Siebentes Kapitel

Drei internationale Tagungen

Frauenbewegung

[56] Im Juli 1895 ging durch unsere Parteipresse der Aufruf zu einem internationalen Sozialisten- und Gewerkschaftskongreß, der im folgenden Jahre in London stattfinden sollte. Auch die »Gleichheit« brachte diesen Aufruf. Noch ehe wir uns aber mit diesem Kongreß beschäftigen konnten, wurden unsere Gedanken durch ein Ereignis, das für unsere gesamte Arbeiterbewegung große Trauer bedeutete, nach London gelenkt: einer unserer Führer, Friedrich Engels, hatte dort in seinem 75. Lebensjahre die Augen geschlossen. Das war ein harter Schlag. Hatte Engels auch fern von den Genossen, fern von seiner Heimat gelebt, so war er uns in seinen Schriften ein stets naher, hilfsbereiter Freund und Lehrer gewesen, dessen Scheiden wir schmerzlich bedauerten. Aber mit dem, was wir immer von ihm hatten, mit seinen Aufsätzen, mit seinen Briefen blieb er uns doch nahe, und so ist er noch manchem, auch unter den Frauen, ein Freund und Lehrer geworden.

Im neuen Jahre erging dann bald die Mahnung auch an die Frauen, rechtzeitig Stellung zu dem Kongreß zu nehmen. Es wurden als Vertreterinnen der deutschen proletarischen Frauen die Genossinnen Clara Zetkin, Emma Ihrer und ich gewählt.

Mein früher so eingeengtes Leben war nun schon seit einigen Jahren durch die Teilnahme an den politischen Aufgaben ein sehr viel reicheres geworden, ich hatte auch so manche Gegend, so manche schöne Stadt in Deutschland kennengelernt, diese erste Auslandsreise aber war doch ein besonderes Ereignis. Für uns waren solche Reisen keine Vergnügungsreisen. Neben der inneren Bereicherung, die sie brachten, bedeuteten sie auch schwere Arbeit. Es hieß scharf die Augen offenhalten, nicht nur, um bei den Verhandlungen die Interessen derer, die uns schickten, zu vertreten, sondern um ihnen auch von dem fremden Lande, von den anderen Verhältnissen, unter denen die proletarischen Brüder und Schwestern lebten, soviel mitbringen zu können, als[57] es nur anging. Ganz von selbst ergab es sich, daß wir dabei Vergleiche auch über die äußeren Lebensformen des Proletariats, vor allem die der Frauen anstellten. Und die ersten Eindrücke in London waren keine sehr erfreulichen. So sahen wir gleich am ersten Abend unserer Ankunft, als wir mit dem Wagen durch die Stadt fuhren, wie eine betrunkene Frau aus einem Lokal herausgeworfen wurde. Sieht man in Deutschland die Fabrikarbeiterin auch bei der Arbeit in möglichst ordentlichen Kleidern, so ging die englische Arbeiterin in jener Zeit einfach in Lumpen. Ein Kleid, dessen unterer Rand gesäumt war, sah man kaum. Er war einfach glattgeschnitten, und franste er im Laufe der Zeit zu sehr aus, so wurde eben wieder die Schere genommen. Auch in den proletarischen Wohnungen machte sich diese Gleichgültigkeit bemerkbar. Die ärmste Arbeiterfrau setzte bei uns ihre Ehre darein, ihre Wohnung, soweit es irgend geht, in Ordnung zu haben. In den Londoner Arbeiterwohnungen, die wir gesehen haben, war der Schmutz zu Hause. Da diese Unordnung und Unsauberkeit nicht Einzel-, sondern Allgemeinerscheinung war, so waren die Ursachen in den sozialen Verhältnissen zu suchen, und eine lag wohl darin, daß in den Schulen weder Handarbeits- noch hauswirtschaftlicher Unterricht erteilt wurde, die kaum herangewachsenen jungen Mädchen aber zu einem Lebenserwerb greifen mußten. Engels Buch »Die Lage der arbeitenden Klassen in England« zeigt in klarer Weise die Ursachen und auch deren traurige Wirkungen.

