverhalts zu richten.


[Zur Zeugin gewandt:]


[254] Frau Couturier, Sie erklärten, Sie seien von der französischen Polizei verhaftet worden.

VAILLANT-COUTURIER: Ja.

DR. MARX: Aus welchem Grunde sind Sie verhaftet worden?


VAILLANT-COUTURIER: Widerstand. Ich gehörte einer Widerstandsbewegung an.


DR. MARX: Eine andere Frage: Welche Stellung bekleideten Sie?


VAILLANT-COUTURIER: Welche Stellung?


DR. MARX: Die Stellung, die Sie bekleideten; haben Sie irgendeine Stellung bekleidet?


VAILLANT-COUTURIER: Wo?


DR. MARX: Waren Sie zum Beispiel Lehrerin?


VAILLANT-COUTURIER: Vor dem Kriege? Ich verstehe nicht ganz, was die Sache mit dem Sachverhalt zu tun hat. Ich war Journalistin.

DR. MARX: Ja, die Sache ist doch so: Sie haben in Ihrer Aussage große Gewandtheit in Stil und Ausdruck erkennen lassen, und da möchte ich wissen, ob Sie eine Stellung in einem entsprechenden Beruf bekleidet haben, ob Sie Lehrerin waren, oder ob Sie zum Beispiel Vorträge gehalten haben?


VAILLANT-COUTURIER: Nein, ich war photographische Reporterin.


DR. MARX: Ja, wie ist es zu erklären, daß Sie selbst so gut all dies überstanden haben, daß Sie in gutem Gesundheitszustand zurückgekommen sind?


VAILLANT-COUTURIER: Erstens bin ich bereits vor einem Jahr befreit worden. In einem Jahr hat man Zeit sich zu erholen. Sodann war ich, wie ich gesagt habe, zehn Monate in Quarantäne und habe das Glück gehabt, an Flecktyphus nicht zu sterben, obwohl ich dreieinhalb Monate krank war.

Da ich aber andererseits Deutsch kann, habe ich in der letzten Zeit in Ravensbrück beim Appell im Revier mitgeholfen, und so hatte ich unter den schlechten Wetterverhältnissen nicht zu leiden. Dagegen sind bei meinem Transport von 230 nur 49 heimgekehrt, und wir waren nach vier Monaten nur noch 52. Ich habe das Glück gehabt, zurückzukommen.


DR. MARX: Trugen Sie lediglich Ihre eigenen Beobachtungen vor, oder handelt es sich etwa um Mitteilungen, die Ihnen von anderen Personen gemacht worden sind?


VAILLANT-COUTURIER: So oft das der Fall gewesen ist, habe ich dies in meinen Aussagen angegeben. Ich habe niemals etwas [255] zitiert, was hinsichtlich der Herkunft nicht durch mehrere Personen beglaubigt worden ist, aber der Hauptteil meiner Aussage besteht aus persönlichen Eindrücken.


DR. MARX: Wie können Sie erklären, daß Sie so genaue statistische Kenntnisse besitzen? Sie sprechen zum Beispiel davon, daß 700000 Juden aus Ungarn gekommen seien?


VAILLANT-COUTURIER: Ich habe Ihnen gesagt, daß ich in den Büros gearbeitet habe und in Bezug auf Auschwitz, daß ich die Freundin der Sekretärin, das heißt der Oberaufseherin war, deren Namen und Adresse ich dem Gerichtshof angegeben habe.


DR. MARX: Es wird nämlich auch behauptet, daß nur 350000 Juden aus Ungarn gekommen seien, nach Angabe des Abteilungsleiters bei der Gestapo, Eichmann.


VAILLANT-COUTURIER: Ich mochte mit der Gestapo nicht diskutieren. Ich habe guten Grund anzunehmen, daß ihre Erklärungen nicht immer genau sind.


DR. MARX: Gut. Wie wurden Sie selbst behandelt, wurden Sie gut behandelt?


VAILLANT-COUTURIER: Wie die anderen.


DR. MARX: Wie die anderen? Sie sagten auch, das deutsche Volk mußte über die Vorgänge in Auschwitz auf dem laufenden gewesen sein. Worauf basiert diese Behauptung?


VAILLANT-COUTURIER: Ich habe das schon gesagt, einerseits auf der Tatsache, daß die lothringischen Soldaten der Wehrmacht, als wir abfuhren, uns im Zuge sagten: »Wenn Ihr wüßtet, wohin Ihr fahrt, so würdet Ihr es nicht so eilig haben, dort anzukommen«. Andererseits auf der Tatsache, daß die deutschen Frauen, die aus der Quarantäne herauskamen, um in Fabriken zu arbeiten, diese Tatsachen kannten und alle sagten, sie würden es draußen weitererzählen; und drittens auf der Tatsache, daß in allen Fabriken, in denen Häftlinge arbeiteten, diese in Berührung mit deutschen Zivilisten waren; sowie auf der Tatsache, daß die Aufseherinnen in Verbindung mit ihren Familien und Freunden standen und oft damit prahlten, was sie gesehen hatten.


