I.

Pferde- und Wagensport

von Major a.D. Richard Schoenbeck.

[999] 999. Der Gentleman als Pferdebesitzer wird in absehbarer Zeit nicht aus der Gesellschaft verschwinden, soviel Position sich auch die automobilen Gefährte zu erringen wissen, und so sehr auch diese Bewegung von den höchsten Kreisen aus unterstützt wird. Wenn demnach das Pferd als Reitpferd und als Luxuszugpferd stets auf der Höhe der Situation bleiben wird, so soll ihm seitens seines Besitzers als Gegenleistung für die Annehmlichkeiten, die jener dem Pferde verdankt, auch alles gewährt werden, worauf es in Bezug auf seine Behandlung und seine Pflege Anspruch machen kann. Dazu aber gehört eine ziemlich umfangreiche Kenntnis, die sich nicht allein aus der Praxis erlernen läßt, da diese Art des Erwerbens solcher Kenntnisse sehr lange dauert und inzwischen zu manchen pekuniären Opfern führt, die vermieden werden können. Allerdings ist ja die Theorie nur die Tochter der Praxis, oft auch eine recht ungezogene – immerhin bringt das Studium der Theorie – besonders wenn sie von berufenen Federn mundgerecht gemacht ist – in Stunden weiter als die Praxis in Jahren. – Die erste Pflicht des Pferdebesitzers ist es daher – ich nehme hier einen Novizen an – sich mit der einschlägigen sehr reichen Litteratur bekannt zu machen, und seinem Kutscher, von dem er von vornherein annehmen kann, daß er der größte Ignorant ist, nicht bedingungslos die Pferde und die sonstige dazugehörige Equipage anzuvertrauen. Der Pferdebesitzer kann versichert sein, daß ihn bei solcher Art die Pferdehaltung jährlich um die Hälfte mehr kostet, als es sonst der Fall sein würde, – nämlich wenn er selbst nach dem Rechten schaut. Einzelne täglich stattfindende Revisionen mit offenen Augen werden ihn sehr bald in die Praxis der Pferdehaltung einführen. Fragend lernt er, und das Colloquium mit seinem Kutscher, der die Details kennt, wird ihn auch bald mit diesen, gerade bei der Pferdhaltung so wichtigen Kleinigkeiten bekannt machen. Er wird Interesse daran gewinnen und bald in der Lage sein, seinem Kutscher richtige Befehle und Instruktionen zu erteilen, über welche derselbe – nicht mehr lächelt. –

[999] 1000. Der Reiter, sofern er wirklich auf diesen Titel Anspruch machen will, muß etwas mehr sein, als eine auf einem Pferde sitzende oder hängende Person, denn den Namen »Reiter« verdient nur der, der im stande ist, vermöge seiner Uebung ein Pferd nach seinem Willen und zu seinen Zwecken zu leiten und zu beherrschen. Es giebt Personen, welche nie Reiter in diesem Sinne werden können, weil ihnen entweder das körperliche Geschick oder die geistige Veranlagung dazu fehlt, doch können Energie und Fleiß beim theoretischen und praktischen Unterricht manches überwinden, so daß bei sonst günstig zusammenwirkenden Umständen, glücklicher Wahl des Pferdes u.s.w. immer noch eine erträgliche Reiterfigur zu stande kommt. Es giebt viele Leute, welche sich auf diese Weise durchlügen müssen. Nächst ihnen kommen diejenigen, welche mit körperlichem Geschick die auch dafür erforderliche geistige Veranlagung verbinden und deshalb zu guten Reitern prädestiniert sind, und endlich diejenigen, welche alle jene Eigenschaften in der Potenz in sich vereinigen, aus denen dann unsere großen Reitmeister hervorgehen.

Die körperlichen Eigenschaften eines Reiters gipfeln demnach in einem normalen, mittelgroßen Körperbau mit gesunder, breiter Brust, kräftigem Arm, Schenkel und starken Nerven; zu den seelischen gehören Mut, Geistesgegenwart, Geduld, Gerechtigkeitsgefühl, Selbstbeherrschung und in ihrer Folge Aufmerksamkeit und Ausdauer. Alle diese Tugenden – und solche sind es, welche als seelische Eigenschaften hier aufgeführt sind – repräsentieren in ihrer Gesamtheit das Kriterium des alten Ritters, dem der heutige Reiter auf seiner ehrenvollen Bahn folgen soll, – denn das Reiten ist eine ritterliche Uebung.

[1000] 1001. Das Reitpferd für den Gentleman muß sich durch schöne Formen auszeichnen, Figur machen und in der Größe zu seinem Reiter passen, auch in Bezug auf die Schwere des Reiters den genügenden Rücken nebst dem dazu gehörigen Fundament besitzen. Die Gänge müssen elegant und rein, der Charakter soll zwar temperamentvoll, aber nicht hitzig sein. In guter Dressur kann das Pferd kaum ein Zuviel aufweisen, da es in manchen Fällen sich vernünftiger wird erweisen müssen, als es seinem Reiter möglich ist, und somit wird auch die Geduld als eine Haupttugend an dem Pferde zu schätzen sein. Unter diesem Gesichtspunkte wird daher das meist nervöse englische Vollblut nur ausnahmsweise allen Anforderungen eines Herrenpferdes entsprechen, mehr das speziell für diesen Zweck gezüchtete edle Halbblut, unter welchem, besonders in England, auch die Gebäude für schwerere Reiter am ehesten zu finden sind.

[1001] 1002. Die Equipierung des Reitpferdes muß stets, ob man auf Trense oder Kandare reitet, in tadellos sauberem Zustande sich befinden, ebenso wie der Sattel, die Unterlegedecke und das Vorderzeug. Helles Lederzeug, wie es vom Sattler kommt, hält sich nicht lange in diesem Zustande, es dunkelt nach, braucht aber, wenn es gut gepflegt wird, deshalb noch nicht unansehnlich zu werden. Sämtliches Stahlzeug – Gebisse, Steigbügel u.s.w. – muß blitzen und spiegelblank poliert sein. Falls plattierte Schnallen sich am Kopfzeug befinden, müssen auch diese Silberglanz zeigen.


Fig. 1. Das Lederzeug.
Fig. 1. Das Lederzeug.

Das Zaumzeug ist entweder die »Reittrense« oder die »Kandare«. Die Trense, vielfach auch aus zwei Mundstücken bestehend und dann Doppeltrense genannt, besteht aus einem einfachen, gebrochenen starken Mundstück mit großen Ringen, an denen sich eventuell auch noch – gegen das durchs Maul ziehen – Knebel befinden (Knebeltrense). Das Lederzeug (Hauptgestell), an dem die Gebisse (Doppeltrense oder Kandare nebst Unterlegetrense) sitzen, besteht aus dem Genickstück (b), dem Stirnriemen (c), dem Kehlriemen (f), dem verschnallbaren Hauptbackenstück, in welchem die Kandare bezw. die große Trense eingeschnallt ist (e), dem Trensenbackenstück (d) für die Unterlegetrense, dem Nasenriemen (g), dem Kandarenzügel (h) und dem Trensenzügel (i).

Die einfache Trense hat nur ein Backenstück; das Hauptgestell der Doppeltrense ist dem der Kandare gleich, doch pflegt man die Trensen ohne Nasenriemen zu reiten, oder mit der Seidlerschen Reithalfter.

Sogenannte Hilfszügel sind der »Martingal«, der einfache sowie der doppelte Seidlersche Schlaufzügel und der feststehende Sprungzügel. Die drei ersteren können unter Umständen bei der Dressur gute Dienste leisten, der schlechteste und gefährlichste ist der feststehende Sprungzügel, der ganz zu verwerfen ist. Für Pferde, denen der Sattel nach hinten rutscht, sei hier noch das Vorderzeug erwähnt, welches, besonders aus weißer Bandgurte gefertigt, sehr gut aussieht, daher vielfach auch als Zierzaum angewendet wird.

[1002] 1003. Das Sattelzeug. Der jetzt zumeist im Gebrauch befindliche Sattel ist das englische Modell, die sogenannte Pritsche. Bocksättel werden in der Civilreiterei weniger benutzt, hin und wieder für ältere Herren, dagegen der sehr bequeme deutsche oder Schulsattel. Der englische Sattel besteht aus einem ziemlich einfachen Sattelgerüst aus Holz bezw. Leder und Eisen, welches innen gepolstert, außen mit Schweinsleder überzogen ist. Der Sitz ist je nach dem stärkeren Bau des Reiters wie auch der Form des Pferderückens länger oder kürzer, schmaler oder breiter.

Die Kammer (im Laienmunde Sattelknopf genannt) muß hoch und – besonders bei Pferden mit hohem Widerrist – zurückgezogen sein. An den Sattelklappen befinden sich vorn Pauschen, welche dem Knie einen angenehmen Stützpunkt gewähren. Jeder Sattel wird mit 2–3 Gurten festgeschnallt, für welche am Baum Strippen angebracht sind. Die Steigbügelriemen, in denen die Bügel hängen, laufen durch eiserne, am Baum befindliche Krampen, welche mit Sturzfedern versehen sind, damit der Reiter bei event. Trennen vom Pferde nicht im Bügel hängen bleibt und geschleift wird. Die Schnalllöcher der Bügel sind mit Nummern versehen, was das Verpassen und die Kontrolle der Gleichheit der Länge der Bügelriemen erleichtert. Um das Pferd vor Druckschaden zu bewahren, muß die Polsterung halbjährlich revidiert werden. Dieselbe muß so hoch sein, daß an der Kammer 3 cm über dem Rückgrat ein 1 cm im Quadrat haltender leerer Raum, zum Durchzug für die Luft bestimmt, frei bleibt. – Der Sattel soll auf dem Pferde eine Handbreit hinter den Schulterblättern liegen, in welcher Lage er bei Pferden mit guter Sattellage auch verharrt. – Bei Pferden mit starkem Heubauch und wenig Widerrist wird der Sattel aber bald nach vorn rutschen und mit dem Gewicht des Reiters die Vorhand zu stark belasten. Um dies zu verhindern, bedient man sich eines sogenannten Vordergurtes, der aber vorsichtig benutzt werden muß, wenn er nicht drücken soll. – Das Gegenteil des Vorrutschens des Sattels bildet das Zurückrutschen desselben, was bei flachgerippten, rankleibigen Pferden vorkommt und unangenehmer ist, als das erstere. Dagegen wendet man das bereits erwähnte Vorderzeug an. Das Vor wie das Zurückrutschen des Sattels tritt ein, sobald die Sattelgurte anfangen locker zu werden, was sich einstellt, wenn man eine Weile geritten ist. Bei nicht elastischen Gurten ist dasselbe nicht zu vermeiden, weil ein übermäßiges Festziehen der Gurte nicht stattfinden darf. Man nennt dieses Nachlassen der Gurte »Schwinden des Bauches«. Dieses entsteht dadurch, daß sich die meisten Pferde beim Satteln etwas aufblasen. Es wird sich demnach empfehlen, nachdem man eine halbe Stunde geritten, die Gurte etwas nachzuziehen.

Die Sattelgurte bestehen aus breit angefertigten Bandgurten von Wolle oder Leinen, oder aus miteinander verbundenen einzelnen Schnüren, den sogenannten Strickgurten. Bei der Beschaffung des Sattels thut man gut, das beste zu nehmen, was man findet, da ein guter Sattel drei schlechtere aushält, abgesehen vom Aerger, den man durch Drücken, Reparaturkosten u.s.w. hat.

Zum Schutz des Pferderückens gegen Druckflecke und des Sattelpolsters gegen den Schweiß dient die Unterlegedecke, die man am besten aus weichem, dunkelblauem oder lederfarbenem Filz oder Kirsey gefertigt nimmt. Wer weiße Unterlegedecken liebt, nehme dazu nicht Leinwand oder Leinwandfutter, sondern Tuch. Die Leinwand wirft leicht Falten, drückt dann und kühlt auch zu sehr. Farbige oder gestickte Unterlegedecken zu führen, gilt nicht für chick.

