VII.

Die Krankenstube.

[653] 654. Befähigung zur Krankenpflege. Wer sich ganz der Krankenpflege widmet, als Diakonissin, barmherzige Schwester, Wochenwärterin oder Irrenaufseherin, von männlichen Personen als Wärter im Krankenhaus, in Kuranstalten oder Irrenhäusern, muß eine große Neigung für den aufreibenden, Körperkraft und Geduld fordernden Beruf haben. Andrerseits wird ihm das beständige Aufpassen, das Unterordnen unter fremde Wünsche, ja, die oft nötige gänzliche Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst bald zur Last und schließlich zur Unerträglichkeit werden. Man nennt selbstlose Pfleger, die ihres schweren Amtes um keinen Lohn walten, sondern zufrieden sind, wenn sie den armen Kranken ihr qualvolles Dasein erleichtern, mit Recht »Engel unter den Menschen« und nicht genug kann man sie um ihrer Selbstverleugnung willen bewundern.

[654] 655. Pflichten der Pflegerinnen. Fast an jeden – besonders an jede Frau – wird aber gelegentlich die Aufgabe herantreten, einen Kranken pflegen zu müssen. Und fast jede ist von vornherein davon überzeugt, daß sie schon durch ihr Geschlecht, dem Rücksichtnahme, Barmherzigkeit und Aufopferung nahe liegen, sich vortrefflich zur Pflegerin eigne. Nur zu bald werden viele entdecken, daß sie sich in einem großen Irrtum über sich selbst befanden. Für ein paar Tage reichen die guten Vorsätze aus, man umgiebt den Kranken mit aller Sorgfalt, erfüllt die Vorschriften des Arztes und hat das schöne und beruhigende Gefühl absoluter Pflichterfüllung. Kaum zeigen sich jedoch beim Kranken leise Spuren der Besserung, so findet man die stete Rücksichtnahme überflüssig und rechtfertigt kleine Nachlässigkeiten mit der Behauptung, Kranke dürften nicht verwöhnt werden. Oder ein Ereignis draußen, ein Fest oder eine verlockende Einladung, verleiht dem Gedanken, daß Gesunde auch Rechte haben, eine so starke Kraft, daß alle Stimmen des Gewissens schweigen müssen. Wird gar der Kranke – trotz bester Pflege – leidender, so fürchtet man plötzlich die Verantwortlichkeit, wird des eigenen Könnens unsicher und schlägt dem Arzt, der an all diese Phrasen bei Krankenbehandlungen längst gewöhnt ist, ruhig vor, die Pflege in geübtere Hände zu legen. Nimmt die Krankheit eine schlimme Wendung und fühlt die Pflegerin wirklich die eigne Unzulänglichkeit, so ist es jedenfalls das Beste, was man thun kann, so schnell wie möglich eine erprobte Wärterin zu nehmen, ehe die geringste Vernachlässigung in der Pflege gemacht wird, die von unberechenbaren Folgen sein kann. Eigentlich sollten aber nur eignes schlechtes Befinden oder große Nervosität die Frau entschuldigen dürfen, die das Amt der barmherzigen Schwester bei etwas erhöhteren Ansprüchen sofort niederlegt. Wenn man den festen Willen hat, jemand zu pflegen, so wird man auch die Kraft und die Ruhe dazu finden. Und wenn man in jeder Weise treu die Pflichten als Pflegerin erfüllt, wird man sich, selbst beim traurigen Verlauf eines Krankenlagers, keine Vorwürfe zu machen haben.

