Satvrnvs

[2163] SATVRNVS, i, Gr. Κρόνος, ου, ( Tab. I. II. IX.)

1 §. Namen. Der lateinische Namen soll entweder von Satu kommen, weil er, so fern er den Himmel bedeutet, der Ursprung der andern Dinge sey. Varro de LI. l. IV. c. 10. Er soll daher anfänglich Satunnus seyn genannt worden, woraus hernach Saturnus entstanden. Lipsius de Saturn. c. 2. Dagegen leiten andere solchen Namen von Satur, satt, her, weil er als die Zeiten von den Jahren satt werde. Cic. de N.D. l. II. c. 25. p. 1183. Allein, noch andere führen denselben von σάθη, das männliche Glied, her, weil er solches seinem Vater abgeschnitten; daher denn Saturnus so viel, als Sathunnus, seyn soll. Macrob. Sat. I. c. 8. Einige wollen, er heisse von Sadorn also, welches so viel, als kriegerisch, bedeute: sie melden aber nicht, aus welcher Sprache Sadorn entlehnetsey. Banier Entret. V. ou P. I. p. 94. Die meisten gehen dahin, daß solcher Namen seinen Ursprung von dem ebräischen Sathar habe, welches, er hat verhehlet, verborgen, heißt; und wollen, er sey daher auch im Lateinischen eigentlich Latius, wie seine Gemahlinn Latia genannt worden. Dalechamp. ad Plin. H. N. l. II. o. 8. & Voss. Etymol. in Saturnalia, p. 521. Griechisch heißt er Κρόνος von Χρόνος, die Zeit, weil er [2163] eigentlich diese bedeute. Cic. l. c. Macrob. Saturn. l. I. c. 22. Doch wollen einige diesen Namen lieber aus dem Ebräischen oder Phönicischen Karan, glänzen, herleiten, und damit auf seinen Glanz und Schein sehen; Franc. Iunius ap. Pasor. Ind. ad Hesiod. in Κρονίων. oder von Karnah, Stral, weil er, als ein Sohn des Cölus, gar wohl einen Stral desselben von sich lassen könne. Cler. ad Hesiod. Theog. v. 137. Er hieß hiernächst auch Ἴλος von dem syrischen Worte Il, welches so viel, als das ebräische El ist. Jedoch ist solcher Namen wenigstens unter den Römern und Griechen nicht üblich gewesen. Philo Biblius ap. Voss. l. c.

2 §. Aeltern. Für diese werden insgemein Himmel und Erde angegeben, die man bald Uranos und Tithâa, od. Gäa, bald Cölus und Terra oder Tellus nennet; Hesiod. Theog. v. 132. und zwar soll er deren jüngster Sohn unter allen, seine ältern Brüder hingegen Oceanus, Cöus, Hyperion, Krius und Japetus gewesen seyn, die mit ihm zusammen die Titanen genennet werden. Apollod. l. I. c. 1. §. 3. Indessen machen ihn doch auch einige zu des Pollux Sohne. Fulgent. Mythol. l. I. c. 2. Andere nennen dessen Vater Aemon. Eustath. ap. Muncker. ad Fulg. l. c. Einige geben auch für die Erde die Tethys, Plato ap. Nat. Com. l. II. c. 2. oder Hekate zu seiner Mutter an. Arnob. ap. Gyrald Synt. IV. p. 133. Jedoch ist erstere Meynung allerdings die gemeinste.

3 §. Gemahlinn und Kinder. Erstere von diesen war Rhea, oder, wie sie auch lateinisch heißt, Ops, mit welcher er die Vesta, Ceres, Glauka und Juno, wie auch den Pluto, Neptun, und endlich den Jupiter zeugete. Weil ihm aber Vater und Mutter vorher sagten, daß ihn seine Söhne dereinst vom Throne stoßen würden, so pflegte er solche insgesammt alsobald nach ihrer Geburt zu verschlingen. Apollod. l. I. c. 1. §. 3. Er wurde aber dabey theils von der Rhea betrogen, theils mußte er sie auch bald wieder von sich geben. Hiernächst zeugete er mit der Philyra [2164] den Chiron, und verwandelte sich dabey in ein Pferd, damit es seine Gemahlinn nicht merken sollte. Id. ib. c. 2. §. 4 Virgil. Georg. III. v. 93. & ad eum Philarg. & Serv. l. c. Hygin. Fab. 138.

