1.

Gesellschaften im eigenen Haus.

[154] 154. Vorbereitungen. Leute, die ihr aus mehreren Gängen bestehendes Diner um 6 oder 7 Uhr des Abends einzunehmen pflegen, deren reiche Einrichtung sich auf Tafelzeug und Silber in großem Maße ausdehnt und die mit vielen gutgeschulten Dienstboten versehen sind – diesen Leuten bedeutet es nur etwas Angenehmes, oft und viel Gäste bei sich zu sehen. Von der Mühe, die »Besuch« in jedem einfacheren Haushalt hervorruft, wissen sie nichts. Sie schieben in das tägliche Menü ein oder zwei Gerichte ein, bestimmen die Weinsorten und kaufen, wenn es hoch kommt, selbst Dessert und Blumen ein. Bei großen Festen oder besonders feierlichen Diners werden sie vielleicht das Decken und Arrangement der Tafel überwachen. Für die Hausfrau aber, deren Dienstbotenaufwand in ein oder zwei Mädchen besteht und die sich für Gesellschaften eine Kochfrau, einen Lohndiener und eine Aufwartefrau nehmen muß, umschließt der Plan, Gäste zu laden, eine lange Reihe von Besorgungen und Mühseligkeiten jeder Art. Leider wird der Kosten- und Arbeitsaufwand nicht immer durch gute Unterhaltung der Gäste und innere Befriedigung der Hausfrau ausgewetzt. Doch sollte es das Bestreben jeder Frau sein, ihre Gäste so zu bewirten und so gut zu amüsieren, daß sie sich am Schluß sagt: »Diesmal war es doch wieder der Mühe wert!«

[154] 155. Arrangements. Am Anfang der Saison wird man sich überlegen, wieviel gesellschaftliche Verpflichtungen man hat, wieviel Diners, Soupers und Soiréen man ungefähr geben muß und wie man am besten seine Gäste zu den einzelnen Gesellschaften verteilt. Man sollte sich bei diesen Ueberlegungen nicht nur von der Idee leiten lassen, die ältesten und vornehmsten Leute zu den besten Diner zusammen zu bitten. Man sollte auch etwas das Amüsement berücksichtigen und gerade zu steifen, wenig ergiebigen Personen ein paar junge, frische Elemente fügen. Der Herr Präsident oder der Herr Oberst sehen sehr gern einmal eine hübsche Referendarsfrau oder elegante Leutnantsgattin und werden sehr dafür sein, als Nachbarin, wenn auch nicht als Tischdame mal eine andere als die nach Rang und Würden zunächst kommende Lady zu haben. Auch braucht man nicht so ängstlich abzuwägen, ob man dieselben Familien, bei denen man zum Soupergebeten war, nun auch ja wieder zum Abend lädt und ihnen ebenso viel Gerichte und genau denselben sauren Tischwein giebt.

[155] 156. Den Verhältnissen angemessen. Jeder muß sich eben nach seinen Verhältnissen richten und es braucht niemanden zu genieren, ein langatmiges Diner, auf dem es von Anfang an Champagner gab, durch ein hübsches kleines Abendessen mit Bowle zu erwidern. Wenn sehr empfindliche Seelen diese Revanche aber als etwas für sie Demütigendes empfinden, so sollten sie lieber keine solennen Einladungen annehmen, als sich nachher durch gewissenhafte Erwiderung in unverantwortliche Ausgaben zu stürzen. In keiner Beziehung wird ja so fleißig Sand in die Augen gestreut, als in gesellschaftlicher. Leute, die sich nicht die geringste Erholung oder Extraausgabe erlauben dürfen, versagen sich auch noch das Letzte – vielleicht Theaterbillets oder gutes Fleisch in der Woche – »um eine Gesellschaft geben zu können!« Dies Opfer aber dankt ihnen niemand und sie sollten sich ruhig damit begnügen, ihre Bekannten freundschaftlich zu sich zu bitten und ihnen einfaches, aber gutes Essen vorzusetzen. Ich höre schon von allen Seiten: »Das kann man nicht – das sind eben gesellschaftliche Verpflichtungen – die Stellung meines Mannes – und die Rücksicht auf seine Carriere – und außerdem müssen wir uns revanchieren –« Gewiß! Das sollen Sie auch! Man darf sich nicht angewöhnen, Freundlichkeiten hinzunehmen, ohne je an eine noch so bescheidene Erwiderung zu denken. Dann wird man bald zu der beliebten Klasse der »Nassauer« gerechnet werden und sich moralisch verschlechtern. Denn nur kleinliche Menschen sind undankbar. Aber man soll nicht seine Verhältnisse überschreiten, nicht dem Ehrgeiz zuliebe thörichte Opfer bringen. Es ist durchaus schlechter Geschmack, mehr scheinen zu wollen als man ist; und doch ist es leider! das Wahrzeichen, oder vielmehr die Krankheit unserer Zeit. Aber immer und überall hat es Menschen gegeben, die den Mut hatten und haben, offen zu sagen: »Wir machen den Unfug einfach nicht mit – wir geben was unsere Verhältnisse erlauben, wir wollen niemand blenden. Und wem unser Verkehr und unsere Bewirtung infolgedessen nicht genügt, der mag zu Hause bleiben!«

[156] 157. Reform des Gesellschaftswesens. Schwache Seelen mögen sich an diesen Vorbildern stärken, sie werden sie immer finden – man braucht sich nur umzusehen! Und wenn sie den Mut zum Bekenntnis gefunden haben: »wir machen es ebenso« – so können sie sicher sein durch ihr verständiges Vorgehen neue Jünger ihrer Theorie zu erwerben. Das wird ihnen heimlich eine große Beruhigung sein – und sie werden viel Ruhe und Glück in die Familien dadurch bringen!

Da die Frau des Hauses Seele ist – in diesem Fall also eine oft zaghafte, unsichere – so muß die Reform des Gesellschaftswesens von ihr ausgehen, nicht vom Manne. Denn sie übersieht den Verbrauch im Haus halt und kann entscheiden, ob während eines Winters besonderer Ausgaben oder Anschaffungen wegen der Verkehr ganz fortzulassen oder nur einzuschränken ist – oder ob man in gewohnter Weise seine Freunde empfangen kann.

[157] 158. Einladungsliste. Hat sie sich das klar gemacht und ist zu dem Resultat gekommen, daß einige »notwendige« Gesellschaften in ihre Berechnungen hineinpassen, so wird sie also die berühmte Liste aufstellen und die Bekannten registrieren. »Erstens die, die wir haben müssen« – denn wir sind ihnen ein oder mehrere Einladungen schuldig! – »zweitens die, die wir gleich mitnehmen können« – da sie uns auch im Laufe des Winters laden werden! – »drittens die, die wir eigentlich erst gehabt haben, die aber eingeschoben werden, wenn die und die absagen« (hoffentlich!). Denn man schlage an seine Brust und versuche zu leugnen, ob es nicht sehr angenehm in jeder Beziehung ist, zwei geplante Gesellschaften zu einer zusammenziehen zu können! Das setzt allerdings voraus, daß man rechtzeitig Absagen erhält und schnell noch ein paar weitere Einladungskarten ausschicken kann.

[158] 159. Das »Nachbitten«. Auch in diesem Punkt sollte man nicht so empfindlich sein und das »Nachbitten« so übelnehmen! Im Gegenteil: es setzt voraus, daß die Gastgeber mich für zu verständig halten, um solche Kleinigkeit verkehrt aufzufassen, und außerdem, daß sie aus irgend einem Grunde gerade meine Gegenwart für wünschenswert halten, was immerhin sehr liebenswürdig ist. Wird man zum erstenmal in ein Haus gebeten, ist es gewiß kein »Nachbitten«, und bei häufigerem Verkehr ist es doch ganz egal! Jedes Speisezimmer hat nur seine bestimmte Anzahl Plätze, und da man vornherein nicht all seine Freunde bitten kann, so ist es sehr praktisch und zugleich gütig, mir später noch einen Raum zu gönnen! Um also die Gastgeber nicht in Ungelegenheiten zu bringen, erlaube man sich nur bei ganz guten Freunden, mit denen man offen darüber spricht, die Frage, ob man kommt oder nicht, offen zu lassen. Wenn diese Ungewißheit den Wirt im geringsten geniert, so darf er ruhig sagen: »Bitte, geben Sie gleich bestimmten Bescheid – ich möchte sonst über den Platz verfügen!« Das überängstliche Rücksichtnehmen, das beiden Teilen gleich lästig wird, ist spezifisch deutsch. In Frankreich und England fällt es niemand ein, es dem anderen übel zu nehmen, wenn er absagt, ohne einen bestimmten Grund anzugeben, und ebensowenig, wenn man noch am letzten Tage die Einladung zu einem Diner erhält.

Sehr bequem ist es, ein paar junge Leute oder ein paar junge Mädchen an der Hand zu haben, die gern einspringen, wenn im letzten Augenblick jemand ab sagen läßt oder der berühmte »Vierzehnte« nicht aufzutreiben ist.

[159] 160. Einladungskarten. Zu großen, feierlichen Gesellschaften lädt man mit gedruckten Karten ein, die ungefähr so lauten werden:

»Konsul N.N. und Frau geben sich die Ehre, Herrn Oberst N.N. und Frau Gemahlin zu einem Mittagessen am 11. d.M. um 6 Uhr freundlichst einzuladen.

U.A.w.g.

Bitte Ueberrock.«


Oder auch:

»Herrn Kommerzienrat N. und Frau Gemahlin beehren sich zu einem Mittagessen am 11. d.M. um 6 Uhr ergebenst einzuladen

Major K. und Frau.

U.A.w.g.

Bitte Frack.«


Zu einfacheren Gelegenheiten wird die Hausfrau oder der Hausherr eine Karte schreiben, die ungefähr so lauten wird:


»Verehrter Herr N.!

Würden Sie und Ihre liebe Frau Gemahlin uns die Freude bereiten, am Freitag d. 6. ganz gemütlich bei uns einen Teller Suppe zu essen? Bitte um 7 Uhr.

Mit freundlichstem Gruß

Ihr ergebener N.N.«


[160] 161. Antwort auf Einladungen. Die Antwort auf die ersteren, feierlichen Ladungen muß in ähnlichem Tone gehalten sein:

»Der gütigen Einladung zum 11. d.M. werden mit großem Vergnügen Folge geben

Oberst N.N. und Frau.«

Oder:

»Kommerzienrat N. und Frau danken herzlichst für die liebenswürdige Einladung zum 11. d.M. und werden derselben mit größtem Vergnügen Folge leisten.« Auf die dritte, persönlich geschriebene Karte wird man in derselben Weise antworten:


»Geehrter Herr N.!

Ihrer freundlichen Aufforderung zum 6. d.M. werden meine Frau und ich mit größtem Vergnügen nachkommen. Mit freundlichsten Grüßen von Haus zu Haus

Ihr ergebener N.N.«


Also. »Wie man in den Wald ruft, schallt es zurück!« Feierliche, in dritter Person gehaltene Karten beantwortet man ebenso förmlich – freundschaftliche Billete erwidert man unzeremoniell. – Sendet man die Einladungen durch einen Diener oder ein Mädchen aus, das gleich die Antworten zurückbringen soll, so gebe man eine Liste der Geladenen und einen Bleistift mit, damit gleich hinter die Namen ein »Ja«, ein »Nein« oder bei unentschiedenen Fällen ein Fragezeichen gemacht werden kann. Das erspart Irrtümer.

[161] 162. Was gebe ich zu essen? Ganz unerfahrene junge Hausfrauen werden schon des Essens wegen große Angst vor der ersten Gesellschaft haben! Wieviel Menüs stellt man auf, wie oft sagt man nicht: »Bei Müllers gab es erst Suppe, dann Fisch, dann Gemüsegang und zuletzt Braten – sollen wir dieselbe Reihenfolge behalten? Oder erst Hummer – oder Austern – und dann Suppe?« Den Einwendungen des Gatten wird entgegnet, daß es eine große Beruhigung sei, einen Gang kalt zu geben, an dem die Köchin nichts mehr verderben kann – »oder ein Ragout? – das könnte ich fertig machen und sie wärmt es nur?« Auf die Zustimmung des geduldigen Ehemannes folgt der Zweifel: »Aber der Braten! – Wenn sie ihn nur begießt! und Gemüse und Kartoffeln – eins verdirbt sicher!« Die Skrupeln der jungen Frau werden sich verdoppeln, wenn sie an die süße Speise denkt und daran, daß es bei Müllers auch noch Käsestangen gab – »o Gott – das kann sie nicht alles!« Dann sollte man sie auch auf keinen Fall den Versuch machen lassen, sondern sie das kochen lassen, was sie wirklich gut zubereiten kann. Neigt ihr Talent mehr zum einfachen Braten, so gebe man einen Gemüsegang mit feiner Beilage gebratener Schweser oder dergleichen, richte das Ragout selbst her, damit sie nichts verderben kann, oder ersetze es durch eine kalte Pastete, Hummer u.s.w., die man vorher anrichten kann, so daß der Köchin Muße für das Braten bleibt. Wenn man die Unruhe oder Mehrausgabe für die Kochfrau sparen will, obgleich die paar Mark leicht dadurch wieder eingespart würden, daß sie die süße Speise selbst bereitet und dadurch Eis oder die Torte vom Konditor unnötig sind, so mache man jedenfalls zur Gesellschaft keine neuen Versuche – kein Rezept, das nicht schon selbst ausprobiert und als gut befunden worden ist! Man vergesse nie, daß es besser ist, zwei gutgelungene Gerichte als vier verdorbene aufzusetzen!

Von diesem Gesichtspunkt aus stelle man den Küchenzettel zusammen.

[162] 163. Abendgesellschaften. Für eine kleine Abendgesellschaft werden zwei warme Gerichte genügen; oder ein warmes Vorgericht mit nachfolgender kalter Küche, wie es im Norden gebräuchlich ist; oder umgekehrt zuerst allerlei Salate, kaltes Fleisch, verschiedene Wurstsorten, Eier, kalt oder warm, Fischdelikatessen und Pastetchen und nachher Geflügel, Wild oder überhaupt einen warmen Braten.

Bei größeren Abendmahlzeiten wird man wenigstens drei Gänge geben. Vielleicht Bouillon in Tassen, Ragout fin in Muscheln oder Pastetchen, ein Fischgericht, ein Salami, Gemüse mit Beilage oder eine kalte Pastete und zum Schluß ein warmes Fleischgericht. Man serviert den Braten jetzt gewöhnlich mit vielerlei Sorten Gemüsen arrangiert; oder man giebt das Gemüse, wenigstens feineres, wie Spargeln, Artischocken u.s.w. für sich als Gang, ohne Beilage. Auch eine süße Speise, einen Pudding oder eine Crême wird man dem feineren Souper hinzufügen müssen. Zum Schluß Käsestangen oder die mit Recht so gefürchtete »Käseschüssel« – Brot, Käse, Butter, Radieschen, Pumpernickel, alles auf gebrochener Serviette arrangiert, eine bequeme und beliebte, aber keine geschmackvolle Einrichtung! – Ferner Obst und Dessert.

[163] 164. Ueber den Käse. Der alte Streit, ob der Käse vor oder nach der süßen Speise zu reichen sei, wird nie begraben. Aus sanitären Rücksichten sollte der Käse ganz am Schluß serviert werden, da er zur Verdauung hilft. Da man aber nicht gern als Letztes »Käsegeschmack« im Munde hat – schon aus ästhetischen Gründen nicht – so schiebt man ihn häufig zwischen Auflauf und Früchten ein.

[164] 165. Ueber Austern. Giebt man als ersten Gang Austern – die man nie zu kalt, nie auf klein gehacktem Eis servieren darf, da sie durch die Kälte viel von ihrem Geschmack verlieren! – so reiche man Bouillon in Tassen oder etwas feurigen Wein, Portwein oder Sherry dazu. Austern auf nüchternen Magen genos sen, sind unverdaulich, ebenso schädlich ist es, Rotwein zu Austern zu trinken.

[165] 166. Ein Paar Menüs zu Abendgesellschaften:

1. Mayonnaise von Hühnern. Sole au gratin. Rehrücken. Spargel. Torte. Obst.

2. Hors d'oeuvres (darunter versteht man feine pikante, kalte Sachen, wie Eier mit Kaviar, Mayonnaise, Trüffeln oder pikanter Sauce, Hering in verschiedenen Zubereitungen, Sardinen, Anchovis, Kaviar und feine Wurstsorten; auch italienische Salate). Filet mit Tomaten und Champignons. Timbale de foie gras. Artischoken. Fasan mit Sauerkraut und Austern. Apfelsinen. Eis. Käse. Obst. Dessert.

3. Ragout fin en coquilles. Schneehühner mit Kastanienpüree. Bachforellen. Gebratene Schweser mit Spargelspitzen. Hammelbraten mit Perlzwiebeln. Crême à la Nesselrode. Käsestangen. Obst.

Nach russischer Weise nimmt man das »Szzarkuska«, die hors d'oeuvres, stehend am Buffet ein, das auch an Likören eine reiche Auswahl tragen muß.

Ein »schwedisches« Buffet trägt neben den Kalten Speisen auch gleich zwei oder drei warme Gerichte, unter denen man wählt. Diese praktische Einrichtung wird auch bei uns in vielen besseren Restaurationen nachgeahmt.

In Frankreich und England serviert man die hors d'oeuvres ausschließlich zum »déjeuner« und »luncheon« um ein Uhr.

[166] 167. Das Gabelfrühstück. Da man in Deutschland, abgesehen von den Hansestädten, im allgemeinen frühzeitig zu Mittag ißt, wird man selten Gelegenheit haben, ein Gabelfrühstück zu geben. Es wäre sehr praktisch, wenn überall eine Mittagsstunde innegehalten würde. Es ist weder bequem noch bekömmlich, der Gäste wegen, »weil es nun einmal Sitte ist«, die gewohnte Essensstunde so zu verschieben, daß sie zwischen Mittag- und Abendmahlzeit liegt, so daß man entweder »überhungert« ist oder satt zu einem Diner geht. Leute, die häufig Gäste bei sich sehen, sollten ein für allemal ihre Tischzeit so legen, daß die Hausordnung durch den Besuch in keiner Weise gestört wird. Auch sind die Dienstboten leichter fürs Decken und Servieren einzuschulen, wenn sie täglich in derselben Weise aufwarten müssen wie an den Tagen, da Gäste erwartet werden.

Zu einem Gabelfrühstück giebt man z.B.:

1. Hors d'oeuvres. Kaltes Fleisch. Gemüse. Wachteln. Kompott. Obst. Dessert.

2. Austern. Frikassee von Hühnern. Boeuf braisé. Rehkotelettes mit Morcheln. Ananas-Pudding. Käse. Obst.

3. Warme Hummer. Beefsteaks. Selleriepuree. Poularde mit Salat. Reisauflauf. Dessert.

[167] 168. Unerwartete Gäste. Für ein oder zwei Gäste, die sich anmelden, schiebt man, wenn es irgend geht, einen leichten Gang zwischen Suppe und Braten ein oder sorgt für ein paar Kuchen zum Nachtisch. Leute, die à la fortune du pas kommen, müssen sich mit dem begnügen, was da ist, und es ist unnötig, sich ihnen gegenüber zu entschuldigen, daß es ein einfaches Gericht giebt oder das Essen nicht reicht. Man kann nicht verlangen, daß in einem Haushalt täglich soviel mehr gekocht wird, daß noch drei oder vier Personen mit satt werden. Giebt es bei einem plötzlichen Ueberfall einen Braten, so wird die Hausfrau sagen: »Gott sei Dank« und noch für etwas Salat oder Kompott sorgen, wenn das Gemüse knapp bemessen ist. Wenn aber eine andere Fleischspeise, Kotelettes oder Beefsteaks oder ein Ragout vorgesehen ist, so wird die Sache bedenklicher, da man gewöhnlich nur soviel rechnet, daß höchstens ein kleiner Rest für den Abend bleibt.

[168] 169. Schnell einschiebbare Gerichte. Da sollte die Hausfrau schnell irgend etwas ersinnen können, was das Menü verlängert; entweder ein Eiergericht, Rührei mit Morcheln ober Spargeln oder mit entgräteten Bücklingen; Spiegeleier auf Speckscheiben oder poached-eggs (verlorene Eier) mit Senf oder einer pikanten Sauce – oder irgend ein Dosengemüse mit oder ohne Beilage, oder ein paar Welsh-rare-bits oder Käsebrötchen oder Heringspfännchen – bei einigem Nachdenken wird man ja auf irgend etwas verfallen. Eier pflegen meistens vorrätig zu sein, auch wohl Dosengemüse oder etwas Eingelegtes oder Sulzfleisch. Die praktische Hausfrau, die keinen »Aufschnitt« kauft, sondern für kleine Vorräte an Wurst- und Fleischsorten sorgt, ist für den Appetit mehrerer Tischgäste immer gewappnet. Und in einer Viertelstunde lassen sich Wunderdinge bereiten! Man gewöhne nur die Köchin an gutes, sauberes Auflegen – das Petersiliendekorum ist durchaus nicht der Beweis geschmackvollen Garnierens! – und leite sie an, eine Schüssel gefällig mit Gemüsen, Kartoffeln und Fleisch anzurichten. Dann wird sie sich in Stunden der Not zu helfen wissen und ihr möglichstes thun, gleichfalls mit Ehren zu bestehen. – Hat man am Sonntag zur gewöhnlichen Essensstunde ein paar Freunde gebeten, so wird man ein oder zwei Zwischengerichte einschieben und vielleicht noch einen Pudding oder einen Auflauf servieren lassen. Diese kleinen Mittagsgesellschaften sind die beste Vorübung für Köchin und Hausfrau und die versuchten und einmal gelungenen Gerichte können dann bei größeren Gelegenheiten wiederholt werden.

[169] 170. Erlesene Gemüse. Ganz raffiniert feine Sachen, die viel Aufmerksamkeit und Mühe fordern, kann man überhaupt nur für wenige Personen kochen. Für große Diners nur, wenn man eine ganz zuverlässige Kochfrau hat oder das Menü durch einen »traiteur« herstellen läßt, wie es in großen Städten, in Berlin, Hamburg u.s.w. jetzt vielfach Mode ist.

[170] 171. Wahl des Menüs. Der ängstlichen Hausfrau bietet jedes Kochbuch eine Auswahl an kürzeren und längeren Menüs. Sie wird außerdem die Reihenfolge der Gerichte in andern Häusern beachten und daraus am besten lernen, wie man einen Speisezettel zusammenstellt – aber auch, was man vermeiden muß! Ein langes, mit allen Delikatessen gespicktes Menü ist durchaus nicht immer geschmackvoll. Es kann »protzig« sein oder zuviel schwere Sachen aufweisen oder zuviel »weißes« oder ausschließlich »dunkles« Fleisch bringen. Das sind alles Fehler! »Es kommt alles auf die Zubereitung an, sprach Hans und schickte eine Kröte« – und »in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister« – diese beiden Worte sollte der nie vergessen, der seinen Gästen ein opulentes Mahl vorsetzen will.

[171] 172. Zwei Menüs für kleinere Diners:

1. Hühnersuppe.

Schinkenauflauf mit Maccaroni und Parmesankäse.

Zander mit Sardellenbutter.

Rinderfilet mit Madeirasauce.

Spinat.

Blancmangér.

Käse, Obst, Dessert.

2. Klare Bouillon mit Markscheiben.

Taubenfrikassee mit Krebsschwänzen.

Käseauflauf.

Teltower Rübchen mit gebratener Kalbsmilch.

Wildschweinsrücken mit Selleriesalat.

Reispudding mit Makronen.

Käse, Obst und Dessert.

[172] 173. Zwei Menüs für größere Diners:

1. Schildkrötensuppe.

Blumenkohl à la Béchamel mit Backhähnchen.

Filet mit Trüffeln.

Seezunge in Austernsauce.

Gedämpfter Hase.

Cichoriensalat.

Galantine von Enten.

Garnierter Hammel.

Kompotts.

Grüne Spargel.

Fürst Pückler-Eis.

Käse.

Englischer Sellerie.

Petits faurs.

Frische Ananas.

Konfitüren.

2. Austern.

Suppe à la reine.

Sautierte Kalbsmilch mit Trüffelsauce und Spargeln.

Warme Hummer.

Wildenten mit Endiviensalat.

Gänseleberpastete.

Schinken in Burgunder mit Champignons.

Plumpudding.

Artischocken.

Hammelkotelettes à la Saubise.

Kalbsrücken garniert.

Geeiste Früchte.

Baumkuchen.

Käsestangen.

Weintrauben. Dessert.

[173] 174. Saison-Gerichte. Jede Saison hat ihre Delikatessen. Der Winter Austern und Kaviar, der Frühling Kibitzeier und junge Gemüse, der Sommer (in den Monaten ohne, »r«) Krebse, Hummer und Krabben, der Herbst Krammetsvögel, Schnepfen und Rebhühner. Selbstverständlich muß man bei der Zusammenstellung eines Menüs das beachten, was gerade seine Zeit hat – nicht nur, weil auch die feinsten Delikatessen verhältnismäßig am billigsten, sondern weil sie dann am besten sind.

Auch jede Art Fisch und Fleisch ist zu bestimmten Zeiten besser, als zu anderen, z.B. Hammel- oder Lammfleisch zu Ostern; Schweinefleisch zum Herbst; von Fischen alle Buttsorten im Sommer; Schellfisch, Hecht u.s.w. im Winter. – Die Winke, die jedes gute Kochbuch auch hierüber giebt, sollten besonders von den jüngeren Hausfrauen nicht so mißachtet werden, wie es jetzt meistens geschieht. – Auch über die Nährwerte der Pflanzen und Fleischsorten wäre etwas mehr Aufklärung recht erwünscht, damit die Erkenntnis, daß nicht nur das Quantum, sondern hauptsächlich die Qualität dem Körper die zum Leben und zur Gesundheit nötigen Stoffe giebt, immer mehr um sich greift und die Hauptmahlzeit des Tages, das Mittagsessen, den Appetit befriedigt, und zugleich für die Erhaltung der Kräfte sorgt.