DR. MARX: Noch eine Frage. Sie haben bis 1942 das Verhalten der deutschen Soldaten in Paris beobachten können. Benahmen sich die deutschen Soldaten nicht anständig und bezahlten sie nicht was sie requiriert hatten?


VAILLANT-COUTURIER: Ich habe davon nicht die geringste Ahnung. Ich weiß nicht, ob sie für ihre Beschlagnahmen bezahlten. Was anständige Behandlung betrifft, so sind zu viele meiner Angehörigen erschossen oder niedergemetzelt worden, als daß ich Ihre Meinung in dieser Frage teilen könnte.


[256] DR. MARX: Ich habe keine weitere Frage an die Zeugin zu stellen.


VORSITZENDER: Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, braucht nichts weiter gesagt zu werden.


DR. MARX: Ich wollte mir nur erlauben, für den Herrn Rechtsanwalt Babel den Vorbehalt zu machen, daß er selbst die Zeugin noch ins Kreuzverhör nehmen kann.


VORSITZENDER: Babel, sagten Sie?


DR. MARX: Ja.


VORSITZENDER: Entschuldigen Sie, natürlich, aber wann wird Rechtsanwalt Babel zurück sein?


DR. MARX: Ich nehme an, daß er heute nachmittag zurück sein wird, er ist ja im Hause, aber er muß Zeit haben, das Protokoll zu lesen.


VORSITZENDER: Wir werden die Frage, daß Rechtsanwalt Babel nochmals eine Vernehmung vornimmt, beraten, wenn er heute nachmittag hier ist. Wollen andere deutsche Verteidiger an die Zeugin Fragen stellen?


[Keine Antwort.]


Herr Dubost, haben Sie noch Fragen, die Sie in einer weiteren Vernehmung stellen wollen?

M. DUBOST: Ich habe keine weiteren Fragen zu stellen, Herr Vorsitzender.

VORSITZENDER: Die Zeugin kann den Raum verlassen.


[Die Zeugin verläßt den Zeugenstand.]


M. DUBOST: Mit Genehmigung des Gerichtshofs werden wir nun den Zeugen, Herrn Veith, vernehmen.

VORSITZENDER: Laden Sie diesen Zeugen wegen der Behandlung der Internierten in Konzentrationslagern vor?


M. DUBOST: Ja, Herr Vorsitzender, und auch des halb, weil dieser Zeuge uns Auskunft über die Behandlung geben kann, deren Opfer gewisse Kriegsgefangene in den Interniertenlagern waren. Es handelt sich nicht nur um Konzentrationslager und um Zivilisten als Opfer übler Behandlung in diesen Konzentrationslagern, sondern um Soldaten, die in die Konzentrationslager gebracht wurden und dort die gleiche Behandlung erfuhren wie Zivilisten.


VORSITZENDER: Sie dürfen aber die Tatsache nicht aus dem Auge verlieren, daß fast kein Kreuzverhör der Zeugin stattgefunden hat, die Sie über die Behandlung in den Konzentrationslagern vorgeladen haben. Der Gerichtshof, glaube ich, ist der [257] Meinung, daß man sich mit der Behandlung in den Konzentrationslagern in allgemeinerer Form befassen sollte, als dies bei der letzten Zeugin der Fall war. Hören Sie, was ich sage?


M. DUBOST: Ja, ich verstehe ganz gut.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof glaubt, daß man die Frage der Behandlung in Konzentrationslagern jetzt allgemeiner behandeln könnte, nachdem wir die Einzelheiten von den bereits vorgeladenen Zeugen gehört haben.


[Der Zeuge Jean Frédéric Veith betritt den

Zeugenstand.]


M. DUBOST: Ist der Gerichtshof mit diesem Zeugen einverstanden, oder ist sein Wunsch, daß...

VORSITZENDER: Sicher.


[Zum Zeugen gewandt:]


Wie heißen Sie?


ZEUGE JEAN FREDERIC VEITH: Jean Frédéric Veith.


VORSITZENDER: Wollen Sie mir diesen Eid nachsprechen? Ich schwöre, daß ich ohne Haß und Furcht die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit sprechen werde.


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


Erheben Sie die rechte Hand und sagen Sie: Ich schwöre.

VEITH: Ich schwöre.

