I.

Wie wir reisen sollen.

[690] 690. Das Reisefieber. Nicht alle haben eine poetische Auffassung vom Reisen und vom Reisezauber, für viele ist das Reisen geradezu eine Last und sie sind erst wieder glücklich, wenn sie wieder daheim sind. Aber gereist muß werden: wo selbst die Frau Assessor vier Wochen an die See geht, kann die Frau Rat nicht den ganzen Sommer zu Haus bleiben, und wenn der Regierungspräsident es möglich macht, seine acht Kinder mit in das Bad zu nehmen, so darf der Künstler, der ein höheres Einkommen versteuert, seine zahllosen Rangen nicht zu Hause lassen.

Gereist muß werden und man reist. Der Ueberschuß, den unsere Bahnen alljährlich abwerfen, ist der beste Beweis dafür, wieviel Menschen beständig unterwegs sind, und wahrlich nicht alle fahren aus geschäftlichen Rücksichten. Entfernungen giebt es heutzutage ja nicht mehr und trotzdem wohl in keinem anderen Staate die Fahrpreise so enorm hoch sind, wie bei uns, ist in den Augen dessen, der da reisen will, die Eisenbahn ja geradezu lächerlich billig, ein Koffer ist schnell gepackt und was man vergißt, läßt man sich nachschicken. Man reist los, irgend wo hin zum Besuch eines Verwandten, in eine Stadt, die man kennen lernen will, zu einer Ausstellung, oder Gott weiß wohin. Der da reiselustig ist, findet immer einen Grund zur Reise und es giebt thatsächlich Menschen, die kein schöneres Parfüm kennen, als den Rauch der Lokomotiven.

[690] 691. Reisen bildet, erweitert den Gesichtskreis, bringt uns mit vielen neuen Menschen in Berührung, läßt uns Schönes sehen und hören und erhebt uns über die zahllosen kleinlichen Sorgen des täglichen Lebens, macht uns frei von der allzu großen Rücksichtnahme auf das, was Tante Bertha sagt und Fräulein Annie, das große, hübsche, schlanke Mädchen mit den großen, ganz grauen Augen denkt, die es jedesmal übel nimmt, wenn man sie fragt, warum sie beständig schwarz trage, da ihr doch ihr blaues Kleid mit dem roten Einsatz viel besser stände.

Ach ja, das ewige Uebelnehmen! Das ist es nicht in letzter Linie, was uns hinaustreibt nach irgend einem Fleck der Welt, wo es keine zärtlichen Verwandten, keine liebenden Mitmenschen giebt, die sich um alles kümmern, nur nicht um ihre eigenen Sachen.

Wer heutzutage auf Reisen geht will nicht nur möglichst viel, sondern er will das Viele auch möglichst bequem sehen. Von seinem Coupéfenster aus will er die schönsten Punkte der Landschaft bewundern und die stolzesten Bergriesen der Schweiz will er nicht zu Fuß, sondern im D-Zug erklimmen.

Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual und mit seinen Eisenbahnen – sie vertreiben alle Schönheit und Poesie, kriechen bis zu den Gletschern hinauf, durchkreuzen die lieblichsten Thäler und selbst in den Rosengärten von Schirach wird man demnächst auf den vorgeschriebenen Entfernungen ein Bahnwärterhaus finden.

Reisen bildet, aber trotzdem ist ein allzuviel nicht gut. Wer verheiratet ist, Weib und Kind oder den Gatten zu Hause hat, sollte nicht beständig auf der Eisenbahn liegen, nicht jahraus jahrein den Sommer an der See, den Frühling in Nizza, den Winter in Italien, den Herbst in Algier verleben, das gehört sich nicht, und wer sich darum nicht kümmert, darf sich nicht wundern, wenn zu Hause alles drunter und drüber geht. Das beste Dienstmädchen ist immer noch schlechter als die schlechteste Hausfrau und die treueste Bonne kann den Kindern die Mutter nicht ersetzen.

[691] 692. Reisen zur Renommage. Häufig, sehr häufig packen wir unsere Koffer aber auch nur deshalb, um den Neid der anderen zu erwecken. Wir sind glücklich, wenn über uns gesprochen wird, wenn man uns beneidet, weil wir nach Abazzia fahren, wenn man uns anstaunt, weil wir nach Spitzbergen wollen. Auch dieserhalb nehmen wir gerne und freudig alle Strapazen und Entbehrungen auf uns, die mit jeder Reise für jeden verbunden sind – im schönsten Schlafwagen ruht man nicht halb so gut wie im eigenen Bett, das teuerste und bequemste Hotel ersetzt nicht die eigene Häuslichkeit, das eigene Nest ist das allerbeste.

Natürlich giebt es viele, die mit Freuden auf alles verzichten, wenn sie nur reisen können, aber das sind Ausnahmen.

[692] 693. Kleine Verstimmungen. Sehr häufig hört man von Leuten, die von einer Reise zurückkommen, auf die sie sich lange Zeit gefreut und vorbereitet haben, daß sie sich nicht nur garnicht amüsiert hätten, sondern daß sie in jeder Hinsicht sehr enttäuscht wären. Oft liegt das daran, daß man seine Erwartungen zu hoch spannte, oft aber hat es auch seinen Grund darin, daß man sich seine Laune unterwegs durch Gott weiß welche Kleinigkeit verderben ließ. Einer Dame kann eine ganze Reise verdorben werden, wenn sie zu einem Feste eingeladen wird und dies nicht mitmachen kann, weil sie keine passende Toilette im Koffer hat, der Herr verliert seinen Humor, weil er sich zu wenig Cigarren mitnahm und sich seine Leib- und Magensorte des hohen Zolles wegen nicht nach dem Ausland nachschicken lassen kann, und unser kleines Mädchen endlich heult vom frühen Morgen bis zum späten Abend, weil sie ihre Lieblingspuppe vergaß. Es ist lächerlich, daß man von solchen Kleinigkeiten abhängig ist, aber man ist es nun einmal und daran kann man nichts ändern, dagegen angehen oder ankämpfen zu wollen, wäre vollständig zwecklos.

[693] 694. Vorbereitungen zur Reise. Ueber den Wert eines Bädeker oder Meyer sind sich alle einig, aber es ist eine große Streitfrage, die auch von kompetenter Seite entschieden werden muß, ob ein Studium dieser Reisebücher, bevor man sich auf den Weg macht, zu empfehlen ist oder nicht. Vor einigen Jahren war ich auf einer Spitzberger Fahrt mit einem Herrn zusammen, der sich entsetzlich langweilte, dem nichts imponierte, der von allem enttäuscht war, der sich alles ganz anders, viel großartiger, viel erhabener gedacht hatte. Warum? Er hatte nicht nur den Bädeker, sondern noch zahllose andere Reisebücher gelesen, hatte sich alles unterstrichen und gemerkt, was er sehen wollte, und freute sich nun nicht über das, was er sah, sondern ärgerte sich nur über das, was er nicht sah.

Wer in ein fremdes Land fährt, wer zum erstenmal nach Italien oder sonst irgend wohin reist, wird natürlich nicht blind darauf losfahren, sondern sich vorher erst einen ungefähren Plan machen und sich im großen und ganzen über die Schönheiten, die seiner dort harren, unterrichten. Man sei aber nicht kleinlich in dieser Hinsicht, man binde sich nicht an die Minute und nehme sich nicht vor, alles sehen zu wollen – dann sieht man gar nichts. Selbst das, was man nach dem Bädeker gesehen haben muß, kann man sich in sehr vielen Fällen schenken, ohne daß man dadurch auch nur im geringsten zu kurz kommt. Unsere Aufnahmefähigkeit, unsere physischen Kräfte ermüden bei dem vielen Sehen und Bewundern sehr schnell. Was habe ich davon, wenn ich in der Dresdener Galerie vor der Madonna stehe, nachdem ich vorher schon sechshundert andere im Bädeker aufgeführten Bilder bewunderte? Wird die Madonna dann auf mich auch nur noch den leisesten Eindruck machen? Nein und dreimal nein. Wie bei jedem Menschen die Minute kommt, wo er sagt: Selbst für zehn Milliarden bin ich nicht mehr im stande, auch nur noch einen einzigen Bissen zu essen, so kommt für uns auch der Augenblick, wo wir effektiv unfähig sind, noch etwas zu sehen, denn diese Thätigkeit besteht nicht nur darin, daß wir unsere Augen einfach auf einem Gegenstande ruhen lassen.

Wer sich im Bädeker die Sachen anstreicht, die er sehen will, sei sparsam mit dem Bleistift, und wenn er einen Strich machen will, denke er: »Laß es lieber sein, es kommen noch viele andere Dinge.« Je weniger, desto besser, an Ort und Stelle werden wir später noch genug auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam gemacht, die wir vergebens in unserem Reisehandbuch suchen.

[694] 695. Uebertriebene Zeitdispositionen. Ebenso verfüge man nicht schon, bevor man im Coupé sitzt, über jede Minute der bevorstehenden Reisetage. Wer im höchsten Norden, sagen wir in Hadersleben, wohnt und nach Paris will, kann nicht schon am 20. Juni sagen: »Am 15. Juli gehe ich morgens 8 Uhr zur Notre-Dame, 8.20 fahre ich mit einem Wagen nach der Madeleine, 8.40 fahre ich mit dem Omnibus nach dem Bois, dort bin ich um 9 Uhr und gehe im Bois bis 9.35 spazieren.« Daß es Leute giebt, die so reisen und die durch keine Vernunftgründe davon abzubringen sind, auch nur die geringste Programmänderung vorzunehmen, wer wollte es leugnen? Daß solche Menschen zum mindesten einen ganz leichten Gehirnklaps haben, ist klar, aber kein Arzt ist im stande, sie wieder gesund zu machen. Sie sterben lieber, als daß sie zu Hause sich selbst oder anderen eingestehen müssen, sich bei der Aufstellung ihres Programms geirrt zu haben.