[1003] 1004. Der Sitz und Haltung zu Pferde werden in den meisten Fällen mit dem kavaliermäßigen Aussehen des Reiters, welches von demselben unzertrennlich sein muß, ebenso wie mit der Sicherheit des Sitzes konkurrieren, ja sogar davon abhängen. Dazu paßt allerdings nicht der heutzutage so vielfach beliebte saloppe Reitsitz, der mit dem gigerlhaften Anzug auf einer Stufe steht und dem wirklichen Reiter ein Greuel ist. Er ist eine Verzerrung des Rennsitzes, welcher letztere dahin gehört, wo er notwendig ist, jedenfalls nicht auf die Promenade. Bestens vornübergeneigt, mit krummem Rücken, durch die Bügel gesteckten Füßen und nachlässiger Zügelführung giebt so ein »Kavalier« ein ziemlich trauriges Bild eines Reiters ab. – Kopf und Oberkörper seien stolz aufgerichtet, lieber mit einer geringen Neigung nach rückwärts als nach vorwärts, und zwar ist diese Position in allen Gangarten beizubehalten – mit Ausnahme vielleicht des Leicht- oder Englisch-Trabens, bei welchem der Oberkörper eine geringe Neigung nach vorn annehmen kann. Doch darf derselbe keinerlei Zwang oder Steifung zeigen; die Schultern, natürlich herabfallend, sind zurückgenommen, der Zügelarm, annähernd zum rechten Winkel gekrümmt, ruht mit dem Oberarm leicht am Körper, der rechte Arm hängt zwanglos hinter dem Oberschenkel herab, ohne sich bei schnelleren Gangarten zu bewegen, die linke Hand (Zügelfaust) steht aufrecht (Daumen oben, der kleine Finger unten) eine Handbreit über dem Sattelknopf, die innere Handfläche, auf der die Oberglieder der Finger ruhen, dem Leibe zugedreht. In dieser Stellung hat dieselbe auch in den schnelleren Gangarten zu verharren und nicht schmiedehammerartig auf und nieder zu fahren. Um dies trotz der Bewegungen des Pferdes zu ermöglichen, muß das Ellenbogengelenk locker bleiben, weil es allein im stande ist, in dieser Weise das Stetighalten der Hand zu vermitteln. Reitet man mit angefaßtem Trensenzügel, so nimmt die rechte Hand dieselbe Stellung ein, wie die linke, und zwar so, daß zwischen beiden Händen ein Spielraum von Handbreite bleibt.


Fig. 2. Sitz und Haltung zu Pferde.
Fig. 2. Sitz und Haltung zu Pferde.

Die Hüften, senkrecht zur oberen Sattelfläche gestellt, bilden mit den beiden auseinander gegebenen Sitzbeinen die Basis des Sitzes; die Oberschenkel, nach innen gedreht und möglichst zurückgenommen, schließen sich fest an den Sattel an. Die inneren Flächen des Knies müssen so dicht anliegen, daß man in schnelleren Gangarten einen Thaler damit festhalten kann. Dies nennt man den »Schluß«, und auf ihm basiert die Sicherheit des Sitzes. Diese Position, welche man auf dem englischen Sattel oder der Pritsche annimmt, heißt der »Stuhlsitz«, im Gegensatz zu dem »Spaltsitz«, wie ihn z.B. die eigentümliche Form des ungarischen Bocksattels erfordert. – Das Verharren des Gesäßes im Sattel bei senkrecht gestelltem Oberkörper sichert die Beherrschung der Hinterhand.


Fig. 3 u. 4. Reitanzüge.
Fig. 3 u. 4. Reitanzüge.

Die Unterschenkel hängen mit loser Fühlung der Waden an den Seiten des Pferdes senkrecht zum Erdboden, die Füße sind mit ihren Spitzen in die Richtung des Ganges gestellt, die Fußspitzen sind angezogen und demgemäß die Hacken gegen den Erdboden gedrückt. Die Ballen ruhen auf der Trittfläche der Steigbügel, dieselben leicht festhaltend, ohne sie zu verlassen, weshalb das Knöchelgelenk beim Werfen im Trabe sich stets in federnder Bewegung zu befinden hat. Wie beim Oberkörper, so muß auch bei den Partien vom Knie abwärts jeder Zwang ausgeschlossen werden, – denn nur dadurch kann die Leichtigkeit und die Eleganz des Reitsitzes erreicht werden, wie wir ihn eben bei excellenten Reitern sehen. – Die am häufigsten vorkommenden Fehler des Reitsitzes sind: Herausheben des Gesäßes aus dem Sattel, Krümmen des Rückens, Vornehmen des Kopfes bezw. des Kinnes und der Schultern, Emporziehen der Knie, Auswärtsdrehen der Fußspitzen und Abspreizen der Ellenbogen. Daß bei einem solchen Sitze das Bild des Reiters ein ziemlich jammervolles, lächerliches ist, braucht wohl kaum angeführt zu werden.

[1004] 1005. Der Reitanzug, welcher bei der Dame eine so hervorragende Rolle spielt, ist auch für den Kavalier nicht ohne Bedeutung. Wenden wir uns also dem durch die zeit'ge Mode bevorzugten Reitanzuge für Herren zu, indem wir einführend bemerken wollen, daß die Modelle, nach denen unsere Abbildungen angefertigt sind, uns von der Firma Hermann Hoffmann, Berlin, bereitwilligst zur Disposition gestellt worden sind.

Um mit der Kopfbedeckung zu beginnen, so ist von derselben zu bemerken, daß der runde, steife Filzhut prävaliert. Auch ein Cylinderhut in der geraden englischen Fasson wird getragen und besonders von Berufsreitern bevorzugt, doch ist ein weicher Filzhut ganz undenkbar, sowohl für den Reiter wie für den Gentlemanfahrer.

Was den Rock anbetrifft, so ist das kurze Reitjackett mit den beiden Seitenschlitzen vollständig passé. Heute trägt der Gentleman einen vorn auf drei Knöpfe geschnittenen Reitrock mit Schößen in gemäßigter Länge, welche vorn gerade und an den Enden ein wenig abgerundet, auf den Hüften bauschig gehalten sind. Letzteres hat den Zweck, daß die etwas abstehenden Breeches – auf welche wir noch zurückkommen – bequem liegen. Die kurzen Revers des Rockes rollen offen, doch kann der Rock, was viele beim Reiten bevorzugen werden, auch zugeknöpft getragen werden. Das Material zum Rock besteht meist aus schwarzem oder grauem englischen Melton bezw. dicht gewebtem Cheviot, doch darf für die heiße Jahreszeit auch gebrühtes Leinen verwendet werden.

Seit der Erfindung der »Breeches« ist das enganliegende und unbequeme Reitbeinkleid vollständig verschwunden. Zweifellos hat man sich an den Anblick dieses monströs ausschauenden, aber ungemein praktischen Kleidungsstückes englischer Provenienz erst gewöhnen müssen, welches anfangs nur bei den Bediensteten auftrat, um infolge seiner Zweckmäßigkeit auch bei den Gentlemanreitern sich einzubürgern. Die Breeches, welche sowohl oberhalb wie unterhalb des Knies – keinesfalls aber auf demselben – festsitzen müssen, sind, wie aus der Abbildung ersichtlich, um den Oberschenkel weit geschnitten.


Fig. 5. Die Breeches.
Fig. 5. Die Breeches.

Das darf jedoch nicht übertrieben werden, wenn der Zweck der Bequemlichkeit gewahrt bleiben soll, andererseits werden sie beim Reiten Falten schlagen und Veranlassung zum »Durchreiten« geben. Sie sind also von oben an etwas weit und abstehend gehalten und endigen unterhalb der Kniekehle knapp anliegend, wo sie mit den nach vorn sitzenden Knöpfen geschlossen werden. Ein Reitbesatz von Rehleder innerhalb des Knies, bisweilen auch unter dem Sitz, ist durchaus statthaft. Für die Breeches verwendet man mit Vorliebe dicht gewebte Diagonal-Cordstoffe, denen im Sommer gleichfalls gebrühtes Leinen substituiert werden kann.

Zur Weste, welche ohne Shawl mit vier Pattentaschen geschnitten wird, nimmt man gestreifte, kurzgeschorene Cheviots in grünem, modefarbenem oder auch rotem Grundton.

Die Bekleidung des unteren Beines besteht aus den bekannten Röhrenstiefeln aus schwarzem Lack- oder naturgelbem Leder mit englischem (breiten und flachen) Absatz, zu welchen Anschnallsporen in Jockeyfasson getragen werden. Diese Stiefel weichen jedoch in der warmen Jahreszeit den Reitgamaschen aus leichtem Boxcloth oder Pigskin, auch wohl aus gebrühtem Leinen.

Der Reitpaletot, der sog. »Raglan«, ist kurz und hat auf jeder Seite zwei lange Schlitze. Unten ringsherum befindet sich eine mehrfache Steppnaht, während den sämtlichen sonstigen Nähten Riemen aufgesteppt sind. Nach dem modernen Schnitt sind Aermel und Schulter in einem Stück gehalten, und der Rücken wird in Phantasieform mit Riemen übersteppt.

Daß man sich beim Reiten der sog. rot- oder gelbbraunen Dogskinhandschuhe bedient, von denen die von Dent oder Fowner mit übersteppten Ziegelnähten ein besonderes Renommee haben, darf als bekannt vorausgesetzt werden.

[1005] 1006. Der eine Dame als Kavalier begleitende Herr muß ein vollendeter Reiter sein, weil er gezwungen ist, seine Aufmerksamkeit stets auf seine Begleiterin und das dieselbe tragende Pferd zu richten, ohne dabei sich und sein Pferd zu vergessen. Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart würden seine unerläßlichen geistigen Gaben sein müssen, um im Moment der Gefahr das richtige Mittel zur Begegnung derselben unverzüglich in Anwendung bringen zu können. Er reitet zur rechten Seite der Dame, weil er dort nicht mit den Beinen derselben in Berührung kommt – dicht heranreiten kann, um eventuell eine Unordnung im Ajustement auszugleichen oder den Sattelgurt oder Bügel um ein Loch zu verändern, auch einmal, wo es nötig erscheint, bei der Zügelführung behilflich zu sein. Zu diesen Zwecken muß er verstehen, sein Pferd inzwischen mit der rechten Hand zu führen, welches wiederum so dressiert sein muß, daß es durch eigene Ungezogenheiten nicht auch das Pferd der Dame unruhig macht. Es wird vorteilhaft sein, daß der Herr bei schnelleren Gangarten sich mit seinem Pferde um eine Viertelspferdelänge hinter der Nase des Pferdes der Dame halte, um dieses nicht unnütz aufzuregen, und um, falls jenes wirklich einmal etwas heftiger werden sollte, ihm in kürzester Zeit in die Zügel fallen zu können. Unter Umständen wird er dagegen zu vermeiden haben, in kurzem Abstand hinterher zu jagen, weil dadurch das aufgeregte Pferd der Dame nur zu immer größerer Schnelligkeit angeregt werden würde. In solcher Lage ist die Dame aller dings ganz auf sich selbst angewiesen, denn vor einem Sturze würde sie ihr Kavalier doch kaum bewahren können, und schließlich wird sie auch selbst bald wieder Herrin des Pferdes werden, welches, gewöhnt in Gesellschaft zu gehen, meist bald zur Besinnung kommen wird, wenn es seinen Kompagnon nicht hinter sich hört. –

[1006] 1007. Der Gentleman als Equipagenbesitzer hat manche Dehors zu beobachten. Viele Equipagenbesitzer nämlich wissen gar nicht, daß es auch im Fahrwesen »internationale Anstandsregeln« giebt. Sie glauben, wenn sie allein ihrem Geschmack, bezw. dem ihres Kutschers folgen, daß sie äußerst chic fahren, und wundern sich, wenn mancher Fachmann über ihre Anspannung lächelt oder gar mit einer scharfen Kritik bei der Hand ist.

