Meine erste Verurteilung

[194] Die Miß- und Günstlingswirtschaft, die unter der Regierung der Königin Isabella von Spanien eingerissen war, vereinigte die Oppositionsparteien zu einer gewaltsamen Erhebung, die die Flucht Isabellas – Ende September 1868 – zur Folge hatte. Die Unentschiedenheit, mit der die aus den Führern der Oppositionsparteien zusammengesetzte provisorische Regierung die Frage nach der neuen Staatsform behandelte, veranlaßte die Demokratie der verschiedenen Länder, in Resolutionen und Adressen dem spanischen Volke die Gründung der Republik zu empfehlen. Natürlich glaubten wir noch ein übriges tun zu müssen und den Spaniern die Gründung einer sozialdemokratischen Republik anraten zu sollen, wozu nicht weniger als alle Bedingungen fehlten. Von den mehr als sechzigtausend Mitgliedern, die nach Zeitungsnachrichten sich der Internationale angeschlossen haben sollten, standen wohl mehr als fünfzigtausend nicht einmal auf dem Papier, sie waren ein Produkt der Phantasie. Es war damals die Periode der Übertreibungen, die namentlich der Internationale zugutekamen. Hörte man die bürgerlichen Zeitungen, so besaß die Internationale in Europa Millionen Mitglieder, und dementsprechend waren ihre Geldmittel ungeheure. Der gute Bürger geriet in Angst und Schrecken, las er in seiner Zeitung, der Kassierer der Internationale brauche nur den großen Geldschrank zu öffnen, um für jeden Streik Millionen zur Verfügung zu haben. Ich selbst war eines Abends Augen- und Ohrenzeuge, wie Prince Smith, der mir bei einer geselligen Zusammenkunft im Verein der Berliner Presse gegenübersaß, seinem Nachbarn vertraulich erzählte, er habe heute einen Brief aus Brüssel erhalten, wonach der Generalrat der Internationale für den Streik der Kohlengräber in der Borinage (Belgien) zwei Millionen Franken zur Verfügung gestellt habe. Ich hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken. Der Generalrat wäre froh gewesen, wenn er zwei Millionen Centimes in der Kasse gehabt hätte. Der Generalrat hatte einen großen moralischen Einfluß, aber Geld war immer seine schwächste Seite.

Diesen Übertreibungen von der Macht der Internationale fiel einige Jahre später nach dem Aufstand der Kommune auch Bismarck zum Opfer. Er wollte eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Internationale veranstalten, wobei ihm der österreichische Kanzler, Herr von Beust, bereitwillig an die Hand ging, obwohl nach dessen eigenem Geständnis die Internationale für Österreich nicht in Betracht kam. Die Durchführung des schönen Planes durchkreuzte die englische Regierung. Und nicht bloß Bismarck,[195] auch ein so gewandter Diplomat und Unterhändler wie Oberst von Bernhardi ließ sich über die Internationale die größten Bären aufbinden. So teilt er in »Aus dem Leben Theodors von Bernhardi« den Bericht eines seiner Vertrauensleute mit, in dem es heißt:

»Vor allem werden die sozialistischen Wühlereien von London und Genf aus eifrig fortgesetzt, um ganz Europa zu revolutionieren, und zwar, um nicht bloß eine politische, sondern auch eine soziale Revolution hervorzurufen. Sie werden von den beiden Comités internationaux in London und in Genf geleitet. Das Komitee in London präsidiert Louis Blanc, das Komitee in Genf Philipp Becker. Die Revolution soll zuerst in Paris ausbrechen, und wenn sie dort siegreich ist, sich zunächst auf Italien und dann auf das südliche Deutschland ausdehnen, wo viel Zündstoff ist; sie soll dann aber auch das nördliche Deutschland erfassen, wo man ebenfalls zahlreiche Verbindungen hat, und überhaupt ganz Europa umgestalten. Zunächst ist man überall bemüht, das städtische Proletariat vermittels des Koalitionsrechts militärisch zu organisieren.«

Nach Bernhardi waren alle Hauptstädte Deutschlands bereits insurgiert. Häupter der Bewegung seien namentlich Schweitzer und Bebel. Solcher Unsinn wurde also von sehr ernst zu nehmenden Leuten verzapft.

Die erwähnte Adresse »An das spanische Volk«, die Liebknecht in einer Versammlung begründet und ich, als Vorsitzender der Versammlung, vorgelesen und zur Abstimmung gebracht hatte, führte uns vor den Kadi. Wir wurden schließlich jeder zu drei Wochen Gefängnis wegen Verbreitung staatsgefährlicher Lehren verurteilt, die wir gegen Ende 1869 – so lange hatte der Instanzenzug gedauert – im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis verbüßten.

Außer der Anklage wegen Verbreitung staatsgefährlicher Lehren durch Veröffentlichung der Adresse »An das spanische Volk« wollte man anfangs auch eine Anklage wegen Beleidigung Kaiser Napoleons gegen uns erheben. Diese mußte aber fallengelassen werden, weil nicht, wie es das Gesetz erforderte, Napoleon persönlich den Strafantrag gestellt hatte, sondern sein Gesandter in Dresden.

Daß die spanische Revolution in ihrem weiteren Verlauf indirekt den Anlaß zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland geben würde, ahnte damals niemand.

Quelle:
Bebel, August: Aus meinem Leben. Band 1. Berlin 1946, S. 194-196.
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