[695] 696. Sprachliche Vorbereitung. Zu den Vorbereitungen einer Reise, wenn es in das Ausland geht, gehört, daß man sich wenigstens einigermaßen mit der fremden Sprache, auf die man in der nächsten Zeit mehr oder weniger angewiesen ist, vertraut macht. Viele sagen: »Das fällt mir garnicht ein. Ebensowenig, wie es einem Engländer, der zu uns reist, in den Sinn kommt, ein einziges Wort deutsch zu lernen, ebensowenig denke ich daran, französisch oder englisch zu lernen. Ich spreche nur deutsch, auch im Ausland, und wer mich nicht verstehen will oder kann, mag mir gewogen bleiben.«

Fast hätte ich gesagt, daß solche Redensarten kindisch sind. Es erinnert an die Logik der ganz kleinen Mädchen: »Marie hat heute nichts gewußt, folglich habe ich auch nicht die Verpflichtung, etwas zu wissen.«

»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie« – in der Theorie hat, der so spricht, vielleicht recht, in der Praxis aber ganz sicher nicht.

Alles, was wir lernen, lernen wir für uns, nicht für andere. Non scholae, sed vitae discimus, was uns eingetrichtert wird, ist nicht für die Schule, sondern für das Leben, sagt der Lateiner.

Den Verkäufern im Grand Magasin du Louvre in Paris wird es ganz gleichgültig sein, ob wir die Waren, die wir haben wollen, auf deutsch, französisch, englisch oder chinesisch fordern, er wird sich nicht darüber ärgern, wenn er uns nicht versteht, aber wir werden mehr oder weniger außer uns sein, wenn wir das nicht bekommen, was wir haben wollen, weil wir uns nicht verständlich machen können.

[696] 697. Anekdote. Zuweilen kann man, ohne es zu wollen, in sehr unangenehme Situationen kommen, wenn man im fremden Lande die Sprache nicht beherrscht. Es gab eine Zeit, in der auch ich vom Französischen keine Ahnung hatte. Ich befand mich in Brüssel und wollte das Grab des Generals Boulanger aufsuchen, der damals gerade vor einigen Tagen, von allen Freunden und Anhängern verlassen, gestorben und zur letzten Ruhe bestattet war. Ich winkte mir einen Droschkenkutscher herbei und redete den Mann anstatt mit cocher mit cochon an. Er mochte merken, daß ich ein Fremdling sei, und ließ sich die Sache gefallen. Dann bemühte ich mich, ihm auseinanderzusetzen, daß er mich fahren sollte, aber wie hieß »fahren«? Keine Ahnung. Ich dachte an das lateinische »trahere« und bildete daraus trahir (verraten). Nun wurde der Rosselenker grob und beschuldigte mich, ich hätte ihn cochon genannt und spreche nun mit ihm von Verrat. Es bildete sich ein Menschenauflauf und wer weiß, wie es mir gegangen wäre, wenn nicht der Portier meines Hotels mir zur Hilfe kam.

Nicht die Höflichkeit gegen die Bewohner des Landes, das wir aufsuchen, sondern die eigene Klugheit, die Rücksicht auf den eigenen Geldbeutel, auf den sonst auf Reisen kein Mensch Rücksicht nimmt, erfordert, daß wir uns in der fremden Sprache wenigstens notdürftig verständlich machen können, daß wir in der Lage sind, unsere Wünsche und Befehle auszudrücken. Bei meiner letzten Anwesenheit in Moskau kam ganz verzweifelt ein Bekannter, mit dem ich in demselben Hotel wohnte, zu mir und klagte mir sein Leid, er sei schon fünfmal vergebens auf der Post gewesen, er müsse notwendig Geld fortschicken, aber er könne es nicht los werden, die Beamten verständen ihn nicht. Der Brave sprach nur richtig deutsch, und dies noch dazu mit einem starken mecklenburgischen Accent. Mit französisch kommt man auch in Rußland überall durch, die Beamten an der Post und an der Bahn beherrschen fast überall alle diese Sprache.

[697] 698. Eine Stunde Konversation hat mehr Zweck, als drei Stunden Grammatik zu treiben, und ich für meinen Teil halte auch nicht viel von den gedruckten französischen, englischen oder italienischen Konversationsschulen. Was nützt es, Redensarten wie: »Wollen Sie diesen Schimmel besteigen? – Ja, mein Herr, ich werde ihn gleich probieren« und ähnliche Sachen rein mechanisch auswendig zu lernen! Ist man nachher auf Reisen, so hat man keine Ahnung, wie der Schimmel auf englisch heißt und meistens sind die Uebersetzungen derartig geschraubt und gekünstelt, daß der Landesbewohner sie nur schwer versteht.

Um sich verständlich zu machen, genügt es ja schließlich, einen großen Schatz von Vokabeln zu besitzen und soviel Grammatik zu können, um im stande zu sein, das, was man sagen will, richtig übersetzen zu können. Wer das kann, darf sich aber deshalb noch lange nicht einbilden, eine Sprache richtig zu sprechen. Wer hierauf Anspruch macht, muß in den Geist der Sprache eingedrungen sein und das lernt man natürlich nicht in kurzer Zeit, viele lernen es sogar thatsächlich nie, weil sie nicht im stande sind, sich von dem deutsch denken vollständig frei zu machen, und das zu thun ist die erste Pflicht.

In jedem Bädeker findet man bei jedem Lande auch einige sprachliche Bemerkungen, z.B. mit einem »l'addition s'il vous plaît« verlange man die Rechnung und dergleichen Redensarten mehr. Wenn man sie aber anwendet, lachen sogar die Kellner und man kann sicher sein, daß sie uns dieses Lächeln irgendwie auf die Rechnung setzen. Wer es mir nicht glaubt, möge es selbst ausprobieren.

Auch sonst wird jeder, der viel auf Reisen war, finden, daß vieles so ganz anders ist, als es im Reisehandbuch geschrieben steht, das aber muß man alles praktisch durchmachen.

[698] 699. Was nehme ich mit? Was ich in meinen Koffer packe, ist natürlich davon abhängig, ob es sich um eine Bade-, eine See-, Geschäfts-, Erholungs- oder Vergnügungsreise handelt, dann aber auch davon, zu welcher Jahreszeit ich die Reise unternehme. Nur in den seltensten Fällen wird man im Sommer einen Pelz und im Winter lauter dünne Seidenkleider in den Koffer legen. Darüber werden wir weiter unten ausführlich zu sprechen haben. Hier möge nur gesagt sein, man nehme lieber sechzig Stück zu viel, als ein einziges zu wenig mit.

[699] 700. Nicht zu wenig. Wir Deutsche haben eine geradezu lächerliche Angst vor der Ueberfracht. Als wenn wir wirklich Bankerott machen müßten, wenn wir einen oder zwei Thaler für das Gepäck bezahlen! Ist denn das so schlimm? Kommt es nicht viel teurer, wenn wir uns jeden dritten Tag ein Postpaket nachschicken lassen oder uns unterwegs Sachen kaufen müssen, weil wir dies oder jenes, was wir nicht zu gebrauchen glaubten, zurückließen? Schrecklich sind die Menschen, die, um keine Ueberfracht zu bekommen, wenig Wäsche mitnehmen, natürlich damit nicht auskommen und nun an den Hemden und Kragen sparen, weil sie entweder thatsächlich nicht waschen lassen können oder weil sie dies nicht wollen. Entsetzlich die Reisenden, die nur ein Paar Bergschuhe als einzige Fußbekleidung bei sich führen und eisenbeschlagen sogar bei der table d'hôte erscheinen. Nicht mit Unrecht bekommt man einen Schrecken in Gegenwart eines Reisenden, der stolz und glücklich erzählt, er sei so anspruchslos, daß er sein ganzes Gepäck für die nächsten sechs Wochen in seiner Umhängetasche bei sich trage. Kann man wirklich in einem so engen Raum bei sich tragen, was man in so langer Zeit an Kleidung und Wäsche gebraucht? Wer für seine eigene Person in Bezug auf seine Garderobe so anspruchslos ist, sollte doch bedenken, daß seine Mitmenschen von ihm verlangen, daß er gut gekleidet gehe. Es ist wirklich kein Vergnügen, tagelang eine Dame in ein und demselben Radlerkostüm, einen Herrn immer mit demselben Jägerhemd, ein junges Mädchen tagaus tagein mit demselben bunten Leinenkragen, demselben Schlips und denselben Schuhen zu bewundern. Die Reinlichkeit nicht nur, sondern auch die Gesundheit erfordert es, seine Kleider und seine Wäsche häufig zu wechseln. Auf dem Lande ist es an einigen Stellen üblich, daß der Bauer sich am Sonntag Morgen ein reines Hemd anzieht, das er sich dann von seiner Frau am Hals fest zunähen läßt – er kann erst heraus, wenn die Gattin ihm am nächsten Sonntag das Hemd wieder auftrennt. Daran muß man oft unwillkürlich denken, wenn man Herren und Damen immer in dem gleichen Kleid sieht.