Sehr angenehm dagegen empfanden wir das höfliche, zuvorkommende Benehmen der dortigen Policemen im Vergleich zu dem unserer preußischen Polizisten, die gewöhnlich den Unteroffizierton dem Publikum gegenüber anschlugen. Es herrschte eine viel größere öffentliche Freiheit. Auch der Ärmste hatte ein Anrecht auf die Straße. Als die organisierte englische Arbeiterschaft zu Ehren des Internationalen Kongresses einen Demonstrationszug durch den Hydepark veranstaltete, sorgten die Policemen dafür, daß der Zug ungehindert passieren konnte. Die Kutschen mußten solange halten, bis sich eine Lücke zum Durchfahren bot.

Manches interessante Straßenbild haben wir gesehen. Arme Künstler, die Schiffbruch erlitten hatten, zeichneten mit bunter Kreide hübsche Bilder auf die breiten Trottoirs, die Vorübergehenden blieben stehen, sahen es an und gaben dem Künstler ein großes Kupferstück (4 Pfennig). Überall auf den Straßen ist für Vergnügen, Unterhaltung oder[58] auch für religiöse Erhebung gesorgt. In einer Nebenstraße stellte sich eine Gruppe von Tänzern, junge Mädchen und Burschen, auf und führen die damals so beliebten Serpentintänze vor. Auch sie bekommen von den Umstehenden ihre Kupferstücke. Dann wieder steht irgendwo an einer Ecke ein Redner, der an das religiöse Gefühl der Straßenpassanten appelliert. Neben ihm steht ein Harmonium, und ein Lied wird gesungen. Wir sahen bei einer solchen Gelegenheit nach unserer Gewohnheit dem Redner aufmerksam ins Gesicht, trotzdem die meisten von uns ihn nicht verstanden; das muß ihn wohl aus dem Konzept gebracht haben, denn wir merkten an seinen Mienen, daß er von uns, und nicht gerade freundlich, sprach. Unsere Anwesenheit in London war ja auch bekannt, und der ganze Kongreß war doch vielen ein Dorn im Auge. Schließlich fing Genosse Wurm, der auch bei uns war, an zu lachen und sagte: »Wenn ihr wüßtet, was der alles von euch sagt!« Uneingeschränkte Versammlungsfreiheit herrschte hier. Irgend jemand stellte sich an einer Straßenecke auf und fing an zu reden, und bald hatte er einen Zuhörerkreis um sich versammelt.

Allabendlich fanden sich auf den öffentlichen Plätzen Londons oft zu Tausenden Obdachlose ein, die dort ihr hartes Nachtlager aufschlugen. Der Policeman bewachte sie, damit niemand ihnen ihr Eigentum, das armselige Bündelchen, unter dem Kopf hervorstahl. Der englische Arbeiter hatte die Freiheit, auf der Straße zu verkommen, aber er hatte nicht, wie auch wir nicht, das Recht auf menschenwürdige Existenz. Ungeheurer Reichtum und entsetzliche Armut und damit Verwahrlosung stehen sich in London gegenüber, die sauberen breiten Straßen mit den riesigen Kaufhäusern, dem flanierenden eleganten Publikum und der Whitechapel, das Elendsviertel Londons. Wir fuhren am Sonntagmorgen hinaus, um einen Einblick zu gewinnen. Da war der sogenannte Judenmarkt. In den engen, schmutzigen Straßen waren Tische aufgestellt, auf denen das Warenlager aufgebaut und feilgeboten wurde. Hungrige, aufgedunsene Gestalten in schmutziger, verlumpter Kleidung boten ihre Waren, Heringe, Limonaden, Seife, alte Hosen, Eßwaren u. dgl. an. Das Viertel wurde auch das Verbrecherviertel genannt, weil sich dort Verbrecher, oft genug durch die Not gezüchtet, verbargen. Ein Fremder hätte nicht wagen dürfen, in einen der Keller hineinzugehen, ohne einen Policeman zu verständigen. Alles in allem machte mir London einen großartigen Eindruck. Berlin kam mir dagegen wie ein Dorf vor. Auch das Klima sagte mir zu. Den[59] Londoner Nebel habe ich allerdings nicht kennengelernt. Aus aller Herren Länder waren neben den Männern auch Vertreterinnen der Frauen nach London gekommen. Die Tochter unseres Karl Marx, Eleanor Marx-Aveling, Frau Pankhurst, Amie Hicks, Beatrice Webb und viele andere der englischen Parteigenossinnen lernten wir kennen. Frankreich, Italien, Holland, Belgien, Rußland, Amerika hatten Frauen gesandt.

