IV.

Das eigne Haus.

[123] 124. Vorteile des eigenen Hauses. Wer sich in früheren Jahrhunderten – auch noch zum Anfang des letzten – verheiratete, seßhaft wurde, sich »häuslich« niederließ, verstand immer darunter, daß er einen eigenen Herd gründete und ein eigenes Haus bezog. Mietswohnungen, halbe und ganze Etagen, Ein- und Zweizimmerwohnungen, Mansarden, Einzelzimmer, auch halbe oder ganz gemietete Häuser, das sind Errungenschaften der Neuzeit, der Großstädte und des teuren Grund- und Bodenbesitzes, der ja schon in den kleinsten Flecken zu Mietskasernen zwingt. Die weitere Folge der Verhältnisse ist die Ausnutzung des Raumes – die Notwendigkeit, soviel Wohnungen wie möglich übereinanderzusetzen und in diesen wieder jedes Eckchen am vorteilhaftesten auszunützen. So wird alles Zimmer, Küche oder Wirtschaftsraum – einen freien Platz, einen bequemen Korridor, eine Flur oder gar eine »Diele«, die in den alten Patrizierhäusern des Nordens den Mittelpunkt des Hauses bildete und womöglich durch zwei Stockwerke reichte – das giebt es kaum mehr! Die Stuben sind ineinandergeschachtelt, der Korridor wird in Berlin zum Eckzimmer und in anderen Städten vermitteln schmale, meist dunkle Gänge die Räume und mahnen täglich durch ihre Ungemütlichkeit, wie teuer Grund und Boden, wie unbequem Mietshäuser sind und wie wenig Rücksicht auf die Gesundheit, Schönheit und Bewegungsfreiheit genommen wird. So bleibt das Ideal schönen und behaglichen Wohnens das eigene Haus – und zwar das nach eignen Angaben, bestimmten Wünschen und praktischer Ueberlegung gebaute Haus. In kleineren Städten braucht man noch nicht die Zinsen eines Thalermillionärs zu haben, um glücklicher Hausbesitzer zu sein; dort genügt schon ein bescheidener Wohlstand für das, was wir jetzt schon »Luxus« nennen und was unsern Großvätern noch etwas Selbstverständliches war. In dieser Hinsicht haben wir also unsere Ansprüche hinunterschrauben müssen.

[124] 125. Häßlichkeit der Mietskasernen. Aber auch in kleineren Städten, sobald sie zur Fabrik- und Industriestadt erhoben werden, beginnt die Wohnungsnot und wie Pilze schießen die häßlichen roten Mietskasernen mit den vielen schmalen Fenstern, den wie Schwalbennestern angeklebten Balkons und den unschönen, düstern Rückwänden empor. Wie in der Mietswohnung aller Raum und alle Dekorationskünste an die Vorderräume verschwendet werden, während man die Hinterzimmer so eng und einfach wie möglich herstellt, so schmückt man die Fassaden der Häuser mit Sandsteinpfeilern, Karyatiden und großen Portalen – hinten sieht man auf kahle Wände, deren einziger Schmuck eben die meistens unbrauchbaren Balkons sind. Eine Fahrt mit der Stadtbahn in Berlin oder ein Gang an den Peripherien einer kleinen Stadt wird jedem tausend für einen Beweis dieser Bauart geben.

[125] 126. Familien- und Arbeiterhäuser. Da nun die Preise dieser Mietswohnungen in keinem Verhältnis mehr zu dem stehen, was sie dem Armen, dem Arbeiter, an Bequemlichkeit und in gesundheitlicher Hinsicht bieten, so haben sich seit einigen Jahren fast überall in Deutschland Männer zusammengethan, denen das Wohl des Volkes am Herzen lag; und durch die Erwerbung von Grund und Boden, durch den Verzicht auf hohe Zinsen und den Bau einfacher, gesundheitsgemäßer Häuser von guten Architekten ist es gelungen, auch in der Nähe von Großstädten, wie Berlin, Hamburg u.s.w. Einzelhäuser oder solche für zwei oder drei Familien zu bauen. Es wird den Leuten ermöglicht, nach ein paar Jahren zum Besitzer des Häuschens und des kleinen Gärtchens zu werden, das immer vorgesehen wird; denen, die vorläufig mit anderen Familien zusammenhausen müssen, den Aermeren also, wird durch die billige Miete Gelegenheit geboten, Ersparnisse zu machen, die ihnen später gleichfalls den Erwerb eines Einzelhauses ermöglichen. Man sieht bei dem Bau dieser Häuser von allem überflüssigen Schmuck ab, der nur verteuert und von dem niemand Nutzen hat, wie von engen Balkons, den zwecklosen Türmen, den Säulen und Stuckornamenten der Fassaden. Man baut helle, geräumige Zimmer, denkt wieder an bequeme Treppen und etwas freiere Korridore und lernt es trotzdem mehr und mehr, das Haus, dessen Breite und Höhe im richtigen Verhältnis zu einander stehen, auch äußerlich durch schlichte Linien und Anwendung von Farbe, die man über all dem Stuck ganz vergessen hatte, für das Auge gefällig zu gestalten.

