I. Abraham Benveniste.

[417] Seit der ersten großen Judenverfolgung in Spanien von 1391 und namentlich seit Vicente Ferrer's Zwangsbekehrungen kamen daselbst immer weniger vor jüdische Staatsmänner, oder solche, welche an den Höfen verkehrten, jüdische Cortesani, einerseits weil Volk, Geistlichkeit und Cortes sich immer entschiedener dagegen aussprachen, Juden wichtige Aemter anzuvertrauen, und andererseits, weil die zahlreichen getauften Juden den nicht getauften gewissermaßen Concurrenz machten und durch den Taufschein den Sieg davon trugen. Indessen konnten namentlich die südspanischen Könige die Juden nicht ganz entbehren, und befähigte Juden wurden noch immer mit einer finanziellen Charge betraut. Zacuto berichtet von einer Familie Benveniste, deren Vater in einem der letzten sechs Decennien vor der Vertreibung der Juden aus Castilien ein Staatsamt inne hatte. Mit den Enkeln verkehrte noch Zacuto selbst, so daß seine Relation alle geschichtliche Authenticität hat. Er nennt von dieser castilianischen Familie Benveniste (zum Unterschied von der saragossanischen [417] oder aragonischen12 den Vater Abraham Benveniste, den Sohn Joseph und die Enkel Vidal und Abraham Benveniste II (Jochasin ed. Filipowski p. 226): ימיב) זא דיסחה ברה הנמתנו הנשויל הרטעה הרזח (בוט םש ןב ףסוי 'רה הרותה קיזחה אוהו ב"צק תנש תשנב ןב םהרבא ןוד לכב םלשה ןב ףסוי 'ר היה ונבו .ונוממב תודמש הברה ריסהו הידמולו קזחל םנוממ ורזפו םילודג םירישע הז ונינמזב וינב ינבו תשנבנב ... תובישיה. Weiterhin nennt er die Enkel: ןמזה הזבו םויבש ויחא םהרבא 'רו תשנבנב ןב לאדיו ןוד הרות וקיזחה ףסוי 'ר וילע שרד לודג דיסח תשנב ןב םהרבא הז לש הלמה הז םירבעה ידלימ .... אירוש ריע רצבמב ל"ז ובלא. Die älteren Editionen haben dabei das Datum: ןוד הז דלונשבו ג"צק תנש םהרבא. Da von diesen castilianischen Officiales sonst wenig bekannt ist, so soll hier das zusammengetragen werden, was in anderweitigen Quellen von ihnen vorkommt.

Chajim Ibn-Musa, der Verfasser des polemischen und apologetischen Werkes חמורו ןגמ, tadelt in einer Schrift an seinen Sohn die willkürliche, quasiphilosophische Schriftauslegung und Predigtmanier, welche zu seiner Zeit in Spanien grassirte. Er erwähnt dabei, daß Abraham Benveniste sich einst unwillig gegen zwei junge Männer ausgelassen, welche sich in dieser Manier ergangen hatten: הז םיקלוח םידימלת יתיאד יכ דוע ינפב הרקש ומכ םינוצח םירבדב םירבדמ םהיתושרדב הז לע הזה ןינעב וינפל ושרדש ל"צז תשנב ןאב םהרבא ןוד דבכנה ברה ףרחו ברה םקש דע הרוצה ךרד לע םירוחב םימכח םידימלת ינש םתקולחמ ףדגו. Unter Juan II. hatte Abraham Benveniste einen großen Einfluß, da dieser schwache König in Allem und Jedem, in Staatsangelegenheiten und in den privatesten Dingen, von seinem Günstling, dem Condestable Alvaro de Luna, abhängig war, und da dieser mit Abraham in engster Verbindung stand, so läßt es sich denken, daß die Begünstigung der Juden in dieser Zeit sein Werk war. Amador de los Rios berichtet darüber (III, p. 22): Da der König keinen festen Willen hatte und sich von den Intriguen und Eingriffen seiner Vettern, der