III.

Häusliche Kunstpflege, Bücher und Liebhabereien.

[91] 92. Ueber die Anschaffung von Kunstwerken. Wer imstande ist, jährlich eine größere Summe für die innere Ausschmückung seines Heims auszugeben, wird nicht gar so wählerisch zu sein brauchen oder sich so lange besinnen, bis ihm fast die Kauflust wieder vergeht, wie Leute mit leichteren Börsen, die sich im Leben vielleicht nur ein gutes Bild, eine Büste oder Statue oder sonst ein Erzeugnis irgend eines Kunstzweiges kaufen können. Allerdings könnten sich manche Menschen mehr kaufen, als sie bei ihren Verhältnissen für möglich halten. Im Ganzen besinnt sich auch der wohlsituierte oder reiche Deutsche recht lange, bis er zu seinen guten Möbeln auch gute Bilder für nötig hält.

[92] 93. Zweifelhafter Kunstgeschmack. Man erstaunt immer noch von neuem, was für merkwürdige Sachen in den elegantesten Wohnungen an den Wänden hängen, wie sich zwischen eingerahmte Photographien des »Behüt dich Gott« blasenden Trompeters und des Thumannschen »Liebesfrühling« kleine Konsolen mit Gipsfiguren drängen, unter denen sich wieder symmetrisch Wandteller mit Iris, Borte mit frommen Wünschen und Schneeballzweige aus Papier, von chinesischen Fächern gehalten, in langen Reihen hinziehen. Es giebt auch Familien, die nur mit bunten Neujahrskarten, Kalendern und Photographien eingerichtet sind. An und für sich ist es kein tadelnswertes Bestreben, sich seine vier Wände nach eigenem Geschmack so hübsch wie möglich zu machen, und bei bescheideneren Verhältnissen hat es etwas Rührendes, diese Bemühungen, der einfachen Möblierung etwas Künstlerisches zu verleihen, zu verfolgen. Es könnte aber mit denselben Mitteln hübscher sein, wenn der Geschmack bei uns ausgebildeter und besser wäre und wenn – dem Dilettantismus die Grenze enger gezogen würde. Manchmal hört man: »Nein, ich mag den Lampenschirm oder das Bild oder das Kissen auch nicht leiden, sie verderben mir das Zimmer. Aber Tante Luise hat es extra für mich gemacht – mit soviel Mühe – und Sie wissen ja, sie ist so empfindlich!« Ich würde Tante Luise als Gegengeschenk zum nächsten Fest unbedingt Alfred Lichtwarks vortreffliches Buch »Vom Arbeitsfeld des Dilettantismus« schenken und ihr eine gründliche Lektüre desselben anraten. Ferner würde ich mit ihr ein Gespräch darüber anknüpfen, daß es gar nichts taugt, selbst so viel zu arbeiten, wenn man nicht imstande ist, etwas Gutes zu leisten. »Die Ansprüche, die man an Kunstwerke, auch an solche in privaten Häusern stellt, sind nämlich gottlob in den letzten Jahren recht gewachsen, Tante Luise und niemand mag sein Lebenlang auf ein ganz kleines Boot gucken, dessen gefährlicher, angsterregender Bau ebenso natürlich wie bequem von einem Riesenzweig mächtiger Heckenrosen halb verdeckt wird. Wie wär's, wenn du das Geld, das du für zwei oder drei Geburtstage und ebensoviel Weihnachtsfeste für mich ausgeben wolltest, zusammenlegtest und mir dann ein paar Aquarelle, ein kleines Pastell, eine Tiffany- oder Kronacher Vase, eine schöne Kupfer- oder Zinnschale, einen besonders hübsch geformten Sessel oder dergleichen schenktest?« Hätte ich Vorliebe und Geschmack für antike Kunstwerke, Porzellan, Glas, Bronzen oder Silber, so würde ich in diesem Sinn auf Tante Luise einwirken; ebenso wenn ich Bilder älterer Meister denen der modernen vorzöge. Allerdings hätte ich meiner lieben Verwandten dann erst recht zu raten: »Thu Geld in deinen Beutel!« Denn an den großen Preisen scheitern meistens die besten Absichten.

[93] 94. Mehr ernstes Kunstinteresse! Es kann nicht der Zweck dieser Plauderei sein, den Weg zu zeigen, wie Künstler und Publikum besser zu einander gelangen. Es kann nur durch Erziehung zum Bedürfnis nach Kunst von kleinauf ein größerer Umsatz erreicht werden. Dann brauchte der Maler oder Kunsthändler nicht die stereotype Rede zu halten: »Bedenken Sie – wieviel Bilder gemalt werden müssen, ehe eins verkauft wird –« und das Publikum würde nicht die stehende Antwort geben: »Ja – wenn nur alles nicht so unerschwinglich teuer wäre!« Entstände aber in jedem nur einigermaßen wohlhabenden Menschen der Wunsch, ein paar gute und hübsche Bilder zu haben, so würden sich bei größerer Nachfrage die Künstler auch zu kleineren Preisen bequemen. So stehen sich beide Parteien fast feindlich gegenüber – die Löwen der Kunst und des Geldes, die sich brillant zusammen vertragen, natürlich ausgenommen – die Häuser bleiben leer oder sind mit wertlosen Sachen gefüllt – und die Künstler klagen. Und doch verlangt man fast überall heutzutage in einem gut eingerichteten Hause bessere Bilder, ein paar Statuen oder Bronzen zu sehen und überblickt naserümpfend den Nippes, der noch aus den gewöhnlichen Galanteriewarenläden oder gar aus den Muschelbuden der Bäder stammt.