[126] 127. Cottage-Häuser. Auch die Leute, die in der glücklichen Lage sind, sich ein Haus in der Stadt oder vor den Thoren zu bauen; geben mehr und mehr den »villenartigen« Charakter, den solch ein Bau vor acht oder zehn Jahren noch unbedingt haben mußte, auf, und bevorzugen den Stil der englischen »cottage«. Es ist gar nicht nötig, den Stil englisch zu nennen, wir treffen ihn bei uns noch überall in kleineren Städten, oder bei alten Landhäusern vor den Thoren.

[127] 128. Fremde Vorbilder. Aber die Gotik, der unsere Architekten schablonenmäßig durch Jahrzehnte folgten und der es gelungen ist, unsere Begriffe über Zweckmäßigkeit und Schönheit der Häuser zu verwirren, hat die Erinnerung an das, was wir selbst nicht hatten, beinah ausgelöscht. Und die schlichten, gesunden Formen, die wir an der englischen Architektur so bewundern und die doch nur, wie einst die alten Landhäuser bei uns – sich allmählich und logisch aus den Bedürfnissen entwickelt haben, gefallen uns so sehr, nach der überladenen, lächerlichen Pracht der Fassadenbauten, daß wir auch hier ohne Ueberlegung nachahmen und adoptieren, was wir wiederum genau unsern Lebensverhältnissen und dem Klima anpassen sollten. In England beschränkt sich der Winter auf kalte, regnerische Wochen und Monate. Strenge Kälte wie bei uns kennt man nicht. Je mehr man zum Westen kommt, desto mehr Einwirkung hat der Golfstrom auf die Witterung und so läßt man in Wales Azaleen und Rhododendrons, die sich dort entwickeln wie Flieder und Goldregen bei uns, ohne jeden Schutz im Freien. Für ein solches Klima sind Kamine angebracht, die keine mehrgradige Kälte, sondern nur die feuchte Luft besiegen sollen; auch die sogen. baw-windows, große Glasthüren und Fenster, die bis zum Fußboden mit Scheiben versehen sind, kann man sich gestatten; ebenso weit ausladende Erker mit Dreifensterwänden. In Frankreich sind die klimatischen Verhältnisse fast noch günstiger als in England; Betten, Kleidung, das lebhaftere Straßenbild – die Wirte nehmen auch im Winter nicht Tisch und Stühle hinein, noch verschwinden die Bänke und Stühle aus den Anlagen – bezeugen es deutlich. Der Russe bezieht im Sommer die »Datsche«, das leichtgebaute, meist sehr primitive Landhaus; und für den sehr kalten Winter zieht er noch fast überall das viel wärmere Holzhaus dem Steinbau vor.

