1. Leuben.

»Sie müssen in Elsterwerda aussteigen und da zwei Stunden warten, bis der Riesaer Zug kommt,« sagte der Schaffner, indem er uns unsere Fahrkarten zurückgab.

Wir waren nicht sonderlich erbaut von diesem Bescheid und betraten widerwillig das dumpfe, sonnendurchglühte Wartezimmer. Unzählige zudringliche Fliegen umsummten uns, und hinter dem Büffet stand die Schenkmamsell und gähnte.

Wir legten unser Gepäck hin und versuchten es draußen. Hier fanden wir rechts Kartoffelfelder und links einen breiten Wassergraben mit alten Weidenstümpfen an der Seite.

Das gefiel uns auch nicht, und wir schlenderten wieder ins Wartezimmer zurück. Hier war unterdessen doch eine Veränderung vor sich gegangen. Ein Herr saß vor einer Tasse Kaffee. Der Angekommene musterte unsere Bündel, musterte uns, und fragte endlich: »Sie reisen wohl in die Sommerfrische?«

»Ja, wir reisen in die Sommerfrische.«

»Und darf ich vielleicht fragen, was Sie sich ausgesucht haben?«

»Sie werden den Ort schwerlich kennen, wir wollen nach Siebenlehn.«

»Nach Siebenlehn?« fragt der Herr gedehnt.

»Ja,« sage ich, »ist Ihnen der Ort bekannt?«[1]

Er lächelt so eigentümlich und sagt überlegen: »Freilich kenne ich Siebenlehn. Ich reise so viel, ich kenne ganz Sachsen wie meine eigene Tasche, und manches Land noch außerdem, aber Siebenlehn wäre sicher der letzte Ort, den ich mir für die Sommerfrische gewählt hätte. Schade, daß wir einander nicht früher gekannt haben. Ich hätte Ihnen dort, ganz in der Nähe von Siebenlehn, viel Schöneres ausgesucht.« – Ich mußte lächeln und dachte bei mir selbst: »Jawohl, mein Herr, ich kenne auch die nächste Umgebung und rechne sie mit zu meiner Heimat.«

»Gehen Sie doch nach Nossen!« fuhr der Herr lebhaft fort. »Von dem romantisch gelegenen Schloß hat man eine wunderbare Aussicht, und wissen Sie, dicht dabei, im Muldental liegen die interessanten Klosterruinen von Alt-Zella. Haben Sie noch nie von Alt-Zella gehört? Ist seinerzeit eines der berühmtesten Klöster gewesen! Versäumen Sie nur ja nicht, einen Abstecher dorthin zu machen!«

Elsterwerda bekam plötzlich, trotz Fliegen und Hitze, ein andres Aussehen, es wurde mir ganz interessant durch die genaue Ortskenntnis, die der Weitgereiste von meiner Heimat hatte. Wie sonderbar kam mir die Frage vor, ob ich Alt-Zella kennte! Wie oft war ich sowohl mit den Eltern, wie auch allein dagewesen, um in dem alten, großen Garten alles mögliche zu sammeln. Wuchsen da doch Bäume, die man sonst nirgends fand! Da war der interessante Tulpenbaum, seltene Edeltannen, die Korneliuskirsche, jahrhundertealter, blühender Efeu und außerdem Moose und Flechten in großer Zahl. Der umfangreichen Klostermauer war die Gärtnerwohnung eingefügt. In der Wohnstube mit den dicken alten Mauern saß im großen Lehnstuhl der 90jährige, erblindete Großvater, um dessen Leben sich ein ganzer Sagenkreis wob. Mit[2] dessen Enkeln, ein paar munteren Jungen, spielte ich Versteck in den Resten des einstigen Refektoriums, oder wir tappten uns gruselnd durch die einstigen Klosterkeller. Auf den breiten Fenstersimsen, deren edler Stil die einstige Pracht ahnen ließ, da hatte ich mit meiner Mutter gesessen und mit atemloser Spannung den Erzählungen gelauscht von der längst vergangenen Macht und Bedeutung dieses alten Klosters. Daß die Mönche diesen herrlichen Fleck Erde ihr »Paradiesgärtlein« genannt hatten, das war mir ganz selbstverständlich. Was würden sie sagen, wenn sie sehen könnten, daß nach Jahrhunderten muntere Kinderfüße ihr Heiligtum durchjagten? Die Knaben zeigten mir kleine Zellen mit einem verwitterten Steinsitz und erzählten mit geheimnisvollen Mienen von eingemauerten Mönchen, von unterirdischen Gängen und von versenkten Klosterschätzen. Welche unerschöpfliche Quelle von Vorstellungen und Eindrücken erhielt mein lebhaftes, phantasievolles Kindergemüt innerhalb dieser umfangreichen Klostermauern!

