III.

Einkäufe und Besorgungen.

[982] 983. Freuden und Leiden des Kaufens. Der Himmel mag wissen, woran es liegt, aber kein Tag vergeht, der nicht irgend eine Extraausgabe bringt. Immer kommt wenigstens einer, der Geld von uns haben will, und erbarmt sich dieser eine wirklich einmal unserer und bleibt zu Hause, so können wir ganz sicher sein, daß an diesem Tage irgend etwas im Hause fehlt, so daß man gezwungen ist, zur Stadt zu gehen, um Besorgungen und Einkäufe zu machen.

Es giebt zweierlei Besorgungen, solche, bei denen man im voraus ganz genau weiß, was man kaufen und wieviel man dafür auslegen will, und solche, bei denen man dieses nicht weiß.

Eine Dame kommt in einen Laden, in dem es alle möglichen und unmöglichen Sachen zu kaufen giebt. Kaum hat sie die Thür hinter sich geschlossen, als nicht nur der Ladenbesitzer, sondern auch sämtliche Verkäuferinnen ihr entgegenstürzen. Da sie die einzige Kundin ist, wünschen alle, sie gleichzeitig zu bedienen, um des Prozentsatzes, der bei dem Verkauf eines Gegenstandes für sie abfällt, teilhaftig zu werden.

Gleichzeitig erkundigen sich alle nach den Wünschen und Befehlen der Gnädigen und ohne auch nur im geringsten zu zögern, giebt diese zur Antwort: »Ich möchte gern ein Hochzeitsgeschenk haben.«

Das ist nun eine sehr allgemeine Auskunft, denn zur Hochzeit kann man viel und vielerlei schenken, als da ist: Kohlenkasten und Rokokomöbel, Lehnstühle und Portieren, Lampen und Sofakissen, Bilder und Geschmeide, Silberwaren und echt vergoldete Sachen, Diaphanien und Blumenvasen, Büsten und Marmorstatuen, Bücher, Ofenvorsätze, Bettschirme, Handarbeiten, die man fertig kauft, aber trotzdem natürlich immer selbst gearbeitet hat, orientalische Waffen, die am Rhein fabriziert werden, goldene Uhrketten und Brillantsterne für das Haar und tausend andere mehr und minder schöne Gegenstände.

Daß es so viele verschiedenartige Dinge giebt, weiß die Dame ganz genau, aber sie sagt sich: was soll ich mir erst die Mühe machen und lange darüber nachdenken, was ich schenken will, dazu ist ja der Verkäufer da, der kann mir Vorschläge machen und dann werde ich mich entscheiden.

Als der Ladeninhaber die Antwort der Dame hört, fühlt er sich einer Ohnmacht nahe: er hat Erfahrung und weiß ganz genau, was ihm bevorsteht, aber trotz alledem bezwingt er sich, zuckt mit keiner Wimper, sondern sagt äußerst liebenswürdig. »Sehr wohl, gnädige Frau, gerade in Hochzeitsgeschenken habe ich eine sehr reiche Auswahl.«

Natürlich würde er dieselbe Antwort geben, wenn die Dame um ein Konfirmationsgeschenk verlegen wäre, denn die Hauptsache für einen Verkäufer besteht darin, wenigstens den Worten nach immer das in reicher Auswahl auf Lager zu haben, was verlangt wird.

Um sich den bevorstehenden Leiden aber wenigstens teilweise zu entziehen, fragt der Besitzer: »Haben gnädige Frau vielleicht schon an irgend einen bestimmten Gegenstand gedacht?«

Aber die Gnädige bedauert unendlich.

»Dürfte ich vielleicht wissen, welchen Preis Sie ungefähr anlegen wollen?«

Auch hierüber hat die Gnädige noch nicht nachgedacht, denn sie hat sich fest vorgenommen, die Sache nicht gleich zu bezahlen und da ist es ihr nicht nur ziemlich, sondern völlig gleichgültig, ob sie zwanzig oder fünfzig oder noch mehr Mark anschreiben läßt.

Der Phantasie des Verkäufers ist nun der weiteste Spielraum gelassen, er weiß weder, was es sein soll, noch wie teuer es sein darf. Er hat die Wahl zwischen einem Aschbecher zu zehn Pfennigen, einem Fahrrad zu 300 Mark, einem chinesischen Ofenschirm zu 10 Mark und einem Perlencollier zu 50000 Mark. Ein moderner Kaufmann hat bekanntlich alles auf Lager.

