2. Brief.

[5] Lieber Wilhelm!


Die Verhältnisse, in welchen Du Dich mit andern Menschen bisher befunden hast und welche für Deine Bedürfnisse, Beschäftigungen und Vergnügungen, für Deine physische, moralische und wissenschaftliche Bildung unumgänglich nöthig gewesen sind, waren zwar nur noch klein und einfach. Verwandte, Lehrer, Bediente und einige Andere waren die Personen, mit denen Du umgingst. Indeß hast Du schon die Erfahrung gemacht und wirst sie nun immer mehr machen, daß diese und alle Deine künftigen Verhältnisse ohne jene ersten Tugenden aller menschlichen und bürgerlichen Gesellschaft, ohne wechselseitige Achtung und Wohlwollen, schlechterdings [5] nicht bestehen können. Je mannichfaltiger und verwickelter diese Verhältnisse aber in Zukunft werden, je näher Du immer mehr Menschen kommen, und in je verschiedenern Lagen Du Dich mit ihnen befinden wirst, desto öfter und auf desto verschiedenere Art und Weise wirst Du in Deinem Umgange mit ihnen die Gesinnungen jener Haupttugenden äußern und üben müssen. Du wirst insbesondere alle jene, aus diesen Gesinnungen entspringenden geselligen oder Umgangstugenden der Menschenfreundlichkeit, der Gefälligkeit, der Ehrerbietung, der Hochachtung, der Nachsicht, der Gelindigkeit, der Schonung, der Aufmerksamkeit, der Diskretion, der Annäherung, der Theilnahme, der Zugänglichkeit etc. etc., durch welche der Umgang der Menschen leicht, nützlich und angenehm wird, und seinem großen Endzwecke, der Ausbildung und Vervollkommnung des Menschengeschlechts entspricht, Dir eigen machen und sorgfältig beobachten, mit einem Worte, Du wirst höflich seyn müssen; denn alle die verschiedenen Aeußerungen dieser Umgangstugenden [6] werden unter dem allgemeinen Namen der Höflichkeit begriffen.

Die wahre Höflichkeit ist Sache der Vernunft und des Herzens, Sache des ganzen geselligen Lebens. Sie umfaßt, belebt und leitet durch den reinen, echten Ausdruck wahrer Menschenschatzung und wahrer Menschenliebe das ganze Betragen des geselligen Menschen gegen Andere in seinen Handlungen, Worten und Geberden, und schließt davon aus alle Aeußerungen und Ausbrüche der Menschenfeindlichkeit, der Härte, der Geringschätzung, der Gleichgültigkeit, der Kälte, des Eigensinns, der Unverträglichkeit, der Entfernung, und dergleichen ungeselligen Gesinnungen. Sie hat ihren wahren Grund in der Sittlichkeit. Denn insofern man jene Umgangstugenden als reine Ausflüsse der beyden Hauptquellen, der Achtung und des Wohlwollens gegen Andere, ansehen kann und muß, in so fern darf man auch den Aeußerungen dieser Tugenden, wenn ihre Gesinnungen zum Grunde liegen, den sittlichen Werth nicht absprechen. Wenn Du Jemanden Vergnügen machst, wenn Du davon sprichst, [7] was ihm angenehm ist, nichts erwähnst, was ihm unangenehm ist, seine Vorzüge geltend machst, seine Schwachheiten und Fehler verbirgst und zudeckst: so sagt man, daß Du ein höfliches Betragen hast. Thust Du nun dieses aus Achtung und Wohlwollen, wie Du es sollst, so hat Deine Höflichkeit einen sittlichen Grund, und sie ist eine Wirkung Deiner tugendhaften Gesinnungen.

Es gibt aber, zumal bey den civilisirten Nationen, eine Menge Gebräuche und Formen in dem geselligen Betragen, welche für Höflichkeitsbezeigungen gelten, aber keinen Grund in der Sittlichkeit haben, sondern blos durch willkürliche Uebereinkunft eingeführt worden sind. Es sind conventionelle Sitten, die in jedem Lande, in jeder Stadt anders sind. Daß wir Andere durch Hutabnehmen grüßen, den Höhern zur Rechten gehen lassen, in Gesellschaften, in Briefen gewisse Formalitäten beobachten, alles dieß ist bloße Convention. Allein wir beobachten diese Art von Höflichkeit mit eben der Sorgfalt als die erstere sittliche; diese aus Liebe zur Tugend, jene aus Achtung gegen die allgemein eingeführten [8] Gebräuche, und es würde von einem großen Unverstande und thörichten Stolze zeugen, wenn man sich über die conventionelle Höflichkeit, als eine sogenannte Etikette hinweg setzen wollte. Derjenige, welcher mir den Gruß nach der hergebrachten Art nicht erwiedert, beleidiget mich eben so, als wenn er mir eine höfliche Frage nicht beantwortet. Weil die conventionellen Höflichkeitsregeln in den verschiedenen Ländern und Orten verschieden sind, so mußt Du, lieber Wilhelm, wenn Du dahin kommst, Dich gleich anfangs davon genau unterrichten, um nicht anzustoßen. In Italien ist es eine beleidigende Unhöflichkeit, einer Dame die Hand zu küssen, und in Portugal erfordert es die Höflichkeit, sie zur linken gehen zu lassen.

