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[49] »Handle so, wie du kannst wollen,
Daß auch andere handeln sollen«.
Mirza Schaffy.
Füge niemand böses zu.
Gerne andern gutes thu.
Sei höflich gegen alle Leute,
Nicht grob wie Sacktuch, sondern sein wie Seide.
Grüße freundlich und ziehe den Hut,
Begegnet dir jemand, der dir bekannt.
Den Lehrer grüße ehrerbietig
Und gieb ihm artig die Hand.
[49]
Dienstfertig, gefällig gegen jeden sei,
Ob gering, ob vornehm, einerlei.
Spotte nie über anderer Schwächen,
Ueber Körperfehler und Gebrechen.
Schlagen, balgen, raufen, kratzen,
Wie Hunde und Katzen:
O pfui, wie roh!
Kinder, die sich so benehmen,
Soll man mit der Rute zähmen.
Lustig möget ihr spielen und lachen,
Doch ja keine schlechten Streiche machen.
Heiter möget ihr scherzen und spassen,
Doch andern zu schaden unterlassen.
Verführung, Kind, ist ein böses Ding,
Sie fächelt dir lind um die Wange,
Ihr Odem aber bringt Gefahr,
Sie ist eine giftige Schlange.
Träufelt ihr Gift dir in die Ohren,
So süß
Wie einst der Eva im Paradies.
Folgst du ihr, so bist du verloren.
Ach! manches brave Kind ist durch sie[50]
Schon oft zu Falle gekommen,
Hat an Leib und Seele Schaden genommen,
Dieweil es ein williges Ohr ihr lieh!
Merke:
Wenn Verführung naht, zu verleiten dich,
Zu begehen verwerfliche Streiche –
Wie der Heiland dereinst zum Satan sprich:
Heb' weg dich, Satan! Entweiche!
Und lacht man dich aus,
So mach' dir nichts draus.
Bleib fest, bleib bieder,
Und lache wieder.
Ist einer deiner Kameraden
Oder wer sonst in Gefahr geraten,
[51]
Spring' ihm bei ohne zu zaudern,
Ohne zu plaudern, ohne zu schaudern;
Erwäg' nicht lang erst, ob's dich schmerzt,
Bring' ihm Hilfe, mutig, beherzt.
Für Gutes, das dir jemand erweist,
Sollst du dich freundlich bedanken.
Kannst du ihm wieder Gutes thun,
Thu' es, ohne zu schwanken.
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