Fünftes Kapitel

302-301
Demetrios' Rüstungen gegen Kassandros – Koalition gegen Antigonos – Seleukos' Macht – Kriegsplan der Verbündeten – Lysimachos in Kleinasien – Antigonos in Kleinasien – Beginn der Feindseligkeiten – Winterquartiere – Ptolemaios in Phoinikien – Demetrios gegen Makedonien – Sein Zug nach Kleinasien – Seleukos in Kleinasien – Vertreibung des Pyrrhos – Pleistarchos' Marsch nach Kleinasien – Die Schlacht bei Ipsos – Demetrios' Flucht – Abfall Athens – Teilung des Reiches – Einheimische Fürsten in Kleinasien – Rückblick

[338] Als Antigonos im Jahre 306 nach dem Seesieg bei Salamis den Königstitel annahm, war seine Macht auf solcher Höhe, daß die übrigen Machthaber des Reiches sich ihrer auf keine Weise erwehren zu können schienen. Wäre es ihm gelungen, den Satrapen von Ägypten zu bewältigen, so hätte er noch einmal das große Reich Alexanders unter einem Diadem vereinigen können; der unglückliche Feldzug gegen Ende des Jahres 306 befestigte die Macht des Lagiden, sicherte den König Seleukos im Osten vor einem[338] Angriff. Die Landmacht des Antigonos hatte den empfindlichsten Schlag erlitten; mit desto größerer Anstrengung wandte er und Demetrios sich darauf, die Herrschaft des Meeres zu gewinnen, um den Angriff gegen Ägypten mit desto gewisserem Erfolge zu erneuen. Alles hing an der Bewältigung von Rhodos; die bedrohlichen Fortschritte des Kassandros in Europa zwangen Demetrios, mit Rhodos einen Frieden zu schließen, mit dem der beste Teil jener Hoffnungen dahin war. Demetrios' Erfolge in Griechenland hatten jetzt allen Verhältnissen eine neue und, man darf sagen, für ihn vielversprechende Wendung gegeben; das Schwierige in Antigonos' Stellung war bisher, daß er dem mächtigsten seiner Gegner, dem Ägypter, nicht herkommen konnte, daß er sich weder gegen den Osten noch nach Norden wenden konnte, wenn er ihn nicht im Rücken haben, ihm seine besten, die syrischen Provinzen preisgeben wollte; jetzt konnte er durch Demetrios von Griechenland aus angriffsweise gegen den mindest mächtigen der Gegner verfahren, während er selbst zur Verteidigung gegen Osten und Süden zurückblieb; er konnte mit dessen Seemacht jeder Hilfesendung von Ägypten nach Europa den Weg verlegen; er konnte ihn Makedonien und Thrakien unterwerfen lassen, ohne daß Ptolemaios oder Seleukos Nennenswertes zu tun vermochten, es zu hindern; und waren erst die Machthaber im Norden bewältigt, so hatte er freie Hand, sich zugleich zu Land und See gegen Ägypten zu wenden.

In diesem Sinne unternahm Demetrios den Feldzug des Jahres 302; mit einem Heer von 1500 Reitern, 8000 Makedonen, 15000 Söldnern, 25000 Mann hellenischer Bundestruppen, einer sehr bedeutenden Seemacht, zu der sich leichtes Volk und Seeräuber, fast 8000 an der Zahl, versammelt hatten, wollte er sich auf Makedonien werfen und Kassandros, dessen Macht der seinigen bei weitem nicht gewachsen war, erdrücken.

Nicht ohne große Sorge sah Kassandros diesem Krieg entgegen; schon war seine Macht durch den Verlust aller hellenischen Staaten und seiner dortigen Besatzungen sehr geschwächt; außer Thessalien besaß er nichts mehr jenseits der altmakedonischen Grenzen; der Makedonen selbst mochte er nichts weniger als sicher sein, und die Griechen waren gewiß desto furchtbarere Feinde, je ärger er selbst früher in Hellas gehaust hatte; er konnte sich nicht verhehlen, daß er mit eigener Macht dem Feinde nicht Widerstand leisten, daß fremde Hilfe zu spät kommen werde, daß seine Lage verzweifelt sei. Er sandte an Antigonos Friedenserbietungen; Antigonos antwortete, er kenne keinen anderen Frieden, als wenn sich Kassandros unterwerfe. In höchster Not wandte dieser sich an Lysimachos von Thrakien; auch sonst pflegte er mit ihm in Übereinstimmung zu handeln und sich gern nach dem Rat des tapferen und vielerfahrenen[339] Kriegers zu richten73. Lysimachos war bei dem gefürchteten Angriff auf Makedonien zunächst mitgefährdet; er ließ ihn zu einer Zusammenkunft laden; sie berieten, was zu tun, wie der Gefahr zu begegnen sei. Dann wurden gemeinschaftliche Gesandte an Ptolemaios und Seleukos gesandt: Kassandros habe dem König Antigonos Frieden angetragen und die schnödeste Antwort erhalten; es sei ausgesprochenerweise Antigonos' Absicht nach wie vor, sich das alleinige Königtum anzumaßen; jetzt sei Makedonien mit Krieg bedroht; komme nicht rasch Hilfe, so werde die Unterwerfung des Kassandros nur die Einleitung zu einem Kampfe desselben Zweckes gegen Ptolemaios und Seleukos sein; das Interesse aller fordere, dem stolzen König den Weg zu vertreten; man müsse sich vereinigen, um zu gleicher Zeit und mit vereinter Kraft gegen Antigonos zu kämpfen.

Wenn beide Könige erst jetzt, gleichsam im letzten Augenblick, Schritte taten, die alte Allianz gegen Antigonos zu erneuern, so mögen sie Grund gehabt haben, nach ihrem früheren Verhalten in den gemeinsamen Kämpfen nicht eben ein besonders lebhaftes Entgegenkommen des Ptolemaios und Seleukos zu erwarten; möglich auch, daß sie wußten, was der Lagide fordern werde, und daß sie, erst durch die höchste Not gezwungen, sich entschlossen, ihm Bedingungen zuzugestehen, die im besten Fall, wenn die Übermacht des Antigonos gebrochen wurde, eine ebenso bedrohliche an deren Stelle entstehen ließ. Ihre Sendung an Ptolemaios läßt schließen, daß ihnen keine andere Rettung blieb. Und Ptolemaios wird unter solchen Umständen gern auf ihr Erbieten eingegangen sein; hatte er auch bisher Ägypten und Kyrene ungeschmälert behauptet, so war doch sein Einfluß in Griechenland, der Besitz der Insel Kypros, vor allem Syrien und Phoinikien verloren und keine Hoffnung, sie wieder zu erringen, solange sie in Antigonos' Macht waren; bis jetzt hatte er stets, wenn nicht allein, so doch hauptsächlich den Kampf gegen Antigonos zu bestehen gehabt; und reichte bei der günstigen Lage seines Landes seine Macht auch hin, sich zu behaupten, so war doch an eine völlige Bewältigung des Antigonos nicht eher zu denken, als bis Lysimachos, Seleukos, Kassandros mit ganzer Macht, wie sie jetzt bereit waren, an dem gemeinsamen Kampf teilnahmen. Er sagte seinen Beistand zu.[340]

Seleukos seinerseits war fast zehn Jahre lang ohne unmittelbaren Anteil an den Kämpfen des Westens geblieben. In dem Frieden des Jahres 311 nicht anerkannt, war er dennoch im ungestörten Besitz der oberen Länder geblieben; und wenn schon Antigonos jenen Frieden besonders in der Absicht geschlossen zu haben schien, sich wieder in Besitz des reichen Ostens zu setzen, so hielten ihn doch, nachdem er im Jahre 310 wahrscheinlich einen vergeblichen Versuch gegen Seleukos gemacht hatte, die immer wieder beginnenden Kämpfe im Westen viel zu sehr beschäftigt, als daß er an einen Krieg gegen Seleukos ernstlich hatte denken können. Jene Zeit war von Seleukos auf das erfolgreichste zur Befestigung seiner Herrschaft benutzt worden; ihm gehorchten die Satrapen der oberen Länder bis zum Oxos und Jaxartes, und im Jahre 306 nahm auch er den Königstitel an, mit dem ihn die Asiaten schon längst zu begrüßen pflegten. Über das Weitere seiner Geschichte in dieser Zeit schweigen unsere Nachrichten; nur eine Begebenheit seltsamer Art wird näher bezeichnet, und doch ist auch sie in tiefes Dunkel gehüllt.

Die indischen Verhältnisse, wie sie von Alexander geordnet waren, hatten nur während der ersten Jahre nach seinem Tode Bestand; bereits im Jahre 316 war der König Poros im Pandjab von Eudemos umgebracht, Eudemos zum Kampf für das königliche Haus nach Persien gekommen; nach dem Sieg des Antigonos 316 fiel er in dessen Hände und wurde hingerichtet, ohne daß ein Satrap an seine Stelle nach Indien geschickt worden wäre. Es mögen sich eben damals in Abwesenheit der makedonischen Macht jene mannigfachen Veränderungen zugetragen haben, durch welche Indien für immer vom Reich getrennt wurde.