Ueber Reiterei ist zu allen Zeiten viel geschrieben worden und niemand, der sich ein Reitpferd zulegt, wird versäumen, auch Unterricht in dieser edlen Kunst zu nehmen. Ferner hat der bildende Einfluß der Armee die Elementargrundsätze schulgerechten Reitens zum Gemeingut des pferdeliebenden Publikums gemacht.

Wie anders steht es mit der Fahrkunst! Die Anschaffung von Wagen und Pferden ist vielfach nur der erste Ausdruck, durch welchen der Welt bekannt wird, daß der glückliche Besitzer sich in auskömmlichen materiellen Verhältnissen befindet. Hocherfreut über die gemachte Erwerbung besteigt der moderne Phaeton den Bock, ergreift Peitsche und Leinen und ist überzeugt, nun auch ein perfekter Kutscher zu sein. Wie sollte er sich auch über seinen Irrtum klar werden, denn die Masse seiner Nebenmenschen, welche den Kutscher spielen, machen keine bessere Figur wie er.

Wie soll nun ein Fuhrwerk aussehen, damit es das Auge des Kenners angenehm berührt? Es muß vor allem Charakter haben, d.h. der Wagen muß in Form und Ausführung seinem Gebrauchszweck entsprechen, Pferde und Geschirre müssen dazu passen, der Kutscher entsprechend gekleidet sein. Und Charakter kann jedes Fuhrwerk haben, ohne daß seine Zusammenstellung viele Tausende gekostet hat.

»Wenn mir eine kurze Abschweifung erlaubt ist,« so läßt sich ein Mitarbeiter des »St. Georg«, des Organs des »Deutsch. Sportvereins« über dieses Thema vernehmen, »so möchte ich auf Herrenkleider exemplifizieren. Es giebt Leute, die ihre Kleider und Stiefel für teures Geld bei den ersten Firmen machen lassen und doch in ihrer ganzen Erscheinung immer unvorteilhaft abstechen gegen andere, die bei sehr viel geringerem Aufwand immer durch ihr wohlgepflegtes Aeußere auffallen. Bei einer Equipage ist das nicht anders. Man denke nur einmal an ein Jagdrendezvous auf dem Lande. Da kommt ein junger passionierter Kavallerieoffizier angefahren in einem zweirädrigen Dogcart, eingespannt irgend ein braver Brotverdiener, der die übrigen Tage der Woche vor dem Zuge unentwegt sein Tempo gelaufen ist. Neben seinem Herrn der Bursche, womöglich in Uniform. Aber alles paßt und klappt, und es ist eine Freude für jedermann, ein solches Fuhrwerkchen zu sehen. Zur selben Zeit erscheint am selben Ort ein schwer reicher Fabrikant. Sein Wagen ist der teuerste, den man für Geld kaufen konnte. Auch für seine Rosse wird er eine gute runde Summe los geworden sein, aber zusammen gehen, das kann das Paar nicht. Rauhes Haar, lange Mähnen, zipfelige Schweife verraten eine mangelhafte Stallpflege, die Geschirre passen nicht, der Kutscher hat einen Schnurrbart, trägt dafür aber einen Tressenhut und was dergleichen Sünden mehr sind, kurz, mit Geld allein ist die Sache eben nicht zu machen, es gehört vor allem Verständnis und auch ein bißchen Geschmack dazu.

Es ist ein Verdienst des »deutschen Sportvereins«, den Wettbewerb für Equipagen in Berlin ins Leben gerufen zu haben. Andere Städte sind bereits dem Beispiel gefolgt, so Frankfurt a.M., Köln und in neuester Zeit auch Hamburg. Vielleicht gelingt es, durch diese Unternehmungen auch in unserem lieben deutschen Vaterland Verständnis für korrektes Anspannen und Fahren in alle die Kreise zu tragen, welche – sei es aus Liebhaberei, sei es aus Bedürfnis – sich Wagen und Pferde halten, denn nirgends herrscht über diese beiden Dinge größere Unklarheit wie bei uns. Ich möchte mich hier besonders an den Teil der Leser wenden, der nur als Zuschauer, aus Interesse zur Sache, zu den Wettbewerben für die Equipagen erscheint, der zwar selbst zu Hause Pferde und Wagen besitzt, aber niemals daran denkt, selbst als Konkurrent bei einem Wettbewerb aufzutreten. Aber gerade diese Herren sind es, die als Förderer unserer Ziele nach Hause zurückkehren müssen, soll unser Streben und unsere Arbeit von nutzbringendem Erfolg auch für weitere Kreise sein. Sie sollten versuchen, sich das Bild der prämiierten Gespanne recht einzuprägen und, nach Hause zurückgekehrt, einmal ihr eigenes Gefährt mit einem der gesehenen vergleichen. In vielen Fällen wird es möglich sein, durch eine ins Kleine gehende Revision der Anspannung schon überraschende Verbesserungen zu erzielen, Verbesserungen, die nicht einen Pfennig kosten. Muß aber einmal ein neuer Wagen, ein neues Geschirr oder sogar ein Pferd gekauft werden, so wird das bei dem Wettbewerbe Gesehene vielleicht die Wahl beim Kauf erleichtern oder der Wahl eine ganz neue Richtung geben; denn man hat eine ganz andere Idee bekommen von dem, was nicht nur praktisch und zweckentsprechend, sondern auch hübsch, korrekt und sogar nach der Mode ist.«

[1007] 1008. Die Etikette- und Geschmacksregeln im Luxusfahrwesen sind ebenso veränderlich, wie die Mode und der Geschmack selbst, immerhin sind sie vorhanden, und man hat sich ihnen zu fügen, wenn man überhaupt Anspruch darauf macht, beachtet oder nicht nur mit einem malitiösen Lächeln genannt zu werden. Liebte man z.B. bisher am Luxuswagen jeder Art Leichtigkeit der Formen, in gestreckten Linien und in lebhafter Farbe gehalten, so dringt jetzt von Norden und Westen immer mehr oder minder die schwere, massige, steile, in möglichst dunklen Farben gehaltene Wagenform auf uns ein. Selbstredend müssen dann auch die Pferde dementsprechend von gewisser Größe und Schwere der Formen sein, um der Equipage ein harmonisches Bild zu geben, denn in erster Linie müssen doch Wagen und Pferde miteinander harmonieren. Auch im Geschirr. Reich plattierte Geschirre werden nur zur Gala bei besonders festlichen Gelegenheiten aufgelegt – während man sich sonst einfacherer Geschirre mit wenig Plattierung bedient. Auch der Kutscher, seine Haltung wie sein Ajustement müssen damit in Uebereinstimmung stehen. Daß der Kutscher selbst nur in höchst vereinzelten Fällen in der Lage sein wird, hierin maßgebend zu sein, ist ja selbstverständlich, und so wird der Unbeteiligte nach dem Aussehen der Equipage – ex ungue leonem – auf den Geschmack der Herrschaft selbst schließen können. Es ist mir sehr wohl bekannt, daß man im großen und ganzen diesen Dingen leider wenig Bedeutung beilegt – jedoch mit Unrecht.

Man darf dabei aber nicht vergessen, daß »Eleganz« und »Pracht« durchaus nicht dasselbe sind. Wenn man z.B. hier in Berlin die sogenannten »Brautkutschen« in Broughamform in ihrer geschmacklos überladenen Pracht mit den reichen, silberplattierten Geschirren und den bunten Kutscherlivreen sieht, so wird kein Fachmann dieselben »elegant« finden, ob der Kutscher auch einen noch so stolzen Voll- oder Schnurrbart trägt. Nach englischen Regeln ist ein bärtiger Kutscher überhaupt ein Unding, und solange wir keine deutschen Etiketteregeln haben, nach denen das etwa gestattet wäre, wird in Häusern, in denen man auf Chic Anspruch macht, der Kutscher keinen Schnurrbart tragen dürfen.

In einem gut montierten Stalle unterscheidet man drei Arten der Anspannung – Gala, täglicher Gebrauch und Negligé, welche jedes für sich, in Bezug auf die Bekleidung des Kutschers, die Art der Pferde, die Beschirrung und die Wahl des Wagens genau auseinander zu halten sind.

Die Galaequipage, welche nur in fürstlichen oder besonders vornehmen Häusern zur Anwendung gelangt, erfordert große stattliche, gleichfarbige Karossiers, welche in reich plattierten Geschirren gehen. Der Galawagen, auf C-Federn ruhend und mit Langbaum versehen, ist in prächtigster Weise ausgestattet, der Kutscher trägt betreßten Leibrock mit Fangschnüren, Sammetkniehosen, Strümpfe und Schnallenschuhe, – einen betreßten Dreispitz und gepuderte Perücke.

Die vom Kutscher geführten Equipagen zum alltäglichen Gebrauch umfassen – wenn wir von allen Separatausdrücken für gewisse Wagenformen absehen wollen – den Landauer, das Coupé und die Viktoria, welche mit Pferden in passender Größe bespannt werden. Die Beschirrung ist die eines leichten Kummetgeschirrs, mit diskreten blanken Teilen, leichten Fahrkandaren, – und wenn man der Mode entsprechen will, Scheuklappen, während Aufsatzzügel nicht obligatorisch sind. Das leichte Coupé kann auch einspännig gefahren werden, falls ein stattliches Coupépferd mit guter Aktion und Aufsatz vorhanden ist.

Das Negligé, welches vornehmlich bei den Herrengefährten zur Geltung gelangt, gestattet schon mehr Freiheiten. In erster Linie darf der Kutscher statt des Cylinders einen runden Hut, oben mit einer schwarzen Lederkokarde an der Seite, tragen, auch tritt hier, besonders im Selbstfahren, der Gentlemanfahrer in den Vordergrund.

Jedenfalls muß der Charakter der Equipage erkennbar sein, bei welcher man entweder den englischen, den ungarischen oder den amerikanischen Geschmack zum Ausdruck bringt, und worüber später noch näheres berichtet werden wird.

[1008] 1009. Die korrekte Anspannung ist eine der ersten Anforderungen, welche man an eine Equipage zu stellen hat. Bei der außerordentlichen Verschiedenheit der Anspannungen und Wagen werden aber die bisher gemachten allgemeinen Andeutungen kaum genügen, um dem Equipagenbesitzer aus der Verlegenheit zu helfen, wenn er ein korrektes Gespann zusammenstellen will. Wir wollen daher etwas näher auf die Materie eingehen, indem wir auf Grund der vom »Deutschen Sportverein« veröffentlichten allgemeinen Gesichtspunkte für die Anspannung und Beschirrung von Equipagen die in Betracht kommenden Gattungen der letzteren spezialisieren.

Was zunächst die Pferde betrifft, so werden solche unterschieden in:

1. Wagenpferde schweren Schlages, über 170 cm Bandmaß;

2. Wagenpferde mittlern Schlages, über 160 bis 170 cm;

3. Leichte Wagenpferde, über 155 cm;

4. Jucker;

5. Ponys, Größe unter 155 cm.

Die zur Verwendung gelangenden Pferde müssen gesund und fehlerfrei sein, gute Gänge haben und besonders auch gute Durchbildung zeigen, bei Zwei-und Mehrspännern in Gang und Haltung zu einander passen und gleichmäßig arbeiten. Letzteres ist sehr wichtig und hängt vom richtigen Verschnallen der Kreuzleinen am Kreuz und den Kenntnissen des Fahrers ab.

Die Pferde müssen zum Wagen in Bezug auf Größe und Anspannungsart passen, z.B. können Jucker nicht am Landauer oder schwere Karossiers in kleinen, leichten Selbstfahrern gezeigt werden. Koupierte Hunters passen nicht für die Troika, Langschweife und Hengste nicht an die Coach oder zum Tandem u.s.w.

Von der Beschirrung ist zu bemerken, daß Sielen nur Verwendung finden bei Gespannen mit Jucker-oder amerikanischer Anspannungsweise, ferner bei Postzügen und gelegentlich beim Vorderpferd des Tandems. Im übrigen herrscht das schwerere oder leichtere englische Kummetgeschirr vor.

Im Einspänner: Sellete mit Hinterzeug oder Schlagriemen. Scheuklappen sind stets dabei vorhanden, Fahrtrensen nur bei Sielengeschirr.