Zu einer besonderen Besprechung hatten sich die weiblichen Teilnehmerinnen im langen, schmalen Balkonzimmer der Queens Hall zusammengefunden, und es war ein buntes Sprachengewirr, in dem sich die Menschen aber doch nahe kamen. Frau Amie Hicks, eine englische Seilmacherin, erzählte von ihrer Arbeit unter den Frauen, von den Schwierigkeiten, die Frauen in die Gewerkschaften zu bringen. Sie forderte vor allem ausgedehnten gesetzlichen Schutz und bessere Arbeitsbedingungen für die Frauen. Eine Reihe wichtiger Anträge, die von den Frauen gestellt waren, wurden auf dem Kongreß verhandelt und auch in den Beschlüssen festgelegt. So hatten die Genossinnen Zetkin, Ihrer, Marx-Aveling, Adelheid Popp den folgenden Antrag auf eine Erklärung des Kongresses eingereicht.

1. Der Platz der proletarischen Frauen, welche ihre Befreiung erringen wollen, ist in Reih und Glied des kämpfenden Proletariats und nicht in den Reihen der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen.

2. Zum Zwecke ihrer Beteiligung am proletarischen Klassenkampf auf politischem Gebiete sind die Proletarierinnen einzubeziehen in die politischen Organisationen der Arbeiterklasse, wo die Vereinsgesetze dies gestatten. Dort, wo diese Gesetze die gemeinsame politische Organisation von Männern und Frauen unmöglich machen, ist kräftig für die nötige Reform der einschlägigen Bestimmungen einzutreten.

3. Zum Zweck der Beteiligung am proletarischen Klassenkampfe auf wirtschaftlichem Gebiete, die durch die Rolle der Frau in der modernen Industrie täglich nötiger wird, sind die Proletarierinnen einzubeziehen in die Gewerkschaftsorganisationen ihrer männlichen Berufsgenossen, wo Männer und Frauen in dem gleichen Gewerbe tätig sind. Wo dies nicht der Fall ist, sind die selbständigen Gewerkschaftsvereine der Arbeiterinnen der Organisationen der verwandten Berufsgenossen anzugliedern.

Der Internationale Sozialisten- und Gewerkschaftskongreß zu London erklärt ferner: daß es sowohl im Interesse der männlichen wie der weiblichen[60] Proletarier liegt, mit aller Energie für die Verwirklichung der obigen Forderungen einzutreten, sowie für die volle politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts als für eine Reform, welche dem weiblichen Proletariat die unbehinderte Beteiligung am Kampfe seiner Klasse ermöglicht.

Wir haben uns, wie auch aus diesem Antrag zu ersehen ist, in London auch mit der bürgerlichen Frauenbewegung auseinandergesetzt und auf die grundsätzliche Verschiedenheit, die vor allem in den Ausgangspunkten liegt, hingewiesen. Für den Herbst des gleichen Jahres 1896 hatten die Frauenrechtlerinnen einen internationalen Frauenkongreß nach Berlin einberufen, zu dem auch Emma Ihrer, Clara Zetkin und ich selbst eingeladen wurden. Die Teilnahme an einer solchen rein bürgerlichen Veranstaltung haben wir abgelehnt, weil unsere besonderen Arbeiterinnenfragen dort niemals die Behandlung finden konnten, die wir hätten fordern müssen. Wir haben aber diese Frauentagung zum Anlaß genommen, drei eigene große Volksversammlungen einzuberufen, zu denen wir die Kongreßteilnehmerinnen, vor allem die ausländischen, besonders einluden. Wir hatten auch, entgegen den Kongreßverhandlungen, die sofortige Übersetzung ausländischer Reden zugesagt. Gesprochen hat außer einer Österreicherin und einer Polin bei uns nur die italienische Ärztin Dr. Montessori, die besonders Grüße der italienischen Genossen überbrachte.