Da die Höflichkeit in ihrem ganzen Umfange, sowohl in Beziehung auf Sittlichkeit als auf Uebereinkunft im geselligen Leben, so eine ganz unerlaßliche Pflicht ist, daß derjenige, welcher sie vernachlässigen und hintansetzen wollte, sein Recht mit Andern umzugehen, aufgeben würde und sich nicht beklagen dürfte, wenn Andere sich von seiner Gesellschaft oder ihn von der Ihrigen [9] entfernt hielten: so siehest Du leicht, lieber Wilhelm, wie viel Mühe Du Dir zu geben hast, um es in der Höflichkeit bis zur möglichsten Vollkommenheit zu bringen.

Wenn Du damit anfängst, daß Du gegen Andere blos die allgemeine, Jedermann schuldige Achtung und Menschenliebe äußerst, mit Vermeidung aller Ausbrüche der entgegengesetzten Gesinnungen, so, daß Du Niemanden beleidigest, so bist Du nur im niedrigsten Grade höflich.

Zu dieser Höflichkeit gehört nicht viel. Schon die allgemeinen Sitten und Gewohnheiten einer jeden civilisirten Nation machen sie nothwendig; man darf nur unter dieser leben, um sie zu beobachten, ohne eine besonders gute Erziehung zu haben. Es sind daher die Verletzungen dieser Höflichkeit, die Grobheiten desto beleidigender und unverzeihlicher, je weniger es kostet, sie zu jeder Zeit zu vermeiden. Man müßte sehr roh seyn, wenn man, zum Beyspiel, Jemanden verächtlich behandeln, ihn nicht anhören, ihm grade zu widersprechen, oder seiner Fehler, seiner Unwissenheit spotten wollte.

[10] Wenn Du aber mit Deinen Aeußerungen der geselligen Tugenden eine beständige Aufmerksamkeit auf die Umstände, in denen Du Dich befindest, eine richtige Beurtheilung der verschiedenen Verhältnisse, in welchen Du mit Andern stehest, der Personen, die Du vor Dir hast, der Zeit und des Orts, wo Du bist, verbindest, so daß Du in Deinem ganzen Betragen nicht anstößest, nicht mißfällst, so besitzest Du die Höflichkeit im höhern Grade.

Wenn Du hier fehlst, wenn Du z.B. einen Höhern Deiner Freundschaft versichern, in seiner Gegenwart, wäre es auch auf eine unschuldige Art, Scherz treiben, bey Niedern Dich über ihre Dir vielleicht lästigen Gewohnheiten mit Gleichgültigkeit hinwegsetzen, bey Kranken oder Geschäftsvollen lange Besuche machen, vor Jemanden Dinge, die ihm unangenehm sind, in Erinnerung bringen wolltest, so würdest Du unhöflich seyn und mißfallen.

Wenn Du endlich mit diesem höhern Grade der Höflichkeit Aeußerungen liebenswürdiger Eigenschaften eines gebildeten Geistes und Herzens [11] verbindest, so daß Du wirklich gefällst und Dich angenehm machst, so bist Du im engsten eigentlichen Sinne höflich, Du hast die wahre Höflichkeit, die man auch Artigkeit nennt.

Der wahre höfliche Mann gefällt immer in jeder Lage, in welcher er sich mit Andern befindet. Er ist z.B. gütig, zuvorkommend, schonend, gefällig, er sagt Jedermann angenehme Sachen auf die beste Art, macht des Andern Vorzüge und Vollkommenheiten geltend, ohne sein Schmeichler zu seyn, und weicht allen Gelegenheiten aus, wo dessen Mängel und Fehler blos gestellt werden könnten, er führt angenehme, interessante Gespräche herbey, die Jedermann unterhalten, kurz, er weiß alle geselligen Tugenden zu jeder Zeit, an jedem Orte, auf die schicklichste und angemessenste, auf die gefälligste und einnehmendste Art, auszuüben.

Diese Höflichkeit wirst Du Dir, liebster Neffe, immer mehr eigen zu machen suchen. Kann Dich mein guter Rath unterstützen und Dich zum Ziel führen, so werde ich mich hierüber eben so [12] sehr freuen, als über Deine Fortschritte in den Wissenschaften, welche immer nur unter der Begleitung seiner Sitten bey Andern Zugang und achtungsvolle Aufnahme finden. Man muß nicht allein den Musen, man muß auch den Grazien opfern. –


** den 15. Junii 1802.


Quelle:
[Anonym]: Briefe über die Höflichkeit und den Anstand oder die feine Lebensart. Leipzig 1804, S. 5-13.
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