4. Kapitel. Der erste Kreuzzug und seine Leiden. 1096-1105.

[82] Stellung der Juden in Deutschland vor dem Kreuzzuge. Die Gemeinde von Speyer und Heinrich IV. Die Märtyrer von Trier und Speyer. Emmerich von Leiningen und die Märtyrer von Mainz. Blutige Verfolgung der Cölner Gemeinde in der Umgegend dieser Stadt. Leiden der Juden von Böhmen. Elender Tod der Juden Jerusalems. Kaiser Heinrichs Gerechtigkeit gegen die Juden. Rückkehr der gewaltsam Getauften. Verkümmerung der deutschen Juden. Der Tod Alfâßis und Raschis.


Gegen Ende des elften Jahrhunderts erfolgte der erste Anlauf zu einem Kampfe zwischen dem Christentum und dem Islam, zwischen Europa und Asien auf einem anderen Schauplatz, welcher die Weltgeschichte in neue Bahnen leitete und in die Geschichte der Juden ein bluttriefendes Blatt einfügte. Peters von Amiens aufregende Wehklagen über die Behandlung der Pilger in Jerusalem, welche in der Kirchenversammlung von Clermont tausendfachen Widerhall fanden, hatten die Frömmigkeit, die romantische Ritterlichkeit, den Ehrgeiz, die Raubsucht und eine Menge anderer edeler und gemeiner Leidenschaften zu einem Kreuzzuge aufgestachelt. Die Politik hatte sich derselben bemächtigt, um kleinliche Zwecke mit engem Gesichtskreise zu erreichen. Es entstand eine märtyrerreiche Zeit, aber das größte Märtyrertum erlitten die deutschen Juden, welche wiederum Gelegenheit fanden, in ausgedehntem Umfange ihr Bekenntnis mit ihrem Blute zu besiegeln. Der Wendepunkt, der durch die Kreuzzüge in der Entwickelung des Menschengeschlechtes eintrat, kam zwar auch indirekt dem Judentum zu gute, aber zunächst war er für dasselbe von niederbeugender Wirkung.

Es ist eine Fälschung der Geschichte, wenn behauptet wird, die Juden Deutschlands hätten die Greuel, die sie getroffen, zum Teil selbst verschuldet; sie hätten sich durch betrügerischen Handel und Wucher den Haß der Bevölkerung zugezogen und – wie entschuldigend hinzugefügt wird – sie wären dazu gezwungen worden, da sie kein Grundeigentum [82] besessen hätten. Weder lebten die Juden Deutschlands vor den Kreuzzügen in einem Zustande des Druckes und der Verachtung, noch waren sie vom Grundbesitz ausgeschlossen. Als der Bischof Rüdiger Huozmann von Speyer den Weiler Altspeyer zur Stadt zog, glaubte er das Ansehen der Stadt nicht besser heben zu können, als wenn er den Juden darin Wohnplätze und Privilegien einräumte. Neben der Handelsfreiheit in der ganzen Stadt bis zum Schiffshafen und im Hafen selbst besaßen sie auch Ländereien, Gebäude, Gärten, Weinberge und Äcker1. Der Bischof Rüdiger räumte den speyerschen Juden eigne Gerichtsbarkeit ein, und ihr Synagogenvorsteher oder Rabbiner (Archisynagogus) sollte dieselbe Befugnis haben, Prozesse zu schlichten, wie der Bürgermeister. Sie durften Sklaven besitzen und christliche Ammen und Knechte mieten, gegen das kanonische Gesetz und den Willen des Papstes Gregor VII. Auch geschlachtetes Vieh, das nach jüdischem Gesetze ihnen zum Genusse verboten ist, durften sie an Christen verkaufen. – Um sie jedoch vor Belästigungen des Pöbels zu schützen, wies ihnen Rüdiger einen eigenen Stadtteil an, der mit einer Mauer umgeben war, die sie selbst befestigen und verteidigen durften. Sie hatten also auch das Recht, Waffen zu tragen. Diese Privilegien, für die sie jährlich 3 1/2 Pfund Goldes speyersches Gewicht zu zahlen hatten, sollten ihnen für alle Folgezeit verbrieft sein (September 1084). Rüdiger fügte in der Urkunde hinzu, er habe den Juden so günstige Gesetze eingeräumt, wie sie sie sonst in keiner deutschen Stadt genössen2. Der Kaiser Heinrich IV. bestätigte diese Privilegien durchweg und fügte noch neue günstigere Bestimmungen hinzu

Vermutlich genügte der Gemeinde der Schutz nicht, den ihnen der Bischof Rüdiger zugesagt; ihre Vertreter, Juda ben Calonin (Kalonymos), David ben Meschullam, Mose ben Guthiel (Jekuthiel), verwendeten sich daher beim Kaiser, daß er ihre Privilegien in den kaiserlichen Schutz nehmen möchte. Heinrich, der trotz seines Leichtsinns und seines Wankelmutes nie ungerecht war, stellte ihnen ein Diplom aus, das durchaus günstig für die Juden lautete. Niemand dürfe Juden noch ihre Sklaven zur Taufe zwingen, bei Strafe von zwölf Pfund Goldes, an den kaiserlichen Fiskus zu leisten. Wolle sich jemand aus freien Stücken taufen lassen, so sollten ihm drei Tage Bedenkzeit [83] gegeben werden, damit er den Schritt nicht voreilig tue; der jüdische Täufling verliere seinen Erbschaftsanteil. In einem Prozesse zwischen Juden und Christen solle nach jüdischem Rechte verfahren und vereidet werden. Zu den Ordalien der Feuer- und Wasserprobe dürfen sie nicht gezwungen werden. Diese Urkunde wurde von Heinrich IV. für die speyersche Gemeinde ausgestellt (19. Februar 1091)3. Sechs Jahre darauf wurde sie von für den heiligen Krieg geweihten Streitern verhöhnt; denn nicht die Bürger und nicht die Ritterschaft hatten etwas gegen die Juden, sondern eine zügellose Horde. Die deutschen und nordfranzösischen Juden waren damals gerade voller Messiashoffnungen. Ein Mystiker hatte ausgerechnet, der Sohn Davids werde sich gegen Ende des 256 ten Mondzyklus, zwischen dem Jahre 4856 und 64 (1096-1104) offenbaren4 und die zerstreuten Söhne Judas nach dem gelobten Lande führen. Aber statt der Posaunen der messianischen Erlösung hörten sie das wilde Geschrei der Wallbrüder: »Die Juden haben unsern Heiland gekreuzigt, sie müssen sich zu ihm bekehren oder sterben.«

Die ersten Scharen der Kreuzzügler, die eine von dem begeisterten, frommen Peter von Amiens und seinen acht Rittern, die andere von dem Presbyter Gottschalk angeführt, fügten den Juden kein besonderes Leid zu; sie plünderten Juden und Christen gleicherweise. Aber die nachfolgenden Schwärme, die aus dem Auswurfe der französischen, englischen, lothringischen und flandrischen Länder bestanden, begannen das heilige Werk des Mordens und des Plünderns in Ermangelung der Mohammedaner mit den Juden. Es war dieses ein schamloses Gesindel, Männer und Weiber vermischt, welche sich den frevelhaftesten Ausschweifungen überließen5. Aber diese lasterhaften Wallbrüder waren geweihte Streiter, die Sünden waren ihnen alle vergeben, die vergangenen wie die zukünftigen. Sie galten als unverletzbare Personen. Ein Mönch warf den zündenden Gedanken unter diese Bande, daß die Juden mit Gewalt zum Christentume gezwungen werden müßten; eine Schrift, die auf Jesu Grab gefunden worden, mache dieses den Gläubigen zur Pflicht. Dieser Gedanke schien den wilden Kreuzbrüdern ebenso vorteilhaft, wie leicht faßlich und gottgefällig. Sind doch die Juden ebenso ungläubig wie die Sarazenen, beide Erzfeinde des Christentums! Der Kreuzzug kann ja auf der Stelle beginnen, wenn mit den Juden der Anfang gemacht wird! Wie sich die Scharen in Frankreich [84] und Deutschland sammelten, waren sie gezeichnet durch das Kreuz an ihren Kleidern und durch das vergossene Blut von Juden. Indessen blieben solche Metzeleien in Frankreich vereinzelt, weil die Fürsten und Geistlichen energisch für die Juden eintraten. Nur in Rouen, das zu England gehörte, trieben die Kreuzfahrer die Juden in die Kirche, setzten ihnen die Schwertspitzen auf die Brust und ließen ihnen die Wahl zwischen Tod und Taufe. Auch in anderen Städten haben sie wohl auf ihrem Zuge von Westen nach Osten, nach dem Rheine zu, ähnliche Exzesse begangen. Von Metz erzählt es die Chronik ausdrücklich.

Einen besonders tragischen Charakter und einen schrecklichen Ausgang erhielten die Verfolgungen erst auf deutschem Boden. Die Schar, welche sich von Frankreich und Flandern nach den deutschen Gauen wälzte, hatte zum Führer einen französischen Ritter, Wilhelm der Zimmermann genannt, dessen Habgier gewissermaßen gerechtfertigt war, da er nicht reich war und schon bei seinem Auszuge das Geld für die Ausrüstung seiner Schar durch Plünderung der Bauern aufbringen mußte. Die übrigen Ritter unter Wilhelms Schar, Graf Hermann, Thomas de Feria, Cla renbald de Vendeuil, vermochten entweder nichts über das blutdürstige, übelgeleitete Gesindel oder waren selbst nicht besser. Den Geist, von dem Wilhelms Wallbrüder beseelt waren, charakterisiert ein einziger Zug. Sie ließen eine Gans und einige Ziegen vor sich hergehen, von denen sie fest glaubten, sie seien von göttlichem Geiste angehaucht und würden ihnen den Weg nach Jerusalem zeigen. Solchen Feinden waren die jüdischen Gemeinden der Mosel und des Rheins schutzlos preisgegeben! Kaiser Heinrich war damals in Italien mit schlimmen Händeln vollauf beschäftigt, und in Deutschland herrschte dadurch die unbändigste Anarchie. Als die Juden des Rheinlandes von dem Heranziehen dieser Bande hörten, wendeten sie sich im Gebet an den Gott ihrer Väter.

Schon bei der Nachricht von dem Herannahen der Blutmenschen war die Gemeinde von Trier von einem solchen Entsetzen ergriffen, daß einige ihre Kinder und sich mit Messern erstachen. Frauen und Mädchen beschwerten sich mit Steinen und stürzten sich in die Mosel, um nicht von den heiligen Mördern zur Taufe gezwungen oder geschändet zu werden. Der Name einer dieser Märtyrerinnen ist in Erinnerung geblieben: Esther, Tochter des Gemeindevorstehers Chiskija. Die übrigen Gemeindeglieder flehten den Bischof Egilbert um Schutz an. Doch dieser harte Kirchenfürst, der sich vielleicht durch Bekehrungseifer von dem auf ihm lastenden Verdachte der Ketzerei reinigen wollte, erwiderte ihnen: »Jetzt sind über euch, Elende, eure [85] Sünden gekommen, daß ihr den Sohn Gottes verwerft und seine Mutter schmäht. Bekehrt euch, so gebe ich euch Frieden und ruhigen Genuß eurer Güter. Bleibt ihr aber verstockt, so wird mit eurem Leibe auch eure Seele untergehen.«

Da traten die Juden zur Beratung zusammen und beschlossen auf Antrag eines ihrer gelehrten Mitglieder Micha (Michäas) das Christentum, wohl zum Scheine, anzunehmen. Dieser sprach hierauf zum Bischof: »Du hast recht; es ist besser für uns, uns dem christlichen Glauben anzuschließen, als von Tag zu Tag von solchen Gefahren für unsere Habe und unser Leben bedroht zu sein. Sage uns daher schnell, was wir glauben sollen und stehe uns bei, daß wir befreit werden von denen, welche vor der Tür warten, um uns zu erwürgen.« Darauf leierte der Priester das katholische Glaubensbekenntnis ab, das die Juden nachplappern mußten und nahm die Taufhandlung an ihnen vor. Micha erhielt den Namen des Bischofs. Es war ein schimpflicher Sieg, den das Christentum über die Gemeinde von Trier feierte, der auch nicht lange dauerte.

