Der Redner.

[665] 666. Eine Musterrede. »Hochverehrte Anwesende, verehrte Herren und Damen! Ich wollte sagen, ich meinte natürlich, verehrte Damen und hochverehrte Herren. Unvorbereitet wie ich bin und wie ich mich habe, habe ich mich erhoben, um zu reden. Verehrte Anwesende, hochverehrte Damen und Herren, ich meine natürlich ich wollte sagen, unvorbereitet wie ich bin und wie ich mich nicht habe, habe ich mich erhoben, um Ihnen zu sagen, daß ich das Bedürfnis habe, Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen etwas sagen muß. Verehrte Anwesende, heute feiern wir einen Tag, der würdig ist, durch eine Rede gefeiert zu werden, und wo schon so viele redeten, da muß auch ich Ihnen sagen, was ich auf dem Herzen habe. Verehrte Anwesende, hochverehrte, werte und liebe Festgenossen, Freunde, Kameraden, ich habe mich erhoben (Stimme aus dem Hintergrund: ›Setzen Sie sich doch nur wieder hin!‹), um Ihnen zu sagen, was ich sagen will, nein, was ich sagen muß, denn bald ist der heutige Tag vorüber, und wenn ich es jetzt nicht sage, was ich sagen will, dann ist es zu spät. (Stimme aus dem Hintergrund: ›Das wäre ein großes Glück!‹) Verehrte Festgenossen, wenige Stunden nur trennen uns noch von dem Anbruch eines neuen Tages und dann ist der Tag gewesen, der jetzt ist, den wir alle herbeisehnten, auf den wir uns alle freuten und auf den auch ich mich freute. Ja, meine Damen und Herren, auch ich habe mich gefreut, denn endlich bietet sich mir heute die langersehnte Gelegenheit, das zu sagen, was ich sagen muß und was ich schon vor Jahren sagen wollte, aber damals nicht sagte, weil ich mir doch vornahm, es lieber erst heute zu sagen. (Stimme aus dem Hintergrund: ›Nun fangen Sie aber bitte endlich mal an!‹). Verehrte Leidtragende, ich wollte sagen, liebe Festgenossen und Teilhaber dieses freudigen Familienereignisses, verehrte Damen! Unvorbereitet wie ich mich nicht habe und aufgefordert zum Reden, wie ich es nicht bin, sondern nur beseelt von dem Wunsche, meinem Herzen Luft zu machen. Ja, meine Damen und Herren, Luft muß ich haben, viel Luft, denn ohne Luft geht es nicht, das muß ich am besten wissen, denn ich fabriziere Luftreifen. Und diese Luft, meine Luft, mache ich mir, indem ich Ihnen sage, was mir auf dem Herzen liegt. (Stimme aus dem Hintergrund: ›Schluß, Clavigo, Schluß!‹) Allerwerteste, (Stimme aus dem Hintergrund: ›Diese Anrede ist im Reichstag verboten!‹) Liebe Festgenossen, was ich sagen wollte, um darauf zurückzukommen, was ich meinte, als ich mich erhob, um Ihnen zu sagen, was ich sagen wollte, das, verehrte Anwesende, ist in wenigen Worten das folgende. Gestatten Sie mir, Ihre Zeit und Ihr Gehör noch für einen Augenblick in Anspruch zu nehmen. Verehrte Anwesende, ich will mich kurz fassen. Als ich mich erhob, geleitet von der Luft, ich meine von dem Wunsch, mir Luftreifen, ich meine natürlich, meinem Herzen Luft zu machen, als ich vor ein paar Jahren aufstand und eigentlich das sagte, was ich heute sagen wollte, aber es doch unterließ, weil ich es heute sage, da ich ja nicht wissen konnte, ob ich den heutigen Tag erleben würde, damals in der Stunde, ich wollte sagen, vorhin als ich mich erhob, da, verehrte Festgenossen, wurde es mir klar, daß wir in erster Linie das heutige Fest dem verdanken, der uns zu diesem schönen Fest eingeladen hat. Und darum, Verehrte und Hochverehrte, fordere ich Sie auf, sitzen zu bleiben, Ihre Gläser zu erheben und bewegten Herzens mit mir einzustimmen in den Ruf, den schon unsere Vorfahren riefen und den unsere Nachkommen rufen werden, und den wir jetzt auch rufen wollen, und von dem ich weiß, daß sie mir beistimmen werden, wenn ich sage, was ich sagen wollte, als ich mich erhob, um Ihnen zu sagen, was ich sagen muß, um meinem Herzen jene Luft zu machen, ohne die der Mensch nicht leben kann, und was ich schon vor Jahren gesagt hätte, wenn ich nicht gewußt hätte, daß ich den heutigen Tag erleben würde, denn das habe ich gewußt, meine Herrschaften, ich bin lebensversichert und unfallversichert, und solchen Leuten passiert nie etwas, die werden alt und leben bis an ihr Lebensende. Das wollte ich Ihnen sagen, nein, das natürlich nicht, sondern ich meinte, ich glaubte, ich wollte, ich könnte, ich dürfte, ich müßte, ich dächte, ich vermutete – ja, meine Herrschaften ich vermutete mit vollem Recht, daß Sie mir so aufmerksam zuhören würden, wie Sie es thun, und das giebt mir den Mut, Sie noch einen Augenblick um freundliches Gehör zu bitten . . . . . . .«

[666] 667. Hilflose Redner. Wer ist nicht nur einmal, sondern nicht schon wiederholt Zeuge einer solchen Rede gewesen, die für alle Teile gleich peinlich und verlegen ist? Der arme Redner merkt nach den ersten zehn Worten, daß er von dem, was er sagen wollte und was er sich zu Hause sorgfältig ausarbeitete, auch nicht die denkbar leiseste Ahnung mehr hat. Er weiß überhaupt nicht mehr, warum er sich von seinem Platze erhob, hilflos und hilfesuchend sieht er sich um, der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn, er hat das Bewußtsein: du blamierst dich bis zur Bewußtlosigkeit. Aber er will sich nicht blamieren, wenigstens nicht so ohne weiteres. Er will retten, was zu retten ist, und mit einemmal begreift er gar nicht, warum er sich überhaupt geniert und warum er nichts zu sagen weiß. Wer sind denn die Menschen, die dort gleich ihm an der Tafel sitzen, und woher nehmen sie den Mut, ihn etwas geringschätzig lächelnd anzusehen? Wie kommen die jungen Menschen und die jungen Damen, die noch nicht einmal ganz trocken hinter den Ohren sind, dazu, sich über ihn lustig zu machen und sich über ihn zu mokieren? Er will ihnen zeigen, was eine Harke ist und daß es für ihn eine große Kleinigkeit bedeutet, solchen einfachen Toast auszubringen. Das wäre ja noch schöner, wenn er mit den paar Worten nicht fertig würde. Ist ja lächerlich, denkt er, daß ich vorhin auch nur für eine achtel Sekunde aus dem Konzept kommen konnte, nun aber sollen sie mich kennen lernen, jetzt werde ich reden, daß ihre Augen voller Bewunderung an meinen Lippen hängen werden.

[667] 668. Peinliche Manöver. Er fängt von neuem an, aber schon nach der ersten Minute sitzt er wieder fest, er wiederholt sich, widerspricht sich, er schwankt vor Verlegenheit hin und her wie das berühmte Rohr im Schilfe, bald hat er sein Sektglas in der Hand, bald stellt er es auf den Tisch, seine Hände vergräbt er hinten in den Fracktaschen, dann wieder stützt er sie so schwer auf die Tischplatte, als wolle er die ganze Tafel umwerfen, er tritt von einem Fuß auf den anderen, dies alles soll ihn helfen, den verlorenen Gedanken wiederzufinden, aber alles Mühen ist umsonst, er schwitzt vor Angst weiter, bis ein guter Freund sich seiner endlich erbarmt und ihm endlich an seinen Frackschößen auf seinen Stuhl zurückzieht und damit der noch ungehaltenen Rede ein jähes Ende bereitet.