Da unterbrach der Herr meinen Gedankengang und sagte: »Wissen Sie, von Siebenlehn kann ich Ihnen nichts andres sagen, als daß es jetzt Schusterresidenz ist. Haha! Wahrhaftig, in jedem Haus zwei Schuster, und die heißen Rost. Den Küchenzettel kann ich Ihnen auch schon verraten: Wassersuppe und Kartoffeln. Letztere im günstigsten Falle nach der bekannten Variation:


Morgens rund,

Mittags gestampft,

Abends in Scheiben,

Dabei soll's bleiben,

Es ist gesund!«


Der Herr trank lachend den Rest seines Kaffees aus, stand auf, schwang grüßend seinen Hut und sagte mit einer Beimischung von gutmütigem Spott: »Wünsche den[3] Damen Glück zu ihrer Wahl, viel Vergnügen und gute Erholung!«

»Na,« sagte meine Tochter lachend, »der macht uns ja gute Aussichten. Wer nun wohl recht hat!« Unsere Zeit war um, der Riesaer Zug stand bereit, und wir richteten uns mit unseren Eckplätzen ein. Still saß ich und ließ den Blick über die vorüberfliegende Gegend schweifen. Mir kam ein Vers nicht aus dem Sinn, den ich einmal irgendwo gelesen hatte:


»In meine Heimat kam ich wieder,

Es war die alte Heimat noch,

Derselbe Duft, dieselben Lieder,

Und alles war ein andres doch!«


Je mehr sich der Tag zu Ende neigte, desto lebendiger und erregter wurde ich. Die Gegend weckte Erinnerungen. Das mußte die Lommatzscher Pflege sein. Ich stehe auf und schaue hinaus. Sollte der Zug wohl gar durch Leuben fahren? Geht denn jetzt eine Bahn hierher?! Freilich, vierzig Jahre sind eine lange Zeit, und ich kann nicht erwarten, daß ich alles so wiederfinde, wie ich es einst verlassen habe. Zumal die Menschen! Viele werden überhaupt nicht mehr da sein, und die, welche ich noch am Leben finde, die werden die alte Zeit und erst recht mich selbst vergessen haben. Aber sieh! Da liegt die Leubener Mühle! Bewegt muß ich der Gestalten und der Namen gedenken, die beim Anblick des Hauses auftauchen. – Aber weiter geht der Zug, und neue Bilder nehmen die Seele gefangen. Mögen die zuerst zu ihrem Recht kommen! Wie lauschig liegen die stattlichen Bauernhäuser hinter den fruchtbaren Obstbäumen versteckt, und: »Ein Bächlein fließet das Tal entlang.« Aus den grünen Hügeln schaut hie und da ein nacktes, rötliches Felsstück hervor. Oben auf dem Berge steht die Dorfkirche. Den Weg hinauf bezeichnet eine Pappelallee. Die großen, kräftig entwickelten[4] Bäume ragen wie Zypressen gen Himmel empor und verleihen der Landschaft einen feierlich ernsten Charakter. Am anderen Ende des Dorfes steht das Schulhaus. Im Fluge sehe ich die Pumpe vor der weißgetünchten Wand, die von dem grünen Gerank des Spalierobstes ganz überzogen ist. Daß an diesem Spalier die denkbar süßesten Reineclauden wachsen, das weiß ich ganz bestimmt, denn ich habe oft davon gegessen. –

Nun ist alles vorüber, und die letzten Abendstrahlen vergolden die fruchtbare Gegend. Sinnend setze ich mich in die Ecke. Das eben Geschaute hat eine Flut von Erinnerungen in mir geweckt. Gestalten aus ferner Vergangenheit tauchen auf, sie reden auf mich ein, mit fast körperlicher Deutlichkeit höre ich ihre verschiedenen Stimmen. –