Als ich kürzlich in Tirol reiste, geriet ich mit einem Mitreisenden ins Gespräch. »Sehen Sie,« sagte dieser Biedermann, »hier in dem Täschchen habe ich mein ganzes Gepäck: ein Nachthemd, ein paar Reservestrümpfe und ein paar Taschentücher. Wozu soll man sich mit unnötigem Ballast schleppen? Heutzutage findet man ja in jeder Sennhütte Kamm, Seife und Zahnbürste!«

Ich sah mich unwillkürlich nach einer Axt um, um den Mann zu ermorden – aber zu seinem Glück war keine da.

[700] 701. Der Deutsche im Ausland. Wie wir Deutsche uns zu Hause schlecht kleiden und dafür bekannt sind – bei uns giebt es außer Wiesbaden, Frankfurt, Dresden und allenfalls noch Berlin nur wenig Städte, in denen von den Damen und Herren Wert auf die Toilette gelegt wird – so kleiden wir uns auch auf Reisen schlecht. Gewiß soll man nicht alle Modethorheiten mitmachen, aber einen gewissen Geschmack muß man unter allen Umständen zeigen, wenn man nicht für einen Barbaren gehalten werden will. Leider ist es eine unumstößliche Thatsache, daß kein Vertreter eines anderen Kulturvolkes sich in seinem Aeußern so gern gehen läßt wie der Deutsche. Nicht bloß durch unsere Brillen und Klemmer, zu denen uns unsere immer schrecklichere Dimensionen annehmende Kurzsichtigkeit verdammt, sondern auch durch unser unsoigniertes Schuhwerk, unsere schlecht sitzenden Röcke, unsere oft sonderbaren Kopfbedeckungen und unseren Mangel an Anmut fordern wir im Auslande den Spott heraus und machen uns dadurch oft unangenehmer bemerkbar, als uns im Interesse unserer nationalen Würde lieb sein sollte. Gewiß, man kann ein höchst braver, anständiger und gescheiter Mensch sein und doch alle diese Aeußerlichkeiten verachten – aber ob es der Weltklugheit entspricht, von dem, was einer vorstellt, nur gering zu denken, das steht auf einem anderen Blatte. Die ganze Menschheit urteilt nach dem Schein, und wir können von keinem, der nicht durch engere Beziehungen mit uns verbunden ist, verlangen, daß er uns gleich auf Herz und Nieren prüft und darüber die Außenseite vergißt. Nein, wir urteilen alle nach dem Schein, und deshalb erheischt es nicht bloß die Achtung vor uns selbst, sondern auch die Weltklugheit, unser Aeußeres so zu pflegen, daß wir vor jedem Urteil bestehen können und den Witzbolden nicht allzu viel Stoff zu Glossen bieten.

Wir machen uns gern über die Engländer lustig, die uns im Sommer von Cook und Gaze bataillonsweise vorgeführt werden, und empfinden in ihrer oft mehr als ungenierten Art und Weise etwas Provozierendes. Wir ärgern und mokieren uns und sind leicht geneigt, aus der Unart einzelner Vertreter des Volkes Schlüsse auf das ganze Volk zu ziehen – aber wer das englische Volk und seine Tüchtigkeit kennt, der wird sich vor zu weit gehenden Folgerungen hüten.

Ebenso wie wir über die Engländer lachen, lacht der Engländer, der Franzose oder Italiener über den deutschen Durchschnittstouristen. Sie finden, daß uns der Schulmeister sozusagen aus allen Knopflöchern herausguckt und daß wir mit unserem Gemisch von Pedanterie, von dreifach unterstrichener, ewig bierfeuchter »Gemütlichkeit«, Sentimentalität und Mangel an ungezwungener Eleganz entschieden etwas Komisches haben. Wer ausländische Witzblätter liest, weiß, daß der deutsche Tourist, natürlich übertrieben karikiert, eine typische Figur darin bildet.

Ein bekannter Feuilletonist schrieb kürzlich zu diesem Kapitel: »Der Himmel mag wissen, warum die meisten Deutschen die Ansicht haben, man müsse sich verkleiden, um mit Erfolg und Genuß reisen zu können. Ich bin ein bißchen sachverständig in dieser Angelegenheit und kann daher kühnlich behaupten, daß man am bequemsten und besten im Alltagsrocke reist, an den man gewöhnt ist. Der Alltagsrock ist außerdem von so banalem Zuschnitt und von so gewöhnlicher Farbe, daß sein Träger überall in der Menge verschwindet, in Rom sowohl wie in London, in Paris so gut wie in Madrid. Und ich vermute doch, daß ein vernünftiger Mensch nicht auf Reisen geht, um angestaunt und begafft zu werden wie ein fremdländisches Tier. Oder irre ich mich? Wenn man die seltsamen Exemplare sieht, die von Deutschland und England aus die Touristenländer überfallen, könnte man wirklich glauben, der einzige Ehrgeiz dieser Reisenden bestehe darin, die Eingeborenen in Erstaunen zu versetzen. Sie staffieren sich auf eine Weise heraus, wie sie es in der Heimat niemals wagen würden. Denn wenn der Herr Kreisphysikus und seine Gattin in Dinkelsbühl mit grünem Jägerhütchen, darauf die Feder des Auerhahns und der Bart des Gemsbockes wehen, mit grünen Lodenwämsern und dito Mänteln durch die Gassen spazierten, so würden die Schuljungen ihnen nachlaufen und »Hurra!« schreien.

Es gibt Leute, denen ein Jägerhütchen und eine Lodenjoppe vorzüglich zu Gesicht stehen, obgleich in allen Fällen die Straßen einer Großstadt nicht den passenden Rahmen zu diesem Bilde geben. Wenn man in die Vogesen, in den Schwarzwald oder sonst ins Gebirge geht, mag man sich in Gottesnamen als Jäger und Förster verkleiden, aber in Paris oder in Rom! Und dann eignet sich diese Tracht lange nicht für jeden Menschen, ebensowenig wie jeder Mensch in Frack und Cylinder gut aussieht. Man kann sich kaum etwas Lächerlicheres denken, als so einen braven Familienvater, dem man ansieht, daß er sein ganzes Leben im Bureau zugebracht hat, wo er schließlich ganz und gar zu Löschpapier zusammengeschrumpft ist, und der jetzt auf einmal in der Verkleidung des Jägers auftritt. Die deutschen Frauen scheinen außerdem in ihrer Mehrzahl dem Glaubenssatze zu huldigen, daß für die Reise das Häßlichste das Bequemste und Praktischste sei, und ihre häufig ganz außerordentlich geschmacklose Kleidung fällt gerade in Paris, wo sich jedes Mädchen und jede Frau mit raffiniertem Geschmack kleidet, sehr unaugenehm auf. Die deutschen Männer können sich wenigstens insofern sehen lassen, als sie zumeist große, kräftige Gestalten sind, wogegen die Franzosen in ihrer eleganten Zierlichkeit etwas puppenmäßig ausschauen. Aber die deutschen Frauen können den Vergleich mit den Pariserinnen nicht bestehen und daran ist zum Teil die geschmacklose Toilette schuld. Denn wenn man vom Manne Kraft verlangt, so sucht man dagegen Anmut beim Weibe, und die findet man nur bei der Minderzahl der deutschen Frauen und Mädchen, die im Auslande reisen. Und dabei kleiden sich die nämlichen Frauen und Mädchen in ihrer Heimat ganz hübsch, nett und angemessen, und nur zur Reise hängen sie sich die entsetzlichen Lappen um. Warum?«

Ja, warum? Wahrscheinlich deshalb, weil sehr viele beim Einpacken sagen: »Ach, für die Reise ist dies und das noch gut genug, da kennt uns ja doch niemand!« Aber das ist eine verwerfliche Ansicht, denn der gebildete Mensch soll sich überall so bewegen, daß er die Kritik seiner »intimsten Feinde« gut bestehen kann, und besonders im Auslande soll er es sich angelegen sein lassen, auch mit seiner bescheidenen Person sein Vaterland würdig zu repräsentieren. Auch das ist Patriotismus, und jedenfalls ein besserer, als er auf Bierbänken sich breit macht.

Unsere Damen haben eine ausgesprochene Vorliebe für Lodenstoffe. Nun sind diese gewiß sehr praktisch und es gibt für das Gebirge kaum etwas Besseres, aber elegant sind sie selten und besonders Damen mit starker oder untersetzter Figur sollten berücksichtigen, daß sie in Loden weit stärker bezw. kleiner aussehen.