[655] 656. Einrichtung der Krankenstube. Als erstes muß der Kranke von allen übrigen Mitgliedern des Hauses abgesondert werden. Dies geschehe nicht nur aus Vorsicht bei ansteckenden Krankheiten, sondern immer, auch bei leichten Fiebern u.s.w., um dem Kranken die nötige Ruhe zu verschaffen. Als Krankenzimmer wähle man ein möglichst großes, helles und sonniges Zimmer, verwandle also, wenn man knapp an Raum ist, einmal den berühmten »Salon« in ein Schlafzimmer. Die überflüssigen Nippes, die nur Staub festhalten, kann man gewiß schnell entfernen und die Möbel unter Bezüge stecken, oder, was aus sanitären Gründen vorzuziehen ist, sie durch Rohrsessel ersetzen. Das Bett des Kranken muß mit dem Kopfende vom Fenster abgewandt sein; geht das nicht, so umstelle man das Fußende mit einem Bettschirm. Ueberhaupt müssen die Augen des Kranken geschont werden; Lampen und Kerzen umhülle man daher mit Schleiern. Man entferne aus dem Krankenzimmer starkduftende Blumen und möglichst auch die Teppiche und Portieren. Auch von Möbeln lasse man nur die notwendigsten im Zimmer, damit man Bewegungsfreiheit hat und der Boden bis in alle Ecken täglich feucht aufgewischt werden kann. Die erste Bedingung für einen gesunden Raum ist überhaupt Reinlichkeit. Das Zimmer muß tadellos sauber und ordentlich sein, auch muß täglich gründlich Staub gewischt werden, was die gewissenhafte Pflegerin am besten selbst besorgt, schon um nicht fremde Leute zum Kranken hineinzulassen. Für gute, frische Luft sorge man durch stundenlanges Lüften; auch im Winter, wo die Heizung die Luft rasch trocknet, muß oft und lange das Fenster geöffnet werden. Ob der Kranke beim offenen Fenster schlafen soll, ob der Raum mit einem besonderen Desinfektionsmittel wie Karbol oder Subliniat besprengt werden soll, wird der Arzt bestimmen.

[656] 657. Autorität des Arztes. Den Ratschlägen und Anordnungen des Arztes aufs genaueste zu folgen, ist Gesetz für die Pflegerin. Sie darf dem Kranken gegenüber keine zweifelnde Miene über die Verhaltungsmaßregeln zeigen noch das geringste äußern, was des Kranken Glauben an den Arzt erschüttern könnte. Der Kranke muß vom Wissen des Arztes und seinem Wunsche, ihm nur das Beste zu verordnen, felsenfest überzeugt sein. Und es ist die Pflicht der Pflegerin, jeden aufkeimenden Zweifel sofort zu zerstreuen und zu entkräften. Daher darf sie auch nicht ein einzigesmal zugeben, daß der Kranke ungehorsam ist, eine Medizin verweigert, sich gegen eine Behandlung sträubt u.s.w. Kann sie ihren Willen bei dem Kranken nicht durchsetzen, so muß sie dem Arzt sofort davon Mitteilung machen und zwar in Gegenwart des Kranken, damit dieser sieht, daß er an der Pflegerin keine Verbündete hat. Andrerseits darf sich die Pflegerin nicht durch unwirsches Benehmen des Kranken entmutigen lassen, durch freundliche Zureden und Vorstellungen wird sie ihn doch endlich zum Gehorsam überreden können. Alles, was dem Kranken an Speisen und Getränken gereicht wird, muß so sauber und appetitlich wie möglich gehalten sein. Ebenso sorge man häufig für frische Bett- und Leibwäsche des Kranken, für saubere Tücher und Servietten, die man zu seiner Behandlung braucht, und entferne sofort alles aus dem Zimmer, was die Luft verschlechtert, wie unreine Wäsche, Ausgußeimer u.s.w. Die passendste Kleidung für Pflegerinnen sind Waschkleider und große weiße Schürzen, die häufig gewechselt werden müssen.

[657] 658. Psychische Behandlung der Kranken. Daß man dem Kranken nicht kurz oder unfreundlich begegnet, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Doch muß sich die Pflegerin sogar soweit beherrschen, daß sie Aerger oder unangenehme Nachrichten nicht ins Krankenzimmer kolportiert, noch durch düstere oder traurige Mienen anzeigt, was ihr Unangenehmes passiert ist. Kranke sind mißtrauisch, nehmen außerdem auch Kleinigkeiten schwer und man soll ihnen recht wenig Grund zum Grübeln und Kopfhängen geben. Eine frohe Nachricht dagegen, nicht zu aufregend und lärmend mitgeteilt, wird auch sie sehr erfreuen und ihre gute Laune heben. Im übrigen muß man besondere Rücksicht auf das Temperament des Kranken nehmen, den Jähzornigen nicht reizen, den Ungeduldigen beruhigen, den übertrieben Aengstlichen nicht verspotten, sondern ihm anfangs scheinbar recht geben, den Leichtsinnigen nicht zu stark mit Ermahnungen quälen und den ewig Klagenden von den Selbstbetrachtungen abzulenken suchen. Was die Pflegerin an Selbstüberwindung, Geduld und Gleichmut zu leisten hat, übersteigt meistens um ein Bedeutendes, was an körperlichen Anstrengungen von ihr gefordert wird, wie Nachtwachen, das Aufpassen, Bedienen u.s.w.