Die Dame läßt sich verschiedene Sachen zeigen, sie hat auf einem Stuhl Platz genommen, hält sämtliche Angestellte in Bewegung und läßt sich bedienen, als wäre sie wenigstens die Königin von Saba. Was es nur immer in dem Laden giebt, wird herbeigeschleppt, die zerbrechlichsten Gegenstände werden von den Borden genommen und vor ihr aufgebaut, die schwersten Sachen herbeigeschoben, alle Kasten, Schubladen, Etuis, Behälter werden geöffnet, der Inhalt des ganzen Geschäftes wird auf den kleinen Raum zu ihren kleinen Füßen zusammengetragen, um sie herum türmen sich alle Herrlichkeiten der Welt auf, und sie sitzt bewundernd inmitten dieser Schätze. Sie sitzt eine Stunde, und als diese vorüber ist, sitzt sie noch eine. Den Verkäufern und Verkäuferinnen rinnt der Schweiß von der Stirn, dem Ladenbesitzer klebt die Zunge am Gaumen, seine Knie schlottern und mühsam nur hält er sich aufrecht. Er hat in diesen anderthalb Stunden mehr geredet, als Cicero und Bebel zusammen in ihrem ganzen Leben. Er hat die neuen, äußerst eleganten Blumentöpfe mit derselben Begeisterung angepriesen, wie eine Straußenfeder, er hat die Büste der Venus von Milo für das Schönste erklärt, was es giebt, und als er sah, daß seine Worte keinen Glauben fanden, hat er ohne sich zu schämen und ohne zu erröten auseinandergesetzt, daß zwei kleine Kaffeetassen eigentlich noch schöner wären. Er hat geredet, gelogen, phantasiert, geraten, geschwindelt, zugestimmt, und im stillen hat er geflucht, gerast, gescholten, die Stunde seiner Geburt und den Geburtstag der Dame verwünscht, er hat es bedauert, noch keinen Selbstmordversuch gemacht zu haben und noch nicht von der elektrischen Straßenbahn überfahren worden zu sein, und noch ein anderes hat er während der ganzen Zeit gethan: er hat gelächelt, gelächelt, gelächelt, fortwährend ein freundliches Gesicht gemacht und niemand hat ihm die Verwüstung angesehen, die in seinem Innern die Kaffeetassen, die Straußenfächer, die Venus von Milo und die Blumentöpfe hervorriefen.

Nach zwei Stunden, nein nach drei, entscheidet sich die Dame für eine Lampe, aber sie sichert sich die Erlaubnis, den Gegenstand ihrer Wahl und Qual, wenn sie sich doch noch anders besinnen sollte, wieder umtauschen zu dürfen.

Und schon am nächsten Morgen hat sie sich anders besonnen.

Als sie am nächsten Mittag wieder den Laden betritt, schreien sämtliche Verkäufer und Verkäuferinnen vor Entsetzen laut auf und taumeln hintenüber. Der Besitzer nimmt die Rockschöße und die Beine in die Hände und springt und flüchtet sich mit einigen gewaltigen Sätzen in das Allerheiligste, in sein Privatkomptoir. Dort schließt er die Thür dreimal hinter sich ab, schiebt den Riegel vor, läßt die Jalousien her unter und mit Aufbietung aller seiner Kräfte schiebt er den eisernen Geldschrank auch noch vor die Thür.

Er verkriecht sich in eine stille Ecke, er hält den Atem an und wagt sich nicht zu rühren: er ist nicht zu Hause.

Aber schon nach wenigen Minuten klopft es an die Pforte und die Stimme des ersten Verkäufers sagt: »Die gnädige Frau läßt Sie bitten, doch einmal in den Laden zu kommen und ihr bei dem Umtausch des Hochzeitsgeschenkes behilflich zu sein.«

Noch einmal stöhnt der Gequälte laut auf, wie ein Zahnkranker, dem bei vollem Bewußtsein, ohne jede Narkose, gleichzeitig sechs Zähne ausgezogen werden, dann faltet er die Hände, schickt ein stilles Gebet zum Himmel und ergiebt sich in sein Schicksal. Er zieht die Jalousien wieder hoch, rückt den Geldschrank wieder an seinen Platz, zieht den Riegel zurück, schließt die Thür dreimal wieder auf, und gleich darauf tritt er mit dem liebenswürdigsten Lächeln auf den Lippen der Dame gegenüber.

Er bittet um Entschuldigung, daß wichtige Geschäfte ihn fern hielten, daß er nicht gleich zur Stelle war, und mit einer Geduld, um die ihn sämtliche Schafe, Lämmer und Engel dieser Welt beneiden könnten, unterzieht er sich derselben Aufgabe wie gestern.

Nach zwei Stunden ist die Lampe in einen Straußenfächer umgetauscht, und als die Dame endlich von dannen zieht, geht ein geheimnisvolles Flüstern durch die weiten Hallen, aber dieses Flüstern sagt nicht »Gott sei Dank, nun ist siefort«, sondern das geheimnisvolle Rauschen verkündet: »Kinder, paßt bloß auf, morgen kommt sie wieder.«

Und sie kommt wieder, nicht nur einmal, zweimal und dreimal, sondern zehn-, zwanzig- und dreißigmal, und wenn sie nicht bis an ihr Lebensende täglich wiederkehrt, so liegt das lediglich daran, daß eines schönen Tages die Hochzeit, für die das Geschenk bestimmt ist, stattfindet.

Als der Kaufmann in der Zeitung die Anzeige des neuvermählten Paares liest, ist er glücklicher als an dem Tage, da er selbst vor den Altar trat. Er feiert das freudige Ereignis dadurch, daß er der Käuferin, die ihn so quälte, die Rechnung schickt, und zusammen mit der teuren Gattin singt er das schöne Lied: »Nun hat die arme Seele Ruh«.

Aber er irrt sich, denn schon wenige Tage nach der Hochzeit erscheint die Dame abermals, sie hat auf dem Hochzeitsfeste gesehen, daß ihre Freundin siebenundzwanzig Kartons mit Fischmessern bekommen hat, und da möchte sie ihren, den sie für die Freundin kaufte, doch gern gegen etwas anderes umtauschen.