[174] 175. Five o'clock-Thee. Der moderne five o'clock hat die altmodischen Damenkaffees fast verdrängt. Er entstammt den ausländischen großen Städten, in denen die Damen zuerst einen Tag, den »jour« bestimmten, wo sie sicher zu Hause zu treffen waren und die Freundinnen die weiten Wege nicht umsonst zu machen brauchten. Man sorgte nur für eine Erfrischung, ein Glas Thee oder eine Tasse Kaffee und diese bequeme Art der Bewirtung, zu der man weder Mantel noch Hut ablegt, hat sich allmählich, wieder von den größeren Städten ausgehend, auch in Deutschland eingebürgert. Zum five o'clock bereitet die Wirtin den Thee selbst auf einer möglichst hübschen Maschine. Der Theetisch aus Bambus oder chinesischem Lack trägt auf seinen verschiedenen Platten silberne Theegläser, alte Meißner Tassen oder Schalen im »Sezessionsgeschmack«; ebenso silberne Körbchen und Schalen mit kleinen Kuchen, Biskuits mit Butter und Gelee, heißen toast u.s.w.

Zum französischen five o'clock giebt es fast immer eine brioche à la mousseline, kleine Pasteten mit Gänseleberfüllung, Brötchen mit Anchovis- oder Sardellenbutter – auf den Nebentischen auch Portwein und Sherry.

In England giebt es außer dem herkömmlichen hatmuffin, einem heißen, sehr buttrigen Gebäck, das in runder, bedeckter Porzellanschale serviert wird, fast immer spunge, – pound und plum – cake und Sandtorte.

In Rußland ist der Tisch überladen mit Gebäck und Konfitüren, jede Hausfrau setzt ihren Stolz darein, selbstgebackene Kuchen nach neuen Rezepten zu präsentieren. Aber auch die in Rußland so besonders gut hergestellten Konfekte: Marmeladen, Bonbons, kandierte Früchte, gefüllte Schokoladen, verzuckerte Beeren und Blumen müssen in reicher Auswahl vorhanden sein und werden zur Cigarette und dem Glas Thee genossen, das graziös auf den Fingerspitzen balanciert wird und von dem man nach jedem süßen Bissen einen Schluck nimmt. Entgegen dem sonstigen Gebrauch, den Thee mit Zucker und Citronenscheiben zu trinken, bleibt er zu den Süßigkeiten ohne Zusatz, wenn nicht Pflaumenmus oder sonst ein Gelee direkt hineingemischt wird, was sehr gut schmeckt.

[175] 176. Ueber Damenkaffees. Damenkaffees, die besonders in kleineren Städten der Provinz, aber auch in manchen Kreisen der Hauptstädte noch immer en vogue sind, werden oft mit Unrecht verleumdet. Sie sind nie so schlimm oder gefährlich, wie die Herren sie darzustellen pflegen, und selten so langweilig, wie verwöhntere Frauen sie schildern. Für viele einsame und bescheidene Existenzen bilden sie oft das einzige Vergnügen, und daran und daß sie zugleich eine Erholung auf meistens recht billige Weise sind, sollte man denken, ehe man sie unbarmherzig ins Reich der überflüssigen und verdammenswerten Zerstreuungen verweist. Wiederholen sie sich allerdings zu oft oder werden sie zur Landplage dadurch, daß eine »Vorgesetzte« den ersten Kaffee giebt und nun notwendigerweise alle ihr untergebenen Damen ihn fortsetzen müssen, so ist er allerdings ebenso unangenehm und schädlich, wie das Uebermaß in allen Dingen. Kaffee, recht heiß, stark und in großen Quantitäten, ist natürlich die Hauptbedingung zu einem solchen Damenfest. Zuweilen werden auch Thee oder Schokolade außerdem angeboten. Schlagsahne und Kuchen verschiedenster Sorten gehören dazu; allerdings wird die Großstädterin selten mehr den Vorrat selbst backen, worauf man in den kleineren Städten noch viel Wert legt. Und so gut wie »selbstgebackener« oder wenigstens selbstangerührter Kuchen schmecken auch die feinsten Konditorsachen niemals. Nach einer oder zwei Stunden, kurz bevor die Damen zum Abendbrottisch nach Hause eilen, wird noch eine Torte, eine süße Speise oder Eis serviert, mit einem Glas Wein. Dieser Schluß hat meistens üble Folgen, da es des Guten und des Süßen zuviel ist und es außerdem zu einer Zeit gereicht wird, da man sonst nicht zu essen pflegt und so der Appetit für die Abendmahlzeit verdorben wird. Man sollte sich daher in den Kreisen, wo der Damenkaffee floriert, entschließen, die »süße Speise« zu streichen, die außerdem eine ganz unnötige Verteuerung bedeutet. Auch die Flensburger Damen würden sich darein finden, trotzdem die bekannte im Flensburger Dialekt an sie gerichtete Bitte dann fortfiele: »Ach bitte, bleiben Sie doch noch ein bißchen! Sie kriegen noch was Süßes hintenauf!«

[176] 177. Was gebe ich zu trinken? Was und wieviel man auf seinen Gesellschaften zu trinken geben wird, richtet sich nach der Länge des Speisezettels und nach der Sorte der Gerichte.

[177] 178. Getränke beim Abendessen. Für ein kleines Abendessen stellt man Rot- und Weißwein, womöglich in hübschen Krystallflaschen, auf den Tisch; Sekt oder eine Bowle giebt man wohl nur bei besonderen Veranlassungen. Bier wird jetzt in den meisten Häusern auch schon zum Essen gegeben – hinterher überall. Bei größeren Abendessen giebt man außer den Tischweinen eine gute Flasche Rheinwein zum Fisch oder zur Pastete, vielleicht noch eine schwerere Sorte Rotwein zum Braten. Hat das Souper viele Gänge, so muß auch die Weinkarte reichhaltiger sein; man reicht dann Portwein oder Sherry zur Vorspeise, Rheinwein zum Fisch, schweren Rotwein zum Braten und eventuell noch Sauterne oder Yquem zu einer besonderen Delikatesse. Champagner gießt man zum Eis und zum Dessert ein, wenn man ihn nicht zum ersten Gang – Austern oder Pasteten – schon reichen läßt, um die Stimmung zu animieren. Es ist aber durchaus nicht nötig, dann während des ganzen Abends Sekt einzuschenken, man kann ruhig die Gläser erst zum Schluß wieder füllen lassen.

[178] 179. Ueber die Bowle. Eine Bowle, einerlei welcher Art: Ananas, Pfirsich, Erdbeer, Waldmeister, Angostura, Apfelsinen u.s.w. erhöht sehr die behagliche Stimmung. Leider sind Bowlen recht unmodern geworden. Es liegt wohl zum Teil daran, daß jetzt der Hauptwert auf schnelles Servieren und kurze Tischzeit gelegt wird. Die Bowle aber beansprucht Beachtung und Ruhe und schon dadurch, daß der Krug den Tisch umkreist oder die Gläser dem Herrn, der den verantwortlichen Posten des Mundschenken übernommen hat, zurückgereicht werden, verlängert sie die Tischsitzung. Früher fand man es um so behaglicher, je länger man beisammen saß – jetzt darf man nicht zum ruhigen Genuß einer Speise oder eines Getränkes kommen, Schüsseln und Teller werden im Fluge gewechselt und schnell eilt man auf und davon: die Herren zum Bier und zur Cigarre – die Damen zur Cigarette und zum Bier oder Selterswasser! So ist die Bowle fast ganz auf die Familienfeste beschränkt und nur am Rhein freut sie sich ihres Daseins.

Im Norden giebt man außer dem Thee für die Damen zum Schluß des Abends oft Grog oder Punsch.

[179] 180. Getränke beim Diner. Auch hier richtet sich die Wahl der Weine nach der Güte und Anzahl der Speisen. Zu einem exquisiten Diner wird man auch vortreffliche Weine erwarten – zu einem einfacheren giebt man nur Rot- und Moselwein und vielleicht ein Glas Sherry zur Suppe oder etwas Sekt zum Nachtisch. Da es aber bei uns noch nicht Mode ist, wie in Frankreich nur l'eau rougie zu trinken, d.h. Wasser mit ganz wenig Wein, und wo ein Herr mit bemerkbarem Durst als durchaus »salonunfähig« gilt – so sollte man die paar Sorten, die man seinen Gästen vorsetzt, nicht gerade von den allersauersten Jahrgängen wäh len! Die gute deutsche Weinzunge hat an Sicherheit und Geschmack verloren – denn abgesehen davon, daß der allmächtige Konkurrent, das Bier, den Gaumen verdirbt, wird dem Kenner zu selten mehr Gelegenheit geboten, seine Fähigkeiten zu erproben. Nur in den Hansestädten, wo edler Wein noch nach Gebühr geschätzt wird, und am Rhein trinkt man noch gut – und mit Verständnis. Im übrigen deutschen Reich wird man durch die wunderbarsten Getränke in Erstaunen gesetzt und geduldig trinken Mann und Frau als guterzogene Menschen vom »Roten« oder »Weißen«, die sich nur in der Farbe unterscheiden – sauer sind sie beide! Ich denke besonders an den bekannten »Kasino-Surius«, von dem der Bursche nachmittags einen Korb voll holt und von dem die überlebenden Flaschen am nächsten Tage umgetauscht – pardon! zurückgegeben werden können.

[180] 181. Ueber den Weinkeller. Selten findet man in Privatkreisen noch einen Weinkeller. Nur die Glücklichen, die eigene Häuser bewohnen, pflegen noch einen mit Liebe behandelten Weinvorrat zu haben. Zum Teil ist hieran wohl die Mietswohnung schuld, die selten gute und trockne Keller zur Verfügung stellt; zum Teil der Gedanke, sich mit nichts Unnötigem zu belasten, das nur den Umzug erschwert, und die Beruhigung, alles was man braucht, jeder Zeit beim Weinhändler kaufen zu können.

Aber Weine, die im Oxhoft abgelagert, im Hause selbst von einem Küfer abgezogen und unter der Mitwirkung oder der Anteilnahme der ganzen Familie verkorkt, verkapselt und etikettiert worden sind und die dann zur rechten Zeit, wieder nach guter Ablagerung, getrunken und von denen einzelne Flaschen jahrelang bewahrt werden, um bei großen Festen einen wirklich edlen Tropfen zu haben – solche Weine kauft man nicht fertig – die muß man selbst zur Blüte heranpflegen! Die Ausgabe für einen kleinen Weinkeller ist nicht so groß, wie man denkt. Wenn man allmählich einkauft und seine Schätze gut verwaltet, wird man leicht einen hübschen Vorrat guter Sorten haben können.

Wer selbst Weine abzieht, was z.B. im Norden noch vielfach geschieht, sollte nur die besten Korken und niemals Lack, sondern Kapseln zum Verschluß verwenden. Außerdem muß der Wein vor zuviel Licht und vor zu großer Kälte geschützt werden.

[181] 182. Behandlung des Weins. Rotwein muß zum Trinken »stubenwarm« sein, was man am leichtesten erzielt, wenn man stets einige Flaschen ins Zimmer stellt, den größeren Bedarf zu Gesellschaften jedenfalls schon am Tage vorher. Portwein, Sherry, alle Weißweine und Sekt werden kalt getrunken – doch darf man nie vergessen, daß zu große Kälte jeden Geschmack und jede Blume fortnimmt. Die richtige Temperatur thut unendlich viel zum Wohlgeschmack eines Weines. – Ganz alte Sorten, die in der Flasche »abgesetzt« haben, gieße man nicht um – wenigstens würde das den Kenner entrüsten! – sondern trage die Flasche ganz vorsichtig, ohne sie zu schütteln oder aufzurichten, ans Tageslicht, was am besten in einem Korb oder einem kleinen Metallständer geschieht. Auch Champagner gießt man bei uns nicht um, wie es häufig im Ausland geschieht.

[182] 183. Diner-Weine. Zu einem großen Diner würde man also ungefähr folgender Weinsorten bedürfen: einen guten, aber leichten Bordeaux und angenehmen Weißwein, gewöhnlich Mosel, als Tischweine. Zur Suppe Portwein, Sherry oder Sekt, zum Fisch recht guten Rheinwein, zum Braten schweren Rotwein, zum kalten Gang (Pastete oder dergl.) einen Sauterne, Yquem, Chablis oder Burgunder; zum Eis Champagner, zum Dessert spanischen Wein (Madeira, Lacrimae Christi oder dergl.) In alten Familien giebt es zuweilen noch Muskat Lunelle zum Dessert oder Ungarwein zum Eis. Auch kann man zwei Sorten Champagner – eine zur Suppe, die andere zum Nachtisch, einschänken lassen.

Zu den hors d'oeuvres wird zuweilen ein Cognac oder ein Likör gereicht.

[183] 184. Schnäpse. Zum Kaffee, der den Schluß jedes auch noch so kleinen Diners bildet, serviert man die verschiedensten Sorten Schnaps und Liköre: Cognac, Benediktiner, Curaçao, Chartreuse, Makar, Ingwer, Slibowitz, Allasch, Königsberger Goldwasser, Persiko u.s.w.

[184] 185. Getränke nach Tisch. In Frankreich trinkt man viel Wermut mit Angostura oder Absinth, auch das unschädliche Orangeade, in England Whisky und Soda oder Citronenlimonade zur Erfrischung – bei uns verdrängt das Bier nach den Mahlzeiten alle anderen Getränke. Es ist Sitte, gleich nach dem Kaffee Bier anzubieten und zwar nicht Flaschenbier. Man legt ein Faß auf, wenn viel Herren da sind, sonst nimmt man ein oder zwei Biersyphons oder die appetitlichen kleinen »Kannen«. Es ist erstaunlich, was für eine Unmenge Bier in Deutschland nach einem Diner getrunken wird!

Den Damen bietet man gleichfalls Bier an, außerdem Zucker- und Selterswasser.

Hat das Diner zeitig begonnen, so werden zum Schluß belegte Brötchen, Thee und Kuchen serviert.

[185] 186. Verteilung der Weine. Hier fügen wir noch das Menü eines Diners bei, das die Verteilung der verschiedenen Weine auf die Gerichte zeigt:

Huitres à la Moscovite

Henkel Sekt

Real Turtle

Roter Portwein

Kromeskis de foie gras

Turbot Sauce anglaise

1892er Avelsbacher

Filet de boeuf Washington

1890er Mouton Rotschild Schloßabzug

Soufflé de Hommards

1893er Maximiner Grünhäuser Herrenberg-Auslese

Punsch Romaine

Pommery Greno sec

Faisans

Truffes au Champagne

1893er Rauenthaler Berg Burgweg Auslese

Château Laffite 1874er Schloßabzug

Glace Nelusco

Fromages

Dessert.

Eine gute Anleitung über das »Was« und »Wie« man trinken soll, findet man in der kleinen Monatsschrift »Der Weinkenner«.

[186] 187. Bequemes Sitzen. Ein alter Witz lautet: »Lieber einen Gast weniger laden und dafür ein Gericht mehr geben.« Den drastischen Schluß braucht man ja nicht zu befolgen, aber an das bequeme Sitzen soll man als erstes denken, wenn man einlädt. Die tröstliche Zuversicht, daß von vierzehn Geladenen mindestens zwei absagen werden, erfüllt sich nicht immer, und zwei oder am Ende noch mehr Personen unterbringen zu müssen, als am Tisch und im Eßzimmer Platz haben, das ist eine mißliche Sache. Es beeinträchtigt die gemütliche Stimmung, wenn man beständig mit dem Ellbogen des Nachbars kollidiert, und es raubt den Speisen den Genuß, wenn man einen halben Meter vom Tisch absitzt, weil der Stuhl sich nicht mehr einschieben läßt und man nur abwechselnd die Hände für Messer und Gabel gebrauchen kann. Auch das Servieren wird sehr erschwert, wenn die Stuhlreihen so eng sind und vielleicht das Zimmer noch bis in die Ecken benutzt ist, sodaß sich die Aufwartung mühsam von einer Seite zur anderen durchdrängen muß.

[187] 188. Raumeinteilung. Wer ein kleines Eßzimmer hat, wird zu Gesellschaften im Herrenzimmer oder im Salon decken müssen. Das macht mehr Mühe und man wird vor allem nach Tisch die Zimmer entbehren, aber man sollte es doch lieber thun, als zuviel Menschen in einen kleinen Raum drängen. Gewiß, man will die Plätze ausnützen und vor allem nicht genötigt sein, zu häufig Gesellschaften geben zu müssen. Ehe man aber sechs Personen mehr einlädt, als beim besten Willen im Eßzimmer Platz haben, sollte man lieber von der Zahl der Gutzuplacierenden die Antwort abwarten – und eventuell »nachladen«!

[188] 189. Berechnen der Plätze. Man rechnet ungefähr für die Person 55 cm Platz, d.h. von einem Teller zum andern. Hat man ältere und besonders korpulente Herrschaften unterzubringen, so kann man den Raum gern auf 70–75 cm ausdehnen. Man sagt, zu weit auseinander zu sitzen, sei ungemütlich; allerdings, wenn ein paar Personen an einer endlos langen Tafel verstreut sitzen, wie z.B. zuweilen an der table d'hôte. Im Privathaus wird das »Zuweit« selten der Fall sein.

[189] 190. Raum zum Servieren. Junge Leute, besonders wenn sie schlank sind, kann man, wenn es darauf ankommt, gern etwas enger setzen. Zu schlecht darf man aber auch sie in dieser Hinsicht nicht behandeln. – Man darf den Tisch so schieben, daß nur eine Schmalseite frei zum Herumgehen bleibt. Die beiden Plätze der anderen werden dann durch die Fensterwand oder das Büffet begrenzt. Dafür muß desto mehr Raum an der freien Seite bleiben, damit die Diener mit Schüsseln und Flaschen ungehindert aneinander vorüber können. Auch an den Längsseiten muß genügend Platz zum Servieren sein, damit kein Unglück passiert oder die Gäste bei jedem Angebot fast vom Stuhl geschüttelt werden.

[190] 191. Die Tische sind à conto der Mietswohnungen jetzt meistens recht schmal. Auf einer breiteren Tafel kommt aber alles besser zur Geltung, vor allem sieht sie nicht leicht überfüllt aus. Für den Gast ist es sehr angenehm, auch vor sich etwas Raum zu haben, statt mit dem Gesicht fast in eine Jardinière oder einen Kandelaber mit sechs, Hitze ausstrahlenden, Kerzen zu fallen. Not kennt aber kein Gebot – Jeder wird sich nach dem Durchmesser des ihm zur Verfügung stehenden Raumes richten müssen. Man beachte, daß unter den eingelegten Platten feste Stützen stehen, und zwar desto mehr, je länger der Tisch ausgezogen wird, damit kein Zusammenbruch erfolgen kann.

[191] 192. Die Stühle dürfen nicht zu hohe Lehnen haben, was das Servieren sehr erschwert. Am bequemsten, auch für die Gäste, sind Stühle, deren Lehnen ungefähr bis zum Schulterblatt reichen. Richtig im Höhemaß sind die früher noch mehr als jetzt gebräuchlichen »Wiener« Rohrstühle – im übrigen sind sie weder bequem, noch schön, daher auch Gott sei Dank nicht mehr so beliebt.

Den Damen, besonders den älteren, setzt man Fußbänke zurecht, eventuell auch Rückenkissen.

[192] 193. Deckenunterlage. Man breitet als erstes über den Tisch eine Woll-, Fries-, oder Multandecke, damit das Tischtuch besser liegt und das Geklapper der Teller und Gläser gedämpft wird. Es ist allgemein gebräuchlich, eine weiße Unterlage zu geben und ein Tisch ohne eine solche gilt nicht mehr als fein. Man sollte die Mode auch für den täglichen Tisch anwenden, es ist sehr viel angenehmer, als von der harten, kalten Platte, nur durch das dünne Leinentuch getrennt zu sein.

[193] 194. Tafeldecke. Als Tafelgedeck nimmt man Damast- oder sehr seine saubergefaltete und fleckenlose leinene Tücher und Servietten, die jetzt viel mit breiten Hohlsäumen und großen Monogramms geschmückt werden. Von buntverziertem Tischzeug, wenigstens für Diners, ist man fast ganz zurückgekommen. Nur für Frühstückstafeln und Kaffeegesellschaften nimmt man mit Blumen oder Arabesken bestickte Gedecke.

Ebenso ist der farbige, lange Tischläufer fast ganz verschwunden. Legt man überhaupt noch Tischdecken auf, so nimmt man zwei oder drei runde, die ganz in weiß gehalten und reich mit Spitzen besetzt oder ganz aus Spitzen gemacht sind.

[194] 195. Blumenschmuck. Man ist glücklich von der niedrigen Tafeldekoration zurückgekommen und nimmt statt der nichtssagenden, kleinen Glasrinnen, in der die Blumen fast ohne Grün steckten, hohe Vasen mit langstengligen Blüten oder Jardinièren und Aufsätze. Wer es liebt, den Tafelschmuck ganz in einer Farbe zu halten, nimmt statt des Tischläufers weiche, zum Geschirr passende, bunte Seide, die mit gleichen Blumen bestreut wird, wie sie in den Vasen stehen. Lose, duftende Blüten über den ganzen Tisch zu streuen, ist ein sehr hübscher Ausputz. Auch die Servietten werden oft mit seidenen Bändern umwunden; nur die kleinen Brötchen neben dem Gedeck oder die Eiswaffeln in der Küchenschale sollten nicht mit Band zusammengehalten werden! An Eßwaren sollte man höchstens Dekorationen aus Papier verwenden, das nachher fortgeworfen wird. – In manchen Häusern ist es Mode, einen Teller mit kleinen Deckchen auf den Platz zu stellen, der nicht während der Mahlzeit gewechselt wird und auf den der zu benutzende warme oder kalte gesetzt wird. Zum Schluß, ehe die Teller für das Dessert gereicht werden, nimmt man ihn fort. Er hat nur den Zweck, den Tisch besser zu füllen. Sind also die Diener so instruiert, daß einer den gebrauchten Teller entfernt, und der zweite sofort einen reinen Teller hinstellt, so ist der Extrateller unnötig.

[195] 196. Eßbesteck. Wer reichlich Silber hat, wird Gedecke für mehrere Gänge auflegen. Die Messer liegen links, die Gabeln rechts vom Teller, Dessert- und Obstmesser, sowie der Speiselöffel quer vor dem Couvert. Es ist auch vielfach Mode, mit jedem neuen Teller das nötige Besteck zu reichen und nur einmal Messer und Gabel bereit zu legen. Messerbänke sind dann überflüssig, da das Besteck auf dem Teller liegen bleibt. Wird aber erwartet, daß man Messer und Gabel für die nächsten Gänge behält, so muß man Messerbänke hinsetzen, da sonst das gebrauchte Besteck das Tischtuch beschmutzen würde. Die Unsitte jedoch die noch in einigen Familien herrscht, das Besteck von einem Mädchen schnell abwischen zu lassen, ist streng zu verdammen – und ebenso die furchtbare Sitte, Zahnstocher neben das Gedeck zu legen! Zahnstocher gehören überhaupt nicht auf den Tisch; wer ihrer bedarf, mag sich selbst einen mitbringen und ihn versteckt benutzen – es bleibt immer unappetitlich für die Nachbarn! Man muß es eben lernen, schlechte Gewohnheiten abzulegen. Wollte jeder rücksichtslos seinen Neigungen und Gewohnheiten folgen, so würde ein geselliges Leben überhaupt unmöglich sein.

[196] 197. Gläser und Flaschen. Neben die Weingläser, von denen man ein weißes für roten, ein grünliches für weißen Wein und vielleicht noch ein Spitzglas oder einen Kelch für Champagner hinsetzt, stellt man links den Kompottteller. (Bessere Sorten Wein, auch den Sherry zur Suppe, bietet man meistens eingeschenkt an.) Auf die Gläser legt man die Tischkarte und in oder auf die Serviette die Blumensträuße, wenn sie vorgesehen sind. Für die Herren legt man eine einzelne Blüte fürs Knopfloch hin.

Die Gläser brauchen gottlob nicht mehr alle zu demselben, dann langweilig wirkenden »Satz« zu gehören. Man nimmt für jede Sorte Gläser von verschiedener Form und anderem Schliff – bei manchen Leuten ist es sogar Sport, nur einzelne Gläser zu haben, wie einzelne Mokkatassen – auch bei Likörgläsern ist größte Auswahl sehr beliebt. Für schwere Rotweine giebt man recht große Gläser, die knapp zur Hälfte gefüllt werden und von dickem Kristall sein können. Wer im Besitze antiker Gläser ist, von denen man gewiß selten genug für eine ganze Gesellschaft haben wird, soll sie den »Kennern« hinstellen. Ein edles Gefäß erhöht den Wohlgeschmack des Weines!

Die Tafel wird man nach Vermögen mit silbernen Leuchtern, Fruchtaufsätzen und Blumenarrangements schmücken. Der Tischwein, roter wie weißer, wird in möglichst hübschen Krystallflaschen aufgesetzt. Wer die nicht besitzt, sollte wenigstens für Korken mit Glas- oder Silberköpfen sorgen; eine Fasche mit dem lose und schief wiederaufgesetzten Pfropfen verunziert die Tafel. Ebenso müssen alle auf dem Tisch stehenden Flaschen aufgezogen sein. Champagner wird nicht auf den Tisch gestellt, sondern in Kühlern auf die Seite. Gewöhnlich schenken die Diener ihn ein.

[197] 198. Sonstiger Zubehör. Kompott- und Salatschüsseln kann man gern zur Verzierung mit auf den Tisch stellen – ebenso Konfituren, Obst, Kuchen zum Eis oder Torten, vorausgesetzt, daß es keine Schlagsahnen- oder Eistorte giebt!

Auch Salz, Pfeffer, Senf oder scharfe Saucen setzt man in hübschen Behältern auf (die bequemen »Plattmenagen« sind fast ganz unmodern geworden); ebenso Streuzucker, wenn es Apfelsinen oder Ananas giebt.

Butter und Käse stellt man nicht auf den Tisch; die Butter würde zu weich, der Käse unangenehm für die Nase werden. Auch englischen Sellerie und Radieschen bringt man erst zum Käsegang herein.

Bei allem, was auf dem Tisch steht und den Gästen sonst geboten wird, beachte man, daß es nicht zu sehr unter Dekorationen, Blumen u.s.w. verborgen ist und daß man leicht von den Schüsseln etwas abheben kann, ohne einen großen Sturz des kunstvollen Baues herbeizuführen – ein peinlicher Moment für den armen Sünder!

Zum Schluß des Diners reicht man Fingernäpfe – aber Mundspülbecher sollten verpönt werden! Eine ganze Gesellschaft gurgeln und ausspeien sehen und hören – das ist des heutigen Kulturzustandes nicht mehr würdig! – Das Service wird in denjenigen Haushaltungen, die regelmäßig Gesellschaften geben, doppelt vorhanden sein; das tägliche ist auch kaum vor Rissen und abgestoßenen Ecken zu bewahren. Man überzeuge sich nur, daß das »gute Service«, selbst wenn es in einem verschlossenen Schrank stand, sauber abgewischt wird und daß die Teller rechtzeitig warm gestellt werden.

[198] 199. Verschiedenartige Service. In Amerika kennt man kein einheitliches Service; zu jedem Gang werden Teller in anderem Muster und anderer Farbe gereicht. Natürlich passen dazu die Schüsseln des betreffenden Ganges. Es ist eine nachahmenswerte Sitte. Man kann sich leichter 12 oder 18 Teller mit ein paar Schüsseln anschaffen, als das Service nachkaufen oder neu anfertigen lassen. Außerdem wirkt das ewig wiederkehrende Muster eintönig.

Wenn das Büffet nicht genug Platz bietet für die Extrateller und -Gedecke, so stellt man noch ein oder zwei Tische bereit, die eventuell auch auf dem Korridor Platz haben können.

[199] 200. Kaffee und Likör. Auch für den Kaffee wird man beim Tischdecken Sorge tragen müssen und Zuckerschale, Sahntöpfchen, Mokkatassen und Löffelchen bereit setzen. Die Hausfrau wird meistens den Kaffee selbst bereiten oder wenigstens einschenken; ist das im Hause nicht Sitte, so muß man für zierliche, mit sauberen Deckchen belegte Tabletts sorgen, die von der Aufwartung zum Anbieten der Tassen benutzt werden.

Die Cognac- und Likörflaschen nebst Gläsern stellt man im Rauchzimmer bereit und der Hausherr selbst bietet den Damen einen Likör an.

Auch Biergläser und Gläser für Selters- und Zuckerwasser sind nötig. Ebenso setzt man Theegläser oder Tassen und kleine Teller mit Servietten zurecht, wenn nach dem Diner noch ein Imbiß serviert wird.

Auch bei der besten Dienerschaft und Aufwartung wird die Hausfrau den gedeckten Tisch nachsehen und sich durch Augenschein überzeugen, daß nichts vergessen worden ist.

[200] 201. Wie mache ich die Tischordnung? Gäste, die zum erstenmal das Haus betreten, ehrt man am meisten; von diesen haben natürlich wieder die älteren vor den jüngeren, die vornehmeren vor den einfacheren den Vorzug. Hat man nicht absolute Rücksicht auf »Vorgesetzte« oder sehr viel höher Gestellte zu nehmen, die also noch vor den ganz fremden zu rangieren sind, so wird der Hausherr die älteste und vornehmste Dame führen; das ist eine größere Auszeichnung, als wenn die Hausfrau sich den Mann der betreffenden Dame zum Herrn erwählen würde. Man sollte es als Wirte vermeiden, ein Ehepaar zwischen sich und seiner Frau zu »teilen«. Es wirkt zu absichtlich und könnte, wenn es sich um Vorgesetzte handelt, einen andern Erfolg haben als man beabsichtigt. Auch für Liebenswürdigkeit giebt es eine Grenze. Und gewiß würden die andern Gäste diese »Kreuzung« mißbilligen oder sich verletzt fühlen. Die Hausfrau mag den ältesten Herrn an ihre rechte Seite nehmen – führen lassen wird sie sich von einem Herrn, der zum erstenmal ihr Gast ist und den sie zu ehren wünscht – einerlei, ob er noch jung ist und seine soziale Stellung nicht zu der höchsten rechnet.

[201] 202. Die alte Schablone! Wenn man überhaupt dazu käme, ein wenig mehr von Rang und Würden abzusehen, nicht immer Stellung gegen Stellung abzuwägen und ängstlich gleich zu gleich zu gesellen – welch ein Vorteil für die Unterhaltung und das Amüsement bei Tisch wäre das! Jetzt aber führt der Herr Oberst in kleineren Garnisonen Abend für Abend die Frau Oberstleutnant – der Herr Oberstleutnant die Frau Oberst – der Herr Präsident die Frau Geheime Oberregierungsrätin, der Herr Geheime Oberregierungsrat die Frau Präsidentin und das setzt sich stufenweise fort bis zur jüngsten Sekondleutnantsgattin und dem neuesten Referendar! Man kann doch annehmen, daß alle untereinander über die gegenseitige soziale Stellung so gut unterrichtet sind, daß keiner es als eine Demütigung vor den übrigen empfindet, wenn er einmal nicht neben die Wirte oder an den Kopf der Tafel gesetzt wird – der Platz bei einem Diner kann doch wirklich nichts bessern ober verschlechtern am Selbstbewußtsein!

[202] 203. Gute Laune. Man sollte nur so wohlerzogen sein, daß einem nie der Gedanke kommt, man würde absichtlich gekränkt. Im Gegenteil, besonders wenn man sich in einer Gesellschaft mal placé findet durch den Platz, den man erhalten hat, oder durch den Ton, der herrscht, oder die übrigen Gäste, denen man nicht gern begegnet, so sollte man sich bemühen, von der innerlichen kleinen Verstimmung nichts merken zu lassen. Schlechte Laune wirkt leicht ansteckend; und den Wirten ein Fest zu verderben, das ihnen Mühe und Kosten verursacht hat, dazu hat man nie das Recht. Eine der Hauptregeln des gesellschaftlichen Sittenbuches ist: sich mit Anstand zu langweilen! Und wenn man den zugeknöpftesten, schweigsamsten Nachbar hat – mit ein wenig Anstrengung wird man die hartnäckigsten Lippen zu einer Antwort, die mißlaunigsten Mienen zu einem Lächeln zwingen. Es hat für einen selbst ja etwas Niederdrückendes, den ganzen Abend zum Schweigen verdammt zu sein – für die Wirte ist es fürchterlich, wenn zwei oder drei ihrer Gäste wie auf einer Toteninsel sitzen, an der alle Bemühungen, sie herauszulocken, abprallen. Schließlich hat ja auch der unliebenswürdigste Mensch eine Saite, die leise klingt, wenn man sie berührt und vielleicht verschließen nur Sorgen oder Enttäuschungen ihm die Lippen. Freilich sollte auch derjenige, der einer Einladung folgt, sich klar machen, daß man von ihm etwas mehr erwartet, als daß er in ausgiebigster Weise seinen Hunger und Durst stillt. Es beruht alles auf Gegenseitigkeit im Leben und für den angenehmen Abend versuche man etwas zur Unterhaltung beizutragen.

[203] 204. Bunte Reihe. Die Wirte werden sich an der Mitte der Tafel oder an beiden Enden gegenübersitzen, damit es kein »oben« und »unten« giebt. Die jungen Leute setzt man lieber in die Mitte, als an eine Ecke der Tafel, da man ganz gern etwas von ihrer Heiterkeit für die übrigen profitiert. – Es ist überhaupt durchaus ratsam, möglichst »bunte« Reihe zu machen. Eine verheiratete Frau wird sich gern einmal von einem Junggesellen führen lassen und der wird »der Abwechslung halber« ihre Unterhaltung dann und wann der eines jungen Mädchens vorziehen.

[204] 205. Schulung im Servieren. Zuerst mache man dem Mädchen und der Aufwartung klar, wie serviert werden muß. Es giebt leider noch immer Häuser, in denen ein für allemal alles von rechts angeboten wird und die man mit einem ausgesetzten Schulterblatt verläßt; oder wo die Mädchen einem die Schüsseln in Nasenhöhe hinhalten und das Silber mit kräftigem Schwung auf die Tafel werfen. Auch hier sei gesagt, wie beim Decken: Das Mädchen oder der Diener muß täglich bei Tisch gut bedienen, damit er für Gesellschaften die rechte Ruhe und Schulung hat. Von einem Menschen, der täglich nur die Suppenterrine mit hörbarem Ruck auf den Tisch setzt, kann man nicht verlangen, daß er plötzlich in all die kleinen Kniffe des guten Servierens eingeweiht ist. Zum Anlernen lasse man sich ein paarmal mittags, wenn der Tisch gedeckt ist, allein servieren – nur zum Schein – aber beständig Teller abnehmen und hinsetzen, Silber wechseln, Schüsseln anbieten und Wein einschenken. Man achte darauf, daß die Unruhe und Eile überwunden wird, die jeder zuerst beim Servieren entwickelt; ferner, daß die Schüsseln nicht zu hoch und nicht zu weit abgehalten werden und daß die linke Hand benutzt wird, wenn nur ein Gericht angeboten wird. Auch muß die Bedienung allmählich selbst dafür sorgen, daß Löffel oder Gabeln auf den Platten liegen und daß sie eine andere Gabel auflegen – nicht dieselbe – wenn sie ihnen hinunterfällt. Auch wenn den Gästen etwas entgleitet, so muß die Aufwartung gleich für ein anderes Besteck sorgen.

[205] 206. Ungeschickte Bedienung bei Tisch ist sehr lästig und stört die Behaglichkeit. Ebenso peinlich ist es, wenn die Wirtin keinen Augenblick die Diener außer acht lassen kann und sie beständig ermahnen oder anrufen muß. Gewiß wird die Hausfrau auch das Servieren überwachen und kleine Fehler oder Unaufmerksamkeiten gut zu machen suchen. Nur muß dies unauffällig geschehen, so daß die Gäste nur das Angenehme der Fürsorge empfinden. Passiert ein Unglück – entfällt dem Diener eine Schüssel oder zerbricht er etwas – so muß die Hausfrau Geistesgegenwart genug haben, um ein möglichst schmerzloses Lächeln hervorzuzaubern und über den Schreck oder die Peinlichkeit mit einem lustigen, beschönigenden Wort wegzuhelfen. Man nenne das nicht Heuchelei – es ist Selbsterziehung. Am andern Tage würde man sich sehr ärgern, wenn man seinen Zorn auffallend gezeigt hätte. Denn die gute Sitte verlangt, in allem gemäßigt zu sein – im Aerger also vor allen Dingen!

[206] 207. Feststehende Regeln fürs Servieren sind:

Von links wird nur angeboten und zwar mit der Hand unter der Schüssel und so tief, daß die Hand fast den Tisch berührt, der Gast sich also ganz bequem bedienen kann.

Von rechts wird fortgenommen und hingesetzt; ruhig und leise – nicht mit einem Griff in die Höhe, daß Messer und Gabel herunterfliegen, und nicht dicht an der Nase des Sitzenden mit dem Tellerrand vorbei, wenn er einen neuen Teller bekommt. Ebenso darf beim Einschenken, das natürlich auch auf der rechten Seite geschieht, der Arm des Dieners den Gast nicht berühren.

Das Sprechen untereinander beim Servieren muß der Dienerschaft streng untersagt werden; sie haben sich durch ein leises Wort oder einen Wink zu verständigen. Auch draußen müssen sie sich ganz ruhig verhalten und die Thüren vorsichtig öffnen und schließen.

Auch dürfen die Dienstboten nicht sprechen, wenn sie nicht direkt gefragt werden, und ihre ruhigen Mienen müssen andeuten, daß sie nicht auf die Tischunterhaltung, sondern auf ihren Dienst passen. Wenn die Bedienung mitlacht – oder wenigstens lächelt, so ist das ein Zeichen zu großer Vertraulichkeit. Ein besonders guter Witz entschuldigt aber diesen Frevel.

Nach dem guten Bedienen bei Tisch – »wo alles wie von selbst ging« – wird man sagen, daß die Familie »gut aufgezogene« Leute hat.

[207] 208. Servierkleider. Die Aufwartefrau und die Mädchen tragen beim Servieren meistens helle Kleider und Schürzen. Auffallende Krawatten, Spitzenkragen oder Blumen an der Brust verbiete man ebenso wie raschelnde Taffetunterröcke.

Die Mädchen in Hamburg servieren in schwarzen Kleidern, weißen Schürzen und Häubchen.

Die Lohndiener tragen den Frack, die Diener Livreen in den Farben des Hauses mit Wappen- oder Monogrammknöpfen. Selbstverständlich sehr weiße Wäsche und – keine knarrenden Stiefel!

Männliche und weibliche Bedienung tragen beim Servieren weiße Handschuhe, die sauber und heil sein müssen.

[208] 209. Reihenfolge beim Servieren. Man läßt den ersten Gang immer der Tischdame des Hausherrn zuerst anbieten; in den meisten Fällen wird sie zugleich die älteste und vornehmste Dame sein. Jedenfalls muß bei dieser dann der zweite Gang zuerst serviert werden und beim nächsten beginnt man wieder bei einer dritten Dame. Man sollte dann aber möglichst in der Reihe weiterservieren lassen, damit nicht zuviel um den Tisch hin und her gelaufen wird.

Die Wirte versorgen sich immer zuletzt und kümmern sich darum, ob ihre Nachbarn mit allem versehen sind.

[209] 210. Das »Zureden« gilt ja heutzutage als unfein. Wenn aber Mann und Frau wie Gäste am eigenen Tisch sitzen und sich mit keinem Wort oder Blick um das Wohl ihres Besuches kümmern, so ist das ganz gewiß kein feiner Ton. Denn man will die Empfindung haben, daß man nicht bei dem teilnahmslosen Wirt eines Restaurants speist, sondern bei Leuten, die sich freuen, wenn man ihren Gerichten Ehre anthut.

Daher geniere man sich auch nicht ängstlich, wenn eine Speise besonders gut schmeckt, zum zweiten Mal davon zu nehmen. Sonst wäre »das zweite Mal anbieten« ja wirklich nur ein Unsinn.

[210] 211. Ablegen des Bestecks. Am besten ist es, wenn die Teller mit dem Besteck, das man nach dem Gebrauch stets nebeneinander auf die rechte Seite des Tellers legt, abgehoben werden; man sollte dann allerdings die Griffe etwas mehr zur unteren Hälfte des Tellers schieben, damit der Rand frei zum Abheben bleibt. Früher – und auch jetzt noch in manchen Häusern, besonders wenn viele Gäste da sind – wurden zuerst Messer und Gabel abgenommen und in einen Korb gelegt, den der Diener in der linken Hand hielt. Diese Sitte hat das gegen sich, daß leicht ein Tropfen Sauce abfallen kann.

Aus demselben Grunde, um das Servieren zu erleichtern, schiebe man niemals Knochen, Schalen, Reste u. dergl. auf den Tellerrand, ebensowenig Butter, sondern alles unterhalb des Randes.

[211] 212. Aufmerksamkeit des Gastes. Man sei auch als Gast in fremdem Hause aufmerksam und reiche eine Schüssel weiter oder helfe jemand zu Wein oder Brot oder was sonst er sich wünscht. Auch das betont den Unterschied zwischen einer Wirtshaustafel und der in einem Privathause: dort kümmert man sich wenig darum, ob der Nachbar beim Servieren vernachlässigt wird oder nicht, jeder denkt dort zuerst an sich – hier helfe ich gern mit zum Behagen der übrigen Gäste.

Die Wirtin wird für eine kleine Unterstützung nur dankbar sein und sie gewiß nicht anmaßend finden. Freilich darf man sich nicht erlauben, sich ins Servieren hineinzumischen oder die Dienerschaft durch besondere Wünsche zu verwirren.

[212] 213. Bestimmte Dispositionen. Auch halte die Hausfrau an den einmal gegebenen Befehlen fest und stoße nicht plötzlich den ganzen Schlachtplan um. Am besten ist es, sie schreibt genau auf, was und wieviel Gerichte es giebt, welche Teller und Schüsseln zu jedem Gang bestimmt sind und welche Gläser zu den später angebotenen Weinen; ferner wann das Silber gewechselt werden und bei welcher Dame jedesmal das Servieren beginnen soll. Jedem der Aufwartenden übergebe sie eine solche Liste. Je genauer alles eingeteilt und bestimmt ist, desto ruhiger und glatter wird das Servieren vor sich gehen.

[213] 214. Was ziehe ich an? Es ist Sitte, daß sich die Wirte etwas einfacher kleiden, als sie dies von den Gästen erwarten werden. Das bezieht sich besonders auf die Hausfrau.

[214] 215. Als Hausfrau. Sie wird nur dann im eigenen Hause ein am Halse offenes oder ganz dekolletiertes Kleid tragen, wenn sie mit Bestimmtheit weiß, daß alle geladenen Damen ausgeschnittene Toiletten tragen werden. Da es nun bei uns Sitte ist, nur zu großen Feten oder feierlichen Diners ausgeschnittene Taillen zu tragen, so wird die Hausfrau ein hohes, mittelfarbenes Seidenkleid oder einen seidenen Rock und eine helle Bluse wählen, um keine der erschienenen Damen durch Eleganz zu übertreffen. Findet dagegen im Hause ein Ball, eine Hochzeit, eine Verlobungsfeier oder dergleichen statt, so darf auch die Hausfrau von dem Recht, sich möglichst elegant und vorteilhaft zu kleiden, Gebrauch machen.

Im Auslande – in Amerika, in England und Frankreich – wo es Sitte ist, auch zum täglichen Diner im engsten Familienkreise Toilette zu machen und stets ein »evening- dress« oder eine »robe de soir« zu tragen, braucht die Hausfrau auf die Gäste keine Rücksicht zu nehmen.

Auch vermeidet man es, als Wirtin zu vielen kostbaren Schmuck anzulegen.

Man wird ja oft genug Gelegenheit haben, wenn man schöne Juwelen hat, sie der Welt zu zeigen. Es ist eine Rücksicht der Wirtin für ihre Gäste, die Bewunderung und Aufmerksamkeit durch Gewand oder Schmuck nicht zu erregen – man läßt auch in dieser Hinsicht dem Besuch den Vortritt.

Wiederum könnten die Gäste es direkt übelnehmen, wenn man sie im Alltagskleide empfinge. Ihr Erscheinen bedeutet eine Ehre für das Haus, und wie man Tisch und Räume schmückt, um ihnen zu beweisen, daß man die Freude und Ehre ihrer Gegenwart zu schätzen weiß, so wäre es eine Unart, wollte man nicht auch äußerlich, durch ein Feiertagsgewand, Dank und Befriedigung zeigen.

[215] 216. Was zieht der Hausherr an? Auch der Hausherr wird deshalb dem bequemen Hausanzug entsagen, der höchstens für den ganz gemütlichen Besuch intimster Freunde oder nächster Verwandten zulässig ist. Aber schon für eine kleine Abendgesellschaft wird er den »Ueberrock zweiter Garnitur« oder den Gehrock anlegen, falls er nicht selbst auf den Einladungskarten »Frack« oder »Waffenrock« vermerkt hat. In diesem Fall wird selbstverständlich auch er das vorgeschriebene Kleidungsstück wählen müssen.

Der bequeme »smoking,« der aber durchaus nicht zwischen Gehrock und Frack rangiert, wie oft irrtümlich angenommen wird, sondern noch hinter dem Gehrock, ist schon wieder fast unmodern geworden. – Jedenfalls darf der Hausherr nur dann im Frack sein, wenn er bestimmt weiß, daß alle geladenen Herren ihn tragen; denn auch er darf niemals in feierlicherem Anzuge sein, als die Gäste.

Im Auslande, wo die Herren zum Diner stets den Frack tragen, ist der Hausherr ebenfalls von dieser Rücksichtnahme entbunden. Alte Herren entsagen oft dem Frack ganz und man wird ihnen gewiß die Bequemlichkeit nicht nachtragen. Jüngere und junge Herren aber dürfen sich kein willkürliches Abweichen von der Sitte erlauben. Und diese schreibt für jedes auch noch so kleine Fest den Gesellschaftsanzug: Gehrock oder Ueberrock – für größere Feste Frack oder Waffenrock vor. Diesen Forderungen unterwirft sich auch der Hausherr.

Die Steifwäsche der Herren wird jetzt vielfach von den weichen, ungestärkten Hemden verdrängt. Sie sollten aber nur zum Tagesanzug erlaubt sein. Zum Gesellschaftsanzug macht die ungestärkte Hemdenbrust, zumal zur tiefausgeschnittenen Frackweste, einen negligé-haften Eindruck. Jedenfalls darf sich auch der Hausherr niemals erlauben, bunte Hemden zum Empfang der Gäste zu tragen; weiche bunte Hemden sind nicht gesellschaftsfähig. – Weder Hausherr noch Hausfrau empfangen die Gäste in Handschuhen, wieder abgesehen von Bällen etc. Die Hausfrau wird ein Spitzentaschentuch oder einen Fächer in der Hand haben, wenn es ihr verlegen ist, mit leeren Händen dazustehen. Die Hände ruhig zu halten, ist eine große Kunst; sie werden noch viel zu viel gebraucht und verraten dann die Unruhe und Aengstlichkeit, die beim Empfang des Besuches schon längst besiegt sein sollten.

[216] 217. Was trägt die erwachsene Tochter? Sind erwachsene Töchter im Hause, so werden sie sicher – ohne besonderer Vorschriften zu bedürfen – sich recht niedlich anputzen zum Empfang der Gäste. Wenn aber junge Mädchen und unter diesen vielleicht noch unbemittelte, geladen sind, so sollten auch die Töchter des Hauses für einen Abend soviel Entsagung besitzen, daß sie durch auffallend elegante Kleider nicht um die Palme der Schönheit ringen, sondern sich auch in der Kleidung etwas im Hintergrunde halten.

[217] 218. Der erwachsene Sohn? Erwachsene Söhne können im Frack erscheinen, selbst wenn die Gäste oder wenigstens die älteren Herren im Gesellschaftsanzug erscheinen. Bei kleineren Festen tragen die Söhne des Hauses Ueberrock oder Gehrock – Jackett-oder Joppenanzug ist nicht gestattet!

[218] 219. Einleitung zum Arrangieren der verschiedenen Festlichkeiten im eignen Hause. Jedes größere Fest bedarf größerer Opfer an Unruhe, Arbeit und Geld; an allen dreien immer bedeutend mehr, als man im ersten Moment, wo die fröhliche Idee, ein hübsches Fest zu geben, auftaucht und alle auftretenden Bedenken besiegt, ahnen kann. Daher sollte das Ehepaar oder die Familie, die sich zum Arrangement eines großen Festes aufgelegt findet, die Sache erst ein paar Mal beschlafen und sich vor allem die Kardinalfragen beantworten:

Haben wir Platz? Für viele Gäste? Können wir zu Tische gehen oder müssen wir ein »Büffet« geben? Reicht unser Silber, unser Geschirr, unsre Gläser, das Leinenzeug, die Stühle und Tische für so viele? Wie viel Aufwartung haben wir nötig? Wann müssen wir mit den Vorbereitungen beginnen?

[219] 220. Kostenfrage. Ferner: Wieviel wird ein Büffet per Kopf kosten? Wieviel, wenn wir zu Tisch gehen und es ein paar warme Gerichte giebt? Wieviel Wein brauchen wir? Wieviel Bier, Limonaden, Selterswasser etc.? Was kostet die Aufwartung? (Lohndiener, Kochfrau etc.) Was die Blumen, Kotillonscherze, Lotteriegewinne u.s.w.? Was das eventuelle Mieten von Tischen, Stühlen, Geschirr, Silber oder bei Theateraufführungen die Aufstellung der Bühne, der Coulissen oder der Zelte und Buden bei einem Bazar? Was bekommt der Klavierspieler oder das Orchester? Oder die Künstler, deren Hilfe und Mitwirkung man beansprucht?

[220] 221. Schwere Berechenbarkeit. Die Liste läßt sich bis in alle Unendlichkeit fortsetzen und doch ist ein solches Fest – ein Ball, eine Soiree, eine Theateraufführung oder ein Bazar eine unberechenbare Sache. Und der ganz genau Kalkulierende und bei jedem Anschlag vorsichtig nach oben Abrundende wird, wenn er nach dem Feste, d. h nach einigen Tagen, wenn alle Rechnungen eintreffen, zu seiner Enttäuschung finden, daß er doch an einige Ausgaben gar nicht gedacht hat! Und das ist immer unangenehm.

Man darf aus dieser langen Einleitung um Gottes willen nicht schließen, daß also jedes derartige Fest einen Haushalt ruinieren oder alle Berechnungen ins Wanken bringen könnte. Dann würde es gewiß schon lange keine frohen Feste mehr geben! Nein – nur sollten Leute, die zum ersten Mal solche Feier planen, daher noch vieles unpraktisch einrichten, was man erst durch die Erfahrung lernt besser zu machen, sich darüber klar werden, daß man eben nicht genau auf Heller und Pfennig berechnen kann, was solch ein »Massenfest« kostet, und daß es nachher zu spät zum Jammern ist.

[221] 222. Kluge Beschränkung. Ferner sollte man überlegen, ob sich die Wohnung zur Abhaltung eines großen Festes eignet. Kleine oder niedrige Räume, die man nicht einmal durch die Mitbenutzung des Korridors, der eng wie eine Wurst ist, erweitern kann, taugen nun einmal nicht zu einem großen bal paré oder einem rout. Und wenn die ganze Familie schon tagelang vorher auf dem Boden schläft, um auch die Schlafzimmer mitzubenützen und würdig auszuschmücken, so ist das ein Opfer, das niemand der eng aneinandergedrängten Gäste danken wird und das in keinem Verhältnis zum Vergnügen des Abends steht! »Schuster, bleib bei deinem Leisten –« und welche behaglichen, unvergeßlich schönen Stunden kann man seinen Freunden nicht in den kleinsten Räumen bereiten! Wer also nicht große Zimmer zur Verfügung hat, verzichte auf den Ehrgeiz, »Völkerfeste« zu geben, was aber in diesem Falle nicht tadelnd gemeint ist – denn auch »Völkerfeste« können sehr hübsch sein – wenn sie gut insceniert werden!

Sind also die oben aufgestellten Fragen und ihre Beantwortung zur Befriedigung des Hausherrn gelöst und hat er aus eignem Antriebe das angenommene Budget noch um einiges erhöht, was ihn in den Augen der Frau zu einem sehr klugen Manne stempeln wird, so schreibt man als erstes die Einladungskarten aus. Rechnet man bestimmt auf einige Absagen, die bei einer größeren Anzahl von Geladenen ja auch immer eintreffen, so wird man durch Nachbitten die Zahl der Gäste innezuhalten suchen – oder sich mit einem leichten Seufzer an den angenehmen Gedanken gewöhnen: »Nun haben wir bestimmt alle Platz!« – je nachdem. Und sofort beginnen die Vorbereitungen.

[222] 223. Künstliche Mitwirkung. Für eine musikalische Soiree versichert man sich der Mitwirkung einiger Künstler und Künstlerinnen, die durch Gesang, Klavier-, Geige-, Cellospiel oder durch alle vier Leistungen den Gästen musikalischen Genuß bereiten sollen. Es ist nicht fein, mit Künstlern um den Preis des Abends zu handeln. Wer für die künstlerische Unterstützung nichts oder nur ein Almosen zahlen will, stehe von dem Wunsche, sie bei sich hören zu lassen, ab. Selbstverständlich werden die Künstler ganz als Gäste betrachtet und ihnen die Entschädigung nicht vor aller Augen, sondern in möglichst diskreter Form überreicht. Auch ist es indiskret zu verraten, wieviel man ihnen zahlt.

[223] 224. Musikdilettanten. Wer so glücklich ist, gefällige, musikalische Freunde zu haben, wird auch einen »Dilettantenabend« veranstalten können. Nur vergesse man nicht, daß alle Welt jetzt sehr durch musikalische Genüsse verwöhnt ist und gebildete Ohren unter schlechten Vorträgen direkt leiden. Man überschätze also die künstlerischen Talente der Freunde oder nächsten Angehörigen nicht!

[224] 225. Kochfrauen und Lohndiener. Ist also der künstlerische Teil des Abends gesichert, so wird die Hausfrau an den materiellen denken. In kleinen Städten, wo man sich um die zwei oder drei vorhandenen Kochfrauen »reißt«, wird sie einfach den Tag zu ihrer Fete wählen müssen, den ihr die Kochfrau großmütig überläßt. In größeren ist die Hausfrau besser daran; doch auch hier wird sie lieber eine Hilfe in Anspruch nehmen, deren Vorzüge und Mängel sie kennt, die ihr also keine besonderen Ueberraschungen bereiten kann. Auch von den Lohndienern sollten wenigstens ein oder zwei Hausordnung und Hausweise schon kennen, damit die Hausfrau ihnen unbesorgt die Büffet- und Silberschrankschlüssel, wie das Tischdecken überlassen kann.

Leute, die über eine »perfekte« Köchin oder einen Koch und Dienerschaft verfügen, so daß bei ihnen ein Fest keine Extrahilfen beansprucht, haben alle diese Vorsichtsmaßregeln nicht zu treffen, die Glücklichen!

[225] 226. Einkauf des Materials. Mit der Kochfrau wird man die Gänge des Menüs bei einer Vorbesprechung feststellen und sich unter ihrer Anleitung Notizen für die Bestellungen machen; wieviel Fisch, Fleisch, Geflügel, Wild, frisches und Dosengemüse, Butter, Zuthaten etc. sie braucht. Man gehe selbst zu den Lieferanten und wähle oder bestimme die Waren; kann oder mag man das nicht, so gebe man alle Bestellungen schriftlich auf. Wieviel Irrtümer und daraus erwachsenden Aerger vermeidet man durch ein paar Zeilen!

Ebenso wird man Blumen, Kuchen, Getränke u.s.w. rechtzeitig vorher und schriftlich bestellen müssen.

[226] 227. Büffet. Ist es beschlossen, ein Büffet zu geben, was ja immer mehr Mühe verursacht, so wird die Kochfrau bei vielen Gästen wohl schon einen oder zwei Tage vorher kommen, um Sulzen, Pasteten, Speisen etc. vorzubereiten. Natürlich muß die Auswahl reichlich sein, wenn es auch durchaus nicht notthut, alle Delikatessen der Welt zusammenzutragen. Im ganzen steht das Büffet im Ruf, schwachen Mägen zu schaden und gesunde nicht zu befriedigen. Das liegt wohl zum Teil an den »Nörglern« selbst. Man braucht ja nicht von allem zu nehmen und ein buntes Allerlei auf seinem Teller herzustellen. Aber solange man noch über die Herren und ihre kindliche Unerfahrenheit lacht, die immer wieder Heringssalat, Schokoladenspeise und Krebsragout auf einem Teller herbeiträgt, – so lange wird wohl das Büffet seinen Ruf als Ruin geschwächter Magennerven bewahren!

[227] 228. Vorbereitungen zu Musiksoireen. Daß für eine musikalische »Soiree« das Klavier oder der Flügel gut gestimmt sein muß, ist selbstverständlich. Ebenso sorge man für gute Beleuchtung für die Spieler, für einen geeigneten Platz für den Sänger oder die Sängerin. Sehr angebracht, besonders in kleineren Räumen, ist ein kleines »Empore«, für Stühle oder Fauteuils für die Damen zum Zuhören etc. So weit man irgend kann, sollten die Vorbereitungen am Tage vor dem Fest gemacht werden. Lampenreinigen, Kronleuchter und Kandelaber frisch bestecken, Glas und Silber nachzureiben – alle diese kleinen Dinge, die doch sehr zeitraubend sind, sollten nicht im letzten Moment geschehen. Es wird doch noch genug zu thun übrig bleiben: wenn man die Möbel umsetzt, müssen Teppiche entfernt oder anders gelegt werden, das Parkett muß nachgerieben, die Vasen mit Blumen gefüllt, für die Garderobe gesorgt, die Treppen noch einmal gefegt werden – alles aber sollte wenigstens eine Viertelstunde vor der Ankunft der Gäste in Ordnung sein. Selbstverständlich muß auch die Hausfrau zeitig am Platze sein. Sie empfängt die Gäste im ersten Raum, der Hausherr oder die Tochter geleiten die Gäste weiter. Man wird möglichst mit dem Beginn der Musik warten, bis alle Gäste versammelt sind. Natürlich kann aber niemand verlangen, daß man auf Gäste wartet, die sich um zwei Stunden verspäten.

[228] 229. Verhalten bei Soireen. Gewöhnlich wird man kleine Programms verteilen, die den Namen der Künstler wie die der Vorträge und der Komponisten enthalten.

Der Hausherr oder die Hausfrau bittet die Künstler zu beginnen und dankt nachher für den Genuß. Das sollte man nie vergessen!

Man läßt vor Beginn des musikalischen Teiles Kaffee, Thee und Schokolade anbieten; in den Pausen Eistorte, Limonade und Wein. Es ist selbstverständlich, daß niemand während der Vorträge spricht oder lacht. Die geringste Störung bedeutet die größte Rücksichtslosigkeit gegen Künstler und Zuhörer. Wer nicht im stande ist, zu schweigen oder aufmerksam zuzuhören, bleibe zu Hause, statt andern lästig zu fallen und sich selbst das Zeugnis schlechter Erziehung zu geben.

Gleich nach Beendigung der Vorträge geht man zu Tisch oder ans Büffet. Wer Raum genug hat, kann auf einer »Soiree« auch durch Diener kalte und warme Gänge an kleinen Tischen servieren lassen.

Musikalische »Soireen« sind gewöhnlich zeitig zu Ende; es sei denn, die alten Herrschaften machten noch ein Spielchen – die jungen einen Tanz.

Doch duldet der Tanz selten, daß ernste Kunst sich neben ihm ausbreitet, und besser ist es, künstlerische Genüsse und Tanzvergnügungen nicht zu vereinen.

[229] 230. Tanzvergnügungen: Thé dansant. Einen Hausball oder einen einfacheren thé dansant zu geben, wird sich auch nur die Familie erlauben dürfen, die über mehrere große Räume verfügt. Zu einem improvisierten Tanz nach einem heiteren Diner oder Souper genügt ja schließlich eine Ecke im Salon oder ein geräumiger Vorplatz. Je genügsamer man in dem Falle ist, desto vergnügter wird die Stimmung sein. Erläßt man aber Einladungskarten zu einem Tanzfest, so erwarten auch die anspruchlosesten Gäste einen Raum, in dem sich mehrere Paare herumwirbeln können, ohne beständig aneinanderzugeraten oder sich Verletzungen an vorspringenden Möbelkanten zuzuziehen. Wer also bei sich tanzen lassen will, lade nicht die ganze tanzfähige und -lustige Jugend seiner Bekanntschaft ein, sondern nur so viele, daß wirklich getanzt werden kann und die Atmosphäre und Enge in den Räumen nicht überwältigend auf die armen Erschienenen wirkt. Gewiß, man kann zu den Kontretänzen, die ja mehr Platz beanspruchen, den Salon, das Herrenzimmer oder den Korridor zu Hilfe nehmen. Aber die zuschauenden Freunde und Freundinnen, die sich ja zu jedem Fest der Art einfinden und mit rührender Geduld beobachten, ob Luise schon wieder »sitzt« oder Frida zum neuntenmal mit dem Assessor tanzt – wollen auch, vorübergehend wenigstens, frische Luft statt des Staubes einschlucken, der Tanzsaal soll gelüftet, irgendwo doch auch gespeist werden – das beste ist es also, den Tanz möglichst auf den dafür bestimmten Raum zu beschränken.

[230] 231. Der Fußboden des Tanzzimmers. Da doch vom Staub die Rede ist, möchte ich noch bemerken, daß man vor keiner Gesellschaft, am wenigsten vor einem Tanzfest, gründlich reinmachen sollte. Das ist eine verkehrte Theorie. Es ist anzunehmen, daß die Wohnung stets sauber und ordentlich ist – nach jeder Gesellschaft aber wird man überall Staub finden, der durch die vermehrte Unruhe, das Hin- und Herlaufen, die vielen Personen u.s.w. verursacht wird – und dann sollte man reinmachen. – Daß man aber dem Fußboden des Tanzzimmers besondere Aufmerksamkeit zollen wird, ist natürlich. Am besten sind zum Tanzen helle Parkettböden, die, wenn sie gut abgebohnert sind, keines Talcums bedürfen. Dunkle Fußböden, die ja auch immer mehr unmodern werden, müssen zuerst sauber aufgescheuert und dann gewachst und gebohnert werden. Helle, mit Eisenspänen sauber gehaltene, bedürfen dieser Mühe nicht.

[231] 232. Besondere Maßregeln. Man schmückt den Tanzsaal mit möglichst viel Blumen und Lichtern. Außer dem Kronleuchter wird man für Wandleuchter oder Börtern mit Lichtern sorgen. Das Licht nimmt dem leeren Raum die Kahlheit und Oede. Ferner untersuche man, ob der Ofen fest steht. Kachelöfen sind selten ganz sicher und sie mit einer Zuckerschnur festzuhalten, hat schon zuweilen versagt! Auch versichere man sich, besonders bei alten Häusern, ob der Fußboden die Last und die Bewegung vieler Menschen tragen wird. In einer kleinen Garnison des Nordens hat der Kommandeur des Regiments einen besondern Paragraphen im Mietskontrakt zu unterzeichnen, wonach »bei Hausbällen der Fußboden durch Balken von den Fremdenzimmern aus zu unterstützen ist. Die Balken liegen im Pferdestall bereit«. – Bei Mietswohnungen ist es außerdem nötig, für Tanzvergnügen die Erlaubnis der gewiß sehr entgegenkommenden Nachbarn oben und unten einzuholen.

Zu einem thé dansant werden die jungen Damen in einfacheren Balltoiletten, halbhohen oder auch ganz hohen, aber hellen Kleidern erscheinen. Die Herren im Ueberrock, obgleich der Frack vorzuziehen wäre.

[232] 233. Materielle Genüsse. Es hängt von der Wirtin ab, ob sie gleich im Anfang zu Tisch gehen läßt, was stets bessere Stimmung giebt, oder ob erst später, um zehn oder elf Uhr serviert werden soll. In letzterem Fall wird man aber Thee und Kuchen für die Damen und Bier und Wein für die Herren anbieten lassen müssen.

Für ein kleineres Ballfest genügen zwei oder drei Gerichte vollkommen. Nur dem Nachtisch wird man besonderen Wert beilegen und für ihn wird man ein paar Extraüberraschungen – besonders gute Konfituren, Knallbonbons, kleine Attrapen oder dergl. – aus sinnen müssen.

Als Getränk giebt man Rot- und Weißwein und eine Bowle, von der man auch während der Tanzpausen anbieten läßt. Da Tanzen sehr durstig macht, so sollte, mit Rücksicht auf Herren wie Damen, die Bowle möglichst unschädlich gehalten werden. Außerdem reicht man in den Pausen verschiedene Limonaden, Mandelmilch, Selterswasser, Eis, süße Speisen, Kuchen und Obstsalate herum.

Bei einem thé dansant wird man den Kotillon wohl nur mit Blumensträußen und Orden oder Schleifen ausstatten. Als Musiker genügt ein guter Klavierspieler, doch hat man in vielen Städten jetzt Klavierspielerinnen. Zum Tanzordner erwählt man einen dem Hause befreundeten oder sonst nahestehenden Herrn, der umsichtig ist und schon Uebung in solchen Arrangements hat.

Tanzkarten giebt man nur, wenn man eine feste Folge der Tänze innehalten will – allerdings machen sie das kleine Fest etwas feierlicher.

Zum Schluß läßt man Butterbrote, Thee und Kaffee servieren.

[233] 234. Hausball. Zu einem größeren Ball wird man mehr Anstrengungen in der Verpflegung und der Ausstattung des Kotillons machen. Man bestellt dann auch mehrere Musiker oder ein kleines Orchester, das man am besten in einem Nebenraum, hinter eine künstliche Wand von Pflanzen oder auf eine kleine Galerie setzt. Man wird dann für ein längeres Menü oder ein sehr sorgfältig besetztes Büffet sorgen müssen. Auch die in den Pausen gereichten Erfrischungen sind feiner und in größerer Auswahl vorhanden und unter den Getränken wird der Champagner nicht fehlen. – Für den Kotillon nimmt man außer schönen Blumensträußen und den üblichen Knallbonbons kleine Geschenke und Ueberraschungen mehr oder minder kostbarer Art. Der Wohlthätigkeit sind dann keine Schranken gesetzt – und je hübscher und wertvoller die Gaben, desto entzückter werden die Damen sein! Zum Schluß der sogenannten und beliebten »Kaffeepause« reicht man außer belegten Broten feine Salate, Pasteten, Eis und Konfituren – also fast ein kleines Souper!

[234] 235. Theatervorstellungen. Um einem Fest einen besonderen Charakter zu verleihen, »einmal etwas anderes zu geben« wird man darauf kommen, Theater zu spielen oder lebende Bilder stellen zu lassen – zwei bei der jungen Welt und hier wieder besonders bei den Damen beliebte Vergnügungen! Allerdings muß zugegeben werden, daß sich bei Unternehmungen dieser Art die Teilnehmer besser zu amüsieren pflegen als die Zuschauer – dafür aber haben sie ja auch mehr Mühe gehabt. – Denn »wie schön« die Proben waren, das brauchen sie ja niemand zu gestehen! – Eine kleine Bühne wird für das Theaterspielen nötig sein; auch für lebende Bilder. Man ist jetzt in allem anspruchsvoller. Allerdings wirken Aufführungen auch besser von einer Bühne aus. Auch ein paar Coulissen werden nötig sein; die übrigen Requisiten: Möbel, Vorhänge, Bilder und Pflanzen wird man wohl dem Hausinventar entnehmen können.

[235] 236. Lebende Bilder und Lustspiele. Zu lebenden Bildern, mit denen man eine Charade, ein Scherzwort, die Silben oder Buchstaben eines Namens darstellen will oder die Figuren eines Dichters, dessen Worte dann während der Aufführung verlesen werden, braucht man im allgemeinen mehr Requisiten als zu einem kleinen Lustspiel. Es sei denn, dieses spiele zu einer bestimmten historischen Epoche oder verlange Ausstattung und Kostüme in vorgeschriebenem Geschmack. Da wir leider nicht mehr so naiv sind wie zu Shakespeares Zeiten, wo ein Plakat mit der Aufschrift »Garten« dem Zuschauer die gewünschte Illusion erschuf, so muß man, wenn man einmal beschlossen hat, dies oder jenes aufzuführen, rationell zu Werke gehen und keine kleine Ausgaben scheuen. Auch sollte man, nach sorgfältiger Lektüre des passenden Stückes oder der Wahl der Bilder, nach Personen fahnden, die einigermaßen dem vom Dichter vorgeschriebenen Ideale entsprechen. Man fordere zur Mitwirkung also nicht nur die alten Töchter des Vorgesetzten auf, oder die begehrtesten jungen Herren, wenn sie sich in keiner Weise für die zugedachte Rolle eignen – man lasse einmal das Talent zu Worte kommen oder das hübsche ausdrucksvolle Gesicht eines armen Mädchens zur Geltung! Gewiß wird man nicht alle Rücksichten fallen lassen können oder seine nächsten Bekannten ganz übergehen. Aber mit ein bißchen gutem Willen wird man doch die auf die Plätze schmuggeln können, die man dafür am geeignetsten hält. Schließlich ist man doch Herr in seinem Hause und eventuelle Uebelnehmereien dürfen nicht im voraus schon so stark wirken, daß sie edle Absichten im Keime ersticken. Hat die kleine Aufführung guten Erfolg, so werden sich auch die »Nörgler« zufrieden geben müssen.

[236] 237. Promptes Spiel. Aus Rücksicht auf die Zuschauer müssen die »lebenden« Bilder so oft gestellt werden, daß die Scene im Nu fertig ist und auch die Verwandlung, der Wechsel der Coulissen, Requisiten und Kostüme muß so schnell wie möglich vor sich gehen. Nichts ist ermüdender und langweiliger, als von einer halben Stunde zur anderen auf ein Bild warten zu müssen, dessen Vorführung trotz der endlosen Vorbereitungen nur 1–2 Minuten beansprucht und das schon deshalb enttäuschen wird.

Ebenso ist es direkt unhöflich, als Mitwirkender eines Theaterstückes schlecht gelernt zu haben. Wer die Rolle nicht beherrschen kann oder zu bequem ist, sie sich einzuüben, der trete beizeiten zurück. Niemand verlangt Meisterstücke von einem Dilettanten – aber guten Willen muß er zeigen!

Auf alle Fälle – und wenn das Stück auf der Generalprobe noch so glatt geht – sorge man für einen Souffleur, der womöglich schon allen Proben beiwohnte und deshalb die Schwächen des einzelnen kennt. Nichts ist peinlicher, auch für die Zuschauer, als das »Steckenbleiben«. Doch muß der Souffleur seine Sache verstehen und leise und rechtzeitig einspringen. Zu lautes Vorsprechen kann die ganze Vorstellung verderben.

Meistens werden die Aufführungenlebender Bilder oder eines Lustspiels nur ein Teil des Vergnügungsprogramms sein. Entweder wird ein Diner oder ein Souper vorangehen oder ein Tanz wird folgen.

Bei den Mitwirkenden – Herren wie Damen – revanchiert man sich durch eine Aufmerksamkeit oder durch die Einladung zu einem anderen Fest.

Hat man Künstler zugezogen, oder den Regisseur oder Ballettmeister eines Theaters, so ist es selbstverständlich, daß man die Bemühungen anständig honoriert und nicht etwa annimmt, sie seien durch die Ehre, ihren Rat geben zu dürfen, reichlich belohnt.

[237] 238. Bazar. Um im eigenen Hause einen Bazar abhalten zu können, dessen Besuch jedem durch ein besonderes Entree ermöglicht wird, bedarf es selbstverständlich solcher Räume, daß sie für ein großes Publikum genügen. Im allgemeinen werden sich zur Arrangierung eines Bazars, dessen Zweck immer ein wohlthätiger ist, verschiedene einflußreiche Familien oder das Komitee eines Klubs oder eines Vereins zusammenthun und man wird dann als Schauplatz des als Volksfestes oder Jahrmarktes gedachten Festes irgend ein öffentliches Lokal wählen. Unsere Ratschläge beziehen sich deshalb mehr auf die Vorbereitungen für einen Bazar, die im eigenen Hause getroffen werden.

[238] 239. Fragwürdiger Zweck der Bazare. Die Ansichten über diese moderne Art der Humanität ist recht geteilt; der gute Zweck wird fast vergessen über den Ansprüchen, die der Einzelne an das Vergnügen dabei stellt. Und wie viel indirekte Kosten erwachsen nicht jedem Teilnehmer aus all den Anforderungen: dem Kostüm, den Anschaffungen und Geschenken für die Bude, den Ausgaben für Handschuhe, Friseur, Wagen – dem Leben an den Bazartagen selbst, denn man kann sich nicht so einrichten, die Mahlzeiten zu Hause einzunehmen, und das einladende Buffet verleitet immer wieder zu einer Erfrischung! Wie oft hört man nicht: »Mir kostet die Sache schon indirekt soviel, ich steure durch meine Beteiligung, den Zeitverlust, die Toilette u.s.w. schon viel mehr bei als ich eigentlich dürfte – kaufen kann ich nichts!« Und trotzdem wird man manches Geld für Blumen, Loose, Postkarten oder Versuche bei der Tombola und am Glücksrad ausgeben. Es wird behauptet: »Das Publikum will sich für sein Geld amüsieren, eine Sammlung würde nicht die Hälfte ergeben.« Und trotzdem oft von dem Erlös große Summen für Saalmiete, Beleuchtung, Aushilfe, Handwerker u.s.w. abgezogen werden, giebt das Resultat diesen Leuten recht – ein Bazar schließt selten mit einer Unterbilanz ab. Es ist ein Zeichen für den Egoismus des Publikums und für die merkwürdige Humanität, die für den gedankenlos verschwendeten Thaler »etwas« – und sei es ein gestricktes Wischtuch! – haben will.

[239] 240. Bazarkostüme. Aber Bazare sind nun einmal Sitte und wer zur Gesellschaft eines Kreises oder einer Stadt gehört, wird keinenfalls auf die Teilnahme oder den Besuch verzichten.

Bazare mit Phantasiekostümen sind ein gefährliches Unternehmen. Die Phantasie treibt oft besondere Blüten, wenn sie nach Belieben walten darf und die Blumen-, Vögel-, Schmetterlings-, Grillen- und Tautropfenkostüme fallen selten hübsch aus. Sicherer geht man schon, einen bestimmten Zeitpunkt und Ort zu wählen – also vielleicht irgend eine Hansestadt als Rahmen, die Kostüme im Geschmack des für die Stadt bedeutendsten Jahrhunderts; oder ein Kostüm-oder Volksfest in Tirol, China, Italien oder Rußland. Auch findet man oft Bazare, deren Buden Produkte und Verkäuferinnen aus aller Herren Länder enthalten und die dadurch sehr malerisch und farbenbunt wirken.

[240] 241. Echtheit der Kostüme. Hat man sich also entschlossen, eine botanische Nation zu vertreten, so sorge man zuerst für ein Kostüm, das wirklich den charakteristischen Zuschnitt und die richtigen Farben trägt. Auch in dieser Beziehung ist man jetzt sehr genau; es thut darum nicht not, sich ein Kostüm aus dem betreffenden Lande verschreiben oder es aus den teuersten Stoffen herstellen zu lassen. Nur einen »echten« Eindruck muß es machen, keinen theaterhaften. Das Kostüm einer Tirolerin z.B. mit Mieder und Alpenhut darf nicht durch den mit Sternen benähten Rock einer »Königin der Nacht« vervollständigt werden, wie es kürzlich in einer kleineren Stadt geschah.

[241] 242. Bazarwaren. Wenn im Hause Liebhaberkünste getrieben werden, so wird man viele der Geschenke selbst herstellen. Natürlich wird jeder am liebsten für sein Zelt oder seine Bude sorgen und man sollte daran denken, die Gaben ebenfalls als Produkte herzustellen, wie sie das Land, das man vertritt, am meisten hervorbringt. Also sollte eine Chinesin nicht italienische Mosaiken, eine Russin nicht spanische Fächer verkaufen. Im allgemeinen findet man auf den Tischen ein großes »Sammelsurium« – Dinge der heterogensten Art durcheinandergewürfelt und es mag oft schwer sein, Tische in einheitlicher Weise auszuschmücken. Denn wer kennt nicht die »Rundreisesachen«, die von einem Bazar zum andern wandern und immer wieder großmütig weitergegeben werden? Das harte Rückenkissen mit dem gestickten Vogelnest, die bemalten Vasen und glattgespülten Nordsee-Steine, die Ueberhandtücher und an chronischer schwäche leidenden Tischchen! Sie alle, alle dienen der Humanität – im Wiederholungsfall!

[242] 243. Bazarbuffet. Hat man auf einem Bazar für das Buffet zu sorgen, so wird man besondere Acht auf das Anrichten der Speisen geben müssen. Die hübschen und appetitlichen Schüsseln sollen den Appetit reize ... Daher wird man gut thun, seinen Vorrat so einzuteilen, daß man Schüsseln und Platten immer wieder nachfüllen kann – oder man muß die Reste immer wieder neu ordnen – denn nichts wirkt so häßlich wie halbgeleerte Schalen.

[243] 244. Bazar großen Stils. Ein einfaches Privathaus würde kaum genügend Platz für einen Bazar im großen Stil haben. Dazu braucht man schon ein Palais – ein »Hôtel«, wie man in Paris sagt, allerdings auch oft von kleinen Häusern. Ein sehr großes aber, das des Prinzen Rolande Bonaparte, öffnete seine Säle im Januar 1900 für einen Wohlthätigkeitsbazar, den »tout-Paris«, also alles was zur Gesellschaft gehörte, besuchte und dessen Resultat ein sehr glänzendes war. Die Halle war zu den Garderoben benutzt, die breiten Galerien auf den Treppenabsätzen beherbergten verschiedene Kapellen. Im Erdgeschoß war eine Bühne errichtet, auf der die bekanntesten Künstler und Künstlerinnen der Theater, der Grand opéra, des Odéon, des Gymnase und der Opéra comique, neben den berühmtesten, schönsten Tänzerinnen sangen, spielten und tanzten. Auf einer kleineren Bühne in einem Nebensaal wurden spiritistische Séancen abgehalten. In der ersten Etage waren Harfenkonzerte Straßensänger, Solospieler und -sänger und Rezitationen bekannter Schauspieler. Ein Riesensaal enthielt das Buffet – ein anderer die Tombola. Also einmal ein Bazar ohne Verkaufszelte – eine Erholung! Und doch ein großer Reingewinn. Allerdings zog auch die Neugier, das berühmt schöne »Hôtel« des Prinzen, das sich sonst nur seinen Freunden öffnet, einmal betreten und ansehen zu dürfen.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 154-244.
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