Auch muß sie bald mit richtigem Taktgefühl herausfinden, welche Themata sie dem Kranken gegenüber berühren darf und welche ihm unangenehm sind. Denn der Kranke soll in der Pflegerin eine angenehme Gesellschafterin sehen, die ihm liebreich über die langen, öden Stunden hinweghelfen wird – wenn auch er ihr etwas Rücksicht und Teilnahme entgegenbringt. Und daß der Kranke in der Pflegerin, selbst in der bezahlten, nicht nur die Dienerin sieht, an der er seine Launen nach Gefallen auslassen kann, das muß ihm durch das Benehmen der Pflegerin sofort klar werden. Eine verständige Person wird ja über eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte Kränkung nicht gleich davonlaufen, aber sie soll durch ruhiges Widersprechen und Einschreiten dem launischen Kranken beweisen, daß sie nicht gewillt ist, seine Unarten durchzulassen. Die Pflegerin muß sich von der ersten Stunde an ihre Stellung bei dem Kranken schaffen und ihn, ohne ihn zu tyrannisieren, dennoch in der Gewalt haben.

[658] 659. »Nervosität« und Unarten. Am schwersten wird der Standpunkt der Pflegerin bei sogenannten »nervösen« Kranken sein. Heutzutage ist wohl jeder Mensch mehr oder minder nervös, was durch erbliche Anlagen, verkehrte Erziehung und Lebensweise, Ueberarbeitung, zu wenig Ruhe und tausend andere Dinge kommen kann, die täglich zur Charakterisierung des »nervösen Jahrhunderts« angeführt werden. Die meisten Menschen, die bei sich Nervosität als Duelle alles Uebels festgestellt haben, verfallen nun in den Fehler, all ihre Launen und Eigentümlichkeiten als »nervös« zu bezeichnen und ihnen unter diesem Vorwand ungestört nach zu geben. Und gerade nervöse Menschen sollten sich zu beherrschen suchen, sich zur Ruhe und zum Gleichmut zwingen. Wie oft hört man nicht sagen: »Das thue ich nicht – das kann ich nicht – das kann ich einfach nicht ertragen! Ich bin viel, viel zu nervös dazu!« Nur versuchen, meine Herrschaften. Wenn man schon so weit ist, daß man erkannt hat, die Schwäche liegt nur in der Nervosität, so wird man diese spielend überwinden – wenn man sie einfach nicht beachtet! Es gab eine Zeit, wo »Nervenheilanstalten« direkt an der Tagesordnung waren – jeder anständige Mensch, der überhaupt mitgezählt werden wollte, mußte einen Teil seines Lebens in solch einer Anstalt zugebracht haben. Unserer hyper-empfindlichen Epoche ist »Nervenheilanstalt« schon wieder zu deutlich; nur arme, wirklich Kranke gehen dorthin. Die andere große Schar der Nervösen wallfahrtet in Luftkurorte, Kaltwasserheilanstalten, Sanatorien, Jungbrunnen und wie die Namen alle lauten mögen. Das Kurverfahren bei allen lautet auf Abhärtung und Stärkung der Gesundheit, sie wollen also prophylaktisch wirken, d.h. vorbeugend, den Körper gegen Krankheiten widerstandsfähig machen. Hat man einen nervösen Menschen zu pflegen, so sollte man auch im Privathause das Hauptgewicht darauf legen, ihn körperlich zu stählen und kräftiger zu machen. Man halte vor allen Dingen auf ein regelmäßiges Leben und Ruhe, vielleicht auch auf leichte, die trüben Gedanken verscheuchende Arbeit. Besondere Geduld muß man allerdings diesen Kranken gegenüber walten lassen. Durch plötzliche Launen setzen sie oft das Resultat langer Wochen wieder aufs Spiel und verfallen in die alte Aufregung, den Trübsinn oder die Ungeduld. Die Sache des Pflegers ist es dann, mit eiserner Energie dem Kranken entgegenzutreten und ihm den Willen nicht durchzulassen. Gewiß wäre das Nachgeben oft bequemer und die Vorstellung, daß ihm die nur einmal gezeigte Schwäche nicht schaden könne. Aber gerade nervöse Leute müssen konsequent behandelt werden und es fühlen, daß man sie nach wie vor beobachtet und von ihnen Ueberwindung und Selbstbeherrschung verlangt. Auch Unarten, die sie begehen, und Opfer, die sie verlangen und für die sie sich später durch den Hinweis auf ihre Nervosität entschuldigen, soll man ihnen nicht hingehen lassen. Man zieht dadurch nur den Egoismus in ihnen groß und macht es ihnen immer schwerer, sich in die bestehenden Verhältnisse zu fügen.