[94] 95. Kein Geld für Kunstwerke! Und warum wird es von manchen Seiten noch als ein ungeheurer Luxus angesehen, Hunderte und Tausende für Bilder oder schönes Gerät auszugeben, da man die vielen Tausende für Toiletten, überflüssige Badereisen, große Diners u.s.w. für keine Verschwendung hält? Bleibt die Freude an einem schönen Bilde nicht immer – ist der Genuß an einer Statue, einer edelgeformten Vase nicht ein täglich wiederkehrender? Ist es eine unverzeihliche Vergeudung, dem Moment, wo uns etwas durch seine Farbe, seine Form oder beides entzückt, nachzugeben und es im Triumph nach Hause zu tragen? Wie oft giebt man solcher aufsteigenden Lust nicht reuelos nach, wenn sie uns dazu verleitet, einmal in einem feinen Restaurant zu speisen oder irgendwo hinzugehen, wo es etwas Pikantes oder Neues zu sehen oder zu hören giebt – »etwas, das man kennen muß!« Und es ist doch schon nach ein paar Wochen oder Tagen von uns und aller Welt vergessen! Aber sich ein paar wertvolle Teppiche, einen alten intarsierten Schrank, einen Pokal oder eine zierliche Tanagra-Figur anzuschaffen, auf der die Augen täglich mit Bewunderung und mit Stolz über den Besitz ruhen – das ist Verschwendung! Leute, die eine kostbare Einrichtung haben, werden sich allmählich auch Kunstwerke anschaffen; aber auch die bescheideneren Sterblichen sollten noch viel, viel mehr Gewicht auf die gute Ausschmückung ihrer Räume legen – wie bald würden sie finden, daß sich kleine Opfer dafür verlohnen und daß man mit gutem Willen sich nach und nach allerlei Hübsches anschaffen kann. Und schließlich: die schlechten Sachen kosten auch Geld und verlangen dieselbe Bedienung zur Reinhaltung.

[95] 96. Selbständiger Geschmack. Wer sich Kunstwerke anschafft, folge natürlich seinem eigenen Geschmack und lasse sich nicht durch Zureden Anderer, oder weil der Künstler gerade »Mode« oder das Kunstwerk sehr begehrt ist, aus Eitelkeit zu einem Kauf verleiten, den man später bereut. Bei Kleinigkeiten ist ja die Enttäuschung nicht ins Gewicht fallend – bei bedeutenderen Summen sollte man aber nicht zu eilig sein. Denn schließlich sitzt nicht der den Rat Erteilende oder die neidische Menge täglich davor, sondern man selbst. Ferner denke man daran, ob das Kunstwerk in Harmonie zur Umgebung stehen wird; ob man es so hängen, stellen oder legen kann, daß es nicht aus dem Rahmen des Ganzen fällt, grotesk wirkt oder gar nicht zur Geltung kommt. Man stelle keine klassische Statue oder Gruppe auf einen hellen, tannenen Schrank, hänge keine heroische Landschaft oder ein düster gehaltenes Porträt auf eine wilde Tapete mit großen, bunten, schräg auf- und niedersteigenden Blumen, stelle kein venetianisches Glas, keine vornehme Vase von Gallet, keine Limoges-Dose oder Meißner Schale neben Sachen aus dem Fünfzigpfennigbazar. Und ebenso wird ein einzelnes antikes Möbel zwischen Wiener Rohrstühlen nicht gerade verbessert, aber man behalte es trotzdem um Gottes willen – und hoffe, ihm mit der Zeit eine würdigere Umgebung bereiten zu können. Vor allem hüte man sich vor dem Uebermaß und überfülle seine Zimmer nicht. Die »altdeutsche« Zeit mit düstern Möbeln, verhängten Fenstern und möglichst viel schwerem Nippes ist überwunden – man liebt helle, luftige Räume, die Luft und Licht hereinlassen.

[96] 97. Ueber Bilder. Wer im Besitz vieler Bilder ist oder sich solche anzuschaffen gedenkt, wird als Hintergrund eine nicht zu helle, möglichst einfarbige und ruhig wirkende Tapete wählen müssen. Sehr geeignet für Bilder sind die längsgestreiften in einer Farbe, hell und etwas dunkler gehaltenen Muster. Auf hellem Grund verlieren alle Bilder, noch am wenigsten Aquarelle. Auch dem Rahmen gegenüber ist man durchaus nicht mehr so gleichgültig wie früher. Er paßt sich dem Grundton des Bildes an, wenn er nicht sogar im Einklang mit der gebotenen Darstellung »symbolisch« verziert wird. Auch über das Aufhängen giebt es eine neue Theorie, die Schnüre oder Kettchen an Stangen dicht unter der Decke und an den herabhängenden Enden die Bilder befestigt – leider trotzdem noch oft schief! Aber es giebt so glücklich besaitete Menschen, die durch zwölf schief hängende Bilder in ihrem Zimmer nicht gestört werden!

[97] 98. Ueber Statuen. Für Statuen und Büsten läßt sich leicht ein geeigneter Hintergrund aus Seiden-oder Samtdraperien machen. Büsten setzt man mit Vorliebe auf Bücherregale, denen sie guten Abschluß geben. Aber weshalb sie stets vereint sein sollen, ist nicht erfindbar. Eckkonsolen mit Bildwerken sind selten hübsch, aber noch immer sehr beliebt. Gipsfiguren aber mit abgestoßenen Nasen und Fingern sollte man wirklich verbannen – es ist pietätlos sie aufzubewahren!

Bilderbesitzern oder solchen, die es werden wollen, ist das kleine Buch von E. Voß, »Bilderpflege«, zu empfehlen und »Methodik, Physiologie des Gemäldebestimmers«, Th. von Frimmel.

[98] 99. Die Medaille. Eine neubelebte Kunst ist die der Medaille; sie wird nicht nur zu Genreköpfen und -Darstellungen oder Porträts berühmter Personen benützt, sondern breitet sich auch in Familien- und Privatkreisen aus, um Oelbilder oder Photographien zu ersetzen. Es giebt viele Künstler, die sich nur oder hauptsächlich mit der Ausführung von Medaillen beschäftigen und es wird sehr viel Gutes und Hübsches auf diesem Gebiete geschaffen.

[99] 100. Modernes Kunstgewerbe. Krystall und Zinnsachen, die man wohl meistens ins Eßzimmer auf Paneele stellen wird, wirken sehr gut vor einfarbiger roter oder grüner Tapete, die auch am besten zu den Eichenverkleidungen paßt.