VORSITZENDER: Wollen Sie sich setzen? Möchten Sie bitte Ihren Namen buchstabieren.


VEITH: Jean Frédéric Veith. Ich bin am 28. April 1903 in Moskau geboren.


M. DUBOST: Besitzen Sie die französische Staatsangehörigkeit?


VEITH: Ich bin französischer Staatsangehöriger und stamme von französischen Eltern.


M. DUBOST: In welchem Lager waren Sie interniert?


VEITH: In Mauthausen, vom 22. April 1943 bis zum 22. April 1945.


M. DUBOST: Wissen Sie Bescheid über die Arbeit, die in den Fabriken geleistet wurde, die die Luftwaffe mit Material belieferten? Wer kontrollierte diese Fabriken?


VEITH: Ich gehörte seit Juni 1943 zum Arbeitseinsatz Mauthausen und war deshalb über alle Arbeitsfragen auf dem laufenden.


M. DUBOST: Wer kontrollierte die Fabriken, die für die Luftwaffe arbeiteten?


[258] VEITH: In Mauthausen gab es Außenlager, in denen Arbeiter arbeiteten, bei Heinkel, Messerschmitt, Alfa-Wien, Saurer-Werke. Weiterhin gab es den Bau des Tunnels am Leibl-Paß, der von der Gesellschaft »Alpine Montan« ausgeführt wurde.


M. DUBOST: Wer hat diese Arbeit kontrolliert? Waren es Aufseher oder Ingenieure?


VEITH: Es gab nur eine SS-Aufsicht. Die Arbeit selbst wurde von den Ingenieuren und von den Firmen selbst kontrolliert.


M. DUBOST: Gehörten diese Ingenieure der Luftwaffe an?


VEITH: Ich habe an gewissen Tagen Offiziere der Luftwaffe gesehen, die die Messerschmitt-Werkstätten, die sich im Steinbruch befanden, besuchten.


M. DUBOST: Haben Sie den Zustand der Internierten feststellen können?


VEITH: Ja, bestimmt.


M. DUBOST: Haben Sie irgendwelche Nazi-Persönlichkeiten gesehen, die das Lager besichtigten?


VEITH: Ich sah zahlreiche Persönlichkeiten, unter anderen Himmler, Kaltenbrunner, Pohl, Maurer, den Leiter des Amtes D II im Reichssicherheitshauptamt und zahlreiche andere Besucher, deren Namen mir unbekannt sind.


M. DUBOST: Wer hat Ihnen gesagt, daß Kaltenbrunner gekommen sei?


VEITH: Unsere Büros lagen gegenüber dem freien Platz, an dem sich die Kommandantur befand, und wir sahen daher die Persönlichkeiten ankommen, und die SS selbst sagte uns: »Das ist dieser und dieser«.


M. DUBOST: Konnte die Zivilbevölkerung die Lebensbedingungen der Internierten kennen, und kannte sie diese tatsächlich?


VEITH: Sie konnte darüber Bescheid wissen, weil es in Mauthausen in der Nähe des Steinbruches eine Straße gab, und von dieser Straße aus konnte man alles sehen, was sich abspielte. Außerdem hatten die Häftlinge, die zwar in den Fabriken getrennt von den Arbeitern arbeiteten, mit ihnen doch einen gewissen Kontakt, und man konnte sich sehr gut ein Bild von ihrer Lage machen.


M. DUBOST: Können Sie uns etwas über die Fahrt eines Autobusses zu einem unbekannten Schloß sagen? Er soll voll Internierter gewesen sein, die man niemals wieder gesehen hat.


VEITH: Zu einem gewissen Zeitpunkt wurden in Mauthausen Einspritzungen vorgenommen, um die Kranken zu beseitigen. Es war dies vor allem das Werk des Dr. Krebsbach, der von den Gefangenen [259] Dr. Spritzbach genannt wurde, weil er das Spritzverfahren eingeführt hatte. Zu einer bestimmten Zeit hörte man mit den Einspritzungen auf. Zu dieser Zeit wurden die Leute, die zu krank oder zu schwach waren, in ein Schloß geschickt, das, wie wir später erfuhren, Hartheim hieß und das amtlich als Genesungslager bezeichnet wurde. Alle die Menschen, die dorthin kamen, sind nie mehr zurückgekommen, und wir erhielten die Totenlisten direkt von der Politischen Abteilung des Lagers. Diese Listen waren geheim. Alle diejenigen, die in Hartheim gewesen sind, sind tot. Die Zahl beträgt ungefähr 5000.