[668] 669. Gefühle des Angetoasteten. Alle atmen erleichtert auf, in erster Linie diejenigen, denen der Toast galt. Es ist immer schon ein eigentümliches Gefühl, still dabei zu sitzen und die Lobreden anzuhören, die ein anderer uns zu Ehren vom Stapel läßt. Man wird etwas verlegen; wenn man auch weiß, daß die Worte des Redners die Wahrheit enthalten, so geniert man sich doch, sich öffentlich beloben oder beglückwünschen zu lassen. Man weiß nicht, wie man sich während der langen Ausführung benehmen, wohin man blicken, wo man mit seinen einzelnen Gliedmaßen bleiben soll. Man will ein möglichst wenig verlegenes Gesicht machen, man will thun, als ginge uns die ganze Sache nicht das geringste an, man versucht sich zuerst den Anschein zu geben, als wüßte man gar nicht, worauf der Redner mit seinen Worten abzielt, aber alles, was man thut, um den Schein der Harmlosigkeit und Unbefangenheit zu erwecken, dient nur dazu, das gerade Gegenteil zu erreichen.

[669] 670. Oratorische Stümper. Und nun erst, wenn der Redner ein Stümper mit Eichenlaub und Schwertern ist, wenn er mit dem, was er sagen will, nicht von der Stelle kommt und nach zwanzig Sätzen noch genau ebensoweit ist, wie am Anfang. Da möchte man am liebsten aufstehen und hinausgehen, man weiß sich vor Verlegenheit nicht zu lassen, man rutscht auf seinem Stuhl ungeduldig hin und her, man fühlt die Blicke der anderen, bald sieht man zu Boden, bald gen Himmel, bald auf seinen Teller, bald auf sein Kleid, bald ist man rot, bald ist man blaß und man hat nur den einen Gedanken: »O wär' es vorüber, o wär' es vorbei, ich glaube, er bricht mir das Herz noch entzwei!«

[670] 671. Die armen Gäste! Ebenso denken die Gäste. Der Redner erhob sich gerade in dem Augenblick, als der Hummer serviert war, und gerade den lieben die meisten. Viel lieber würden sie essen, als diesen Worten lauschen. Aber das darf nicht sein, sie müssen warten, bis er geendet hat, und ihren Appetit können sie nur dadurch stillen, daß sie mit den Hummerscheren kokettieren und mit Messer und Gabel spielen. Sie geben sich die größte Mühe, dem Redner durch Gesten und Bewegungen zu zeigen, daß seine Ausführungen sie nicht im mindesten interessieren, daß er ein gutes Werk thäte, wenn er sich hinsetzte, und sie versuchen, ihm klar zu machen, daß Schweigen Gold, Reden zuweilen aber nicht nur Silber, sondern häufig auch Blech ist. Im Hintergrunde stehen die Lohndiener bereit, den Hummer zum zweitenmal zu servieren, und aus dem Anrichteraum dringen gar liebliche Gerüche und Düfte in den Eßsaal. Ein Herr mit besonders feiner Nase sagt, während seine Nasenflügel vor freudiger Erregung leise zittern: »Es scheint auch noch gefüllte Wachteln geben zu sollen, es wäre eine Sünde, wenn diese infolge der langen Rede verdürben.« – Seine Dame stimmt ihm bei, aber den Redner läßt alles kalt, er redet weiter und weiter.

[671] 672. Auch die Lohndiener werden ungeduldig, sie können die schweren Schüsseln, mit denen sie mitten im Saale stehen, nicht mehr halten und sie sagen sich, wenn das so noch eine halbe Stunde weiter geht, dann liegt die ganze Herrlichkeit auf der Erde. Für ihr Leben gern würden sie die Schüsseln irgendwo absetzen, aber das darf nicht sein, sie haben strenge Anweisungen, keinen Redner zu stören und so stehen sie unbeweglich wie Marmorstatuen und rühren und regen sich nicht.

Und in der Küche ringt der Koch die Hände und wünscht den Redner, der kein Ende finden kann, und der schuld daran sein wird, daß die Wachteln verderben, nach dem Mond und nach den Fixsternen, aber es nützt nichts, der Redner redet bis an der Rede Ende.

[672] 673. Die Redesucht. Bei keiner anderen Nation wird so viel geredet, wie bei uns. Der Deutsche ist nie glücklicher, als wenn er bei einem Mahle eine Rede loslassen kann, und hat er sich nun gar auf diese zu Hause präpariert, so hält er es für seine Pflicht, sie auch zu halten. Da erlebt man denn zuweilen gar seltsame Dinge und es ist nicht selten, daß mehrere Redner über dasselbe Thema sprechen. Herr A. hat sich vorgenommen, der Kinder des Hauses zu gedenken, er hat sich die Rede ausgearbeitet, auswendig gelernt, sie sich dreimal überhören lassen und ist sicher, daß er sie kann. Trotzdem trägt er vorsichtshalber das Manuskript in seiner Fracktasche. Er hat sich vorgenommen, auf die zarten Kindlein zu sprechen, während das zarte Geflügel serviert wird: er findet diesen Zusammenhang sehr poetisch, er weiß, daß es Hamburger Küken giebt und kann dann die gebratenen Küchlein mit den lebenden vergleichen. Aber ein anderer kommt ihm zuvor und Herr A. muß sich eingestehen, daß seine Rede nun gar keinen Zweck mehr hat. Das ärgert ihn und raubt ihm jede Freude. Hätte er das gewußt, so wäre er gar nicht auf das Fest gekommen. Eine halbe Stunde überlegt er nun, soll ich doch noch reden oder nicht. Er weiß ganz genau, daß seine Entscheidung mit einem Ja enden wird, aber trotzdem überlegt er und endlich steht er auf, schlägt an sein Glas und die armen Zuhörer müssen zum zweitenmal eine Rede über die Kindlein mehr oder weniger geduldig anhören. Das Wort »in der Kürze liegt die Würze« wird bei den Reden nicht immer beobachtet und namentlich bei Jubiläen werden Reden von zwanzig Minuten und mehr losgelassen.

Und endlos wie die Dauer der Reden ist häufig auch ihre Zahl. Auf einer Hochzeit geht es unter zehn Reden nie ab und bei einem Jubiläum schwankt ihre Zahl manchmal zwischen fünfundzwanzig und dreißig. Und hinterher schilt der Deutsche dann darüber, daß er so lange hat bei Tisch sitzen müssen.

[673] 674. Wer soll reden? Reden soll auf einer Gesellschaft nur derjenige, der den Gästen irgend etwas zu sagen hat. Nur zu reden, um zu reden, um sich selbst zu hören, die anderen zu langweilen, bereits tausendmal gesagte Dinge zu wiederholen, ist nicht gehörig.

Und reden soll auch nur der, der hierfür das Talent besitzt, der die Gabe hat, das, was er sagen will, in kurzer, prägnanter und klarer Weise auszubringen.

Wer nicht reden kann, sollte dies niemals thun und sich hierzu auch nie von anderen verleiten lassen.

[674] 675. Reden aus Wichtigthuerei. Bei einem kleinen Fest hat der Wirt auf seine Gäste gesprochen und diese haben die Empfindung, als müsse einer von ihnen antworten, um sich für die »genossenen Worte« zu bedanken. Sie sehen sich gegenseitig an, sie stoßen sich mit dem Ellenbogen, sie treten sich auf die Füße, und einer flüstert dem andern zu: »Du mußt antworten«. Endlich zeigen die meisten Hände auf ein und dieselbe Persönlichkeit, auf Herrn M. Aber dieser setzt sich zur Wehr und mit dem Brustton tiefinnerster Ueberzeugung sagt er: »Ich kann nicht reden.« »Ach was,« entgegnen die anderen, »laß dich doch nicht auslachen.« »Ich kenne mich selbst am besten,« verteidigt sich der gute M., »ich weiß es, ich bleibe jedesmal stecken.« »Ist ja lächerlich,« rufen die anderen, »wenn du nicht einmal sprechen kannst, wer soll es denn von uns können!«