Bezüglich der Anspannung ist anzuführen, daß den Pferden das Kummet – auch im Stehen – der Schulter aufliegen muß, nicht nur dem Nacken; es darf also bei ins Geschirr getretenen Pferden nicht in der Luft schweben. Danach kann also die Länge der Aufhalter reguliert werden. Jedenfalls ist es rationeller, die Pferde etwas lockerer, als zu fest einzuspannen. Die Pferde dürfen durch die Aufsatzzügel niemals in eine qualvolle, unnatürliche Haltung gezwängt werden, Overchec ist nur bei amerikanischer Anspannung gestattet. Die Stränge sind so zu regulieren, daß die Pferde – ausgenommen das Tandemvorderpferd – kurz angespannt erscheinen, jedoch in keiner Weise Radreifen, Sprengwage oder Bockbrett berühren können.

Die Ausstattung des Gespannes betreffend, so müssen Wagen und Geschirr auf Grund guter Haltung einen durchaus herrschaftlichen Eindruck machen, ebenso wie die Livree des Kutschers, bezw. des Grooms.

Von dem Kutscher, welcher dem Gespann durch Haltung, Leinenführung und Adjustierung den Stempel aufdrückt, soll später eingehender gesprochen werden.

Da die englische Anspannung auch die englische Leinen- bezw. Peitschenführung bedingt, so soll diese hier etwas näher erläutert werden.

Unter englischer Zügelführung versteht man beim Ein- und Zweispännigfahren: Die beiden Leinen (nicht vier Zügel, sogenannte Wiener Leinen) werden derart durch Zeigefinger und Mittelfinger getrennt, daß die linke Leine oben liegt.


Fig. 6. Englische Zügelführung.
Fig. 6. Englische Zügelführung.

Daumen und Zeigefinger der linken Hand sind dabei nicht fest geschlossen, nur Mittel-, Ring- und kleiner Finger umschließen die Zügel fest. Es ist genau so richtig, mit zwei Händen zu fahren. Die linke Leine bleibt gerade wie bei der Führung mit einer Hand.


Fig. 7. Zügelführung mit beiden Händen.
Fig. 7. Zügelführung mit beiden Händen.

Die volle rechte Hand (nicht zwei oder drei Finger derselben) zieht die rechte Leine ca. 20 cm. aus der linken Hand hervor, gleitet dann auf der rechten Leine so weit zurück, bis die rechte Hand genau neben der linken steht, die Handoberflächen senkrecht, die Daumen einander zugeneigt. Will der mit zwei Händen fahrende Kutscher die Peitsche gebrauchen, so hat er zuerst beide Leinen in die linke Hand allein zu nehmen. Dieses geschieht am vorteilhaftesten, indem die linke Hand den linken Zügel zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand giebt, beide Leinen losläßt und Zeige- und Mittelfinger der linken Hand vor der rechten Hand wieder zwischen die beiden Zügel bringt, diese der rechten Hand auf diese Weise gänzlich abnehmend.

Der Kutscher hängt das Zügelende an den linken kleinen Finger, damit der Groom beim Abspringen nicht hängen bleibt. (Der Herr läßt die Leinen bei jedem Anspann neben dem linken Schenkel herabhängen.) Der Schlag der englischen Bogenpeitsche gehört nicht um den Stock gewickelt und hat keine buntseidene Knappe (Spitze).

Gewickelt, dann aber korrekt aufgefangen wird nur die Vierer- und Tandempeitsche. Die Leinen sind stets aus einfachem, gelbem Leder gearbeitet, nicht doppelt genäht oder gar mit schwarzen Schnallstrippen versehen, sie haben feste Handstücke, niemals angeschnallte »Handstutzen«.


Fig. 8. Das Coupé.
Fig. 8. Das Coupé.

Danach gehen wir zu den verschiedenen Anspannungsarten über, und beginnen mit den Einspännern, von denen vier Hauptklassen in Betracht kommen.

1. Das Coupé, der Hansom u.s.w. erfordert einen hervorragenden Karossier oder Cob, dessen Beschirrung aus einem schweren, plattierten Selletgeschirr besteht, und welcher auf Buxton- oder Liverpoolkandare geführt wird. Aufsatzzügel sind nicht obligatorisch.

2. Die Viktoria, deren Größe bekanntlich sehr variiert, muß ein Pferd haben, welches der Größe des Wagens angemessen ist, jedenfalls mit eleganter Aktion. Dasselbe trägt ein leichtes Kummetselletgeschirr, ebenfalls Buxton- oder Liverpoolkandare mit oder ohne Aufsatzzügel.


Fig. 9. Die Viktoria.
Fig. 9. Die Viktoria.

3. Der Damenparkwagen (Duc) wird von einem kleinen Hackney, Cob oder Pony bis zur Größe von 1,60 m geführt. Die Beschirrung ist gleich den oben geschilderten, doch ist jede Art von Kandare gestattet. An die Stelle des Kutschers tritt der Groom.

Bei den außerordentlich vielseitig gestalteten zweirädrigen Herren- und Damenwagen, wie Cabriolet, englisches Buggy, Dogcart, Rallicart, Charette, Roadcart u.s.w. richtet sich die Größe des Pferdes nach der Höhe der Räder, so daß die Scherbäume ungefähr parallel zum Erdboden stehen. In ein Cabriolet gehört stets ein durch Figur und Gang auffallendes Pferd, Karossier leichteren Schlages oder größerer Hackney, während man für die übrigen Gefährte, wie schon angeführt, der Höhe der Räder angemessen, Hackneys, Hunters, Cobs, Ponys und Amerikaner verwenden kann. Die Beschirrung im Cabriolet ist Coupégeschirr – doch niemals von braunem Leder – welches die starkgebogenen Scherbäume in eisernen Tragösen trägt.


Fig. 10. Dogcart.
Fig. 10. Dogcart.

Die übrigen Wagen führen schwarzes oder braunes Giggeschirr, zu welchem ersteren auch ein farbiges Kummet benutzt werden kann.

Für den Roadcartist amerikanisches Trabergeschirr erforderlich, im Fall das Pferd den nationalen langen Schweif hat.


Fig. 11. Das Tandem.
Fig. 11. Das Tandem.

Das Tandem, bekanntlich eine der beliebtesten und elegantesten Sportbespannungen, bei welcher ein Pferd vor dem anderen geht, bedarf einer sogenannten Tandemcart oder hohen Dogcart, deren Radhöhe (bezw. auch Gewicht) lediglich von der Größedes Gabelpferdes abhängt. Die Cart muß so hoch sein, daß man vom Bockkissen aus über Kopf und Hals des Gabelpferdes diejenige Stelle der Straße sehen kann, über welche das linke Wagenrad gehen wird. Sie führt fast gerade Gabelbäume, welche in der Anspannung horizontal liegen müssen. Zur Ansträngung ist ein bewegliches Ortscheit erforderlich, welches am besten durch Ketten an der Achse befestigt ist.

Die Bespannung bedarf besonderer Auswahl. Das Gabelpferd soll kräftig, tief und kurzbeinig, das Sitzpferd schnittig, gängig, lebhaft sein, gleichzeitig aber äußerst sicher im Vorwärtsgehen.


Fig. 12. Englische Leinenführung.
Fig. 12. Englische Leinenführung.

Die Beschirrung besteht aus einem schwarzen (ev. auch braunen) Kummetselletgeschirr. Das Vorderpferd kann zwar auch im Brustblatt-, aber niemals in einem halben Zweispännergeschirr mit Kammdeckel gehen. Die Vorderstränge sind mit Karabinerhaken am Strangschnallenstück des Gabelpferdes eingehakt, niemals an der Spitze der Scherbäume.


Fig. 13. Französische Leinenführung.
Fig. 13. Französische Leinenführung.

Die Selletschlüssel des Gabelpferdes sind sichelartig geteilt, so daß der untere Teil zum richtigen Einziehen der Hinterzügel genügenden Raum bietet. Hat die Tandemcart keine Bremse, so ist Hinterzeug zu empfehlen. Jede Art von Kandare ist gestattet, beim Vorderpferd, besonders wenn es in der Siele geht, auch Fahrtrense. Die Leinenaugen der Kummetbügel sollen beweglich sein und sich dicht ans Kummet anlegen, damit sich die Vorderleine nicht darunter setzt. Bei einem empfindlichen Gabelpferde ist das gefährlich, weil dessen Zügel vor und hinter dem Leinenauge dadurch festgeklemmt werden kann.

Die Leinen bestehen aus einfachem Leder und dürfen nicht zusammengestoppelt sein. Sie bilden vier einzelne Zügel.

Die Leinenführung ist nach englischem Gebrauch genau dieselbe wie beim Viererzug: Die linke Vorderleine liegt über dem Zeigefinger, die rechte Vorderleine zwischen Zeige- und Mittelfinger. Gleich darunter die linke Hinterleine, und zwischen Mittel- und Ringfinger die rechte Hinterleine.

Nach französischer Manier, welche bei uns vielfach in Gebrauch ist, liegen die Leinen wie folgt: die linke Vorderleine über dem Zeigefinger, die linke Hinterleine zwischen Zeige- und Mittelfinger, die rechte Vorderleine zwischen Mittel- und Ringfinger, die linke Hinterleine zwischen Ring- und kleinem Finger. Erstere Leinenführung ist für diejenigen vorzuziehen, welche viel vierspännig fahren, da sie dieselben Handgriffe hier wie dort erfordert.

Wir gehen damit zu den Zweispännern über, indem wir mit den Selbstfahrern für Herren beginnen. Es präsentiert sich uns da eine große Anzahl der verschiedenartigsten Modelle, Mailphaeton, Demimailphaeton, Stanhopephaeton, Spiderphaeton, Curricle, vierrädriger Dogcart, amerikanischer Selbstfahrer (Buggy) u.s.w. Die Anspannungsart kann englischen, ungarischen oder amerikanischen Charakters sein.


Fig. 14. Mailphaeton.
Fig. 14. Mailphaeton.

Beim englischen Charakter besteht die Bespannung aus Hunters oder Hackneys, welche viel Aufsatz, Gang und Gleichmäßigkeit zeigen, jedoch ist gleiche Farbe nicht Erfordernis.


Fig. 15. Juckerbespannung.
Fig. 15. Juckerbespannung.

Die Beschirrung ist englisches Kummetgeschirr, für den Mailphaeton Coach-Wheelergeschirr, für die übrigen Wagen leichter, besonders für den Spider. Es werden Kandaren verschiedener Konstruktion verwendet, Aufsatzzügel sind nicht obligatorisch. Die statt der ledernen Aufhalter zu verwendenden Aufhalterketten müssen von poliertem Stahl sein, niemals plattiert. Der Kutscher trägt die englische Livree.

Der ungarische Charakter wird besonders durch die Juckerbespannung repräsentiert, bei welcher die Pferde Brustblattgeschirre mit oder ohne Ringgehänge oder Schalanken tragen. Aufsatzzügel werden nicht geführt, jedoch sind bewegliche Ortscheite für die Sielengeschirre erforderlich. Falls der Kutscher ungarische Nationaltracht trägt, gehört zu derselben Schnurrbart. Juckerpeitschen und Leinen mit Fröschen vervollständigen diesen Charakter.


Fig. 16. Die Viktoria.
Fig. 16. Die Viktoria.

Zum amerikanischen Charakter gehören Traber, Morgans, Roadsters, mit langen Schweifen, welche im Roadwagen, Runabout, Buggy u.s.w. gehen. Die Beschirrung derselben ist Kummet oder Siele von jenem typisch amerikanischen, leichten Bau, welchen die Trabrennbahn gezeitigt hat. Scheuklappen und Overchec können je nach Ermessen zur Anwendung gelangen oder nicht. Sind die betreffenden Pferde koupiert oder frisiert, so werden sie in leichten englischen Kummetgeschirren gefahren.