Infanten von Aragonien, frei machen wollte, warf er sich in die Arme des Triumvirats, bestehend aus Don Juan Furtado, su Mayordomo Mayor, Don Alvaro de Luna.. y Don Abrahem Benveniste, einem der wenigen Kapitalisten und Kundigen in der Handhabung der öffentlichen Renten. Diese Infanten, welche den König offen angriffen, entschuldigten ihr Verfahren damit: weil die Regierung des Reiches sich befindet en manos de Don Abrahem, cujos consejos señoreaban á Furtado de Mendoza (das. p. 23). Der König, oder richtiger Alvaro de Luna, machte diesen Abraham zum Großrabbiner oder »Rabbiner des Hofes«, eine Würde, welche seit dem Tode des Meïr Alguadez Keinem übertragen worden war. Selbstverständlich ist das Statut für die Gemeinden Castiliens in der königl. Hofburg von Valladolid, von Delegirten 1432 berathen, unter der Auspicienz dieses Don Abraham Benveniste ausgearbeitet worden (o. S. 143), obwohl als Anreger und maßgebende Autorität in demselben ein Don Abraham ohne den Beinamen Benveniste genannt wird. Gleich im Eingange wird er genannt: cuanto se juntaron en vezes el בר םהרבא ןוד דבכנה רש. [418] de la corte del dicho senior Rey. Im Verlaufe heißt es: la regla y privilegio de la merced que nuestro Senior el Rey fizo a dicho םהרבא ןור בר (Cap. II). Er erhielt ein Dokument, welches ihm das Oberrichteramt in Civil- und Criminalfällen übertragen hat (Cap. III). Zum Schluß ist bemerkt: םהרבא ןוד דבכנה ברל הכב הנקתנ וז הנקת. Derselbe Abraham Benveniste scheint mir auch in zwei Dialogen vorzukommen, welche Ibn-Verga in Schebet Jehuda mittheilt. Fangen wir vom zweiten an (No. 67 oder p. 115 f.).

Dort wird der König Alfonso von Spanien oder Castilien vorgeführt, der im dritten Jahre seiner Regierung einen Traum gehabt hätte, den er nicht zu deuten vermochte. Er habe darauf den alten Benveniste (ןקזה וטשינב ןב) gefragt, und dieser habe die Deuterei abgelehnt. Auf die Frage des Königs, warum die Juden überhaupt augenaufreißenden Luxus trieben, erwiderte dieser Benveniste: »Mich, der ich doch die Geschäfte Castiliens betreibe, hat der König noch nicht in Seide gesehen« (das. p. 118): ינא ונכלמ תיארה ישמ יתשבל םא ידיב אייליטשק קסע לכו ךדבע. Im Verlaufe wird noch אישנה ףסוי eingeführt, als eine Persönlichkeit, die ohne weiteres Zutritt zum Hofe hatte. In einer Urkunde von Juan II. über die Verpachtung der Hafenzölle vom Jahre 1427 und 1430 wird als Generalpächter genannt Juan de Creales, Agent des Don Joseph Nassi, criado de Don Juçaf el Nassi (bei Amador III, p. 574 f.). Dieser Steuerpächter ist doch wohl mit dem obengenannten אשנה ףסוי identisch, demnach fungirte sein Zeitgenosse »Benveniste der ältere« ebenfalls unter Juan II. Die Angaben in diesem Dialog müssen aber richtig gestellt werden. Dieser Dialog – wie die andern, welche im Schebet Jehuda scheinbar mit stenographischer Treue wiedergegeben sind – ist schwerlich in allen seinen Einzelnheiten historisch, sondern wohl eine freie Composition, worin Wahrheit und Dichtung gemischt sind. Vor Allem kann der Dialog nicht zur