Kaum hat sie so gesprochen, da stürzen nicht nur der Besitzer, sondern im Verein mit ihm auch sämtliche Verkäufer und Verkäuferinnen fort, sie fliegen hinter ihrem Prinzipal her, kündigen ihm die Stellung und bitten um sofortige Entlassung. Aber das Machtwort des Chefs jagt sie in den Laden zurück und unter der Anführung ihres Oberhauptes erscheinen sie alle gleich darauf wieder mit dem liebenswürdigsten und freundlichsten Lächeln auf den Lippen und thun ihre Pflicht.

Endlich, endlich, endlich hat man die Gewißheit, daß die Dame auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist, und der Ladeninhaber und sein Personal könnten wirklich mit vollem Recht singen: »Freut euch des Lebens«, wenn es auf der ganzen Welt nur eine einzige Dame gäbe, die in der obengeschilderten Art und Weise ihre Einkäufe machte. Aber leider giebt es von ihnen nicht nur mehrere, sondern sogar viele, und es ist ein wahres Wunder, daß nicht neunundneunzig Prozent aller Kaufleute im Irrenhaus endigen.

[983] 984. Vorherige Dispositionen. Aus der obigen Geschichte, die nur Damen übertrieben finden werden, geht hervor, daß man sich, bevor man ein Geschäft aufsucht, wenigstens im großen und ganzen darüber einig sein soll, was man kaufen will, und welche Summe man ungefähr auszugeben beabsichtigt. In der letzteren Hinsicht kann man getrost sich recht wenig vornehmen, denn es wird immer mehr, als man gedacht hat, weniger wird es nie und wenn wirklich einmal ein Gegenstand fünf Mark weniger kostete, als man auszugeben beabsichtigt hatte, so nimmt man diese fünf Mark totensicher nicht wieder mit nach Haus, sondern man kauft sich dann dafür irgend etwas anderes, das unter tausend Fällen neunhundertneunundneunzig Mal nicht fünf, sondern sieben Mark kostet.

Wer in einen Laden kommt, braucht nicht zu fürchten, daß er sich etwas vergiebt, wenn er die Verkäufer oder Verkäuferinnen begrüßt, und nur Herren, die Spatzen oder andere Vögel unter ihrer Kopfbedeckung spazieren tragen, behalten in einem Geschäft den Hut auf.

[984] 985. Wer die Wahl hat, hat die Qual, aber er soll sich und die Verkäuferin nicht unnötig quälen. Sieht er, daß er unter allen Sachen, die ihm vorgelegt werden, nicht das Richtige findet, hat er das sichere Empfinden, hier doch nicht das zu finden, was er sucht, so soll er lieber ruhig fortgehen, als sich noch stundenlang andere Sachen zeigen zu lassen. Kein verständiger Kaufmann wird es übelnehmen, wenn der Käufer zu ihm spricht: »Ich will lieber anderswo mein Glück versuchen«. Aber jeder grollt dem Kunden, wenn dieser nach langem Suchen sich endlich mit den Worten verabschiedet: »Ich will mir die Sache doch lieber noch einmal überlegen, noch einmal mit meinem Mann und mit meiner Mutter sprechen, ich komme gelegentlich einmal wieder vor.«

Was dieses »gelegentlich« bedeutet und was es mit dem Wiederkommen für eine Bewandtnis hat, wissen schon die kleinen Kinder. Gelegentlich heißt niemals und wiederkommen giebt's nicht. Das wissen auch die Verkäuferinnen ganz genau und Loblieder auf den Kunden sind es gerade nicht, die sie vor sich hin singen, während sie die zahllosen herbeigeschleppten und aufgeschlagenen Tuchballen wieder zusammenlegen, den Inhalt der ausgekramten Kartons zusammensuchen, um ihr Rayon wieder in Ordnung zu bringen, bis eine neuankommende Käuferin wieder ein Chaos entstehen läßt.

[985] 986. Rücksicht auf die Verkäufer. Ueber der Thür eines jeden Kaufhauses und Ladens sollte in großen Buchstaben geschrieben stehen: Der du hier eintrittst, denke daran, daß auch wir Verkäufer Menschen sind, deren Kräfte durch ihren anstrengenden Beruf abgenutzt werden.

Selbstverständlich sind die Verkäufer und Verkäuferinnen dazu da, um die Kunden zu bedienen, aber sie erwählten ihren Beruf nicht, um sich chikanieren, malträtieren und couchonieren zu lassen. Viele haben eine Art und Weise, mit den armen Angestellten umzugehen, die ebenso herzlos wie geringschätzend, ebenso hochmütig wie beleidigend ist. Nach ihrer Ansicht sind die Verkäuferinnen nun doch einmal dazu da, und wenn es ihnen nicht gefällt, hätten sie ja etwas anderes werden können. Nun sind sie doch aber einmal geworden, was sie sind, und nicht jeder ist in der Lage, so oft es ihm paßt, seinen Beruf zu wechseln. Der Lohn, den solche arme Verkäuferin erhält, ist oft mehr als erbärmlich und reicht in vielen Fällen kaum für das Allernotwendigste. Da soll man den Armen das Leben nicht unnötig erschweren und ihnen nicht ohne stichhaltigen Grund Veranlassung geben, an ihrem Dasein und an der Welt zu verzweifeln.