Als spezielle Damenselbstfahrer gelten der Damenphaeton, Duc, Spider, amerikanischer Damenphaeton u.s.w. Edle und gängige kleinere Pferde, bis 1,60 m groß, bilden die Bespannung. Die Beschirrung besteht aus leichtem Kummetgeschirr mit stahlpolierten Aufhalterketten, bei Juckern können auch Silengeschirre mit ledernen Aufhaltern und beweglichen Ortscheiten zur Verwendung gelangen. Statt des Kutschers fungiert der Groom.

Zur Gattung der Stadtwagen zählen die Barouche, der Landau, das Vis-à-vis, die Viktoria, das Coupé und deren Variationen. Die Bespannung bilden Karossiers von vornehmem Exterieur, gleichmäßigem Bau, viel Aufsatz und hohem Gang, welche, möglichst von gleicher Farbe, nicht koupierte, aber unten gestutzte Schweife tragen.

Die Beschirrung besteht aus dem schweren englischen Kummetgeschirr mit Lederaufhaltern (letztere stets, wenn der Kutscher fährt) – auch sind Rückenriemen und Decken unter dem Kammdeckel gestattet. Als Kandare ist das Buxtongebiß bevorzugt, keine Elbow- oder andere Coachinggebiß, außer der Liverpool-Kandare.


Fig. 17. Char-à-bancs.
Fig. 17. Char-à-bancs.

Die Viererzüge unterscheidet man in schwerere und leichtere, englischen und in solche ungarischen Charakters. Zu den schweren zählen Drag und Roadcoach, zu den leichteren Char-à-bancs, Break u.s.w., d.h. letztere je nach dem Bau des Wagens. Die Bespannung zeigt Pferde in Hunterart, besonders die Stangenpferde müssen stark, tief und kurzbeinig sein, während die Vorderpferde etwas leichter, edel und sehr gängig, sonst aber im gleichen Charakter sein müssen. Gleichmäßigkeit der Farbe ist nicht erforderlich. Die Beschirrung vor den schweren Wagen ist Park-Dragharneß, vor der Road-Coach Roadgeschirr, jedenfalls aber nicht zwei zusammengestellte Zweispännergeschirre. Zu den leichteren Wagen gehören leichtere Pferde mit entsprechendem Geschirr und stahlpolierten Aufhalterketten. Aufsatzzügel sind nicht unbedingt erforderlich, jedenfalls aber Bogenpeitsche und englische Leinenführung, wie schon beim Tandem beschrieben. Für die ungarischen Vierer- oder auch Fünferzüge, welche den Charakter des Leichten tragen, kommen wieder Sielengeschirre ungarischen Stils, Leinen mit Fröschen und Juckerpeitschen zur Anwendung.

Der Kutscher bedarf in Bezug auf seine allgemeinen Eigenschaften, seine Kleidung und seinen Dienst einer etwas eingehenderen Besprechung. Wie bereits angeführt, drückt der Kutscher der Equipage den Stempel auf. Ist seine Erscheinung auf dem Bock lodderig, so kann man gewiß sein, daß an dem Ganzen nicht viel daran ist. Da der Kutscher in vielen kleineren Ställen gleichzeitig der Stallmeister ist, so soll er außer einem genügenden Fachwissen auch folgende Haupteigenschaften besitzen: Mut, Umsicht, Ruhe, Kaltblütigkeit, denen sich ein gewisser Bildungsgrad zugesellen muß. Die Erfahrung, das Haupterfordernis, wird ja allerdings erst mit den Jahren kommen, doch bildet sie den Hauptwert eines gelernten Kutschers. Außer der Kunst des Fahrens selber, und zwar mit allen Anspannungen, die vorkommen können, würde sich seine Wissenschaft auf die Kenntnis des Pferdes, seiner Haltung und Pflege und einigem Wissen in der tierärztlichen, besonders wundärztlichen und hufschmiedlichen Praxis erstrecken müssen, wobei die Fähigkeit des Charakterisierens und danach Behandelns seiner Pferde von besonderer Wichtigkeit ist. In einer Unzahl von Ställen ist der leitende Kutscher eine Vertrauensperson, und demgemäß muß er sich führen, soll aber auch danach behandelt und honoriert werden.

Eine angenehme Erscheinung, gute Manieren, sowie geistige und körperliche Gesundheit gehören gleichfalls und um deshalb mit zu den Haupterfordernissen, weil zu einem eleganten Fuhrwerk auch eine gute Erscheinung auf den Bock gehört, weil ferner die geistige und körperliche Gesundheit die Grundlage ist, das Pferd dem Willen seines Lenkers zu unterwerfen, es zum Gehorsam zu zwingen, und weil jene allein ihm den Aufenthalt auf dem Bock bei jeder Witterung, bei Tage und bei Nacht gestattet.


Fig. 18. Roadcoach.
Fig. 18. Roadcoach.

Das Benehmen und die Ausdrucksweise des Kutschers der Herrschaft gegenüber muß höflich und bescheiden, doch militärisch kurz sein. Wenn die Herrschaft mit ihm spricht, so hat er, wenn er nicht auf dem Bock sitzt, die Kopfbedeckung abzunehmen und in der Hand zu behalten. Meldungen sind kurz und treffend anzubringen, und auf etwaige Befehle antworte er mit »sehr wohl« oder »zu Befehl«, wobei aber keine Verbeugung zu machen ist. Das nennt man »gute Manier«, welche auf jede Herrschaft einen angenehmen Eindruck machen wird.

Die Herrschaft aber möge sich hüten, dem Kutscher Befehle betreffs Pferdepflege zu erteilen, welche denselben zur Kritik veranlassen oder seinen praktischen Erfahrungen zuwiderlaufen. Dergleichen Befehle können unter Umständen dem Kutscher eine schwerwiegende Waffe der Herrschaft gegenüber in die Hand geben, wenn irgend etwas passiert, denn heutzutage ist auch mit dem Haftpflichtgesetz zu rechnen.


Fig. 19. Fünferzug.
Fig. 19. Fünferzug.

Es wäre durchaus verkehrt, einen Kutscher, der allein im Stalle ist – wenn er mehr wie ein Pferd hat – zu anderen Dienstleistungen heranzuziehen. Will er seine Pferde und das dazu gehörige Material wirklich voll in Ordnung halten, so bleibt ihm keine Zeit für andere Dienstleistungen. Ein guter Kutscher soll auch anständig honoriert werden.

[1009] 1010. Was die Bekleidung bezw. die Livree betrifft, so sei von vornherein bemerkt, daß noch immer der englische Geschmack dabei maßgebend ist, und daß daher, wer irgend Anspruch darauf macht, seiner Equipage ein geschmackvolles, den Anforderungen von Fachleuten genügendes Exterieur zu geben, sich auch in Bezug auf die Bekleidung des Kutschers den dafür geltenden Regeln zu fügen hat, auf welche ich jetzt näher eingehen will.

Die Haare des Kutschers sind militärisch kurz geschnitten; außer einem bis zur Höhe des Ohrläppchens reichenden Backenbart darf kein anderer Bart getragen werden. Einen Schnurrbart darf nur der ungarische Kutscher tragen, d.h. wenn das von ihm gesteuerte Gefährt durchaus ungarischen Charakter trägt.

Der Dienstrock des Kutschers besteht aus einem einreihigen Taillenrock, welcher in seiner Länge etwa bis zum Knie reicht, vielleicht auch etwas kürzer ist. Er hat Taschenpatten, während der Rock des Grooms ohne solche ist.

Um den Hals trägt er einen weißen Stehkragen mit abgestumpften Ecken und als Halstuch ein weißes Plastron, welches mittels einer Tuchnadel zusammengehalten wird.

Die Weste, meist aus gelb- oder weiß- und schwarzgestreiftem Zeug angefertigt, ist hoch und läßt das Plastron frei, doch ist sie wegen des zugeknöpft getragenen Rockes nicht sichtbar.

Was die Farbe des Rockes betrifft, so wählt man dunkle oder auch sandfarbene Töne, falls nicht die Wappenfarben maßgebend werden. Die Knöpfe können zwar blank und mit Wappen oder Monogramm versehen sein, doch sind auch überzogene Knöpfe beliebt. Treffen an Rock und Hut zu führen gilt nicht für chic, außer bei fürstlichen Marställen, welch letztere auch Achselschnüre tragen lassen.


Fig. 20. Gesamtanzug des Kutschers.
Fig. 20. Gesamtanzug des Kutschers.

Dazu werden dann weiße waschlederne Handschuhe getragen, während sonst Dogskinhandschuhe von braunroter Farbe üblich sind.

Die Beinkleider sind, ohne viel Falten zu werfen, aber auch ohne zu eng zu sein, von weißem Leder. Da sie nach der Wäsche einlaufen, dürfen sie von vornherein nicht zu eng gemacht werden. Man thut gut, dieselben, wie auch Prinz Reuß empfiehlt, nach dem Trocknen mit einer dünnen Lösung von Gummiarabikum zu bestreichen, was ihnen einen gewissen Glanz verleiht und das Abfärben verhindert.

Lange Hosen (mit schmaler Biese in der Farbe der Weste) darf der Kutscher nur für den kleinen Dienst tragen, d.h. wenn die Herrschaft nicht mitfährt.

Die Stiefel, mit Stulpen von hellem Leder und englischen Absätzen, jedoch ohne Sporenträger, sollen glatt anliegen, d.h. keine Falten werfen.

Zu dem Gesamtanzug eines derartig gekleideten Kutschers gehört ein schwarzer Cylinder, welcher bei adligen Herrschaften mit einer Kokarde in den Wappenfarben an der linken Seite versehen ist.

Die übrige Gentry und der Bürgerstand führen keine Kokarden. Daß ein Kutscher mit Mütze die Herrschaft führe, ist ganz undenkbar. Der Winteranzug des Kutschers ist ein zweireihiger, anliegender Gehrock mit Taschenpatten, welcher bis zur Mitte der Wade reicht – der für Bediente reicht bis zum Knöchel – oder ein einreihiger Mantel mit mehrfachem Pelerinenkragen. Ein etwa mitfahrender Diener trägt einen zugeknöpften Frack, Sammet- oder Tuchhosen, Schuhe und Strümpfe, im Winter Gamaschen darüber.


Fig. 21. Der Winteranzug des Kutschers.
Fig. 21. Der Winteranzug des Kutschers.

Als Interimsanzug empfiehlt sich Jackett, Weste und Gamaschenhose aus lederfarbenem Tuch, zu welchem ein niedriger Filzhut getragen wird, oder ein Anzug in Form eines Reitjacketts, und Breeches nebst Reitgamaschen. Statt desselben Tuches wird auch vielfach Genuacord genommen, welches weniger schmutzt und sehr dauerhaft ist. Ist der Kutscher in dieser Weise gekleidet, wählt er für jede Vorrichtung die richtigen Anzüge aus, hält er dieselben sauber und hebt sie gut auf, so wird – wenn alles übrige klappt – der Stall des Equipagenbesitzers immer einen vornehmen Anblick gewähren, wenn er auch noch so klein ist.

Der Reitknecht oder Groom trägt einen kürzeren, sonst ebenso geschnittenen Rock wie der Kutscher, jedoch ohne Taschenpatten, Breeches, Stulpenstiefel mit Sporen und zum Dienst einen braunen Ledergürtel um die Taille.


Fig. 22. Anzug des Reitknechts.
Fig. 22. Anzug des Reitknechts.

Die Haltung des Kutschers auf dem Bock soll eine möglichst gerade, elegante, aber nicht gezierte oder steife sein; die Schultern befinden sich genau parallel mit der Querachse des Wagens, die Arme sollen nicht ausgestreckt sein, sondern müssen sich leicht dem Körper anschmiegen; am ganzen Kutscher darf sich wesentlich weiter nichts bewegen, als die Unterarme bezw. die Handgelenke, annehmend und nachgebend, die Hülfen durch die Zügel schraubenartig gebend. Jeder Kutscher hüte sich vor harter Faust, er wird hiermit selbst die bestgefahrenen Pferde binnen kurzem verdorben haben. Die Ellenbogen sollen leicht an den Hüften liegen, damit die schraubenartigen Hülfen korrekt ausgeführt werden können. Ein guter Kutscher wird auf diese Weise seine Pferde nach und nach mit Leichtigkeit daran gewöhnen können, daß sie ihm auf die leiseste Zügelhülfe gehorchen.