Diese Worte schmeicheln seiner Eitelkeit. Die anderen haben recht, er ist ja doch der geistig Bedeutendste unter ihnen und damit, daß man einmal stecken blieb, ist noch nicht gesagt, daß man dies jedesmal thut. Die Lust zum Sprechen, Lorbeeren zu ernten und den anderen zu zeigen, was er kann, ist in ihm erwacht und man merkt ihm an, daß er im Prinzip der Sache nicht mehr sehr abgeneigt ist. Nun man los, rufen die anderen, aber noch wehrt M. sich, so flink geht es nicht, man muß sich doch erst überlegen, was man sagen will, und plötzlich verwandelt Herr M. sich in einen Maikäfer, er denkt nach, er versinkt in tiefes Brüten. Er legt sich in seinem Stuhl hintenüber und spielt nervös mit kleinen Brotkugeln, die er sich gedreht hat. Für die Speisen, die serviert werden, dankt er, nur hin und wieder leert er sein Glas, um sich Mut zu trinken. Er fährt sich mit der Rechten über die hohe Denkerstirne und durch das Haar, und was er sinnt, spiegelt sich in seinen Zügen wieder: bald sind sie tiefernst, als hätte er die Absicht, Hamlets Monolog über Sein oder Nichtsein zu citieren, bald umspielt ein leises Lächeln seine Lippen und befriedigt nickt er von Zeit zu Zeit mit dem Kopf. Die Erwartung aller steigt auf das Höchste und endlich schlägt M. an sein Glas. Aber in der Erregung, die ihn mit einemmal ergriffen, hat er zu stark geschlagen, das Glas fällt um, der Sekt ergießt sich über das Tischtuch und mit seiner Fassung ist es vorbei. Was er sagen wollte, ist vergessen, aber trotzdem redet er darauf los und es kommt, wie er es selbst prophezeite, nach wenigen Sätzen sitzt er fest, er kann weder vorwärts noch rückwärts, und gebrochenen Auges und geknickten Herzens sagt er endlich: »Ich hab's euch ja gesagt, Kinder, ich kann nicht reden« und schwerfällig sinkt er in seinen Stuhl zurück mit dem Bewußtsein, sich gewaltig blamiert zu haben, und immer und immer wieder fragt er sich: Wie konnte ich aber nur so dumm sein, mich zum Reden verleiten zu lassen?

Ja, wie konnte er nur, und wie können es die anderen nur, die da ganz genau wissen, daß sie nicht sprechen können?

[675] 676. Lord Chesterfield über das Reden. Eine gute Tischrede kann sehr häufig die Stimmung des ganzen Festes beleben und heben, aber eine schlechte vermag sie ebenso leicht zu zerstören und meistens hört man mehr schlechte, als gute Reden. In den Briefen an seinen Sohn sagt Lord Chesterfield: »Durch keine Gabe kann man sich beliebter und bedeutender machen, als durch Beredsamkeit. Zum Dichter, sagt das Sprichwort, muß man geboren sein; zum Redner aber kann man sich selbst bilden. Aufmerksamkeit, Lektüre und Uebung machen den Redner, und durch Mühe und Fleiß vermag sich jeder zu einem ziemlich guten Redner zu bilden. Die Beredsamkeit beruht auf Beobachtung und Sorgfalt; jeder kann gute Ausdrücke statt schlechter wählen, schicklich anstatt unschicklich reden, deutlich anstatt dunkel sein. Statt einer ungelenken Haltung kann er Grazie in seinen Bewegungen und Gebärden haben, kurz er kann anstatt eines unangenehmen Redners ein recht angenehmer werden, wenn er nur Mühe und Sorgfalt nicht scheut. Und fürwahr, es ist wohl der Mühe wert, großen Fleiß anzuwenden, um anderen darin überlegen zu sein, worin der Mensch das Tier übertrifft.

Der ist der beste Redner, der am gründlichsten das Thema behandelt, über das er spricht; seine Rede glänzt durch glücklich gewählte Worte, lebhafte Einbildungskraft, durch gute Aussprache, angenehme Gebärden, der zugleich die Aufmerksamkeit der Zuhörer erregt und ihre Leidenschaften beherrscht.

Die Vortragsweise ist ebenso wichtig, als der Inhalt, weil mehr Leute Ohren haben, die man kitzeln, als einen Verstand, der urteilen kann. Die Ausarbeitung mag noch so gut sein, sie hilft nichts, wenn man sie in der Geburt erstickt und radebricht. Willst du überreden, so mußt du erst gefallen, so mußt du deine Aussprache harmonisch stimmen, jede Silbe vernehmlich machen, die Hauptpunkte und den Schluß der Perioden stark und entsprechend betonen. Alles muß gefällig und einnehmend sein. Redest du nicht auf diese Art, so rede lieber gar nicht.

Es ist nicht genug, die Sprache, in der man öffentlich spricht, rein und nach den Regeln der Grammatik zu reden, man muß auch schön sprechen können, d.h. die besten, bezeichnendsten Wörter wählen und sie in die beste Ordnung setzen. Auch muß ein Vortrag mit passenden Gleichnissen, verblümten Wendungen und anderen Redefiguren geschmückt und von lebhaften, witzigen Einfällen beseelt sein.

Die Schönheit des Stils, die Abrundung der Perioden, macht auf die Zuhörer den größten Eindruck. Gewähre ihnen in einer Rede nur zwei abgerundete, wohlklingende Perioden, die sie behalten und wiederholen können, so werden sie ebenso zufrieden nach Hause gehen können, als die Leute aus einer Oper, welche den ganzen Weg eine oder zwei beliebte Arien vor sich hin trällern, die ihre Ohren bestochen haben und leicht zu behalten waren. Wie gesagt: die meisten Menschen haben Ohren, wenige Urteilskraft.«

[676] 677. Redende Damen. Was der Lord mit obigen Worten sagt, gilt nicht nur für die Herren, sondern auch für die Frauen, sintemalen es in neuerer Zeit bei uns Mode wird, daß auch die Damen öffentlich reden. Ich meine hier nicht nur die Frauenversammlungen, bei denen für die Abschaffung der Ehe, für die Gleichstellung der Frau und für andere soziale Fragen plädiert wird, sondern auch gewöhnliche Gesellschaften und Feste. Soviel ich weiß, war es bisher nur in Ungarn Brauch und Sitte, daß auch die Damen toasteten und Ansprachen hielten. Jetzt kann man es bei uns alle Tage in der Zeitung lesen, daß bei der Fahnenweihe eines Vereins Fräulein X die Festrede hielt, und auch bei Geschäftsjubiläen kommt es nicht selten vor, daß die Geschäftsinhaberin, wenn sie Witwe ist, in längeren Worten der Bedeutung des Tages gedenkt.

Vorläufig sind dies ja noch Ausnahmen, aber wer kann wissen, wie weit es noch kommt, wenn die Frauenbewegung immer weiter um sich greift und endlich die Abschaffung der Männer durchgesetzt hat? Das Wort mulier taceat in ecclesia (die Frau hat in der öffentlichen Versammlung den Mund zu halten) ist veraltet und heutzutage haben nicht nur in den Versammlungen, sondern auch im Hause die Frauen das meiste zu sagen.

Daß die Frauen nicht zum mindesten ebensogut sprechen, wie die Männer, wage ich, galant wie ich gegen das schöne Geschlecht bin, nicht zu bestreiten, aber trotzdem meine ich, daß Tischreden sich für Damen nicht ziemen und gehören. Die Herren werden mir beistimmen, die Damen natürlich nicht. Ich tröste mich mit dem Worte: mit dem, was man sagt, allen zu gefallen, ist unmöglich.

[677] 678. Ludwig Bamberger über das Reden. Aus ein anderes Blatt Papier, wenn ich mich so ausdrücken darf, gehört das Reden in öffentlichen Versammlungen, im Reichstag und im Parlament, und wer das nachfolgende aufmerksam liest, wird auch da manch goldenes Wort finden, das er mit Vorteil bei seinen Tischreden beherzigen kann. Ich gebe im nachstehenden wörtlich wieder, was der verstorbene Ludwig Bamberger in seinen »Erinnerungen« (herausgegeben von Paul Nathan, Verlag von Georg Reimer, Berlin) sagt. Man sieht daraus, wie unsere berühmtesten und größten Staatsmänner sprachen, wie sie sich dabei benahmen und wie sie es verstanden, die beabsichtigte Wirkung zu erzielen.