[128] 129. Thorheiten unserer Bauart. Könnten wir nicht auch endlich dahin gelangen, ganz so zu bauen, wie es unsern Lebensgewohnheiten und dem Klima entspricht? Muß es denn ein ungemütlicher »Salon« sein, der das schönste Zimmer beansprucht und die Nebenräume störend beeinflußt, für ein Haus, das vielleicht nur ein- oder zweimal im Winter Besuch bei sich empfängt? Müssen auf Kosten der eleganten Vorderräume die Hinterzimmer so winzig und ungemütlich sein? Kann man nicht endlich aufräumen mit den mächtigen Flügelthüren, die von einem durchaus nicht fürstlichen Gemach in ein besonderes noch kleineres führen und beiden eine ganze Wand rauben? Dann kommen noch wenigstens zwei Fenster mit ganz schmaler Mittelwand und fast die Ecken ausfüllend und in den übriggebliebenen Wänden noch eine oder zwei Thüren hinzu. Bei jedem Umzug fragt man sich erstaunt: »Wie haben die Menschen hier nur wohnen können! Mit soviel Kindern hatten sie infolgedessen mehr oder weniger Möbel als wir?« – Und beruhigend sagen Portiersfrau und Packer: »Die Thüren werden ein für allemal versetzt; von außen Schränke, von innen Betten oder 'ne Portiere dagegen!« Man ahmt verzweiflungsvoll das Vorbild nach – was bleibt einem übrig – aber schön ist es weder von innen noch von außen. Wenn sie doch »versetzt« werden – wozu sind sie denn da, diese Thüren? In einer Stube von 5–6 Quadratmetern wenigstens drei Thüren und zwei Fenster! Lichtwark, in seinem höchst empfehlenswerten Buch »Palastfenster und Flügelthür«, rührt an all diese Schäden, und wer sich ein eignes Haus baut und weder mit sich noch mit dem Architekten über die Art des Baues, noch über die zu vermeidenden Schäden und wünschenswerten, praktischen Anlagen klar werden kann, dem sei dringend die Lektüre seiner Ratschläge empfohlen. Deutlich und logisch wird auch dem Laien erklärt, woher all die Unbequemlichkeiten kommen, an die wir uns schon halbwegs gewöhnt, uns wenigstens machtlos unter sie gebeugt haben und deren Ursprung – eine mißverstandene, schlecht angewandte und für unsre Zeit überlebte Architektur – wir, die wir in diesen Mißverhältnissen groß geworden sind, kaum mehr erkennen konnten.

[129] 130. Praktische Winke für Baulustige. Wer sich ein Haus in der Stadt baut, muß vor allem berücksichtigen, daß es keine Seitenfenster, sondern nur Front und Rückwand geben wird, falls kein Seitenflügel existiert. Dunkle Zimmer sind möglichst zu vermeiden – es sei denn als Eß- oder Billardzimmer mit etwas Ueberlicht. Man wird im allgemeinen deshalb nach dem Plan verfahren, die Treppe in die Mitte des Hauses zu legen, die sich vielleicht im Hochparterre gabelt, was viel Platz wegnimmt, aber gut aussieht und zu einer Galerie oder einem Korridor emporführt, von dem alle Zimmer zu betreten sind. Man legt Schlafräume gern nach oben, aus Gesundheitsrücksichten; die Wohn- und Eßräume nach unten, die Gesellschaftszimmer möglichst für sich. In Häusern vor den Thoren wird das durch Seitenfenster erhellte Entree, die »Halle«, sehr oft als Wohnraum eingerichtet und wenn nicht täglich, so doch bei Festen benutzt; da in die »Halle« die Thüren münden, so hat man von ihr einen Rundblick auf Säle und Zimmer. Das »Idealhaus« – nach meinem Geschmack, selbstverständlich! – besteht nur aus einem Hochparterre, dessen Vorderräume zum Wohnen, die Hinterräume zur Wirtschaft eingerichtet sind; unterm Dach höchstens ein paar Fremdenzimmer. Viele Treppen, die zum Souterrain, Hochparterre, ersten und zweiten Stock – vielleicht auch noch zum Boden – nötig werden, erschweren die Wirtschaft außerordentlich. Und es ist durchaus nicht nötig, wenn auch alle bewohnten und benützten Räume in einem Stockwerk liegen, daß man von der Unruhe des Haushalts zu leiden hat – es kommt eben alles auf den Baumeister an!