[701] 702. Ueberflüssiges Handgepäck. Man nehme soviel Gepäck wie irgend möglich mit, nur eins nehme man nie mit: Handgepäck. Wer seinen Schirm, oder gar mehrere Schirme bei sich führt, hat schon mehr als genug. Der Raum, der einem Reisenden für seine Sachen zur Verfügung steht, ist sehr gering. Es ist entsetzlich, einer Dame gegenüber zu sitzen, die sieben Schachteln in das Netz gelegt hat, fünf Pakete auf dem Schoß hält und acht Kollis auf die Erde stellte. Der Anblick allein macht nervös und die Furcht, daß mit einemmal die ganze Herrlichkeit uns auf den Kopf fallen könnte, kann einen erregten Menschen geradezu krank machen. Was führt eine Dame nicht alles an Handgepäck bei sich! Einen Schoßhund, ein Bauer mit einem Kanarienvogel, einen Korb mit belegten Butterbroten, Regen- und Sonnenschirme, eine Reisedecke, einen, wenn nicht mehrere Hutkartons, sechs bis sechzehn Blumensträuße, einen Korb mit eingemachten Früchten und frischen Eiern, die mit in das Coupé genommen werden, damit sie nicht zerbrechen. Reiselektüre und eine Handtasche, die in den meisten Fällen ebenso schwer wie unpraktisch ist. Natürlich reicht für diese Kleinigkeiten ihr eigener Platz nicht aus, sie belegt die Netze der anderen Reisenden, und bittet man sie dann höflichst, ihre Habseligkeiten etwas zusammenzulegen, so macht sie ein Gesicht, als wollte sie sagen: »So unhöflich kann man aber auch nur in Deutschland sein.« Ich fuhr einmal mit einer angeblichen Schwedin zusammen, die thatsächlich achtzehn Stück Handgepäck hatte, ich fand infolgedessen im Coupé keinen Platz und wandte mich an den Schaffner, worauf die schöne Nordländerin sagte: »In Schweden sind die Herren höflicher.«

[702] 703. Benehmen im Coupé. Damen gehören in das Damencoupé; sind sie verheiratet, verwitwet oder nicht mehr ganz jung, so können sie auch, ohne daß man es ihnen allzusehr verdenkt, Nichtraucher-Coupé fahren. Alleinfahrende junge Mädchen dürfen sich selbst durch die stille Sehnsucht nach einem kleinen Abenteuer nicht verleiten lassen, Nichtraucher- oder gar Rauchcoupé zu fahren.

Kleine Kinder und weinende Säuglinge gehören unter allen Umständen in die Frauenabteilung oder wie man jetzt sagt: in das Frauenabteil. Grausames Wort.

Rauchende Herren wählen die Rauchabteilung, leidenschaftliche Nichtraucher dürfen aber selbst, wenn die Nichtrauchcoupés überfüllt sind, nicht in eine Abteilung für Damen steigen.

Aus eigener Initiative, ohne vorherige Rücksprache mit dem Bahnbeamten in eine höhere Wagenklasse zu steigen, als unser Billet es uns gestattet, haben wir selbst dann keine Berechtigung, wenn alle anderen Waggons überfüllt sind. Wir haben darauf zu bestehen, daß uns irgendwie Platz geschaffen wird. In eine niedere Wagenklasse zu steigen, sind wir nicht verpflichtet – sind die Coupés voll, so müssen neue Wagen angehängt oder uns ein Platz in der nächsthöheren Klasse reserviert werden. Daß wir ein Zuschlagbillet kaufen, kann kein Beamter von uns verlangen, denn die Bahn ist verpflichtet, ihre Passagiere auf die an der Kasse gelösten Billets hin zu befördern.

Wohl jeder wird sich, bevor er in ein Coupé einsteigt, davon überzeugen, ob auch Platz für ihn vorhanden ist, und nicht auf gut Glück in den Wagen klettern, um nach einer halben Minute wieder hinausvoltigieren zu müssen. Plätze, die belegt sind, gelten als besetzt und man darf das Gepäck eines dritten, der vielleicht in dem Restaurationswagen sitzt, nicht einfach in das Netz legen und dessen Platz einnehmen. Was du nicht willst, daß man dir thu', das füg' auch keinem andern zu.

[703] 704. Den Restaurationswagen darf man nach den bestehenden Bestimmungen nur ohne Gepäck betreten und man darf nur so lange darin verweilen, als unser Platz, nachdem wir gegessen und getrunken haben, nicht von anderen reklamiert wird. Wollte man z.B. in dem Speisewagen Berlin-Wien sich bei Berlin eine Flasche Bier bestellen, bei dieser bis Wien sitzen bleiben und hungrigen Mitreisenden damit für die Dauer der ganzen Fahrt einen Platz fortnehmen, so wäre das unstatthaft und wir müßten uns darauf gefaßt machen, wenn auch in sehr höflicher Form, aufgefordert zu werden, das Lokal zu verlassen. Also selbst derjenige, der sofort bei dem Antritt seiner Fahrt in den Speisewagen steigt, soll sich vorher einen Platz in einem anderen Coupé reservieren, damit er später weiß, wohin er gehört.

[704] 705. Platzwahl. Sieht man, wenn man in ein Coupé steigen will, daß seine Anwesenheit absolut nicht erwünscht ist, so wird der wohlerzogene Reisende versuchen, in einem anderen Waggon oder in einer anderen Abteilung unter zu kommen. Allzu rücksichtsvoll darf man hierbei allerdings nicht sein, mit ganz offenen Armen wird man nirgends aufgenommen, und wer sich bei jedem Coupé an das »voll, ganz voll«, das ihm entgegengerufen wird, hält und immer weiter und weiter sucht, der darf kein allzuthörichtes Gesicht machen, wenn ihm der Zug schließlich von dannen fährt und er auf seine Frage zur Antwort erhält: »Der nächste Zug geht erst in acht Stunden.« Mir ging es ähnlich, als ich in Scheveningen war. Ich wollte nach Haag zurück, der Wagen war übervoll und ich dachte: »Ach was, du nimmst den nächsten.« Aber der nächste Pferdebahnwagen kam nicht, endlich fragte ich den Kellner und der gab mir zur Antwort: »Die Saison hier wird mit dem heutigen Tage, am 15. Oktober geschlossen, dies war der letzte Wagen, der nächste fährt erst am 15. Mai. Wenn der Herr so lange warten wollen –« Aber der Herr wollte nicht und zog es vor, den Weg von einer Stunde zu Fuß zurückzulegen.

Ein beliebtes Mittel, neue Passagiere am Einsteigen zu verhindern, besteht darin, daß ein Herr sich Kühlung zuwehend zum Fenster hinauslehnt, um damit anzudeuten: »Hier drinnen ist es so voll, daß wir alle vor Hitze umkommen«, oder daß man ein Kind, das durch Versprechungen verleitet wird, laut zu heulen, an das Fenster stellt.

Beide Mittel helfen, wenn auch nicht immer, so doch zuweilen, aber rücksichtsvoll gegen die Mitreisenden sind sie nicht.

Rücksichtslose Menschen, wie sie leider Gottes nicht selten sind, lieben es, alle noch verfügbaren Coupéplätze mit Sachen zu belegen, um so den Anschein zu erwecken, als ob alle Plätze besetzt wären. Das ist eine Ungehörigkeit und in vielen Fällen einfach unverschämt. Hat man sich davon überzeugt, daß das Belegen der Plätze »fauler Zauber« ist, so bestehe man ruhig, aber mit Energie auf Einräumung eines Platzes. Allerdings trifft man häufig Leute, die so hartgesotten sind, daß man ihnen nur noch mit Grobheit stärksten Kalibers imponieren kann.

[705] 706. In den D-Zügen hat man die Berechtigung, durch sämtliche Waggons zu gehen und sich den Platz auszusuchen, der einem aus irgend einem Grunde als der begehrenswerteste erscheint. Sitzt man endlich, so sollte man auch sitzen bleiben. Jeden Kilometer aufzustehen, mit seinem Handgepäck bewaffnet durch den Zug zu eilen, sich einen neuen Platz auszusuchen und, sobald man einen Kilometer gefahren ist, wieder von neuem seinen Sitz zu wechseln, ist eine Untugend, die nicht nur die Mitreisenden, sondern auch die Lokomotive nervös machen kann. Hat man sich im D-Zug seine Platzkarte gelöst, so ist man an seinen Platz gebunden. Natürlich kann man, wenn man in einem Nebencoupé einen Bekannten entdeckt, sich zeitweise zu diesem setzen, aber die Umzüge mitsamt dem Gepäck sind für den, der da eine Platzkarte hat, beendet. Und das ist sehr schön.

Wann wird die Stunde kommen, in der die Reisenden dem Schaffner und dem Zugführer gegenüber nicht mehr über die Platzkarten schelten? Ich glaube: nie, wenigstens werden wir, die wir jetzt leben, es nicht mehr erleben. Alles Schelten, jeder Tadel muß, wenn er seinen Zweck nicht verfehlen soll, an die richtige Adresse kommen, und was kann in der ganzen Welt ein armer Schaffner dafür, daß der Minister die Platzgebühr eingeführt hat? Doch sicher noch viel weniger als absolut gar nichts, aber das schadet nichts: der Jude wird verbrannt und gegen die Zuschlaggebühr von zwei Reichsmark wird gescholten. Das war so, das ist so und das wird so bleiben, bis eines Tages die D-Züge wieder abgeschafft sind und dann beginnt das Schelten erst recht.

[706] 707. Galanterie. Hilft uns jemand bei dem Einsteigen, indem er uns unser Handgepäck abnimmt oder uns seine Hand hinhält, so haben wir, selbst wenn wir die angebotene Hilfe ablehnen, uns für die Freundlichkeit, für den guten Willen zu bedanken. Namentlich Damen verstoßen hiergegen, sie sind geneigt jeden Dienst, den man ihnen anbietet, als Aufdringlichkeit zu betrachten, sie sind gerade nicht sehr sparsam mit dem Wort »unverschämt« und sie glauben mit einem Herrn schon viel zu viel zu sprechen, wenn sie überhaupt nur »danke« sagen. Die Betonung, die man diesem kurzen Worte zu teil werden lassen kann, ist eine sehr verschiedene: es kann sehr freundlich und liebenswürdig, aber auch s-ehr grob klingen. Daran sollten die jungen Damen zuweilen denken und sie müssen so verständig sein, daß sie nicht hinter der Ritterlichkeit jedes Herrn, der ihnen einen Dienst erweisen will, böse Absichten wittern. So schlecht sind die Männer wirklich nicht.