Ueber einen Angestellten sollte man sich bei dem Chef nur dann beschweren, wenn hierzu wirklich eine Veranlassung vorliegt, und nicht jede Unachtsamkeit darf man für Böswilligkeit, nicht jedes Versehen für Absichtlichkeit halten und demgemäß behandeln.

Es ist viel leichter, jemanden um seine Stellung und um seinen Verdienst zu bringen, als ihm das zu verschaffen.

[986] 987. Verhalten des Verkäufers. Diesen Pflichten, die die Höflichkeit und die Rücksichtnahme auf den schweren Beruf der Angestellten von uns verlangt, stehen aber auch Rechte gegenüber. Wir können verlangen, aufmerksam und freundlich bedient zu werden, wir können uns Vorschläge machen lassen, aber niemand kann uns zwingen, dieselben zu befolgen.

Niemals darf der Besitzer oder ein Verkäufer uns mit einem geringschätzigen Lächeln, das da zusagen scheint: »Meine Gnädigste, diese Ihre Wahl beweist mir, daß Sie keine Ahnung haben« gegenüberstehen, wenn unser Thun nicht seinen Wünschen entspricht, und es ist lächerlich, wenn eine Verkäuferin sich beleidigt abwendet, weil wir trotz ihres Zuredens uns nicht entschließen können, eine Jacke zu kaufen, die uns nach unserer Ansicht absolut nicht steht. Denn sehr häufig preisen die Verkäuferinnen auch sogenannte Ladenhüter an, Sachen, die schon seit Erschaffung der Welt bei ihnen auf Lager liegen und die sie nun endlich gern los sein möchten, weil der Geschäftsinhaber zu seinen Damen gesprochen hat: »Ihr lieben kleinen Mamsells, ich will euch mal was sagen. Diejenige von euch, die das Kunststück fertig bringt, diese Winterjacke, die schon zu Napoleon des Großen Zeiten unmodern war, irgend einer Dummen unter dem Vorwande anzureden, es sei das allerneueste Pariser Modell, es sei so modern, daß es sogar augenblicklich noch in Paris ganz unmodern ist – derjenigen, die dieses Wunder fertig bringt, gebe ich nicht ein, sondern ein und ein achtel Prozent von dem Verdienst ab und ernenne sie zu meiner Lieblingsverkäuferin, die meinem Geldschrank in Zukunft besonders nahe stehen wird.« Und von diesen recht privaten Interessen geleitet reden die kleinen Verkäuferinnen darauf los und schwören zehn Meineide, daß das Jackett der Gnädigen wie angegossen sitze und daß dieses Kleidungsstück, das modernste, was es überhaupt gäbe, gerade für die Gnädige gemacht zu schein scheine.

Und wenn alles nichts mehr hilft, dann sagt die Kleine hinter dem Ladentisch: »Nein, zu schildern ist es nicht, wie hübsch die Gnädige in diesem Jackett aussieht«. Sie ruft ihre Gefährtinnen herbei und gerissen, wie diese sind, schwören auch sie, so schön hätte die Gnädige noch nie ausgesehen und so würde sie auch nie wieder aussehen.

Sie denken ganz richtig: »Wenn das nicht zieht, zieht gar nichts mehr«. Und sie haben recht: es zieht, die Gnädige kauft das, was sie kaufen soll, und geht beglückt nach Haus.

[987] 988. Der Kampf um den Ladenhüter. Namentlich bei den Ausverkäufen wird seitens der Verkäufer und Verkäuferinnen häufig so verfahren. Sie haben die Reste schon hundertmal hundert Menschen vorgelegt, haben sie hundertmal auf das wärmste empfohlen und trotzdem sind sie hundertmal damit sitzen geblieben. Sie sind dem Sterben nahe, sie können den braunen Stoff nicht mehr sehen, es wird ihnen übel, wenn sie nur an ihn denken, sie sagen sich: wenn der Himmel kein Einsehen hat und mich in seiner Gnade nicht zu sich nimmt, so werde ich das braune Tuch noch hundertmal empfehlen müssen und noch hundertmal wieder beiseite legen. Da reißt ihnen die Geduld und sie schwören: der nächste Käufer, der diese heiligen Hallen betritt, wird mit diesem Rest beglückt, er mag wollen oder nicht, es hilft ihm kein Gott und selbst, wenn er nur in den Laden kommt, um sich für zehn Pfennige Knöpfe zu kaufen, es hilft ihm nichts, den Stoff muß er nehmen, denn es ist besser, daß er sich darüber ärgert, Unnützes gekauft zu haben, als daß ich mit den unnützen Ladenhütern herumsitze.

Wir glauben, das zu kaufen, was wir haben wollen, und kaufen doch so häufig nur das, was das Geschäft gern los sein möchte.

[988] 989. Geduld! Jeder Käufer wird im Geschäft bedient, sobald er an der Reihe ist. Keiner geht dem andern, keine einer andern vor, und sich gewaltsam heranzudrängen, andere beiseite zu schieben und sich Bahn zu brechen, ist ungehörig. Ebensowenig darf man seine Wünsche der Verkäuferin mitteilen, solange diese noch einen anderen Kunden bedient. Sieht man aber, daß die Dame, auf deren »Abfertigung« wir warten, voraussichtlich in den nächsten vierundzwanzig Stunden nicht fertig werden wird, während unsere eigene Besorgung nur wenige Minuten beansprucht, so können wir die Betreffende höflich bitten, ob wir uns mit der Verkäuferin in Verbindung setzen dürfen. Bekommen wir einen Korb, wie das wohl immer oder wenigstens sehr häufig der Fall sein wird, so ist das zwar traurig, läßt sich aber nicht ändern und wir müssen uns in unser Geschick fügen.

