Anno 1709
§ 100

[247] Auf den kalten Winter kam auch ein ziemlich heißer Sommer; wiewohl nach Proportion die Hitze doch nicht so groß war, als zuvor die Kälte gewesen. Inzwischen war sie doch so groß, daß die rote Ruhr viel Menschen wegraffte; und dieses gar sonderlich in Naumburg und Jena. Ich wandelte in lauter Furcht, und dachte immer, das Übel würde auch mich überfallen, weil es mir sehr nahe kam, und ich auch sonst zur Dysenterie [Ruhr] sehr geneigt war. Wo man hinkam, da redeten die Leute davon, und von diesem, und jenem, so daran gestorben; und erzählten noch dazu solche kräftige Umstände, daß einen eine Alteration ankommen mußte, der nur davon reden hörte. Mir kam es zum wenigsten allemal in Leib, so bald ich davon discuriren hörte, so daß ich mich nicht genug über die Leute, und ihre Torheit ärgern kunte, die zu ihrem eigenem Verderben nicht schweigen, noch bei solchen Fällen die Mäuler halten können. Es steckt nach der Pest keine Krankheit so leicht durch die Imagination an, als die rote Ruhr, so oft der, so davon reden höret, in Furcht[247] gesetzet wird, und im Leibe schon eine Disposition zu einer solchen Krankheit hat. Wie die Furcht und Imagination solches würken könne, habe ich oben bei anderer Gelegenheit a priori gezeiget [S. 160 f.]. Mich wundert, daß ich damals mit dieser Krankheit verschonet geblieben, auch bei einer solchen Avanture und Begebenheit, bei welcher ich dieselbe vor unausbleiblich und unvermeidlich hielt. Ich war einst in Kohl-Garten spazieren gangen, und das Bier wegen heißen Wetters, war gut zu Halse gegangen. Ich kam um 7 Uhr nach Hause; und weil ich schläfrig, aber doch noch nicht schlafen gehen wollte, so zog ich mich aus, um den Schlaf zu vertreiben. Da mich zu schläfern gleichwohl fortfuhr, so legte ich mich auf die Bank, in Willens, ein Viertel-Stündgen zu ruhen, und darnach zu Tische zu gehen, wie ich wohl eher getan hatte. Und siehe, ich schlief ein, und erwachte erst in der Nacht um 12 Uhr, worüber ich dermaßen erschrak, daß ich gänzlich meinte, nun würde ich wegen Erkältung den Durchfall bekommen, dem ich durch Spazieren-gehen und Schwitzen doch vorzubeugen gesuchet hatte. Doch es geschah nicht. Ich trunk damals den Thée noch selten, und nur als eine Medicin, und befand mich des Morgens drauf besser, als jemals. Die Studiosi in Jena hatten häufig [massenweise] Ausreiß gegeben, da das Übel bei ihnen überhand genommen, und nicht wenig Studiosi daran gestorben waren. Einige von meinen Lands-Leuten waren noch entkommen, ehe die Stadt gesperret worden, wiewohl ich eigentlich nicht weiß, ob man sie hernach gesperret, und gelangten in Leipzig glücklich an. Sie sahen so blaß aus wie Leichname, wegen der Todes-Angst, so sie in Jena ausgestanden. Ich tractirte [bewirtete] sie auf dem Collegio, bat mirs aber aus, daß sie von der Krankheit, so bei ihnen passiret, uns keine Erzählung machten; denn es wäre sowohl vor sie, als uns besser, daran nicht mehr zu gedenken.

Quelle:
Bernd, Adam: Eigene Lebens-Beschreibung. München 1973, S. 247-248.
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