Schon Alexander erfuhr von einem großen Königtum am Gangesstrom; es herrschte dort über das Land der Prasier in seiner Residenz Palibothra der mächtige König Nanda, der, von Vaters Seite her aus dem göttlichen Geschlecht Krischnas stammend, von einer Mutter aus niederem Stande geboren war. Als er von Alexanders Anzug erfuhr, schickte er mit einer Gesandtschaft Tschandragypta, seinen Sohn, wie die eine Überlieferung, einen seiner Hauptleute, wie die andere sagt, in das makedonische Lager am Hyphasis; dort sah der Jüngling den Helden aus dem Abendlande, dessen mächtiges Heer; er erkannte wohl, daß zum Heil des Prasierlandes Alexander umkehrte; es würde, hat er späterhin geäußert, den Heeren des Abendlandes leicht geworden sein, das Gangesland zu erobern, da der König wegen seiner Untüchtigkeit und unreinen Geburt verhaßt gewesen sei. Nach dem Tode Nandas folgten vielfache Kämpfe um die Macht im Reiche, in denen endlich jener Sandrakottos, wie die Griechen ihn nennen, mit indischer und »javanischer«, d.i. makedonischer Hilfe, das väterliche Reich eroberte. Ihm mag der Tod des Poros im Pandjab[341] und die Abwesenheit des Eudemos Gelegenheit gegeben haben, seine Herrschaft über den Hesudros und bis an den Indus auszudehnen; um die Zeit, da Seleukos seine Herrschaft in Babylon gründete, hatte er bereits die in den Indusländern zurückgelassenen Makedonen überwältigt. Neue Kriege indischer Fürsten gegen Sandrakottos scheinen dem König Seleukos Anlaß zu einer Heerfahrt nach Indien gewesen zu sein, durch die er hoffen mochte, die von Alexander eroberten Länder wiederzugewinnen; nach einigen Nachrichten wäre er bis Palibothra vorgedrungen, und allerdings nennen indische Berichte Javanen, die vor dieser Stadt kämpfend gestanden; doch bleibt das einzelne dieser Heerfahrt vollkommen unklar. Die Folge derselben war ein Friede zwischen Seleukos und Sandrakottos, in dem jener dem indischen König nicht bloß den Besitz des Pandjab bestätigte, sondern auch die östlichen Gebiete von Gedrosien und Arachosien sowie das Land der Paropamisaden, das Oxyartes auch noch im Jahre 316 innehatte, abtrat; dafür empfing er von ihm 500 Kriegselefanten und schloß mit ihm Freundschaft und Verschwägerung. Auch hinfort blieben beide Könige in Verbindung, vielfach sandte Sandrakottos Geschenke nach Babylon, und Megasthenes, der in der Umgebung des Satrapen Sibyrtios von Arachosien lebte, war mehrfach als des Seleukos Gesandter am Hofe des indischen Königs.

Wann Seleukos jene Heerfahrt unternommen, und ob er vielleicht, durch die Entwicklungen im Westen veranlaßt, unter nichts weniger als günstigen Bedingungen Frieden geschlossen, muß unausgemacht bleiben. Als jetzt, im Jahr 302, die Botschaft des Kassandros und Lysimachos an ihn gelangte, konnte er nicht zweifelhaft sein, daß er auf jede Weise und mit aller Macht seinen Beistand leisten müsse; der schnelle Zug des Demetrios im Jahre 312 hatte ihn gelehrt, wie leicht von Syrien aus ein Angriff auf Babylon zu machen sei, und er konnte voraussehen, daß, sobald Makedonien und Thrakien der Macht des Antigonos und Demetrios erlegen seien, wenn nicht der nächste, doch der letzte Stoß ihm gelten werde.

So war ein Bündnis der vier Könige geschlossen, dessen Zweck kein anderer war, als ihre Unabhängigkeit mit der Zertrümmerung der Macht, die namens des Reiches über sie sein wollte, zu besiegeln, die dem Antigonos im Frieden von 311 gelassenen Gebiete unter sich zu teilen, das einige Reich Alexanders vollkommen aufzulösen. Die Verbündeten verabredeten, ihre Heere in Kleinasien zu vereinigen und dort, der Übermacht gewiß, den entscheidenden Kampf zu versuchen; sie setzten voraus, daß, wenn der mächtige Gegner sich so im Herzen seiner Macht bedroht sähe, Demetrios seinen Angriff auf Makedonien aufgeben und nach Kleinasien eilen werde.[342]

Es war kühn und wohl berechnet, daß Kassandros, obschon er demnächst einen Angriff des Demetrios von Griechenland her fürchten mußte, einen Teil seines Heeres unter Prepelaos' Befehl an Lysimachos übergab, damit dieser sofort mit überlegener Macht nach Kleinasien übersetzen könne. Er selbst eilte mit seinem übrigen Heere von 29000 Mann Fußvolk und 2000 Reitern nach Thessalien, um dem Feind die Thermopylen zu sperren.

Etwa mit dem Sommer das Jahres 302 ging Lysimachos von seiner neuen Stadt Lysimacheia aus mit einem bedeutenden Heere über den Hellespont; schnell und gern unterwarfen sich die Städte Lampsakos und Parion, sie wurden für frei erklärt; Sigeion, wo sich ein starker Posten feindlicher Truppen befand, wurde erobert. Von hier aus sandte er Prepelaos mit 5000 Mann Fußvolk und 1000 Reitern aus, die Aiolis und Jonien zu unterwerfen; er selbst wandte sich gegen die Stadt Abydos, welche den Hellespont beherrscht. Schon war die Belagerung bedeutend vorgeschritten, als von Europa her der Stadt Hilfe, von Demetrios gesandt, erschien, die Lysimachos nötigte, seine Angriffe einzustellen. Er wandte sich nun südostwärts; der großen Heerstraße, die mitten durch Kleinasien führt, folgend, durchzog und unterwarf er Kleinphrygien, eilte nach Großphrygien, das seit dreißig Jahren fast ununterbrochen in Antigonos' Besitz gewesen. Ein Hauptposten in den nördlichen Teilen des Landes, die Stadt Synnada, hatte des Antigonos Stratege Dokimos mit bedeutender Besatzung inne; Lysimachos eilte, sie belagernd einzuschließen; es gelang ihm, den Feldherrn zu bestechen; die Stadt wurde ihm mit den königlichen Schätzen und Waffenvorräten, die in derselben aufgehäuft waren, übergeben. Gleich darauf fielen die königlichen Burgen der Umgegend; es standen die Bergvölker in Lykaonien auf, der größte Teil des oberen Phrygiens erklärte sich für Lysimachos, aus Lykien und Pamphylien zogen ihm Hilfstruppen zu. Nicht minder glücklichen Erfolg hatte der Zug des Prepelaos längs den Küsten; Adramyttion, der Insel Lesbos gegenüber, wurde im Vorübergehen genommen; das nächste Ziel des Zuges war Ephesos, die reichste und wichtigste Stadt der jonischen Küste, in deren Mauern die hundert Rhodier, die Demetrios als Geiseln genommen hatte, gebannt waren. Hier wie überall half es dem Angreifenden außerordentlich, daß man auf so plötzlichen Angriff keineswegs vorbereitet war; die Einschließung der Stadt bewog die Belagerten gar bald, sich zu ergeben. Prepelaos sandte die hundert Rhodier heim; den Ephesiern ließ er ihre Habe, nur die Schiffe im Hafen befahl er bei der überlegenen Seemacht des Feindes und dem ungewissen Ausgang des Krieges, um sie nicht in Feindeshand fallen zu sehen, zu verbrennen. So Herr der beiden wichtigsten Positionen in Aiolis und Jonien, eilte Prepelaos, die dazwischenliegenden Gegenden zu unterwerfen; die meisten Plätze scheinen[343] sich ohne weiteres ergeben zu haben; von Teos und Kolophon wird es ausdrücklich gesagt. Als er gegen Erythrai und Klazomenai vorrückte, war von der See her beiden Städten so reichliche Hilfe gekommen, daß er sich begnügen mußte, ihre Feldflur zu verwüsten. Er wandte sich landeinwärts gegen die lydische Satrapie. Dort war Phoinix Stratege, derselbe, der im Jahre 309 als Statthalter der Landschaften am Hellespont in die Empörung des Strategen Polemaios verwickelt gewesen war; ihm war von Antigonos zu gütig verziehen worden, er trat ohne weiteres zu Prepelaos über, übergab die lydische Hauptstadt Sardeis. Nur die von Alexander stark befestigte Burg, unter dem Befehl des getreuen Philippos, weigerte sich der Übergabe; dies war der einzige Punkt in Lydien, der dem König Antigonos blieb.