Ludwig Bamberger sagt: »Ueber die Kaltblütigkeit beim öffentlichen Auftreten ließe sich viel sagen. Ich will hier nur soviel einschalten, daß meines Erachtens, d.h. meiner Beobachtung an mir und an anderen zufolge, wohl schwerlich ein Mensch sich rühmen kann, von jeder Nervenerregung freizubleiben, nicht sowohl während er öffentlich spricht, als unmittelbar vorher, und ich glaube sogar, daß, je mehr und je Inhaltreicheres einer zu sagen hat, desto mehr ist er jener Erregung ausgesetzt. Gewohnheitsredner, welche so oft als möglich das Wort ergreifen, bewegen sich meistens in Gemeinplätzen, und es fließt ihnen dies natürlich leicht und ruhig von der Zunge herunter. Wo aber das Reden mit intensiver Gedankenarbeit verbunden ist, wo das Gehirn in erhöhte Thätigkeit versetzt wird, und zwar wo, wie in den meisten Fällen, auch eine Empfindung mitspricht, also auch das Herz in rascheren Gang kommt, wird beinahe immer ein körperlicher Zustand eintreten, der sich, und zwar in nicht wohlthätiger Weise, vom normalen unterscheidet. Wenn man nach der Art, wie es neuerdings bei gewissen Zeitungsredaktionen Mode geworden ist, einen Fragebogen an die bekannten Redner der verschiedenen Länder herumgehen ließe, um von ihnen auf Grund ihrer an sich gemachten Erfahrungen Geständnisse zu erzielen, würden wohl die Ehrlichen alle dies zugeben. Es giebt ja verschiedene Grade und Haltungen auf diesem verschiedenartigen Gebiet.

Ein anderes ist, ob man mit einer vorbereiteten Rede auf dem Platz erscheint oder erst durch die Gelegenheit herausgefordert, während andere sprechen, seine Gedanken zurechtlegt. Im einen wie im anderen Falle bleibt man nicht frei von dem, was der Schauspieler das Lampenfieber nennt. Hat man Zeit gehabt, sich vorzubereiten, so arbeitet unwillkürlich bis zur Aussprache das Gehirn daran, das einmal Erfaßte festzuhalten, und zu diesem Festhalten gesellt sich unvermeidlich das Anschließen neuer angezweigter Gedanken. Es ist ein den Parlamentariern bekannter widerwärtiger Zustand, lange mit einer fertigen Rede im Leibe herumzugehen. Ist man zum Beispiel von Anfang an bestimmt, bei einer Debatte mitzuwirken, und bringt einen der Gang der Verhandlung dazu, daß man erst am dritten oder vierten Tag, oder auch nur in der fünften oder sechsten Stunde zum Wort kommt, so gerät man in eine aus Gespanntheit und Zerreibung gemischte Geistesverfassung, die auch das körperliche Gesamtgefühl unangenehm ergreist.

Die glücklichsten, beneidetsten Redner sind die, welche bei Verhandlungen möglichst früh daran kommen. Sie sind nicht immer die wirksamsten. Selbst wenn einer zum Beginn einer Debatte eine recht gute Rede gehalten hat, ist der Eindruck in der späteren Entwicklung oft verwischt und durch die Widerlegungen, die ihm der Reihe nach zu teil werden, abgeschwächt. Aber immerhin, er ist die Last, die ihm auf Kopf und, ich möchte sagen, auf dem Magen lag, losgeworden und fühlt sich erleichtert. Zum Schlimmsten gehört, wenn man mit einer großen Rede im Bauche nicht nur lange hinausgeschoben worden, sondern wenn während der darüber hingehenden Verhandlungen eine Menge von neu auftauchenden Gesichtspunkten in den vorgefaßten Redeplan mit hinein verwoben werden müssen. Diese Notwendigkeit, in den eigenen Denkzettel immer wieder andere Fäden noch mit einschlagen zu müssen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben des Debatters. Mittelmäßige Redner machen sich die Sache leicht, indem sie solche unbequeme Zugaben einfach ignorieren und ihr eigenes Gespinnst unbekümmert um alles andere abwickeln. Es ist ein ungeheurer Vorteil, den die Geschäftsordnung des deutschen Parlaments den Regierungsvertretern gegeben hat, daß sie jederzeit das Wort nehmen können. Dadurchsind sie von der Notwendigkeit befreit, ganze Reihen von Gegenbemerkungen sich aufhaufen zu lassen; sie können jeden Redner sofort in Angriff nehmen und ihr Gehirn entlasten. In der Kunst, eine Menge von Punkten zusammenkommen zu lassen und dann in einem Fluß abzufertigen, war Windthorst, der sich wegen seiner schlechten Augen keinerlei schriftliche Notiz machen konnte, der größte Meister. Er konnte, erst gegen Ende einer Debatte das Wort nehmend, alle darin vorgebrachten Hauptargumente der Reihe nach abwickeln, ohne sich auch nur der kleinsten Nachhilfe zu bedienen. Das habe ich nicht einmal an Bismarck, an Bennigsen oder an Eugen Richter konstatieren können, obgleich es diesen drei an allen nötigen Eigenschaften nicht gebrach. Wahrscheinlich hatte die durch die mangelhafte Sehkraft dazu nötigende Selbsterziehung des Gedächtnisses hierzu beigetragen. Auch von dem bedeutenden Rechtsgelehrten, Obertribunalrat Planck, der total erblindet ist, erzählten seine Kollegen aus der Kommission für das bürgerliche Gesetz ähnliches. Bei Windthorst kam die Kaltblütigkeit der Niedersachsen, das Alter und die hohe unangefochtene Stellung hinzu. Doch habe ich ihn auch, allerdings in seltenen Fällen, namentlich wenn er Gegenstand eines persönlichen Angriffs gewesen, mit erhöhter Temperatur reden hören, bis zu leibhaftigen Zornesausbrüchen. Seine starke Seite waren die Schlußreden, wenn die Wogen lange hin und her gegangen waren; das Auditorium wußte, die Debatte könne nicht zu Ende kommen, ohne daß er sein Teil dazu gegeben, und wenn er nun, äußerst langsamen, gemessenen Schrittes von seinem Platz, gesenkten Hauptes, nach der oberen Stufe der zur Rednerbühne führenden Treppe hinaufschritt, ebenso langsam da, am Fuße, nicht auf der Rednerbühne selbst, Stellung nahm, die Hand auf irgend einen Stützpunkt lehnte, noch eine Pause machte, und immer vor sich hin zur Erde niederschauend, nicht zum Auditorium gewandt, ließ er jetzt die Spondeen seiner Prosa tropfenweise von den Lippen fallen. Manchmal stimmte der Inhalt der Sätze gar nicht zu der schwerwiegenden Bedeutsamkeit des Vortrags; ja, nicht selten mußte der feierliche Ton die Gemeinplätzlichkeit des Gedankens durchschleppen; aber die Genauigkeit, mit der er rein aus dem Gedächtnis heraus ganze Bündel von Bruchstücken aus andren Reden wieder hervorholte, war immer Gegenstand meines Erstaunens. Wir andern hatten für solches Bedürfnis, wenn auch nur zu unserer Beruhigung, ein Notizblättchen zur Hand. An diese Gedächtnisstärke reihte sich bei Windthorst sehr günstig die Improvisationskraft guter Einfälle bei Unterbrechungen an, die ihm stets willkommen waren. Er hörte ebenso fein, wie er schlecht sah, und die leiseste Zwischenbemerkung ward von ihm aufgegriffen, wenn sie ihm dienen konnte. Er sagte mir einmal, er gehe nicht auf die Rednerbühne, weil er da zu hoch stehe, um mit dem Gehör unterscheiden zu können, in welchen Schwingungen die Versammlung sich beim Gange seiner Rede bewege. Von allen, die ich lange Jahre hindurch zu meinem Privatstudium über dies interessante Kapitel parlamentarischer Psychologie beobachten konnte, war er derjenige, dem man es am wenigsten am Ausdruck des Gesichts ansehen konnte, wenn er eine Rede halten wollte. An Bismarcks Mienenspiel z.B. konnte man das lange vorherdeutlich erkennen und ich wüßte auch sonst keinen zweiten zu nennen, der es ganz zu verbergen im stande gewesen wäre.

Dies Vorstadium nämlich, nicht das Reden selbst, ist der kritische Zeitabschnitt. Hat man erst einmal angefangen zu sprechen, so ist das Unangenehme überwunden. So wie man einmal anfängt, den Zapfen auszustoßen und die Gedanken hinausfließen zu lassen, kommt ein Gefühl der Erleichterung über einen, vorausgesetzt, daß man nicht auf Unachtsamkeit stößt, die viel tödlicher wirkt als Widerspruch.