Die elastische Faust und die Haltung des Oberkörpers werden jedoch vielfach noch nicht verstanden und führen daher zu Nachteil und unschönem Aussehen, denn viele glauben, daß das »Elastische« darin zu suchen sei, daß sie bei jedem Schritt des Pferdes sich den Arm mit vorziehen lassen, was hauptsächlich beim Schritt oft sichtbar in die Erscheinung tritt.

Desgleichen sehen wir oft eine Verstellung in der Haltung des Oberkörpers. Obwohl nun ganz bekannt ist, wie die Haltung des Oberkörpers sein soll, so kommen doch manche Unregelmäßigkeiten dabei vor, von denen wir nur zwei erwähnen wollen. Der eine liegt mit dem Oberkörper zu weit nach vorn, wie z.B. die Wiener Fiakerkutscher. Es ist dies zwar dem korrekten Fahren nicht gerade nachteilig, sieht aber nicht schön, jedenfalls unsicher aus. Das Gegenteil davon, wenn der Oberkörper zu weit nach rückwärts gelehnt wird, ist ebenfalls fehlerhaft und unfachmännisch. Diese Haltung entbehrt der sicheren Führung und bietet nicht das nötige Gleichgewicht, worauf es doch hauptsächlich beim Sitz auf dem Bock ankommt, um eine in Wirklichkeit sichere Führung garantieren zu können.

Die Haltung der Beine des Fahrers darf nicht unerwähnt bleiben. Gerade ausgestreckt, während das Gesäß an dem hohen Keilkissen mehr hängt als auf demselben sitzt, stützen die Füße den Körper auf dem schrägen Teil des Fußbrettes; so war der bisherige Sitz. Diese übertriebene Haltung, welche jedoch der Kraftentwicklung der Arme bei scharf in die Zügel gehenden Pferden besonders günstig war, hat die »Mode« für die Kutscher (nicht für die Herrenfahrer) in eine Art von Stuhlsitz verändert, indem das sich über den ganzen Bock erstreckende Keilkissen bedeutend erniedrigt wurde und die Füße auf den horizontalen Teil des Fußbrettes, die Unterschenkel senkrecht zu demselben gestellt werden. Wohlgemerkt aber nur für Viktoria, Coupé und Landauer. Als Grund dafür wird von autoritativer Seite angeführt, daß dieser Sitz mehr auf eine lebendige Faust hinwirke, wie der bisher gebräuchliche mit ausgestreckten Beinen. Unsrer unmaßgeblichen Ansicht nach dürfte eine gute Faust auch bei dem alten Sitz, wenn er nicht übertrieben stehend ist, gut bleiben, wie sie es vielfach solange gewesen ist, – wir können den neueren auch wieder übertriebenen »Cholera«-Sitz weder für schön noch für praktisch erachten.


Fig. 23. Haltung der Beine.
Fig. 23. Haltung der Beine.

Der Sitz des Kutschers ist, wie bereits erwähnt, wenn kein Diener mitfährt, bei Coupé, Viktoria und Landau und bei Juckergespannen in der Mitte des Bockes. Nach den englischen Fahrregeln jedoch soll der Kutscher rechts auf einem besonderen Bockkissen sitzen, von welchem aus er seine Pferde übersehen kann.

Auf eine elegante Peitschenführung ist besonderer Wert zu legen; die Hülfen derselben sind in elegantem Schwung des Bogens, d.h. nicht kurz, hastig und schlagend, sondern weich und ziehend zu geben, ohne daß sich dabei der Ellenbogen vom Körper entfernt; keinesfalls darf der Arm dabei gehoben werden. Selbst wenn in selteneren Fällen Strafen erforderlich werden sollten, so muß auch da die Peitschenführung eines gewissen Chics nicht entbehren, am wenigsten darf sie zu einem Prügeln von oben nach unten ausarten.

Das Grüßen geschieht in nachstehender Weise: Während des Einsteigens der Herrschaft nimmt der Kutscher die Peitsche unter den linken Daumen, indem er mit der rechten Hand, d.h. mit Daumen und Zeigfinger, an die Hutkrempe greift. Das Abnehmen des Hutes ist unzulässig. Giebt die Herrschaft dem Kutscher einen Befehl, so wendet sich derselbe in gleicher Stellung, mit der rechten Hand an der Hutkrempe, der Herrschaft zu, seine Antwort höflich, aber kurz und präzis einrichtend.

Zur Ajustierung des Kutschers auf dem Bock gehört für rauhe oder nasse Witterung eine wollene oder leinene Decke, welche bis zu den Hüften über die Beine geschlagen wird. Den Mantel auch während der wärmeren Jahreszeit stets auf dem Bocke mitzuführen, wird nicht als erforderlich erachtet. Er wird mit geschlossenen Knöpfen und sauber gefaltetem Kragen über den Sitz des Kutschers gelegt, so daß der obere Teil des Kleidungsstückes, die Knöpfe nach außen, ungefähr 3/4 Meter lang über die Lehne des Bockes herabhängt. Die Attrappe eines solchen Mantels zu führen, wie man es hin und wieder sieht, ist eine große Geschmacklosigkeit. Der Regenmantel kann im Bockkasten mitgeführt werden, ebenso wie der des begleitenden Dieners. Die Haltung des letzteren auf dem Bock oder Dienersitz, bezw. auch die des Kutschers, wenn der Herr die Leinen selbst führt, ist eine aufgerichtete, die Hände in natürlicher Haltung auf die Oberschenkel gelegt.

Der Herrenfahrer auf dem Bocke muß ebenso, wie der Reiter, eine gute Figur machen. Die Regeln, welche für den Kutscher gelten, sind auch für den Herrenfahrer verbindlich, nur mit dem Unterschiede, daß der Kutscher vom Herrn lernen sollte, wie er sich auf dem Bock zu benehmen hat. Soweit sind wir aber in Deutschland noch nicht. Haltung, Zügel- und Peitschenführung sind bereits bei der Besprechung des Kutschers angeführt. Daß das Fahren mit zwei Händen durchaus nicht gegen die Anstandsregeln verstößt, ist bereits angeführt worden.

Der Sitz wird auf der rechten Seite des Kutschbockes auf einem nicht zu steilen Keilkissen mit ausgestreckten, aber nicht durchgedrückten Beinen eingenommen, wobei die Leinenenden am linken Schenkel herabhängen. Bei Juckergespannen ist es auch nicht unschicklich, sich in die Mitte des Bockes zu setzen, niemals aber in der Haltung eines Wiener Fiakers. Ob der Fahrer mit der englischen Kreuzleine oder den Wiener vier Zügeln fahren will, bleibt ihm überlassen. Zur ersteren gehören ein paar vorzüglich eingefahrene Pferde, zu letzteren, bei welchen man auf jedes einzelne Pferd einwirken kann, eine sehr geschickte Hand. Beim Zweispänner mit »Fröscheln« zu fahren, gilt nicht für chic, es ist das nur beim Viererjuckerzug gestattet, während man beim Coachingfahren sich der englischen (oder französischen) Leinenführung bedient.

Abweichend von dem des Kutschers, besteht der Gruß des Herrenfahrers in einer Bewegung der Peitsche, ähnlich der des Degens. Man führt die Peitsche senkrecht vor die Brust und senkt dann die Spitze seitwärts, wobei eine leichte Neigung mit dem Kopfe bezw. dem Oberkörper erfolgen kann.

Die Bekleidung des Herrenfahrers betreffend, so lehnt sich dieselbe an das Reitkostüm an (vergl. Nr. 1005), natürlich mit Ausnahme der Beinbekleidung, welche hier in langen Beinkleidern besteht. Ein geschmackvoll arrangiertes Promenadekostüm wird das Richtigste sein, bei welchem selbstverständlich, wie beim Reiter, ein weicher Filzhut ausgeschlossen ist. Enge Handschuhe beim Fahren zu tragen, wird sich nicht empfehlen. Die Vornehmheit der Bewegungen auf dem Bocke, die Eleganz der Leinen-, der Peitschenführung – ohne dabei in der Haltung nachlässig zu erscheinen – wird stets das Kriterium eines fairen Gentlemanfahrers sein. –

[1010] 1011. Der Gentleman als Verkäufer eines Pferdes. Will man als Privatmann ein Pferd verkaufen, so müssen Gründe dafür vorhanden sein, die den Wunsch erregen, sich von dem Tier zu trennen, und diese können auf mancherlei, wohl auch auf Fehler zurückzuführen sein, die dem Besitzer nicht konvenieren. Jedenfalls ist demselben das Pferd feil, und als ehrlicher Mann wird er einen Preis dafür ansetzen, der, selbst wenn er den Wert des Pferdes auch etwas übertaxiert, doch immerhin annähernd seinem wirklichen Wert entsprechen wird, nämlich unter Anrechnung des von ihm bemerkten Fehlers. Wollte man aber sofort einen etwaigen Käufer bei der Musterung auf den Fehler aufmerksam machen, so würden er und alle übrigen freundlichst guten Morgen wünschen, und man würde das Pferd nie los. Nur darf man dem Käufer auf seine Frage, ob das Pferd den und den Fehler hat, nicht die Unwahrheit sagen, was nicht nur gegen den Anstand, sondern auch gegen das Gesetz verstoßen würde, denn – trifft der Kauflustige mit seiner Frage das rechte, dann macht man sich in der That des Betruges schuldig. Jedenfalls würde man unehrlich handeln, wenn man für ein minderwertiges Pferd einen so hohen Preis stellt, daß der Käufer dadurch irregeführt werden kann. Im übrigen schützt ja auch das Gesetz den Käufer dadurch, daß gewisse Krankheiten oder Fehler, die der Käufer nicht imstande ist zu sehen, den Kauf rückgängig machen.

[1011] 1012. Die Dame zu Pferde ist, wenn sie sich in der Perfektion auf der Promenade zeigt, immer eine sehr sympathische Erscheinung.

Das Reiten ist für die Damen ein ebenso gesunder und angenehmer Sport, wie für die Herren, wenn derselbe rationell betrieben wird, d.h. wenn die Dame so sicher auf dem Pferde ist, daß die Gefahr, der sie sich dabei aussetzt, nicht größer ist, als sie event. auch bei dem Herrenreiter eintreten kann. Allerdings ist die Dame dabei im Nachteil, denn der Quersitz, welchen einzunehmen die Mode sie nötigt, macht sie mehr oder weniger von dem guten willen ihres Pferdes abhängig. Der Quersitz ist erst im 14. Jahrhundert allgemein angewendet worden, doch hat sich der Herren sitz bei den Damen zum Teil noch bis ins 18. Jahrhundert erhalten. Heut ist letzterer so ziemlich ganz verschwunden, obwohl er rationeller ist und keine anatomischen Rücksichten dagegen sprechen. Da beim Quersitz die Schenkelarbeit und der Schluß fehlen, so liegt es auf der Hand, daß letzterer unsicher ist und nicht so geeignet zur Leitung des Pferdes, wie der Schenkelsitz. Obwohl nun die berufensten Autoritäten für die Wiedereinführung des Herrensitzes bei den Damen plaidiert haben – und zwar in deren eigenstem Interesse – wird ihr Ruf doch nur der des Predigers in der Wüste bleiben, denn die Mode ist stärker wie sie. Die Anbringung eines Seitenhornes an der linken Seite des Sattels – des sogenannten Jagdhornes, dessen Erfindung Baucher zugeschrieben wird – gewährt der Dame allerdings eine gewisse, relative Sicherheit des Sitzes, den sie bei der älteren Konstruktion des Gabelsattels nicht hatte, und wodurch auch eine korrektere Zügelführung ermöglicht wird, als es früher der Fall war.

