9. Kapitel.

Vom Sitzen, Stehen und Gehen.

[46] »Frei und frank,

Wie die Tanne schlank.«


Aufrecht sollt ihr immer gehen,

Aufrecht sitzen, aufrecht stehen,

Auf der Straße und zu Haus:

Hoch der Kopf, die Brust heraus!


Arme schlenkern, Beine schleifen,

Häuser mit den Händen streifen

Stets ihr unterlassen müßt,

Weil es gar nicht artig ist.


Allzu wild und ausgelassen

Tollet niemals auf den Gassen.

Seht auf den Weg, rennt niemand an,

Sonst heißt's: Der Lümmel! Der Grobian
[46]

9. Kapitel: Vom Sitzen, Stehen und Gehen

Watet nicht in Schlamm und Pfützen.

Wollt ihr euch mit Kot bespritzen?


So manches Kind hat Quecksilber im Leib,

Kann nimmer ruhig sitzen.

Muß immer hantieren zum Zeitvertreib,

In Möbel schnitzen, in Scheiben ritzen.

Langt mit der Hand

Nach jeglichem Gegenstand,

Der liegt auf dem Tisch,

Spielt damit träumerisch.

Am Tischtuch rupft es,
[47]

An den Knöpfen zupft es.

Schaukelt mit dem Stuhle hin und her,

Als ob's an der Uhr das Pendel wär';

Trommelt mit dem Fuß,

Mit dem Absatz des Schuhs –


Merkt euch:


Dergleichen

Ist einer schlechten Erziehung Zeichen.

Ruhig und still mußt du sitzen können,

Soll man nicht ungesittet dich nennen.

Und wisset:

Wer als Kind nicht lernt, seine Glieder regieren

Der kann

Als Mann

Auch leicht die Zügel der Seele verlieren.
[48]

Quelle:
Adelfels, Marie von: Des Kindes Anstandsbuch. Stuttgart [1894], S. 46-49.
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