4 §. Thaten und Schicksal. Er soll von einer ganz ungemeinen Bosheit und großem Geize gewesen seyn. Diod. Sic. l. III. c. 61. p. 136. Daher ließ er sich denn gar leicht von seiner Mutter bewegen, die von seinem Vater in den Tartarus verstoßenen Titanen zu rächen, diesen zu überfallen, und ihm mit einer diamantenen Sichel dasjenige wegzuschneiden, was ihn zum Manne machete. Hesiod. Theog. v. 154. sq. Er stieß solchen zugleich vom Throne, und wurde von seinen befreyeten Brüdern dagegen darauf gesetzet. Er vergalt es aber diesen gar schlecht, als er sie wiederum binden und in dem Tartarus verwahren ließ. Apollod. l. I. c. 1. §. 3. Dagegen rühmeten die alten Kretenser seine Gerechtigkeit und Güte, die er den Menschen erwiesen, indem er sie von einem wilden und viehischen Leben auf ein geschlachteres und besseres geführet, viele Länder durchreiset und sie durchaus verbessert. Man glaubete daher, es habe zu seiner Zeit die frömmsten Leute gegeben. Diod. Sic. l. V. c. 66. p. 231. Es soll auch selbst die goldene Zeit unter ihm gewesen seyn, in welcher die Menschen weder Sorge, noch Arbeit, Mühseligkeit, noch Alter, empfunden, wohl aber stets gesund und lustig gewesen, weil Korn und Wein von sich selbst zur Genüge gewachsen seyn. Hesiod. O. & D. v. 111. Da sein älterer Bruder, Titan, ihm die Regierung unter gewissen Bedingungen überlassen hatte, er solche aber nicht hielt: so nahm derselbe ihn und seine Gemahlinn gefangen. Ihr Sohn Jupiter aber befreyete sie wieder, welchen Saturn dafür, aus Argwohne wegen der ihm gethanen Prophezeyung, heimlich nach dem Leben stund. Allein, Jupiter kam ihm zuvor, und stieß ihn selbst vom Throne, zwang ihn auch, sich aus dem Lande zu flüchten, und möglichst verborgen zu halten, wollte er nicht aufgehoben und hingerichtet seyn. [2165] Ennius ap. Lact. Inst. divin. l. I. c. 14. Sieh Titan. Nach andern bekam ihn Jupiter gefangen, und brachte ihn, auf des Prometheus Rath, in den Tartarus in Verhaft. Aeschylus in Prometheo. Er bestach aber die Wache, und kam also erst in den Peloponnesus, und endlich nach Italien. Hieselbst wurde er von dem Janus gütig aufgenommen, welcher ihm so gar vergönnete, unsern von seiner Stadt das Schloß Saturnia, zu seiner Sicherheit, zu erbauen. Wie er nun den Einwohnern daselbst den Ackerbau wies, hiernächst sie von ihrem wüsten und räuberischen Leben auf ein gesitteters führete, auch die Kunst, das Geld zu prägen, zeigete, und andere Wohlthaten mehr erwies, so nahm ihn Janus endlich selbst zum Reichsgehülfen an. Aurel. Vict. O. G. R. c. 3. & Macrob. Saturn. l. I. c. 7. Hier genoß er nun zwar aller Ehre, war auch so sicher, daß das Land von seinem verborgenen Aufenthalte selbst den Namen Latium bekam. Virgil. Aen. VIII. v. 322. & Ovid. Fast. I. v. 238. Allein, nichts destoweniger schloß er mit den übrigen Titanen einen neuen Bund wider den Jupiter; und, nachdem sie sich stark genug befanden, so kam es wieder zum Kriege, welcher zehen ganzer Jahre währete, und endlich in einer harten Schlacht bey Tartessus in Spanien seine Endschaft erreichte. Saturn wurde darauf gezwungen, sich nach Sicilien zu flüchten, woselbst er, nach einigen, vor Kummer starb, nach andern aber nach der Art bezahlet wurde, wie er seinem Vater begegnet. Banier Entret. V. ou P. I. p. 97. Jupiter berauschete ihn mit einem Tranke von Honig und nahm ihm in solchem Zustande die Mannheit. Lycophr. v. 869. & ad eum Tzetz. l. c. Man will die Sichel, womit solches geschehen, oder die, deren sich Saturn selbst zu gleicher Verrichtung bedienet hat, noch in dem Meerbusen nahe bey Corcyra gefunden haben, welcher denn davon Drepanum genannt worden. Apol lon. l. IV. v. 984. & Schol. ad ill.

