17.


[409] Ein in anderer Richtung interessantes gleichzeitiges Kunstereigniß war das Gastspiel Wilhelmine Schröder-Devrient's am Hofoperntheater. Beinahe 14 Jahre waren entschwunden, seit die schon damals gefeierte Künstlerin Wien verlassen hatte, um das Entzücken von Elbe-Florenz zu werden, ihren Namen durch ganz Deutschland zu tragen und in Paris neben der Malibran als Ebenbürtigeanerkannt zu werden.

Ungeheuer war natürlich die Erwartung, die ihrer ersten Darstellung vorherging. Es war Romeo in Bellini's »Montecchi und Capuletti«. Rauschend ward der ehemalige Liebling begrüßt, der als aufspringende Knospe geschieden war und nun als blendend schönes Weib zurückkehrte. Das Entrée, das Duett mit Julia wurde stürmisch ausgezeichnet. Da kommt die Kampfscene. Romeo faßt die Geliebte in die Arme und sie auf dem linken Arme tragend, mit der Rechten sich vertheidigend, steht Wilhelmine Schröder-Devrient da, eine Mann gewordene Amazone! Und das Publicum kicherte ziemlich laut.

Doch war es nur ein Moment der Verblüfftheit, wie er beim Publicum oft eintritt, wenn es mit ungewöhnlichen Capacitäten in Berührung kommt.

Schon im nächsten Acte hatten sich die erschreckten Gemüther erholt, um im letzten Acte der Künstlerin den verdienten Triumph zu bereiten. Die Wirkung dieses vierten Actes gesehen und vernommen zu haben, gehört zu den schönsten Genüssen darstellender Kunst. Erst dieser seelenzerreißende Schmerz am Sarge der Geliebten, dann dieser resignirte[409] Schritt zum Tode. Romeo leert das Giftfläschchen und vernimmt seinen Namen, von der Stimme der Geliebten gerufen. Er blickt gegen Himmel, als wollte er sagen: »Rufst du? ich komme!« Sein Name ertönt zum zweiten Male. Zweifelnd wendet er das Auge zur Seite und taumelt wie vor einem Gespenste. Julie erhebt sich lebend aus dem Sarge und in ihm nagt bereits das zerstörende Gift. Nun der wüthende Aufschrei gegen den Hohn des Schicksals und endlich der unter Seelen-und Körperqualen eintretende Tod, das war ein Gemälde, wie es nur Wilhelmine Schröder-Devrient liefern konnte.

Wie oft hat sie dann den Romeo gesungen während ihres Gastspieles, das über drei Monate dauerte, denn sie führte fast den größten Theil ihres Repertoires vor: Fidelio, Norma (eine unvergeßliche Leistung, worin sie unwillkürlich an die Medea ihrer Mutter erinnerte), Agathe, Emmeline, Pamina, Desdemona u.s.w.

Der Anfang des Jahres 1836 hatte für mich die Bedeutung, daß ich zum ersten Male und mit glücklichem Erfolge den Oberförster in den »Jägern« vorführte.

Das Jahr 1836 entführte mir zwei meiner Kinder aus dem Familienkreise. Mein Sohn Alexander wendete sich als Baritonist der Oper zu und meine Tochter Auguste trat als Schauspielerin mit ihm zugleich ein Engagement am Leipziger Theater an.

Eben bereitete ich die Abreise beider Kinder vor, als aus Pottenstein die erschütternde Kunde eintraf, Ferdinand Raimund habe gewaltsam Hand an sich selbst gelegt. Leider bestätigte sich das Gerücht im vollen Umfange. Was hat seine[410] Zeit an ihm verloren, als Künstler und Mensch stand er bei seinen Zeitgenossen in gleicher Achtung!

Raimund war eine der edelsten Persönlichkeiten, welche die Kunst- und Theaterwelt aufzuweisen hat. Mitdem besten, reinsten Gemüthe begabt, umfaßtesein feuriger Geist Alles mit gleicher Liebe, was ihm den Eindruck des Guten und Schönen machte.

Ich verdanke Raimund eine Reihe unvergeßlicher Erinnerungen. Raimund war der wahre Humorist. Ueber ihn konnte man in demselben Athemzuge lachen und weinen Noch erinnere ich mich, wie ich mit Ludwig Devrient einer Vorstellung des »Bauer als Millionär« beiwohnte. Devrient war ganz Auge und Ohr und bei der Darstellung der Scene, wo das hohe Alter eintritt, war mein Nachbar so ergriffen, daß er in die Worte ausbrach: »Der Mann ist so wahr, daß ein so miserabler Mensch wie ich ordentlich mitfriert und leidet.«

Und dieser große Geist hatte die kleine Schwäche, zu beklagen, daß er nicht Hofschauspieler sein könnte und daß seine Dramen vom Burgtheater ausgeschlossen waren. Und wie hoch stand er und wie viel mehr wirkte er als »Raimund«.