M. DUBOST: Haben Sie die Kriegsgefangenen in Mauthausen eintreffen sehen?


VEITH: Sicherlich habe ich Kriegsgefangene gesehen. Im Lager von Mauthausen kamen die Leute zuerst vor der Politischen Abteilung an. Da ich am Hollerith arbeitete, konnte ich es sehen, denn die Büros gingen auf den großen Platz hinaus, der sich vor der Politischen Abteilung befand, wo die Transporte ankamen. Diese Transporte wurden sofort sortiert. Ein Teil wurde zur Registrierung ins Lager geschickt. Sehr häufig wurden einige uniformierte Häftlinge beiseite gestellt. Diese wurden schon in der Politischen Abteilung besonders roh behandelt. Sie wurden danach direkt den Gefangenenwärtern übergeben, und man hörte nie wieder von ihnen. Sie wurden im Lager nicht registriert. Die einzige Registrierung wurde in der Politischen Abteilung von Müller vorgenommen, der sich mit diesen Gefangenen besonders zu befassen hatte.


M. DUBOST: Handelte es sich um Kriegsgefangene?


VEITH: Es waren Kriegsgefangene, die sehr oft Uniform trugen.


M. DUBOST: Leute welcher Staatsangehörigkeit?


VEITH: Besonders Russen und Polen.


M. DUBOST: Wurden sie ins Lager gebracht, um dort getötet zu werden?


VEITH: Sie wurden in unser Lager zur Aktion K gebracht.


M. DUBOST: Was wissen Sie über diese Aktion K und wie haben Sie es erfahren?


VEITH: Meine Kenntnis dieser Aktion K ist durch meine leitende Tätigkeit im Hollerithamt in Mauthausen bedingt. Hierdurch erhielt ich sämtliche Überweisungsblätter der verschiedenen Lager. Gefangene, die irrtümlicherweise bei uns als gewöhnliche Gefangene eingeliefert waren, schrieben wir auf ein Überweisungsblatt, das wir zum Hauptamt in Berlin senden mußten. Allerdings haben wir keine Nummer eingesetzt, weil wir sie nicht angeben konnten. Die [260] politische Leitung gab uns keine Angaben und zerriß sogar die Namensliste, wenn sie uns durch Zufall zugegangen war.

Aus Gesprächen mit Kameraden der Politischen Abteilung stellte ich fest, daß diese Aktion K in erster Linie solche Kriegsgefangene betraf, die bei Fluchtversuchen festgenommen worden waren. Später wurde diese Aktion auch auf verhaftete Militärpersonen ausgedehnt, hauptsächlich auf wiedereingefangene Offiziere, die in den von Deutschen kontrollierten Ländern erneut aufgegriffen worden waren.

Außerdem konnte jede Person, die sich einer Betätigung hingab, von der man annahm, daß sie nicht im Einklang mit den Wünschen der leitenden Nazis sei, dieser Aktion K unterworfen werden. Diese Gefangenen kamen in Mauthausen an und verschwanden sogleich, das heißt, sie wurden ins Gefängnis eingeliefert, wo sie zum Teil sofort hingerichtet, zum Teil in den Gefängnisanbau, den berüchtigten Block 20 von Mauthausen, geschickt wurden, weil das Gefängnis zu klein geworden war.


M. DUBOST: Sprechen Sie von Kriegsgefangenen?


VEITH: Zum größten Teil handelte es sich um Kriegsgefangene.


M. DUBOST: Wissen Sie über die Hinrichtungen von kriegsgefangenen Offizieren Bescheid, die in das Lager Mauthausen gebracht worden waren?


VEITH: Ich kann Ihnen keine Namen angeben, aber sie fanden statt.


M. DUBOST: Haben Sie die Hinrichtung von alliierten Offizieren gesehen, die innerhalb 48 Stunden nach ihrer Ankunft im Lager erfolgte?


VEITH: Ich sah die Ankunft des Transportes vom 6. September. Ich glaube, Sie wollen von diesem sprechen. Ich beobachtete die Ankunft dieses Transports. Am selben Nachmittag wurden diese 47 in den Steinbruch gebracht. Sie waren nur mit Hemd und Unterhose bekleidet. Kurz danach hörte man Maschinengewehrfeuer. Ich bin nach rückwärts aus dem Büro hinausgegangen, indem ich vortäuschte, Akten in ein anderes Büro zu bringen, und habe mit eigenen Augen gesehen, daß diese armen Unglücklichen niedergemacht worden waren. 19 wurden an diesem Nachmittag und die anderen am nächsten Morgen hingerichtet. Alle Todesscheine wurden dann mit dem Vermerk »Auf der Flucht erschossen« versehen.


M. DUBOST: Besitzen Sie die Namensliste?


VEITH: Ja, ich besitze eine Abschrift der Liste dieser Gefangenen.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 6, S. 227-262.
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