Nachdem ich die beiden ersten Male, wie geschildert, von heftiger Erregung durch und durch gerüttelt worden war, habe ich gleiches später nicht mehr erlitten, – immer unter dem Vorbehalt, daß ohne ein gewisses Maß von beschleunigter Blutbewegung es bei irgendwie ernsten rednerischen Anläufen nicht abgeht, besonders auf parlamentarischem Boden. Mit diesem ist kein anderes Feld zu vergleichen. Ich habe vor Gericht in eigener Sache plädiert, in feindselig gestimmten, tumultuarischen Volksversammlungen gestritten, lehrhafte Vorträge gehalten – aber nicht zu vergleichen mit den Klippen und Untiefen des parlamentarischen Meeres. Wenn man so bei der bloßen Umschau gewahr wird, wie etliche hundert feindliche oder mißtrauische Zuhörer auf den kleinsten Mißgriff lauern, um sich draufzustürzen, wie jeder unliebsame Zwischenfall sofort unrettbar der breitesten Oeffentlichkeit überliefert, weiter läuft, wenn man an der eigenen Erfahrung, an sich und an anderen gelernt hat, wie schwer es ist, gerade stärkere Effekte zu erzielen, ohne in eine ungeahnte Falle zu treten, dann fühlt man ein Gebot, sich während des Sprechens zu einer Aufmerksamkeit auf Vermeidung solcher Fehler zu konzentrieren, welche mit dem Drang des lebhaft pochenden Mitteilungsbedürfnisses sich in gleichem Tempo zu bewegen hat. Das ist für den Redner, welchem das Gelingen nicht gleichgültig ist, und der die Tücken des Geschäftes kennt, die schwierige Kombination zweier ganz entgegengesetzter Bewegungen. Redner extremer Parteien haben darin einen Vorteil. Das Heftige hat an sich schon eine Plastik, die für starke Wirkung sorgt, und die Gewißheit, Anstoß und Widerspruch zu erregen, giebt im voraus einen Panzer gegen alle Anfechtungen.

Man erzählt, daß die alten Soldaten die Gefahren des Krieges mit der Zeit immer mehr scheuen, weil sie sie immer mehr kennen lernen. Etwas ähnliches mag alten Parlamentariern begegnen. Wenigstens entspricht das meiner Selbstbeobachtung. Ich kann sagen, daß ich zu keiner Zeit, weder im Anfang noch später ein schüchterner oder verlegener Redner gewesen bin, ich bin auch nie aus dem Konzept gekommen, aber in den Anfängen meiner oratorischen Praxis, während des ganzen Jahres 1848 und in dem ersten Abschnitte der mit 1868 beginnenden Periode bin ich doch viel dreister und unbefangener mit dem öffentlichen Wort drauf los gegangen als später. Bei der Eroberung fremder Sprachen kann man etwas Analoges an sich erleben. So lange man in die Feinheiten nicht eingedrungen ist, geht es flott vorwärts. Ist man aber einmal tief eingedrungen, so kennt man die Menge der Fehler, die zu vermeiden sind, und stürmt weniger voran. So auch lernen ungebildete Menschen, wenn sie sich im fremden Lande aufhalten, dessen Sprache schneller und sicherer parlieren als Gebildete. In allen schwierigen Aufgaben besteht die richtige Lösung des Problems darin, das erforderliche Maß von Selbstvertrauen mit dem erforderlichen Maß von Selbstkontrolle und Selbstkritik zu paaren.

Jeder Mensch hat seine eigene Art, sich zu waschen; so auch jeder eine andere, seine Reden vorzubereiten. Mir ist es nie gelungen, eine im voraus schriftlich auszuarbeiten, obwohl ich es einigemal bei wichtigen Anlässen ernstlich versucht hatte, weil ich nichts dem Zufall, der Improvisation überlassen wollte. Es ging eben einfach nicht, nach den ersten Sätzen versagte mir die Geduld, an der es mir sonst nicht fehlte. Ich habe mich daher ausnahmslos begnügt, wenn überhaupt die Umstände Vorbereitung geboten, einen Gedankengang in ganz knappen Stichworten zu entwerfen, bald sorgfältiger, bald sorgloser, je nach der Wichtigkeit des Anlasses und des Auditoriums.

Meine Methode der Vorbereitung war von Anfang meiner Praxis bis zum Ende die folgende. Ich legte ein Blatt vor mich hin und warf ohne Besinnen alle Gedanken, Daten, Einfälle, die sich auf mein Thema bezogen, aufs Papier in bunter Reihe nieder. Hatte ich eine geraume Zeit damit verbracht und das Gefühl, daß ich allen zur Sache gehörigen Vorrat aus dem Gehirn oder aus den Hilfsquellen herausgezogen, so fing ich an, Ordnung in den Haufen zu bringen. Ich gab mir zunächst von ungefähr Rechenschaft von der Reihenfolge, in welcher die Hauptgesichtspunkte auseinander zu entwickeln seien, und gab jedem Gesichtspunkt eine Nummer. Mit diesem Schema im Kopf numerierte ich dann die betreffenden Stellen, und danach stellte ich alle unter die Rubrik derselben Ziffer gehörenden Notizen zu einander. Damit war das Skelett der Rede in der Hauptsache aufgebaut. Besondere Aufmerksamkeit ward hierauf den Eingangs- und den Schlußworten gewidmet. Beide sind für den Erfolg besonders wichtig; der Schluß noch mehr als der Eingang. Es ist möglich, ganz unbedeutend anzufangen und doch Glück zu haben. Aber ein unbedeutender Schluß ist immer ein Unglück. Eine andere mit dem Schluß verbundene Gefahr besteht darin, daß er zu wiederholtenmalen kommt. Es giebt viele Redner, welche die leidige Gewohnheit haben, nicht mit dem Schluß schließen zu können. Der Hörer glaubt an einer gewissen Stelle, nach Form und Inhalt, auch nach dem Tonfall des Vortrages, am Ende dieses Satzes werde der Redner sich triumphierend niedersetzen. Aber bewahre! Der Redner nimmt nun einen neuen Anlauf, um wieder einen Schluß, der es doch nicht ist, an dessen Ende zu setzen. Ich könnte aus dem deutschen Reichstag ein paar Redner nennen, die mich, so oft sie sprachen, durch diese Gewohnheit, die ihnen selbst am meisten schadete, zur Verzweiflung brachten. Sie waren wie Leute, die nicht fortgehen können und immer wieder anfangen, wenn sie schon an der Thüre stehen und Adieu gesagt haben. Ein Schluß darf auch nicht zu abrupt hereinfallen, sonst kann er bei aller Trefflichkeit seinen Effekt verfehlen. Der Hörer muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß jetzt das Ende kommt, die Konklusion, die Moral oder die Beschwörung. Der Hörer darf nicht, erst nachdem der Redner sich gesetzt hat, entdecken, daß ihm eben der Haupteindruck hätte gemacht werden sollen. Das kommt auch vor und ist höchst fatal. Aber es ist nicht so ermüdend und widerwärtig wie das Aneinanderreihen von einem halben Dutzend Schlußperioden, an deren letzten Ende der Hörer sich sagt, aber erst, nachdem er den Redner hat untertauchen sehen: So, jetzt scheint er fertig zu sein! Auf!

Ein guter Schluß will in weder zu langer noch zu kurzer Vorbereitung herbeigeführt sein. Ton und Inhalt müssen zusammenwirken, um anzukündigen, daß er jetzt herankommt, und dann muß er auch ohne zu lange Spannung und Ermüdung alsbald eintreten. Bei einiger taktvoller Begabung macht sich das meiste davon von selbst. Was ich hier sage, ist mehr das Ergebnis rückschauender Beobachtung als vorbedachter Anwendung. Hier, wie in allen Dingen, heißt es: practica est multiplex. Nur keine Pedanterie! Jeder Fall will die Regel auf seine besondere Art angewendet haben, und die unreflektierte Reflexion des Verständigen und Wissenden behält die letzte Entscheidung in der Hand.

Für Einleitung und Schluß suchte ich mir nach Möglichkeit auch, ganz gegen alle sonstige Gewöhnung, den Wortlaut, wenn auch nicht schriftlich, doch im Kopfe im voraus zu fixieren. Nur zum Teil deshalb, weil der Gang der Rede hier besonderen Anspruch auf Schmuck zu machen hat; mehr noch aus subjektivem Grunde. Es ist wichtig, im Moment, wo man zum Wort gelangt, möglichst ruhig zu sein. Weiß man also schon ganz genau vorher, was und wie man das erste zu sagen hat, so trägt das zur Kaltblütigkeit wesentlich bei. Und hat man einmal kaltblütig angefangen, so ist schon ein großes Stück gewonnen. Etwas ähnliches hat es mit dem Schluß auf sich. Ich spreche hier immer von einer längeren Rede, von einer, die mehr als eine halbe Stunde dauert. Gegen Ende der ersten Stunde wird man warm, innerlich und äußerlich. Die Parlamentssäle und gar die oft niedrigen Tanzsäle der ländlichen Volksversammlungen, mit Menschen angepfropft, erzeugen eine böse Temperatur. Ich bin bei Bergbesteigungen selten in so starke Transpiration gekommen wie bei mehrstündigen Reden. Da nun der Schluß so wichtig ist, so entspricht es der oratorischen Vorsicht, möglichst wenig dabei der spontanen Produktion eines überreizten Gehirns und ermüdeten Körpers zu überlassen. Man muß mit Sicherheit in ihn hinübergleiten können, statt ihn mit der letzten Kraft zu improvisieren, mit Behagen die Hand nach dem festgelegten Vorrat ausstrecken und sein Panier aufpflanzen. Allerhand Zwischenfälle können dieser Vorbereitung Hindernisse in den Weg legen, aber mit ein bißchen Gewandtheit läßt sich das leicht wieder einrenken.

Es wird selbst einem geübten Redner bei einem langen Vortrag äußerst selten gelingen, daß er von dem, was er sich im voraus eingeprägt, nicht das eine oder das andere vergäße. Solche Rester finden sich meistens, wenn man hinterher seinen Denkzettel nachliest. Manchmal überspringt man auch absichtlich einen Gedanken, der in die Reihenfolge eingestellt war. Denn erst der Moment entscheidet über die Oportunität. Es giebt Einfälle, die, voraus gedacht, sehr glücklich erscheinen in dem Moment der Konzeption, und die einen Mißton hervorrufen würden, wenn man sie im entscheidenden Augenblick anbrächte. Ein geübter Redner wird sich immer mit einigen Pointen versehen, um von Zeit zu Zeit Leben in seinen Vortrag zu bringen, aber er darf sich nicht verführen lassen, damit herauszukommen, wenn die Stimmung nicht dazu paßt, z.B. mit einem Witz, wenn sich Ernst über die Gesellschaft gelagert hat, oder umgekehrt. Ein solcher Verzicht ist auch kein großes Opfer. Was man einmal nicht verbraucht, kann ein andermal dienen. Ein guter Witz ist ein gern gesehener Gast. Aber witzige Reden zu halten, wird für den Redner auf die Länge verderblich. Es fetzt ihn, trotzdem man seine Fähigkeit anerkennt und sich daran ergötzt, um einen Grad herunter. Der Mensch, besonders der in Massen und ganz besonders der deutsche Mensch, will ernst genommen sein. In den Jahren nach 1866, wo ich, bei ebenso viel Lust und Frische, wie im Jahre 1848, eine größere Sorgfalt auf meine populären Reden verwandte, als ehemals, hatte ich eine Zeitlang die Neigung, die scherzhaften Pointen, namentlich in Volksversammlungen auf dem Lande, zu häufen. Der gescheiteste unter meinen Anhängern, der in jenen Jahren mit unübertroffener Virtuosität die Bewegung in meinem Wahlkreis leitete, erwies mir damals den Dienst, mich vor dieser Neigung zu warnen. Jedesmal, ehe ich auf die Rednerbühne ging, raunte er mir in die Ohren: ›Nur nicht zu viel Witze!‹ Ich ließ mir's gesagt sein und befand mich wohl dabei. Für populäre politische Reden, namentlich für Wahlreden, gilt meiner Erfahrung nach als Hauptregel, und das möchte ich als Rezept den Lernbegierigen empfehlen: nur nicht zu sehr ins Detail der Dinge eindringen. Wer breite, genaue Sachlichkeit in Volksversammlungen auseinander rollt, wird schwerlich Glück machen. Hier gilt es zu elektrisieren, und man elektrisiert nur mit allgemeinen Gedanken, die auch an das Gefühl appellieren. Ein französischer Republikaner sagte einmal zu mir: ›In meinen Kandidatenreden wüte ich, wenn ich vor Bauern stehe, noch immer gegen den Zehnten, welchen vor hundert Jahren der Adel und die Kirche erhoben, und warne vor deren Wiederkehr. Das wirkt noch immer.‹

Gerade was in Wahlversammlungen zündet, erkältet in den parlamentarischen. Wenigstens in Deutschland, wo das vorherrschende norddeutsche Element kritisch kalt ist. Unvergeßlich ist mir der peinliche Eindruck, den einer der bravsten und begabtesten süddeutschen Demokraten, ein alter Achtundvierziger, bei seiner ersten Rede im Reichstage machte, als er Robert Blums Mahnruf an ›das brechende Auge der sterbenden Freiheit‹ aus dem Grabe der Paulskirche heraufbeschwor. Manchmal allerdings verstieg sich auch ein echter Pommer, Kleist-Retzow, auf die oberen Sprossen der pathetischen Leiter hinauf; aber das natürliche Feuer des jugendlich-ungestümen Greises erzwang sich eine Art physiologischer Bewunderung, nicht zu vergessen, daß er ein Junker war und somit gerade die Koterie der kühlsten Spötter auf seiner Seite und darum zu andächtigen Hörern hatte.

Wer sachlich interessantes, möglichst neues Material einfach vorträgt, ist sicher, das Ohr des Hauses zu haben, besonders wenn man ihm anmerkt, daß er aus dem Leben selbst gesammeltes Wissen schöpft, nicht erst eben entliehenes anbringt. Ich habe es mehrmals mit Genuß erlebt, wie die ganze Versammlung an den Lippen des Sozialdemokraten Schwartz hing, wenn er, ehedem Schiffskoch, aus seinen Erfahrungen auf der hohen See Belehrendes vortrug; überhaupt eine prächtige Figur, mit seinem breiten Schädel, breiten Brustkasten und breiten Fritz Reuterschen Dialekt, die zu dem Eindruck zusammenwirkten, daß er selbst alles glaubte, was er sagte, eine Hauptbedingung, um Andacht zu erzielen. Aber wer solche treffliche Mitteilungen machen will, der hüte sich vor allem, viel abzulesen. Nichts ist tödlicher als das. Nach mehr als ein paar Zeilen fällt das Auditorium ab. Es ist sehr merkwürdig, wie ein an den lebendigen, mehr oder weniger improvisierten Vortrag gewöhntes Auditorium der Zumutung, sich etwas vorlesen zu lassen, widerstrebt. Selbst wenn man überraschende Zahlen vorzutragen hat, solche z.B., die eine vorher von einem Gegner aufgestellte Behauptung in schlagender Weise ad absurdum führen, muß man so sparsam wie möglich mit dem Lesen umgehen, wenn irgend thunlich sich die Ziffern ins Gedächtnis prägen, um sie frei vorzutragen oder das Ganze in Portionen verteilen, die von lebendigen Redeteilen unterbrochen werden. Andererseits jedoch wirkt ein kurzes Citat, wo es sich um Konstatierung eines Wortlauts handelt, gelesen sogar besser als gesprochen. Das Blatt oder das Buch in der Hand des Redners giebt dem Vorgang die Gestalt einer authentischen Beglaubigung. Ein solches Vorlesen einer kurzen prägnanten Rede kann den Gegner kräftiger vernichten als ein noch so genaues freies Vortragen.

Einer der schlechtesten Dienste, die sich ein Redner leisten kann, besteht darin, daß er zur Unterstützung des Gesagten irgend welche sinnlichen Gegenstände, Bilder, Muster, Instrumente und dergleichen auf ›den Tisch des Hauses‹ niederlegt. Das Begaffen und Begucken hat nun einmal einen solchen Reiz für die Menschen, daß er sie sofort heranzieht. Und wären es auch nur einige Röllchen Garn oder Düten Mehl; sowie sie erscheinen, sammeln sich Gruppen um den Tisch, hören nicht zu und schieben sich zwischen den Redner und den Rest seines Publikums. Das Beschauen ist soviel verführerischer als das Verstehen; das ist das Geheimnis der illustrierten Litteratur und ihres geschäftlichen Erfolges. Ich habe immer meinen Freunden geraten: wenn ihr etwas auf den Tisch des Hauses niederzulegen habt, wartet bis ihr mit eurer Rede zu Ende seid. Wenn dann nach euch einer von der andern Seite dran kommt, hat er gegen die Zerstreutheit der Beschauenden anzukämpfen.«

Die oben angeführten Worte des verstorbenen Volksvertreters enthalten so viele und so tiefe Wahrheiten, daß es mehr als vermessen wäre, dieselben erläutern oder ihnen etwas hinzusetzen zu wollen.

[678] 679. Tischreden. Es mögen noch ein paar Bemerkungen über die Tischreden erlaubt sein: wer keinen Humor hat, den man sich bekanntlich nicht kaufen kann, sollte nie den Versuch machen, humoristisch oder gar witzig zu reden, und wer einen Dialekt nicht meisterhaft beherrscht, sollte sich davor hüten, im Dialekt zu reden. Für den Sprechenden ist es geradezu zum Davonlaufen, wenn er nach seiner Meinung einen Witz nach dem anderen reißt und wenn kein einziger von der ganzen Tischgesellschaft auch nur den Mund zu einem Lächeln verzieht. Und noch schrecklicher auch für die Gesellschaft ist ein Ostpreuße, der sächselt, oder ein Bayer, der den Versuch macht, plattdeutsch zu reden. Beide elenden sich und die übrige Gesellschaft, und der Zweck einer Tischrede ist, zu unterhalten und nicht zu langweilen.

Es giebt Menschen, die sich selbst so gern sprechen hören, daß sie keine Gesellschaft vorübergehen lassen, ohne das Wort zu ergreifen. Solche Leute sind mit Recht gefürchtet, denn jede Wiederholung schwächt die Wirkung ab, und da jeder, der viel spricht, und sich infolgedessen in Gemeinplätzen bewegt, sich naturgemäß selbst wiederholen muß, so ist er für seine Mitmenschen meist eine Dual.

[679] 680. Einen Redner auf einer Gesellschaft zu unterbrechen, sich ihm gegenüber Zwischenrufe zu erlauben oder ihn gar zum Schluß seiner Rede aufzufordern, ist gesellschaftlich unstatthaft. Auch im Parlamente stehen die Zwischenrufe in keinem besonders guten Ansehen, und was dort, wo die Leidenschaft vieles entschuldigt, nicht immer am Platze ist, sollte in einer Gesellschaft erst recht nicht vorkommen.

Viele halten es für witzig und geistreich, fortwährend einem Redner etwas zuzurufen und jeden seiner Aussprüche mit einem geistreichen Ausruf zu begleiten, und wenn der Redende stecken bleibt, so halten sie sich für verpflichtet, ihm zu helfen und ihm den verlorenen Faden wiederzugeben.

[680] 681. Stecken bleiben ist eine böse Sache und nur wenige verstehen sich so gut aus der Verlegenheit zu ziehen, wie jener Redner, der, als er aus der schönsten Satzkonstruktion gefallen war und weder aus noch ein wußte, plötzlich die Schillerschen Verse citierte: »O daß doch die Beredsamkeit von all den Tausenden, die dieser großen Stunde gegenwärtig sind, auf meine Lippen jetzt herniederflösse!« Man lachte, der Zwischenfall war erledigt und die Rede nahm dann wieder ihren programmmäßigen Verlauf.

Stecken zu bleiben und sich hinzusetzen, bevor man irgend ein Ende seiner Rede gefunden hat, ist ein Zeichen geistiger Armut, das man sich nicht selbst ausstellen sollte. Bis zu einem Hoch wird es wohl noch langen, und die Hauptsache ist ja, daß Hurra gerufen wird. Allerdings muß man wissen, auf wen man redet, und man darf keine Namen verwechseln. Einem General, der einmal zur Aushebung in einer norddeutschen Handelsstadt für mehrere Tage weilte und täglich drei bis vier Einladungen hatte, passierte es einmal, daß er zum Souper bei dem Senator X. war, aber in dem Glauben lebte, er sei bei dem Konsul Y. Und da geschah denn das Seltsame, nachdem der Hausherr seinen Gast angetoastet hatte, daß dieser sich seinerseits erhob, eine fulminante Rede auf das gastfreie Haus des Konsuls Y. hielt und mit der ganzen Kraft seiner Lungen die übrigen Gäste aufforderte, ein Hoch auf den Konsul und seine Frau auszubringen. So etwas ist peinlich für alle Teile und macht keinen allzu guten Eindruck.

[681] 682. Stimmstärke. Man soll weder mit zu leiser noch mit zu lauter Stimme reden. Man darf weder brüllen, als wäre man ein Oberst und hätte ein Regiment vor sich, andererseits aber soll man auch nicht flüstern, daß niemand an der Tafel ein Wort versteht.

[682] 683. Die Unsitte des Herumziehens nach dem Toast. Fürchterlich sind bei Tisch die Völkerwanderungen, die nach jeder Rede in Scene gesetzt werden. Nicht genug, daß man den Betreffenden, dem das Hoch galt, leben läßt und sich seinetwegen heiser schrie, nein, man muß auch noch unbedingt mit ihm anstoßen, die ganze Gesellschaft erhebt sich, zieht im langen Gänsemarsch zu ihm hin, drängt und schiebt sich zwischen andere hindurch, gießt den Nachbarn und Nebenstehenden den Sekt über das Kleid, und wenn man endlich mit ihm angestoßen hat, muß man auch noch mit seinen Angehörigen anstoßen. Nach einer Viertelstunde hat man seinen Platz wieder eingenommen, aber kaum sitzt man, da erhebt sich schon wieder ein Redner und kaum hat er geendet, beginnt die Völkerwanderung von neuem.

Es ist dies eine Unsitte, bei der die Ruhe zum Essen und Trinken gestört, bei der die Toiletten zerdrückt und abgetreten werden, aber das ist einerlei, denn: »das ist bei uns so Sitte, chacun à son goût,« wie der scharmante Prinz Orlofsky in der »Fledermaus« singt.

[683] 684. Ablesen von Tischreden. Die schönste Tischrede verfehlt ihre Wirkung, wenn sie abgelesen wird, und auch derjenige, der sich zu Hause die Mühe machte, zum Besten seiner Mitmenschen ein Gedicht zu verfassen, dürfte die kleine Mühe nicht scheuen, es auswendig zu lernen. Gelesene Poesie zündet nicht und ihre Wirkung wird dadurch nicht erhöht, daß man sich beständig verliest und die Reime mordet, falsch betont und die Pausen an der unrichtigen Stelle macht.

[684] 685. Fremdwörter. Wer die Fremdwörter nicht beherrscht, vermeide sie in seinen Reden. Als einst Fürst Bismarck an einem seiner Feste eine Ansprache hielt, passierte es einem Diener, der mit einer Schüssel voll Zunge in das Zimmer trat, daß er hinfiel und das Porzellan mitsamt der Zunge fallen ließ. »Sieh da, ein lapsus linguæ« (ein Ausgleiten der Zunge, also ein Versprechen). Dieses bon mot wurde natürlich sehr belacht und ein Bankier dachte sich: das merkst du dir für kommende Zeiten. Kurz darauf gab auch er eine Gesellschaft und auf das genaueste hatte er seinen Diener instruiert, während seiner Rede mit einer vollen Schüssel in das Zimmer zu treten und mit möglichstem Donnergepolter, damit auch alle es hörten, hinzufallen. Die Sache nahm ihren programmmäßigen Verlauf, der Bankier redete, der Diener fiel und, gleichsam einer momentanen Geisteseingebung folgend, rief der Hausherr mit lauter Stimme: »Sehen Sie da, meine Herrschaften, ein lapsus linguæ.« Alle lachten und noch viel mehr als bei dem Reichskanzler, denn auf der Schüssel, die der Diener hatte fallen lassen, lag keine Zunge, sondern ein gefüllter Schweinskopf.