[1012] 1013. Zur Damenreiterei im Freien gehört ein erprobt zuverlässiges Pferd, ein erfahrener Begleiter, ein tüchtiges Können und viel Selbstvertrauen. Sind diese vier Faktoren vorhanden, so giebt es wohl kaum ein anmutigeres Bild, als eine tadellos zu Pferde sitzende, ihr Pferd geschickt und sicher führende Amazone. Nur unter diesen Vorbedingungen sollte eine Dame öffentlich sich zu Pferde zeigen, denn das Gegenteil davon ist, wie beim Manne, traurig. Es fordert, ganz abgesehen von der Gefahr, in der die Reiterin schwebt, nur die Spottlust der Menge heraus, welche eine Dame zu Pferde schon von vornherein als eine ihrem Urteil verfallene Erscheinung betrachtet. Das Aeußere der Dame, Kleidung, Haltung und Allüren dürfen der reitermäßigen Sicherheit gegenüber nicht unterschätzt werden, denn diese und weiterhin zu besprechende Aeußerlichkeiten sind in Bezug auf Aesthetik, auf die Sicherheit des Sitzes, auf die Leitung des Pferdes, ja auf das ganze Gefühl relativer Herrschaft über die tierische Kraft von bedeutendem Einfluß. Nur der Vollbesitz körperlicher und geistiger Kraft und Gesundheit wird eine tüchtige Reiterin schaffen, wobei noch zu bemerken ist, daß der Lehrgang frühzeitig, am besten mit dem zehnten Jahre zu beginnen hat. Gymnastische, schon im Kindesalter gepflogene Uebungen müssen die Muskelpartieen des Körpers entwickelt haben, sollen sich Aussichten auf guten Erfolg des Lehrganges zeitigen, und dieser wieder soll diejenigen geistigen Eigenschaften hervorbringen, welche wir schon beim Reiter als unentbehrlich bezeichnet haben: Geduld, Aufmerksamkeit, Ausdauer, Selbstbeherrschung, Gerechtigkeitsgefühl, Mut und Geistesgegenwart.

[1013] 1014. Die Wahl des Pferdes der Dame ist von besonderer Wichtigkeit, da von ihm und seinem guten Willen zum großen Teil ihre Sicherheit abhängt. Man wähle nicht zu junge Pferde, da solche noch nicht die Vollendung der Dressur und die Ruhe des Temperaments besitzen, welche unerläßliche Bedingungen sind. Acht- bis zwölfjährige Pferde, von gesundem Gliederbau und besonderer Tadellosigkeit der Beine, empfehlen sich am meisten; an die Dressur derselben sind die höchsten Anforderungen zu stellen. Das Temperament muß lebhaft, doch nicht hitzig, aufgeregt oder nervös sein. Jede Gangart, besonders der Schritt, muß rein und kadenziert zum Ausdruck gelangen. Schreckhafte, bodenscheue oder furchtsame Pferde sind unbedingt auszuschließen. Das Gefühl im Maul soll so sein, daß das Pferd mit leichter Hand geführt werden kann. Hartmäulige Pferde lassen sehr bald den Arm der Reiterin erlahmen, auch werden sie auf die Dauer so gefühllos, daß die Einwirkung auf das Maul gleich Null ist. Eine gesteigert scharfe Zäumung würde das Uebel nur vermehren. Die Rasse des Pferdes ist ziemlich gleichgültig, wenn es den sonst an dasselbe zu stellenden Anforderungen entspricht, doch möchte ich bemerken, daß edle Halbblutpferde dabei in erster Linie in Betracht kommen. Bei der Auswahl hat man selbstredend auch auf die Figur der Dame Rücksicht zu nehmen, doch gehe man nicht über die Mittelgröße des Pferdes hinaus. Beim Aussuchen des Pferdes für eine Dame richte man seine Aufmerksamkeit auch darauf, daß dasselbe eine gute Sattellage hat, damit der Sattel fest liegt und nicht nach vorn rutscht.

Ueberhaupt können die Anforderungen für ein Damenpferd, dem die Reiterin bei ihrem Quersitz doch immerhin so ziemlich auf Gnade und Ungnade anvertraut ist, nicht weitgehend genug gestellt werden. Die Dressur eines solchen Pferdes muß deshalb auf das sorgsamste durchgeführt werden, wobei ein besonderer Wert auf das Gefühl im Maul zu legen ist, da ein Damenpferd weder zu leicht am Zügel stehen, noch sich fest auf das Gebiß legen darf. Hier wie überall bei der Auswahl eines Pferdes für einen anderen wird es der Kenntnis des die Dame begleitenden Kavaliers hauptsächlich obliegen, sich nach der Individualität der Dame zu richten und sich nicht durch Aeußerlichkeiten bestechen zu lassen.

[1014] 1015. Auf die Equipierung des Damenpferdes, namentlich auf die Zäumung desselben, ist ein besonderes Gewicht zu legen. Die Zäumung, Kandarenzäumung, ist die gleiche, wie die des Herrenpferdes, doch pflegt das Lederzeug besonders schmal geschnitten oder sonst verziert zu sein. Diese Verzierungen sollen sich jedoch nur auf die Bearbeitung des Leders beschränken. Ueber die richtige Lage der Zäumung hat sich die Reiterin selbst zu informieren, sie muß deshalb vor dem Besteigen des Pferdes selbst die Korrektheit der Zäumung und der Sattelung prüfen.


Fig. 24. Equipierung des Damensattels.
Fig. 24. Equipierung des Damensattels.

Von kaum geringerer Wichtigkeit ist der Sattel, der so beschaffen sein muß, daß er für die Dame wie für das Pferd bequem ist, d.h. letzteres nicht drückt und ersterer einen sicheren, sie nirgend zwängenden oder beengenden Sitz gewährt. In erster Linie muß daher der Sattel nach dem Rücken des Pferdes gepolstert werden, da eine drückende Stelle dasselbe nicht nur längere Zeit dienstunbrauchbar macht, sondern auch während des Reitens durch den dadurch verursachten Schmerz unruhig und unbequem. Von besonderem Wert ist die genügende Länge des Sattels, welche so bemessen sein muß, daß die Dame, wenn sie die Kniekehle dicht über dem oberen Horn hat, noch voll auf dem Kissen und nicht auf dem Rande oder Sattelkranz sitzt; einerseits würde dies das Pferd leicht drücken, andererseits von ihr selber bei längerem Reiten schmerzlich empfunden werden.

Der Sitz, welcher genügend breit sein muß, ist, wie der ganze Sattel, mit Schweinsleder überzogen. Da dieses aber sehr glatt ist, so thut man gut, einer nicht ganz firmen Reiterin den Sitz des Sattels mit Wildleder überziehen zu lassen, auf welchem sie nicht so leicht rutschen wird. Bei dem Jagdhorn hat man darauf zu sehen, daß dasselbe nicht zu lang und geschweift ist, weil dies der Dame beim Englischtraben hinderlich sein würde, und weil das Bein bei einem eventuellen Sturz leicht darin festgehalten werden könnte.

Der Bügel hängt an einer eisernen Krampe vermittelst des Bügelriemens, welcher, dort festgemacht, durch die Bügelöse geht, bis zur Krampe zurück und nun um den Pferdebauch auf die andere Seite des Sattels herumläuft, wo er festgeschnallt wird, damit die Reiterin in der Lage ist, beim »Schwinden des Pferdebauches« die Länge selbst zu regulieren. Da es bei der Damenreiterei des Quersitzes wegen von besonderer Wichtigkeit ist, daß der Sattel durch Lockerwerden der Gurte nicht seitwärts rutscht, es sich aber andererseits nicht empfiehlt, die Sattelgurte zu fest anzuziehen, so bedient man sich mit Vorteil des »Sattel selbstgurters«, welcher in jedem besseren Sattlergeschäft zu haben ist. Der Bügel ist, um nicht zu drücken, inwendig mit einem Polster versehen; damit der Fuß denselben nicht verliert, empfiehlt es sich nach dem Aufsitzen einen dünnen Gummiring über Bügel und Fuß gleichzeitig zu streifen.

[1015] 1016. Hilfszügel, wie Sprungzügel oder Martingal dem Pferde anzulegen, widerrate ich. In nicht sehr geschickter Hand verderben sie mehr als sie nützen, denn ein Damenpferd soll so beschaffen sein, daß es derselben nicht bedarf. Dagegen kann man ein Vorderzeug aus weißem Gurtband auflegen, welches das Pferd schmückt und speziell in hügeligem Terrain das Zurückrutschen des Sattels verhindert.

[1016] 1017. Das Kostüm der Amazone ist von hervorragender Wichtigkeit, wenn dieselbe auf Chic und Eleganz Anspruch machen will – und da Paris noch immer für die Moden der Damen maßgebend ist, so wird es für unsere schönen Leserinnen interessant sein, zu erfahren, in welchem Ajustement die Dame im Bois de Boulogne zu Pferde erscheint.

Um mit dem Intimsten zu beginnen, so ist das einzig elegante bei diesem Anzug ein Manneshemd mit leicht umgebrochenem Kragen. Dieses Hemd muß zum korrekten schwarzen, blauen oder dunkelgrünen Reitkleid, wie es im Bois getragen wird, – auch zum roten Jackett – weiß sein, darf jedoch zum Phantasiereitkleide kleine Muster – Erbsen, Kleeblätter, Streifen – haben. Diese Muster dürfen sich jedoch nur mikroskopisch präsentieren, sonst wirken sie abscheulich. Der Brustteil des Hemdes braucht nicht gestärkt, Kragen und Manschetten dagegen müssen hart wie Holz sein, während alles übrige sich schmiegsam anfügen muß.

[1017] 1018. Das einfache kurze Beinkleid aus weißem Tuch oder Floretseide wird im Schenkel sehr weit und unter dem Knie, wo es durch drei kleine Perlmutterknöpfe geschlossen wird, sehr eng getragen. Vom dritten Knopfloch reicht eine kleine Schleife aus demselben Stoff wie das Beinkleid bis zum oberen Rande des Stiefels.

Das Trikot ist vielleicht weniger chic wie dieses Beinkleid, aber unendlich praktischer. Im Winter muß es aus Seide, im Sommer aus sehr feinem Zwirn und immer von perlgrauer Farbe sein. Vornehmlich darf man keine Phantasiefarbennuancen wählen. So z.B. würde die Gemslederfarbe, das Schiefergraue, die Farbe des Glaserkitts, die Farbe zerquetschter Erbsen und der Bronze abscheulich wirken. Vor allen Dingen muß man sich aber vor der Fleischfarbe Ophelia hüten.

Das Trikot wird im Sitz, in der rechten Kniekehle und im rechten Knie erweitert angefertigt. Obwohl es nicht zu eng sein darf, muß es doch fest anschließen und darf keine Falten schlagen.

[1018] 1019. Man brauche kein Korsett, wenn man es entbehren kann. Man benutze nichts, als ein eng geflochtenes Tragband aus Seide, um die Falten des Hemdes zu ordnen und das Beinkleid oder das Trikot festzuhalten.

Ist man ein Korsett zu tragen genötigt, so sei es schmiegsam und sehr kurz, damit es nicht auf den Hüften scheuert. Dann sei es aus weißem schwedischen Leder, lose geschnürt, keineswegs fest anschließend und gar oben mit Spitzen besetzt, damit sich nichts unter dem Reitkleide markiert. Das mit einer Rüsche verzierte Korsett markiert sich stets auf dem Rücken des Kleides, und zu Pferde ist es noch mehr als anderswo von Wichtigkeit, daß alles glatt sitzt und nichts die Linien unterbricht.

[1019] 1020. Der Stiefel muß aus lackiertem Kuhleder oder dem gewöhnlichen Lackleder bestehen und im Schaft oben geschmeidig sein; das ist die Form des alten Stiefels nach Stallmeisterinart, welcher sich längs des Beins gut anschmiegt, und zu welchem ein sehr niedriger englischer Absatz gehört. Viele Damen tragen den Chantillystiefel, und das ist abscheulich.

Dieser Stiefel nämlich, der einzig elegante und praktische für die Herren, paßt ganz und gar nicht für die Damen, und zwar aus zwei Gründen. Erstens verunstaltet er den Knöchel und macht ihn plump, und zwar dermaßen, daß man in diesem Falle auf die entsetzliche lange Hose zurückzugreifen gezwungen ist. Der andere ist der, daß beim Traben der Rock sich in den zu harten Schaft zwängt und dann unangenehm auf dem Knie spannt. Der Stiefel dagegen muß im Spann so weit sein, daß er beinahe ausgeschlenkert werden kann.

