3. Brief.

[13] Lieber Wilhelm!


Es werden Dir bisweilen Leute vorkommen, die weniger aus Gewissenhaftigkeit, als zur Entschuldigung ihrer rohen Sitten, ihrer Trägheit, ihres thörichten Stolzes, welcher die gewöhnliche Quelle der Unhöflichkeit ist, vorgeben, daß die Höflichkeit den höhern Pflichten der Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit entgegen laufe, und nichts besseres als Falschheit und Lüge sey. »Wie kann [13] man, sagen sie, ahne zu lügen, Jedermann Achtung und Wohlwollen zu erkennen geben, da man nicht Jedermann achtet und liebet; Jedermann seine Ergebenheit und Dienstfertigkeit versichern, da man nichts weniger als Jedem zu dienen geneigt ist? Der ehrliche, offene, aufrichtige, wahrhaftige Mann kann das nicht.«

Dieses Vorgeben hat einigen Schein. Er wird Dich aber, hoffe ich, nicht blenden, wenn Du über das Wesen und die Bestimmung der bürgerlichen Gesellschaft genau nachdenken willst.

Schon der Mensch als Mensch verdient Deine Achtung und Dein Wohlwollen; er hat mit Dir gleiche Abkunft, gleiche Natur, gleiche Hofnungen und Bestimmungen. Der Mensch als Mitbürger verdient diese Achtung und dieses Wohlwollen im höhern Grade, und überdieß Deine Dankbarkeit. Du bedarfst der Hülfe, der Wohlthaten, der Arbeiten, der Dienste, der Lehren, des Raths, der Warnung von Tausenden, damit Du leben, Dich nähren, kleiden, Ruhe und Sicherheit genießen, damit Du durch Entwickelung und Ausbildung Deiner Fähigkeiten [14] und Anlagen, zu einem Menschen werden kannst. Wie viel thun also Andere in der bürgerlichen Gesellschaft für Dich und wie wenig kannst Du, als Einzelner, für sie thun! Es ist daher eine, unter den gesitteten Nationen, aus sehr richtigen Gründen angenommene, der menschlichen Natur sowohl, als der Bestimmung der bürgerlichen Gesellschaft vollkommen gemäße Sitte und Gewohnheit, es ist ein stillschweigender Vertrag unter allen gebildeten Menschen, daß überhaupt ein Jeder dem Andern, als Menschen und als Mitbürger im Umgange mit ihm, allgemeine Achtung und Wohlwollen ohne Unterschied beweise, oder daß er höflich gegen ihn sey, die besondern entgegengesetzten Gesinnungen aber, die er gegen den oder Jenen in Absicht seiner persönlichen Fehler und Unvollkommenheiten hegt, zurückhalte, damit das gesellige Leben leicht und angenehm, Beleidigungen und Feindschaften gehindert, der Ausbruch böser Neigungen unterdrückt, Ungerechtigkeiten vermieden, Menschen einander genähert und verbunden, und so tausendfaches Gute gestiftet werde.

Wenn Du also Jemanden, den Du wegen besonderer Dir bekannten schlechten Züge seines [15] Charakters oder tadelnswürdigen Handlungen, oder Dir zugefügten Beleidigungen nicht achtest und ihm nicht wohl willst, wenn Du einem Höhern, der ohne allen persönlichen Werth ist, Ehrerbietung bezeigst: so müßte er sehr neu in der Welt seyn, wenn er nicht wissen sollte, daß diese Deine Aeußerungen von Achtung und Ehrerbietung nicht zunächst den unmittelbaren höhern Zweck haben sollen, Deine wahren Gesinnungen gegen ihn, jedesmal in Deinem Umgange mit ihm, getreu und aufrichtig anzukündigen, und in ihrem ganzen Umfange vollständig darzustellen, sondern, daß Deine Höflichkeit nichts als der in der bürgerlichen Gesellschaft sehr weislich eingeführte allgemeine Ausdruck von der einem jeden Mitgliede, nach seinen Verhältnissen, seinem Range und Stande schuldigen Achtung und Menschenliebe seyn soll. Diese Höflichkeit verletzt daher auf keine Weise jene höhern Pflichten der Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, weil Niemand hier im allgemeinen Umgange den Beweis dieser Pflichten verlangen kann und darf, und sie ist keine Lüge, weil der Vorsatz, Jemanden zu betrügen und ihm zu schaden, hier nicht Statt haben kann.

[16] Es würde sehr bedenklich und für den wechselseitigen Umgang höchst gefährlich seyn, wenn wir ohne Schonung und Nachsicht, deren wir alle so sehr bedürfen, weil wir alle ohne Ausnahme fehlen und Unvollkommenheiten haben, einem Jeden oder von einem Jeden dasjenige vollständig sagen und zu erkennen geben wollten, was wir von ihm denken und wie wir gegen ihn gesinnt sind, wenn wir unser Betragen nach dem, was wir von ihm denken, abmessen und uns durch dasselbe zum Richter über ihn, über seinen persönlichen Werth machen wollten. Wie oft, ja wie gewöhnlich beurtheilen wir Anderer Charakter, Gesinnungen und Handlungen und deren Beweggründe ganz, oder doch zum Theil falsch! Wie oft würden wir also unsere harten Urtheile, die wir so frey und offenherzig, so leichtsinnig und verwegen gefällt hatten, mit Beschämung zurücknehmen und um Verzeihung bitten müssen! Und gesetzt, unsere Urtheile wären bisweilen ganz richtig, was würde ihre Bekanntmachung helfen? Ist es kaum dem vertrautesten Freunde erlaubt, seinem Freunde so etwas hartes zu sagen und nur im höchsten Nothfalle mit der gewissesten Hoffnung eines guten Erfolgs und der [17] möglichsten Schonung seiner Eigenliebe; darf nur der öffentliche Lehrer harte Wahrheiten sagen, und dieß nur im Allgemeinen, nie mit Anwendung auf Einzelne; wird der Vorgesetzte, der Erzieher seinen Untergebenen und Zögling nur im Geheim tadeln und warnen: wozu würden denn jene harten, im gewöhnlichen Umgange öffentlich tadelnden Urtheile führen, als zur Erbitterung, zur Feindschaft, zur Trennung? Menschen, die am genausten verbunden sind und sich in verschiedener Rücksicht achten, würden Todtfeinde werden, wenn sie sich vollständig zu erkennen gäben, was sie von einander denken; die meisten, auch die engsten Verbindungen deckt ein gewisser dunkler Schleier, welchen kein Theil wagen darf aufzuheben. Nur dann darfst und mußt Du ihn aufheben, wenn Deine Rechtschaffenheit, Deine Ehre, Deine eigne Würde aufs Spiel gesetzt wird.

Du findest hierin, lieber Wilhelm, zugleich die Gränzlinie, auf welcher Deine Höflichkeit zwischen niederträchtiger Falschheit und Lüge und beleidigender Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit fortgehen muß. Von [18] beyden kann und muß sie gleich weit entfernt seyn; Du darfst weder betrügen noch beleidigen. Der rechtschaffene höfliche Mann thut weder das eine noch das andere. Er wird nie gegen seine Grundsätze und Gesinnungen, gegen seine Ueberzeugungen handeln und sprechen nie Andern das Gegentheil von dem sagen, was er denkt, nie Jemanden Freundschaftsversicherungen machen, dessen Freund er nicht ist, nie Jemanden Dienste, Hülfe versprechen, die er nicht leisten will oder kann, nie etwas loben, was er für tadelnswürdig hält, nie Thorheiten und Laster billigen, noch weniger ihnen schmeicheln, mit einem Worte, er wird nie auf eine falsche, listige, niederträchtige Art etwas zu erkennen geben und versichern was nicht ist, er wird nie simuliren und betrügen. Um aber von der andern Seite nicht durch eine unüberlegte Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit zu beleidigen, wird er nicht alles das frey heraus sagen, was er denkt, nicht von den Thorheiten, Fehlern und Lastern sprechen, die er bey Andern findet oder zu finden glaubt, er wird seine Unzufriedenheit, seinen Zorn, Verdruß, seine Langeweile, die ihm Andere verursachen, zurückhalten, [19] Dinge, die er zu tadeln keinen Beruf hat, übersehen, ignoriren und verschweigen, in gleichgültigen, obgleich ihm mißfälligen Dingen, biegsam, schonend, nachsichtig seyn, kurz, er wird oft dissimuliren, ein Benehmen, welches nicht nur von allem Betruge frey, sondern sehr oft Pflicht ist, um Böses zu verhindern, Ungerechtigkeiten zu vermeiden, Gutes zu stiften und Vergnügen zu verbreiten.

So ist der rechtschaffenste, wahrhafteste Mann zugleich der höflichste. Und seine Höflichkeit ist die wahre, echte, welche die besten Wirkungen hervorbringt; da hingegen die ganze Höflichkeit des Egoisten, des harten stolzen Menschenverächters, des lasterhaften Heuchlers, des niederträchtigen Schmeichlers nichts als eine falsche Höflichkeit ist, eine bloße Nachahmung des Ausdrucks der Achtung und des Wohlwollens gegen Andere, welche sich bald verräth und als eine bloße Rolle, wenn sie gut gespielt wird, einen Augenblick und nur einmal gefallen, aber nie wahres dauerndes Wohlgefallen, Achtung und Zuneigung Anderer erzeugen kann.

[20] Ich bitte Dich, lieber Wilhelm, dasjenige, was ich Dir hier über den Grund und das Wesen der wahren Höflichkeit gesagt habe, genau zu erwägen, damit Du Dich durch die Vorurtheile so vieler Menschen, welche die wahre und falsche Höflichkeit verwechseln und jene mit dieser verachten, nicht irre leiten und den hohen Werth und die Nothwendigkeit der erstern verkennen mögest. –


[21] ** den 22. Junii 1802.


Quelle:
[Anonym]: Briefe über die Höflichkeit und den Anstand oder die feine Lebensart. Leipzig 1804, S. 13-22.
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