Zeit des Königs Alfonso gespielt haben, weder Alfonso's X., des Weisen, noch des XI., des Klugen und Letzten der Alfonso's. Denn mitten darin erzählt der achtzehnjährige Infant: »In frühester Zeit, zur Zeit des Königs Don Pedro, habe ein Christ eine Hostie an einen unsauberen Platz geworfen, um die Juden der Schändung derselben anklagen zu können«. Nun war Don Pedro ein Sohn des letzten Alfonso. Selbst wenn unter diesem Pedro der aragonische Don Pedro IV. (gest. 1387) verstanden sein sollte, so konnte man sich unter einem der letzten Alfonso's nicht auf einen Vorfall unter einem später lebenden Könige berufen. Der Dialog setzt also die Zeit nach den beiden Don Pedro's voraus, also das fünfzehnte Jahrhundert. Auch werden daselbst die Portugiesen als die besten Seefahrer geschildert: ד"יה םיה לע גיהנהל לאגטרופ (p. 119 unten). Nun begann die Seetüchtigkeit der Portugiesen erst im fünfzehnten Jahrhundert unter dem Infanten Don Heinrich, dem Seefahrer (mit dem Jahre 1418). Bis dahin trieben sie wie andere Nationen lediglich Küstenschifffahrt und wagten sich nicht aufs hohe Meer. Ein portugiesisches Sprichwort sagte: »Wer das Cap Nun umschifft, kehrt um oder kehrt nicht zurück«; quem passar o Capo de Naõ, ou tornará, ou naõ (Barros, Asia, Decada I, 1. 4.). Der erwähnte Dialog, worin Benveniste der Alte als Cortesano figurirt, setzt endlich das Vorhandensein von jüdischen Zwangstäuflingen, Marranen, םיסונא, voraus (p. 116). Aber solche gab es erst in Spanien seit 1391, über 40 Jahre nach dem Tode des letzten Alfonso. Mit einem Worte, der Dialog kann unmöglich dem dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert, sondern nur dem folgenden angehören, und kann also nicht unter einem der Alfonso's stattgefunden haben, wenn er überhaupt ein Minimum [419] von Geschichtlichkeit enthalten soll. Da indeß darin manches Factische erzählt wird, so kann er nur entweder unter dem König Juan II. oder Heinrich IV. spielen. Folglich gehören die zwei darin genannten Cortesani ןקזה יטשינבנב und אישנה ףסוי derselben Zeit an, und der erste dürfte mit Abraham Benveniste identisch sein. Auch der Tadel gegen den Luxus, dessen die Juden in diesem Dialog beschuldigt werden, gehört diesem Jahrhundert an, weil die Juden darin den Christen nachahmten oder gar zuvorthaten. Heinrich IV., der die Einfachheit liebte, steuerte durch Gesetze diesem Aufwand an Seide, Brokat und Geschmeide (vergl. Lafuente, historia general de España IV. p. 56 f.). Den Juden untersagte das Tragen kostbarer Kleidung zuerst Juan II. oder vielmehr die Regentschaft 1412 (o. S. 109). Der zeitgenössische Moralist Salomo Alami datirt das Verbot der Landestracht aus dieser Zeit (ר?ומה תרגא p. 23): תולהק המכ ודמשנ א"נק 'ה תנשב (1412) הנש הרשע הרשע םיתשב ןכ ירחאו תולודג םע תונטק יונש םהילע ורזגיו ... הנינשלו לשמל ויה איליטשקב םיראשנה תוינמואהו ... רחסמה םהמ וענמיו םישובלמה. In dem Statut von Valladolid ist das fünfte Capitel dem Luxus gewidmet und verbietet den Männern das Tragen von reichen Stoffen und Schmuck der Frauen.

