Gute Lebensart bei den Mahlzeiten.

[16] Der neugeborene Mensch muß erst lernen, die für Erhaltung des Lebens nötige Nahrung, selbst in der einfachsten Form zu sich zu nehmen. Auch der Heranwachsende oder Erwachsene, der bereits seine geistigen Gaben zu gebrauchen weiß, hat sich bei dieser notwendigen Beschäftigung gewissen feststehenden Gesetzen zu fügen, an deren Befolgung ebenfalls der Mensch von guter Lebensart erkannt wird; die meisten Verstöße gegen die seine Sitte geschehen beim Einnehmen der Mahlzeiten. Aus diesem Grunde seien dem Verhalten bei Mahlzeiten im Familienkreise einige Bemerkungen gewidmet.

Da ist zunächst beim Morgenkaffee zu erwähnen, daß alle Familienangehörigen, Erwachsene wie Kinder, sauber und glatt zu erscheinen haben. Soviel Zeit muß jeder haben, um diesem Erfordernis des Anstandes genügen zu können.

Während des Frühstücks darf natürlich kein Zank oder Streit herrschen; nachdem die Mutter jedem das Seine zugeteilt, mit dem er sich zufrieden zu geben hat, mag eine heitere Unterhaltung das Frühstück würzen. Kinder gewöhne man bei Zeiten daran, die Milch oder den Kaffee gehörig abgekühlt zu genießen. Es ist nicht schön, in die Tasse hinein zu blasen; geradezu abschreckend häßlich aber ist das Umgießen von Kaffee oder Milch in die Untertasse. Sache der Mutter freilich ist es, dafür zu sorgen, daß diese Flüssigkeiten nicht allzuheiß auf den Tich kommen. Ferner ist es unschicklich, das Gebäck in die Tasse einzubrocken und es dann auszulöffeln; das mag nur ganz kleinen Kindern oder zahnlosen alten Leuten gestattet sein. Alle übrigen haben das Brötchen auf den Teller zu legen und das für den Mund benötigte Stück abzuschneiden oder abzubrechen. Wird das Brot mit Butter bestrichen, so hat jeder den notwendigen Bedarf an Butter gleich anfangs auf seinen eigenen Teller zu legen und während der Mahlzeit schneide er das Brot nach und nach in kleinere Stückchen, die er einzeln bestreicht und dann sogleich zum Munde führt. Wohlverstanden: jeder Würfel wird erst bestrichen und gegessen, ehe ein neuer abgeschnitten wird.[16]

Einer ganz besonderen Beachtung wert ist das Verhalten beim Mittagsmahl. Wenn schon in der Familie es hierbei nicht so gemessen hergeht, wie bei einem Mahle in der großen Gesellschaft, so sind doch die Grundbedingungen eines anständigen, der guten Sitte angemessenen Verhaltens für beide Gelegenheiten die gleichen. Denn zum wohlanständigen Speisen gehört, wie bereits gesagt, eine gewisse Geschicklichkeit, die nur allmählich erlernt wird.

Ehe wir jedoch das Verhalten des Einzelnen bei Tische schildern, sei es uns gestattet, den für die Einrichtung und die Anordnung der Speisetafel nötigen Vorbereitungen einige Worte zu widmen. Pflicht der Hausfrau ist es, dafür zu sorgen, daß die Tischwäsche stets sauber sei, aber auch nicht nach Seife rieche. Vor jedem Platz werde ein flacher Teller hingestellt, wogegen die Suppenteller übereinander geschichtet vor dem Platz der Hausfrau stehen, die die Suppe verteilt. Gabel und Messer lege man entweder rechts vom Teller auf ein Messerböckchen, das in vielen Familien eingeführt ist, weil dadurch das Tischzeug mehr geschont wrd, oder man lege die Gabel zur linken, das Messer zur rechten Seite des Tellers; der Löffel hat stets oberhalb des Tellers seinen Platz.

Beim Austeilen der Speisen wird zuerst der Hausherr bedient, ausgenommen, es sei ein Gast zu Tische geladen, der dann diesen Vorzug hat, gewissermaßen als Dank der Familie für die Ehre, welche ihr der Gast erweist, indem er am Mahle teilnimmt. Dem Gast ist der Platz neben der Dame des Hauses einzuräumen, im übrigen bleibt die gewohnte Tischordnung unverändert. Naturgemäß sitzen die jüngsten Kinder, die noch der Überwachung bedürfen, in nächster Nähe der Mutter. Kinder müssen bei Tisch ruhig und geduldig sein; sie dürfen unaufgefordert nicht mitreden, haben aber am wenigsten ein Recht, eine Speise mit Ungestüm zu fordern oder überhaupt am Essen zu mäkeln; vielmehr dürfen sie ihre Wünsche nur in Form einer höflichen Bitte äußern.

