Willst genau du wissen, was sich schickt?

Auf Marientag waren im großen Mühlhose in Altendorf zwei neue Dienstmädchen zugezogen. Die Müllerfrau hatte keine Kinder, war schon älter und öfter kränklich. Die Berta wollte sie für die Hauswirtschaft, Kochen, Waschen usw. haben. Friederike aber sollte die Draußenwirtschaft, den Garten und das zahlreiche Kleinvieh besorgen, das auf dem großen Mühlengrundstück aufgezogen wurde. Berta war bis dahin nur bei ihren Eltern gewesen, die selber eine kleine Wirtschaft mit einem Pferde besaßen. Da sie aber viele Geschwister hatte, die nun heranwuchsen, sollte sie als die älteste sich selber etwas verdienen. Friederike war die Tochter einer armen Witwe. Sie war gleich nach der Einsegnung ins Pfarrhaus ihres Heimatdorfes gekommen, da der Herr Pastor das immer freundliche und so anstellige Mädchen im Konfirmandenunterricht schon gern gehabt hatte. Er und seine Frau waren schon alte Leute. Aber zwei Töchter lebten bei ihnen, die mit ihrer Freundlichkeit das Riekchen, wie das junge Dienstmädchen genannt wurde, in allem unterrichteten. Das Kochen und die kleine Hauswirtschaft hatten die Fräulein fast allein besorgt. Riekchen mußte den Garten und Hof besorgen, Kühe melken und alles Federvieh füttern. Das hatte sie auch zur großen Zufriedenheit ihrer Herrschaft besorgt, bis diese aus dem Dorfe fortzog und Riekchen mit ihrem guten Zeugnis im Dienstbuch von der wohlhabenden Müllersfrau gemietet wurde.

Berta hatte von einigen putzsüchtigen Stadtmädchen gesehen, daß sie ihre Haare in Locken brannten und lose um den Kopf wickelten. So trug auch sie nun einen Wuschelkopf, weil sie glaubte, das sei sein. Riekchen trug nach wie vor ihr blondes Haar gescheitelt und geflochten. Die Fräulein im Pfarrhofe trugen auch so ihr Haar und Riekchen wußte, sie waren wirklich feine Damen, keine aufgeputzten Stadtfräulein. Der Herr Pastor hatte im Unterricht auch so oft gesagt: »Nichts wird mich mehr freuen, als wenn meine Konfirmanden mich im späteren Leben noch recht oft besuchen werden. Aber, ihr lieben Mädchen, wenn ihr euren glatten Kopf und die hübschen Flechten ablegen und solchen unordentlichen Zottelkopf tragen wollt, dann freut euer Besuch mich nicht. Ihr seid dann von guten Wegen abgewichen, denn wie es auf dem Kopf aussieht, so sieht es auch meistens drinnen aus.« –

[1] Nun sollten beide Mädchen beim Mühlenbesitzer Genzmer und seiner Frau sich einleben und treulich ihre Arbeit tun. Auf Fleiß, Ordnung und Schicklichkeit hielten die wohlhabenden Mühlenhofsleute. Ihre Mädchen waren stets lange Jahre bei ihnen, verdienten sich, wenn sie ordentlich waren, dort den Brautschatz, und den beiden letzten hatte die Frau wieder die Hochzeit ausgerüstet.

Ostern fiel dies Jahr früh. Bald nachdem beide Mädchen zugezogen waren, kam eine Verwandte der Müllerin, eine junge städtische Frau, zum Osterbesuch. Berta mußte, als sie ankam, ihren Mantel, Hut und den Koffer in die Vorderstube tragen, wo der Besuch schlafen sollte.

Nachher in der Küche erzählte sie Riekchen ganz genau, daß der Mantel Seidenfutter hätte, was für Knöpfe daran, was für Verzierungen am Hut seien.

»Hast du das alles nachgesehen?« fragte Riekchen und machte ganz erschrockene Augen über solche Unbescheidenheit. »Die Frau sagte doch, du sollst es in die Stube legen und dann rasch den Tisch decken. Das schickt sich doch nicht, die Sachen der fremden Dame so genau durchzusehen und alles anzufassen!«

»Was schadet denn das?« fragte Berta dreist und lachte. »Es hat ja keiner gesehen!«

Riekchen schwieg still. So etwas hätte sie nie bei den Kleidern ihrer Fräulein gewagt.

Am nächsten Morgen war es, wie immer, Bertas Pflicht, den Schlüssel zur Speisekammer aus der Schlafstube ihrer Frau zu holen. Die Stube hatte zwei Eingänge, vom Flur her und von dem vorderen Zim mer, wo jetzt der Besuch schlief. Berta hatte sich angewöhnt, immer durch das Vorderzimmer zu gehen. Das tat sie auch heute, denn sie war sehr neugierig, die ausgepackten Kleider der fremden Dame zu sehen. Die Türe war nicht verschlossen. So trat Berta, ohne anzuklopfen, leise ein. Der Besuch schlief wohl noch fest, da es erst sechs Uhr war. Das Mädchen ging darum auch nicht unhörbar durch ^das Zimmer, um den Schlüssel zu holen, sondern trat an die Kleider, die die Dame am Ständer aufgehängt hatte, damit sie nach dem Verpacken im Koffer sich wieder glatt zögen. Berta befühlte das Futter, sah Knöpfe, Besatz und alle Einzelheiten mit größter Neugier durch und dachte erst wieder an ihre Pflicht, als die Uhr nebenan schon einviertel auf Sieben schlug. Da sollte ihr Kaffee schon auf dem Feuer sein, denn pünktlich um einhalb sieben Uhr kam der alte Müller von draußen an den Frühstückstisch. Bei Bertas Eintritt und »Guten Morgen!« wurde die alte Frau erst wach, die gestern länger als ihre Schlafenszeit sonst war, mit ihrem Besuch geplaudert hatte. Auf dem Tische neben ihr stand ein kleiner Korb mit Schlüsseln. Sie gab Berta wie alle Morgen den gewünschten und das Mädchen verließ nun durch die Flurtüre die Stube.

Später am Kaffeetische klingelte die alte Frau, Berta sollte kochendes Wasser bringen. Es war dem Mädchen aufgefallen, daß der Besuch heute Morgen dem Gruße nicht so freundlich dankte wie gestern abend, wo die Dame herzlich gelächelt hatte. Sofort war sie mit dem Urteil über die Fremde fertig. »Sie ist gewiß auch so eine Hochmütige, wie die meisten Frauen aus der Stadt,« dachte sie, goß ärgerlich kochendes Wasser in einen Topf, um es für den Besuch hineinzutragen. Im Flur [2] begegnete ihr Friederike: »Berta, man muß den Topf auf einen Teller oder eine Platte stellen. Es schickt sich nicht, ihn so aus der Faust vor den Besuch hinzustellen. Auch ist der Topf heiß, das schadet der Tischplatte,« flüsterte sie ihr rasch zu.

»Ach, was du nicht weißt,« gab Berta ärgerlich zurück. »Ich bin fürs Haus und mache es, wie ich will. Sorge du für deine Hühner und Enten!«

Als sie den heißen Topf vor die fremde Dame hinsetzte, griff diese schnell nach einem kleinen Teller und schob ihn darunter. Berta wurde dunlelrot vor Aerger, daß Riekchen also recht hatte und ging mit brummigem Gesicht hinaus. Später kam die Hausfrau mit ihrem Besuch in die Küche, um ihm die Wirtschaftsräume, Vorrats- und Milchkammer zu zeigen. In der Milchkammer lobte die junge Frau sehr die peinliche Sauberleit und Ordnung, die dort herrschte, und die Müllerin sagte anerkennend: »Ja, auf Riekchen ist Verlaß, dies ist ihr Reich.«

Die junge Frau Hellmann blieb darauf neben dem jungen Draußenmädchen stehen, das eifrig in der Küche Kartoffeln schälte und ließ sich mit ihm in ein freundliches Gespräch über Mutter und Geschwister und den ersten Dienst im Pfarrhause ein. In netter und bescheidener Weise gab Riekchen Auskunft und wurde erst recht erfreut, als sich dann bei der Namensnennung herausstellte, daß Frau Hellmann ihre Pfarrfräulein gut tannte. Nun wurde sie ganz lebhaft und erzählte, wieviel Gutes sie bei ihren Fräulein gelernt habe, und die junge Frau sagte herzlich: »Ich will in diesen Tagen an die Fräulein schreiben, da kann ich wohl einen Gruß bestellen?«

»O bitte, ja, wenn Frau Hellmann so gut sein will,« sagte Riekchen erfreut, und ihr zunickend ging die junge Frau ins Zimmer zurück.

Berta knallte mit ihren Küchengerätschaften laut und heftig umher, die Schüsseln pvlierten beim Abwaschen übereinander, die Blechdeckel fielen auf den Boden. Sie war sehr ärgerlich, daß Riekchen so durch den Besuch geehrt wurde, während sie weder Lob noch freundliche Worte erhalten hatte. Bald darauf kam die Frau in die Küche, wo Riekchen soeben mit ihren Kartoffeln fertig war und sagte: »Riekchen, die Stube, die unser Besuch bewohnt, machst du jetzt alle Tage in Ordnung. Fange nur gleich an, wenn du hier fertig bist.«

»Ja, gewiß, Frau Genzmer,« erwiderte Riekchen, zwar ein wenig betroffen, weil das Reinmachen sonst Bertas Arbeit war. Aber sie nahm eilig das Kehrzeug, ließ ihre derben Pantoffeln, die sie auf dem Hofe trug, stehen und zog leichte Hausschuhe an, um in den Stuben nicht so laut zu poltern.

Bertas Zorn war aufs höchste gestiegen. Sie hatte fest darauf gerechnet, den Besuch allein zu bedienen, damit sie nachher auch ein ansehnliches Geschenk oder Trinkgeld bekam. Und nun nahm ihr die Frau ihre Arbeit, für die sie gemietet worden war und zog ihr das junge Draußenmädchen vor?

Als daher die Müllerin sie in die Speisekammer rief und sagte: »Berta, wir wollen den Osterkuchen einrühren«, erwiderte sie in ihrer Aufregung mit ziemlich patzigem Ton:

»Ja, Frau Genzmer. Aber ich muß erst fragen, warum ich meine Arbeit in der Stube nicht machen soll, die mir zukommt?«

[3] »Das will ich dir sagen«, erwiderte die Hausfrau ruhig. »Ich wollte jetzt mit dir darüber sprechen, wo wir allein sind. Wie muß ich mich vor meinem Besuch schämen, daß ich ein so dreistes, neugieriges Mädchen habe, wie du es bist! Der Herr hat dich heute morgen in die Vorderstube gehen sehen, wo du nichts zu tun hattest, sondern unsern Besuch, der von der langen Reise müde war, nur im Schlafe gestört hast. Meine Nichte ist längere Zeit krank gewesen und ich habe sie mir eingeladen, daß sie sich in der stärkenden Frühjahrsluft erholen soll. Du kannst es ja an ihrem schmalen blassen Gesichte sehen, wie schwach sie noch ist. Auch habe ich dir davon erzählt, ehe unser Besuch kam. Aber das alles kümmert dich nicht. Nur deine dreiste Neugier willst du befriedigen! Ich hielt es anfangs für kaum glaublich, was der Herr sagte, daß du schon um 6 Uhr, ohne anzuklopfen, zu meiner Nichte hineingegangen bist. Sie selbst hat mir bei ihrer Freundlichkeit nichts von deiner Unart gesagt, bis ich sie danach fragte. Sie ist bei deinem Eintritte sofort wach geworden, da sie einen leichten Schlaf hat. Und dann hat sie dir zugesehen, wie du all ihre Sachen durchsuchtest und genau betrachtetest. Denke einmal nach, Berta, wenn du jetzt bei einer fremden Familie an einem fernen Ort dientest! Wenn du solche Sachen machst, müssen Leute, die dich nicht kennen, doch glauben, du hast unredliche Absichten!«

Berta war dunkelrot geworden und wollte heftig erwidern, aber die Hausfrau fuhr fort: »Ich kenne dein braves Elternhaus und auch dich. Aber in welchen bösen Verdacht bringst du dich mit deiner Unschicklichkeit und dreisten. Neugier! Denke einmal, wie dir dabei zumute wäre, wenn eine Freundin deine Sachen so dreist durchsuchen würde! Als ich voriges Jahr mehrere Wochen bei meiner Nichte und ihrem Mann zu Besuch war, hatten sie ein noch ganz junges Mädchen vom Lande, das auch noch alles lernen mußte. Aber dreist und unschicklich war das Mädchen niemals; so wie ich meine Sachen in der Stube liegen ließ, so fand ich sie wieder vor. Nie rührte sie etwas an, das ihr nicht geheißen war. Aber was Frau Hellmann sie lehrte, das merkte sie sich auch und tat danach. Sie war eben erst eingesegnet, aber einen Topf mit heißem Wasser so wie du heute morgen herein zu bringen, hätte sie nie getan. Du glaubst, sein und städtisch zu sein, wenn du dir die Haare nach mancher städtischen Mädchen Art machst, viele helle Blusen und Schürzen trägst, aber was wirklich für ein Mädchen sein und schicklich ist, nämlich ein seines, bescheidenes Wesen, davon weißt du nichts. Du hast es deiner Neugier und Unschicklichkeit zuzuschreiben, wenn ich es nun nicht haben will, daß du die Stube meiner Nichte in Ordnung bringst. Ich kann ja kein Vertrauen mehr zu dir haben, sondern muß fürchten, daß du wieder alles durchsiehst, wenn du dort allein bist. Auf Riekchen aber ist Verlaß; sie ist bescheiden und weiß, was sich schickt. Ich will dir nur raten, Berta, lerne von Riekchen. Weil sie ein liebevolles Herz hat, einen freundlichen Sinn, der anderen gern dienen will, darum findet sie bald heraus, was sich schickt. Darum achtet sie auch auf alles, damit sie das immer besser lernt. Wirst du so handeln wie sie, dann werdet ihr bald gute Freundinnen sein und ich kann euch beiden vertrauen. Kommen aber solche Dinge, wie heute[4] morgen wieder vor, muß ich dich zu deinen Eltern zurückschicken. Es soll aber alles vergessen sein, wenn du dich änderst und lernen willst, was sich schickt!«

Mit diesen Worten schnitt Frau Genzmer das Gespräch ab, damit Berta in der Stille darüber nachdenken sollte. Sie machte sich ruhig daran, alle Zutaten zum Backen herauszugeben und Berta begab sich schweigend an das Einrühren. Getroffen hatten die ernsten, mütterlichen Worte der Hausfrau sie doch. Sich ändern, bescheidener, freundlicher sein, das hatten die Eltern zuhause auch oft gemahnt. Wenn ihr die Frau nur nicht gerade Riekchen als Vorbild hingestellt hätte! Das war doch nur das Draußenmädchen, von dem sollte sie lernen, was sich schickt? Sie war doch aus anderem Stande, da ihr Vater sein eigenes Grundstück hatte und sie auch oft bei ihren städtischen Verwandten zu Besuch gewesen war. Friederike aber stammte aus einem armen Tagelöhnerhause, von der brauchte sie nichts zu lernen!

Das Ende vom Liede war, daß an Bertas törichtem Hochmut alle guten Gedanken scheiterten, die ihr noch durch den Sinn zogen und ihr sagten, sie müsse anders werden. –

Ihre Neugier konnte sie nur sehr schwer bezähmen. Sie wurde nach Frau Genzmers ernster Rüge zwar vorsichtiger, aber bei ihrer Eitelkeit trieb es sie immer wieder, neue Frauenkleider genau sich anzusehen. Um die Festzeit kamen die Verwandten der Mühlenhofsleute häufig zum Besuch, besonders weil jetzt die junge Frau aus der Stadt dort zu Gaste war. So hatte Berta viel zu sehen, und beim Anblick der neuen Festkleider vergaß sie häufig, daß die Gäste auf ihre Dienste warteten, bis die Hausfrau sie, ungeduldig geworden, zu ihrer Pflicht rief. Dann stürzte sie hastig hin und her, das Versäumte nachzuholen. Ihr lose hochgestecktes Haar löste sich auch dabei und oft kam sie mit herunterhängenden Strähnen in die vorderen Stuben zu den Gästen, wenn sie den Kaffee und andere Mahlzeiten anrichten sollte. In den Besuchsstuben im Oberstock, die jetzt häufiger gebraucht wurden, blieb sie beim Reinmachen ungewöhnlich lange Zeit. Sie sah dann genau alle hübschen Bücher und Bilder durch, die hier auf Schränken und Tischen standen und Frau Genzmer konnte in der Küche lange warten. Hatte sie dann Vorwürfe bekommen, beging sie häufig aus Trotz die größten Unschicklichteilen. So hatte Frau Genzmer ihr ein für allemal gesagt, sie solle unter ihrer Arbeitsschürze für die Küche stets noch eine saubere Schürze tragen. Wurde sie in die Stube gerufen, oder fuhr unerwartet ein Besuch vor, konnte sie die beschmutzte Schürze rasch abwerfen und stand dann stets sauber vor Fremden da. Zum Fest hatte ihr die Frau, trotzdem sie erst kurze Zeit im Hause diente, zwei hübsche helle Schürzen geschenkt, die sie jetzt, wo viel Besuch im Hause kam und ging, tragen sollte. Wenige Tage nach Ostern aber hatte Frau Genzmer Berta abermals frühmorgens wegen Pflichtversäumnis tadeln müssen. Berta wurde brummig und arbeitete nun so langsam, daß sie noch gegen Mittag in ihrem alten Küchenkleide steckte.

Da fuhr draußen rasch ein Wagen vor. Obwohl Berta genau wußte, daß es sich schickt, mit heller sauberer Schürze einen Gast zu empfangen, ging sie, wie sie war, ärgerlich in den vorderen Flur. Sie erschrak aber doch, als sie sah, daß der Hausherr selbst schon draußen [5] am Wagen stand, aus dem soeben der Herr Landrat stieg, der wohl wichtige Dinge mit Herrn Genzmer zu besprechen hatte. Sie mußte den Schirm des Herrn Landrats und die Wagendecke nehmen und drinnen im Flur dem Herrn auch behülflich sein, den Ueberrock auszuziehen. Sie bemerkte wohl, wie peinlich es Herrn Genzmer war, daß in seinem propperen Hause ein so unsauber augezogenes Mädchen den höchsten Beamten des Kreises empfing. Er war sonst immer ein freundlicher alter Herr, der oftmals einen Scherz machte, aber heute hatte er sehr finster die Augenbrauen zusammengezogen. Berta schämte sich nun doch und verschwand schnell in ihre Stube, sich umzuziehen, als die Herren Herrn Genzmers Zimmer betraten.

Am Abend aber rief Herr Genzmer sie zu sich hinein. Auch die Frau war in seiner Stube. Er zählte der erschrvckenen Berta den vollen Lohn auf den Tisch und sagte kurz und streng: »Du kannst morgen deine Sachen packen und zu deinen Eltern zurückgehen, Berta. Die Frau hat dich nun so oft ermahnt, dich zu ändern und zu lernen, was sich in unserm Hause schickt. Wir sehen aber, du hast nicht einmal den guten Willen dazu, und wir müssen uns mit dir vor ehrenwerten Leuten schämen. Wie schmutzig hat heute wieder der Herr Landrat dich gesehen! Die Frau und ich sind alt, müssen unsere Ruhe haben und wollen uns nicht lange an dir ärgern. Der Knecht fährt morgen deine Sachen nach Hause!«

Damit war Berta entlassen. Blaß vor Schrecken nahm sie ihren Lohn. Was würde der Vater nun zu ihrem Nachhausekommen sagen?!

Es erging ihr sehr böse. Der Vater wurde sehr streng gegen sie, daß ihr solche Schande widerfuhr, aus dem hochgeachteten Mühlenhofe, wo gute Mädchen stets so lange dienten, nach Hause geschickt zu werden. Da er auf dem Grundstück auch gerade viele Verluste gehabt hatte, so war allerlei Not und kein Bargeld im Hause. Strenge bestand ihr Vater darauf, daß sie sofort wieder einen Dienst annahm und sie mußte froh sein, so außer der Zeit als Draußenmädchen auf einem Gutshofe anzukommen. Und wie hatte sie immer auf Riekchens Stellung als Draußenmädchen von oben herabgesehen!

Friederike aber wurde Hausmädchen auf dem großen Mühlenhofe. In ihrer freundlichen hilfreichen Art erfaßte sie bald, wie Frau Genzmer es in ihren Stuben haben wollte und wußte die alte Frau bei ihrer zunehmenden Kränklichkeit sorgsam wie eine Tochter zu pflegen. Auch hier erfaßte sie durch ihr mitfühlendes Herz sehr bald allerlei Handgriffe, die der alten Frau beim Heben oder Betten Erleichterung brachten. Sie war den alten Leuten unentbehrlich geworden und wurde mit der Zeit mehr wie eine Tochter im Hause gehalten, denn als Mädchen. In ihrem Anzuge immer zierlich und sauber, kleidete sie sich jedoch nie über ihren Stand. Sie machte aber mit ihrem schlichten Scheitel, im sauberen Waschkleide und der hellen Schürze auf alle Leute, die das Haus betraten, einen so angenehmen Eindruck, daß man sie auch stets für die Haustochter hielt. In Reden und Manieren, in ihrem ganzen Tun und Lassen hatte sie so viel Angenehmes, daß sie sich aller Herzen gewann.

»Das junge Mädchen weiß wirklich, was sich schickt«, sagten oft Damen, die Frau Genzmer besuchten.

[6] Als dem alten Herrn die Verwaltung der großen Mühle zu schwer wurde, nahm er einen jüngeren Mühlmeister ins Haus, der sich mit großer Gewissenhaftigkeit in die weitläufigen Geschäfte einarbeitete. Der alte Herr lobte ihn oft seiner Frau und Riekchen gegenüber und sagte, er habe an diesem Gehülfen einen guten Griff getan.

Der junge Mann lernte auch Riekchens treues Schalten und Walten bei dem täglichen Zusammenleben genau kennen und ihre freundliche, stets hilfsbereite Art gewann bald sein Herz. Nach einem halben Jahre fragte er den Mühlenbesitzer und seine Frau, ob ihm hier das Verheiraten gestattet sei und sie ihm Friederike zur Frau geben würden. Mit Freuden willigten die alten Leute ein, behielten sie das ihnen lieb gewordene Mädchen auf diese Weise doch bis an ihr Lebensendo auf dem Mühlenhofe. Das junge Paar bezog eine freundliche Wohnung, die ihnen Herr Genzmer in einem Nebengebäude neu herrichtete und Riekchen wurde eine glückliche und wohlhabende Frau Mühlenmeister.

Jetzt war es ihr noch mehr als bisher möglich, ihre alternde Mutter zu unterstützen. Den Mühlenhofsleuten aber, in deren Hause sie ihr Glück gefunden hatte, blieb sie bis an das Lebensende eine treue Pflegerin. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Solch ein Lebensschicksal wünscht sich wohl manches junge Landmädchen. Glücklich werden, wer möchte das nicht gern? Und doch hat fast jedes Menschenkind sein Glück in der eigenen Hand, nämlich das Glück, das treu erfüllte Pflicht gewährt. Zu diesen mancherlei Pflichten eines ehrbaren jungen Mädchens – möge sie nun ihre Jugendjahre in ihrem Elternhause oder in einer fremden Häuslichkeit verleben – gehört als eine der wichtigsten, in allen Lebenslagen zu wissen, was sich schickt.

Es ist ganz sicher, daß man ein grobes, unfreundliches, unschickliches und zu seinen Pflichten und Aufgaben unwilliges Mädchen weder im eigenen Familienkreise gern haben wird, noch daß man es in irgend einer Stellung im fremden Hause lange behält. Hat aber ein Mädchen den ehrlichen und treuen Willen, das hinzuzulernen, was es von äußeren Schicklichleiten vielleicht noch nicht kennt, so wird man das in jedem guten Hause anerkennen. Die Hausfrau wird durch freundliche Ratschläge und Winke das Bestreben des Mädchens unterstützen, sich auch in äußeren Dingen fortzubilden.

Alles schickliche Benehmen aber hat seinen tiefsten Grund in der Treue auch zu seiner Christenpflicht. Ein junges Mädchen, das bestrebt ist, sich besonders an seinem inneren Menschen, an seiner Seele fortzubilden, sich in den christlichen Tugenden der Beschei denheit, der Dienstwilligkeit, der Freundlichkeit und Geduld zu üben, wird nie nach außen hin ein grobes und unschickliches Betragen haben. Der verborgene Mensch des Herzens, von dem die heilige Schrift redet, weiß dann auch inäußeren, weltlichen Dingen das rechte zu finden. Setzt an diesem Punkte jeden Tag aufs neue das redliche Bemühen eines jungen Mädchens ein, so wird es sich nicht nur Liebe in dem Kreise erwerben, in dem es wirkt und schafft, sondern die Treue, die Zuverlässigkeit in allen Pflichten wird ihren Angehörigen wie der Herrschaft freundliche Anerkennung abnötigen. Sie wird auch lange in ihren Dienststellungen behalten werden, ihren Lohn wird man gern erhöhen und sie wird [7] nach jeder Seite hin ein besseres Fortkommen haben als ein Mädchen, das glaubt, mit Keckheit und dreistem Auftreten vorwärts zu kommen.

Solchen strebsamen Mädchen aber sollen die folgenden Ausführungen dienen, sie auf mancherlei hinzuweisen, das sich schickt und einen stets freundlichen, gefälligen Eindruck macht. Das zu lernen, ist aber besonders wichtig, wenn man das erstemal von Hause fort unter fremde Leute kommt.

Quelle:
Bartz (Friedenau), Marie Luise: Willst genau du wissen, was sich schickt? Potsdam 1912, S. 1-8.
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