Von all den Gebieten, die jetzt vom Kunstgewerbe neu belebt werden, kommen wohl die Keramik (Töpferei), die Webereien, Glas- und Porzellanindustrie, Arbeiten in Leder, Zinn, Eisen, Bronze, auch in Gold und Silber am meisten für das Haus in Betracht. Es ist eine Sucht nach neuen Formen, neuen Farben, neuen Arten des Materials und der Ausschmückung, die gewiß noch oft zu Auswüchsen und Uebertreibungen führt, die aber doch erkennen läßt, daß sich jetzt wirkliche Künstler – nicht nur Dilettanten – der Kleinkunst annehmen und ihr Interesse auch den profanen Dingen widmen, die nun einmal zum täglichen Leben gehören. Und wie werden all diese einfachen Gebrauchsartikel dadurch originell und fein und büßen trotzdem nichts von ihrem praktischen Werte ein! Auf allen Zweigen der Industrie, fast in jedem Ladenfenster trifft man auf künstlerisch ausgeführte Sachen; seien es Möbel oder Vasen, Tassen oder Leuchter, Paravents oder Decken, Gürtelschnallen oder Ringe und Broschen – es ist soviel Neues, alle alte Tradition Verleugnendes, daß man bei soviel Auswahl sicher irgend etwas Gefälliges finden wird. Selbst die Arbeit der Kunststickerin ist reich und mannigfach geworden; die moderne Auffassung des Zeichners und Malers hat sich bis zu den kleinsten Deckchen und dem früher so verachteten Rückenkissen durchgerungen, daß es nun endlich weich und hübsch und elegant geworden ist und die stilisierten Blumen geduldig hervorsprießen läßt! Man hüte sich auch hier wieder vor zu bizarren Mustern oder Formen – vor allem denke man daran: paßt dieser Schirm oder diese Ofenbank einigermaßen zu meinen Möbeln? Bei neueren Einrichtungen wird leicht eine gewisse Anpassung, auch mit modernen Erzeugnissen, wenn sie nicht gerade »über-eigentümlich« sind, zu machen sein; zu älteren dagegen sei man vorsichtig bei der Auswahl. Denn ob modern oder antik – altmodisch oder neuesten Stils – oder alles durcheinander gemischt: die Hauptbedingung ist die Harmonie im Ganzen und immer noch Behaglichkeit und Bequemlichkeit vor Eleganz und Mode!

[100] 101. Vom Bücherkaufen. »Der Durchschnitts-Deutsche kauft keine Bücher – er leiht sie aus der Leihbibliothek, so lange er unverheiratet ist – und wenn er Familienvater geworden ist, abonniert er auf die Journalmappe.«

Und sie – die Deutsche? Leider genau dasselbe – und die Sparsamkeit, die ihr die Frauen- und Mutterwürde aufzuzwingen scheint, ist dem Bücheranschaffen gegenüber besonders streng. »Was für ein Unsinn! Bücher kaufen? Ich weiß doch gar nicht, ob sie mir gefallen?– Was soll ich damit, wenn ich das Buch nicht mag –? Und wenn ich den Roman doch schon aus meiner Zeitung oder der »Mappe« kenne, wozu denn noch mal kaufen? Wieviel Bücher sind das wert?«

Wieviele? Ich weiß es nicht – jedenfalls aber mehr als man denkt. Ein »mittelmäßiges« Buch, dessen Schönheit vielleicht nicht in der Spannung der Handlung, sondern im rührenden Stoff oder in der Ausführung psychologischer Vorgänge liegt, verliert viel bei dem bruchstückweisen Lesen – ein gutes Buch ist es immer wert, noch einmal gelesen zu werden. Wieviel neue feine Züge werden bei der genauen Lektüre noch auftauchen und unsere Befriedigung erhöhen, daß man instinktiv noch mehr in dem Buch vermutete, als das erste flüchtige Lesen offenbarte! Und gefällt das unbekannte, vielleicht nur durch eine Kritik oder einen Freund empfohlene Buch gar nicht – und doch giebt es für den aufmerksamen Leser wohl kein Buch, in dem er nicht einen guten, anregenden Gedanken, einen hübschen Vergleich oder eine neue Beobachtung fände – ist es denn so entsetzlich, drei oder vier Mark umsonst ausgegeben zu haben?

[101] 102. Frauen und Bücher. Passiert Ihnen das nie, gnädige Frau? Sollten Sie nicht einmal einen Schleier oder eine Schleife gekauft haben, von denen Sie zu Hause entdeckten, daß sie Ihnen absolut nicht stünden und die Sie nun in die Tiefen Ihres Schrankes versenkten, auf Nimmerwiedersehen? Oder haben Sie niemals eine Bonbonniere gekauft, deren Inhalt Ihnen nicht bekam – oder einen Strauß Blumen, der gleich verwelkte, oder sonst irgend etwas, dessen Anblick Sie lockte und das Sie nachher absolut nicht verwenden konnten? Machen Sie sich diese Einkäufe auch zu einem beständigen Vorwurf, wie den des armen Buches? Es wird Ihnen so wenig Platz wegnehmen – vielleicht findet sich außerdem doch noch jemand, dem Sie eine Freude damit bereiten können – denn auch gelesene Bücher darf man verschenken – und Sie kommen auf die Kosten Ihrer Ausgabe! An den armen Autor, der vielleicht viele, viele Tage und Nächte an dem Buch schrieb, so viel von eigenen Schmerzen und Leiden und Hoffnungen hineinlegte oder es versuchte, Ihnen ein Lächeln abzugewinnen, brauchen Sie nicht zu denken: er hat es nicht verstanden, eine Saite in Ihrem Herzen anklingen zu lassen – Ihr Mißfallen ist eine gerechte Strafe! Und da sein Anteil an dem einen Band, den Sie erhandelten, gering ist zu dem, was der Verleger daran verdient, haben Sie die drei oder vier Mark nicht ausschließlich an ihn verschwendet – immerhin eine Beruhigung!

[102] 103. Männer und Bücher. Man könnte den Männern, die ebenfalls kein Geld für Bücher haben, einen ähnlichen Vortrag halten und sie auf die Ausgaben für Wein, Bier und Cigarren hinweisen. Aber die Herren der Schöpfung möchte man nicht erzürnen – bei ihnen findet sich nämlich noch eher der Ansatz zu einer Bibliothek als bei den Frauen. Und seien es auch hauptsächlich nur Kommersbücher und ein paar Schmöker aus der Studienzeit; und im Hintergrunde, profanen Blicken durch Goethe oder Lessing entzogen, einige Zolas, wahrscheinlich in miserabler Uebersetzung, und ein oder das andere moderne deutsche Buch »ähnlicher Richtung« – was soviel heißen soll, daß man den Mut zur Wahrheit mißverstanden und die Vorliebe für gewagte Schilderungen hineingedeutet hat. Pardon – natürlich nur Ausnahmen – aber es giebt solche Käuze – und solche Bibliotheken! Im Ganzen wird aber auch der sparsame Mann sich noch eher zur Anschaffung eines Romans verleiten lassen, als die ökonomische Frau – Büchern gegenüber wird man energisch!