Darauf wälzte sich die Schar nach Speyer, dessen Gemeinde erst jüngsthin vom Bischof und Kaiser Unantastbarkeit und Freiheit verbrieft erhalten hatte. Die Kreuzfahrer trafen am Sabbat ein und schleppten im ersten Anlauf zehn Juden in eine Kirche, um sie unter Androhung des Todes zu taufen. Diese weigerten sich aber die Taufe zu empfangen und wurden hingeschlachtet. Eine fromme Frau, welche für ihre Standhaftigkeit unter den Händen der Blutmenschen fürchtete, nahm sich selbst das Leben (8. Ijar = 3. Mai 1096). Die übrigen Juden hatten sich indessen teils in den Palast des Bischofs Johannsen und teils in die Burg des Kaisers geflüchtet. Der Bischof, menschlicher und frommer als Egilbert, der die Bekehrung durch Henkershand verabscheute, ließ gegen die wütende Schar einschreiten; die Juden selbst verteidigten ihr Leben standhaft und es fiel kein Opfer mehr von ihrer Seite. Johannsen ließ sogar auf einige Wallbrüder fahnden und sie hinrichten, was ihm die chronikschreibenden Mönche natürlich verargten. Sie sprengten aus, er sei von den Juden bestochen worden. Es ist nicht zu verwundern, daß die Juden ein förmliches Entsetzen vor dem Christentum empfanden und sich nicht bloß gegen die Taufe sträubten, sondern sich schon für befleckt hielten, wenn sie auch nur im Zustande der Betäubung und Bewußtlosigkeit vom Taufwasser berührt worden waren. Sie konnten in dem Christentum, wie es im elften Jahrhundert gestaltet war, nur ein arges Heidentum erblicken. Die Verehrung der Reliquien und Bilder, der geist- und gemütlose Gottesdienst in der Kirche, [86] das Verfahren des Oberhauptes der Kirche, welches die Völker ihrer heiligen Eide entband und zum Kaisermord aufforderte, das schwelgerische, sittenlose Leben der Geistlichkeit, die verdummte, von Unwissenheit strotzende Anschauungsweise der Menge, das vertierte Treiben der Kreuzfahrer, dieses alles gemahnte sie weit eher an die in der heiligen Schrift verabscheuten Götzendiener, als an Bekenner eines heiligen Gottes. Wie ihre Vorfahren in der Makkabäerzeit sich gegen den aufgezwungenen Zeuskultus sträubten und die Berührung mit der Zeremonie des Götzentums für befleckend hielten, ebenso dachten die deutschen Juden von dem Christentum ihrer Zeit.

Der Schwarm, welcher den Angriff auf die Gemeinde von Speyer unternommen hatte, scheint nicht stark gewesen zu sein, daher konnte er zurückgeschlagen werden. Er wartete nun, um sein blutiges Werk fortzusetzen, Verstärkung ab. Erst vierzehn Tage später zog eine größere Zahl Wallbrüder, »Wölfe der Wüste«, wie sie der zeitgenössische jüdische Chronist nennt, in stets zunehmender Zahl nach Worms. Der Bischof Allebrandus konnte oder mochte den Juden keinen ausreichenden Schutz gewähren. Doch scheint er das Niedermetzeln der Juden nicht gut geheißen zu haben, da er einen Teil der Gemeindeglieder, wahrscheinlich die angesehenen und reichen, in seinen Palast aufnahm. Die übrigen waren auf sich selbst angewiesen, setzten sich wohl anfangs zur Wehr, aber der Übermacht der zahlreichen Bande erliegend, fielen sie unter den Streichen der Blutmenschen mit dem Bekenntnisrufe: »Der Herr unser Gott ist einzig.« Nur sehr wenige ließen sich zur Nottaufe zwingen, die andern kamen ihr durch Selbstentleibung zuvor. Man sah Frauen ihre zarten Kinder schlachten. Die Wallbrüder zerstörten die Häuser der Juden, plünderten deren Habe und ließen ihre blinde Wut auch an den heiligen Schriften aus, die sie in den Synagogen und in den Häusern fanden (Sonntag, 23. Ijar = 18. Mai). – Nach sieben Tagen kam die Reihe auch an diejenigen, welche im bischöflichen Palaste Schutz gefunden hatten, sei es, daß die Wallbrüder einen Angriff darauf gemacht und die Auslieferung der Schlachtopfer ungestüm verlangt hatten, oder daß Allebrandus selbst den Juden nur zu dem Zwecke ein Asyl eingeräumt hatte, um sie durch Milde zur Bekehrung zu bewegen. Der Bischof eröffnete ihnen mit einem Male, er könne sie nicht länger beherbergen, wenn sie sich nicht der Taufe fügten. Die Angesehensten unter ihnen baten sich darauf eine kurze Frist zur Beratung aus. Vor dem Palaste harrten die Wallbrüder, um die Juden entweder in die Kirche oder in den Tod zu führen. Als aber die Zeit abgelaufen war, und der Bischof die Tür öffnen ließ, fand er sämtliche Juden [87] im Blute schwimmen. Sie hatten den Tod durch Bruderhand vorgezogen. Bei der Nachricht davon fiel die rasende Menge über die Übriggebliebenen her, mordete die Lebenden und schleifte die Leichen auf den Straßen umher. Nur wenige retteten ihr Leben durch die scheinbare Annahme des Christentums (Sonntag, 1. Siwan = 25. Mai). Ein Jüngling, Simcha Kohen, der durch die Wallbrüder seinen Vater Mar-Isaak und seine sieben Brüder verloren hatte, wollte nicht ungerächt aus der Welt scheiden. Er ließ sich in der Kirche führen und im Augenblick, als er das Sakrament empfangen sollte, zog er ein verborgen gehaltenes Messer hervor und erstach damit einen Neffen des Bischofs. Er wurde, wie er es nicht anders erwartet hatte, in der Kirche zerfleischt. Erst als die Kreuzzügler die Stadt verlassen, wurden die jüdischen Märtyrer von Worms von jüdischen Händen bestattet und die Totengräber zählten beinahe achthundert Leichen, nahe an 140 Familien, darunter auch die Söhne und Jünger des Isaak Halevi, der lothringischen Autorität. Das Andenken an die Märtyrer oder Heiligen (Kedoschim) erhielt die Gemeinde6, die sich später bildete, zur Verehrung und zum Muster in Glaubensstandhaftigkeit.

Den Tag nach der Niedermetzelung des Restes in Worms traf die Kreuzschar in Mainz ein. Hier war ihr Anführer ein Graf Emmerich oder Emicho von Leiningen, ein naher Verwandter des Erzbischofs Ruthard, ein gewissenloser, blutdürstiger Mann. Ihm gelüstete ebenso sehr nach den Reichtümern der Mainzer Juden, als nach deren Blut, und er scheint mit dem Erzbischof, einem Hauptgegner Heinrichs IV., zu diesem Zwecke einen teuflischen Plan verabredet zu haben. Der Erzbischof lud sämtliche Juden ein, in seinem Palaste Schutz zu suchen, bis der Sturm vorüber sei. Darauf übergaben sie ihre Schätze Ruthard, und in seinem Hofe und dem Söller des weitläufigen Gebäudes lagen über 1300 Juden mit bangem Herzen und in inbrünstigem Gebete. Aber schon mit Tagesanbruch (Dienstag, 3. Siwan = 27. Mai) führte Emmerich von Leiningen die Kreuzfahrer vor die bischöfliche Residenz und verlangte mit wildem Geschrei die Auslieferung der Juden. Der Erzbischof hatte zwar Bedeckung zum Schutze aufgestellt; aber diese wollte nicht gegen Christen und Wallbrüder die Waffen gebrauchen. Leicht durchbrachen die Kreuzfahrer die Türen des [88] Palastes und ergossen sich in die Räume, um die Juden aufzusuchen. Hier wiederholte sich das entsetzliche Schauspiel von Worms. Mit dem Einheitsbekenntnis auf den Lippen fielen Männer und Frauen, Kinder, und Greise durch das Schwert ihrer Brüder oder ihrer Feinde. Dreizehnhundert Märtyrerleichen wurden später aus dem Palaste auf Wagen aus der Stadt geführt. Die Träger der Talmudgelehrsam keit aus R. Gerschoms Schule wurden damals hingerichtet, deren Namen so wie die vieler anderer Märtyrer das Erinnerungsbuch der Mainzer Gemeinde (Memor-Buch) aufbewahrt hat. Die Schätze der Juden behielt der Erzbischof und teilte sie mit Emmerich. Sechzig Juden hielt Ruthard in dem Dom verborgen und ließ sie später nach dem von der Straße abgelegenen Rheingau bringen. Aber auch sie wurden ergriffen und geschlachtet. Taufen ließen sich nur wenige. Zwei Männer und zwei Mädchen Urijah und Isaak mit zwei Töchtern, welche im Taumel oder aus Schwäche getauft worden waren, trieb die Reue zu einer schaudererregenden, heroischen Tat. Isaak schlachtete zwei Tage später, am Vorabende des Pfingstfestes, seine Töchter in seinem Hause und legte seine Wohnung in Brand. Darauf begab er sich mit seinem Gefährten Urijah in die Synagoge, zündete sie ebenfalls an, und beide starben den Feuertod durch eigene Hand. Durch dieses Feuer wurde ein großer Teil von Mainz in Asche gelegt.

Indessen sammelte sich ein Haufen entarteter Kreuzfahrer unter Hermann dem Zimmermann um Cöln, gerade am Vorabende des Wochenfestes. Die älteste Gemeinde Deutschlands machte sich auf das Gräßlichste gefaßt: doch flehten die Juden die Bürger und den Bischof um Schutz an. Von Mitleid mit ihren jüdischen Mitbewohnern ergriffen, nahmen die menschlich gesinnten Cölner Bürger sie in ihre Häuser auf. Als das rasende Gesindel des andern Tages, am jüdischen Wochenfest (Freitag 30. Mai), mit dem frühesten Morgen in die Häuser der Juden drang, fand es sie menschenleer und konnte seine Wut nur an Stein und Holz kühlen, zerstörte sie, raubte den Inhalt und zertrat die Gesetzrollen, die es vorfand, gerade am Tage der Gesetzgebung. Ein Erdbeben, das an diesem Tage gespürt wurde, stachelte die wahnbetörten Blutmenschen, statt sie zu schrecken, nur zu neuem Rasen auf, indem sie es als Zeichen der Zustimmung von seiten des Himmels betrachteten. Indes fiel nur ein Mann und eine Frau an diesem Tage als Opfer. Der fromme Mann Mar-Isaak ging freiwillig in den Märtyrertod, er wollte sich nicht retten und blieb im Gebet versunken in seinem Hause sitzen, ließ sich von dem Gesindel in die Kirche schleppen und als ihm das Kruzifix hingehalten wurde, spie er darauf[89] und wurde getötet. Die übrigen Cölner Juden blieben in den Häusern der Bürger und in dem Palaste des Bischofs verschont. Der edle Bischof Hermann III., dessen Name der Nachwelt zur Verehrung überliefert zu werden verdient, ließ sogar die Juden heimlich aus Cöln entfernen und in die ihm gehörigen sieben Städte und Dörfer zur Sicherheit unterbringen. In Neuß, Wevlinghofen, Stadt und Dorf Aldenahr, Mörs und Kerpen brachten sie drei Wochen (vom 3.–24. Juni) in banger Erwartung zu. Sie beteten viel und fasteten täglich, ja in den letzten Tagen, als sie hörten, daß die Wallbrüder nach Neuß zum Johannisfest (1. Tammus = 24. Juni) kommen sollten, fasteten sie zwei Tage hintereinander. Aber der Himmel schien taub gegen ihr inbrünstiges Flehen. Die Kreuzfahrer hatten sich am Johannistag durch die Messe zu neuem Morden gestärkt und schlachteten an demselben Tage sämtliche Juden, welche in Neuß Zuflucht gefunden (nach einer nicht ganz verbürgten Nachricht zweihundert an der Zahl). Einen Mann, namens Samuel ben Ascher, der wahrscheinlich die übrigen zur Standhaftigkeit ermahnt hatte, mißhandelten die Mörder auch nach dem Todesamt seinen zwei Söhnen und hängten die Leichname vor seiner Türe auf.