Im Leben verkehrte ich mit Raimund in der herzlichsten Freundschaft, und daß er bei meiner jüngsten Tochter Pathenstelle vertrat, brachte ihn mir besonders nahe.

Von einem Gastspiele in Hamburg zurückkehrend, erlag Costenoble 1837 in Prag dem Typhus. Deinhardstein, obgleich er in Wilhelmi und La Roche die natürlichen Erben besaß, suchte nach einem Ersatzmanne. Einer der ersten war Heinrich Marr, dessen erfolgreiches Gastspiel sein Engagement zur Folge hatte, und nurden beklagenswerthen Mißhelligkeitenzwischen[411] ihm und Holbein ist es zuzuschreiben, daß Marr sein Künstlerjubiläum in Hamburg statt in Wien gefeiert hat.

Marr ist in gewissen feinkomischen Rollen ein vortrefflicher Darsteller. Geheimrath Wallenfeld, Graf Balken sind wahre Meisterleistungen Marr's; sein Mephistopheles hat wenige Rivalen in Deutschland, und kaum Einen über sich. Meine letzte Erinnerung an Marr war noch eine köstliche; ich sah ihn in Leipzig während meines letzten Gastspieles als Spitzbuben in Freitag's »Valentine«.

Wenige Monate nach Marr gastirte Theodor Döring, den ich bei dieser Gelegenheit kennen lernte.

Döring ist eine ganz eigenthümliche Bühnenerscheinung. Die ätzende Schärfe, womit er seine Charaktere übergießt, die gewagten Spitzen und Kanten, dieschreienden Farben, die erso gern anbringt, fordern alle Augenblicke auf, dem Darsteller ein Halt! oder Hoho! zuzurufen und ihm Mäßigungzu predigen, und im nächsten Augenblicke reißt er mit sich fort und man muß sein Urtheil dem Eindruck gefangen geben. Man fühlt eben, daß man bei allen Auswüchsen einer wahren geistigen Kraft, daß man der Zeugungsfähigkeit des Talentes gegenübersteht. Aber das, was man an Döring allenfalls als ein Ueberströmen der Phantasie betrachten muß, was man nicht mit Unrecht hinwegwünschen möchte, gehört erst seiner späteren Zeit an. Zu jener Zeit, als ich ihn kennen lernte, war er davon ganz frei und ein Charakteristiker von seltener Begabung. So war er für mich der bedeutendste Darsteller des Banquier Müller in Bauernfeld's »Liebesprotokoll« und noch 1847 habe ich in Berlin und 1854 in München von ihm Vortreffliches gesehen.[412] Wenn man ihm anmerkt, daß er sein Vorbild, Ludwig Devrient, mitunter zu sehr nachzuahmen bemüht ist, so ist das wohl begreiflich und verzeihlich, da bei seinem Eintritt in Berlin das Andenken an den Unvergeßlichen noch sehr lebendig und man noch nicht im Stande war, gewisse Rollen in anderer Form zu vertragen.

Die ersten Rollen, die mir aus Costenoble's Repertoire zufielen, waren Michel Angelo in »Correggio«, den ich übrigens schon früher aushilfsweise übernommen hatte, Shrewsbury in »Stuart« und Musikus Miller in »Cabale und Liebe«. Mit der letzten Rolle errang ich meinen bedeutendsten Bühnenerfolg seit »König Lear«, und dieser Erfolg hat bis an das Ende meiner Laufbahn ungeschwächt angehalten. Begreiflicherweise wurde mir die einfache Rolle von Jahr zu Jahr lieber.

Um diese Zeit eröffnete Amalie Haizinger mit ihren Töchtern erster Ehe, Louise und Adolphine Neumann, ein längeres Gastspiel. Abgesehen von dem Erfolge der Mutter, wurde Publicum und Direction auf die unverkennbaren Anlagen ihrer Tochter Louise aufmerksam, und mehrere Leistungen der hoffnungsvollen Anfängerin sprachen so deutlich zu ihren Gunsten, daß ihr ein Engagement angeboten wurde, welches sie im Frühjahre 1839 antrat.

Louise Neumann war für ihren Beruf in ihrer äußeren Erscheinung durch Gaben der Natur sehr vortheilhaft ausgestattet. Ihre Gesichtszüge waren regelmäßig, sehr angenehm durch einen vorherrschend freundlichen und heiteren Grundton und belebt durch ein glanzvolles Auge, aus welchem Geist und sittliche Reinheit sprachen, und das jedes Ausdrucks[413] fähig war; der wohlgeformte Mund bewegte sich sehr zierlich und ließ die schönsten Zähne sehen. Die Figur, nur mittelgroß, war von angenehm runden Formen und alle diese Einzelheiten wurden zu dem bezauberndsten Ganzen durch ein Geschenk, welches eben nur die Natur in der Wiege beschert, durch die Grazie im Ausdruck.