[103] 104. Der Bücherschrank. Dazu kommt, daß zum modernen Herrenzimmer jetzt ein Bücherschrank mit Butzenscheiben gehört; die Gelegenheit macht Diebe. Verhüllen die Butzenscheiben meistens Cigarrenkästen oder Likörflaschen, so sind sie sehr angebracht; verbergen sie aber wirklich Bücher, so sind sie unnötig. Durchsichtige Scheiben sind praktischer, damit man leichter seine Schätze übersehen kann. Sehr vorteilhaft, besonders vor Regalen, sind grünseidene Gardinen, die leicht zurückzuziehen sind. Die Frau erhebt noch kaum Anspruch an ein Bücherbort oder einen -Schrank. Ihr genügt ein Tisch oder eine Etagere für Album und Prachtbände und ein kleines, an grünen oder blauen Schnüren hangendes und bangendes, schwebendes Bort. Es hängt meistens schief und trägt ein paar Anthologien, Oefers ästhetische Briefe an eine Jungfrau, verschiedene Bücher von Julius Wolff, ein oder zwei Romane von Ohnet, vielleicht auch noch ein paar Engelhorn-Bände – c'est tout! Gegen keins dieser Bücher ist etwas einzuwenden – aber sie allein sollten wirklich nicht der Bücherbestand einer gebildeten Dame sein! Es ist damit durchaus nicht gesagt, daß die deutsche Frau der Litteratur fremd oder gleichgültig gegenüberstände. Aber sie schöpft ihre Kenntnisse aus Journalen und Zeitungen und vergißt, wie lieb man ein Buch gewinnen kann, wenn man es ein- oder zweimal, oder sogar noch häufiger liest. Bücher sind wahre Freunde – vor dem Bücherbort soll mir sein, als sähe ich lauter guten Bekannten ins Gesicht, und jedes sagt mir ein freundliches Wort.

[104] 105. Ueber das Bücher-Leihen und Verleihen. Es ist mir schmerzlich, ein Buch zu verlieren, und verleihen werde ich meine Bücher nur an Leute, von denen ich annehme, daß sie meine Bücher pietätvoll behandeln – und ich werde mir Bücher, wenn überhaupt, nur von solchen Menschen borgen, von denen ich bestimmt weiß, daß es sie keine Ueberwindung kostet. Merkt man, daß es jemand unangenehm ist, sich von seinen Büchern zu trennen, so nehme man sofort die Bitte zurück. Wahrscheinlich hat der Arme recht schlechte Erfahrungen gemacht und sein Eigentum gar nicht oder nach Monaten und vielleicht in erbärmlichem Zustand wiederbekommen! Sollte es Leute geben, die sich so benehmen –? Oh, meine Herrschaften!

Das häufige Leihen und Verleihen sollte man überhaupt beschränken. Die Bücher leiden, auch bei guter Behandlung, allmählich äußerlich und innerlich, selbst wenn abends nicht das Licht mit ihnen ausgeschlagen wird oder die Kinder nicht mit Bonbonsfingern die Seiten umdrehen.

[105] 106. Ueber Anmerkungen in Büchern. Fühlt man den innern Drang in sich, dem Schriftsteller beizustimmen, ihn zu loben, zu bedauern, für einfältig zu erklären oder ihn durch einfaches »Blech!« oder »Blödsinn!« moralisch zu vernichten, so folge man diesem impulsiven Gefühl nur dann, wenn man ein Buch liest, das man selbst gekauft und bezahlt hat. Bei fremden unterlasse man aber auch geheimnisvolle, kleine Striche, Ausruf- und Fragezeichen. Vor allem respektiere man den Besitzer, selbst wenn sein Name nicht auf dem Titelblatt steht. – Den eignen braucht man deshalb doch nicht dahin zu schreiben, weil der andere doch fast vergessen haben wird, daß man ihm das Buch vor zwei Jahren abborgte – oder weil langes Leihen beinahe Eigentumsrechte giebt! Es fühlt sich doch niemand getroffen?

[106] 107. Ueber die Ausstattung der Bücher. Man bemüht sich jetzt wieder, auch äußerlich dem Buch eine hübsche Gestalt und ein kleidsames Gewand zu geben. Lichtwark betont, daß eine Bibliothek, die in gleicher Farbe gehalten ist, immer hübsch durch die ruhige Fläche wirkt. Ich muß gestehen, daß auf mich die Bücherregale eines Gelehrten, der dieselbe meist dunkle Farbe zum Binden verwenden läßt, eintönig wirkt – ich sehe auch nicht ein, weshalb man ein Buch nicht schon gleich von außen, nach Größe, Farbe und Ausschmückung, erkennen soll. Eine der größten Privatbibliotheken, die wir auf dem Festlande haben, die des kunstsinnigen Prinzen Roland Bonaparte in Paris, wirkt trotz ihrer Einfachheit – oder besonders dadurch – großartig! Sie ist in einer Flucht großer, schöner Zimmer untergebracht, an deren halber Höhe Eichentreppen zu Galerien emporführen, die an den schlichten bis zur Decke reichenden Regalen entlang laufen. In der Mitte der Räume stehen mächtige Tische, die gleichfalls mit Büchern beladen sind oder unter deren Glasplatten kostbare Handschriften ruhen. Im »Britischen Museum« in London herrscht ebenfalls solide, einfache Pracht. Der Luxus besteht eben nur in den kostbaren, zahllosen Büchern und Handschriften, von denen das »Britische Museum« viele Unika besitzt.

Wer über eine größere Bibliothek verfügt, wird allerdings allmählich dahin kommen, eine Farbe und einen Stoff – Leder, Leinwand oder Papier zu bevorzugen und sich für jede Art und jedes Genre einen besondern Schmuck und eine leicht ins Auge fallende Unterscheidung auszudenken. Hübsche Buchdeckel, Randleisten, Kopfleisten und Vignetten, die von Künstlern und Dilettanten gern entworfen werden, dienen zur Ausschmückung – auch die schönen Ecken aus Silber oder seinem Messing, die wir an den alten Pergamentbänden des Mittelalters bewundern, ahmt man nach, d.h. in neuer, unserer Zeit entsprechender Ausführung.

[107] 108. Die Exlibris. Ebenso neu belebt und schon zu einem blühenden Kunstzweige entwickelt sind die Bücherzeichen, die Exlibris. Sie tragen das Familienwappen oder den Familienspruch oder bringen irgend eine Darstellung, die sich auf eine besondere Liebhaberei des Besitzers oder die hervorragende Richtung seiner Bibliothek bezieht. Der Engländer Anning Bell hat besonderen Einfluß auf die Herstellung der Bücherzeichen gehabt; aber auch bei uns und in Oesterreich finden sich viele Künstler, die den ebenso praktischen wie schönen Schmuck entwerfen, und zahlreiche Bücherliebhaber haben bereits Bücherzeichen für ihre Bibliotheken anfertigen lassen.

Auch das alte Lesezeichen ist wieder in Gnaden aufgenommen und einer künstlerischen Neugestaltung und Ausführung unterworfen worden.

Daß man dem Bücherbort oder -schrank auch eine geschmackvolle Form und Gestalt zu geben strebt, ist selbstverständlich. Doch sollte man hier ruhige Linien festhalten und zuviel Schmuck oder Verschnörkeleien vermeiden, die leicht überladen wirken und nicht zum Charakter der Bücherei, die doch in der Hauptsache ernste oder doch gehaltvollere Bücher enthalten wird, paßt. Wie aber auch das Bücherbort sein mag: einfach und häßlich, mit schlechtgebundenen Büchern besetzt – es soll soviel enthalten, daß ich mich seiner nicht zu schämen brauche! Das schwebende Bort als einziger wissenschaftlicher und litterarischer Rückhalt einer gebildeten Familie ist unwürdig – und man wird daraus mit Recht auf die gering entwickelten Interessen des Hauses schließen. Schon wenn man es zur Regel macht, sich gegenseitig zu Weihnachten oder den Geburtstagen ein Buch oder gar ein Werk zu schenken, so wird bald eine kleine Bibliothek beisammen sein und auch hier wird mit dem Besitz die Freude wachsen.

[108] 109. Was soll die Bibliothek enthalten? Es sind öfters Anfragen an Schriftsteller, Künstler, Gelehrte oder sonst hervorragende Frauen und Männer gestellt worden, wer ihre bevorzugtesten Schriftsteller und ihre liebsten Bücher seien. Welch ein verschiedener Geschmack offenbart sich da in den Antworten – wie greifen selbst Leute, die man zu den »Modernen« zählt, zu den Alten zurück, wie oft erfreuen sich die, deren Geschmacksentwickelung einer älteren Periode angehört, dennoch an den Werken allerjüngster Anfänger und Meister! So wird für die Anschaffung einer Bibliothek der Geschmack des Besitzers maßgebend sein, besonders was den belletristischen Teil anbelangt. Und unser Rat kann nur dem gelten, der noch mit eigner Meinung im Dunkeln tappt oder der um eine kleine Auswahl guter Bücher verlegen ist. Er sollte sich, um nur einige Namen zu nennen, kaufen: Unsre Klassiker Goethe, Schiller, Lessing, vielleicht nicht ganz, sondern mit Auswahl, ebenso Körner, Wieland, Jean Paul, Heine, Rückert, Uhland, Gedichte von Strachwitz, Annette v. Droste-Hülshoff, Storm, Jensen, Heyse. Von deutschen Romanen den klassischen Ekkehard von Scheffel, Freitags Soll und Haben, Hauffs Lichtenstein. Von Heyse, Wildenbruch, Konrad Ferdinand Meyer, Hamerling, Storm, Reuter, Heiberg, Wolff, Rosegger, Stinde, Sudermann, Hans Hoffmann und den »Modernen« wieder nach Geschmack wählen. – Aus dem Englischen: Shakespeare, einiges von Scott, Dickens, Bulwer, Thackeray's »Eitelkeitsmarkt«, Kingsley's »Hypatia«, Gedichte von Byron, Tennyson, Lord Chesterfields Briefe an seinen Sohn. – Aus dem Französischen: keine Klassiker, wer sie nicht im Original lesen kann; die Jamben Racines und Corneilles lesen sich in der Uebersetzung schlecht. Vielleicht ein paar Lustspiele von Molière, etwas von Rabelais und Balzac, Briefe von der Staël und der Sévigné, ein paar Romane von Victor Hugo, Georges Sand; Gedichte von Beranger; Fabeln von Lafontaine. Von Modernen: Dumas I und II, Zola, Loti, Maupassant, Daudet, Bourget e tutti quanti. Von Russen: Tolstoi, Dostojewski, Turgenjew. Aus dem Spanischen den Don Quichote und die Komödien des Cervantes. – Aus dem Italienischen: Dantes göttliche Komödie und Torguato Tassos Befreites Jerusalem; von den Modernen: Romane von Annunzio, Geichte von Ada Negri. – Aus dem Norden: Ibsen, Björnson, Strindberg; Romane von Lie, Kjelland und Hedenstjerna.

An historischen Werken, Reisebeschreibungen etc.: Ranke, der Mensch; Moltkes Briefe, Bismarcks Memoiren; Scherr, Treitschke, Scherer. Reisebeschreibungen von Stanley, Nansen, Otto Ehlers, Hesse-Wartegg, Lindenberg. Grundriß der Kunstgeschichte von Lübke, irgend eine Musik- und Litteraturgeschichte; Strauß »der alte und der neue Glaube«, Renan »das Leben Jesu«, einige Bücher von Häckel, Hartmann, Schopenhauer, Nietzsche.

Auch Homers Odyssee, Horaz, Montesquieu, Larochefoucauld u.a.; ferner ein geographisches Werk und ein guter Atlas, ein kleines Konversationslexikon, ein Citatenregister und Lexika der englischen und französischen Sprache werden oft von Nutzen sein.

»Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen« – und so wird vielleicht doch der Eine oder Andere sich die kleine Auslese zur Richtschnur nehmen können. Der Erfahrene braucht weder Ratschläge noch Meinungen anderer – er sorgt für sich selbst und kauft fleißig Bücher – selbst auf die Gefahr hin, einmal eins zu erwerben, das seinen Erwartungen nicht ganz entspricht.

[109] 110. Ueber Blumenpflege. Ein schöner Schmuck unserer Wohnräume sind Blumen und Blattpflanzen. Wer nicht in der glücklichen Lage ist, von dem Eßzimmer aus einen mit hohen Farnen oder Palmen bestandenen Wintergarten zu betreten, oder sich eine Glasveranda durch Centralheizung in eine Art Treibhaus umzuwandeln, dessen Instandhaltung man dann einem Gärtner anvertrauen muß, wird sich mit der Frage beschäftigen: »Wie fange ich es an, hübsche, blühende Blumen zu erzielen, meine Palmen vor dem Eingehen zu bewahren und mich Sommer wie Winter an dem Anblick kräftiger Pflanzen zu erfreuen? Denn es wird kaum eine Frau oder eine Familie geben, die gegen Blumen gleichgültig sind. Und wie sie zu großem Luxus werden können, so vermag man wiederum mit bescheidensten Mitteln sich schöne Pflanzen zu halten – wenn man es nicht an etwas Pflege und Aufmerksamkeit fehlen läßt!

[110] 111. Schönheit der Zimmerblumen. Ein Zimmer ohne Blumen hat etwas Totes, Trauriges; selbst ein Raum, der wenig bewohnt wird, macht nie den Eindruck von Verlassenheit und Ungemütlichkeit, wenn ein paar Blumentöpfe oder -vasen darin stehen. Freilich dürfen sie nicht vernachlässigt sein! Vertrocknete oder verfaulte Gewächse mit gelben Blättern und hängenden Zweigen, vielleicht auch noch von Ungeziefer besäet, oder Vasen mit schlechtriechenden Blumen und gelbem Wasser sind freilich schlimmer als gar nichts und wirken beleidigend auf Auge und Nase. Entweder sauber gehaltene Pflanzen – oder gar keine! Und wer sich eine Blumenzucht anlegt, muß sich klar machen, daß sie ihm Mühe und Zeit kosten wird. Aber er wird auch reich belohnt.

[111] 112. Fensterblumen. Wie schön sieht ein reich mit Pflanzen geschmücktes Zimmer aus, wie freundlich wirkt das mit Blumentöpfen bestandene Fensterbrett! Man ist gottlob nicht mehr auf eine oder zwei auf Konsolen, in düsterer Ecke ihr Leben fristende Palmen angewiesen. Seit die Fenster nicht mehr ängstlich verhüllt und die Zimmer so dunkel gehalten werden, gedeihen die Blumen wieder und erquicken uns nach dem langen Dämmerlicht im Verein mit Luft und Licht. Auch das Vorurteil, »daß Blumen am Fenster unfein seien« – ist glücklich gehoben, wenn auch noch nicht ganz überwunden. Hübscher ist ja fast noch das äußere mit Gitter versehene Blumenbrett, auch praktisch bei den modernen, meist nach innen aufschlagenden Fenstern. Im Winter ist das Doppelfenster ein guter und bequemer Standort.

[112] 113. Blumentöpfe und Vasen. Der Blumentopf ist allerdings immer noch nicht hübsch und man hilft sich mit Umkleidung von Seidenpapier, Brokatstoffen und -shawls, Fayence-, Bronze- oder Majolikatöpfen und bunt- oder goldfarbig gestrichenen Korbgeflechten. Es ist aber immer erst ein Notbehelf und man wird hoffentlich bald die Töpfe und Unterschalen so verzieren, daß sie an und für sich ein Schmuck sind, ohne von ihrer Durchlässigkeit einzubüßen. Denn gerade diese leidet unter den künstlichen Verkleidungen. Auch für Vasen und Schalen ist eine neue Aera angebrochen: man legt den Hauptwert vorläufig darauf, daß sie zweckmäßig sind, reichlich Blumen und Wasser aufnehmen können und – daß sie feststehen! Eine Hauptbedingung, gegen die viel gesündigt worden ist. Denn alles mußte sich der Form fügen, die sich in übertriebensten Schnörkeleien nicht genug thun konnte; und für das kleine, auf Draht gewundene Bouquet, dessen einzelne Blüte noch so und so oft von Draht durchbohrt wurde und das den Todeskeim in sich trug, mochten diese unbrauchbaren »Nippessachen« genügen.

[113] 114. Reform der Blumenliebhaberei. Aber auch in der Blumenliebhaberei ist eine Reaktion eingetreten. Man hat auch hier eingesehen, daß das Natürliche das schönste ist, und die großen, langstengligen, lose zusammengehaltenen Sträuße verlangen raumgebende Gefäße für ihre durstigen Stiele und begnügen sich nicht mehr mit den fast öffnungslosen, in der Mitte unmotiviert weitausspringenden Vasen, die auf einem ängstlichen Fuß balancieren. Viele Damen entwerfen selbst Blumen- und Arabeskenmuster und lassen sie von einfachen Töpfern auf irdenen Gefäßen und Vasen ausführen. Und sie werden am besten nach dem Maß ihrer bevorzugten Blumen, kurz oder langstenglig geschnitten, das Verhältnis der Weite und Tiefe angeben können. Daß mit der Vorliebe für abgeschnittene Blumen auch die Pflege des Blumenstockes in gleichem Schritt entwickelt worden ist, kann man leider nicht sagen. Leute, die sich gegenseitig um Ableger bitten, sich besuchen, um eine besonders schön blühende Pflanze zu bewundern oder stundenlang geduldig ausharren, um eine Königin der Nacht sich erschließen zu sehen – dies findet man fast nur noch in kleinen Städten. Wenigstens ist es mir sonst nie begegnet, daß mir, wie im vorigen Sommer in Goslar, ein Junge eine Straße weit nachlief, um mich zu bitten, doch die seit dem Abend erschlossene »Königin der Nacht« bei seiner Mutter anzusehen. Ich ging zurück. Die weiße Blume leuchtete schwermütig aus ihrer stachligen Umgebung heraus, von zwei brennenden Lichtern flankiert, an die sich in dem Moschustopf mit den penetrant riechenden, gelben Blüten eine Pantoffelblume und zwei flammendrote Geranien anschlossen. Aber all den bescheidenen Gewächsen sah man an, wie sie gepflegt waren und wie man sich ihrer Pracht freute!

[114] 115. Blumenfreunde einst und jetzt. Wer hat heutzutage noch Zeit zur wirklichen Blumenpflege? Fast niemand, einzelne alte Damen und Herren abgerechnet. Früher zog fast jede Frau eine Lieblingsblume, auf die sie besonders stolz war, die üblichen Hyacinthen, Tulpen und Crocus an den Fenstern nicht mitgerechnet. Wer heute eine Palme ein paar Jahre, eine Aurokarie einige Monate bewahren kann und ein paar Kamelien, Azaleen und Kakteen zur Blüte bringt, der hat »eine glückliche Hand«. Man holt sich jetzt vom Gärtner ein paar Winterastern in Knospen, zierliche Erikatöpfchen und zu besonderen Festtagen blattlosen Treibhausflieder, Orchideen und für die Vasen Chrysanthemen, Parmaveilchen und Mimosen. Also außer den erstgenannten bescheidenen Pflanzen lauter exotische Gewächse.