So die Vorgänge in Kleinasien während des Sommers 302. Antigonos war in seiner neuen Residenz Antigoneia am Orontes mit großen Festlichkeiten beschäftigt, zu denen unzählige dramatische und musikalische Künstler versammelt, Schaulustige von allen Seiten zusammengeströmt waren, als ihm die Meldung gebracht wurde, daß Lysimachos über den Hellespont gekommen sei mit einem bedeutenden Heere, das aus seinen eigenen und Kassandros' Truppen bestehe, daß mit ihnen Ptolemaios und Seleukos verbündet seien. Es scheint, daß dieser Angriff dem König unerwartet kam; gewiß hatte er gemeint, daß Demetrios' große Seemacht im Westen und dessen Angriff auf Makedonien die Gegner in Europa hinreichend beschäftigen werde; am mindesten hatte er daran denken können, daß der bisher so zurückhaltende Herrscher in Thrakien auf den tollkühnen Gedanken, ihn in seinen eigenen Ländern anzugreifen, kommen werde. War denn so weit der Gegner Macht gewachsen, seine sonst allgefürchtete Macht so weit gesunken? Galt denn der Ruhm seiner Waffen und der Schrecken seines Namens nichts mehr? Und die Hoffnung, das Reich Alexanders wiederherzustellen und die Usurpatoren des königlichen Namens zu den Füßen seines Thrones zu sehen, sollte sie ihn so ganz betrogen haben, daß schon Kleinasien verloren, daß schon Phrygien, seit dreißig Jahren ihm ergeben, des Feindes leichte Beute geworden sein konnte? Er hatte Kassandros' Friedensanträge zurückgewiesen und Unterwerfung gefordert, er hatte das Königtum des Lysimachos, des Seleukos, des Ptolemaios nicht anerkannt, obschon von neuem Unterhandlungen angeknüpft worden waren74. Er hielt fest an dem Gedanken, das einige Königtum geltend zu machen und zu behaupten; er hätte mit[344] einiger Nachgiebigkeit Frieden und den ungestörten Besitz der bei weitem größeren Macht haben und auf seinen Sohn vererben können; aber er hatte den Rückzug aus Ägypten, den vergeblichen Angriff auf Rhodos hinnehmen müssen; der alte Ingrimm erwachte in ihm, es schien sich die Spannkraft der jungen Jahre in ihm zu erneuen. Jetzt galt es, schnell und vollkommen zu siegen; Lysimachos zuerst mußte die überwältigende Wucht der Königsmacht, die er anzugreifen gewagt, fühlen, er mußte erdrückt werden; es mußte um so schneller und gründlicher geschehen, damit Kleinasien frei und der Feind dort vernichtet war, bevor Seleukos mit seiner Macht heranzog oder Ptolemaios aus seinem Lande hervorbrach. Antigonos eilte mit seiner gesamten Heeresmacht in schnellen Märschen aus Syrien nach Kilikien; in Tarsos zahlte er aus den Schätzen von Kyinda einen dreimonatlichen Sold; er nahm 3000 Talente aus jenem Schatz, um für allen weiteren Kriegsbedarf und zu immer neuen Werbungen die bereiten Mittel zu haben. Er zog durch die kilikischen Pässe nach Kappadokien; schnell wurde Lykaonien zur Ordnung gebracht, Phrygien wieder unterworfen, den Gegenden zugeeilt, wo Lysimachos stehen mußte.

Als Lysimachos erfuhr, daß der König auf dem Marsch, daß er nahe sei, berief er einen Kriegsrat und legte die Frage vor, wie man sich dem stärkeren Feinde gegenüber verhalten solle. Alle entschieden sich dafür, daß man die Ankunft des Seleukos, der bereits auf dem Marsch sei, abwarten müsse, ehe man irgend etwas unternehme, daß man eine gedeckte Stellung nehmen, dort sich innerhalb eines verschanzten Lagers halten, jedes Treffen, das der Feind gewiß anbieten werde, meiden müsse. Man eilte, eine geeignete Position, wie es scheint in der Gegend von Synnada; zu besetzen, dort sich zu verschanzen. Nun rückte Antigonos heran; dem Lager der Feinde nahe, ließ er sein Heer in Schlachtordnung aufrücken. Umsonst bot er wiederholt eine Schlacht an; die Gegner hielten sich durchaus ruhig. Da das Terrain jeden Angriff unmöglich machte, blieb dem König nichts übrig, als die Zugänge aus der Ebene und namentlich die Gegenden zu okkupieren, aus denen der Feind seine Lebensmittel holen mußte. Das Lager war nicht auf die Dauer verproviantiert, man besorgte mit Recht, daß man sich bei einer förmlichen Einschließung nicht werde halten können; Lysimachos ließ in der Stille der Nacht aufbrechen und führte das Heer zehn Meilen rückwärts in die Gegend von Dorylaion. Dort waren reiche Vorräte; die Gegend, im Norden[345] durch die Vorberge des Olympos geschlossen und von dem reißenden Tymbrisfluß durchströmt, war zur Verteidigung wohl gelegen; hinter dem Flusse lagerte sich das Heer und verschanzte sich zum zweiten Mal mit dreifachem Wall und Graben.

Antigonos folgte; da es ihm nicht gelang, die Feinde auf dem Marsch einzuholen, stellte er wieder ihrem Lager gegenüber sein Heer in Schlachtordnung, und wieder hielten sie sich im Lager ruhig. Es blieb ihm nichts übrig, als das verschanzte Lager förmlich zu belagern; es wurden Maschinen herbeigeschafft, Schanzen, Erddämme aufgeworfen, der Feind, der die Arbeiter mit Schleudersteinen und Pfeilschüssen zu zerstreuen versuchte, ernstlich zurückgewiesen. Überall war Antigonos im Vorteil; schon erreichten die Werke die feindlichen Gräben, schon begann im Lager Mangel fühlbar zu werden; Lysimachos hielt es nicht geraten, länger diese gefährdete Position zu halten, da noch immer nichts von Seleukos' Anrücken verlautete. In einer regnichten und stürmischen Herbstnacht ließ er in möglichster Stille sein Heer aufbrechen und führte es durch die Berge nordwärts nach Bithynien in die reiche Salonische Ebene, um dort Winterquartiere zu nehmen. Antigonos war, sobald er bemerkte, daß der Gegner aus dem Lager am Tymbris abgezogen sei, gleichfalls aufgebrochen, eiligst über die Ebene gezogen, um den Feind auf dem Marsch anzugreifen; aber der noch immer fortdauernde Regen hatte den tiefscholligen Boden so aufgeweicht, daß Menschen und Tiere stecken blieben; der König sah sich genötigt, den Marsch einzustellen. Lysimachos war ihm zum drittenmal entgangen; er durfte jetzt, da der Spätherbst gekommen war, sich nicht auf weitere Bewegungen einlassen, um so weniger, da ein weiteres Verfolgen des Lysimachos dem makedonischen Heere in Lydien Raum zu Operationen gegen das Innere Kleinasiens gegeben hätte; dazu kam, daß bereits Seleukos vom Tigris her im Anzug war, daß Ptolemaios schon belagernd vor Sidon stand. Antigonos mußte eine Stellung nehmen, welche die Vereinigung des Prepelaos, Seleukos und Lysimachos unmöglich machte. Um der Übermacht der Gegner, wenn sie sich vereinigten, hinlängliche Streitkräfte entgegenstellen zu können, hatte er bereits an Demetrios Befehl gesandt, mit seiner gesamten Macht nach Asien zu kommen: von allen Seiten kämen die Feinde wie Sperlinge auf einem Kornfeld zusammengeflogen, es sei Zeit, daß man einen tüchtigen Stein zwischen sie werfe. Antigonos selbst nahm in den fruchtbaren Gegenden des nördlichen Phrygiens Winterquartiere, inmitten der Landschaften, welche Prepalaos und Lysimachos bereits innehatten, Seleukos demnächst erreichen mußte.

Auch Lysimachos hatte Gelegenheit gefunden, eine bedeutende Verstärkung zu gewinnen. Im Jahre 316 hatte sich der Dynast von Herakleia[346] am Pontos, Dionysios, mit Antigonos verbündet und seine Tochter mit dessen Neffen Polemaios vermählt; er war von Antigonos als König von Herakleia anerkannt worden und blieb trotz der Empörung seines Eidams mit dem mächtigen Herrscher in bestem Vernehmen; als Dionysios im Jahre 306 starb, übertrug er seiner Gemahlin Amastris, der Nichte des letzten Perserkönigs, die in Susa mit Krateros vermählt worden war, das Königtum und einigen Vormündern mit ihr die Sorge für ihre Kinder, deren Erbe König Antigonos zu schützen übernahm. Antigonos tat es, solange in Kleinasien Friede war, mit vieler Güte und zum großen Segen der Stadt. Die Vorfälle des letzten Jahres hatten alles verwandelt, das Gebiet von Herakleia war rings von Lysimachos' Winterquartieren umgeben, das kleine Königtum hätte das Ärgste zu besorgen gehabt, wenn es in nutzloser Anhänglichkeit der Sache des Antigonos treu geblieben wäre. Die königliche Witwe Amastris nahm gern des Lysimachos Einladung an, ihn in seinen Winterquartieren zu besuchen; die ehrwürdige Fürstin gewann des Königs Herz; bald erfolgte die Vermählung beider. Nun wurde Herakleia der Hafen für Lysimachos' Heer, reichliche Vorräte wurden ihm von dort heraufgeschafft, und die bedeutende Flotte der Stadt gewährte ihm vielfältigen Nutzen.