[130] 131. »Zwei glückliche Tage«. Nach dem bekannten Luftspiel »Zwei glückliche Tage« sind es ja die schönsten Momente im Leben eines Menschen, wenn er sich zuerst als Besitzer eines Hauses fühlt und – wenn er wieder glücklich von seinem Besitz befreit ist. Gewiß liegt viel Wahres in dieser Behauptung. Besonders, wenn man sich eine Mietskaserne erwirbt und im Unfrieden mit feinen Mietern lebt, wie es leider recht häufig vorkommt. Aber als Eigentümer eines Privathauses erwachsen nur indirekte Unannehmlichkeiten aus größeren Abgaben für Grundbesitz, Pflaster, Gas, Wasserleitung u.s.w. Für eine Mietswohnung giebt man höchst ungern das Geringste für eine Reparatur aus, das ist ja auch begreiflich; für das eigene Haus spart man in keiner Weise, weil sich erstens jede Vernachlässigung bitter straft und oft traurige Folgen hat – und weil sich zweitens bald ein großer Ehrgeiz entwickelt, ein »tadellos« gehaltenes Haus zu haben. Auch verlangt ein Haus immer mehr Bedienung als eine noch so geräumige Etage, eben durch das Treppenhaus, zahlreichere Fenster, infolgedessen größerer Verbrauch an Gardinen, Hauswäsche u.s.w. Wer einen größeren Garten besitzt, wird Hilfe brauchen, um ihn instand zu halten; der viel gerühmte Obst- und Gemüsebau ist gleichfalls kostspielig – es ist immer billiger, Obst und Gemüse zu kaufen, als sie selbst zu ziehen. Liegt das Haus weit vor dem Thor, so muß man Pferdebahn- und Droschkengelder berechnen, wenn man durch viel Verkehr, schlechte Verbindung etc. nicht sogar gezwungen sein wird, sich Fuhrwerk zu halten. Die glücklichsten Zeiten für den Besitzer eines neuen Hauses sind von den ersten fünf Jahren ab bis zum zwanzigsten ungefähr. Zuerst werden sich noch allerlei kleine und größere Aergernisse herausstellen, die fast nirgends ausbleiben; nasse Wände, schlechtschließende, ausquellende Fenster, Unordnungen bei der Wasserleitung, den Gasröhren, elektrischen Drähten oder der Centralheizung. Auch werden die Wände selten gleich trocken genug sein, um sie zu tapezieren – vorläufig halten wir Tapeten ja noch für unerläßlich! – und nach drei oder vier Jahren wird man erst mit dem Auskleben der Zimmer beginnen. Kleinere Verbesserungen, wie Anstreichen, Dachausflicken, Traufen- oder Röhrennachsehen werden jährlich zu machen, nach Verlauf von zwanzig Jahren ungefähr werden große Erneuerungen nötig sein. Doch kommt es natürlich auch hier auf die Tüchtigkeit des Architekten an und – auf die Ordnung, in der man das Haus gehalten hat.

[131] 132. Innere Einrichtung. Die innere Einrichtung eines Hauses wird sich ungefähr der Bauart anschließen. Da man jetzt helle Räume mit recht breitem Fenster bevorzugt, so wählt man auch helle oder doch in zarten Farben bezogene Möbel, klare Gardinen und Schränke und Tische von leichter, schlichter Form. Die einst verachteten Mahagonimöbel, dem nachgebildet, was wir unter »Biedermeierzeit« meinen, jetzt aber höflich »Chippendale« getauft haben – sind wieder sehr zu Ehren gekommen, die »altdeutsche Einrichtung beschränkt sich fast ganz aufs Eßzimmer.

[132] 133. Stileinheit. Es ist durchaus nicht nötig, ein Haus ganz in einem Stil – etwa gotisch oder empirisch – einzurichten. Ein französisches Schloß, das ich einst sah, und das vollständig bis ins kleinste Detail Louis seize Einrichtung hat, wirkte nur deshalb nicht eintönig, weil erstmals der Stil an und für sich durch seine schlichten Formen angenehm, wenn auch für uns Deutsche etwas »kahl«, nicht gemütlich, ist, und weil die Bauart des Schlosses innerlich und äußerlich keinerlei Veränderungen unterworfen worden war und das Ganze wirklich harmonisch dastand. Auch die wundervolle »Elzburg« in Deutschland gefällt uns, weil sie uns so ein getreues Bild des Mittelalters liefert, wenngleich es nicht vermieden worden ist, die ursprünglich gewiß recht einfachen Räume durch orientalische Decken und Teppiche zu bereichern. Altertumsforscher mögen darüber entrüstet sein, daß dieses »Juwel« modernen Ansprüchen unterworfen wird – der Laie findet es sehr hübsch! Nach meinem Geschmack kann ein Haus oder ein »Salon«, streng in einem Stil durchgeführt, direkt langweilig wirken. Natürlich heißt es auch hier: »c'est le ton qui fait la musique« – es kommt eben alles darauf an, wie es gemacht wird. Leute aber, die sich weder für eine Stilart besonders interessieren noch viel Wert auf »Echtheit« legen, sollten sich keinesfalls von einem Dekorateur bereden lassen, sich ganz nach der Empire- oder Renaissancemode einzurichten. Die Möbel sollen absolut zu den Menschen gehören und passen, die sie bewohnen; und so ein glanzvoller Barockrahmen darf nicht die Frage aufkommen lassen: »Ob sich diese Leute, die einem Reuterschen oder Stindeschen Roman entstiegen zu sein scheinen, wohl fühlen? Es macht wenig so den Eindruck!«