[115] 116. Altmodische Blumen. Die breiten Fenster, die zu jeder Jahreszeit etwas anderes trugen: Primeln, Aurikeln, Maiglöckchen, Leberblümchen im Frühling, im Sommer Rosen, Fuchsien, Myrten, Geranien, Pelargonien, Begonien und die farbenprächtigen Gloxinien, im Herbst duftiges Heliotrop, Goldlack, Alpenveilchen, Dahlien- und Dracänenarten, im Winter Kamelien, Azaleen, Rhododendrons, umrandet von sorgsam gehütetem Epheu oder andern Klettergewächsen; wohin sind sie gekommen? Selbst die in alten Häusern gebräuchlichen mächtigen Lorbeeren, Cypressen und Oleander, die im Winter auf der Diele und der Treppe, im Sommer im Vorgarten standen, sind verschwunden. Wer ist schuld? Unsere Rastlosigkeit, die engen Mietswohnungen und die Geschmacksrichtung, die eben für Blumen kein Licht ließ. Gewiß werden nicht all die »altmodischen« Blumen, an denen sich unsere Großeltern ergötzten, wieder Mode werden können. Die Fremden haben sich schon zu sehr in unsern Geschmack eingeschmeichelt. Etwas mehr Aufmerksamkeit aber könnte man auch den einheimischen Gewächsen gönnen. Sie haben doch etwas Anziehendes, Vertrautes – und wer erst mit ihnen wieder einen Versuch macht, wird doch die eine oder die andere auch weiterhin pflegen.

[116] 117. Gartenblumen. Und ebenso ist es unsern Gartenblumen ergangen! Selbst der kleinste Fleck »englisch frisiert« – ein Rasenplatz, ein paar Rhododendrongebüsche und höchstens ein Beet hochstämmiger Edelrosen! Von den alten Blumenbeeten keine Spur mehr, Vergißmeinnicht, Stiefmütterchen, Monatsrosen, Lilien, Narzissen, Märzbecher, Reseda, Centifolien, Georginen – alle fort! Taucht hie und da eine halbvergessene Blume auf, da wird sie bestaunt und nur bewundert, wenn irgend ein Gärtner sie zur Mode erheben kann. Die Gärten sind kahl geworden – niemand hat Zeit und Lust, selbst auf seine Blumen zu achten und viel Bedienung ist teuer. Außerdem: »bunte Beete sind nicht fein« – ist das nicht genug, um uns selbst der reinsten Freude zu berauben?

[117] 118. Praktische Winke für Blumenfreunde. Wer aber doch Blumen pflegen will, der versichere sich erst, daß seine Zimmer Luft und Licht genug bieten. Palmen brauchen Platz zum Gedeihen und dürfen nirgends die Wände berühren oder ineinander greifen. Trockene Wedel mit gelben Spitzen sind häßlich. Kleinere Pflanzen wird man am Fenster oder auf dem Blumentisch unterbringen. Ein Blumentisch ist nur dann praktisch, wenn er sich leicht bewegen läßt oder die Platte drehbar ist, denn die Blumen zur dunklen Zimmerseite gehen sonst ein. Besser sind geästelte Tische, auf denen die Pflanzen einzeln und in verschiedener Höhe stehen. Am Fenster erweist sich als sehr praktisch das bewegliche Blumenbrett von Schmidt in Erfurt, das sich ins Zimmer hineinbewegen läßt, wenn man die Fenster öffnen oder die Pflanzen vor Kälte schützen will. Der Raum zwischen Doppelfenstern ist gewöhnlich zu schmal für Töpfe. Will man sich also nicht nur mit Hyacinthengläsern begnügen, so lege man Holzklötze hinein, die bis zum Leisten reichen und auf die man die Blumen setzt. Ueber dem Leisten erweitert sich ja bekanntlich der Raum.

Für zarte, kleine Palmen oder tropische Gewächse empfiehlt sich ein Zimmerglashaus, dessen Temperatur durch Heizvorrichtungen erhöht werden kann. Auch läßt sich ein Fenster durch einen Bau nach außen für Kalthauspflanzen, durch einen Bau ins Innere des Zimmers zu einem Warmhaus einrichten. Doch sind für Mietswohnungen transportable Glashäuser praktischer. Für Kakteen hat man ebenfalls kleine Treibhäuser, die man an möglichst sonnige Fenster stellen muß, während man bei Glashäusern, die Palmen enthalten, die stärkste Sonnenhitze im Sommer abhalten muß. Vor allen Dingen schütze man alle Blumen und Pflanzen vor Zugluft.

Für das Zimmer sind von Palmen am geeignetsten: Die Chamaeropsarten, die Phoenix, Corypha, von den Cocos die cocos wedelliana, von den Livistona die livistona chinesis und australis und die Gattung thrinax.

Anweisungen über Palmen- und Kakteenkultur giebt das Buch: »Der Naturfreund«, von Dr. Dammer und Schmidlins »Blumenzucht im Zimmer«.

[118] 119. Ueber Tierliebhaberei. »Es ist eine weise Regel, daß der Mensch sich hüten soll, sein Herz an ein Tier zu verlieren« – Niemand sollte dieses Wort vergessen! Wieviel Uebertreibungen begegnet man nicht in dieser Hinsicht und es sind nicht nur die verschrieenen und so oft verleumdeten »alten Jungfern«, die durch lächerliche Sentimentalität für ihre Vögel, Hunde oder Katzen Grund zum Spott geben. In kinderlosen Familien spielt der Vierfüßer, der liebe dicke Mops, der ewig bellende Terrier, der verdrießliche Pintscher oder der kluge Pudel, der täglich durch neue Beweise seines Nachdenkens überrascht, stets eine große Rolle. Warum auch nicht? wird man fragen. Es wird ja niemandem seinetwegen Lieb entzogen oder vernachlässigt. Doch! Man könnte ein wenig von der rührenden Sorgfalt, mit der das Augenblinzeln des Hundes, sein Schlaf, seine Verdauung überwacht werden, dem armen Nächsten gönnen, der hungrig, kalt und schlecht gekleidet bescheiden vorüberschleicht, wenn der Liebling, in ein warmes Mäntelchen gehüllt, ein kokettes Schleifchen am Halse, an silberner Kette geführt wird, mit der tröstlichen Versicherung, daß er gleich, gleich für seine Bravheit warme Milch bekommt!