Während dieser Vorgänge in Kleinasien war auch Ptolemaios den getroffenen Verabredungen gemäß mit dem Sommer 302 an der Spitze eines bedeutenden Heeres aus Ägypten aufgebrochen, war nach Koilesyrien eingerückt, hatte ohne große Mühe die dortigen Städte genommen, stand bereits belagernd vor Sidon. Da kam im Herbst die Botschaft, Seleukos habe sich mit Lysimachos vereinigt, es sei eine Schlacht geliefert worden, das Heer der Verbündeten sei aufgerieben, die Könige selbst mit dem Rest ihrer Truppen hätten sich nach Herakleia geflüchtet, Antigonos eile mit seinem zahlreichen Heere heran, um Syrien zu befreien. Unter solchen Umständen hielt es der vorsichtige Lagide für geraten, sein Heer nicht in Syrien überwintern zu lassen. Man würde, wenn er in der Tat alles bisher Errungene aufgegeben und eiligst sein Heer in die sichere Heimat zurückgeführt hätte, ihm nichts vorwerfen können, als daß er zu übereilt einer Nachricht geglaubt habe, deren Bestätigung noch immer früh genug kommen mußte, um ihm zur Rückkehr vor Antigonos' Ankunft Zeit zu lassen; aber er schloß nicht bloß mit Sidon einen Waffenstillstand auf vier Monate, sondern ließ in den festen Plätzen, die er genommen, starke Besatzungen; man sieht, daß er über den Stand der Dinge in Kleinasien sich nicht täuschte, daß er aber die Gefahr, den mächtigen Antigonos niederzukämpfen, den Verbündeten überlassen, sich selber nur den Besitz von Phoinikien und Koilesyrien wiedergewinnen und sichern wollte.

In Europa war Demetrios mit dem Sommer 302 von Athen ausgezogen;[347] bei Chalkis auf Euboia sammelten sich seine und die hellenischen Bundestruppen, die Kaperschiffe, die 8000 Piraten, die er in Sold genommen, seine gesamte Seemacht mit Ausschluß eines Geschwaders, das im Peiraieus zurückgelassen wurde. Da bereits die Thermopylen von Kassandros mit einem bedeutenden Heere besetzt waren, ließ er seine Flotte auf die Nordseite der Insel segeln, schiffte dort seine gesamte Heeresmacht ein, setzte sie über nach Larissa Kremaste; die Stadt wurde ohne weiteres genommen, die Burg der Stadt erstürmt, die makedonische Besatzung gebunden und fortgeführt, die Stadt für frei erklärt. Von hier zog er längs der Küste dem Meerbusen von Pagasai zu, sich des Strandwegs nach dem Inneren Thessaliens zu versichern; Antron und Pteleon, die Hauptpunkte auf diesem Wege, wurden eingenommen. Auf die Nachricht von der schnellen und glücklichen Landung des Demetrios hatte Kassandros eiligst Verstärkung nach Pherai geworfen, war dann selbst mit dem Heer über die Pässe des Othrys nach Thessalien gezogen, lagerte dem Heer des Demetrios gegenüber. Bedeutende Truppenmassen standen auf engem Raum gegeneinander: Kassandros hatte 29000 Mann Fußvolk und 2000 Reiter; Demetrios' Macht, obschon bereits nach Abydos und Klazomenai nicht unbedeutende Geschwader in See gegangen waren, belief sich immer noch auf mehr als 50000 Mann. Mehrere Tage nacheinander rückten beide Heere in Schlachtordnung vor; beide vermieden anzugreifen, angeblich, weil sie erwarteten, aus Asien die Kunde von einer entscheidenden Schlacht zu erhalten. Allerdings mußte Kassandros ein Treffen vermeiden, das bei der großen Übermacht des Feindes für ihn nur unglücklich enden konnte; aber wie suchte Demetrios nicht um so mehr den Kampf? Freilich, es waren 25000 Griechen in seinem Heer, aber wenn auch der Enthusiasmus der Staaten für ihn nicht eben echter Art war, so werden doch ihre Kontingente gewiß zum großen Teil Soldknechte gewesen sein, die, gleichgültig für oder wider wen sie ins Feld gingen, sich als Soldaten zu schlagen gewohnt waren; und daß nicht ein ungünstiges Terrain am Treffen hinderte, beweist das wiederholte Ausrücken. Hatte Demetrios von seinem Vater Befehl, eine entscheidende Schlacht jetzt, damit nicht Griechenland aufs Spiel gesetzt werde, zu meiden, so war es der verkehrteste von der Welt, dem freilich sehr bald noch ein verkehrterer folgen sollte.

Kaum hatte Demetrios, von den Pheraiern gerufen, ihre Stadt besetzt und nach kurzer Belagerung die makedonische Besatzung der Burg zur Kapitulation gezwungen, so kam der Befehl seines Vaters, möglichst schnell mit der gesamten Heeresmacht nach Asien zu kommen; ein Befehl, den nur die unzeitigste Furcht diktiert haben konnte. Wenn Demetrios mit seiner bedeutenden Macht seine Schuldigkeit tat, so war in Zeit eines[348] Monats und noch vor Anfang des nächsten Jahres Kassandros bewältigt, Makedonien besetzt, Thrakien in höchster Gefahr; dann hätte Lysimachos zum Schutz seines Landes heimeilen müssen, und während ihn Demetrios bekämpfte, hätte Antigonos mit nicht minder überlegener Macht gegen Seleukos marschieren können. Indem jetzt Antigonos nur für die nächste Gefahr bedacht war, gab er seinen Gegnern freie Hand, sich zu vereinigen; er gab Europa verloren, um in Asien einen zweifelhaften Kampf unumgänglich zu machen; er verlor die kostbare Zeit, um seine Heeresmacht an dem Punkte zu vereinigen, wo schon alle Vorteile der Offensive in Händen der Feinde waren.

Demetrios beeilte sich, den Befehlen seines Vaters zu gehorchen; er schloß mit Kassandros einen Vertrag, in dem wahrscheinlich diesem Makedonien und, soweit er es jetzt besaß, Thessalien gelassen, in dem gewiß die Freiheit der hellenischen Staaten in Europa und Asien garantiert wurde; daß sich Kassandros verpflichten mußte, an dem weiteren Kriege keinen Anteil zu nehmen, wird nicht überliefert; endlich sollte dieser Vertrag dann erst in Kraft treten, wenn er von Antigonos gebilligt worden sei. Hierauf schiffte sich Demetrios mit seiner ganzen Heeresmacht ein und segelte gegen Ende des Jahres 302 durch die Inseln nach Ephesos. Hier legte er sich hart unter die Mauern und zwang die Stadt, zu den früheren Verhältnissen zurückzukehren75, die Besatzung der Burg, die Prepelaos hier zurückgelassen hatte, zu kapitulieren; teils um den vielleicht schwierigen Marsch durch Lydien landeinwärts zu meiden, besonders aber, um die Gegenden des Hellespont mit der Propontis zu okkupieren, aus Europa nachrückenden Truppen den Weg zu sperren, Lysimachos von seinen Ländern abzuschneiden und ihn im Rücken zu gefährden, ging Demetrios nach dem Hellespont unter Segel. Noch hielt sich dort Abydos; Lampsakos, Parion und die übrigen Städte wurden besetzt, dann segelte er durch die Propontis in die Pontosmündung; dort an der asiatischen Küste des Bosporos, bei dem kalchedonischen Heiligtum des Zeus, dem Haupthafen für die pontische Schiffahrt, errichtete er ein verschanztes Lager, ließ 3000 Mann Besatzung und 30 Kriegsschiffe zur Bewachung der Gewässer zurück. Hierauf verteilte er seine übrige Heeresmacht in die Städte umher in Winterquartiere.