Eine große Freude war es, daß unsere drei Versammlungen zu ganz gewaltigen Kundgebungen wurden. Alle waren gedrängt voll, die eine derartig, daß der überwachende Beamte nur eine halbe Stunde für die ganze Versammlung gestattete.

Mit diesen wirkungsvollen Veranstaltungen des weiblichen Proletariats schloß unsere erste Vertrauensperson Ottilie Gerndt ihre Wahlperiode ab. Sie waren auch ein schöner Auftakt zu unserem Parteitag in Gotha im Oktober 1896, auf dem zum ersten Male ein Referat über die Frauenagitation auf die Tagesordnung gesetzt worden war. In erster Linie stand hier die Teilnahme am politischen Leben der Partei, die Heranziehung und Aufklärung der Frauen zur Verhandlung. Aber notwendig mußten wir uns auch bei dieser Gelegenheit wieder mit der bürgerlichen Frauenbewegung auseinandersetzen. Diese kämpfte für die Erhaltung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die sie für die beste hielt. Sie glaubte, durch einige Pflästerchen deren Schäden zu beseitigen und sie uns annehmbar zu machen. All unser Tun war jedoch dar auf[61] gerichtet, dem Proletariat den Sozialismus zu predigen, es für diese höhere und bessere Gesellschaftsform vorzubereiten, es zu gesunden und willensstarken Persönlichkeiten werden zu lassen. Alle Reformen, die wir erstrebten, waren auf dieses Ziel gerichtet. Es wurde denn auch auf dem Parteitag gegen eine einzige Stimme ein Zusammenarbeiten mit den Frauenrechtlerinnen zur Erkämpfung »praktischer Reformen« abgelehnt.

In den Beschlüssen des Parteitages wurde den Frauen, die sich infolge der bestehenden Vereinsgesetze nicht so, wie sie wollten, am politischen Leben beteiligen konnten, empfohlen, sich mehr der gewerkschaftlichen Agitation zuzuwenden. Auch die Wahl weiblicher Vertrauenspersonen in allen Orten, wo es irgend möglich war, zu fördern, und neben der Aufklärungsarbeit die Erziehung und Stärkung des Klassenbewußtseins bei den Frauen wurden hier als Hauptaufgaben bezeichnet.

Ein dritter, auch für die proletarischen Frauen wichtiger internationaler Kongreß fand im August 1897 in Zürich statt. Es kam hier der gesetzliche Arbeiterschutz zur Verhandlung. Die Genossinnen Deutschlands hatten mit ihrer Vertretung Clara Zetkin beauftragt. Das Ergebnis wurde in einer Reihe von bedeutsamen Forderungen festgelegt, und zwar für alle Arbeiterinnen und Angestellte. Die Grundlage für dieses Schutzgesetz sollte der Achtstundentag und der Zwölfuhrschluß am Sonnabend bilden. Verbot der gewerkschaftlichen Frauenarbeit mindestens zwei Wochen vor und sechs Wochen nach der Niederkunft, der Beschäftigung schwangerer Frauen bei besonderen, ihren Zustand gefährdenden Arbeiten wurde gefordert. Eine Wochenhilfe mindestens in der Höhe ihres Lohnes, die Aufhebung der Sondergesetze für Dienstboten und landwirtschaftliche Arbeiterinnen, Verbot der Hausindustrie, gleicher Lohn für gleiche Arbeit bei Männern und Frauen, alle diese Forderungen wurden den gesetzgebenden Körperschaften der verschiedensten Länder vorgelegt. Dazu kamen die allgemeinen Arbeiterschutzbestimmungen, an denen die Frau das gleiche Interesse hat wie der Mann: die Regelung der Sonntagsarbeit, der Nachtarbeit, Verbot der Arbeit in gesundheitsgefährlichen Betrieben, das Verbot der Kinderarbeit bis zu 16 Jahren und die allgemeine Forderung des Achtstundentages. Die Zusammenfassung der gesamten Beschlüsse ist ein interessantes Dokument, und man erkennt daran deutlich, wie sehr die Frage des Arbeiterschutzes noch im argen lag.

Quelle:
Baader, Ottilie: Ein steiniger Weg. Lebenserinnerungen einer Sozialistin. 3. Auflage, Berlin, Bonn 1979, S. 56-62.
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