Ich schiebe die Ereignisse von mehr als vierzig Jahren beiseite und sehe mich als kleines Mädchen von 8–9 Jahren auf dem Forsthof zu Siebenlehn. Das alte Haus mit dem grauen Brettergiebel lag abgesondert von den anderen Häusern auf einem Hügel, dicht dahinter dehnte sich der große Zellaer Wald. Der war im Sommer fast noch mehr unsere Heimat wie die Stuben. Hier auf dem Forsthof hatten wir Platz für unsere vielen Sammlungen. Die vordere Stube, wo wir uns gewöhnlich aufhalten, ist zum Ersticken voll gepackt mit Herbarien. Unzertrennlich davon ist der Apothekengeruch, der den stark riechenden Kräutern anhaftet. Bis hinauf an die Decke reichen die Gestelle. Vor den dickbauchigen Paketen stecken die Etiketten mit den lateinischen Namen. An der Fensterwand stehen große, grüne Arbeitstische. Keine Gardine dämpft das einströmende Licht. »Wir brauchen jeden Lichtstrahl,« sagt mein Vater. – Die Tür zur angrenzenden Stube steht im Sommer weit offen. Auch hier sind Sammlungen, nur Sammlungen,[5] oder Gegenstände, die damit in Beziehung stehen. Eine Anzahl Netze, kurz und langstielig, dicht und lustig. Die kurzen dichten werden für Wassertiere, die lustigen für den Schmetterlingsfang gebraucht. Da stehen große und kleine Pflanzenpressen, Botanisierkapseln hängen im Winkel. An den Wänden stehen die grün angestrichenen Schränke mit den Steinen, Käfern, Schmetterlingen, Samen und Harzen. Auf dem Gestell in der Mitte der Stube sind die Glashäfen mit den Schlangen und Eidechsen.

In der vorderen Stube, am ersten der Tische, sitzt mein Vater und schreibt. Er sitzt nicht lange still, zwischendurch geht er eiligen Schrittes in die Nebenstube, wo er sich an den verschiedenen Schränken zu schaffen macht. Sein seines blasses Gesicht zeigt eine nervöse Unruhe, er ist immer fleißig, hat immer Eile, er ist immer voller Sorge, es könnten ihm Pflanzen verblühen, bevor er sie gesammelt hat.

Meine Mutter nimmt die kleinste der Botanisierkapseln und hängt sie mir über die Schulter.

»Na,« sagt sie freundlich und setzt mir noch das Strohhütchen auf, »du wirst dich doch nicht verlaufen? Wenn du mal unsicher bist, dann frag nur! Sammle die Pflanzen nicht zu früh, sie werden sonst so welk, und du weißt am besten, wie schwer sie sich dann einlegen lassen. Der gute Herr Kantor wird dir gewiß helfen, er weiß, wo sie stehen. Drei Tage darfst du bleiben. Sag nur, im Winter, wenn Helleborus niger blüht, dann komme ich selbst, dann kann ich eher abkommen. In der Kapsel sind Schuhe und Strümpfe. Ehe du ins Dorf gehst, wäscht du dir die Füße im Bach und ziehst dann beides an. Die Sonne wird dir die Füße trocknen. Sei hübsch ordentlich unterwegs! Wenn du Leute triffst, gib Red und Antwort, sei freundlich und gefällig! Wo[6] du jemandem helfen kannst, da greif zu! Hier ist eine Bemme, die iß unterwegs! Nun grüß sie alle, und komm gesund wieder!«

Sie küßte mich, und ich klammerte mich an sie. Nun dreht mein Vater sich um und sagt vorwurfsvoll: »An das Spiritusglas für die Käfer hast du wieder nicht gedacht! Das Schmetterlingsnetz mußt du auch mitnehmen! Hier ist auch eine Schachtel für Raupen! Achte auf alles! Die Steine an den Wegrändern drehe um, oft sitzen Käfer darunter, die steck ins Glas! Mancherlei kannst du an alten Weiden finden. Moos und Flechten nimmst du natürlich nur mit Früchten. Lockere den alten Bäumen die Rinde, prachtvolle Bock- und Rüsselkäfer, aber auch die Weidenbohrerraupe kannst du da finden. Achte auf das Kleinste und scheinbar Geringste! Hier habe ich dir die Dörfer aufgeschrieben, durch die du kommst. Frag den Herrn Kantor, ob er vielleicht etwas Neues, Interessantes hat, und bitt ihn, daß er mal herkommt.«