Mehr Nachsicht wird man ja alten und schwachen Personen gegenüber walten lassen müssen, denn alte Leute zu erziehen, ist eine vergebliche Mühe. Auch bei ihnen bilden sich Eigenheiten oft zu Launen und tyrannischen Gewohnheiten aus und bis zu einem gewissen Grade wird man vielleicht auch ihnen durch Ruhe und Konsequenz zu große Ansprüche abgewöhnen können.

[659] 660. Krankenbesuch. Wer Kranke besucht, darf weder zu laut und zu lebhaft sprechen, noch dem Leidenden zu mitleidsvolle Mienen zeigen, daß er gleich denkt: »Ach, du bist wohl sehr krank, wenn der dich so ansieht!« Jeder Kranke wird als erstes seine Leidensgeschichte erzählen und man muß ihm geduldig zuhören, ihm Trost spenden und Hoffnung einflößen. Das ist kein Unrecht, selbst wenn man weiß, daß der Kranke verloren ist, und man ihm nur wünschen kann, daß er bald von seinen Leiden erlöst werden möge. Aber jeder Kranke, und spricht er noch so ruhig von dem bevorstehenden Ende, hofft im Grunde seines Herzens, daß er doch noch einmal gesund werden möchte, und ein wenig Zuspruch wird ihn neu beleben. Man vermeide es, dem Kranken aufregende und betrübende Nachrichten mitzuteilen und versuche es, ihn ein wenig aufzuheitern. Für kleine Aufmerksamkeiten, ein paar Blumen, eine Delikatesse oder ein Buch, sind Kranke besonders dankbar und im Hinblick auf ihren bedauernswerten Zustand wird man ihnen gern irgend eine Freude bereiten. Natürlich darf man den Kranken nicht zu oft, vor allem nicht zu lange besuchen, um ihn nicht zu ermüden. Bittet er aber um den Besuch, so soll man ihn nicht zu lange warten lassen oder das Wiederkommen hinausschieben, bis es zu spät ist. Wie oft bedauert man später nicht solch ein Versäumnis, das nicht wieder gut zu machen ist!

[660] 661. Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient muß sich auf gegenseitige Sympathie gründen. Besonders bei Kranken, deren Leiden langwieriger oder gar dauernd ist, muß volles Vertrauen zum Arzt vorhanden sein, so daß der Kranke dem Besuch wie einer angenehmen Abwechselung entgegensieht. Wie wir schon oben sagten, ist es Pflicht der Umgebung des Kranken, den Glauben an den Arzt zu unterstützen und seine Verordnungen, wenn sie dem Leidenden einmal nicht behagen, als notwendig und gewiß nutzbringend zu bezeichnen. Der Zustand des Kranken, auch seine Zuversicht und Laune werden sich verschlechtern, wenn ihm Zweifel an der Kunst des Arztes aufsteigen oder das Verhältnis durch Ungehorsam des Kranken, oder Ungeduld des Arztes trübt. Der Arzt ist der beste Freund des Kranken – und von dieser Gewißheit muß der Leidende felsenfest überzeugt sein.

Auch muß die Pflegerin des Kranken insoweit auf diesen einwirken, daß er es sich versagt, den armen geplagten Arzt mit Klagen zu quälen oder ihm Vorwürfe darüber zu machen, daß die Genesung nur langsam fortschreite. Gerade der Kranke muß geduldig sein, damit er seiner Umgebung die oft nicht leichte Pflege nicht unnötig erschwert. In Krankheitszeiten erkennt man, ob jemand wirklich gute Charaktereigenschaften und echte Herzensbildung hat. Der unerzogene, sich schlecht beherrschende Mensch wird auch ein ungeduldiger Kranker sein und für die aufopfernde Pflege weder Anerkennung noch Dankbarkeit haben.