[119] 120. Lächerliche Schwäche für Tiere. Gewiß, man soll seine Tiere gut behandeln, für sie sorgen, sie liebkosen, sie als Freunde betrachten – denn das werden sie wirklich. Aber auch hier muß Maß gehalten werden. Es ist unschön, anzusehen, wenn Hunde und Katzen geküßt und mit Zärtlichkeiten überhäuft werden – Kindern sollte man dies nie gestatten! – und es ist im höchsten Grade für jeden Unbeteiligten langweilig, von Flicks übermütigen Streichen, von Amis feinem Unterscheidungsvermögen zwischen gut- und schlechtgekleideten Menschen, von Tyras' letzter Katzenjagd unterhalten zu werden. Fast jedes Tier wird uns durch seine Intelligenz überraschen, sowie man sich mehr mit ihm beschäftigt und es beobachtet; und gewiß darf man davon erzählen, besonders wenn man der Teilnahme seines Zuhörers sicher ist. Der Hund oder die Katze eines Anderen, die ich kaum gesehen habe, interessieren mich aber nicht länger als höchstens durch die Aufzählung einer Anekdote über sie. Das genügt vollständig. Und pointenlose, ausführliche Geschichten, die nur schildern, wie Diana schließlich irgendwo nachdenklich mit schiefem Kopf stand, sollten nie die eignen vier Wände verlassen.

Pferde – Hunde – Vögel – sind amüsant zu halten und vertreiben oft die Langeweile. Aber man darf sich nicht ganz von ihnen beherrschen lassen, noch sich ihnen allein widmen. – Auch der Papagei nimmt mehr Aufmerksamkeit in Anspruch, als er verdient. Wie selten trifft man auf einen gelehrigen, gutsprechenden – und selbst für diese Künste ist das durch Mark und Bein gehende Gekreisch zu teuer bezahlt. Sich diese störenden, oft lästigen Vögel zu halten ist etwas – mauvais genre.

[120] 121. Ueber Vögel. Ein Stubenvogel dagegen – ein lustig singender Kanarienvogel, eine muntere Amsel oder ein spaßiger Zeisig – das ist ein hübscher Besitz. Und die kleinen anspruchslosen Sänger verdienten eine bessere Behandlung, als ihnen meistens zu teil wird. Nicht aus Gefühllosigkeit, man verschwendet an sie Leckereien und Schmeichelnamen – aber aus Unachtsamkeit und Nachlässigkeit. Wieviel Käfige stehen nicht noch am Fenster – beständig dem leisen oder stärkeren Zug, der durch den Wechsel der wärmeren und kälteren Luft entsteht, ausgesetzt. Daß der Vogel zur unrechten Zeit mausert, schlecht singt, asthmatisch wird und schließlich verdrossen und traurig auf der Stange hockt, das liegt nach Meinung des Züchters am Futter, an der Witterung, am Alter – selbst bei ganz jungen Vögeln! – auf den schlechten Platz auf dem Fensterbrett verfällt man gar nicht. Wo möglich werden morgens beim Reinmachen noch das Fenster und die gegenüberliegende Thür aufgesperrt! – Der Käfig darf nie dicht am Fenster stehen, muß abends ganz ins Zimmer hineingestellt und mit einem Tuch bedeckt werden. Man wechsle häufig den Sand, halte Stangen und Trinknäpfe sehr sauber und bürste auch das Badehäuschen stets aus. Futter kaufe man nicht beim Krämer, sondern die geeignete Sorte beim Vogelhändler.

[121] 122. Ueber Volièren. Auch eine Volière zu halten, ist sehr hübsch; vorausgesetzt, daß man sich auf die Behandlung und Ernährung der verschiedenen Sorten versteht, nicht ruhig zusieht, daß die nur unter einan der zärtlichen Gesellschaftsvögel (Inséparables) den Kanarienvögeln ein Bein nach dem andern abbeißen und daß die Mäuse, die sich sofort einfinden werden, die Vögel nachts ängstigen und schließlich Eier und Brut vernichten. Auch gegen Katzen versichere man das Bauer oder die eingefriedigte Ecke durch engmaschigen Draht und nicht nur durch die tröstliche Versicherung: »Ach – zu uns kommt doch keine!« für Volièren sind große Kästen aus hellem Holz sehr praktisch, die fest und ziemlich hoch an der Wand hängen, eine breite Schublade und nur an der Vorderseite Gitter, an den übrigen drei Seiten Holzwände haben.

[122] 123. Ueber Terrarien und Aquarien. Von Terrarien und Aquarien ist dasselbe zu sagen: nur der sollte sie anlegen, der mit Bestimmtheit weiß, daß sein Interesse und seine Sorgfalt für Tiere und Fische vierzehn Tage überdauern wird. Einige Zeit brauchen alle Tiere, um sich an die neue Umgebung und etwas veränderte Nahrung zu gewöhnen; meistens heißt es schon nach den ersten drei Tagen, wenn der Molch keine Fliegen, die Blindschleiche keinen Regenwurm fressen will: »Ich hatte es mir doch netter gedacht –« und vertrauensvoll werden der guten Mutter die Aufsicht und Pflege über Schildkröte, Laubfrösche und Goldfische übergeben. Wenn dann die Mutter streikt, ist es zu spät: Die Ausgaben für die Aquarien, Terrarien und Lebewesen sind gemacht – verkommen darf man nichts lassen, das ist gegen das Prinzip des Hauses – die Fonds zur Unterhaltung der neuen Anlage sind ebenso erschöpft, wie das Interesse – nur die Mutter hat seufzend für beides zu sorgen! Den Vorteil und die Belehrung, die man sich von diesen Unternehmungen verspricht, sind wirklich nicht so groß, wie man denkt; bedeutend größer sind die Ausgaben und die Aergernisse, an die man nicht denkt. Und man sollte nicht die Tierquälerei vergessen, die stets eine Folge der eingeschlafenen Teilnahme sein wird. Die armen Tiere verhungern, verdursten, haben schlechte Luft, keine Bewegung, kein geeignetes Terrain für den Winterschlaf und quälen sich mühsam ein paar Monate in den schlechtgehaltenen Glaskästen hin. Denn wie kurzlebig sind all diese Bewohner von Terrarien und Aquarien! Daß man es durchsetzt, einen oder mehrere Vögel Jahre hindurch zu halten, ist nicht selten; sie mahnen uns durch ihren Anblick und ihren Gesang an unsre Pflichten. Die stummen Fische und Reptilien aber finden keinen Laut der Klage, sie vergraben ihr Elend unter den muffig riechenden Luftstein (die mit ausgegangenen Pflanzen besetzte »Felspartie«) – und das ganze Haus atmet erlöst auf, wenn endlich auch der letzte magere Leib eines Feuersalamanders oder einer Eidechse zusammengeschrumpft auf der gegorenen Erde liegt!

Man gebe diese Anschaffungen nur zu, wenn man sicher ist, den Tieren die nötige Pflege und Nahrung zuwenden zu können – sonst lenke man die Aufmerksamkeit der Forscher lieber auf humanere Sammlungen, wie auf Briefmarken, Siegel oder dergleichen.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 91-123.
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