Das Mundtuch lege man leicht über das Knie; es sieht nicht schön aus, wenn es an der Halsbinde befestigt oder durchs Knopfloch gezogen wird; eine Ausnahme ist nur bei Kindern zulässig, bei denen man befürchten muß, sie könnten[17] sich die Kleidchen beflecken, sowie bei Kranken oder alten Leuten, deren Bewegungen die nötige Sicherheit fehlt.

Eine vielfach aus dem Gasthausleben übernommene, üble Gewohnheit ist es, Messer, Gabel oder Teller vor dem Gebrauch mit dem Mundtuch abzuwischen. Das muß die Hausherrin, deren Pflicht es ist, alles, was auf den Tisch kommt, rechtzeitig zu prüfen, verletzen. Nach beendeter Mahlzeit falten die Familienangehörigen das Mundtuch säuberlich zusammen und ziehen es durch einen Ring, weil man in der Familie ein und dasselbe Mundtuch bei mehr als einer einzigen Mahlzeiten verwendet; dagegen ist es geradezu ein Verstoß gegen die gute Sitte, bei Gesellschaften oder als geladener Gast das Mundtuch wieder sein säuberlich gefaltet zurückzulegen, weil man damit voraussetzen würde, das gleiche Mundtuch solle mehrfache Verwendung finden.

Löffel, Gabel und Messer wissen viele nicht richtig zu gebrauchen. Es sei deshalb nachstehendes zur Beherzigung empfohlen: Der Löffel dient nur zum Verzehren der Suppe. Er darf nicht zu voll genommen werden, weil das Zurücktröpfeln von Flüssigkeit aus dem Löffel in den Teller unappetitlich ist. Die Suppe darf, wenn sie zu heiß ist, nicht angeblasen werden, sondern man kühlt sie ab, indem man den Löffel langsam darin hin- und herbewegt. Daß der Löffel nicht mit der vollen Hand, sondern nur mit den drei ersten Fingern, den Daumen nach oben gekehrt, angefaßt werden darf, ist für Erwachsene wohl selbstverständlich und nur kleineren Kindern darf in dieser Beziehung etwas nachgesehen werden, wenn schon es besser ist, auch diese so frühzeitig wie möglich an den richtigen Gebrauch der Tischgeräte zu gewöhnen. Beim Verzehren der Suppe führe man den Löffel mit der Spitze zum Munde und lasse den Inhalt geräuschlos zwischen den Lippen hindurchgleiten; das sogenannte Ausschlürfen über die Langseite hinweg ist jedenfalls zu vermeiden.

Überhaupt ist beim Einnehmen von Speisen möglichst jedes Nebengeräusch zu vermeiden; Schlürfen und Schmatzen sind für die Ohren wohlerzogener Menschen widerliche Töne. Deshalb ist es Pflicht der Eltern, darüber zu wachen, daß[18] die jüngeren Mitglieder der Familie sich diese Unarten erst gar nicht angewöhnen, weil bei täglichem Beisammensein das Ohr sich an derlei üble Angewohnheiten leicht gewöhnt, die einen anderen in Verzweiflung bringen, ihm die ganze Eßlust verderben können. Deshalb kaue man mit geschlossenem Munde, vermeide aber auch, mit vollem Munde zu sprechen oder noch kauend aus dem Glase zu trinken.

Nach dieser kurzen Abschweifung zum Gebrauch der anderen Tischwerkzeuge zurückkehrend, sei bezüglich des Gebrauchs von Gabel und Messer darauf aufmerksam gemacht, daß die Gabel mit der linken, das Messer mit der rechten Hand zu handhaben sind. Das erfordert freilich im Anfang einige Übung, aber es speist sich so bequemer, wenn man es erst einmal gelernt hat. Die Gabel ist niemals in senkrechter Lage, sondern stets mehr zur Seite geneigt zu verwenden. Je senkrechter die Gabel aufgestellt wird, desto leichter gleitet sie an dem glatten Porzellanteller ab und verursacht alsdann einen unangenehmen, schrillen Ton. Das ist aber noch das kleinste Übel; viel schlimmer ist es, wenn die ausgleitende Gabel einen Teil der Speisen vom Teller, womöglich auf die Kleider der Nebenperson, schleudert und dadurch deren Kleider befleckt werden.