Schon gegen das Ende des Jahres wurde einer der Gegner beseitigt, der sonst der Sache des Antigonos ergeben gewesen war. Mithradates, derselbe, der früher an Antigonos' Hofe gelebt hatte und jüngst auf Demetrios' Warnung vor gewissen Nachstellungen, die seinem Leben[349] drohten, entflohen war, hatte einige Städte in ungestörtem Besitz gehabt, namentlich Kios, Karine und die Feste Kimiata am Olgassys; er hatte sich beim Einrücken der Verbündeten auf deren Seite geneigt, und für Lysimachos und Prepelaos, die in der Nähe seiner Dynastie operierten, war es kein geringer Gewinn, ihn auf ihrer Seite zu haben, der jetzt nichts mehr als einen Sieg des Antigonos zu fürchten hatte. Sein Übertritt zu Antigonos' Gegnern wurde der Grund seines Todes; er ward im 84. Jahre seines Lebens aus dem Wege geräumt. Daß sich sein Sohn Mithradates, der die Dynastie erbte, auf Demetrios' Seite schlug, ist nicht überliefert; tat er es nicht, so konnte er unmöglich seine westlichen Besitzungen in Mysien halten, diese fielen dann Demetrios zu, der jenen Gegenden nahe stand; er selbst mochte sich in Paphlagonien halten.

Die Ankunft der bedeutenden Streitkräfte des Demetrios, ein Gefecht, das er bei Lampsakos gegen Lysimachos gewonnen und in dem er den größten Teil des feindlichen Gepäcks er beutet hatte, die Stellung, die er im Rücken der thrakischen Winterquartiere genommen hatte, dazu die Nachrichten von Ptolemaios' Rückzug aus Syrien und die noch immer verzögerte Ankunft des Seleukos scheinen im Lager des Lysimachos nicht geringe Besorgnis verbreitet zu haben. Dazu kam, daß er, obwohl bekannt dafür, große Schätze gesammelt zu haben, mit dem Sold an seine Truppen im Rückstand geblieben war; auch die ewigen Rückzüge, die geringen Aussichten auf militärische Erfolge mochten die Stimmung der Soldaten drücken; sie desertierten in hellen Haufen zu Antigonos, dessen Vorausbezahlung des dreimonatlichen Soldes nicht minder als die allgemeine Meinung, er werde doch den Sieg davontragen, für ihn gewinnen mochte; 800 Lykier und Pamphyler, 2000 Autariaten entwichen aus den Winterquartieren in der Salonischen Ebene; sie fanden bei Antigonos freundliche Aufnahme, sie erhielten den Sold nachgezahlt, den Lysimachos ihnen schuldig geblieben war, außerdem reichliche Geschenke. So standen gegen Ende des Jahres die Sachen des Antigonos dem Anschein nach durchaus günstig.

Da endlich kam die Nachricht, daß Seleukos mit seinem Heere in Kappadokien eingetroffen sei; er hatte 20000 Mann Fußvolk und 12000 Reiter mit Einschluß der Bogenschützen zu Pferde, außerdem mehr denn 100 Sichelwagen, wie sie im oberen Asien üblich waren; was aber vor allem das wichtigste war, es kamen 480 indische Kriegselefanten mit ihm, mehr als sechsmal so viel, wie Antigonos ins Feld stellen konnte. Teils weil die Truppen vom weiten Marsch ermüdet sein mußten, teils wegen der späten Jahreszeit bezog Seleukos in Kappadokien Winterquartiere; man lagerte in festen Hütten, nahe beieinander, um auch gegen einen Überfall leicht sich verteidigen zu können.[350]

Auch in Europa hatte die Sache der Verbündeten eine günstige Wendung genommen. Kassandros hatte sich bald nach Demetrios' Abzug der ganzen Landschaft Thessalien wiederbemächtigt, die Thermopylen von neuem besetzt und, wie es scheint, auch nach Theben wieder einen Posten vorgeschoben. Für jetzt ging er nicht weiter vor, da er teils, was er irgend von Truppen erübrigen konnte, nach Asien zu senden wünschte, teils Epeiros seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Eben jetzt war der junge König Pyrrhos, der sich seines Volkes vollkommen gewiß glaubte, nach Illyrien gereist, um die Hochzeit eines Sohnes des Fürsten Glaukias, bei dem er aufgewachsen war, mitzufeiern; in seiner Abwesenheit empörten sich die Molosser, verjagten die Anhänger des Königs, plünderten seinen Schatz, übertrugen das Diadem an Neoptolemos, den Sohn des Königs Alexandros. Es darf für gewiß gelten, daß Kassandros hier seine Hand im Spiel hatte; er hatte früher des Pyrrhos Oheim Alketas auf den Thron gebracht, und als er mit seinen Kindern ermordet war, war nicht ohne Demetrios' Einfluß Pyrrhos zum Regiment gekommen. Durch ein boshaftes Spiel des Zufalls war der einzige, den Kassandros jetzt als Prätendenten gegen Pyrrhos aufbringen konnte, jener Neffe der Königin Olympias, die er bis in den Tod verfolgt hatte. Genug für Kassandros, daß er durch diese Revolution nicht bloß Einfluß in Epeiros und einen wichtigen Posten gegen die Aitoler gewonnen hatte, sondern eines Nachbarn frei geworden war, der seinen Westgrenzen nicht wenig Gefahr drohen mochte. Pyrrhos flüchtete aus Europa und begab sich in das Lager des Demetrios, unter dessen Augen er den großen Krieg mitmachte.

Der nächsten Sorgen frei, beeilte sich Kassandros, seinen Verbündeten in Asien Hilfe nachzusenden; 12000 Mann Fußvolk und 500 Reiter zogen unter Befehl seines Bruders Pleistarchos aus Makedonien. Da sie die Gegenden des Hellesponts und der Propontis von den Truppen des Demetrios besetzt fanden, wandten sie sich, weil sie den Übergang zu erzwingen bei des Feindes Seemacht nicht wagen konnten, nordwärts nach der Hafenstadt Odessos, um sich von dort nach Herakleia, das in Lysimachos' Händen war, übersetzen zu lassen. Man fand nicht Schiffe genug vorrätig; Pleistarchos teilte sein Heer, um es in drei verschiedenen Fahrten hinüberzusenden. Die erste wurde durch nichts gestört, und einige tausend Mann vereinigten sich zu Herakleia mit den Truppen des Lysimachos. Indes hatte sich die Kunde hiervon in das Lager des Demetrios verbreitet; er sandte seinem Geschwader, das an der Pontosmündung Station hielt, Befehl, in See zu gehen und die Schiffe von Odessos aufzubringen; es gelang, die zweite Sendung Truppen wurde kriegsgefangen gemacht. Nicht ohne Mühe brachte man zu einer dritten Fahrt die nötigen Schiffe zusammen; unter diesen war ein Sechsruderer für den Feldherrn, auf dem[351] allein 500 Mann eingeschifft wurden. Anfangs ging die Fahrt glücklich vonstatten, dann erhob sich ein Sturm mit so furchtbarer Gewalt, daß die Flotte zerstreut, die Schiffe an Felsen zerschellt oder von den empörten Wellen verschlungen wurden; der größte Teil der Menschen kam um; von der ganzen Bemannung des Sechsruderers retteten sich nur 33 Menschen; der Feldherr Pleistarchos wurde halb tot von den Wellen ans Ufer getrieben; man brachte ihn nach Herakleia, wo er mit den übrigen Gestrandeten, den traurigen Resten seines trefflichen Heeres, zu Lysimachos in die Winterquartiere ging.

Hier endet das letzte vollständig erhaltene Buch der Geschichte Diodors und damit die Quelle, aus der bisher noch zusammenhängende Nachrichten zu schöpfen waren; es wird die Darstellung der ohnedies vielfach verwickelten Verhältnisse in demselben Maß schwieriger, als die Überlieferungen lückenhafter und sparsamer sind.

So ist es gleich die erste Hälfte des Jahres 301, von der wir nichts Bestimmteres wissen; die Nachrichten beginnen erst wieder mit dem Gegenüberstehen sämtlicher Heere auf dem Schlachtfelde von Ipsos. Es ist dieselbe Gegend, in der Antigonos seine Winterquartiere gehabt zu haben scheint, und kaum möchte es glaublich sein, daß er bedeutende Bewegungen gemacht habe, um etwa die Vereinigung des Lysimachos und Seleukos zu hindern; aus dem, was nach der Schlacht geschehen, darf man schließen, daß sich Seleukos von Kappadokien, Lysimachos von Herakleia her am Halysstrome vereinigten, während Demetrios aus den Gegenden der Propontis seinem Vater zuzog; ob Prepelaos aus Lydien und auf welchen Wegen er zu den Verbündeten stieß, ist nicht erkennbar; Ptolemaios endlich blieb ruhig in Ägypten und begnügte sich, die Städte Koilesyriens, die er bereits eingenommen hatte, besetzt zu halten.