So ausgerüstet, das Schmetterlingsnetz als Wanderstab benutzend, zog ich fröhlichen Sinnes über Land. Der Weg war weit, ich machte ihn durch mein häufiges Verweilen leicht doppelt so lang wie nötig. So bequem wie heute mit der Eisenbahn kam ich nicht vorwärts, aber ich hätte auch längst nicht so viel erlebt. Ich hätte dann keine Zeit gehabt, die Steine umzuwenden, ich hätte dann aber auch nicht beobachten können, welch ein stilles, verborgenes Leben die kleinen Käfer bei den bleichen, plattgedrückten Grashalmen führen. Nicht nur auf die kleine stille Welt erstreckte sich meine Beobachtung, ich lernte auch das Tun und die verschiedenen Anschauungen der Menschen kennen, mit denen ich auf diesen einsamen Wanderungen zusammentraf. Einsamkeit oder Langeweile empfand ich nie. Die Menschen interessierten[7] mich doch am meisten. Kam von ungefähr ein Handelsmann, der mühselig seinen Handwagen einen Berg herauf zog, so stellte ich mich heimlich hinten dran und schob nach Leibeskräften, und groß war mein Spaß, wenn der Ziehende sich erstaunt umschaute und mir freundlich dankbar zunickte. Es kamen auch hochgeschürzte Mägde, die an Korb und Krug schwer trugen, eine Hand hatte ich noch immer frei, die ich in ihren Dienst stellen konnte!«

»Wenigstens sollst du doch mal dafür trinken!« hieß es, und das ließ ich mir gern gefallen.

Ich erinnere mich nicht, von meinen Eltern je gewarnt zu sein. Wenn es sich um Menschen handelte, hieß es: »Hilf wo du kannst! Sei höflich und nicht maulfaul!« Wenn es Tiere betraf, so hieß es: »Sei nicht bange, saß zu, tu ihnen unnötig kein Leid an. Wenn wir sie aber brauchen, so steck sie ein!« So kam es, daß ich Tiere, vor denen sich sonst die Menschen scheuen, ohne Grauen anfaßte.

Wenn ich etwa die Hälfte der Wanderung hinter mir hatte, führte mich mein Weg an stattlichen Bauerngütern vorüber. Selbst mir fiel es auf, wie viel üppiger hier alles war, als in meiner gebirgigen Heimat. Hier pflegte ich mir eine Ruhepause zu gönnen. Von früheren Wanderungen her war ich den Bauern schon bekannt.

»Nu so was!« rief die Bauernfrau erstaunt, »das is ja das kleene Kreitermädel aus Siebeln! Kinder, kommt, hier is Gesellschaft für eich. Seht emal, die sucht egal Tee, und so weit muß se dernach loofen! Wächst denn das Kreit'ch ni bei eich?«

Die Kinder musterten mich zuerst staunend und schweigend. Ganz sachte kamen sie näher und befühlten die Kapsel, versuchten neugierig, sie zu öffnen, und faßten das Netz an.

»Ach ja!« sagte die Frau mitleidig, »die hat ni[8] so gut wie ihr, die muß ganz alleene weit im Lande rum ziehen und muß Kreiter und giftige Tiere suchen.« – »Ja,« fuhr sie redselig fort, »ihr Vater is e Zauberer, der kocht Tränkchen, dadrmit kuriert er die Leite. Ach, was der alles kann! Zaubersprüche kann er, die versteht kee Mensch. Na, bleib nur, mir essen gleich, da ißt de en Löffel Semmelmilch mit.«

Und ich ging mit in die Gesindestube, aß mit einem runden Blechlöffel mit Herrschaft und Gesinde aus einer Schüssel, nachdem die Großmagd das Tischgebet gesprochen hatte.

Inzwischen hatten die Kinder ihre Blödigkeit überwunden und führten mich nach dem Essen in Haus und Garten umher.

Beim Beerenessen kam auch der Bauer und die Frau hinzu, und dann hatte ich ein Kreuzfeuer von Fragen zu bestehen. Von dem Tun meiner Eltern hatten sie die abenteuerlichsten Vorstellungen. Wenn ich sie lachend berichtigen wollte, taten sie sehr überlegen und sagten, ich brauche mir weiter keine Mühe zu geben, sie wüßten es besser. Den Kindern machte es Spaß, mir Stuben und Kammern und vieles von ihren Vorräten zu zeigen. Bergehoch waren die Betten aufgetürmt. In den Truhen mit den bemalten Herzen und den verschlungenen Namenszügen waren Stoffe und Wäsche aufgespeichert, und mir schien, hier müßten die Bauern wohnen, von denen der Vers handelte, den die Hirten im Herbst sangen, wenn sie das Vieh heimtrieben:


»Horei! Horei!