[133] 134. Hauptsache: Bequemlichkeit! Wenn man sich aber für den »Salon« einen Stil wählt, so wird man ihn für das Wohnzimmer nicht durchführen. Hier bleibt die Hauptbedingung: Bequemlichkeit und Gemütlichkeit, Stühle ohne Zahl und in jeder Form, auch das altfränkische Sofa mit dem runden Tisch davor, wenn es viele Familienmitglieder giebt. Das Praktische wird schließlich doch im täglichen Leben Sieger bleiben!

[134] 135. Einige Stilarten. Hat jemand dennoch die Absicht, sich bei jedem Zimmer genau einer Stilart anzupassen, so könnte man ihm vielleicht raten, das Schlafzimmer Louis XVI., das Arbeitszimmer (Bibliothek vorausgesetzt) gotisch, den Salon Rokoko von Louis XIV., das Speisezimmer Empire, das Rauchzimmer Renaissance, das Wohnzimmer Chippendale oder Queen Anne zu wählen; Küche und Speisekammer in Delfter Manier, ebenso die Badestube – und vielleicht das Boudoir der Hausfrau, wenn sie etwas Exzentrisches liebt, chinesisch oder japanisch; auch ein Rauchzimmer nach türkischer Art mit abgerundeten Ecken und niedrigen, breiten Diwans, die sich rund um die Wände ziehen, ist hübsch. Als Schlafzimmermöbel nahm man eine Zeit lang und auch jetzt noch häufig farbige Bauernmöbel, auf deren hartblauem, -grünem oder -rotem Grund altmodische Sträuße gemalt find. Auch eine kleine »Nürnberger Kemenate« als Trinkstube oder unten dicht vor dem Weinkeller eine Probierecke mit gewölbter Decke, Bauernstühlen und weiß gescheuerten Tischen trifft man zuweilen. Die Einrichtung des Billardzimmers ergiebt sich von selbst; bequeme Bänke und Stühle für die Zuschauer und Ausruhenden sind angenehm.

[135] 136. Frankreich und England. In Frankreich bevorzugt man allgemein den Stil Louis XVI. Möbel anderer Perioden haben dort gar keinen Wert. In England folgt man weniger einem Stil, man schätzt alle; doch sind die modernen englischen Möbel schon lange so bequem und geschmackvoll, daß man weniger nach ausländischen Mustern und Antiquitäten sieht. Möchte man doch bei uns sich an die alten Muster lehnen und nicht stets nur das Fremde als das einzige Richtige und Schöne acceptieren. In England giebt es auch bedeutend mehr eigne, von nur einer Familie bewohnte Häuser als bei uns. Die Möbel, die also nicht mehrfachen Umzügen und Transporten ausgesetzt sind, können leichter und zierlicher sein. Die Stühle sind bedeutend niedriger und es ist fast ein Sport, die bequemsten, am besten nach den Körperformen gebildeten zu haben. In Frankreich wird die bei uns gebräuchliche Polsterung, die Sprungfeder, durch lose, von beiden Seiten gleichmäßig bezogene Kissen ersetzt, die sich leicht reinigen und unsren selten guten Tapezierarbeiten den Rang ablaufen. – Die Nebengebäude eines Hauses, wie Pferdestall und Kutscherwohnung, wird man dem Stil des Hauptbaues anpassen; ebenso das am Gartengitter liegende Portierhäuschen. Vor allen Dingen dürfen diese Nebengebäude dem Haupthaus nie zu nah liegen und den Eindruck beengen, wie es leider häufig geschieht. Der schönste Bau kann durch seine Umgebung gehoben oder verdorben werden.