Es giebt Eltern, die ihren Töchtern bei der Abreise einschärfen: »Marie, du schwörst mir aber, daß du im Coupé auf einem Bahnhof, oder wo es sonst auch immer sei, mit keinem Herrn sprichst.« Und Marie, als gehorsames Kind schwört alles, was von ihr verlangt wird.

Wie soll Marie sich nun aber benehmen, wenn sie in die Lage kommt, einen Herrn um einen Dienst bitten zu müssen? Das kann vorkommen und es kommt täglich vor. Was dann? Soll Marie ihren Eid brechen? Eine wahrhaft wohlerzogene junge Dame wird sich auch in solchen Fällen zu benehmen wissen.

[707] 708. Zudringlichkeiten. Wird ein Herr gegen ein junges Mädchen oder gegen eine Dame überhaupt zudringlich, so liegt die Schuld fast immer auf beiden Seiten. Daß es natürlich Flegel auch in der Eisenbahn giebt, die keiner Dame gegenübersitzen können, ohne mit den lästigsten Mitteln zu sprechen, ob sie »Gegenliebe« finden, soll natürlich nicht bestritten werden. Aber fast immer wird das richtige Benehmen der Dame solchem Unverschämten gegenüber genügen, ihn in die Schranken zurückzuweisen. Ein Blick sagt zuweilen viel mehr als viele Worte und in der Kürze liegt die Würze – die kürzeste Strafrede ist zugleich die strengste, zu viele Worte schwächen den Eindruck der Rede nur ab.

[708] 709. Reservierte Plätze. Jeder Reisende, einerlei ob feminini oder masculini generis, hat in dem Coupé nur auf so viele Plätze, wie er für seine eigene Person bezahlt hat, Anspruch, also fast immer nur auf einen. Will man ein ganzes Coupé für sich allein haben, so genügt es zwar oft, dem Schaffner ein gutes Trinkgeld in die Hand zu drücken, aber richtiger ist es, sich acht Billets oder wieviel Personen das Coupé sonst faßt, zu kaufen. Ganz sicher, nicht gestört zu werden und wirklich allein zu bleiben, ist man nur dann, wenn man sich am Tag vor der Reise an die Eisenbahndirektion oder an die Billetausgabe wendet und sich eine besondere Abteilung reservieren läßt. Der Umstand, daß wir für unsere eigene Person und für unseren alleinigen Gebrauch acht Billets kauften, giebt uns nicht das Recht, ohne weiteres zu verlangen, daß uns die acht Plätze in einem und demselben Coupé zur Verfügung gestellt werden.

[709] 710. Gegenseitige Rücksicht. Ein Platz im Coupé steht uns nur zu und wir dürfen die anderen Plätze nicht mit unserem Handgepäck oder mit unseren Gliedmaßen belegen. Die Füße auf den gegenüber befindlichen Sitz, unsere linke Hand auf den Nebenplatz, unseren Hut auf einen dritten Platz zu legen, ist im höchsten Grade ungehörig. Ueberhaupt soll man seine Glieder zusammenhalten, sich nicht in Gegenwart anderer strecken und dehnen und es sich nicht so bequem wie nur irgend möglich machen. Das darf man nur bei Nacht, aber auch dann nehme man Rücksicht auf seine Mitreisenden; eine eigentliche Nachttoilette darf man nur im Schlafwagen machen. Zu empfehlen ist es aber, namentlich für die Damen, kurz vor den Grenzstationen, bei denen eine Zollrevision stattfindet, die Toilette wieder in Ordnung zu bringen; nicht ohne Grund erregte eine alte Dame, die ich einmal in Eydtkuhnen in einer sehr eleganten Nachtjacke bei der Gepäckabfertigung erscheinen sah, schallende Heiterkeit. Auch ohne daß man dem Schlafwagenkontrolleur ein Trinkgeld verspricht oder giebt, hat dieser die Verpflichtung, uns rechtzeitig zu wecken, wir unsrerseits haben nur die Pflicht, wach zu werden und aufzustehen.

[710] 711. Schnarcher. Leute, die so laut schnarchen, daß sie dadurch allen Mitreisenden die Nachtruhe stören, müssen entweder nur bei Tage reisen oder sich das Schlafen in der Eisenbahn abgewöhnen oder aber sich ein besonderes Coupé anweisen lassen.

Schnarchende Herren sind entsetzlich, schnarchende Damen aber geradezu fürchterlich. Herren, die viel rauchen und infolgedessen stets einen mehr oder weniger ausgeprägten Rachenkatarrh haben, schnarchen fast immer – für nicht rauchende Damen sollte das Schnarchen gar nicht existieren.

[711] 712. Im Rauchcoupé darf geraucht werden, soviel wie jeder will, und keine Dame, die aus irgend einem Grunde in eine Rauchabteilung getreten ist, darf es einem Herrn übelnehmen, wenn er sich in ihrer Gegenwart, auch ohne daß er sie besonders um Erlaubnis bittet, eine Cigarre anzündet. Damen dürfen selbst im Rauchcoupé und im Speisewagen nach der Mahlzeit nicht rauchen. Was in Rußland Mode ist, ist bei uns noch nicht Brauch, und Damen, die in der Oeffentlichkeit rauchen, erwecken leicht den Verdacht, keine Damen zu sein. Dazu kommt, daß bei uns nur sehr wenige Damen mit Grazie und Eleganz zu rauchen verstehen, und gerade eine, fast hätte ich gesagt, Extravaganz muß sehr chik betrieben werden, wenn sie anziehen und nicht abstoßen soll.

Die Asche der Cigarre oder Cigarette gehört in die Aschbecher, nicht aber auf den Fußboden und die verschiedenen Sitze. Man soll jeden Ort so verlassen, wie man ihn wieder vorzufinden wünscht, also auch das Coupé. Jeder, der in einen Waggon einsteigt, hat den Wunsch, daß der Platz, den er einnimmt, sauber und nicht voll Asche und Frühstücksüberresten ist.

In einem Nichtrauchercoupé darf nie geraucht werden, und in einem Wagen erster Klasse, falls er nicht besonders als Rauchcoupé bezeichnet ist, nur dann, wenn keiner der Mitreisenden etwas dagegen einzuwenden hat. Leidenschaftliche Raucher, die aus irgend einem Grunde, vielleicht den Bitten der Gattin nachgebend, im »Nichtraucher« fahren und vor Sehn sucht nach Nikotin beinahe ohnmächtig werden, dürfen sich dadurch nicht am Leben zu erhalten suchen, daß sie sich, zum offenen Fenster hinauslehnend, dem langentbehrten Genuß hingeben. Können sie es absolut gar nicht mehr aushalten, so können sie ja auf der nächsten Station für eine Cigarren- oder Cigarettenlänge in ein Rauchcoupé steigen.

[712] 713. Das Essen im Coupé. Beständig in der Eisenbahn zu essen, ist das Vorrecht kleiner Kinder, denen es auf Reisen noch einmal so gut schmeckt wie zu Hause. Ach und wie entsetzlich essen die Leute manchmal, nein, fast immer! Mit vieler Umständlichkeit wird eine große Reisetasche heruntergeholt und geöffnet. Zahllose kleine Pakete mit belegten Butterbroten, kaltem Fleisch und anderen Herrlichkeiten werden herausgenommen. Die Dame ist ängstlich, sich einen Fleck in das Kleid zu machen, und da sie vergaß, sich eine Serviette einzupacken, breitet sie ein Taschentuch, in den meisten Fällen ein nicht mehr ganz sauberes Taschentuch, auf ihren Schoß aus und hält die Tochter an, dasselbe zu thun. Das Frühstück wird ausgewickelt, die Mahlzeit beginnt. Da mit einemmal – ach welches Entsetzen überfällt den Zuschauer! – läßt die Dame sich von ihrem Gatten das Taschenmesser reichen. Sie klappt es auf und schneidet sich mit dem Messer große Bissen ab, die sie in der Mundhöhle verschwinden läßt, und während sie kaut, schneidet die Tochter sich ein Stück ab und so geht das umschichtig weiter. Endlich sind sie satt, dann wird das Messer in dem nicht ganz sauberen Taschentuch abgerieben und dem Vater, der es in die Tasche steckt, zurückgegeben.

Man glaube nicht, daß ich übertreibe. Ich schildere nur, was ich nicht einmal, sondern zehnmal mit eigenen Augen sah, und wer da glaubt, daß ich meine Studien im Coupé vierter Klasse machte, der irrt sich.

Nach dem Essen kommt das Trinken: der kleine Becher wird ausgerieben, natürlich wieder mit demselben Taschentuch, oder man trinkt direkt aus der Flasche. Warum nicht, wenn man es hübsch macht? Nie aber darf man die Oeffnung der Flasche, wenn ein anderer daraus trank, mit dem nicht sauberen Handballen abreiben oder wieder das »Taschentuch für alles« zur Hilfe nehmen.

Das schickt sich nicht und das gehört sich nicht.

[713] 714. Die Skatspieler. Geringer Beliebtheit erfreuen sich die Reisenden, die im Coupé, ohne auf ihre Mitmenschen auch nur die geringste Rücksicht zu nehmen, stundenlang Skat dreschen, nach jedem Spiel sich gegenseitig in die Haare kommen und, wenn einer einen Fehler machte, eine lange Leichenrede halten. Gewöhnlich haben diese Skatbrüder als einziges Reisegepäck nur eine Handtasche, und als Tisch für ihr Spiel leihen sie sich von irgend einem Coupégenossen den Reiseplaid oder einen Koffer. Während des Spiels rauchen sie viele und entsetzlich schlechte Cigarren, und auf jeder Station rufen sie nach dem Kellner, der ihnen Bier herantragen muß. Fehlt der dritte Mann, so springt häufig die Gattin des einen oder des andern ein. Skatspielende Damen sind auf der Eisenbahn noch unlieblicher als im Restaurant.