Dieser Punkt führt uns darauf, daß der Dialog (in Schebet Jehuda No. 8), der ebenfalls unter Alfonso »dem Großen« im dritten Jahre seiner Regierung gespielt haben soll, auch nur dem fünfzehnten Jahrhundert angehören kann. Es ist da die Rede von einer Blutanklage gegen die Juden von Ecija. Drei vornehme Juden begeben sich an den Hof, um die Folgen abzuwenden: 'רהו אישנה ףסוי ןודו יתשנבנב םהרבא ןוד ןשוש ןב לאומש, also dieselben beiden Cortesani, wie in dem besprochenen Dialog. Der König beruft sich auf sein Edikt gegen den Luxus der Juden, das sie bisher übertreten. Die drei Deputirten erwidern darauf, daß die Männer sich dem Edikte fügen, die Frauen aber seien nicht darin inbegriffen gewesen. In der That ist in § 15 der judenfeindlichen Gesetze Juan's II. nur Juden und Mauren verboten, Kleider vom Werthe über 30 Maravedis zu tragen. Den Jüdinnen und Moriscas dagegen ist nur untersagt, lange Mäntel zu tragen (bei Alfonso de Spina und bei Lindo p. 199 f.). Der König bemerkt dagegen: »So gleicht ihr Männer einem Köhler-Esel und eure Weiber dem Saumthiere des Papstes«; םכיתושנו ימחפה רומחכ םיכלוה םתא ןכ םא רויפיפאה דרפכ. Auch hier bemerken Don Abraham Benveniste, Don Joseph und der Dritte, wie in dem vorerwähnten Dialog Don Benveniste der Alte: daß sie, obwohl die reichsten unter den Juden, seit der Verkündigung des Luxusediktes, sich dem schwarzen wohlfeilen Anzuge gefügt hätten (p. 27): שובל לעו ונאו ורמאמ רבעש ונממ שיא אצמי אל זרכוהש םוימ ישמה םירוחש םידגבב וננהו .... ונמעבש םירישעהו ?מע יחולש לוזב םירכמנהמ Auch das Gesetz gegen den Wucher, das in diesem Dialoge erwähnt wird, gehört erst dem fünfzehnten Jahrhundert an. Man muß annehmen, daß auch in diesem Dialoge Wahrheit und Dichtung unter einander gemischt sind; er enthält indeß mehr Geschichtliches als jener. Die darin geschilderten Zustände gehören höchstwahrscheinlich der Regierung Juan's II. an. Abraham Benveniste und אישנה ףסוי haben factisch bei Hofe verkehrt. Von dem Letzteren wird mitgetheilt: er verstand viele Wissenschaften und Sprachen: ףסוי ןוד בושחה חילשה רבדיש ומיכסהו תונושלה ביטב עדיו תומכחב היה םכח יכ אישנה.

Von Don Joseph Benveniste, Abraham's Sohn, der unter Heinrich IV. gelebt hat, ist anderweitig nichts bekannt, ebenso wenig von seinem Enkel Don Vidal. Aber Joseph's zweiter Sohn, Abraham Benveniste II., ist mehr bekannt. Jakob b. Chabib, der zuerst aus Spanien und dann aus [420] Portugal zur Zeit der Verbannung nach Salonichi ausgewandert war, erzählt: bei Juda b. Abraham Benveniste, der an dem Hofe der Könige groß gezogen worden, eine reiche Bibliothek zu seinem Agada-Commentar בקעי ןיע benutzt zu haben (im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts): הלאה םירפ?ה יובר יתאצמו יקינולאש הזה םוקמה לא ינאיביו די?חה אישנה רשה ןב הדוהי ןוד הלענו םלשה םכחה לא יאובב םתוריטבו םיכלמה ירצחב רשא ל"ז תשנב ןאב ןב םהרבא ןוד לדגתנ (Einleitung zu En Jacob).

In den ersten Ausgaben habe ich irrthümlich damit in Verbindung gebracht Abraham Senior, welcher gemeinschaftlich mit Abrabanel in Castilien die königlichen Renten verwaltete (o. S. 330, Note 2). Don Abraham Senior, welcher die Heirath Ferdinand's mit Isabella gefördert hat (o. S. 233) und daher bei der Königin sehr beliebt, ja, zu beliebt war, und zuletzt zum Groß-Rabbiner ernannt wurde, und welcher für die Auslösung der jüdischen Gefangenen von Malaga thätig war (o. S. 337, Note 1), ist verschieden von Abraham Benveniste und war viel jünger als dieser. Abraham Senior ist zur Zeit der Ausweisung zum Christenthum übergetreten (o. S. 348), wie Elia Kapsali ausführlich erzählt (Kapitel 67, p. 73) und das Cronicon de Valladolid bezeugt (edirt in der colleccion de documentos ineditos para la historia de España, T. XIII, p. 195, bei Kayserling Gesch. d.J. in Portugal S. 102): En quince de Junio viernes en la tarde fueron bautizados.. S. Abraem Senior e su hijo D ... que mientra Judeos se llamban .. fueron padrinos el Rey e la Reyna.. dieronles por linage Coroneles. Der Stammvater Abraham Senior stammte aus Aragonien, während Abraham Benveniste ein Castilianer war.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1890], Band 8, S. 417-421.
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