Louise Neumann war kein Genie, das, alle Formen und Schranken zerbrechend, sich willkürlich neue Gesetze des Schaffens bildet und deren Anerkennung von der erstaunten Welt erzwingt. Louise Neumann war ein Talent, aber eines der seltensten, das die deutsche Theaterwelt besessen hat. Sie hat sich nicht schnell und über Nacht herangebildet, denn obwohl sie gleich von ihrem Eintritte an vom Publicum gern gesehen und lieblich gefunden wurde, so kann man doch die ersten acht Jahre ihres Wiener Engagements als Schuljahre bezeichnen. Von Jahr zu Jahr, von Rolle zu Rolle, bemerkte man den Fortschritt, die wachsende Sicherheit, die zunehmende Festigkeit in der charakteristischen Färbung ihrer Aufgaben, und als sie zu Anfang 1847 mit der Gestalt des »Lorle« vor das Publicum trat, stand plötzlich die fertige Künstlerin da. Nun hatte sie nicht mehr zu lernen, sie lehrte durch ihr leuchtendes Beispiel.

Louise Neumann ist der weibliche Fichtner. Wie bei diesem, so lag bei ihr der siegreiche Factor in dem angebornen Gefühl für das, was schön und richtig ist. Was sie als zweckmäßig und passend empfand, das erst machte sie zum Vorwurfe ihres Urtheiles mit aller Schärfe des Verstandes, der ihr eigen war, und wo ihr Gefühl verstummte, da mißtraute[414] sie ihrem Urtheile auf das Entschiedenste. Jede Rolle, die ihr Talent nicht instinctiv durchdrang, blieb schwankend, so unverkennbar auch der Verstand aus der planvollen Ausarbeitung sprach. Und gerade das scheint mir tief im Wesen einer Künstlernatur begründet zu sein. Wo die Seele nicht spricht, da kann der Verstand wohl reden, überreden und überzeugen wird er nie.

Louise Neumann legte alle ihre Gestalten mit einer Consequenz an, die gar keine Einsprache zuließ. Auch sie änderte keine Rolle, sobald sie damit als fertig vor die Oeffentlichkeit trat, und in dieser innern Fertigkeit liegt die große Wirkung eines wahren Talentes. Für dieses gibt es keine halben Erfolge, sondern nur Irrthum oder Sieg.

Man durchlaufe die Reihe der Gemälde, welche Louise Neumann von dem Zeitpuncte ihrer künstlerischen Mündigkeit geliefert hat, und man findet keines, das nicht eine in sich vollständig abgeschlossene Leistung gewesen wäre. Sie wußte genau vorher, wenn ihr eine Rolle nicht zusagte, und lehnte sie entschieden ab.

Wer eine Liste künstlerischer Schöpfungen, wie Louise Neumann, in das Gedenkbuch der Zeitgenossen geschrieben hat, der sucht vergebens, sich in das Privatleben zurückzuziehen, und ob auch leider Schiller Recht hat, daß den Ruhm des Mimen kein dauernd Werk bewahrt, sein Name lebt dennoch fort, wenn auch seine Leistungen mit der letzten Darstellung begraben sind.

Wie nahe folgen sich doch heitere und herbe Eindrücke.

Der 6. März 1838 wurde für die Wiener Kunstwelt[415] ein verhängnißvoller Tag. Als Beneficevorstellung der Regie gelangte Grillparzer's Lustspiel: »Weh' dem, der lügt« zur ersten Darstellung.

Daß eine Dichternatur wie Grillparzer die Komödie von keinem alltäglichen Standpuncte auffassen würde, war vorherzusehen. Aber dieser Standpunct war nicht jener des Publicums. Viele Zuschauer, durch den Anschlagzettel getäuscht, betraten das Theater offenbar in der Erwartung, ein Lustspiel nach dem Muster Scribe's oder Bauernfeld's zu sehen. Aber weder mißvergnügte Ehen noch politische Zustände, weder Commerzienräthe noch Referendare, weder verschmitzte Kammermädchen noch schlaue Bediente waren in Grillparzer's Lustspiel zu finden, und das wurde sein Verderben.

Grillparzer hatte seine Handlung in das fünfte Jahrhundert verlegt, und das aufblühende Christenthum des Frankenreiches dem Barbarenthume im heid nischen Rheingau gegenübergestellt.

Eine lebendige, spannende Handlung war mit allen Strahlen, mit dem üppigsten Farbenschmuck eines echten Dichter genius ausgestattet und zu einem der originellsten heiteren Dramen ausgeführt.

Was aber war sein Schicksal?

Gewisse Schichten im Publicum fanden etwas Anderes, als sie erwartet hatten, und zu bequem, um der Dichterphantasie zu folgen, fand man es am leichtesten, zu verurtheilen.

Die barbarische Grafensippschaft aus dem Rheingau, wahre Kalibane, wurden nach dem Maßstabe moderner Aristokratie beurtheilt. »Ein Graf, und so plump, so pöbelhaft,«[416] eine Comtesse und ein Küchenjunge! »Habent sua fata libelli!«


Quelle:
Anschütz, Heinrich: Erinnerungen aus dessen Leben und Wirken. Wien 1866, S. 409-417.
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