[714] 715. Eine andere Unart. Beständig auf den Fußboden zu spucken, ist ein nicht leicht zu übertrumpfendes Beispiel von Unerzogenheit, die man sich nur in Italien gestatten darf, ohne unangenehm aufzufallen – denn dort spucken auch die Angehörigen der angeblich guten Gesellschaft in der rücksichtslosesten Weise, wo sie gehen und stehen. Der gebildete Mensch spuckt überhaupt nur dann, wenn er es, z.B. infolge eines starken Katarrhs, nicht unterdrücken kann, und bedient sich dann in diskreter Weise des eigens dazu bestimmten Napfes oder lehnt sich zum Fenster hinaus.

Die Bestimmungen über das Oeffnen der Fenster sind in jeder Abteilung angeschlagen mit dem Zusatz: »Streitigkeiten entscheidet der Schaffner.« Sich diesen bei Streitfällen dadurch geneigt und wohlgesinnt zu machen, daß man ihm ein Trinkgeld in die Hand drückt und sich ihn kauft, ist ungehörig. Etwas Rücksichtnahme und etwas Entgegenkommen von beiden Seiten wird immer genügen, um jeden Streit zu vermeiden.

[715] 716. Flegel und ganz unerzogene Menschen giebt es überall und da hilft denn unter Umständen weiter nichts, als Gleiches mit Gleichem zu vergelten – dem groben Menschen wieder grob werden. Auf meiner Reise nach Spitzbergen geschah es, daß wir in der Adventbai in dem dort befindlichen einfachen Gasthaus uns an einem schönen Sommermorgen erholten von den Anstrengungen und Strapazen einer Seefahrt, bei der wir alle mehr oder weniger krank gewesen waren. Wir freuten uns, wenn auch nur für kurze Zeit, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, wir waren lustig und guter Dinge und schließlich setzte sich eine Dame an das Klavier, und bald darauf drehten sich die Paare im Tanze. Da öffnete sich mit einemmal die Thür und herein trat ein Sohn Albions, der sich in sehr energischer Weise die Musik verbat. Wir erkundigten uns teilnehmend, ob er wegen gemeingefährlicher Geisteskrankheit aus dem Reiche der Queen verwiesen sei, und rieten ihm, sich mitsamt seinem Spleen zum Teufel zu scheren. Er ging davon, aber schon nach einer Minute erschien er wieder, in der Rechten eine geladene Flinte haltend, und erklärte kurz und bündig, er würde jeden über den Haufen schießen, der noch weiter Klavier spiele, er wohne schon seit langer Zeit im Hotel und ließe sich von Eindringlingen nicht die Ruhe rauben.

Sohn Albions, freue dich heute noch, daß deine Drohung einige Damen ohnmächtig werden ließ, und daß wir mit Rücksicht auf die Damen dich mit unseren guten deutschen Fäusten nicht so bearbeiteten, wie du es verdientest. Allzuviel wäre, glaube ich, von dir nicht übrig geblieben und die Queen hätte dann Veranlassung gehabt, den Tod eines ihrer sympathischsten Landeskinder zu beklagen.

Rücksicht, wie wir sie walten ließen, ist in solchem Falle so unangebracht wie nur möglich, und wenn uns im Coupé unser Gegenüber beständig mit seinen Füßen bearbeitet und seine Stiefel fortwährend an unseren Kleidern reinigt, ohne uns auch nur mit einer Silbe um Entschuldigung zu bitten, so ist das einzige, was hilft, daß wir sehr energisch wiedertreten.

[716] 717. Unser Handgepäck sollen wir so hinlegen, daß es unseren Mitreisenden nicht fortwährend auf den Kopf fällt, und wenn wir die Verbindungsthür zu dem Nachbarcoupé aufmachen, sollen wir uns durch einen Blick davon überzeugen, daß wir durch das Oeffnen der Thür kein aus dem Netz hervorstehendes Gepäck herunterreißen. Ich war einmal Zeuge, wie einem Herrn sein schwerer Handkoffer ins Genick fiel und ihn ohnmächtig umwarf, weil ein Herr mit einem kurzen Ruck die Thür öffnete und den vorstehenden Koffer herunterriß. Die Schuld lag auf beiden Seiten, aber was der eine an Aufmerksamkeiten vergißt, darf der andere ruhig nachholen, ohne daß man ihn deswegen tadeln wird.

[717] 718. Begrüßung der Mitreisenden. Wer in ein Coupé einsteigt, hat die darin befindlichen Fahrgäste ebenso zu begrüßen, wie derjenige, der aus dem Waggon heraussteigt. Auch Damen vergeben sich nichts, wenn sie dieses Gebot der Höflichkeit erfüllen.

[718] 719. Lektüre. Viele Leute haben die böse Angewohnheit, die Zeitung, die ein anderer liest, mitzulesen. Sie beugen sich so weit vorne über, daß sie mit ihrer Nase dem Mitreisenden das Blatt oder das Buch fast aus der Hand stoßen und lesen dann, soviel ihnen möglich ist. Blättert der Besitzer der Zeitung dann um, so hört er zuweilen: »Ach bitte, warten Sie noch einen Augenblick, mir fehlen nur noch die letzten fünf Zeilen.«

Das ist der Gipfel der Ungeniertheit, der Gipfel der Unverschämtheit aber ist es, Briefe, die ein Nachbar liest, mit zu studieren. Man sollte es überhaupt nicht für möglich halten, daß so etwas täglich zu ungezähltenmalen vorkommt.

Habe ich den Wunsch, die Zeitungen und Bücher meines Reisegefährten zu lesen, um mir die Zeit zu vertreiben, so wird immer eine hierauf bezügliche Bitte genügen. Immer aber warte man die Antwort ab und frage nicht erst um Erlaubnis, nachdem man schon das Blatt in die Hand genommen hat. Auch wenn unser Nachbar ganz fest schläft und, nach seinem Schnarchen zu urteilen, nicht die Absicht hat, in den nächsten zwölf Stunden wieder wach zu werden, dürfen wir uns nicht ohne weiteres seiner Lektüre bemächtigen.

Man soll im Coupé leise lesen, selbst wer ein lustiges Buch studiert, darf nicht beständig laut lachen, wie der, der da ein Trauerspiel liest, nicht vor dem Publikum in Thränen zerfließen soll. Interessant suchen einige sich dadurch zu machen, daß sie bei der Lektüre fortwährend mit dem Kopf schütteln und sich in halblauten Ausrufen ergehen: »Zu dumm – albern –Quatsch – der Mensch ist verrückt – das soll nun einer glauben!« Wer sich so beträgt, zeigt, daß er entweder nicht versteht, was er liest, oder daß er noch dümmer ist als der Autor. Der gebildete Europäer geht über Sachen, die nicht seinen Beifall finden, einfach zur Tagesordnung über und versucht nicht erst, sich seinen Mitmenschen klüger zu zeigen, als er es in Wirklichkeit ist – man kann auch sagen: als er es nicht ist. Die Wahl der Reiselektüre steht jedem frei, aber in Gegenwart junger Mädchen liest man gewisse französische Journale nicht oder aber man hält sie in so diskreter Weise, daß Unbeteiligte sich nicht dadurch verletzt fühlen können.

[719] 720. Die Unterhaltung im Coupé ist für viele ein Bedürfnis, für viele eine Last. Es giebt Menschen, die keine zwei Minuten einem neuen Reisegefährten gegenüber sitzen können, ohne ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Sie fixieren ihn einen Augenblick und suchen mit ihrer Menschenkenntnis, die sie zwar nicht besitzen, aber die sie zu besitzen glauben, zu ergründen, wer der Fremde ist. Dann entwickelt sich ungefähr folgendes Gespräch:

Handelnde Personen: Herr A. (sehr redselig), Herr B. (weniger schwatzhaft).