5 §. Verehrung. Er wurde sowohl unter dem Namen des Molochs von [2166] den Phöniciern und Syrern, als auch sonst von den Karthaginensern, mit Menschenopfern verehret, so, daß diese letztern ihm auf einmal bis zweyhundert edle Kinder opferten. Lactant. Inst. l. I. c. 21. & Voss. Theol. gent. l. II. c. 11. Wenigstens hatte seine Bildsäule bey den letztern viel Aehnlichkeit mit des Molochs seiner. Sie war von Erzte und die Hände daran zurück gebogen und gegen die Erde zu gestreckt, so, daß ein Kind, das man ihm wiedmete, so bald man es in seine Arme legete, gleich den Augenblick in eine zu seinen Füßen befindliche glühende Feuergrube hinab fiel und daselbst verzehret wurde. Diod. Sic. l. XX. c. 14. p. 740. Dieser Dienst soll auch so gar bis zu den Galliern gekommen seyn. Dion. Hal l. I. c. 38. p. 30. Die Griechen hatten ihm hin und wieder Tempel errichtet, von denen insonderheit der zu Olympia noch von den Leuten aus dem goldenen Weltalter selbst erbauet seyn sollte. Paus. El. prior. c. 7. p. 299. Zu Rom hatte er insonderheit den berühmten Tempel in der VIII Region, woselbst die Römer zugleich ihren Schatz, wie nicht weniger ihre Fahnen und Gesetze u.d.g. als an einem sehr heiligen Orte, verwahret hielten. Macrob. Saturn. l. I. c. 8. Alex. Don. l. II. c. 15. & Nardin. l. V. c. 6. Er stund auch ihrer Schatz- oder Rentkammer insbesondere vor, und soll zuerst das Geld mit einem Bilde gepräget haben. Tertull. Apolog. c. 10. p. 112. Sein besonderes Fest bey ihnen waren die so genannten Saturnalien, welche sich den 17 December anfiengen, und erst nur einen Tag, hernach aber bis sieben Tage währeten, wovon jedoch eigentlich nur die ersten drey Saturnalien, die andern viere aber Sigillarien hiessen. Bey diesem Feste wurde kein Rath gehalten; die Schulen wurden zugemacht, kein Krieg angekündiget, niemand gestrafet, die Herren warteten den Knechten bey Tische auf, und was dergleichen Dinge mehr waren, wobey man sich der goldenen Zeit wieder erinnern wollte. Macrob. l. c. Cf. Dempsterus ad Rosin. l. II. c. 4. item Alex. ab Alex. l. II. c. 22. Struv. Synt. A. R. c. 9. alii. So führete auch nicht allein Italien [2167] ehemals von ihm den Namen, daß es Saturnia tellus hieß: Virgil. Georg. II. v. 173. sondern auch selbst der oberste Planet am Himmel hat zu seinem Andenken seinen Namen bekommen. Plin. H. N. l. II. c. 8.