[685] 686. Feierliche Ansprachen. Während bei den Tischreden diejenigen die besten zu werden pflegen, die ihre Entstehung dem Zufall, dem Augenblick verdanken, wird man sich auf offizielle Reden bei Deputationen, Jubiläen und ähnlichen Gelegenheiten wohl vorbereiten, um der Gefahr zu entgehen, nicht allzu Alltägliches zu sagen. Man soll sich bei einer solchen Rede weder mit einem einzigen Satze davonmachen, noch stundenlang sprechen, die Wahrheit und das Richtige liegt in der Mitte. Wer auf eine Ansprache zu antworten hat, muß sich hierbei auf das beziehen, was in der Ansprache erwähnt wurde. Bei den Begrüßungsreden, mit denen gekrönte Häupter in einer fremden Stadt empfangen werden, ist es Brauch, daß diese Reden vorher durch das Oberhofmarschallamt dem Fürsten vorgelegt werden, nicht wie viele glauben, damit der König oder wer es sonst ist, sich auf die Antwort vorbereiten kann, sondern damit der Fürst sicher ist, keinerlei Taktlosigkeiten zu begegnen und nicht mit einem Wunschzettel empfangen zu werden, auf den er ausweichend antworten müßte.

[686] 687. Jubiläumsreden. Man kann hierbei mit dem, was man sagt, nicht vorsichtig genug sein. Bei einem Regiment, das sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feierte, passierte es einmal, daß der Divisionskommandeur die Truppe zwar beglückwünschte, aber doch zugleich der Hoffnung Ausdruck gab, das Regiment möge sich in den nächsten fünfundzwanzig Jahren besser führen, als dies bisher der Fall gewesen sei. Mit Recht nahm der Oberst das übel und trat für sein Regiment ein, aber als dieser geendet, erhob sich der Brigadekommandeur, um in seiner Rede Seiner Excellenz dem Herrn Divisionskommandeur voll und ganz beizustimmen. Wieder trat der Oberst für die Seinen ein, es kam zu der reinen Redeschlacht und drei Tage später lagen drei Leichen auf dem Schlachtfelde. Sie hatten sich nicht gegenseitig totgeschossen, aber das Militärkabinett hatte alle drei abgeschlachtet und verabschiedet. Aus dieser wahrhaften Geschichte folgt, daß man bei Jubiläumsreden nicht tadeln, sondern nur loben soll, aber andererseits darf dies nicht dazu führen, dem Betreffenden so viel Honig um den Bart zu schmieren, daß dieser davon krank und elend wird. Wer zu viel lobt, erniedrigt nicht nur sich selbst, sondern auch den, dem seine Worte gelten.

[687] 688. Anekdote von einem Verteidiger. Ein Kapitel für sich sind die Reden der Verteidiger vor Gericht. Um ihre Klienten frei zu bekommen, ist vielen manchmal nichts heilig, und eine kleine Geschichte möge dies illustrieren. Ein früher sehr bekannter Berliner Rechtsanwalt bat einst einen »guten Freund«, einen Schauspieler, der in seinem Hause viel aus und ein ging und mit dem ihn so etwas wie wirkliche Freundschaft verband, ihm einen großen Dienst zu erweisen, und forderte ihn auf, am nächsten Tag nach Moabit zu kommen. Die Anklagesache stand für sei nen Klienten sehr schlecht, besonders, weil von einer Seite behauptet worden war, daß auch der Schauspieler darüber Auskunft geben könne, daß er wirklich schuldig sei. Am nächsten Morgen erschien der Rechtsanwalt mit seinem Freund und verwundert sah die Gegenpartei auf, als der Verteidiger keinen Entlastungs-, sondern einen Belastungszeugen aus eigener Initiative mit zur Stelle brachte. Sie frohlockte, aber wie so häufig zu früh. »Meine Herren,« sprach der bekannte Redner, »ich habe diesen Herrn mitgebracht, damit Sie sich alle davon überzeugen können, daß seinen Aussagen nicht der geringste Wert beizulegen ist. Meine Herren, dieser Herr ist Schauspieler und mehr als viele Worte sagt schon dies, daß man ihm nicht trauen kann. Auf Schauspieler und Künstler ist kein Verlaß, sie leben nicht in der Wirklichkeit, sondern in ihren Träumen und Illusionen, sie sagen nicht, was ist, sondern was sein könnte. Aber nicht allein, daß dieser Herr der Bühne angehört und somit kein glaubwürdiger Zeuge ist, ich kenne diesen Herrn persönlich seit vielen Jahren, er geht in meinem Hause aus und ein, und ich muß sagen, er ist ein liebenswürdiger Gesellschafter, aber kein Mensch, auf den man sich irgendwie verlassen, dem man irgendwie trauen kann. So oft ich es that, habe ich die bittersten Erfahrungen an ihm gemacht, und wenn ich ihn trotzdem nicht aus meinem Hause verwies, so geschah es, weil ich mir sagte: die Künstler sind alle nicht anders, man darf sie nicht ernst nehmen, nichts von ihnen verlangen, was sie nicht besitzen: Wahrheit, Offenherzigkeit und Zuverlässigkeit.« Und in dieser Tonart ging das eine Stunde weiter, der Rechtsanwalt ließ an seinem Freunde kein gutes Haar und das Resultat bestand darin, daß der Angeklagte glänzend freigesprochen wurde.

Der Schauspieler hat mir diese Sache selbst erzählt und sagte mir, er wäre sich in seinem ganzen Leben noch nie so dumm vorgekommen, wie damals, als sein »Freund« ihn öffentlich herunterriß. Aber das Beste kommt noch. Kaum war der Angeschuldigte freigesprochen, da nahm der Rechtsanwalt seinen Freund, den er soeben um Ehre und Ansehen geredet hatte, beim Arm und sagte: »So, nun kommen Sie aber, mein Wagen wartet draußen, jetzt wollen wir ordentlich Champagner frühstücken. Selbstverständlich sind Sie mein Gast.« Und dann nach einer Pause: »Was, Sie haben es mir übel genommen, daß ich Sie ein klein wenig anders schilderte, als Sie in Wirklichkeit sind? Lieber Freund, das giebt's ja gar nicht, ist ja lächerlich, wie sollten wir Rechtsanwälte wohl unsere Klienten frei bekommen, wenn wir immer streng bei der Wahrheit blieben und die Thatsachen nicht ein ganz klein wenig verdrehten. Seien Sie kein Frosch, sondern kommen Sie mit.« Und der Schauspieler ging mit. Denn wie er mir selbst sagte, etwas Gutes wollte er doch wenigstens davon haben, daß er so schlecht gemacht worden war.

[688] 689. Noch eine Anekdote. Die größten Redner sind oft die schlechtesten Tischredner, ebenso wie nur sehr selten Schriftsteller zugleich gut zu sprechen vermögen. Einer der besten Tischredner, die ich kennen gelernt habe, war Emanuel Geibel, der im Hause meines Schwiegervaters ein häufiger Gast war. Und da passierte es einmal, daß mein Schwiegervater in einem Toast einige sehr hübsche Verse citierte. Aufmerksam lauschend, stützte Geibel das Haupt in die Hand und sah sinnend und träumend vor sich hin. Als der Redner geendet, fragte Geibel: »Nun sage mir doch nur, von wem sind die hübschen Verse, die du vorhin so hübsch sprachst?« – »Aber, Geibel, die sind doch von dir selbst,« lautete die Antwort, aber der alte Herr wollte es nicht glauben, und auch als das Buch mit dem betreffenden Gedicht herbeigeholt worden war, schüttelte er noch immer ungläubig sein weißes Haar und meinte endlich: »Daß ich etwas so Schönes dichten könnte, hätte ich mir wirklich selbst nicht zugetraut.«

Quidquid agis, prudenter agas et respice finem, d.h. was du auch immer thust, betreib' es klug und bedenke das Ende, und in Bezug auf die Reden heißt es: überlege dir vorher, was du sagen willst, denn das einmal gesprochene Wort bringt dir keine Ewigkeit zurück.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 665-689.
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