Treib ei, Treib ei!

In das große Tor hinein,

Wo die reichen Bauern sitzen,

Mit den roten Zippelmützen,

Die den Quark mit Löffeln essen,

Und das Geld mit Scheffeln messen.«[9]


Beim Abschied pflückten mir die Kinder ein Krausemünzsträuschen und vertrauten mir geheimnisvoll an: »Wenn mer groß sein, gehn mer ooch fort, da kommn mer na Meißen uf de Benehme.«

In Leuben kam ich an, wenn die Kinder den Schlußvers sangen: »Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen usw.« Ich lauschte am Treppengeländer, und es tat mir gut, mit solchem Segen empfangen zu werden. Ehe aber die losgelassene Herde herausstürzte, eilte ich schnell hinauf. Welch freundliches Ende fand nun meine Wanderung! Der der Tür gegenüber hängende Spiegel zeigte mir ein rundes, glücklich strahlendes Kindergesicht. Das schwarze Haar hing etwas wirr ins Gesicht, der helle Strohhut war in den Nacken gerutscht. – Die liebe, freundliche Frau Kantor kam von ihrem Nähtisch auf mich zu, und hieß mich mit warmen, mütterlichen Worten so herzlich willkommen, daß ich mich wohl und heimisch fühlte. Wie tat mir auch das Lob wohl, wenn sie bewundernd sagte: »Du bist ja ein kleiner Held! Den weiten Weg machst du ganz allein! Und wie sauber hast du dir die Füße gehalten!«

Hut, Kapsel und Netz wurden mir abgenommen. »Nun bleibst du ein paar Tage bei uns, nicht wahr? Und wie werden sich die Kinder freuen! Horch – ich hör' sie schon!«

Und dann ging die Tür auf, und der blasse, müde Herr Kantor trat ein, und hinter ihm kam die Kinderschar, der große Paul und der kleine Berndel, das blondhaarige Liesel und Hedel und die kleine Dicke! Zwischen all den lieben, wohl erzogenen Kindern fand der fremde Gast seinen Platz, und jeder wetteiferte, mir ein reichlich Teil von dem Milchkaffee und dem Honigbrot zukommen zu lassen. Hier hätte ich immer sein mögen! Was nur[10] ein Kinderherz erfreuen konnte, das fand ich hier. So viel Kinder, Puppen, Wagen, Bücher, unten war ein Blumen- und ein Obstgarten. Der letztere bildete einen Abhang, da purzelten wir mit heiterem Lachen hinunter, bis dicht an den Bach. Zunächst war mir nach meinem langen Marsch die Ruhe willkommen. Ich setzte mich ans niedrige Kindertischchen, nachdem ich mir eine von Horns »Spinnstuben« geholt hatte. Mit welchem Behagen ließ ich mir vom Schmiede-Jakob die harmlosen Dorfgeschichten erzählen. Ja, ich las gern, und was ich gelesen hatte, erzählte ich am liebsten gleich wieder. – Ich schlief mit Hedel und Liesel im Stübchen mit der hellen Tapete. Das leise Gefühl des Fremdseins erhöhte nur den Reiz und die Feierlichkeit.

»Nun erzähl uns was!« sagten die Mädchen, und ich erzählte kraus durcheinander, Gelesenes und Selbsterlebtes, bis mir endlich die Müdigkeit die Lippen schloß. Durch das nächtliche Schweigen hörte ich den fremden Klang der Kirchenglocke, das Tuten und den Gesang des Nachtwächters, dann noch ein fernes Hundegebell, und ich träumte in meinem Kindheitsparadies von kommenden schönen Tagen.

Schon lange ruht der gute »Herr Kantor« zwischen Paul und Hedel auf dem Hügel, nach dem die Pappelallee den Weg zeigt. Dankbar meines Kindheitsparadieses gedenkend, rufe ich ihnen bewegt nach:


»Segne uns mit sel'gem Sterben,

Und mach uns zu Himmelserben!«[11]


Quelle:
Bischoff, Charitas: Augenblicksbilder aus einem Jugendleben. Leipzig 1905, S. 1-12.
Lizenz:

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