Moden.

[214] Die Moden währen nur eine Zeitlang, und nach vielen Veränderungen sieht man immer eben dieselben wieder erscheinen; obgleich diejenigen, welche eine neue annehmen, sich leicht überreden, daß diese vor der veralteten einen Vorzug verdiene. Mit Recht muß man sich über die Unbeständigkeit und den Leichtsinn der Menschen in diesem Stücke verwundern.

In dem sechszehnten Jahrhunderte fingen die französischen Moden an, sich an den Höfen in Deutschland, England und Italien, auszubreiten. Die Thorheit, diese Moden nachzuahmen, ist jederzeit für Frankreich sehr einträglich gewesen. Zu Colbert's Zeiten kosteten solche französische Kleinigkeiten dem Königreiche England an fünf bis sechshundert tausend Pfund Sterlinge, und so den andern Ländern verhältnißmäßig.

Die Kreuzzüge brachten die Mode der langen Kleider auf; sie gehörten aber nur für den Adel. [215] Bis in's 15te Jahrhundert trug man einen langen. Ueberrock, der bis auf die Füße reichte. Nur die Ritter durften Gold auf den Kleidern tragen. Eben so war es auch nur den Rittern erlaubt, über den langen Uberrock noch einen Mantel von Hermelin, oder mit anderm kostbaren Pelzwerk gefüttert, zu tragen.

Unter Karl dem neunten in Frankreich hatte man den Einfall, die Wappen auf die Kleider sticken zu lassen. Unter der Regierung Ludwig's des XI. legte man die langen Kleider ab; aber Ludwig XII. brachte sie wieder auf. Man legte sie unter Franz I. von neuem ab, und trug ein Wamms mit kurzen Schößen, und Unterkleider, die in eins zusammen gefügt waren, und zugleich statt der Hosen und der Strümpfe dienten. Zu den Zeiten Heinrich's II. trug man einen kurzen Rock statt der Beinkleider, ungefähr so wie ihn jetzt die Läufer haben, und man führte hiebei einen Mantel, der nicht weiter als bis an den Gürtel ging.

[216] Im 13ten und 14ten Jahrhunderte führten die Vornehmen eine Art Schuhe mit langen Spitzen ein, die entweder ganz gerade ausgingen, wie das Bogspriet eines Schiffes, oder sich in einen in die Höhe gekrümmten Schnabel endigten. Diese spitzigen Schuhe hießen poulaines. Gemeine Leute trugen diese Spitze von einem halben Fuß lang, die Reichen von einem Fuß, und die Fürsten von zwei Fuß. Personen von Lebensart und Geschmack ließen in der Folge Hörner, Klauen und sogar Menschengesichter darauf setzen. Der fromme Eifer der Geistlichen erhob sich endlich wider diesen Gebrauch, der auch unter Androhung des Kirchenbannes auf den Kirchenversammlungen zu Paris 1212 und zu Angers 1365 verboten wurde, als eine Sache, die der Ordnung der Natur zuwider sey, und den Menschen an diesem Theile seines Körpers entstelle. Indessen verließ man doch diese Mode nicht mit einemmal; man trug darauf Schuhe, die man Entenschnäbel nannte, welche vorne einen Schnabel vier oder fünf Zoll lang hatten. In der Folge kam hingegen die Mode der breiten Schuhe auf, die man [217] so übertrieb, daß ihre Breite mehr als einen Fuß betrug. Was die Hüte anbetrifft, so sind sie nur erst seit dem 15ten Jahrhunderte im Gebrauch. Vor dieser Zeit bedeckte man sich das Haupt mit Kappen und Mützen, die von Zeug gemacht, auch zuweilen mit Pelz gefüttert waren. Der Hut, den Karl VIII. im Jahre 1449 bei seinem öffentlichen Einzuge in Rouen aufhatte, war einer der ersten, dessen in der Geschichte Erwähnung geschieht. Als Kaiser Karl V. im Jahre 1547 in Halle war, trug er eine Art Haube oder Käppchen von Sammet, welches er einmal sorgfältig abnahm, als er seine Truppen vorbei ziehen sah, ungeachtet es regnete, so daß er lange mit bloßem Kopfe stand.

Zu den Zeiten Franz I. trug man kleine spitzige Hüte oder Barettes, worauf man seine Wappen sticken ließ, ungefähr nach Art der heutigen Läuferhüte. Die Kriegesleute drückten sie in's Gesicht; die Hofleute und Bürger setzten sie auf das rechte Ohr, so daß das linke, in dem man eine hirnförmige Perle trug, bloß gelassen wurde.

[218] Vor Franz I. Regierung war es Mode, die Haare lang zu tragen, und den Bart glatt abzuscheeren. Als dieser König durch einen ungefähren Zufall am Haupte verwundet, und dadurch genöthigt wurde, sich das Haar abschneiden zu lassen, ließ er den Bart wachsen, um nicht als ein Mönch auszusehen. Man sah also die Hofleute und süßen Herren mit langen Bärten einhergehen, indessen die geistlichen und obrigkeitlichen Personen sorgfältig den Bart abscheeren ließen. Seit Heinrich dem vierten gab man dem Barte verschiedene Gestalten. Einige schnitten ihn rund, andre trugen ihn wie einen Fächer, noch andre in Locken, und mit einem langen und steifen Knebelbarte, der einem Katzenbarte glich. Man wichste ihn, man salbte ihn, und steckte ihn des Abends in eine Art Beutel. Zuletzt behielt man nur den Knebelbart bei, mit einem kleinen Büschel unter der Unterlippe.

Nachher kam der Gebrauch der Perücken auf, wiewol er auch schon den Alten bekannt gewesen war, die sich ebenfalls falscher oder fremder Haare [219] bedienten; und nichts ist lächerlicher, als die Beschreibung, die Lampridius von der Perücke des Kaisers Commodus macht, die mit Goldstaub bepudert, und mit klebrichten wohlriechenden Salben beschmiert war, damit der Goldstaub darauf haften möchte. Vorher bedeckte man öfters das Haupt mit großen Haarkappen oder Calotten, nach Art derjenigen, welche die Römer trugen, und so wie sie die Schauspieler, welche die Rolleß der Alten vorstellen, noch jetzt auf der Bühne tragen. Der erste, welcher eine Perücke trug, war ein Abbé, Namens la Rivière. Damals waren die Perücken so dick, so voll Haare, und so lang, daß sie bis auf die Hüften gingen, und einige Pfund schwer waren. Man bezahlte eine schöne Perücke wol mit 1000 Rthlr. Ein Mensch, der ein etwas mageres Gesicht hatte, ward durch diese Wolke so versteckt, daß man kaum sein Gesicht erkennen konnte. Man trug auch das Vordertheil der Perücke sehr hoch, das hieß devant à la Fontagne, weil der Marquis de la Fontagne zu den Zeiten Ludwig's XIV. es aufgebracht hatte. Ein gewisser Envais erfand endlich [220] die Mode, die Perücken zu kreppiren, oder kraus zu kämmen, wodurch sie auch bei wenigen Haaren viel besetzter und voller schienen, als sie selbst mit weit mehr Haaren waren. Die Beutelperücken kamen unter der Regentschaft des Herzogs von Orleans auf, und wurden anfänglich perruques à la regence genannt.

Ludwig XIV. bestellte schon im Jahre 1656 acht und vierzig Bediente bei Hofe, welche zugleich das Barbier- und Perückenmachergewerk treiben mußten, und noch 200 andre zum Dienste des gemeinen Wesens; allein ihr Gewerb unterblieb. Im Jahre 1673 ließ er abermals 200 solcher Leute bestellen, die auch ihre Handthierung in den folgenden Zeiten wirklich getrieben haben. Zu Colbert's Zeiten wollte man die Perücken wieder abschaffen, weil zu viel Geld für Haare aus dem Reiche ging; es blieb aber dabei, weil man fand, daß das Reich eben so viel durch die Perückenmacher mit Auswärtigen gewann. Der aus feinem Mehle gemachte Haarpuder ist erst seit Ludwig's XIV. Zeiten in Gebrauch gekommen.

[221] Da das männliche Geschlecht jederzeit so unbeständig in seinen Moden gewesen ist, so darf man sich nicht wundern, daß es die Frauenspersonen ebenfalls gewesen sind, denen es wol noch mit mehrerem Rechte, als den Mannspersonen, erlaubt ist, alles aufzusuchen, was ihre Reize vermehren kann. Eine vollständige Geschichte ihrer Moden würde ein unermeßliches Werk seyn. Hier nur einige Bruchstücke! –

Das Frauenzimmer trug unter der Regierung Carl's VI. in Frankreich eine hohe Mütze auf dem Kopfe, welche die Gestalt eines Zuckerhuts hatte. Oben an der Spitze war ein Schleier fest gemacht, der mehr oder weniger herunter hing, je nachdem der Rang der Personen verschieden war. War es eine bürgerliche, so reichte der Schleier nur bis auf die Schultern, aber die Frau eines Ritters trug einen, der bis auf die Erde hing.

Ein andrer Kopfputz, eine Elle hoch und zuweilen noch höher, war spitzig, wie ein Glockenthurm, [222] und von dieser Spitze wehete hinten ein langer Flor mit reichen Franzen besetzt, der das Ansehen einer Standarte hatte. Diese Kopfzeuge waren bis in's 15te Jahrhundert Mode, und hießen Hennis.

Unter Franz I. und Heinrich II. trug das Frauenzimmer kleine Hüte mit Federn. Von Heinrich's II. Zeit bis gegen das Ende der Regierung Heinrich's. IV. hatten sie kleine Mützen mit einer Aigrette geziert.

Gegen das Ende des 17ten und zu Anfange des 18ten Jahrhunderts kam die Mode der hohen Kopfzeuge wieder empor; es erschienen die Fontangen. Sie waren so entsetzlich hoch, daß es das Ansehen hatte, als ob der Kopf, der sie trug, in der Mitte des Körpers befindlich wäre. Dieser Kopfputz war ein Gebäude von vielen Stockwerken Drath, worauf eine erstaunliche Menge Nesseltuch gesteckt wurde, das durch verschiedene Bänder abgesondert, und mit Haarlocken untermengt war. In der Folge ward zwar dieser Kopfputz, [223] der einer Pyramide glich, niedriger gemacht, aber er blieb doch noch immer hoch genug, bis zum Jahre 1714, da die kleinen Kopfzeuge beliebt wurden.

Die Reifröcke waren im 17ten Jahrhundert im allgemeinen Gebrauch. Im Anfange des 17en Jahrhunderts waren sie von ungeheuerm Umfange. Eines Tages verlangte die Sultaninn die Gemahlinn des damaligen englischen Gesandten zu Constantinopel Sir Peter Wyche, zu sehen. Diese machte also mit allen ihren Damen in Reifröcken der erstern die Aufwartung. Die Sultaninn erstaunte über die wegstehenden Hüften, und fragte, ob alle englische Damen so geformt wären? Es ist keine besondre Form, antwortete Lady Wyche, die englischen Damen sind geformt, wie alle Frauen; allein die Sultaninn konnte es nicht eher glauben, als bis Lady Wyche durch Ablegung des Reifrocks sie davon überzeugte.

Quelle:
[Anonym]: Sitten, Gebräuche und Narrheiten alter und neuer Zeit. Berlin 1806, S. 214-224.
Lizenz:

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Vögel. (Orinthes)

Die Vögel. (Orinthes)

Zwei weise Athener sind die Streitsucht in ihrer Stadt leid und wollen sich von einem Wiedehopf den Weg in die Emigration zu einem friedlichen Ort weisen lassen, doch keiner der Vorschläge findet ihr Gefallen. So entsteht die Idee eines Vogelstaates zwischen der Menschenwelt und dem Reich der Götter. Uraufgeführt während der Dionysien des Jahres 414 v. Chr. gelten »Die Vögel« aufgrund ihrer Geschlossenheit und der konsequenten Konzentration auf das Motiv der Suche nach einer besseren als dieser Welt als das kompositorisch herausragende Werk des attischen Komikers. »Eulen nach Athen tragen« und »Wolkenkuckucksheim« sind heute noch geläufige Redewendungen aus Aristophanes' Vögeln.

78 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon