III.

Gesellschafts-Toilette.

[289] 290. Diner-Toilette der Damen. Im allgemeinen trägt man jetzt wieder mehr ausgeschnittene Kleider als vor einigen Jahren. Während sonst nur die jüngeren Frauen und Mädchen zu den Tanzfesten in ausgeschnittenen Kleidern kamen, legten sie die älteren und alten Damen nur dann an, wenn es Vorschrift war, bei Hofbällen, Gratulationscouren u.s.w. Jetzt dagegen tragen auch alte Damen zu Diners und Bällen dekolletierte Toiletten – ob immer zu ihrem Vorteil, sei dahingestellt. Jede Frau sollte sich so genau kennen, daß sie nichts Unvorteilhaftes trägt; muß sie sich höherem Gebot fügen und trotz mageren Nackens, schlechter Hautfarbe und häßlicher Arme ausgeschnittene Kleider tragen, so kann sie trotzdem durch viel Chiffon, Tüll oder Spitzen soviel verhüllen, daß sich das Freigelassene besser präsentiert. Nur die Frau, die einen schön geformten Nacken und Hals, zarte Haut und schöngebildete Arme besitzt, darf sich ungestraft den beobachtenden Blicken aussetzen – aber ein gutes »décolleté« ist lange nicht so häufig, wie man denken sollte!

[290] 291. Bei großen Diners. Zum Diner, das auf prunkvoller, gedruckter Karte angesagt ist, wird die ältere Dame ein ganz geschlossenes, seidenes Kleid mit Schleppe tragen. Ein ovaler oder viereckiger Ausschnitt ist nur unter Umständen zu raten. Besonders starke oder auffallend magere Damen sollten sich keiner herzlosen Prüfung aussetzen. Jüngere Damen werden zu größeren Diners ausgeschnittene Kleider mit kleiner Schleppe tragen. Sind die Arme nicht tadellos, so verhülle man sie mit den jetzt sehr beliebten und kleidsamen, langen und ganz durchsichtigen Aermeln aus Chiffon oder Tüll, die in schmale Längs- oder Querfalten gelegt, von entre-deux (Zwischensätzen) unterbrochen, mit Pailletten benäht oder auch aus Guipüre und irischer Spitze hergestellt werden. Es giebt da unendlich viel Variationen; und wer sich nicht über sich selbst täuscht, wird bald seinen Formen und Farben günstige Zusammenstellungen finden. Junge Mädchen tragen zu großen Diners ganz ausgeschnittene Kleider und kurze Aermel.

[291] 292. Zu kleinen Diners bei Freunden oder im engen Kreise werden bei uns selten dekolletierte Kleider getragen. Man begnügt sich mit einem kleinen Ausschnitt, einem ganz geschlossenen hell- oder mittelfarbenen Seidenkleid, wenn man nicht eine niedrige Taille durch eine »guimpe«, einen Einsatz aus einem dem Besatz des Kleides entsprechenden Stoff wieder schließt, eine sehr bequeme Einrichtung, die das Kleid zu häufigerer Verwendung bringt.

[292] 293. In England und Frankreich wird das tägliche Diner oder Dinner, das stets erst um sieben Uhr eingenommen wird, als Hauptmahlzeit betrachtet und nicht hastig, wie bei uns am Mittag, nach dem jeder wieder an die Arbeit eilt, abgegessen. Um die Feierlichkeit zu erhöhen, tragen in beiden Ländern die Herren am Abend Frack oder smoking, die Damen »eveningdress«, selbst wenn keine Gäste geladen sind. Ist man auswärts zum Diner gebeten, so giebt die Frage, ob man später ins Theater gehen wird, den Ausschlag, ob man ein ganz ausgeschnittenes Kleid oder ein »halbhohes« tragen soll. Geht man nach dem Diner ins Theater, was in Paris allgemein gebräuchlich ist, so wird man eine dezentere Toilette wählen, die wenig oder gar nichts von Nacken oder Busen freiläßt; in sehr hübscher Weise wird der Anzug aber durch die entzückenden, leichten Hüte in allen Farben und Formen vervollständigt, die man auch während der Mahlzeit nicht ablegt. Auch ein möglichst eleganter Theatermantel aus Seide oder Plüsch, reich mit wertvollem Pelz, seinen Stickereien und Fransen, weichen Rüschen und Spitzen – oft mit all diesen Zuthaten auf einmal! – besetzt, gehört zur Dinertoilette.

[293] 294. Kopfbedeckung und Coiffure. Ganz so anspruchsvoll ist man bei uns ja noch nicht; wenigstens kommen Kopfbedeckungen, Mützen oder Hauben nur für ganz alte Damen in Betracht. Aber der einfache Abendmantel aus Tuch, mit Flanell oder Pelz gefüttert, hat auch schon den kurzen oder langen Capes, halb- oder ganzlangen Mänteln und Kragen aus wertvollen Stoffen weichen müssen – das warme Kopftuch oder Shawl einem leichten Spitzenschleier oder Tüllshawl. Nicht immer zum Vorteil von Frisur und Teint; wer mit kaltem Gesicht von draußen in die Wärme kommt, wird leicht heiß und rot werden – und die auch bei uns oft recht komplizierte »Coiffure« kann nur dann in Ordnung bleiben, wenn man keinem Wind oder Regen ausgesetzt ist. Für Damen also, die nicht immer einen Wagen zur Verfügung haben, eventuell sogar ganz zu Fuß oder doch ein Endchen bis zur nächsten elektrischen oder Pferdebahn gehen müssen, ist ein leichter Hut sehr ratsam. Er zerdrückt weniger als ein Wolltuch und beschützt den Kopf viel besser als ein dünner Shawl. In unseren Theatern werden ja freilich keine Hüte geduldet: ein großer Rembrandt oder Gainsborough vor uns der den Bewegungen auf der Bühne lebhaft folgt und keinen kleinen Ausblick freiläßt, kann uns allerdings die Laune für den ganzen Abend verderben; aber man könnte am Ende ausschließlich kleine toques oder Baretts anwenden? Denn kleidsam ist der »Abendhut« sehr!

[294] 295. Soupertoilette. Bei Soupereinladungen macht man fast denselben Unterschied wie zum Diner: gedruckten Karten folgt die ältere Dame im schwarzen ev. grauen Seidenkleid mit kleiner Schleppe; die jüngere Frau im hellen hohen Seidenkleid, das junge Mädchen im hellen Wollen- oder Seidenkleid mit kleinem Ausschnitt. Zu kleineren Soupers wird man im eleganten Straßenkleid gehen, oder der immer noch sehr beliebten Mode von Bluse und Rock folgen. Es ist sehr bequem, einen gutsitzenden Atlas-oder Seidenrock in dunkler oder ganz weißer Farbe zu haben, auch ein schwarzer Samtrock ist angebracht – den man beliebig zu hellen und dunklen Seiden-, Atlas-, Samt-, Spitzen- und Guipüreblusen tragen kann. Gerade in Blusen giebt es unendlich viel Abwechslungen, angefangen von der schlichten Hemdbluse, die, besonders aus heller Seide, jungen, schlanken Figuren so gut steht, bis zu den allerwertvollsten und zartesten Gebilden, die den eigentlichen Zweck der Bluse – eine fertige Taille zu kaufen, um schnell einen praktischen Anzug zu haben – ganz vergessen lassen. Wer sich nicht mit einfacheren Modellen begnügt, die eher eine Abänderung zulassen, sollte niemals eine Bluse fertig kaufen; eine nach Maß angefertigte sitzt stets besser – sogar Normalfiguren – und es ist schade, viel Geld für eine Sache auszugeben, die doch einen Fehler behalten wird. Ehrgeizigen Damen wird es auch nicht behagen, denselben Fassons, vielleicht in derselben Farbe und mit den gleichen Verzierungen immer wieder und wieder zu begegnen – was auch bei kostbaren Modellen häufiger passieren wird!

Gegen das außerordentlich Praktische der Blusentracht – auch für kleinere Gesellschaften – wird niemand etwas einwenden können. Die große Gefahr liegt nur in den Zusammenstellungen. Im allgemeinen soll der Rock von kräftigerem Ton sein als die Bluse – kein hellgrüner oder -blauer Rock, zu feuerrot oder lila; auch muß das Material ähnlich sein, oder besser wieder der Rock von schwererem Stoff: kein dünnes Kattunfähnchen zu einer Merveilleuxbluse. Es geht wirklich nicht alles zusammen, meine Damen, und man sollte sich mit dem schönen Wort: »Ach, heutzutage kann man ja alles durcheinander tragen!« nicht zu übertrieben wilden Kombinationen hinreißen lassen.

»Angezogener« – »beaucoup plus habillée«, wie die Französin sagt – ist eine Uni-Toilette immer als Bluse und Rock.

[295] 296. Balltoilette. Die Balltoilette wird ebenfalls durch die Größe und Eleganz des Festes bestimmt werden. Für Hoffestlichkeiten giebt es feste Vorschriften, die auf den Einladungskarten vermerkt sind; ebenso für die Bälle in öffentlichen Sälen, an denen der Hof teilnimmt oder doch sein Erscheinen zugesagt hat. Dem Gebot »ausgeschnittene Toiletten« werden sich dann jung und alt fügen müssen und es kann nichts anderes geraten werden als Maßhalten. Man hört oft »ein hohes décolleté ist häßlich – dann lieber ganz hohe Taillen!« Gewiß, eine ängstlich hohe, sich fest über die Brust spannende Taille, die so aussieht, als hätte die Schneiderin aus Versehen den Stehkragen vergessen, ist unschön – das Gegenteil aber erst recht! Das hübscheste ist, den Stoff der Taille sehr weit fortzuschneiden und nur ganz schmale Achseln stehen zu lassen, wenn diese nicht überhaupt durch einen andern Stoff ersetzt oder von der Schulter auf den Oberarm verlegt werden, damit die »schönste Linie der Frau«, der Armansatz, freibleibt. Der tiefe Ausschnitt wird dann reich mit Spitzen, Tüll oder etwas zum Kleid und zum Besatz passendem ausgefüllt. Eine schlankere Figur wird sich einen tieferen Ausschnitt gestatten dürfen, als eine volle. Beiden aber ist zu raten, wenigstens für Ballkleider die häßlichen, »hochschnürenden« Korsetts abzulegen und die niedrigen, nach französischem Muster angefertigten zu tragen.

[296] 297. Der Unterärmel. Eine besondere Vorsicht ist dem »Unterarm« zu gönnen. Man begnüge sich nicht mit etwas losem Tüll oder Band, das zusammenkriecht, sobald es warm wird. Will man keinen festen, kurzen Aermel tragen, so sorge man für einen kurzen Unterärmel, der vielleicht von Spangen aus Spitzen oder Bändern festgehalten wird. Nichts ist häßlicher als ein »freier« Unterarm.

[297] 298. Der Haarputz. Aeltere Damen werden, falls sie nicht schon zu Häubchen oder Spitzenbarben verurteilt sind, Federtuffs, Reiherbüsche, große Blumen oder Diademe tragen. Auch jüngere verheiratete Frauen tragen Diademe oder Reiherfedern, ebenso Blumen und in Paris jetzt wieder die kleidsamen, runden Kränze.

Für junge Mädchen bleibt das hübscheste, falls sie überhaupt einen Kopfputz wählen, immer eine Blume in zarten Farben.

[298] 299. Der Tanzschuh. Der Tanzschuh soll möglichst zur Farbe des Seidenkleides stimmen. Helle Lederschuhe sind sehr beliebt, ebenso Schuhe aus Silber- und Goldbrokat mit kleinen Diamantschnallen. Wer nicht helle Schuhe tragen mag oder die Ausgabe zu jeder Toilette scheut, sollte Goldlackschuhe, keine schwarzen zu weißer oder ganz heller Toilette tragen. Schwarze Schuhe sehen hart aus.

Für Diners und Soupers trägt man Lackschuhe oder ganz helle Lederstiefel. Schwarze Stiefel gehören nicht zur feinen Abendtoilette, für Gesellschaften ist der Schuh Vorschrift.

[299] 300. Was ziehe ich als Hausherr an? Wie empfange ich Besuche? Daß man Besuch nicht in Schlafrock und Pantoffeln empfängt, braucht kaum erwähnt zu werden. Einen Freund, der zum Plaudern kommt oder einen guten Bekannten, der schnell etwas erledigen will, rechnet man nicht zu den »offiziellen Besuchern« – man nimmt sie an, wie's einem paßt, oder schickt sie weg, wenn sie ungelegen kommen. Die meisten Besuche, auch die einzelner Herren, gelten der Hausfrau. Der Hausherr wird sich nur selten und ungern sehen lassen, seine Anwesenheit ist ja auch durchaus unnötig bei den Empfängen. Wünscht er aus irgend einem Grunde die Besuchenden zu sehen, so wird er seinen Hausrock gegen das Jackett, noch besser gegen den Gehrock vertauschen müssen; ebenso die Hausschuhe, wenn sie nicht tadellos sind, gegen Stiefel oder festsitzende Schuhe. Pflegt der Mann am »jour« der Frau mitzuempfangen, wie es z.B. in Paris Sitte ist, so wird er einen Gesellschaftsanzug, Gehrock, helle oder mittelfarbige Weste, graues oder schwarzes Beinkleid tragen. Der Mann aber, der zu Hause stets ein altes, verflecktes Jackett trägt, soll sich ja nicht sehen lassen! Auch nicht in diesem Aufzuge, wenn ein Herr nur ihm Besuch macht und im Herrenzimmer empfangen wird. Einen Besuch machen ist immer eine Höflichkeit, die man wenigstens so erwidert, daß man einen liebenswürdigen Empfang bereitet; und den Gast im Negligé oder vertragenen Hausanzug empfangen, wird von einem Fremden als Unhöflichkeit und Nonchalance aufgefaßt werden. Ist der Hausanzug dagegen in dem repräsentablen Zustand, in dem er sein soll, so kann man getrost alle Welt annehmen. Denn daß man zu Hause im Frack mit weißer Binde sitze, wird kein vernünftiger Mensch verlangen.

[300] 301. Was ziehe ich als Hausfrau an? Bei der Hausfrau setzt man ein für allemal voraus, daß sie zu den üblichen Besuchsstunden, die ja in jeder Stadt etwas anders liegen, im allgemeinen aber von 12–2 Uhr vormittags und von 4–6 Uhr nachmittags sein werden, so angekleidet ist, daß sie Besuch empfangen kann. Große Reinmache- und Wäschetage sind eine Ausnahme, aber auch an diesen sollte die Arbeit so eingeteilt werden, daß die Dame des Hauses Mittags sichtbar ist. Mädchen sind selten geschickt mit den üblichen Notlügen: »Gnädige Frau sind ausgegangen« – oder »leider gerade beim Ankleiden«, und aus dem Zustand der Wirtschaft, lautem Sprechen und heißem Dampf aus der Waschküche, wird der Besuch auf die Wahrheit dieser Angaben schließen können. Auch die Haustoilette soll so eigen sein, daß die Dame nicht erst nach vielem Winken und leisen Rufen mit dem Mädchen im Hintergrund verschwindet, den armen, ahnungsvollen Gast eine gute Viertelstunde warten läßt und dann mit rotem Kopf, schlechtgeschlossener Taille und schiefgesteckter Brosche, »erfreut über den lieben, lieben Besuch«, endlich ins Zimmer stürzt. Wer im Hause eine Schürze trägt, wird sie eines fremden Besuches wegen ablegen; zum Hauskleide der jungen Mädchen gehört die Schürze und braucht, falls sie immer sauber und glatt ist, nicht abgenommen zu werden. Im Morgenrock wird man nur seine nächsten Freunde und Freundinnen empfangen, fernerstehende niemals. Abgesehen von den Fällen, da man durch Krankheit entschuldigt ist oder der Besuch eben zu ungebräuchlicher Stunde kommt. Pantoffeln, die eine Dame niemals im Hause tragen sollte, sondern nur morgens im Schlafzimmer, dürfen dem Besuch nicht gezeigt werden, auch nicht Filz- oder bunte Morgenschuhe. Zum Hausanzug gehört ein leichter Schuh. Wer den nicht mag, muß jedenfalls heile, saubere Stiefeln tragen – mit Schuhzeug kann man nicht eigen genug sein!

Ist die Hausfrau im voraus sicher, daß Gäste kommen werden, an Geburtstagen oder anderen Festen, so wird auch sie eine etwas elegantere Toilette als das einfache Hauskleid anlegen müssen. Wenn andere uns feiern, müssen wir ihnen dieselbe Höflichkeit erweisen und schon äußerlich zeigen, daß wir die Liebenswürdigkeit anerkennen. Aeltere Damen werden bei solchen Gelegenheiten schwarzseidene oder feine schwarzwollene Kleider tragen; jüngere ein hübsches Promenadenkleid oder eine einfachere Gesellschaftstoilette. Junge Mädchen tragen bei großen Empfängen im Hause helle, hohe Gesellschaftskleider oder eine hübsche, seidene Bluse zu einem dunklen Rock. An solchen Tagen werden sie auch die Schürze fortlassen.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 289-301.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Wieland, Christoph Martin

Musarion. Ein Gedicht in drei Buechern

Musarion. Ein Gedicht in drei Buechern

Nachdem Musarion sich mit ihrem Freund Phanias gestrittet hat, flüchtet sich dieser in sinnenfeindliche Meditation und hängt zwei radikalen philosophischen Lehrern an. Musarion provoziert eine Diskussion zwischen den Philosophen, die in einer Prügelei mündet und Phanias erkennen lässt, dass die beiden »nicht ganz so weise als ihr System sind.«

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon