I.

Aus den Lebensregeln

[1135] 1135. Aus den Lebensregeln des Grafen August von Platen.


Teile nur Denen deine Grundsätze mit, die von gleichen oder ähnlichen beseelt sind. Niemand, der sich nicht selbst überzeugt, wird von dir überzeugt werden. Die Weltverbesserung geht einen sehr langsamen Weg. Laß die Zeit gewähren. Alle Anschläge einer plötzlichen Ausklärung mißlingen.


Sogenannte Religionsstreite führe niemals, und breche das Gespräch ab, sobald man dir Gelegenheit dazu geben möchte.


Deine Vernunft, gleichsam ein Ausfluß des Weltgeistes, würde nicht irren können, wenn sie nicht auf eine unbegreifliche Weise mit dem Körper vereinigt und von ihm beschränkt wäre. Je mehr also jene von körperlichen Motiven und Einwirkungen beherrscht wird, desto mehr mißtraue ihr.


Versäume den Körper nicht, von dem dein ganzes Erdensein abhängt. Unterrichte dich, was ihm frommt und was ihm verderblich ist. Verachte ihn nicht; aber auf der andern Seite bedenke, wie sehr er eine träge, unbrauchbare und verwesende Masse sei, sobald er des Lebens, das ihn beseelte, ermangelt.


Der Zweck deines Lebens sei Vervollkommnung im Guten. Gut ist Alles, was zur Gesundheit deines eigenen Körpers und Geistes, wie jener anderer Menschen beiträgt.


Aufrichtiges Wollen genügt, um das Gute rein zu erkennen. Aber nur Nachdenken und Aufmerksamkeit auf uns selbst führen zu jenem schnellen Scharfblick und jener Feinheit der Unterscheidungskraft, die bei den mannigfachen und verwickelten Ereignissen unsers Lebens so nötig sind.


Was du thust, vertraue auf die Vorsehung, und vertraue auf dich selbst. Eines von diesen ohne das Andere wird dir selten frommen; aber Beide vereinigt retten dich aus jeder Lage, ermutigen dich in jedem Unternehmen.


Wende alle Mühe an, wie der weise Seneca sagt, daß du dich durch irgend eine Gabe bemerkenswert machest.


Aber wende dich nicht bloß nach einer Seite. Strebe nach deutlichen Begriffen über Alles. Gieb keine Wissenschaft ganz auf, denn die Wissenschaft ist nur eine.


Befolge auch Garve's Rat: die Kunst und Klugheit, den ganzen Menschen wenigstens erträglich zu zeigen, wenn er gleich nur durch eine Seite seinen wahren Ruf in der Welt erhält: dies ist es, was dem vernünftigen Manne zu erreichen obliegt.


Zwinge dich zur bösen Stunde zu keiner Arbeit, die dir nicht ausdrücklich Pflicht ist. Hasse aber auf der andern Seite den Aufschub, den Young mit Recht den Dieb der Zeit nennt. Diese Regeln haben ihre Ausnahmen, die sich nicht verkennen lassen.


Bringe Abwechslung in deine Studien und Lektüren. Wer nur wenig auf einmal liest, behält dies Wenige desto besser.


Hüte dich vor allzu vielem und schnellem Lesen. Lies vielmehr mit Bedacht, lege öfters das Buch beiseite, präge dir das Gelesene ein, und sinne darüber nach.


Erwäge jeden Schritt, den du vorhast, sobald deine Leidenschaften mit im Spiele sind. Wie oft gewinnen die Dinge ein ganz anderes Aussehen, sobald sie bedacht werden.


Sei dagegen rasch entschlossen in allem, was du als unzweifelhaft, tadelfrei und pflichtgemäß erkennst, und wobei du auf keine Weise zu fürchten hast, bloßgestellt zu werden.


Bewahre die Unbescholtenheit deines Namens, und bringe ihn rein und makellos auf die Nachwelt. Laß dich durch keinen guten Zweck zu zweideutigen Mitteln hinreißen.


Bei allen Dingen liebe die Mäßigung, eine Tugend, die schwerer ist, als sie scheint, aber notwendiger, als eine. Glaube aber nicht, daß das Schlimme durch Mäßigung könne geadelt werden.


Schränke deine Bedürfnisse ein, so viel es dir möglich ist, um so viel als möglich deine Freiheit zu bewahren. Mancher, sagt Horaz, dient lieber in Ewigkeit, ehe er lernt, mit Wenigem zu leben.


Ueberlaß dein Boot auf dem Meere des Schicksals nicht den Wellen, sondern rudere selbst; aber rudere nicht ungeschickt. Noch einmal, überlege.


Sei auf das Schlimmste gefaßt. Laß dich nie vom Schmerz hinreißen, verbirg ihn immer. Die Dinge, welche am meisten gewünscht werden, sagt La Bruyère, geschehen nicht, oder wenn sie geschehen, so ist dies nicht zu der Zeit oder in den Umständen, wo sie ein äußerstes Vergnügen würden verursacht haben.


Sei immer wahr und offen, und hasse jede Art von Gezwungenheit und Verstellung. Scheue dich nicht, deine Unwissenheit, deine Ungeschicklichkeit zu gestehen. Deine Thorheiten und Fehler vertraue nur Wenigen.


Bemerke, höre, schweige. Urteile wenig, frage viel.


Scheue den bösen Schein nicht bei guten Absichten. Sei nicht zu stolz, ihn, wenn er auf dir ruht, zu zerstreuen, sobald es dir möglich ist. Wo nicht, hülle dich in deine Tugend, wie Horaz sagt.


Sei gern allein bei übler Laune. Bei andern sei so viel als möglich aufgeräumt. Es ist unglaublich, wie sehr kummervolles, mürrisches Wesen entstellen kann, wie sehr Heiterkeit für sich einnimmt.


Wenn du verdrießlich bist, so frage dich ernstlich selbst: Was ist die Ursache meiner Verdrießlichkeit? Läßt sie sich nicht heben? Was soll ich thun? Meistens wird sie zu heben sein.


Sei pünktlich. Laß nie Unordnung in deinen Habseligkeiten und Papieren einreißen. Mustere von Zeit zu Zeit deine Papiere, vernichte die unnützen.


Scheine lieber zu freigebig als zu sparsam; aber verschwende nichts. Spare in Kleinigkeiten. Lerne entbehren.


Wenn du zwischen Wahrheit und Lüge in die Enge kömmst, entscheide dich ohne Nachsinnen für die Wahrheit. Sie ist immer die Bessere, gesagt zu werden.


Sei auf deiner Hut vor Aufwallungen des Zorns. Laß deinen Unmut niemals Leute fühlen, die dir nichts darauf erwidern dürfen oder mögen.


Bezwinge den Eigenwillen. Es wird dir nicht an Gelegenheit fehlen, deine Festigkeit zu zeigen. Den Trotz aber verbanne von da, wo er nicht hingehört.


Deine Reue sei lebendiger Wille, fester Vorsatz. Klage und Trauer über begangene Fehler sind zu nichts nütze.


Wenn du des Morgens erwachst, übersinne den Tag. Suche ihm seine günstige Seite abzugewinnen, wenn dir auch unangenehme Geschäfte bevorstehen.


Bewahre in allen Angelegenheiten die Klarheit des Geistes. Hüte dich vor den Thorheiten der Liebe. Glaube zwar, daß die ersten Eindrücke von Bedeutung seien; aber laß dich nicht von ihnen hinreißen. Studiere die Physiognomik bei gleichgültigen Personen, aber nicht bei solchen, für welche du anfängst Leidenschaft zu fühlen, weil sie dich bei dieser sicher wird irre führen. Fliehe allen Selbstbetrug. Gewöhne dich, nur inneren, anerkannten Wert zu lieben und das Aeußere mehr als eine Klippe deiner Vernunftfreiheit zu betrachten. Täusche dich nicht durch tönende Worte, durch selbstgeschaffene Götzenbilder. Sobald du dem Wahne nicht nachgiebst, wird er nie um sich greifen. Wolle nur vergessen und du kannst. Fliehe deshalb die Personen nicht, die dir gefährlich werden könnten. Suche sie eher näher kennen zu lernen; dies wird dich am ersten heilen, oder du liebst mit Recht. Nimm dir fest vor, die Schüchternheit zu überwinden, welche dir ihre Gegenwart einflößt, und du wirst viel gewonnen haben. Vor Allem, denke nicht an die Abwesenden.


Vorzüglich wird hierzu erfordert, daß du Herr deiner Gedanken bist. So schwer es auch sein mag, seinen Lieblingsideen nicht nachzuhängen, nimm es gleichwohl über dich, sie zu bekämpfen. Glaubst du, auf Spaziergängen nicht davor sicher zu sein, nimm ein Buch mit dir und lies aufmerksam. Aber lies, was deiner Seelenstimmung entgegenstrebt, nicht etwa den Petrarca, der dieselbe noch verschlimmern würde.


Lebe den Pflichten und Beschäftigungen nach, die dein Stand dir auferlegt; aber bedenke immer, daß du vorzüglich für deine Ausbildung als Mensch zu sorgen hast.


Nimm mit Wohlwollen an Allem Teil, was die Menschheit, ihre Fortschritte, und was auch die einzelnen Individuen betrifft. Sei erkenntlich für Alles.


Das Urteil der Menge mache dich immer nachdenkend, aber niemals verzagt.


Gehe zu Niemanden, und laß Niemand von dir, sagt Knigge, ohne ihm etwas Verbindliches oder Belehrendes gesagt oder auf den Weg mitgegeben zu haben.


Verlasse jede Gesellschaft, jeden Menschen, jedes Haus dergestalt, daß du nie scheuen darfst, dieselben wieder zu treffen, dasselbe wieder zu besuchen.


Alle gleichgültigen und nicht näher bekannten Menschen, die dich anreden, empfange mit Artigkeit und gutem Willen. Spiele aber nicht den Zuvorkommenden. Bleibe zurückhaltend und trocken, bis du Ursache hast, dich näher an sie anzuschließen.


Ein Gleiches gilt von neuen Bekanntschaften. Sei niemals Enthusiast für sie, wenn sie dir auch gefallen. Schenke ihnen niemals dein Vertrauen. Rede nicht von dir selbst mit ihnen (wie du denn überhaupt so wenig als möglich von dir selbst reden sollst) und usurpiere nicht das Amt der Zeit. Sicher wirst du sie näher kennen lernen, wenn sie dir wirklich ähnlich sind.


Glaube nicht, daß alle Personen, die deine Sympathie aus den ersten Anblick in Anspruch nehmen, für dich geschaffen wären, denn die Erfahrung widerlegt es.


Desto vertrauender sei gegen deine Freunde. Thue Alles für sie, was in deiner Macht steht. Denn, sagt Pope mit Recht, wenn du abziehst, was Andre fühlen, was Andre denken, so erkranken die Freuden, und aller Ruhm sinkt. Laß dich durch keine Drohung, durch kein Schicksal von deinen Freunden abschrecken.


Vertraue ihnen, denn ohne Vertrauen kommen nie zwei Menschen sich wahrhaft nahe. Bewahre aber nicht allein alles Anvertraute, sondern ebenso heilig alles Gesagte, was nicht für Jedermann ist.


Lies niemals fremde Papiere, Briefe, Tagebücher etc., die du zufällig liegen siehst.


Sieh deine Freunde weder zu oft, noch zu selten.


Versprich wenig, besonders nicht in Kleinigkeiten, halte aber, trotz aller Hindernisse, das Versprochene. Stütze dich nicht auf Versprechungen Derer, die du nicht näher kennst.


Traue lieber zu sehr, als daß du mißtrauest. Glaube nicht mit Larochefoucauld und seinen Nachfolgern, daß alle Menschen und alle ihre Worte und Thaten bloß von ihrem Vorteile regiert werden, wenn du dir anders selbst uninteressierte Handlungen zutraust.


Von gemeinen Menschen, von Leuten ohne Erziehung halte dich in kalter, obgleich nicht stolzer Entfernung. Denn wie ein morgenländischer Spruch sagt: Kälte nur bändigt den Schlamm, damit er den Fuß nicht beschmutze.


Gegen Geringere sei höflicher, als gegen Höhere.


Befolge die Maximen Marc Aurels, jeden, auch den unbedeutendsten der Schwätzer, aufmerksam und genau anzuhören. Du gewinnst dadurch, teils in der Neigung des Menschen, teils auch durch das, was er sagt, doch immer mehr, als wenn du zerstreut bist.


So wenig du versäumen sollst, abwechselnd die Einsamkeit zu suchen, so wenig fliehe die Gesellschaft. Du lebst, um unter Menschen zu sein.


Suche in jeder Gesellschaft gut gelitten zu werden, aber suche nicht zu glänzen.


Meide die Karten so viel als möglich. Es wird dir niemals zur Schande gereichen, wenn du nicht spielst.


Im Umgang mit den Frauen lasse dich nie, wie ein Geck, zu ihnen herab, suche sie vielmehr zu dir emporzuziehen. Enthalte dich abgeschmackter Schmeicheleien, aber habe gewisse unbedeutende Aufmerksamkeiten für sie, die man bei Männern vernachlässigt. Scheine nie eine Einzelne vorzuziehen.


Manches mag im gewöhnlichen Ceremoniell, in den gangbaren Höflichkeitsbezeugungen vorkommen, was unter deiner Würde ist. Thue hier lieber zu wenig, als zu viel. Rede niemals, wenn du nicht den Drang fühlst. Erkläre dich an den Orten, die du besuchst, frei, wie du es hältst. Man wird sich an deine Weise gewöhnen.


Reiche nicht gleich Jedem die Hand.


Lege alles vorlaute, alles ausgelassene Wesen für immer ab. Sprich nie ein tadelndes Urteil oder eine Spötterei über irgend Einen in Gegenwart von Menschen, die nicht deine Vertraute sind. Selbst wenn sie mit einstimmen, bist du niemals sicher, daß sie es nicht hinterbringen, besonders in leidenschaftlichen Augenblicken.


Schone die Thörichten und Boshaften, so lange es die Redlichkeit und deine eigene Würde erlaubt.


Sei niemals schüchtern und befangen ohne Ursache. Alle, mit denen du zu thun haben kannst, sind Menschen wie du, haben ihre Thorheiten und Schwächen. Die Besseren und Weiseren unter ihnen hast du ohnedies nicht zu scheuen. Sobald du dir vertraust, sagt Goethe, sobald weißt du zu leben.


Lerne zu reden, aber lerne auch zuzuhören. Rede deine Sprache rein von Provinzialismen und Fehlern gegen die Sprachlehre. Es ist der niedrigste Grad von Bildung.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 1135.
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