Das Messer dient nur zum eigenen Gebrauch bei Tische. Man darf also mit dem Messer, mit dem man die Speisen auf dem Teller zerkleinert, weder von dem für den allgemeinen Gebrauch bestimmten Brote abschneiden, noch damit in das Salzfäßchen fahren. Zur Vermeidung solcher Ungehörigkeiten ist es freilich durchaus notwendig, daß für das Brot sowohl als auch für alle anderen Speisen, bei denen der Gebrauch eines besonderen Messers notwendig ist, solche aufgelegt werden; ferner, daß die Schüsseln, die herumgereicht werden, auch stets mit eigenen Gabeln zum Vorlegen versehen seien. Nur achte man alsdann darauf, daß keine unangenehmen Verwechslungen vorkommen, indem man sein eigenes Messer, mit dem man gegessen, zum allgemeinen Gebrauch hinlegt und dafür das andere hinnimmt. Für Salz und Pfeffer hat man übrigens jetzt meistens eigene Löffelchen von Horn oder Metall, wenn man nicht gar die englischen Büchschen verwendet, die oben mit einem Sieb[19] versehen sind, durch das das Salz oder der Pfeffer auf die Speisen gestreut wird.

Da für das Obst die Berührung mit Stahl nicht dienlich ist, so verwendet man bei ihm meistens Messer, die aus Horn, Bronze oder Silber gefertigt sind.

Eine vielfach verbreitete, üble Angewohnheit ist es, mit dem Messer Speisen zum Munde zu führen; diese Unart muß streng vermieden werden. Nicht nur wegen der Gefahr für die eigenen Lippen, sondern aus Rücksicht auf die Nerven der anderen Personen, auf die solche Kunststücke immer einen beunruhigenden Eindruck machen müssen.

Solche Kleinigkeiten mögen gewiß viele kaum der Erwähnung wert dünken; dennoch ist es notwendig, will man äußerlich keinen Anstoß erregen, daß man in Befolgung der oben aufgestellten Regeln sowohl gegen sich als auch gegen seine Familienangehörigen, besonders Kinder, streng ist; wer zu Haus manierlich zu essen versteht, der erregt auch keinen Anstoß, wenn er außerhalb in größeren Gesellschaften, zumal mit Höhergestellten, zu speisen Gelegenheit hat. Jedenfalls hat ein jeder darauf zu achten, daß er beim Essen nicht nur seinen eigenen Hunger stillt, sondern daß er auch nicht durch unfeines Benehmen anderen den Genuß verdirbt.

Das kann man, wie wir gesagt haben, schon durch Verstöße gegen die einfachsten Regeln beim Gebrauch der Tischwerkzeuge erreichen; es gibt aber noch andere Klippen, die dem der Gebräuche des guten Tones Unkundigen bei Tische drohen. So muß man, wenn die Speisen umhergehen, schnell und geschickt sein Stück wählen, ohne den Nachbarn warten zu lassen; auch ist hierbei eine gewisse Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit wohl zu beachten, die es verbietet, daß man eifrig nach dem größten und besten Stücke umhersucht.

Fleisch wird nicht gleich beim Beginn in kleine Stücke zerschnitten, sondern man schneidet jeden Bissen einzeln ab. Auch darf man keine Brotwürfel dazu schneiden, um damit die Soße abzutupfen. Das zum Verzehren genommene Brot wird überhaupt nur gebrochen, nicht geschnitten.

Innerhalb der Familie ist es nicht nur gestattet, sondern sogar geboten, sich mit allen gebotenen Speisen und mit[20] der Art, wie sie zerlegt und verzehrt werden, bekannt zu machen. Das Zerlegen von Geflügel erfordert beispielsweise eine besondere Geschicklichkeit, und das Anfassen der einzelnen Stücke mit den Fingern ist, trotzdem es vielfach vorkommt, zu vermeiden. Mit den Fingern ißt man höchstens Spargel, weil dieses Gemüse im Wasser abgekocht wird, also nicht die Finger dadurch schmutzig werden, ferner kleines Geflügel, wie Krammetsvögel, oder Krebse und Austern; ja selbst bei kleineren Pasteten ist der Gebrauch der Finger zulässig.

Beim Verspeisen von Fischen bedient man sich nur der Gabel, indem man in die linke Hand ein Stückchen Brot nimmt, hiermit den Fisch auf dem Teller festhält, mit der Gabel dann das Fleisch vom Fisch gleichsam abschält und es mit dem Brote auf die Gabel schiebt. Ebenso werden Gemüse, die einzeln umhergereicht werden (junge Erbsen, Schoten), auch nur mit der Gabel gegessen. Eierkuchen und Klöße, ja auch die Kartoffeln büßen an Schmackhaftigkeit ein, wenn sie zerschnitten werden; deshalb zerteilt man diese Speisen auch nur mit der Gabel.

Die Überreste eines Gerichtes, also Knochen, Gräten, Gewürzkörner usw., darf man weder auf dem Tellerrande aufreihen, noch sie auf das Tischtuch legen; man schiebt das alles, ohne daß es auffällt, auf dem Boden des Tellers zur Seite und läßt es dort liegen. Werden Kartoffeln in der Schale aufgetragen, so wird in den meisten Fällen neben den Teller ein kleines Drahtkärbchen hingestellt, das zur Aufnahme der Schalen bestimmt ist. Das Körbchen wird dann gleichzeitig mit den Tellern abgetragen.

Wie es unfein ist, die Soße mit Brotstückchen abzustippen, ist es auch nicht gestattet, die Soße vom Kompott abzulöffeln. Beim Genuß von Obst teilt man dieses in kleine Stücke, die man zum Munde führt. Geschält wird Obst nur mit Horn-, Bronze- oder Silbermessern, ausgenommen Apfelsinen, bei denen man sich der Hände bedient. Beim Öffnen der Nüsse bediene man sich eines Nußknackers. Eis wird mit eigens dazu gehörigen kleinen Spaten gegessen, wobei man vermeiden muß, das Eis mit den Zähnen in Berührung zu bringen. Wird Obst und Kuchen umhergereicht, so muß das Auge seine Wahl schnell treffen; auch darf man das einmal mit der Hand Erfaßte nicht wieder zurückgeben.[21]

Der Gebrauch von Zahnstochern ist bei Tische verpönt; das Reinigen der Zähne und Ausspülen des Mundes besorge man, wenn man allein ist.

In einzelnen Kreisen ist es freilich Sitte, nach der Mahlzeit Glasschalen und Glasbecher mit lauem, parfümiertem Wasser herumzureichen, damit jeder sogleich seinen Mund ausspülen kann; dieser Brauch ist aber doch wohl mehr nützlich als schön. Es empfiehlt sich dagegen, bei jedem Gedeck ein Wasserschälchen zum Remigen der Hände aufzustellen.

Gleich dem Essen erfordert auch das Trinken eine gewisse Geschicklichkeit. Ein Weinglas ergreift man unten am Fuß, nicht oben am Kelch, und man achte darauf, daß es nicht zu nahe beim Teller stehe, weil es leicht umgeworfen werden kann. Ein Wasserglas faßt man in der Mitte zierlich mit den Fingern an.

Zum Schluß noch einige Bemerkungen über die äußere Erscheinung bei Tische. Im engen Familienkreise ist der Hausrock gestattet; befindet sich aber ein Gast bei Tische, so hat man diesen zu ehren, indem man den Gesellschaftsrock anzieht. Die Hausfrau, die in bürgerlichen Haushaltungen doch meist die letzte Hand an die Gerichte legt, kann wohl nicht gut anders als im Hauskleide erscheinen, doch ist es selbstverständlich, daß dieses Kleid sauber ist. In vornehmen Häusern erscheinen alle Teilnehmer in gewähltem Anzuge bei Tafel.

Kinder gewöhne man rechtzeitig an ein ruhiges, gerades Sitzen bei Tische und gestatte ihnen nicht, sich auf die Stuhllehne oder auf den Tisch zu stützen. Was in der Jugend als Gewohnheit angenommen wurde, läßt sich in späteren Jahren, sofern diese Gewohnheiten übel, ind, nur nach mancherlei empfindlichen Demütigungen abgewöhnen.

Quelle:
Berger, Otto: Der gute Ton. Reutlingen [1895], S. 16-22.
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