[1020] 1021. Der Sporn sei gerade und kurz, aus Stahl, Nickel oder Silber, das Rädchen mit spitzen Stacheln versehen, denn der Sporn soll weder ein Spielzeug noch ein Zierat, sondern vielmehr wirklich ein Hilfsmittel sein. Er wird mit einem kleinen Riemen aus sehr weichem Lackleder befestigt.

[1021] 1022. Die Busenkrawatte besteht aus weißem Batist oder aus solchem mit kleinen, kaum wahrnehmbaren Mustern; die Nadel ist einfach, ein Hirschhacken, eine Tigerklaue, ein St. Georgsthaler oder sonst eine goldene Münze, aber keine Nadel, die den Anschein eines »Kleinods« hat.

[1022] 1023. Als Kopfbedeckung wird ein schwarzer hoher Seidenhut oder ein solcher aus grauem Filz von hoher Form getragen. Niemals aber trägt die Dame, welche Anspruch erhebt, korrekt zu sein, einen Strohhut, oder irgend einen anderen Phantasiehut im Bois. Auf dem Lande ist das selbstredend gestattet. Der Hut von hoher Form braucht sich nicht nach der neuesten Mode zu richten. Er muß ziemlich hoch sein und darf keine flache Krempe haben. Im übrigen ist das einzige erlaubte Arrangement ein kleiner, grauer, schwarzer oder blauer, um den Hut gewundener Gazeschleier, Bänder aber oder irgend etwas »Flatterndes« sind nicht statthaft.


Fig. 25 u. 26. Reitkleider.
Fig. 25 u. 26. Reitkleider.

Der kleine melonenförmige Hut, der Matrosenstrohhut und selbst der Tiroler Hut werden auf dem Lande getragen. Gänzlich aber muß man den, dem Walter Scott und jungen romantischen Mädchen so teuren, mit einem Federbusch verzierten Filzhut, sowie den von den Damen, welche für den Typ des achtzehnten Jahrhunderts schwärmen, getragenen Dreispitz vermeiden; der eine ist ebenso lächerlich wie der andere.

[1023] 1024. Zum Reiten werden die Haare geflochten oder gewunden und eng anliegend getragen, was den Kopf klein macht. Nichts in häßlicher, als ein dicker Kopf, auf dem Pferde vielleicht noch mehr als anderswo. Mann kann auch sämtliche Haare zusammendrehen, sie unter Freimachung des Nackens emporheben und unter den Hut stecken. Bei dieser Manipulation braucht man weder Schildpattnadeln noch Kamm. Das hält ganz von selbst, den Fall, wo man den Hut verlieren sollte, ausgenommen.

[1024] 1025. Die Handschuhe seien aus weißem oder gelbem Hirschleder, aber niemals aus Hundeleder. Das ist gemein, unbequem und macht wahre Tatzen. Der Handschuh mußin den Fingern sehr lang, sehr geschmeidig und vornehmlich sehr weich sein, um der Hand ebensoviel Spielraum zu lassen, als ob sie unbekleidet wäre.

[1025] 1026. Die Farbe des Reitkleides ist in Paris schwarz, dunkelblau oder dunkelgrün. Letztere Farbe ist jedoch so dunkel gehalten, daß man sie nur in der Sonne wahrnimmt. Der sehr kurze und durchaus glatte Rock aus schwerem Tuch darf, wenn man aufrecht steht, links nicht über den Sporn herabreichen. Rechts ist er wegen der, für das Knie und das Horn erforderlichen Weite viel länger und wird an dieser Seite, wenn man zu Fuß ist, hochgeknöpft. Die durchaus einfarbige glatte Taille endigt hinten in einen kurzen Schoß, der auf den Hüften aufstößt und vorn in einer stumpfen Spitze ausläuft. Der Schoß kann aber auch rund und kurzgeschnitten sein. Hier und dort werden die Taillen auch mit langen vorn abgerundeten Schößen getragen. Der Paletot zum Reitkostüm wird sehr kurz und in der Art der Herrenpaletots gearbeitet. Schmuckgegenstände, Sammetkragen, Schleifen oder Phantasieknöpfe werden niemals getragen.


Fig. 27. Reitkleid.
Fig. 27. Reitkleid.

Dem Sitz und der Haltung der Amazone müssen noch einige Worte gewidmet werden.

Da die Dame nicht, wie der Herr, mit Schluß (vermittelst der Schenkel) reiten kann, so muß die Balance ihren richtigen Sitz vermitteln. Der Sitz muß genau auf der Längsachse des Pferdes eingenommen werden, wie es Fig. 28 zeigt. Beide Schultern müssen, zurückgenommen, im rechten Winkel zur Längsachse stehen, das Gesicht sieht genau zwischen den Ohren des Pferdes hindurch. Wenn es nicht leicht ist, von vornherein diesen Sitz der Drehung der Hüften wegen einzunehmen, so ist es doch noch schwerer, denselben im Gange beizubehalten. Das Gesäß vermittelt die Beherrschung der Hinterhand des Pferdes, daher soll dasselbe bei allen Gangarten fest auf dem Sattel bleiben – mit Ausnahme des Trabes, wo dies nicht möglich ist, bez. des englischen Trabes, bei welchem immer nur der zweite Schritt des Pferdes aufgefangen wird. Nur bei letzterer Reitweise dürfte es auch gestattet sein, eine ganz leichte Neigung des Körpers nach vorn eintreten zu lassen – bei allen übrigen Gangarten muß die Dame sich befleißigen, möglichst senkrecht auf dem Pivotpunkt der Mittelstand zu sitzen, da jede Neigung nach vorn die Hinterhand entlastet und Unsicherheit des Sitzes verrät. Das Gefühl der Sicherheit und Richtigkeit des Sitzes tritt erst nachlanger Uebung ein, und damit auch die Eleganz und Anmut der Haltung, welche zu erlangen das höchste Bestreben der Reiterin sein muß.


Fig. 28. Sitz der Dame.
Fig. 28. Sitz der Dame.

Weil die Dame beide Beine auf derselben (linken) Seite des Pferdes hat, so wird es ihr bei den schnelleren Gangarten von vornherein schwer fallen, diese senkrechte Haltung auch in Bezug auf die Querachse beizubehalten, sie wird die Neigung haben, etwas nach links zu hängen, der Seite, an welcher sie vorzüglich ihren Halt zu suchen hat. Das ist ganz unstatthaft, denn es würde den Sattel nach jener Seite ziehen, wodurch das Pferd nicht allein ungleich belastet und von der geraden Linie abgezogen, sondern auch gedrückt werden würde. Fig. 29 bringt den guten, Fig. 30 den schlechten Reitsitz zur Anschauung. Bei alledem darf nicht der geringste Zwang in der Haltung, unnütze Anspannung der Muskeln stattfinden. Die Schultern müssen frei herabhängen, der linke Oberarm, leicht an die Hüfte angelegt, soll mit dem Unterarm einen rechten Winkel bilden, der rechte Arm frei herabhängen.


Fig. 29. Guter Sitz.
Fig. 29. Guter Sitz.

Besonders darf der Oberkörper nicht festgehalten werden, sondern muß sich den Bewegungen des Pferdes ungezwungen accommodieren, so daß er nach jeder Schwankung sofort in die normale Stellung zurück kehrt. Bei der Lage der Beine kommt darauf an, sie ohne Hin- und Herschlenkern zu erhalten. Das rechte Bein hängt parallel mit der Schulter des Pferdes herab, das linke so, daß es oberhalb des Knies eine leichte Anlehmung an dem Jagdhorn findet. Geübtere Reiterinnen suchen dieselbe erst erforderlichen Falls und reiten im übrigen ganz auf Balance.


Fig. 30. Schlechter Sitz.
Fig. 30. Schlechter Sitz.

Die Rippen des Pferdes mit dem Absatz zu berühren, ist zu vermeiden, weil es leicht dadurch unruhig gemacht wird; deshalb muß die Fußspitze nach vorn gedreht und der Bügel so geschnallt sein, daß der Absatz gegen den Boden gesenkt, die Fußspitze mithin etwas nach oben gerichtet ist.

Das Gleichgewicht im Sattel ist der Kernpunkt der ganzen Reiterei und gewährt allein die Möglichkeit, sich allen Bewegungen des Pferdes, seien diese regelmäßige, oder unregelmäßige, zu accommodieren, solche gleichsam vorauszufühlen und dann mitzumachen. Dadurch erst wird jene Sicherheit und jenes Stadium der Eleganz erlangt, wie wir sie hin und wieder an den Damen aus der Crême der Gesellschaft oder auch im Cirkus zu bewundern Gelegenheit haben. Nur fortgesetzte Uebung und natürliche Anlage können dazu führen, schließlich wird durch die erstere – besonders nach dem System Széchényi – das Erforderliche ganz mechanisch erlernt.


Fig. 31. Besteigen des Pferdes.
Fig. 31. Besteigen des Pferdes.

Endlich sind auch dem Besteigen des Pferdes durch die Dame noch einige Worte zu widmen.

Wenn die Dame sich mit dem Tiere, welchem sie sich anvertraut, im Stalle noch nicht bekannt gemacht hat, so thue sie dies vor dem Besteigen desselben durch Streicheln und zu ihm sprechen, indem sie ihm dabei (ebenso wie beim Absitzen) eine kleine Leckerei, Zucker oder Mohrrübe, auf der flachen Hand reicht – das Pferd ist empfänglich dafür und lernt seine Herrin kennen und lieben. Während nun ein Stalldiener das Pferd hält, tritt die Dame an der linken Seite des Pferdes mit der rechten Schulter neben den Sattel, legt die rechte Hand, in welcher bereits der Zügel ruht, auf das obere Horn, die linke auf die Schulter des sich bückenden Kavaliers, indem sie den linken Fuß in die zusammengefalteten Handflächen desselben setzt. Nun zählt der Herr bis drei, worauf sich die Dame in senkrechter Haltung mit den Füßen von der Erde bezw. von den Händen des Herrn abstößt, beide Arme gleichzeitig bei dem Abschwung mit benutzend, und, indem der Herr durch sich Aufrichten diesen Abschwung unterstützt, steht sie so einen Moment in den Händen des Herrn und läßt sich nun leicht in den Sattel nieder. Es ist dies die eleganteste und bequemste Manier für eine Dame, zu Pferde zu steigen, da ein Tritt nicht immer vorhanden sein wird. Sitzt dann die Dame, so lüftet sie das Kleid über dem rechten Knie und legt das Bein über das Horn, während der Herr ihr den Bügel auf den linken Fuß schiebt, richtet sich noch einmal im Sattel auf, um etwaige Falten des Kleides auf dem Sitz fortzuschaffen, und nimmt dann die Zügel vorschriftsmäßig in die Hand, worauf das Anreiten beginnen kann. Das Absteigen erfolgt in umgekehrter Reihenfolge, wobei sich die Dame vom Sattel herabgleiten läßt.

[1026] 1027. Die Dame als Fahrerin darf sich ebenfalls nur öffentlich zeigen, wenn sie nicht nur ihr Gespann in tadelloser Weise zu steuern versteht, sondern auch in Haltung und Allüren durchaus graziös und chic ist. Andererseits verfällt sie, abgesehen von den Unglücksfällen, die passieren können, mitleidslos einer unbarmherzigen Kritik. Ersteres will gelernt, letzteres wird – mehr oder weniger – angeboren sein. Die Leitung der Pferde, die Leinen- und Peitschenführung ist genau dieselbe, wie sie für den Herrenfahrer bezw. den Kutscher vorgeschrieben und hier angeführt worden sind. Die Kleidung wird einen sportlichen Charakter – nach Analogie des Reitkostüms – tragen müssen. Alles übrige wird man dem Taktgefühl und der Individualität der Fahrerin überlassen dürfen.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 999-1027.
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