[661] 662. Launen der Genesenden. Man sagt, das beste Zeichen für die wiederkehrende Gesundheit sei die schlechte Laune des Kranken. Wenn man an und für sich dieses Zeichen also mit Freuden begrüßen wird, so tragen die Ungeduld und Unzufriedenheit des Rekonvaleszenten jedoch oft dazu bei, die durch die Obhut schon angegriffene Gesundheit der Pflegerin ganz zu vernichten. Und allmählich werden alle im Hause durch die Ansprüche des Kranken mürbe und nervös. Um keine unnützen Scenen heraufzubeschwören, wird dem Kranken nun in dem und jenem nachgegeben. Er liest mehr, als er darf, empfängt zuviel Besuche, bleibt zulange außerhalb des Bettes, nimmt die Medizin nicht mehr regelmäßig, hält sich nicht mehr an die Vorschriften und begeht einen Diätfehler nach dem andern. Gewöhnlich rächt sich der Leichtsinn bitter; entweder tritt wieder eine Verschlimmerung des Zustandes ein, oder die Rekonvaleszenz verschleppt sich durch Wochen und Monate. Ein Genesender kann garnicht strenge genug bewacht werden. Mit neuer Lebenskraft kehren Appetit, Wunsch nach Abwechslung und die Sehnsucht nach Beschäftigung zurück und es kann dem Kranken nicht schnell genug vorwärts gehen. Wird man nun die geistige und körperliche Ueberanstrengung verhindern wollen, so wird der Genesende dies als Thorheit, wenn nicht gar als Mißgunst auffassen. Sein Zorn und seine Heftigkeit sollen die Pfleger aber nicht erweichen – auch sie sind noch ein Ausfluß der Schwäche. Ganz gesunde Menschen ereifern sich nicht über Kleinigkeiten und sind verständigen Vorstellungen zugänglich. Man soll sich daher die Ausfälle des Kranken nicht zu Herzen nehmen, sondern ruhig bei seiner Meinung beharren. Ist der Genesende ruhiger geworden, so wird er sein Unrecht einsehen und gewiß dankbar dafür sein, daß man an sein Bestes dachte. Bei günstiger Witterung wird dem Kranken wohl bald eine Ausfahrt oder ein kleiner Spaziergang gestattet werden, wenn er schon einige Tage außerhalb des Bettes zubrachte. Doch ist dafür zu sorgen, daß er sich nach der Rückkunft ganz ruhig verhält, oder sich gleich niederlegt, da die ersten Ausgänge sehr abspannend wirken.

[662] 663. Die Hausapotheke. In jedem Haus wird sich allmählich eine kleine Apotheke ansammeln, die unter allerlei Hausmitteln auch einige Medikamente und Hilfsmitttel für Unglücksfälle enthält. Am nettesten ist es, sich ein kleines Schränkchen zur Hausapotheke einzurichten, oder sonst auf einer Bort oder in einer Schieblade alle Droguen zusammenzuhalten, damit man beim Bedarf gleich das Nötige zur Hand hat. Mittel, die rasch verderben, sollte man nicht bewahren, überhaupt dann und wann unter den Medikamenten aufräumen und schlecht gewordene durch frische ersetzen. Jede Flasche muß mit einer Etikette, jede Düte mit der Inhaltsangabe versehen sein, damit ja kein Versehen passieren kann. Gifte oder sonst gefährliche Mittel sollte man, wenn man sie überhaupt vorrätig hält, sorgsam für sich verschließen. Was man zur Pflege eines Kranken gebraucht hat, wie Eisbeutel, Binden, Umschläge und Instrumente, soll nach jeder Benützung gut gereinigt werden; sind die Sachen zur Zeit unnötig geworden, so verwahre man sie erst nach genauester Desinfizierung und Reinigung. Schmutzige Verbandmittel und Instrumente können sehr gefährlich werden; außerdem verdirbt und zersetzt sich allmählich alles, was nicht ganz trocken und sauber fortgelegt wurde.

[663] 664. Medizinische Kenntnisse des Laien. Von der Krankenpflege sollte jeder Mensch soviel wissen, daß er bei einem Unglücksfall einem Verunglückten beispringen, ihm die erste Hilfe leisten und ihn vielleicht durch seine Geistesgegenwart vor schweren Folgen bewahren oder ihm gar das Leben retten kann. Professor Dr. Esmarch hat durch seine allgemein verständlichen Anleitungen zur ersten Hilfe bei Unglücksfällen auch dem Laien die Möglichkeit geboten, thatkräftig einzugreifen und nicht müßig zuzusehen, wie ein Ertrunkener gequält wird, statt daß man ihm die richtige Pflege angedeihen läßt, oder wie ein Verblutender seinem Schicksal überlassen wird. Für kleine, im Hause vorkommende Unfälle wird die Hausfrau schon Rat wissen, bis der Arzt kommt, wenn sich sein Besuch nicht durch die gleich und richtig angewandten Mittel als überflüssig erweist. Wunden reinige man gut von allem Schmutz, am besten durch ein antiseptisches Wasser, d.h. Wasser mit etwas Karbolzusatz, ehe man einen Verband aus Watte und Gaze auflegt. Verbandwatte und Karbol sollte jede Hausfrau vorrätig haben sowie Salzwasser oder Chlorkalium für leichte Halsentzündungen.

[664] 665. Ein paar Winke. Bei Blutungen rät Dr. Esmarch, ein festes Polster aus feuchter Leinwand auf die Wunde zu pressen, bei verstärktem Bluten die Pulsader ober- und unterhalb der Wunde zusammenzudrücken. Bei Knochenbrüchen binde man das gebrochene Glied fest an einen Stock, einen Schirm oder dergleichen. Die Kleider oder Stiefel schneide man auf, ziehe oder reiße sie nicht ab – ebensowenig bei Verbrennungen. Man entferne die Kleidungsstücke hierbei ganz vorsichtig, schone die entstandenen Blasen und bedecke die Brandwunden mit Oel, Jodoformsalbe oder einem Mehl und lege dann erst Watte oder Leinwandläppchen auf. Vergiftete Wunden von Schlangen oder tollwütigen Hunden müssen oberhalb der Wundstelle abgeschnürt werden. Das Gift entferne man durch Aussaugen oder Schröpfköpfe und brenne dann die Wunde mit glühendem Stahl (Messer, Stricknadel oder dergleichen) aus. Von Krämpfen Befallene bette man auf weichem Kissen, löse alle beengenden Kleidungsstücke und warte bis der Anfall vorüber ist; auf keinen Fall halte man die Glieder fest oder suche die geballten Hände zu lösen. Ertrunkene stelle man nicht auf den Kopf, nach dem alten Prinzip der Seeleute, sondern lege sie hin, den Kopf höher als den Körper, entferne den Schleim aus dem Mund und der Nase, lege den Scheintoten dann auf den Bauch und drücke den Rücken, um das Wasser aus Magen und Lungen ausfließen zu lassen. Als erstes mache man Atembewegungen, indem man in gleichmäßigem Takt die Arme auf- und abwärts zur Brust führt. Mit dem Reiben des Körpers zur Wärmeerzeugung beginne man erst, wenn der Verunglückte zu atmen beginnt. Warme Flüssigkeiten gebe man theelöffelweise. Vom Hitzschlag Betroffene bette man an einen kühlen Ort, entferne die Kleidungsstücke, mache kalte Umschläge und Uebergießungen und flöße kaltes Wasser ein. Bei Vergiftungen versuche man Erbrechen zu erregen. Kennt man die Art des Giftes, so gebe man gegen Säuren ein Alkali in Wasser gelöst, gegen ein Alkali eine Säure (Essig oder Citronenwasser). Bei betäubenden Giften, wie Opium oder Morphium, verhüte man das Einschlafen durch Einflößen von starkem Kaffee, Eisumschlägen oder Uebergießungen.

Bei all diesen ernsteren Unglücksfällen ist natürlich so schnell wie möglich die Hilfe eines Arztes in Anspruch zu nehmen. – Die Lehrmittel zur Unterweisung bei Unglücksfällen sind vom »Deutschen Samariterverein« in Kiel zu beziehen; ebenso eine kleine und große Samariterapotheke, die bei allen Unglücksfällen von größtem Nutzen ist und wegen ihrer Zweckmäßigkeit dem Laien nicht genug empfohlen werden kann. Wie oft bedauert man nicht, daß man aus Unwissenheit und Bestürzung nicht in der Lage gewesen ist, einem Verunglückten zu helfen! Wie oft aber ist nicht schon das Unglück durch verkehrte Mittel oder Unsauberkeit noch verschlimmert worden! Wer gute Mittel zur Hand hat und genau weiß, wie er sich bei dem und dem Unglücksfall zu benehmen hat, wird nicht kostbare Minuten unnütz verstreichen oder von Unwissenden dem Kranken noch Schaden zufügen lassen. Der echte Samariter erbarmt sich auch des ärmsten seiner Brüder, denn Liebe und Barmherzigkeit sind die Haupttugenden des guten Menschen.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 653-665.
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