Nicht die Verkäuferinnen, sondern die Geschäftsinhaber sind verantwortlich für die Quantität und Qualität der Waren, die sie auf Lager führen. Deshalb sollte man auch immer den letzteren seine Wünsche um Neuanschaffungen, seine Klagen über das Vorhandene mitteilen, denn ebenso unschuldig, wie ein ungeborenes Kind an der Erschaffung der Welt, ist ein Ladenfräulein daran, daß die Seide nur 55 und nicht 60 Centimeter breit liegt.

[989] 990. Preise. Bei uns pflegt man diejenigen Geschäfte, wenn auch nicht gerade als unreell, so doch als nicht übertrieben reell zu betrachten, in denen die Preise nicht fest, sondern Schwankungen unterworfen sind.

Man sollte grundsätzlich nur in solchen Geschäften kaufen, deren Preise fest und auf jedem Gegenstand deutlich vermerkt sind, um so die Kaufleute zu zwingen, einheitliche, feststehende Preise zu haben und diese nicht nach dem Aussehen des Kauflustigen zu bestimmen.

Wer etwas kaufen will, hat sich nach dem Preis der Ware zu erkundigen. Ist ihm dieser zu teuer oder zu hoch, so braucht er sich absolut nicht zu genieren, zu sagen: »Das erlauben mir meine Mittel nicht« und ohne sich etwas zu vergeben, kann er wieder von dannen ziehen. Nur ungebildete und dumme Menschen geben lieber ihr letztes Geld aus, mit dem sie noch lange reichen sollen, als daß sie es fertig bringen, unverrichteter Sache wieder fortzugehen. Selbst Kaiser und Könige haben häufig Sachen, die ihnen angeboten wurden, zurückgewiesen, weil sie nicht über die Mittel verfügten, sie zu bezahlen, und was die Fürsten dieser Welt thun, kann der gewöhnliche Sterbliche erst recht thun, ohne daß er zu fürchten braucht, sich bloßzustellen.

[990] 991. Nicht feilschen! Ermäßigt und erniedrigt der Geschäftsinhaber den Preis der Ware aus eigener Initiative, so ist das ja sehr schön und führt dann wohl zu einer Verständigung. Niemals aber sollten wir selbst versuchen, diese Preise zu drücken, und niemals dürfen wir in einem Geschäft handeln. Selbst viele reiche Leute betreiben dieses Handeln gleichsam als Sport, und wenn sie sich etwas kauften, freuen sie sich nicht über den Gegenstand, den sie erwählten, sondern lediglich über die paar Mark oder Groschen, die sie durch ihr Feilschen ersparten. Natürlich kennen die Kaufleute ihre Kunden, und wenn sie sehen, daß jemand zu ihnen kommt, von dem sie wissen, daß er aus Prinzip und aus angeborener Schacherbegierde handelt, so werden sie selbstverständlich gleich von vornherein ihre Preise aufschlagen, um trotz des Handelns auf ihre Kosten zu kommen. Bei Kaufleuten mit Kundschaft »vom Lande« sind die Preise fast stets auf Handeln eingerichtet, weil der biedere Dorfbewohner – namentlich derjenige, der die größten Kartoffeln hat – sich lieber eine Hand abhacken ließe, als daß er den geforderten Preis bezahlte. Er setzt seinen Stolz darein, nur zwei Drittel oder die Hälfte von dem zu zahlen, was ihm abverlangt wird, und scheint in glücklicher Unbefangenheit nicht zu merken, daß der Kaufmann infolgedessen schon von vornherein einen entsprechenden Preisaufschlag macht.

[991] 992. Unschöne Preisdrückerei. Die reichsten Leute sind häufig die sparsamsten und man pflegt ebenso tiefsinnig wie geistreich zu sagen: »Ja, wenn die Reichen nicht sparten, wären sie eben nicht so reich«. Sparsamkeit erhält das Haus und macht alle wohlhabend, die danach leben. Aber man soll am richtigen Fleck, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit sparen. Ebenso unrecht, wie es ist, eine arme Waschfrau, die von ihrer Hände Arbeit sieben und noch mehr Kinder ernähren muß, fünfzig Pfennig von ihrem Tagelohn herunterzuhandeln, ebenso falsch ist es, Kleinhändlern und Lieferanten den Preis zu drücken. In großen Warenhäusern wagen es die wenigsten auch nur den Versuch zu machen, eine Preisermäßigung zu erzielen, weil sie ganz genau wissen, daß sie mit ihrer Bitte an die falsche Adresse kommen und zwar sehr liebenswürdig, aber auch sehr bestimmt gebeten würden, das Lokal zu verlassen. Aber in kleinen Geschäften denken dieselben Leute anders, da können nach ihrer Meinung die Verkäufer sich freuen, wenn überhaupt ein Kunde kommt, und wenn diese nicht thun, wie sie wollen, nun, dann gehen sie eben fort und suchen ein anderes Geschäft auf. Die Konkurrenz ist ja heutzutage so groß, daß einer den anderen unterbieten muß, um sich ein Absatzgebiet für seine Waren zu verschaffen. Aber gerade der Umstand, daß die Konkurrenz heutzutage so enorm ist und daß die großen Warenhäuser die kleinen Geschäfte tot machen und die Fabriken das einst so goldene Handwerk fast an den Ruin gebracht haben, müßte jeden vornehm denkenden und fühlenden Menschen abhalten, die Preise noch mehr zu drücken. Und er sollte es unter seiner Würde halten, um wenige Pfennige zu handeln, während er andererseits kein Bedenken trägt, viele Mark für irgend einen unnützen Gegenstand auszugeben.