Es mochte im Sommer 301 sein, als sich die feindlichen Heere in der Ebene von Ipsos einander gegenüberstanden76. Antigonos hatte 70000 Mann Fußvolk, 10000 Reiter, 75 Kriegselefanten und 120 Sensenwagen77. Das Heer der Verbündeten war ihm um die ungeheure Übermacht der Elefanten überlegen; wenn dies im Falle einer Schlacht auf offenem Felde den Sieg derselben so gut wie gewiß machte, so hätte Antigonos jedenfalls[352] eine Schlacht vermeiden, durch defensives Manövrieren und zähen Widerstand den Feind ermüden und allmählich schwächen müssen; schon jetzt waren die Verbündeten keineswegs in dem Maße einig, daß ein geschickter Versuch diplomatischer Erörterungen ohne Wirkung hätte bleiben sollen; nicht durch gegenseitiges Vertrauen und in Treue einander sicher, nur durch die Furcht und den Haß gegen ihn vereinigt, begannen sie schon, sich gegenseitig mit Argwohn und Eifersucht zu beobachten; namentlich Ptolemaios hielt sich in dieser Krisis seitab, durch einige Zugeständnisse wäre er vielleicht ganz zu gewinnen gewesen. Aber Antigonos beharrte dabei, sich mit dem Feinde in offener Schlacht zu messen. Und doch hatte er nicht mehr die Zuversicht des Erfolges, sein ganzes Wesen war verwandelt; sonst dem Feinde gegenüber so mutig und rasch, saß er jetzt nachdenkend und still in seinem Zelt, beriet, wie er sonst nie gepflegt, mit Demetrios, was zu tun sei, ja stellte den Truppen seinen Sohn als Nachfolger im Reiche vor, wenn ihn selbst der Tod treffen sollte. Wohl mag man meinen, daß Demetrios mit keckerer Zuversicht dem Kampf entgegensah, daß er das Spiel für nichts weniger als verloren hielt; ihn mochte die furchtbare Macht der feindlichen Elefanten nicht schrecken, er wußte aus eigener Erfahrung, wie trotz ihrer eine Niederlage möglich sei; er hatte auf seiner Seite ein überlegenes Fußvolk, hinreichende Reiterei; er mochte sich auf sein oft erprobtes Glück, auf sein strategisches Talent verlassen.

Endlich kam der Tag der Schlacht; unglückliche Zeichen sollen des Vaters Mut noch mehr erschüttert haben; ihm erzählte Demetrios, er habe im Traum den König Alexander gesehen, in prächtiger Rüstung sei er zu ihm getreten und habe gefragt, welches Losungswort er zur Schlacht nehmen werde; er habe geantwortet: »Zeus und Sieg«, und Alexander darauf: so wolle er zu den Feinden gehen, die ihn gern aufnehmen würden. Und als schon das Heer in Schlachtordnung stand, fiel der greise König, aus seinem Zelte gehend, so stark zur Erde, daß er sich das Gesicht übel zurichtete; da hob er, mit Mühe aufstehend, die Hände zum Himmel und betete, daß ihm die Götter den Sieg verleihen möchten oder einen schnellen Tod, ehe er überwunden werde.

Nun begann die Schlacht; Demetrios stand hier, dort des Seleukos Sohn Antiochos an der Spitze des Reiterflügels. Mit dem heftigsten Ungestüm warf sich Demetrios auf den Feind; es gelang ihm, Antiochos' Reiter zu werfen, die sich in völliger Flucht im Rücken ihrer Linie zerstreuten. Während Demetrios hier nachjagte und den errungenen Vorteil ohne Rücksicht auf das, was hinter ihm geschah, verfolgte, ließ Seleukos die Elefanten so auftreiben, daß Demetrios von der Schlachtlinie der Seinigen vollkommen abgeschnitten war. Da nun die Phalangen des Antigonos[353] von der deckenden Reiterei entblößt waren, begannen die leichten Reiter des Seleukos dieselbe zu umschwärmen, mit ihren Pfeilen zu verwunden, mit ihren immer neuen Angriffen zu ermüden. Bald war ihre geschlossene Linie zerrissen. Jetzt geschah, was Seleukos gewollt hatte; in Verwirrung und Schrecken streckten einzelne Abteilungen des feindlichen Fußvolks die Waffen, die übrigen gaben alles verloren und wandten sich zur Flucht. Nur Antigonos wich nicht; und als feindliche Scharen auf ihn anrückten und einer in seiner Umgebung zu ihm sprach: »König, die wollen gegen dich!« so antwortete er: »Auf wen denn sonst? Demetrios wird kommen und mir helfen.« Umsonst schaute er nach seinem Sohne aus, schon schwirrte ein Hagel von Pfeilen und Steinen um ihn her; er wich nicht, er sah nach dem Sohne hinaus, bis ihn endlich Pfeil auf Pfeil traf, seine Umgebung hinwegfloh, er tot zur Erde sank; nur Thorax von Larissa blieb bei dem Leichnam78.

Nach dieser sehr mangelhaften Darstellung der Schlacht von Ipsos, wie sie Plutarch gibt, hätte das fehlerhafte Benehmen des Demetrios die Niederlage bewirkt; nach anderen Andeutungen muß man schließen, daß die Übermacht der feindlichen Elefanten, trotz der großen Anstrengung, mit der die Tiere auf Antigonos' Seite kämpften, die Niederlage herbeigeführt habe. Wie dem auch sei, Antigonos' Macht war vollkommen zertrümmert, aus ihren Überbleibseln sammelte Demetrios 5000 Mann Fußvolk und 4000 Reiter, er eilte mit ihnen in unaufhaltsamer Flucht nach Ephesos. Antigonos' Leichnam wurde von den Siegern mit königlichen Ehren bestattet.

Es ist die große Frage der Diadochenzeit, über welche die Schlacht von Ipsos definitiv entschieden hat. Die Macht, welche das Königtum Alexanders noch einmal hat vereinen wollen, ist vernichtet, und in schnellem Wechsel des Glücks Demetrios, der vor kurzem noch als der Erbe der einigen Monarchie und als sicherer Bürge ihrer großen Zukunft dagestanden, nun flüchtig und ohne andere Hoffnung als die, die seine unerschöpfliche Begabung und sein im Unglück unermüdlicher Charakter ihm gibt. Das ist die seltsame Weise dieses Mannes, daß er, im Glück so übermütig, leichtsinnig, schwelgerisch, in Gefahr und Bedrängnis erst die ganze Fülle seines reichen Geistes entwickelt, stolz und kühn von neuem wagt, zugleich mit nüchterner Besonnenheit und glühendem Eifer sich aus seinem Sturz zu neuer Größe emporarbeitet. Freilich war ihm jetzt des Vaters Reich verloren, die Gegner in der vollkommensten Überlegenheit, unter den Machthabern keiner ihm Freund; aber noch blieb ihm seine Seemacht, die das Meer beherrschte und der keiner der Könige eine ähnliche entgegenzustellen[354] hatte, noch blieb ihm Sidon, Tyros, Kypros, noch waren die Inseln des Archipelagos in seiner Macht, in der Peloponnes standen seine Posten, vor allem blieb ihm sein Athen, dort waren seine Schätze, seine Gemahlin, seiner Flotte ein guter Teil. Er hatte so Großes an den Athenern getan und von ihnen so enthusiastische Beweise ihrer Liebe und Hingebung erhalten, daß er nicht zweifelte, sie würden ihn mit offenen Armen empfangen, ihn mit ihrem freudigen Willkommen vergessen machen, was er Großes verloren. Er beschloß, nach Griechenland zu eilen, Athen zum Stützpunkt weiterer Bewegungen zu machen, durch die er, wo immer das Glück es gewähren werde, von neuem Macht und Besitz zu gewinnen hoffte; und war nicht schon einmal Athen der Mittelpunkt der Meeresherrschaft gewesen? Wie, wenn er den perikleischen Gedanken wieder aufnahm und im großen Stil ausführte, alles, was hellenisch war, in derselben zu befassen und zusammenzuhalten? Was war mit den noch so großen Massen kontinentaler Eroberungen Dauerndes und Sicherndes gewonnen? Nur das Meer verbindet alles, was hellenisch ist; Herr des Meeres sein, heißt Hellas im Keltenlande und in der Adria, in Sizilien und im Skythenlande vereinen, die Welt beherrschen.