[136] 137. Der Garten. Auch überfülle man den Garten nicht mit Felspartien, Grotten, Brücken und Springbrunnen. Blanke Glaskugeln – alleinstehend oder an den Rosenstöcken befestigt – sind zu verbannen, ebenso Gnomen, Tiere und Riesenpilze aus Majolika oder Metall. Ist der Garten sehr groß, so kann man seiner Phantasie eher einen Sprung erlauben, geschmackvoll sind diese künstlichen Verzierungen aber nie. Dagegen braucht man nicht, um einen »englischen Garten« zu haben, auf jeden Blumenflor zu verzichten. Rasenflächen haben die gewünschte Wirkung, vornehm zu sein, doch nur, wenn sie ausgedehnt und tadellos gehalten sind. Aber alle schatten-oder obstspendenden Bäume deshalb wegzuschlagen, ist sehr schade. Nach den kahlen »englischen« Parks wirken ganz altmodische Blumengärten wie eine Erholung.

[137] 138. Ueber das Recht des Eigentümers. Ueber das Recht des Eigentümers nach dem bürgerlichen Gesetzbuch §§ 903–928 erfährt man, daß sich das Recht des Grundeigentümers auf den Raum über der Erdoberfläche erstreckt. Dennoch muß er Einwirkungen dulden, die so hoch oder so tief vorgenommen werden, »daß er an der Ausschließung kein Interesse hat«. Telegraphen-, Telephondrähte und Wasserleitungen, die so angelegt sind, daß sie weder den Verkehr noch einen Anbau behindern, muß er gestatten.

Dagegen braucht der Eigentümer nicht zu dulden, daß ein dem seinen benachbartes Grundstück in der Weise vertieft wird, »daß der Boden seines Grundstücks die erforderliche Stütze verliert«. Wurzeln eines Baumes oder Strauches von einem Nachbargrundstücke darf man nur dann beseitigen, wenn das Grundstück beeinträchtigt wird. Dasselbe gilt von herüberragenden Zweigen, zu deren Beseitigung man ebenfalls vorher dem Nachbarn eine Frist anzugeben hat.

Früchte gehören dem Grundeigentümer auch auf überhängenden Zweigen bis zu dem Moment, wo sie auf das Nachbargrundstück fallen. Früchte aber, die auf einen öffentlichen Weg oder Platz fallen, »gehören dem Eigentümer des Baumes, nicht dem Publikum«.

Die Kosten, die durch die Neuerrichtung eines Grenzzeichens entstehen, sind von beiden Nachbarn zu gleichen Teilen zu tragen. Läßt sich die Grenze nicht feststellen, so hat der Richter zu entscheiden, daß jeder das behält, was er bisher besaß; oder das Grundstück soll in gleiche Teile getrennt werden.

Die Unterhaltung des Grenzzeichens (Graben, Hecken, Planke u.s.w.) muß von beiden Nachbarn getragen werden, wenn das Grenzzeichen nachweisbar keinem gehört oder beide gleichen Vorteil von der Einrichtung haben. Steht auf der Grenze ein Baum, so gehören Früchte und Holz beiden Teilen; ebenso tragen beide die Kosten der Beseitigung, so lange nicht der eine der Nachbarn auf sein Recht an den Baum verzichtet. Kann der Baum jedoch nicht als Grenzzeichen entbehrt oder durch ein anderes ersetzt werden – z.B. bei Weideland in Ueberschwemmungsgebieten, so kann keiner der Nachbarn die Entfernung des Baumes verlangen.

[138] 139. Der Kauf eines Grundstücks. Der Kauf eines Grundstücks wird erst rechtsgültig und die Auflassung und Eintragung ins Grundbuch erst möglich, wenn der Kauf gerichtlich oder notariell beurkundet ist. Mündliche Handelseinigung rechnet nicht. Die Einigung (Auflassung) kann nicht an eine Bedingung oder Zeitbestimmung geknüpft werden, auch müssen beide Teile zur Vollziehung der Eintragung ins Grundbuch anwesend sein.

Im übrigen verweisen wir auf das »Sachenrecht« von H.O. Lehmann und auf »Was jeder vom Bürgerlichen Gesetzbuch wissen muß« von A. Stegemann, dem im allgemeinen die obigen fachlichen Bestimmungen entnommen sind.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 123-139.
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