[992] 993. Warenhäuser. Immer mehr bedrohen die großen Warenhäuser den kleinen Detailisten, immer stürmischer schallen die gegen die Allerweltsbazare gerichteten Anklagen und – immer zahlreicher laufen die Leute hinein. Es ist hier selbstverständlich nicht der Ort, die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Warenhäuser zu erörtern, denn diese schwerwiegenden Fragen setzen schon Federn genug in Bewegung und machen dem Handelsstande, den Nationalökonomen und Regierungsmännern hinlängliche Kopfschmerzen. Wir wollen bloß einmal in Kürze betrachten, welchen Ursachen eigentlich der riesige Erfolg der Bazare entspringt. Es ist nicht bloß die Billigkeit des Gebotenen und nicht allein die große Masse, sondern vor allem das Verführerische, das in der Ausbreitung aller dieser Waren liegt, und die zwanglose Bequemlichkeit, womit das Publikum alles mustern kann, ohne auch das Geringste zu kaufen.Die Begründer und Leiter dieser Bazare sind kluge Kaufleute und wissen, daß das Publikum in seiner Gesamtheit wie ein großes Kind ist: es will staunen, gaffen, tausenderlei Dinge besehen, und wenn es auch gar nicht die Absicht hatte, etwas zu kaufen, so regt sich doch schließlich die Begehrlichkeit und es kauft doch. Die kleinen Leute besuchen deshalb die Bazare mit Vorliebe, weil sie hier ihre Schaulust befriedigen und sich dem süßen Gefühl des Einkaufens viel wohliger hingeben können, als in einem Spezialgeschäfte, wo von vornherein erwartet wird, daß der Kauflustige auch wirklich kauft, wo der Besitzer oder sein Angestellter sofort einen roten Kopf bekommt, wenn der Kunde nicht genau das kauft, was er, der Besitzer oder Angestellte, zu verkaufen wünscht, und wo man nicht ungeniert wieder ohne Kauf herausgehen kann, es sei denn, daß man sich nichts daraus macht, vom Verkäufer mit einem überaus frostigen oder überhaupt gar keinen Gruß verabschiedet zu werden. Das sollten sich einmal die Kaufleute, die so lebhafte Klagen gegen die Warenhäuser anstimmen, vor Augen halten, sie werden dann vielleicht herausfinden, in welcher Weise sie die Kundschaft zu sich locken können.

[993] 994. Auswahlsendungen. Wer sich Auswahlsendungen kommen läßt, sollte ebenso wie derjenige, der sich alle möglichen und unmöglichen Kataloge schicken läßt, eigentlich die Absicht haben, irgend etwas zu kaufen, aber das ist nicht immer der Fall. Viele wollen nur in Erfahrung bringen, was augenblicklich modern ist, was es Neues giebt und inwiefern die Sachen, die sie selbst besitzen, der Vergangenheit angehören. Und dann lassen sie sich alles ins Haus schicken, was es auf der großen weiten Welt nur giebt. Häufig vergehen nicht nur Tage, sondern auch Wochen, bis sie die Probesendungen prüfen, und während der ganzen Zeit lebt der Kaufmann in der stillen, aber schönen Hoffnung, demnächst durch einen großen Auftrag beglückt zu werden. Und das Traurigste ist, daß fast alle Hoffnungen nicht erfüllt werden. Eines Tages erhält der Ladeninhaber seine ganzen Herrlichkeiten mit dem wenig tröstlichen Bescheid zurück, unter den geschickten Sachen wäre leider nichts Passendes. Der Kaufmann ist betrübt bis in den Tod, und von dem Wunsche geleitet, seine Kunden und erst recht seine Kundinnen in jeder Hinsicht zu frieden zu stellen, läßt er sich von auswärts neue Muster, neue Proben kommen und schickt auch diese dann der Dame ins Haus. Selbstverständlich folgen auch diese zurück und so werden nicht nur die Kräfte, sondern auch die Zeit und die finanziellen Mittel eines Lieferanten unnötig in Anspruch genommen.

[994] 995. Besonders die Buchhändler können ein Lied hiervon singen. In einer Gesellschaft kommt das Gespräch auf ein Buch und die Gnädige muß zu ihrer Schande gestehen, daß sie es noch nicht gelesen hat.

»Das müssen Sie aber unbedingt nachholen,« redet man ihr zu, »das Buch ist in jeder Leihbibliothek vorrätig.«

Die Dame kauft prinzipiell keine Bücher, sie weiß ja gar nicht einmal, wie man das anfangen soll und wie man sich bei einem derartigen Einkauf benimmt. Aber es liegt ihr daran, sich ein Air zu geben, und so hochnäsig und stolz, wie sie nur irgend kann, erwidert sie: »Ich lese prinzipiell aus keiner Leihbibliothek, ich kaufe alle Bücher, die ich in die Hand nehme«.