A.: »Sie fahren gewiß auch nach Posen?«

B.: (verwundert): »Ich? Wie kommen Sie darauf?«

A.: »Nun, weil dieser Zug doch nach Posen geht. Dann fahren Sie also nach einer anderen Stadt?«

B.: »Allerdings, wenn Sie nichts dagegen haben.«

A.: »O bitte, absolut nicht, das heißt, ich würde mich freuen, wenn Sie auch nach Posen führen, dann könnten wir bis dahin zusammenbleiben. Ich habe in Posen zu thun, meine Tante, die Schwester meiner Mutter, ist ganz plötzlich gestorben. Ja, es ist für uns alle ein schwerer Verlust, aber sie war nicht mehr ganz jung, siebenundachtzig Jahr, und das muß man sagen, die alte Dame hat ein schönes Leben gehabt, sie ist nie krank gewesen, nie, doch als Kind ein einzigesmal. Da war sie mit schlechter Impfe geimpft, und sie wäre beinahe daran gestorben. Na, überhaupt dieser Impfzwang. Ich will ja nun gerade nicht sagen, daß ich ein entschiedener Gegner dieses Gesetzes bin, aber allzuviel Sympathie habe ich hierfür auch nicht.«

B. (sagt gar nichts).

A. (redet weiter das Blaue vom Himmel herunter. Er erzählt seine ganze Lebensgeschichte, wie er heißt, was er ist und ißt, wieviel er verdient, und als er selbst nach mehreren Stunden nichts mehr zu sagen weiß, fängt er an, seinen »Genossen« auszufragen. Er kümmert sich nicht darum, daß dieser ihm beständig die Antwort schuldig bleibt, er redet weiter und weiter, bis sein Reisebegleiter endlich an seinem Bestimmungsort angelangt ist). –

[720] 721. Reisebekanntschaften. Falsch ist es, gleich mit jedem ein Gespräch zu beginnen und einem Gefährten, den man zum ersten und vielleicht gleichzeitig zum letztenmal in seinem Leben sieht, alles zu erzählen, was man auf dem Herzen hat. Das ist durchaus ungehörig und aufdringlich. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß man sich mit seinen Reisegenossen überhaupt nicht unterhalten und jeden für unverschämt erklären soll, der mit uns zu plaudern beginnt. Die Reisebekanntschaften sind oft die interessantesten, und wer viel reist und nicht nur zwischen Berlin und Spandau hin und her fährt, wird oft mit sehr klugen, geistreichen und bedeutenden Menschen zusammentreffen, von denen er viel lernen kann, deren Unterhaltung für ihn belehrend und anregend ist. Selbstverständlich wird man sich den Herrn, mit dem man sich in ein Gespräch einläßt, vorher genau ansehen, und Damen ist zu raten, sich den Herrn, bevor sie sich irgendwie mit ihm einlassen, sogar sehr genau anzusehen, denn leider Gottes giebt es Jünglinge, die jedes freundliche Wort gleich als Liebeserklärung auffassen.

[721] 722. Vorstellung. Nur bei den Offizieren herrscht die Sitte, sich, sobald sie in ein Coupé einsteigen, den bereits anwesenden Kameraden vorzustellen. Civilisten machen diese Sitte nicht mit – hat man sich lange miteinander unterhalten, gemeinsame Interessen, Anknüpfungspunkte, gemeinsame Bekannte ermittelt, so ist es selbstverständlich, daß man sich gegenseitig vorstellt. Aber mit tief abgezogenem Hut im Coupé herumzugehen und jedem seinen Namen zu nennen, ist mehr als kleinstädtisch. Keine Nation ist mit dem Vorstellen so schnell bei der Hand, wie wir – Amerikaner und Engländer sitzen bei der table d'hôte wochenlang nebeneinander, ohne daß sie auch nur auf den Gedanken kommen, sich gegenseitig ihren Namen zu nennen. Aber wie der Bruder Oesterreich erst dann glücklich ist, wenn er mit einem Menschen, den er vor zehn Minuten zum erstenmal sah, Brüderschaft geschlossen hat, so sind wir nicht eher ruhig, als bis wir uns vorstellten. Namentlich auf Reisen sollte man hievon keinen allzu ausgiebigen Gebrauch machen – auch liegt ein großer, nicht wegzuleugnender Reiz darin, sich mit jemandem zu unterhalten, ohne eigentlich zu wissen, wer er ist und was er ist.

[722] 723. Diskretion. Niemand spreche im Coupé von seinem Beruf, seiner Thätigkeit, seiner Klugheit, seinen Verdiensten, seinen Orden, seinem Reichtum und seinen Liebschaften. Und niemand übe seinen Reisegefährten gegenüber seinen Beruf aus, nie, niemals. Der Agent darf seinen Begleiter nicht zu bewegen suchen, sein Haus, seine Möbel oder sein eigenes Leben bei ihm zu versichern und der Weinreisende soll unter keinen Umständen auch nur den Versuch machen, seinen Gefährten einen größeren Posten Wein anzureden, ebensowenig wie der Vertreter eines Importhauses den anderen Passagieren schöne Cigarren offerieren und sie animieren soll, doch einmal bei »seinem Hause« einen Versuch zu machen – das giebt es nicht.

Auch Bekannte, die zusammen reisen, sollen nur von solchen Dingen sprechen, die schließlich jeder hören kann. Geheimnisse, die nicht für fremde Ohren bestimmt sind, dürfen nicht erörtert werden, und in der Nennung von Namen derjenigen Personen, über die man spricht, können namentlich Damen nicht vorsichtig genug sein. Wer garantiert uns dafür, daß die Dame, die uns gegenüber sitzt, nicht eine Verwandte der Betreffenden ist, die wir gerade schlecht machen?

Amtspapiere dürfen nicht in der Eisenbahn gelesen werden. Selbst der beschäftigtste Rechtsanwalt hat nicht das Recht, seine Akten im Coupé zu studieren und dadurch den Mitreisenden mehr oder weniger Einblick in den Prozeß A. contra B. zu gewähren. Unter Umständen liegt hierin sogar eine Verletzung des Amtsgeheimnisses, denn die Prozesse sind nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt, und B. ist es sicher nicht recht, wenn Unbeteiligte erfahren, daß A. ihn verklagt hat.

Auch in der Mitteilung von Neuigkeiten und leeren Gerüchten, die die Luft und die Welt durchschwirren, soll man vorsichtig sein. Es ist unangenehm, wenn uns mitten in unserer Erzählung jemand mit den Worten unterbricht: »Ich bitte Sie, alles zurückzunehmen, was Sie soeben erzählten und sich selbst für einen großen Lügner zu erklären. Ich bin zufällig mit der Person, über die Sie eben sprachen, nicht nur befreundet, sondern auch verwandt und weiß, daß an allem, was Sie sagten, nicht eine wahre Silbe ist.«

Selbst am Sonntag darf man im Coupé keine Zahlen nennen, nicht davon sprechen, daß unser gemeinsamer Bekannter A. bei dem letzten Geschäft x Mark verdiente und daß B. sehr wackelig stehen soll, weil er bei der Pleite eines dritten stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Alle derartigen Gespräche gehören nicht in die Oeffentlichkeit, nicht in das Coupé. Man lasse sich auch nicht dadurch täuschen, daß unsere Mitreisenden schlafen. Viele schlafen ganz fest mit offenen Augen, viele hören selbst während sie schlafen alles, was in einem Umkreis von zwölf Meilen gesprochen wird, und viele stellen sich auch nur schlafend, damit sie etwas hören.

[723] 724. Zudringliche Neugier. Im großen Ansehen stehen die Reisenden, die durch ihre Neugier ihre Mitmenschen an den Rand des Selbstmordes treiben. Saßen sich da einmal im Coupé zwei Herren gegenüber, von denen der eine eine große Pappschachtel auf dem Schoß hielt, die er vorsichtig hütete und so oft der Zug über eine Weiche fuhr oder sonst stark schüttelte, etwas in die Höhe hob, damit der Inhalt nicht beschädigt werde.

»Was haben Sie denn nur in dem Kasten?« fragte einer der Mitreisenden. »Sicher birgt er etwas sehr Wertvolles, darf man, ohne neugierig sein zu wollen, fragen und wissen, was er enthält?«

»Warum nicht?« lautete die höfliche Antwort. »Ich habe einen Bruder, der sich in der letzten Zeit das Trinken angewöhnt hat, und sonderbarerweise sieht er, wenn er etwas im Kopf hat, immer Ratten und Mäuse auf dem Erdboden herumlaufen. Da bin ich zur Stadt gefahren und habe mir einen Muezo, den ich hier in dieser Schachtel habe, gekauft, der soll die Ratten und Mäuse fortfangen.«

Aufmerksam hörte der andere zu, dann sagte er: »Aber erlauben Sie, das sind doch gar keine wirklichen Ratten und Mäuse, die Ihr Herr Bruder auf der Erde laufen sieht.«

»Das weiß ich sehr wohl,« lautete die ruhige Entgegnung, »was ich hier bei mir führe, ist aber auch gar kein wirklicher Muezo.«

Besser wurde ein neugieriger Passagier noch nie abgeführt, meistens kommen sie mit ihrer Unverschämtheit durch, da nur die wenigsten es über das Herz bringen, den Betreffenden höflich aber energisch zu bitten, die nächsten zwei Stunden seinen Mund zu halten.

[724] 725. Andere Rücksichten. Die wenigsten Menschen sind von hinten schöner, als von vorne, und davon ganz abgesehen, ist der Anblick einer Person, die sich weit zum Fenster herauslehnt, auch nicht sehr ästhetisch.

Die schönen Gegenden hat der liebe Gott geschaffen, damit wir uns alle an ihnen freuen sollen, nicht damit ein vierschrötiger Passagier sich ganz allein an das Fenster stellt und uns anderen jede, selbst die geringste Aussicht raubt.

Um noch einmal auf das Essen zurückzukommen, so wirft man die Schale der Apfelsinen und Aepfel oder Birnen nicht auf den Fußboden und man spuckt nicht das ganze Coupé voll Kirschenkerne. Das dürfen selbst Kinder nicht thun.

[725] 726. Tiere gehören nicht in das Coupé, auch kleine Schoßhunde nicht. Die Eisenbahnverwaltung ist liebenswürdig und erlaubt es unter Umständen, wenn die Mitreisenden nichts dagegen einzuwenden haben. Sehr willkommen ist niemandem ein vierbeiniger Coupégenosse. Aber was soll man machen? Man wird so höflich, so liebenswürdig gebeten, es doch zu gestatten, daß das Hündchen im Coupé bleiben darf, daß man nicht den Mut hat, nein zu sagen. Man hofft, daß dieses Tier endlich einmal eine Ausnahme machen und sich anständig betragen wird – aber nur zu spät sieht man ein, daß auch dieses Mal die Hoffnung, wie fast immer, ein leerer Wahn war.