So mochten seine Gedanken schweifen; dem Elemente, dem sein eigenes Wesen glich, gedachte er sein neues Glück anzuvertrauen. Seine Flucht führte ihn zunächst nach Ephesos; der treffliche Hafen konnte seiner Flotte als Station, die feste Stadt als vorgeschobenes Werk zu Invasionen in das reiche Binnenland dienen. Wenn schon aller Geldmittel entblößt, verschmähte er es, wider aller Erwarten, die Tempelschätze anzugreifen; er ließ einen Teil seiner Truppen dort zurück, er stellte sie unter den Befehl des Diodoros, eines der drei Brüder, die noch zu Alexanders Zeiten den Tyrannen Hegesias ermordet hatten. Mit den übrigen Truppen und der Flotte eilte er nach Karien; er gab den Steuermännern der Schiffe versiegelte Befehle, die sie, wenn ein Sturm sie zerstreute, öffnen sollten; sie enthielten, wie sie fahren, wo landen sollten; er selbst segelte schleunigst nach Kilikien, wo sich seine Mutter Stratonike befand; er flüchtete sie mit allem, was er noch zusammenraffen konnte, nach Kypros hinüber, wo seine edle Gemahlin Phila lebte, dann segelte er nach den Sporaden zurück, sich mit seiner Flotte zu vereinen. Da erfuhr er, daß Diodoros mit Lysimachos unterhandle, daß er ihm für fünfzig Talente Ephesos zu verraten versprochen habe. Schleunigst kehrte er zurück, ließ die übrigen Fahrzeuge versteckt an der Küste landen, fuhr selbst mit dem treuen Nikanor auf einem Zweiruderer in den Hafen. Während er sich im Raum verbarg, ließ Nikanor jenen zu einer Unterredung auffordern: er wolle mit ihm besprechen, wie es mit der Besatzung der Stadt gehalten werden solle; nicht leicht werde sie, ihrem König ergeben, die Übergabe[355] der Stadt an den Feind ruhig mit ansehen, er wolle ihn von ihrer lästigen Gegenwart befreien. Diodoros kam auf einem Boote mit wenigen Begleitern; kaum war er nahe, so sprang Demetrios hervor und auf das Boot, stürzte es um, daß Diodor und seine Begleiter in den Fluten versanken, eilte in die Stadt, ordnete das Nötige, kehrte dann schnell in die offene See zurück. Bald hoffte er in Athen zu sein. Da kam ihm ein attisches Schiff entgegen mit Gesandten des Staates: das Volk habe beschlossen, in Betracht der schwierigen Zeitumstände keinen der Könige in ihrer Stadt aufzunehmen; deshalb werde Demetrios ersucht, nicht in die Stadt zu kommen; man habe bereits seine Gemahlin Deidameia mit allen Ehren nach Megara geleitet. Demetrios war außer sich; mit Mühe gewann er seine Fassung wieder; er antwortete mit möglichster Gelindigkeit: das habe er nicht um Athen verdient, die Stadt handle nicht zum eigenen Vorteil, er bedürfe der Athener nicht, er fordere nichts, als daß sie seinen Schiffen, die noch im Peiraieus lägen, gestatteten, frei hinwegzusegeln und die Stadt ihrem Schicksal zu überlassen. Das wurde von den Gesandten zugesagt. Aber der Undank der Athener empörte ihn; den Verlust eines Reiches zu verschmerzen war ihm minder schwer, als so getäuscht zu werden in seinem Glauben an das doch unvergleichliche Athen, um dessen Beifall allein er geworben, in dessen Mitte er die Lust und Kraft zu neuem Aufschwung zu finden gehofft hatte. Er hatte vergessen, wie anders als sein Gedankenbild von den Athenern er sonst schon das wirkliche attische Volk gesehen hatte; und wie ihn der Ernst der Zeit schnell umgewandelt und geadelt hatte, so schwand es in seiner Erinnerung, wie er selbst es erniedrigt und sich zu erniedrigen gelehrt hatte; nur er war ein anderer geworden, nicht die Athener, deren Sinnesänderung ihn so bitter schmerzte. In seine Pläne machte der Abfall Athens einen tiefen Riß; nur Athen hatte die Lage, die Häfen, die Mittel, für sein Seereich und seine großen Entwürfe der Stützpunkt zu sein; jetzt brach ihm alles zusammen; erst jetzt fühlte er es ganz, ein Besiegter, ein Flüchtling zu sein.

Indessen waren die Sieger damit beschäftigt, die jetzt herrenlosen Länder in Besitz zu nehmen; nicht eben nach dem Maße der in ihrem Allianzvertrag getroffenen Bestimmungen. Unleugbar hatte Kassandros den ersten Stoß ausgehalten, Lysimachos die schwerste Last des Kampfes übernommen, Seleukos die Entscheidung gebracht, während Ptolemaios sich mit einer bequemen Expedition begnügt hatte, von der auf dem Kriegstheater auch nicht die geringste Wirkung verspürt worden war. Freilich war er dem Bunde der Könige unter der Bedingung beigetreten, daß ihm in der Teilung Koilesyrien mit Phoinikien zufallen solle; die drei Könige verabredeten nach dem Siege eine neue Teilung, sie gingen daran, sie zu bewerkstelligen, ohne Ptolemaios von ihren Beschlüssen Kenntnis zu geben.[356]

Weder Kypros noch die phoinikischen Städte hatte Ptolemaios dem Gegner entrissen, nur in einige feste Plätze Koilesyriens, Gaza, Samaria usw. Besatzungen gelegt. Es war der wichtigste Punkt in den neuen Verabredungen, daß zum oberen Syrien auch Koilesyrien mit Phoinikien dem Teil des Seleukos zugelegt wurde. Er brach mit seinem Heere aus Phrygien auf, erreichte etwa im Winter Phoinikien, wo die wichtigsten Städte noch in Demetrios' Gewalt waren, zog weiter nach dem südlichen Koilesyrien, obschon die festen Plätze dort von ägyptischen Truppen besetzt waren. Es war der Anfang einer neuen Reihe von Verwicklungen.

Was in jenem zweiten Teilungsvertrag zu Kassandros' Gunsten bestimmt worden ist, wird nicht überliefert. Man darf annehmen, daß ihm Thessalien und Griechenland überlassen worden ist; ob auch Epeiros, da ja der junge König Pyrrhos auf Demetrios' Seite gekämpft, muß dahingestellt bleiben. Es mag Kassandros angerechnet worden sein, daß sein Bruder Pleistarchos Kilikien – vielleicht als Königtum – nebst den Resten des Schatzes von Kyinda erhielt79.

Nach welcher Grenzlinie Seleukos und Lysimachos die ehemaligen Länder des Antigonos teilten, ist nicht deutlich. Appian sagt: »Seleukos erhielt die Herrschaft über Syrien diesseits des Euphrat bis an das Meer und über Phrygien bis gegen die Mitte des Landes hinauf; weil er aber immer ein Auge auf die benachbarten Völker hatte und teils die Macht besaß, sie mit Gewalt zu unterdrücken, teils die Gabe hatte, sie durch Überredung an sich zu ziehen, so bekam er auch die Herrschaft über Mesopotamien, Armenien und Kappadokien, soweit dieses Seleukis heißt; ferner über die Perser, Parther, Baktrier, Araber, Tapurier, über Sogdiana, Arachosien und Hyrkanien und was sonst noch für angrenzende Völker bis an den Indus von Alexander mit Gewalt bezwungen worden waren; auf diese Weise umschlossen die Grenzen seines Gebietes einen größeren Teil von Asien als je eines anderen, Alexander ausgenommen; denn von Phrygien an bis hinauf an den Fluß Indus war alles dem Seleukos untertan.« Die meisten dieser Erwerbungen waren von Seleukos früher gemacht worden; um zu sehen, was er jetzt Neues erhielt und wie sich namentlich der Besitzstand in Kleinasien ordnete, muß von einigen Gebieten gesprochen werden, die bisher nur im Vorübergehen erwähnt worden sind.

Armenien stand im Jahre 316 unter Befehl desselben Orontes, der bereits in der Schlacht bei Gaugamela die Armenier geführt hatte; vielleicht ist er derselbe, den Diodor unter dem Namen Ardoates als König von[357] Armenien bezeichnet; er dürfte einer von denen sein, welche Seleukos zu einer Abhängigkeit, die freilich nichts weniger als gänzliche Unterwerfung war, zu bringen verstand.

In nicht viel anderem Verhältnis wird Kappadokien zu Seleukos gestanden haben. Nach dem Sieg des Eumenes und Perdikkas über Ariarathes und der Hinrichtung desselben war dessen Sohn Ariarathes mit wenigen Begleitern nach Armenien geflüchtet; dort verhielt er sich ruhig, bis beide Feldherren tot, bis zwischen Antigonos und Seleukos der Krieg ausgebrochen war; von dem armenischen König Ardoates unterstützt, kam er in das Land seiner Väter, tötete den Strategen Amyntas, trieb die makedonischen Posten mit leichter Mühe aus dem Lande. Es kann nicht zweifelhalt sein, daß Amyntas des Antigonos Stratege war, daß Ariarathes, wenn nicht auf Antrieb des Seleukos, so doch in seinem Interesse handelte, daß jetzt Seleukos und Lysimachos selbst ihn im Besitz seines Landes gesichert zu sehen wünschen mußten. Wie weit dasselbe sich erstreckte, ist nicht zu erkennen. Kataonien wurde, ich weiß nicht ob jetzt oder später, von ihm mit Kappadokien, zu dem es durch gleiche Sprache und Bevölkerung gehört, vereinigt. Das Land der weißen Syrer oder Kappadokien am Pontos war wohl noch in seinen östlicheren Teilen von unabhängigen Räubervölkern bewohnt und Ariarathes' Dynastie auf das Land zwischen dem Paryadres, Tauros und Euphrat beschränkt.