Dies ist wahr, denn sie liest überhaupt keine Bücher, sie hat ja ihre Zeitung mit dem schönen Roman, der in Fortsetzungen verabfolgt wird, was braucht sie da noch andere Sachen zu lesen.

Als sie sagt, daß sie die Bücher nur kauft, niemals leiht, wird sie angestaunt wie ein Wundertier und Schweigen herrscht rings im Kreise. Man sieht ehrfurchtsvoll zu ihr auf, man beneidet sie um die künstlerischen Interessen, die aus ihren Worten hervorgehen, man giebt ihr im stillen den Beinamen einer Kunstmäcen in und man findet es unbegreiflich, daß die deutschen Schriftsteller und Schriftstellerinnen ihr, der sie so viel verdanken, noch kein Denkmal setzten, sie noch nicht mit dem Lorbeerkranz krönten und sie noch nicht zum Ehrenmitglied der zahlreichen Schriftsteller-Vereine ernannten.

Sie kauft Bücher!

Noch immer verharrt die Menge in ehrfurchtsvollem Schweigen, sie können das Unglaubliche und Ungeheuerliche noch nicht fassen, sie müssen Zeit haben, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß es eine deutsche Frau giebt, die sich Bücher kauft.

Am nächsten Morgen lenkt die Dame, die sich prinzipiell alle Bücher kauft, ihre Schritte zur Leihbibliothek. Sie fordert den Roman, von dem gestern abend gesprochen wurde, aber der Besitzer bedauert unendlich, drei Exemplare hat er nur und diese sind nicht nur auf Wochen, sondern bereits auf Monate vergeben. Es ist ihm nicht möglich, auch nur annähernd den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem er ihr das Buch zuschicken kann.

Die Gnädige ist sehr betrübt, sie geht davon wie eine geschlagene Frau und wendet ihre Schritte langsam, als ginge sie einen schweren Gang, zur nächsten Buchhandlung. Sie erkundigt sich, ob das Buch vorrätig ist, und sie hat Glück, es ist da, sogar gebunden und ungebunden. Sie nimmt ein Exemplar in die Hand und erkundigt sich nach dem Preis, aber sie wird schwach, als sie hört, daß das Buch sieben Reichsmark kostet.

Sieben Mark, so viel Geld giebt es ja gar nicht und noch dazu für einen einzigen Band, das ist ja geradezu unerhört, wenn es noch wenigstens der ganze Brockhaus oder der ganze Meyer wäre, ließe man sich das noch gefallen, aber dies übersteigt ja wirklich die Grenzen dessen, was erlaubt ist.

»Gebunden oder ungebunden?« frägt der Buchhändler. Und da die Ungebundenen nicht aufgeschnitten sind, wählt sie das teurere.

Der Verkäufer nennt noch einmal den Preis, gleichsam um sie dadurch aufzufordern, in die Tasche zu greifen und zu bezahlen, eingedenk des schönen Liedes aus Gasparone: »Zahlt nur, o zahlt, dann ist's erledigt, ich entlaß euch unbehelligt«.

Aber sie denkt gar nicht daran zu zahlen: sie thut zwar so, als ob, sie greift in die Tasche, fühlt nach, ob ihr das volle Portemonnaie noch nicht gestohlen ist, dann sagt sie: »Mir fällt eben ein, ich habe nicht genügend Geld bei mir und außerdem möchte ich mir das Buch vorher noch einmal genau ansehen, ehe ich mich definitiv darüber entscheide, ob ich es kaufe oder nicht«.

Mit dem Buch in der Hand geht sie von dannen und kaum zu Hause angelangt, legt sie sich auf die Chaiselongue und liest das Buch von A bis Z durch. Als sie die letzte Seite zu Ende gelesen hat und über alles, was in dem Roman vorgeht, unterrichtet ist, klingelt sie ihrem Mädchen und sagt: »Bertha, bringen Sie dieses Buch wieder in die Buchhandlung zurück und sagen Sie, ich hätte es mir anders überlegt, ich wollte es nicht behalten, es schiene mir doch wenig spannend und amüsant zu sein.«

Zehn Minuten später steht das Buch wieder auf dem Ladentisch und geduldig wartet der Ladeninhaber und seine Gehilfen, bis eine andere Dame kommt, die sich dieses Buch wieder zur Ansicht mit nach Hause nimmt.

Wenn ein deutscher Schriftsteller lediglich auf den Verdienst angewiesen wäre, den ihm der Verkauf seiner Bücher einbrächte, so dürfte er sich nur an jedem Sonntag eine Kartoffel und nur an jedem vierten Sonntag den dazu gehörigen Hering leisten.

[995] 996. Fasse in einem Delikateßgeschäft mit deinen Händen nichts an, was du nicht ganz bestimmt kaufen willst. Früchte, Wurstwaren, geräucherte Gänsebrüste und derartige Sachen werden dadurch nicht appetitlicher, daß sie wiederholt von nicht ganz sauberen Händen und nicht tadellos reinen Handschuhen angefaßt und daraufhin befühlt werden, ob sie frisch sind, und saftiger wird keine Birne dadurch, daß man sie erst zehn Minuten in der Hand hält und gewaltsam allen Saft herausdrückt.