Die Wallbrüder hatten endlich die Spur der Cölner Juden aufgefunden und suchten dieselben in ihren Zufluchtsstätten auf. Eine Schar drang tags darauf in Wevlinghofen ein (an der Erst, südlich von Cöln) und mordete die jüdischen Flüchtlinge aus Cöln. Darunter wird namhaft gemacht: Levi ben Samuel nebst seiner ganzen Familie und eine Greisin Rachel, welche den andern das Beispiel des Opfermutes gegeben hatten. Viele hatten ihrem Leben in Seen und Sümpfen ein Ende gemacht. Ein gelehrter Greis Samuel ben Jechiel gab das Beispiel dazu. Er schlachtete seinen schönen, kräftigen Sohn mitten im Wasser, sprach den Segen dazu, und das Opfer fiel mit »Amen« ein während die Umstehenden ihr »Höre Israel« anstimmten und sich ins Wasser stürzten. Der Greis reichte nach der verzweifelten Tat einem andern Jüngling, namens Menahem (einem Synagogendiener) sein Messer und ließ sich von ihm töten. – Tags darauf kam die Reihe an die Flüchtlinge in Aldenahr (an der Ahr, unweit Bonn), die auf dieselbe Weise umkamen. Ein gelehrter Mann Isaak Halevi, den die Wallbrüder gemartert und in der Betäubung getauft hatten, begab sich, nachdem seine Wunden geheilt waren, nach Cöln in sein Haus, bestellte dasselbe und stürzte sich dann in den Rhein. Die Wallbrüder machten ein förmliches Geschäft daraus, die Juden aufzusuchen. Sie begaben sich (Freitag 4. Tammus = 27. Juni) [90] in das Dorf Aldenahr, um mit den dortigen Flüchtlingen wie mit den andern zu verfahren. Die Juden hatten aber Wind davon bekommen und gelobten einander, lieber durch eigene Hand zu sterben. Fünf beherzte Männer wurden ausgewählt, die andern und dann einander zu entleiben. Sie taten es bei verschlossenen Türen und der letzte mit Namen Peter ben Joëz, stieg auf einen Turm und stürzte sich von da hinab. Nur zwei Jünglinge und zwei Kinder, denen das Messer nicht tief genug in den Hals gedrungen war, genasen von der Wunde und blieben am Leben Die Wallbrüder fanden also da nichts mehr zu töten und zogen nach einem andern Orte (Sinzig?), kamen aber so spät an, daß die Juden bereits den Sabbat feierten. Aber die Nacht störte sie nicht in ihrem blutigen Handwerke; die Juden dieses Ortes hauchten ihr Leben aus mit dem Weihsegen (Kiddusch) für den Sabbat auf den Lippen. Ein Franzose hatte ihnen mit erschreckendem Gleichmut die Art gezeigt, wie sie sich entleiben und zugleich ihr Grab finden sollten. Er höhlte die Erde aus, stellte sich hinein und tötete sich; die andern taten es ihm nach.

Die Flüchtlinge von Cöln in Mörs glaubten schon der Gefahr entronnen zu sein; denn die Stadt war befestigt und der Kommandant hatte ihnen Schutz zugesagt, auch wenn er sein Leben dafür einsetzen müßte. Aber plötzlich erschien eine zahlreiche Kreuzfahrerschar vor Mörs und verlangte mit Ungestüm die Auslieferung der Juden (Montag, 7. Tammus = 30. Juni). Der Stadthauptmann zweifelte an erfolgreichem Widerstand und versuchte einerseits die Wallbrüder um Aufschub ihres Angriffs zu bitten und anderseits die Juden zur Bekehrung zu bewegen. Er überzeugte die letzteren, daß er die Stadt unmöglich verteidigen könne. Darauf erwiderten sie ihm, sie seien alle bereit, für ihren Glauben zu sterben. Auch ein Schreckmittel, das er angewendet, um sie zum Nachgeben zu bewegen, machte keinen Eindruck auf die standhaften Juden. Da ließ sie der Stadthauptmann vereinzelt in Gewahrsam bringen, um sie den Wallbrüdern lebend zu überliefern; denn es war kein Geheimnis mehr, daß die Juden lieber einander töteten, als sich der gewaltsamen Taufe zu fügen. In Mörs selbst hatten zwei Frauen, die eine siech, die andere – eine Wöchnerin – ein junges schönes Mädchen geschlachtet, das neugeborene Kind mit der Wiege vom Turme zur Erde geschleudert und dann sich selbst entleibt. Darauf wurden die übrigen Juden in Mörs gefesselt zu den Wallbrüdern außerhalb der Stadt geschleppt, welche einen Teil töteten und die andern gewaltsam tauften. – Tags darauf (1. Juli) erlitten die Juden in Kerpen das Märtyrertum. Im ganzen sollen in den rheinischen Städten in [91] zwei Monaten (Mai bis Juli) zwölftausend Juden getötet worden sein. Die übrigen hatten zum Schein das Christentum angenommen, jedoch nur in der Erwartung, daß der gerechte Kaiser bei seiner Rückkehr aus Italien ihren Klagen Gehör schenken werde.

Überall, wo die wilden Wallbrüder durchzogen und Juden trafen, wiederholten sich die tragischen Szenen.. Namhaft gemacht wird noch als Dulderin die große Gemeinde in Regensburg. Die Juden Böhmens treten durch die Vorfälle des Kreuzzuges in die Geschichte ein. Sie hatten bis dahin das Joch des Druckes nicht empfunden, da das Christentum in den slawischen Ländern noch nicht zur Macht gelangt war. Manche unter ihnen waren wohlhabend und vermittelten den Sklavenhandel, der meistens mit Slawen (Sklavoniern) betrieben wurde, aus der ersten Hand nach dem europäischen Westen und Spanien. Aber sie kamen dadurch in Konflikt mit der Geistlichkeit, und der Bischof Adalbert von Prag eiferte gegen sie mit Nachdruck und gab sich Mühe, viel Geld zusammenzubringen, um den Juden die Sklaven abzukaufen. Gewaltsam entziehen durfte er sie ihnen nicht, so wenig Bedeutung hatte damals die Geistlichkeit im Böhmerlande. Da kam der Kreuzzug und verpflanzte den Giftsamen des Fanatismus auch dahin. Als die Wallbrüder durch Böhmen zogen, war der mächtige Herzog Wratislaw (Bracislaw) II. mit einem auswärtigen Krieg beschäftigt und niemand da, der dem Unfug steuern konnte. Das kreuzfahrende Gesindel hatte also volle Freiheit, seinen Fanatismus zu befriedigen, schleppte die Juden Prags zur Taufe und tötete die Widerstrebenden. Vergebens predigte der Bischof Cosmas gegen diese Gewalttätigkeit7. Die Kreuzfahrer verstanden ihr Christentum besser, als der Kirchenfürst.

Zum Glücke für die Juden Westeuropas und namentlich Deutschlands und zur Ehre der Menschheit war nur der Abschaum des Volkes von blutigem Fanatismus erglüht. Die Fürsten und Bürger dagegen verabscheuten die Mordtaten und die höhere Geistlichkeit selbst, mit Ausnahme des Erzbischofs Rut hard von Mainz und Egilberts von Trier, standen auf seiten der Juden. Die Zeit war noch nicht gekommen, wo die drei Mächte, Fürsten, Völker und Geistlichkeit, in Judenhaß und Judenverfolgung eins waren. Da bald darauf die Nachricht einlief, daß die 200000 Wallbrüder unter Emmerich und Hermann zum großen Teil ein schmähliches Ende gefunden, die meisten von den Ungarn erschlagen wurden und die Führer schmachbedeckt mit dem geringen zerlumpten Rest nach Deutschland zurückkehrten, so betrachteten es Christen [92] und Juden in gleicher Weise als ein gerechtes Strafgericht Gottes. Inzwischen war Kaiser Heinrich IV. aus Italien zurückgekehrt, sprach bei der Nachricht von den Greueltaten der Wallbrüder gegen die Juden seinen Abscheu darüber aus und gestattete auf Verwendung des Gemeindevorstehers von Speyer, Mose ben Guthiel, den gewaltsam Getauften zum Judentum zurückzukehren. Dies war eine Freudenbotschaft für den Rest der Juden in Deutschland. Die Getauften säumten nicht, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen und die Maske des Christentums abzuwerfen (1097). Nur Micha von Trier, der seiner Gemeinde das Beispiel des Abfalls gegeben blieb dem Christentum treu8. Damit waren nun die Vertreter der Kirche keineswegs zufrieden. Selbst der vom Kaiser gehaltene Papst Clemens III. rügte die Menschlichkeit des Kaisers, weil sie gegen die Lehre der Kirche verstieß. »Wir haben gehört,« schrieb derselbe an Heinrich IV. »daß den getauften Juden gestattet worden ist, von der Kirche abzufallen. Es ist dieses etwas Unerhörtes und Sündhaftes und wir fordern dich und alle unsere Brüder auf, Sorge dafür zu tragen, daß das Sakrament der Kirche nicht an den Juden geschändet werde9«. Aber der Kaiser kehrte sich wenig an den unheiligen Eifer der Geistlichkeit. Weit entfernt, den Juden die Rückkehr zu ihrer Religion zu verbieten, leitete er sogar eine Untersuchung gegen die Verwandten des Erzbischofs Ruthard von Mainz ein wegen des Raubes an den Gütern der jüdischen Gemeinde. Die Juden von Mainz hatten nämlich beim Kaiser Klage geführt, daß Emmerich von Leiningen und seine Verwandten im Einverständnis mit dem Erzbischof sich ihre Schätze, die sie im erzbischöflichen Palast niedergelegt hatten, angeeignet hätten. Aber keiner der Angeklagten erschien der Aufforderung gemäß, sich zu verteidigen. Ruthard, der kein gutes Gewissen hatte, beschämende Entdeckungen fürchtete und ohnehin beim Kaiser nicht am besten angeschrieben war, entfloh gar nach Erfurt. Darauf zog der Kaiser die Einkünfte seines Erzbistums ein (1098)10. Ruthard rächte sich dafür an ihm, indem er sich mit dessen Feinden verschwor, ihn zu demütigen.

Den Juden in Böhmen erging es aber in diesem Jahre sehr unglücklich. Auch sie hatten bei der Nach richt, daß der Kaiser die Rückkehr zum Judentum gestattete, das Scheinchristentum schnell fahren lassen,[93] fürchteten sich aber, im Lande zu bleiben, wo sie keine Gerechtigkeit fanden. Sie rafften daher ihr Hab und Gut zusammen, um es vorauszusenden, in Sicherheit zu bringen und dann selbst teils nach Polen. und teils nach Pannonien (Österreich und Ungarn) auszuwandern. Da kehrte der Böhmenfürst Wratislaw von seinem Kriegszuge zurück und erfuhr, daß die Juden ihre Reichtümer außer Landes bringen wollten. Sofort ließ er ihre Häuser mit Soldaten besetzen. Ein Kämmerer des Herzogs rief die Ältesten zusammen, erklärte ihnen in dessen Namen, daß alles, was sie besäßen, dem Herzog gehöre, daß es ein an ihm begangener Raub sei. »Von Jerusalems Schätzen habt ihr nichts nach Böhmen gebracht. Durch Vespasian besiegt und um Spottpreis verkauft, seid ihr über den Erdkreis zerstreut worden. Nackt seid ihr ins Land gekommen, nackt möget ihr ausziehen. Wegen des Abfalls von der Kirche mag der Bischof Cosmas mit euch rechten.« Einer solchen Logik ließ sich nichts entgegensetzen; es war die Logik der schamlosen Gewalttat11. Und so wurden die böhmischen Juden von Kopf bis zur Fußsohle ausgeplündert und ihnen nur so viel gelassen, als sie augenblicklich zur Stillung ihres Hungers bedurften. Mit einer gewissen Schadenfreude erzählt der chronikschreibende zeitgenössische Bischof, daß damals den Juden mehr Geld abgenommen wurde, als den Bewohnern Trojas nach ihrer Besiegung von den Griechen. Es scheint, daß sie, ihrer Habe beraubt, die Auswanderung aufgegeben haben. Denn der zeitgenössische Geschichtsschreiber erzählt noch manches von den böhmischen Juden, so, daß einer unter ihnen, namens Jakob, eine hohe Stellung als Stellvertreter des Herzogs einnahm12.

[94] Schlimmer noch erging es den Juden von Jerusalem. Als das Kreuzheer unter Gottfried von Bouillon nach vielen Mühseligkeiten die heilige Stadt mit Sturm genommen und ein Blutbad unter den Mohammedanern angerichtet hatte, trieb es die Juden, Rabbaniten und Karäer untereinander, in eine Synagoge, steckte sie in Brand und bereitete ihnen einen qualvollen Tod (15. Juli 1099)13. Das elfte Jahrhundert endete für die Söhne Jakobs eben so blutig, wie es begonnen hatte. Dem Kaiser Heinrich war es aber mit der Beschützung der Juden seines Reiches völlig ernst. Er ließ bei seiner Anwesenheit in Mainz, als er den Schauplatz haarsträubender Mordszenen gewahrte, Fürsten und Bürger einen Eid schwören, daß sie den Juden Frieden gewähren und sie nicht mißhandeln lassen würden (1103)14. Der Schutz, den der Kaiser den Juden bewilligte, war für sie nur für den Augenblick von günstiger Bedeutung, hatte aber nachteilige Wirkungen in seinem Gefolge. Sie kamen dadurch in ein abhängiges, der Leibeigenschaft verwandtes Verhältnis zum Landesherrn.

Dieser Umstand war aber nicht die einzige üble Folge des ersten Kreuzzuges für die deutschen Juden. Auf der einen Seite beanspruchte der Papst Clemens III. die unter Todesfurcht Getauften für die Kirche, uneingedenk dessen, daß sich ihr ganzes Wesen dagegen empörte und sie nur Verachtung und Haß gegen ein solches Christentum empfinden mußten. Auf der andern Seite wollten sie die frommen, treugebliebenen Juden von sich stoßen, sie nicht mehr als ihresgleichen anerkennen, sich nicht mehr mit ihnen verschwägern, sich nicht mit ihnen in Speise und Trank mischen, obwohl sie ihre Anhänglichkeit an das Judentum durch ihre sofortige Rückkehr hinlänglich bekundet hatten. So wurden diese Unglücklichen von zwei Seiten als Abtrünnige und als Geächtete angesehen. Als aber diese engherzige Anschauung Raschi zu Ohren gekommen war, sprach er in seiner innigen Frömmigkeit sich entschieden dagegen aus: »Ferne sei es uns, uns von den Zurückgebliebenen abzusondern und sie zu beschämen! Alles was sie getan haben, geschah aus Furcht vor dem Schwerte und sie hatten nichts Eiligeres zu tun, als zum Judentum zurückzukehren«15. Schlimmer noch waren die Nachwehen des ersten Kreuzzuges. Der Sinn der deutschen Juden, der sich ohnehin zu übertriebener, büßender Frömmigkeit neigte, wurde durch die beispiellosen Leiden noch mehr verdüstert. Jeder Frohsinn war[95] unter ihnen verscheucht, sie waren seitdem stets in Sack und Asche gekleidet. Es bemächtigte sich ihrer eine Gedrücktheit, der sie sich lange nicht entwinden konnten. Von der katholischen Kirche, die sie nicht genug verabscheuen konnten, nahmen sie nichtsdestoweniger den Brauch an, die Gräber ihrer Märtyrer, die sie auch Heilige (Kedoschim) nannten, zu besuchen, dabei Totengebete zu verrichten und sich deren Fürbitte im Himmel zu empfehlen. Das Judentum in Deutschland erstarrte seit der Zeit immer mehr zu einem düsteren Wesen. Freilich waren namentlich die Träger desselben von außerordentlicher Sittenstrenge; allein ihre Sittlichkeit hatte keinen Schwung, wie denn auch die Poesie bei den deutschen Juden keinen Eingang finden konnte. Ihre Dichter, wenn man sie so nennen darf, variierten nur die Klage über das grausige Leid und die Verlassenheit Israels in Bußgebeten und Trauerliedern. Von den deutschen Poetanen, welche die Leiden des ersten Kreuzzuges in herzzerreißende, aber unpoetische Verse gesetzt haben, sind bekannt Benjamin ben Chija, David ben Meschullam, David ben Samuel Halevi, Jakob ben Isaak Halevi, Kalonymos ben Jehuda aus Speyer und Samuel ben Jehuda aus Mainz16.

Gegen die überhandnehmende, büßermäßige Richtung der deutschen Juden bildete der Talmud ein günstiges Gegengewicht. Das Talmudstudium, wie es Raschi angebaut hat, schützte vor Verdumpfung, gedankenlosem Hinbrüten und mönchischem Wesen. Wer sich in den verschlungenen Gängen des Talmuds zurechtfinden wollte, mußte das Auge für die Welt der Tatsachen stets offen haben, durfte sein Denken nicht einrosten lassen. Das tiefe Talmudstudium war der Balsam für die Wunden, welche das kreuzfahrende Gesindel den Gemeinden der Rheingegend geschlagen hatte. Im Lehrhause herrschte die Freudigkeit gedanklichen Schaffens, hier war keine Sorge, kein Trübsinn zu bemerken. Das Lehrhaus wurde auf diese Weise die Welt für die Unglücklichen. Die beiden Männer, welche dem Talmudstudium Schwung und Tiefe gegeben haben, starben im Anfange des zwölften Jahrhunderts: Isaak Alfâßi 1103 (10. Siwan = 19. Mai)17 und Raschi zwei Jahre später 1105 (29. Tammus = 13. Juli)18, inmitten der Beschäftigung [96] mit der Ausarbeitung seiner Talmudkommentarien19. Beide hinterließen eine zahlreiche Jüngerschar, welche dem tieferen Talmudstudium eine weite Ausdehnung gab. Beide wurden von den Zeitgenossen wie von der Nachwelt hochverehrt. Die Bewunderung der Spanier für Alfâßi sprach sich ihrer hohen Bildungsstufe gemäß in wohlgesetzten Versen, die der deutschen und nordfranzösischen für Raschi auf ihrer niedrigen Kulturstaffel in übertreibenden Sagen aus. Zwei junge Dichter, Mose Ibn-Esra und Jehuda Halevi, setzten in rührenden Elegien um Alfâßis Tod ihm ein schönes Denkmal. Der letztere, kaum zwanzigjährige, sang von ihm:


»Dir bebten Berg' an Sinaïs Tag entgegen,

Der Engel Schar traf dich auf deinen Wegen,

Und schrieb dir Lehren ein in Herzenstafeln,

Der Kronen reichste sie ums Haupt dir legen«20.


Raschi wird von der Sage durch folgende Züge verherrlicht. Sein Vater Isaak habe einen seltenen Edelstein besessen, den die Christen zu einem Auge für ein Madonnenbild hätten erwerben wollen, er aber mochte ihn auch nicht um den höchsten Preis verkaufen, weil sein frommer Sinn sich gesträubt habe, ihn zu einem abgöttischen Zweck verwenden zu lassen. Durch List hätten ihn aber die Christen auf ein Schiff gelockt und ihm unter Todesandrohungen den Edelstein abnötigen wollen. Der fromme Vater Raschis habe ihn aber rasch in die Meeresfluten geworfen. Zur selben Zeit habe sich im Lehrhause zu Troyes eine wunderbare Stimme hören lassen: »Dir, Isaak, wird ein Sohn geboren werden, der wie ein heller Edelstein leuchten wird.« In demselben Jahre sei auch Raschi geboren worden. Im dreiunddreißigsten Lebensjahre habe dieser ein Wanderleben angetreten, teils um das sündhafte Bedauern seines Vaters um den Verlust seines Edelsteines abzubüßen, und teils um zu erforschen, ob es nicht irgendwo bessere Erklärungen zum Talmud als die seinigen gäbe und habe Italien, Griechenland, Palästina, Ägypten und Persien berührt. – Eine andere Sage bringt Raschi mit Gottfried von Bouillon, dem frommen Helden des ersten Kreuzzuges, in Verbindung. Der flandrische Ritter habe Raschi rufen lassen, um ihn über den Ausgang der Unternehmung zur Eroberung Jerusalems zu befragen, da derselbe aber nicht erscheinen mochte, habe sich Gottfried in dessen [97] Behausung begeben, die Türe geöffnet, die Bücher aufgeschlagen gefunden, sogar auf sein Rufen Raschis Stimme vernommen, aber ihn nicht erblickt. Endlich habe sich der Rabbiner von Troyes herbeigelassen, Gottfried Rede zu stehen und ihm auf seine Anfrage über den Ausgang des Kreuzzuges geantwortet: »Du wirst Jerusalem nehmen, drei Tage darin herrschen, am vierten Tage werden dich die Ismaeliten wieder daraus vertreiben und mit drei Rossen wirst du flüchtig hierher zurückkehren.« Gottfried habe Raschi gedroht, wenn er auch nur mit einem Rosse mehr zurückkehren sollte, werde er ihn enthaupten und die Juden Frankreichs vernichten lassen. Nach vierjährigem Kriege sei Gottfried von Bouillon als Flüchtling mit drei Rittern zurückgekehrt und habe an Raschi die angedrohte Strafe vollstrecken wollen. Indessen beim Einzuge in das Tor einer Stadt sei ein Ritter mit seinem Rosse von einem Steine erschlagen worden. Darauf habe Gottfried nach Troyes reiten wollen, um Raschi seine tiefe Verehrung für seine Sehergabe auszudrücken, habe aber zu seinem Bedauern erfahren, daß der große Rabbiner von Troyes bereits hingeschieden sei21. – Die Sage wollte damit das klägliche Ende vieler Kreuzfahrer verlebendigen und den fleckenlosen Helden des ersten Kreuzzuges, das Ideal eines frommen und sittlichen Ritters, entgelten lassen, was das Wallbrüdergesindel an den Juden verbrochen hatte. Die Sage kümmerte sich nicht darum, daß Gottfried von Bouillon fünf Jahre vor Raschi in Jerusalem starb.


Fußnoten

1 Würdtwein, Nova subsidia diplom. I, p. 127: De rebus eorum quos jure haereditario possident Judaei in areis, in casis, in ortis, in vineis, in agris.


2 Das. ad summam concessi illis Judaeis legem, quamcunque meliorem habet populus Judaeorum in qualibet urbe teutonici regni.


3 Würdtwein.


4 Elieser ben Nathan Kontres, Der Leiden von 1096 Eingang und mehrere Liturgien.


5 Über alles den ersten Kreuzzug Betreffende vgl. Note 5.


6 Memorbuch der Wormser Gemeinde; von den umgekommenen Gelehrten werden namhaft gemacht: R. Isaak ben Eliakim, beim Lesen des Talmuds erschlagen; Jakob, Samuel, Ascher, wohl Söhne des Isaak Halcvi; Isaak ben Meïr und Jakob ben Simson; vgl. A. Adler in Josts Annalen 1839, S. 92.


7 Cosmas, Pragensis Chronicon Boemorum, p. 125.


8 Gesta Trevirorum in Histoire de Lorraine I, preuves p. 40. Von der Rückkehr der getauften Juden sprechen fast sämtliche Chroniken des ersten Kreuzzuges.

9 Udalricus Babenbergensis, codex epistolarum No. 170.


10 Chronicon Uspergense und ungedruckte Chronik bei Schaab, Die Juden von Mainz, S. 12f.


11 Cosmas Pragensis bei Pertz, Monumenta XI, S. 103. Die Anrede des Kämmerers ist in Versen wiedergegeben, die des merkwürdigen Inhalts wegen hier einen Platz finden mögen:


O gens progenita manzeribus Ismahelita!

Ut sibi dicatis, dux mandat, cur fugiatis,

Et partis gratis cur gazas attenuatis?

Interea quaecumque mea sunt, sunt mea cuncta.

Nullas de Solimis res diviciasve tulistis.

Uno pro nummo ter deni Vespasiano

Caesare praescripti, sparsi sic estis in orbe.

Macri venistis, macri quo vultis eatis

Quod baptizati sitis, Deus est mihi testis,

Non me, sed Domino sunt ista jubente patrata

Quod autem iterum relapsi estis in Judaïsmum;

Cosmas episcopus videat, quid inde agere debeat.



12 Das. p. 112, 125, 18-29 aus den Jahren 1107, 1122, 1124.


13 Elmacin bei Wilken, Geschichte der Kreuzzüge I, S. 296; Renaud in Michauds Bibliothèque des croisades IV, 92 nach Ibn-G'uzi.


14 Curia Moguntiae bei Pertz, a.a.O. IV, 60.


15 Raschi Pardes. p. 23 d.


16 Vgl. Note 5.


17 Alfâßis Todestag hat Prof. Luzzatto richtig ermittelt Kerem Chemed V, 93 und Abne Sikkaron S. 72 ß. Eine Stütze dafür ist, daß Alfâßis Jünger im Monate Siwan zu seinem Nachfolger für die Lucener Gemeinde ernannt wurde, nach Abraham Ibn-Daud.


18 Nach einem parmesanischen Raschi-Kodex bei S. Bloch, Leben Raschis, S. 18, Note 1 und an andern Stellen.


19 Vgl. zu Makkot 19 b.


20 Die Elegien auf Alfâßi sind in einigen Ausgaben von dessen Halachot abgedruckt und in andere Werke übergegangen. Graetz, Blumenlese neuhebräischer Dichtungen Bd. 2, p. 75, 5.


21 Gedalja Ibn-Jachja in Schalschelet ha-Kabbalah.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1896], Band 6, S. 99.
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