Besitzer und Besitzerinnen von Hunden sollten ihre Mitpassagiere gar nicht erst mit der Bitte belästigen, »das süße, kleine Vieh« bei sich behalten zu dürfen. Wer sich nicht entschließen kann, den Köter in das Hundecoupé zu sperren, der lasse ihn zu Haus.

Auch sprechende Papageien gehören nicht in das Coupé: ich entsinne mich, einmal mit einer Lora gefahren zu sein, die durch keine Macht der Erde zu bewegen war, auch nur für eine einzige Minute den Mund zu halten. Lora war anscheinend in Sachsen geboren, wenigstens sächselte sie in einer geradezu grausamen Art und Weise, und eine Stunde nach der anderen erzählte sie uns: »Behüt dich Gott, es wär' zu schön gewesen – alter Weißkopf, alter Weißkopf – behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein – alter Weißkopf, alter Weißkopf.« Noch heute denke ich schaudernd an diesen Reisegefährten zurück, er war mir der unsympathischste, den ich kennen lernte, obgleich ich auf meinen vielen Reisen oft mit Leuten in Berührung kam, die sich dabei, daß sie geboren wurden, noch weniger als gar nichts gedacht haben müssen, denn sonst hätten sie es im Interesse ihrer Mitmenschen entschieden vorgezogen, nicht auf die Welt zu kommen.

[726] 727. Allgemeines über Koffer. Die Zeiten, in denen man in der Postkutsche reiste, sein Gepäck immer unter Augen behielt und das Kostbarste in runden Haubenkörbchen oder buntgestickten Reisetaschen in allernächster Nähe auf dem Schoß oder neben sich auf dem Sitz bewahrte, sind vorbei. Man belastet sich mit so wenig Handgepäck wie möglich und verschließt es in Taschen und Koffern, die bei der Eile, mit der sie aus- und eingeladen werden, guten Schutz für den Inhalt gewähren und auch äußerlich nicht gleich die Abzeichen häufigen Gebrauchs verraten. Noch praktischer richtet man die großen Koffer oder Körbe her, die in den Gepäckräumen und -wagen mit noch weniger Rücksicht behandelt werden, woran hauptsächlich der lebhafte Verkehr und die kaum zu bewältigende Menge des Gepäcks schuld sind. Man sehe sich im Sommer einen Zug zum Anfang oder Schluß der Ferien an: man kann nur bewundern, daß bei den enormen Ansprüchen, die an die armen Beamten gestellt werden, nicht noch hundertmal mehr Verwechslungen, Verspätungen oder gar zeitweise Verluste des Gepäcks eintreten. Um sich selbst vor Schaden und unangenehmen Ueberraschungen zu bewahren, ist es gut, handfeste, gutschließende, aber nicht zu große oder zu schwere Koffer zu haben.

[727] 728. Englische Koffer. Die praktischen Engländer haben bis jetzt noch die »Kofferkonkurrenz« geschlagen: ihre Koffer sind leicht, meistens gepolstert, so lang, daß die Kleidungsstücke, Kleiderröcke usw. darin liegen können, ohne gefaltet zu werden, die Deckel sind flach, die Koffer dennoch niedriger, als unsere zu sein pflegen und haben mindestens zwei Einsätze, deren Boden nicht aus Gurtbändern, sondern festem Leinen besteht. Der unterste Teil des Koffers ist oft in verschiedene, mit Tuch bespannte Fächer geteilt, in deren jedes gerade ein Paar Schuhe oder Stiesel mit den dazu gehörigen Leisten paßt. Auch von den oberen Einsätzen hat einer gewöhnlich feste Abteilungen für Handschuh, Schlipse, Taschentücher u.s.w., die genügend Raum für alle Kleinigkeiten bieten, fest darin liegen und viel bequemer zur Hand sind, als wenn man sie überall zwischen die größeren Garderobenstücke packt. Eine Dame, die im Besitz zwei solcher Koffer, eines mit Abteilungen, des andern nur mit ungeteilten Einsätzen für Kleider ist, kann enorm viel Sachen mit sich führen in einem verhältnismäßig sehr kleinen Raum. Die Hutschachtel ist eingerichtet, daß man einen den ganzen Raum ausfüllenden Einsatz heraushebt, an dessen leichten Wänden und Boden die Hüte, ohne sich zu berühren, mit Nadeln befestigt sind. Der Hutkoffer des Herrn ist von cylindrischer Form und gestattet, Hüte jeder Façon, wie Mützen, durch leichte Träger getrennt, übereinander zu stapeln. Das Schirmetui, gleichfalls aus festem Leder, birgt eine Unmenge von Schirmen und Stöcken, die durch Quergurten gesteckt und von oben und unten durch breit überfallende Klappen geschützt werden. Das Ganze giebt aufgerollt ein handliches, leichtes Gepäckstück. Für alle Koffer und Taschen aber läßt der Engländer gleich feste leinene Bezüge anfertigen, die durch Riemen geschlossen werden und in einfacher Farbe deutlich den Namen des Besitzers tragen. Das englische Gepäck sieht sehr anständig aus und ist vor allen Dingen praktisch und zweckentsprechend. – Beides ist bei uns leider noch nicht immer der Fall.

[728] 729. Deutsche Koffer. Im allgemeinen sind unsere Koffer zu schwer – die von einigen Fabrikanten hergestellten Rohrplattenkoffer ausgenommen –, meistens auch unförmig groß und durch die gewölbten Deckel unhandlich und unbequem. Die Wölbung hat auch wenig Zweck; sie verhindert nur, daß man einen Koffer auf den andern stellen kann, was für die Gepäckwagen doch das rationellste ist. Denn Hüte in das oberste Fach zum Schutz unter die Wölbung zu legen, hat keinen Zweck, da man die Koffer doch stürzt. Wer also nicht einen Extrakasten im Koffer für Hüte hat, wird sie im Hutkoffer bei sich führen. Reisekörbe sind praktisch, weil sie leicht sind. Doch sollte man sie stets mit Einsätzen und innen, womöglich auch außen mit Wachstuch oder Leinewand beziehen, da sie sonst Staub und Regen durchlassen.

Man beurteilt auch jetzt bei uns einen Reisenden nach dem Gepäck und findet einen Nachtsack mit farbenprächtigen Rosen, ein Schirmfutteral mit perlenbestickter Devise

»Reise glücklich« und einen Plaidriemen mit der Warnung »Komm wieder« kleinstädtisch und philisterhaft. Wer aber eins von diesen Besitztümern als wirklich praktisch und bequem erprobt hat, wird es hoffentlich und selbstverständlich wegen des mokanten Lächelns seines Gegenüber nicht verdammen.

Wer aber gern gutaussehendes Gepäck haben möchte, sorge als erstes dafür, Koffer, Handtasche, Plaidriemen, Schirmetui und Hutschachtel möglichst von demselben Material und in derselben Farbe zu haben. Durch die ruhige Einheit bekommt das simpelste Gepäck einen vornehmen Anstrich.

[729] 730. Praktische Winke. Wenn man sich einen neuen Koffer anschaft, so achte man nicht nur auf das solide Aussehen, sondern vor allem auf Größe und Schwere. Bei der Handtasche mit Einrichtung, die allerdings die Handtasche sehr verteuert und sehr belastet, sehe man nach, daß die Flaschen, Etuis und Dosen so groß sind, daß nicht nur Kinderzahnbürsten und Seifenstücke zu einem Groschen hineingehen. Desgleichen, ob die Kämme, Scheren und kleinen Toilette-Utensilien wirklich zu brauchen sind oder schon beim Ansehen auseinanderfallen. Das Prinzip »billig und schlecht« wird nirgends so befolgt, wie bei Reise- und Toilettegegenständen, und nirgends ist es so thöricht, ein paar Mark zu sparen, als bei diesen Anschaffungen, die man sich doch nur ein- oder zweimal im Leben erlauben wird. Kauft man eine Handtasche ohne Einrichtung, so wird man ein Etui, ein »nécessaire« wie der gute Deutsche sagt, nötig haben, um Wasch- und Frisiersachen aufzunehmen. Die Innenseite eines solchen Etuis muß aus Wachstuch hergestellt sein und hinreichend Taschen und Beutel haben, um alles nötige unterzubringen. Die Außenseite macht man aus starker Leinwand oder aus Leder. Für Plaid, Decken, Kissen usw. habe man gleichfalls eine schützende Hülle, da die Sachen ohne Schutz verstauben und durch die Berührung mit der Erde und dem Boden des Coupés unappetitlich werden. Als Kissen sind die bequem zu verpackenden Luftkissen oder Kissen mit waschledernen Bezügen am besten.

Wer viel reist, wird allmählich an allerlei Sachen sich gewöhnen, die dem seltner Reisenden überflüssig erscheinen. Wer es nicht liebt, sich in ein fremdes Bett mit feuchten Bezügen zu legen, wird sich außer dem eignen Kopfkissen noch ein Laken aus ganz feinem Flanell oder Waschseide mitnehmen, das lang genug ist, um noch als Decke zu dienen, damit man gegen die direkte Berührung des Bettzeugs geschützt ist. Angenehm ist es außerdem, ein paar Frottierhandtücher und ein Glas für den Waschtisch mit sich zu führen. Man packt am besten diese Sachen mit dem Nachtzeug, Laken und Kissen ins Plaidriemen, damit man sie gleich als erstes zur Hand hat.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 690-730.
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