[996] 997. Herrenbegleitung beim Einkaufen. Die Herren sollten ihre Damen nur ausnahmsweise begleiten, wenn diese Besorgungen machen, denn fast immer fehlt es ihnen an der nötigen Geduld, um bei dem Aussuchen auszuharren, und meistens bekommen die Frauen dann nicht das, was sie haben wollen. Dies ist besonders in Modewarengeschäften der Fall. Selten hat das Ehepaar über ein und dieselbe Sache dieselbe Meinung, und wenn sie trotzdem einig sind, veruneinigen sie sich bei dem Preis. Entweder ist der Mann sparsam und sagt, das ist zu teuer, oder die Frau ist der sparsame Teil.

Und dann geht die Sache los. »Hans, nun rate mir aber endlich, welchen Hut soll ich nehmen, diesen zu siebzig oder diesen zu neunzig Mark?« Hans ist in seine kleine Frau, mit der er sich erst vor kurzem hat trauen lassen, bis über beide Ohren verliebt und ist natürlich für den Hut zu neunzig.

Aber sie ist dagegen, nach ihrer Meinung sind siebzig Mark Geld genug. Sie überlegen und streiten hin und her, er will, daß sie möglichst hübsch und elegant aussieht; sie hat ja auch im Grunde ihres Herzens denselben Wunsch, denn ihm, nur ihm allein zu gefallen ist ihr einziger Gedanke bei Tag und bei Nacht, und außerdem schmeichelt es ihr, den Verkäuferinnen zu zeigen, wie gut ihr Hans ist, wie reich und wie wohlhabend, daß er das Teuerste wählt, wo sie für die Billigkeit ist. Aber sie können sich nicht einig werden, und siehe, da bringt die Verkäuferin einen neuen Hut. Der ist noch süßer als die beiden anderen zusammen, dafür kostet er aber auch das dreifache und Hans läßt nicht locker, seine Hanna muß sich diesen kaufen, obgleich sie eigentlich doch lieber den anderen billigen, der ihr besser stand, genommen hätte.

[997] 998. Bezahle bar! Manchmal scheint es fast, als hätten einige Menschen sich vorgenommen, prinzipiell in keinem Geschäft auch nur das Geringste bar zu bezahlen. Sie mögen kaufen, was sie wollen, einerlei, ob das, was sie aussuchten, fünf Pfennig oder fünfhundert Mark kostet, sie bezahlen nicht sofort, sondern bitten: »Nicht wahr, Sie sind so freundlich und schreiben es auf!«

Wie der Herr, so das Geschirr, wie die Eltern, so die Kinder und nicht minder auch die Dienstboten.

Den Kindern müßten verständige Eltern den Grundsatz einimpfen, daß es auf der ganzen Welt keine größere Sünde gegen sich selbst und keine größere Dummheit giebt, als etwas anschreiben zu lassen, und sie müßten streng darauf halten, daß ihren Ermahnungen gemäß auch gehandelt wird. Aber leider ist dies nicht immer der Fall. Auf dem Weg zur Schule gehen die Kinder bei ihrem Kaufmann vor, holen sich für fünf Pfennig Löschblätter, ein Heft und andere Kleinigkeiten, und wenn der Kaufmann diese am Ende des Quartals oder des Jahres zusammenrechnet, kommt eine ganz gewaltige Summe heraus. Vater und Mutter sind sich darüber einig, daß die Rechnung nicht stimmt, soviel kann der Junge doch unmöglich geholt haben, und der Herr Filius, der ein schlechtes Gewissen in seinem Busen spazieren trägt, giebt selbstverständlich auch seinerseits dem Kaufmann die Schuld, natürlich hat der sich geirrt, er selbst ist ja nur ein paarmal in dem Laden gewesen und hat dann nur stets für ein paar Pfennige gekauft.

Wie es dem Herrn Sohn mit den Bleifedern, so geht es der Tochter mit der Handschuhverkäuferin, der gestrengen Frau Mama mit dem Modewarenlieferanten, dem Herrn Papa mit dem Cigarrenhändler, der Köchin mit den Lieferanten und dem Hausmädchen mit dem Krämer. Es herrscht Heulen und Zähneklappern, aber niemand sagt sich: »So was kommt von so was«.

Wer seine Schulden bezahlt, vergrößert sein Vermögen, wer bar bezahlt, kauft nur halb so viel, als wenn er anschreiben läßt, und wer darauf achtet, wird sehen, daß alles, was auf Borg genommen wird, meistens entbehrliche Sachen sind.

Es giebt Damen, die der Versuchung, zu kaufen, nicht widerstehen können, sie kaufen nicht, weil sie irgend etwas nötig haben, sondern lediglich aus Freude an dem Kaufen selbst. Alles, was ihnen vorgelegt wird, findet ihren Beifall, und selbst wenn es ihnen nicht gefällt, wollen sie es dennoch aus irgend einem Grunde haben. Sie lassen sich alles schicken, um sich wenig später zu Hause die bittersten Vorwürfe zu machen, sie nehmen sich fest vor, sich zu bessern, aber schon am nächsten Tag handeln sie genau wieder ebenso. Sie selbst behaupten, diese Sucht wäre krankhaft, aber in Wirklichkeit ist es weiter nichts, wie grenzenloser Leichtsinn.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 982-998.
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