6 §. Bildung. Er wurde als ein alter Mann mit grauen Haaren undgroßem Barte vorgestellet, der dabey gebücket war, verdrüßlich und blaß aussah, den Kopf bedecket und in der rechten Hand eine Sense mit einer Schlange, die ihren Schwanz im Maule hatte, in der linken aber ein Kind hielt, welches er zum Munde führete, als ob er es verzehren wollte. Alber. gentil. de Imag. Deor. c. 1. Man bildete ihn auch wohl als einen alten Mann mit bloßem Kopfe, zerrissenen lumpichten Kleidern, der in der linken Hand eine Schale hielt, mit der rechten aber etwas in den Mund steckete, zun Füßen vier Kinder liegen hatte, wovon denn sein Alter die Länge der Zeit, die zerrissenen Kleider sein Alter, das bloße Haupt die Redlichkeit seiner Zeit, die Sichel, daß die Zeit alles gleichsam abmähne, und das, was er in den Mund stecket, daß selbige auch alles verzehret, die vier Kinder aber die vier Elemente bedeuten sollen. Chartar. Imag. 2. a. Es finden sich nur sehr wenige Denkmäler aus dem Alterthume noch von ihm. Auf einem beym Boissard wird er wie ein alter Mann gerade stehend vorgestellet, der sich mit seiner rechten Hand auf einen Baumstamm stützet, um den eine Schlange gewunden ist. Zu seinen Füßen liegt die Sichel, als dessen Hauptkennzeichen. Montf. ant. expl. T. I. P. I. pl. 6. Seinen Kopf sieht man noch auf verschiedenen römischen Münzen mit der Sichel hinter demselben und ist ergemeiniglich belorbert, die Sichel aber ausgezacket. Haverc. Thes. Morell. T. I. p. 278. Beger. Thes. Brand. T. II. p. 544. Auf verschiedenen des Luc. Saturninus fährt er auf einem vierspännigen Wagen, dessen schnell laufende Pferde er mit der linken Hand regieret, da er in der erhobenen rechten die Sichel hält. Havercamp. l. c. p. 383.

[2168] 7 §. Eigentliche Historie. Man unterscheidet verschiedene Saturne und glaubet so gar, daß in den ältesten Zeiten die meisten Könige diesen Namen angenommen. Einige halten ihn für den Adam, den ersten Menschen; Voss. Theol. gent. l. I. c. 18. andere für den Noah, dessen drey Söhne, Sem, Ham und Japhet, Jupiter, Neptun und Pluto wären. Bochart. Phaleg. l. I. c. 1. Die dritten nehmen ihn für den Abraham, Huet. D. E. Propos. IV. c. 5. §. 2. die vierten für den Cham an. Id. ib. c. 10. §. 6. Noch andere halten ihn für einerley mit dem Pan, Macrob. Saturn. l. I. c. 22. oder auch dem Baal oder Bel; Serv. ad Virgil. Aen. V. imgleichen dem Evander, Janus, u.s.f. Huet. l. c. 61. Am wahrscheinlichsten wird er für einen ehemaligen König in Phrygien gehalten, von da er sich aber mit der Zeit nach Italien, und endlich nach Sicilien begeben müssen. Banier Entret. V. ou P. I. p. 95. Dess. Erl. der Götterl. III B. 41 ff. u. 176 ff. S. Die Verstümmelung seines Vaters und seine eigene soll bloß anzeigen, daß ihnen ihre besten Räthe abspänstig gemacht worden. Cleric. ad Hesiod. Theog. 180. v. Daß er seine Kinder verzehret, soll auch nichts weiter andeuten, als daß er dieselben eine Zeitlang entfernet oder eingesperret gehalten habe. Id. ib. v. 459.

8 §. Anderweitige Deutung. Einige verstehen unter ihm die Sonne. Macrob. Saturn. l. I. c. 17. Andere, und zwar die meisten, nehmen ihn für ein Bild der Zeit an. Voss. l. c. l. VIII. Jedoch halten ihn etliche für die immer fortwährende Dauerder Zeit, oder Ewigkeit; und etliche nur für die älteste Zeit. Damms Götterl. 86. §. Die dritten deuten ihn auf die Zeugung aller Dinge; Phurnut. de N.D. c. 7. die vierten auf einen guten Regenten, unter welchem die Unterthanen eine goldene Zeit haben; Omeis Mythol. in Saturnus, p. 231. und was dergleichen mehr ist.

Quelle:
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 2163-2169.
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