Eine dritte Dynastie war die des Mithradates, welche, seit kurzem wieder erstanden, bereits die Länder am Pontos zu beiden Seiten des Halys umfaßte; der alte Mithradates war, wie wir sahen, nach einem vielbewegten Leben im hohen Greisenalter umgebracht worden, er hatte sich bei Lysimachos' Einrücken in Asien für ihn erklärt; seinem Sohn wurde jetzt die Herrschaft des Vaters, wenn auch wohl ohne die Städte im Westen, bestätigt.

Gewiß war es nicht ohne politische Rücksichten, daß die beiden Könige, als sie Antigonos' Herrschaft teilten, eine solche Reihe von Ländern unter eigenen Herrschern zwischen den beiderseitigen Reichen errichteten oder bestätigten; Kilikien, Kappadokien, Armenien, Pontos bildeten eine Art neutrale Zone, welche geeignet schien, unmittelbare Reibungen zwischen den beiden großen Mächten zu hindern; freilich eine Täuschung, die nicht lange währte. Offenbar stand Kappadokien und Armenien unter Seleukos' Einfluß, während Lysimachos nicht minder sich am Hofe des Mithradates geltend zu machen suchen mochte; Pleistarchos seinerseits konnte wohl nicht unterlassen, sich durch näheres Anschließen an Lysimachos seine Selbständigkeit gegen den zu mächtigen östlichen Nachbarn zu sichern80.[358]

Ein bestimmtes Resultat darüber, ob sich die Reiche des Seleukos und Lysimachos, etwa in Phrygien, unmittelbar berührten, ist nicht zu gewinnen. Allerdings sagt Appian, daß Seleukos Syrien bis zum Meere und Phrygien bis in die Mitte des Landes, also etwa bis zum Tatasee hinauf, erhielt; doch wenn derselbe wieder Armenien und Kappadokien als Seleukos' Besitz bezeichnet, so könnte man vermuten, daß auch der Südosten Phrygiens noch zu Kappadokien geschlagen worden sei, und gewisse spätere Bemerkungen des Demetrios scheinen solche Vermutung zu bestätigen. Lysimachos erhielt demnach alles übrige Land Kleinasiens, namentlich die Südküsten diesseits des Tauros, die schönen Provinzen des Westens, Phrygien am Hellespont, den größten Teil von Großphrygien, die zweifelhafte Herrschaft über die Bergvölker pisidischen Stammes; ein nicht unbeträchtlicher Teil Bithyniens war ihm durch sein Verhältnis zu Herakleia zugewandt, das Reich in Paphlagonien und am Pontos wohl unter seinem Einfluß. Vor allem eine bedeutsame Veränderung kam mit seinem Regiment über Kleinasien. Die Griechenstädte dort, deren Freiheit von Alexander nach dem Sieg am Granikos in feierlicher Weise hergestellt war, und die auch unter der Reichsverwesung des Perdikkas, des Antipatros, des Antigonos ihre staatliche Selbständigkeit bewahrt hatten, wenn auch die eine und andere Stadt sich gefallen lassen mußte, makedonische Besatzung zu erhalten, – diese Städte wurden nun unter Lysimachos landsässig in der Weise, wie es so viele griechische Städte in Thrakien bereits waren. Von den Inseln hat wenigstens Lesbos das Schicksal der Städte des Festlandes geteilt81.

Die Entwicklung des Alexanderreiches, seine Rückbildung und Zergliederung hat mit dem Tage von Ipsos und mit dessen Folgewirkungen den entscheidenden Schritt getan. Der Kampf der Satrapen gegen das Königtum, der mit dem Tode des großen Eroberers begonnen, hat alle Stadien durchgemacht, um den Gedanken eines einigen makedonischasiatischen[359] Reiches für immer abzutun; jene Satrapen haben nacheinander Perdikkas, den mächtigen Reichsverweser, bewältigt, Polyperchon, der von Makedonien aus das Recht des königlichen Hauses schützen sollte, zu Boden geworfen, den Kern des Reichsheeres, das Eumenes führte, vernichtet, das Geschlecht Philipps und Alexanders ermordet, endlich den mächtigen Antigonos, der, kraft seines Schwertes und durch die Huldigung seiner Makedonen König, Alexanders Monarchie zu vereinigen gestrebt hat, vernichtet. Es gibt keine Form weiter, unter der Alexanders Reich angesprochen werden konnte; es ist bis auf die glorreiche Erinnerung dahin. Das Reich ist definitiv zu Ende; die territorialen Entwicklungen sind an dessen Stelle getreten.

Selbständig, in voller Souveränität, einander bald feindlich gegenüber, bald durch gemeinsame Interessen vereinigt, stehen die vier Reiche des Seleukos, Kassandros, Ptolemaios und Lysimachos da; die Politik und ihre Verhandlungen berufen sich nicht mehr auf das Reich Alexanders oder die gemeinsam getroffenen Anordnungen gleich nach dessen Tode; die Verträge, welche die vier Könige kurz vor der Schlacht von Ipsos geschlossen, werden hinfort Grundlage für das öffentliche Recht und die internationalen Beziehungen der hellenistischen Reiche. Der neuen Könige Recht ist nicht mehr ihr makedonischer Ursprung noch ihr einstiges Verhältnis zum Reich Alexanders; sie haben sich Reiche erobert in dem eroberten Reiche Alexanders; sie sind zu einheimischen Königen geworden in den Ländern, die sie einst mit Alexander unterworfen.

Aber schon geht nicht mehr der ganze Umfang der Gebiete, die Alexander beherrscht hat, in diese neuen Bildungen auf. Nur die Einheit des Reiches hatte die Wucht und das Recht, mit ihrer mächtigen Bewegung die Griechenwelt zu beherrschen; in dem Maße, als das Reich sich zerbröckelt, löst sie sich ab, um ihren alteingewohnten partikularistischen Tendenzen zu folgen; nur daß diese nicht mehr oder nicht wieder die Kraft und die Formen finden, ihre staatliche Selbständigkeit zu vertreten; wie Wrack und Scheiter werden sie zwischen den Strömungen und Gegenströmungen der großen Politik hin- und hergetrieben und zerschellen um so mehr.

Nicht minder bezeichnend ist, daß schon auch Gestaltungen aus der Perserzeit da und dort wiederkehren. Die drei Dynastien von Armenien, Kappadokien und Pontos rühmen sich, entweder von dem Geschlecht der Perserkönige oder von einem der sieben Perser, die die Macht der Magier brachen, entstammt zu sein; sie sind nun als Könige in ihren Reichen anerkannt, die Schlacht von Ipsos hat diese alt-morgenländischen Dynastien von neuem gegründet; es ist der erste Schritt zu einer neuen Reihe von Entwicklungen, das erste Zugeständnis, das das erobernde Fremdwesen[360] dem schon vom Hellenismus berührten Morgenlande macht, das erste Opfer, das die makedonische Macht hingibt, um Asien zu versöhnen und die rückwirkende Rache zu hemmen.

Und schauen wir einen Augenblick in ferne Zeiten, so sind es die durch den Hellenismus berührten alt-asiatischen Dynastien, die nach dreihundert Jahren fast das ganze Asien, soweit es Alexander bewältigt hat, beherrschen, bis Rom erobernd sie wieder in demselben Maße, wie sie dem Hellenismus zugetan sind, von sich abhängig macht oder vergeblich bekämpft; und so fort erneut sich derselbe Wechsel herüber und hinüber in immer stärkerer Bewegung durch das Byzantinerreich und den Mohammedanismus, durch die Kreuzfahrten und die Mongolen- und Türkenmacht, endlich in den staunenswürdigen Gestaltungen der neuesten Zeit, deren analogen Verlauf einst unsere Enkel erkennen mögen.[361]


Quelle:
Johann Gustav Droysen: Geschichte des Hellenismus. Tübingen 1952/1953, Band 2.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Geschichte des Hellenismus
Geschichte des Hellenismus, 3 Bde. in Kassette
Geschichte Des Hellenismus: Th. Geschichete Der Diadochen (German Edition)
Geschichte Des Hellenismus, Volume 1 (German Edition)

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen »Ich habe zu zwei verschiedenen Malen ein Menschenbild gesehen, von dem ich jedes Mal glaubte, es sei das schönste, was es auf Erden gibt«, beginnt der Erzähler. Das erste Male war es seine Frau, beim zweiten Mal ein hübsches 17-jähriges Romamädchen auf einer Reise. Dann kommt aber alles ganz anders. Der Kuß von Sentze Rupert empfindet die ihm von seinem Vater als Frau vorgeschlagene Hiltiburg als kalt und hochmütig und verweigert die Eheschließung. Am Vorabend seines darauffolgenden Abschieds in den Krieg küsst ihn in der Dunkelheit eine Unbekannte, die er nicht vergessen kann. Wer ist die Schöne? Wird er sie wiedersehen?

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon