Wettsucht der Engländer.

[352] 1) Es ist sehr oft bemerkt worden, daß sich die Englischen Sitten von denen des festen Landes [352] in nichts so auffallend unterscheiden, als in den Wetten. Man überlege die Umstände des folgenden Vorfalls genau, und urtheile, ob er sich hätte in Deutschland ereignen können. Ein sehr reicher Schottländer, Namens Fletcher, befand sich unweit Doncaster in Gesellschaft eines andern wohlhabenden Schotten, Barclay, welcher jährlich 4000 Pf. St. reiner Einkünfte hat. Die Rede fiel darauf, wie lange ein Mensch eine große und lange Anstrengung im Gehen würde aushalten können. Fletcher sagte endlich: Was gilts, ich gehe sechszig Meilen zu Fuß in vierzehn Stunden! (Man rechne nur sechs englische auf eine deutsche, so hat man zehn deutsche Meilen.) Jeder von ihnen setzte 2500 Pf. Fletcher mußte nun, wie die alten Athleten, eine besondre Lebensart führen, weswegen er sich ganz der Anleitung des berüchtigten Klopffechters Ward überließ, der ihm nichts als rohes Fleisch zu essen gab. Dies dauerte jedoch nur eine kurze Zeit. Fletcher gewann seine Wette; aber die letzten zwanzig Meilen ermüdeten ihn so sehr, daß er glaubte, es übersteige gewöhnliche Kräfte, in so [353] kurzer Zeit so viel weiter zu gehen. Herr Barclay hingegen, der, wie man leicht glauben kann, nicht nur den Verlust der erwähnten ansehnlichen Summe, sondern auch ein geheimes Mißvergnügen, daß er sich so verrechnet habe, zuverschmerzen hatte, hielt es nicht für unausführbar, eine in jeder Rücksicht noch größere Wette zu gewinnen. Er machte sich also mit 5000 Pf. St. anheischig, neunzig englische, d.i. funfzehn gute deutsche Meilen, binnen zwei und zwanzig Stunden weniger einer halben, zurück zu legen. Natürlich, daß hier Fletcher aus eigener Erfahrung große Ursache zu haben glaubte, eine solche Wette anzunehmen. Ohne vieles Besinnen setzte er 5000 Pf. dagegen. Fletcher handelte dabei gewiß nicht rasch. Nach dem Erwähnten mußte er es für unmöglich halten, daß Barclay 41/2 englische Meile in jeder Stunde (denn so viel kam auf jede mit Einschluß der kleinen Verzögerungen) ganze ein und zwanzig Stunden nach einander zu gehen im Stande seyn könne. Aber er bedingte noch überdieß, daß das Unternehmen im November ausgeführt werden solle, wo in England [354] der menschliche Körper wegen der häufigen Nebel, Regen etc. am schlaffsten ist. In diesem Monate war es äußerst wahrscheinlich, daß ein heftiger Wind, ein starker Regen, oder ein dicker Nebel der Nervenspannung nachtheilig werden konnte. Man wird wirklich weiter unten sehen, daß dieß einigermaßen der Fall war. Barclay hatte vermuthlich diese Umstände nicht gehörig bedacht. Er begab sich daher im September 1801, zwei Monate vor der angesetzten Zeit, bei einem alten Pachter Smith in Yorkshire in die Kost, und befolgte alle Regeln, welche ihm dieser vorschrieb. Smith war ein großer Kenner in allen Dingen, worauf man in England wettet, und verstand besonders, Jemanden gehörig vorzubereiten, der einen Wettgang vorhatte. Smith gab dem Herrn Barclay nichts als rohes Fleisch und stark zu verdauende Speisen zu essen, brauchte ihn zu allen schweren Arbeiten, ließ ihn schwere Lasten von Käse und Butter zu Markt tragen, und gab ihm zu zehn englischen Meilen nicht mehr als anderthalb Stunden Zeit. Kurz, Smith schickte und schor seinen reichen Schüler wie einen[355] Hühnerhund, und immer that dieser alles so flink und gut, daß Smith beständig voraussagte, er werde den Preis davon tragen. Die Zeit kam. Man hatte bei Ayton, auf der Straße von York nach Hull, eine englische Meile Weges mit Lampen erleuchtet, weil Barclay, laut der Bedingungen, gerade um Mitternacht seinen Weg antreten mußte. Gleich aus dem Ansatze schloß man viel, und in dem Maße, als er rüstig fortfuhr, stiegen die Wetten; um 4 und 8 Uhr des Morgens bot man 2 gegen 1, daß er gewönne; als er 60 Meilen gegangen war, 5 und 4 gegen 1; als er 70 zurück gelegt hatte, wurde 7 und 6 gegen 1 gewettet, daß er gewinnen würde. Gegen das Ende hin 10 und 15 gegen 1. Er hatte seinen Gang 22 Minuten 4 Secunden auf 9 Uhr des Abends glücklich beendigt, so daß er eine Stunde 7 Minuten und 56 Secunden weniger Zeit brauchte, als ihm erlaubt war. Er gewann die Wette ohne anscheinende Mühe. Sechsmal hielt er an, sich zu erholen, eine Erfrischung zu nehmen und die Wäsche zu wechseln, welches gemeiniglich 12 bis 15 Minuten währte. Das Wetter war ihm [356] besonders günstig, außer früh von 4 bis 8 Uhr, da es neblicht wurde, welches sein Feuer sichtlich dämpfte. Der Zulauf von Menschen war sehr groß, die besonders dafür sorgten, daß ihn nichts unterbräche. Da eine außerordentliche Anstrengung erforderlich war, so bezeugten die Leute ihre herzliche Freude darüber, daß er gewann. Als er fertig war, hörte man nichts als Jauchzen und Hussah, und die Leute trugen ihn frohlockend auf den Schultern umher. Viele Männer von Stande waren bis aus Schottland gekommen, um die Wette mit anzusehen. Es standen nicht nur die zehntausend Pfund der Hauptpersonen darauf, sondern mehr als doppelt so viel, da die vielen wettlustigen Herren aus Yorkshire, Schottland und London ansehnliche Summen gesetzt hatten. Die ganze Grafschaft York erwartete den Ausgang mit größter Theilnahme, weil in ganz England keine Gegend ist, wo man eben so stark wettet. Barclay machte eine Woche vorher den Tag bekannt, an welchem er seine Wette geben würde. Der Platz wurde von beiden Partheien gemessen und ein Pfahl am Ende [357] der Meile eingeschlagen. Um diesen mußte Barclay nach jeder Meile sich wenden, welches anderthalb Schritt machte; die aber beim Messen nicht gerechnet wurden. An den Pfahl wurden Leute gestellt, die einen Kerb hinein machten, so bald er wieder einmal herum war: auch lag ihnen ob, Achtung zu geben, daß alles in Ordnung vor sich ging. Ein paar Minuten vor Mitternacht kam Herr Barclay mit seinem Freunde, wie auch Herr Fletcher mit den seinigen an. Punkt Zwölf Uhr wurden sechs Repetiruhren gestellt, in ein Kästchen an den Gewinnpfahl gesetzt und das Kästchen versiegelt. Zu gleicher Zeit brach Barclay auf. Er trug ein engschließendes Flanellhemde, flanellne Unterhosen und flanellne Nachtmütze, sogenannte lammswollene Strümpfe und weite Lederschuhe mit ziemlich dicken Sohlen. Das Haus, in das er ging, um Erfrischung zu nehmen, stand etwa zehn Ellen von der Straße; das Hingehen und Zurückkehren machte also Zwanzig Ellen, die er aber nicht rechnen wollte. Als die Wette gewonnen war, sah man ihm keine Müdigkeit an; er war eben so [358] munter, wie zuvor, und sagte, er könne noch zwanzig Meilen weiter gehen. Obgleich der Schauplatz seiner Gehfertigkeit auf offner Straße lag, so bewies man doch alle mögliche Aufmerksamkeit. Die vielen Landkutschen, Briefkutschen, Fuhrwagen, Equipagen, Postkutschen, das Heer von Cabriolets, Rittern und selbander reitenden Frauen, die unaufhörlich England von Einem Orte zum andern durchfliegen und besonders in dem wohlhabenden Yorkshire häufig sind, fuhren und ritten insgesammt auf die Seite, um dem Wettkämpfer kein Hinderniß in den Weg zu legen. Jeder schien ihm einen glücklichen Ausgang zu wünschen. Sonst gehen die Soldaten nirgend aus dem Wege, aber hier thaten sie es. Die Westyork-Miliz kam zwar des Weges auf ihrem Marsche aus Hull nach York; so bald sie aber hörte, was da vorging, machte sie Halt und theilte sich in zwei Divisionen zu beiden Seiten der Strasse welches eine gute Wirkung that. Jeder Soldat rief dem Herrn Barclay zu: Glück zum Siege! – Ueberhaupt mußte die große Anstrengung, welche er sichtlich anwendete, jeden für ihn interessiren; [359] und diese Theilnahme rührte und munterte ihn auf. Wenn man die zur Erfrischung nöthige Zeit, und andre kleine Abhaltungen zusammen rechnet, so kosteten ihn die 90 Meilen nicht viel über 19 Stunden, außer den Schritten in's Wirthshaus, aus demselben und um den Pfahl. In den letzten 30 Meilen hatte er einen Gesellschafter, den Sohn seines Lehrers Smith, einen jungen 19jährigen Menschen, der sehr brav Schritt hielt, und Hoffnung erweckte, dereinst ein eben so guter Fußgänger zu werden. Herr Barclay war etwa 22 Jahr alt, 5 Schuh 11 Zoll groß, und stark gebaut. Seine Manier zu gehen glich der des berühmten Fußgängers Powell. Der Ort, welchen er wählte, hatte verschiedene sanfte Anhöhen; wenn er an diese kam, lief er gewissermaaßen hinauf; die übrigen Theile des Weges ging er. Sobald er anhielt, nahm er beträchtlich viel zu sich; seine Nahrung bestand aus gekochten Hühnern, Hammelfleisch-Schnitten etc. und sein Getränk war altes starkes Bier. – Als er in seiner Equipage nach Pocklington gefahren kam, wurden zum Zeichen der Freude die Glocken geläutet,[360] und das Volk wollte sich vor seinen Wagen spannen, welches er jedoch nicht zuließ. Dieser Herr ist von einer alten vornehmen Familie, deren Landsitz in Ury in der Nord-Schottischen Grafschaft Mearns liegt.

Vielleicht ist folgende Gehwette noch bewundernswerther, da sie ein bejahrter Mann machte. Marshall, ein Fleischer, von 60 Jahren, verband sich, 30 englische oder 5 deutsche Meilen in 6 Stunden zu gehen; und man wettete große Summen. Man hatte dazu eine Meile auf der Straße jenseits Leg-Bridge gewählt. Er brach früh um 7 Uhr auf, und ging immer eine Meile hinwärts und eine Meile herwärts, bis er das Ganze vollbrachte, welches er ohne Anstrengung that, und zwar 11 Minuten vor der bestimmten Zeit.

2) Zwei Lehrbursche, ein junger Walliser und ein junger Bergschotte aus der Buchhändlergasse Paternoster-Row in London, machten eine seltsame Wette. Der Walliser verpflichtete sich, zweimal um St. Paul's Kirchhof zu laufen, ehe der Schotte zwei frische Pfennigkuchen würde verschlucken können. Es war früh um acht [361] Uhr. Beim Anfange waren die Wetten gleich, aber nach der ersten Runde wettete man Zwanzig gegen Eins zu Gunsten des Wallisers, der die zweite Runde vollendete und das Ziel erreichte, ehe der Bergschotte kaum einen halben Kuchen hinter hatte. Dieser Auftritt war eine königliche Lust für die umwohnenden Lehrburschen und Knaben.

3) Um dieselbe Zeit wurden zu Fowey die gewöhnlichen Wetten angestellt, wer die häßlichsten Fratzengesichter schneiden könnte? Der Preis war eine Rolle Tabak. Ein Schuhflicker und ein Schneider bewarben sich darum. Der Schuhflicker war schon um drei Fratzen voraus. Aber ein Kerl, der eine große Wette auf den Schneider gemacht hatte, verschaffte ihm den Sieg durch eine List. Er näherte sich dem Schneider heimlich, und trat ihm derb auf einen Leichdorn am Fuße. Der Schneider verzog darüber alle Gesichtsmuskeln so abscheulich, daß er auf der Stelle, nach dem allgemeinen Ausspruche, den Preis erhielt.

4) Von der Sucht zu wetten, die unter den Engländern herrscht, ist wol das auffallendste, hoffentlich aber nur ersonnene, Beispiel folgende Anekdote, [362] die man übrigens als unbestritten richtig erzählt. Ein Mensch war in die Themse gefallen: sogleich schlossen mehrere unter denen, die am Ufer gingen, mit einander Wetten darüber, ob er ertrinken werde, oder nicht. – Ein Boot stieß vom Lande, um ihm zu Hülfe zu eilen. »Halt! halt!« riefen diejenigen, die für die erste Meinung gewettet hatten; »das ist kein ehrlich Spiel! Ihr werdet uns unsre Wette verlieren machen!«

Quelle:
[Anonym]: Sitten, Gebräuche und Narrheiten alter und neuer Zeit. Berlin 1806, S. 352-363.
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