2. Der Romanus.

[12] Mit der Sekundärbahn fuhren wir am nächsten Morgen bei goldigem Sonnenschein hinein in das lieblich gelegene Muldental. Nach vorhergegangenem Regen war die Natur köstlich erfrischt, und mit Entzücken feierten meine alten Augen ein wortloses Wiedersehen.

Wie anmutig windet sich das silberne Band der Mulde durch die tannenbewachsenen Berge, deren ernstes Grün in reizvollem Wechsel durch leuchtend gelbe Steinbrüche oder rötlich schimmernde Porphyrfelsen unterbrochen wird. Hie und da tritt der Wald bescheiden zurück und läßt einer blumigen Wiese den Vortritt.

Ach diese frischen Farben!

Diese Ruhe!

Das Auge, das so lange den Dunst und Nebel der Großstadt ertragen hat, saugt gierig die reinen, frischen Farben auf. Sattes, dunkles Grün, ein tiefblauer Himmel und zwischen beiden ein leuchtender goldgelber Streifen, das sind die reisenden Kornfelder, die über den Tannen, auf der Hochebene liegen.

Da, das »Bähnchen« hält mitten im bewaldeten Tal, dicht bei der romantisch gelegenen Beiermühle.

Station »Siebenlehn!«

Meine Tochter sieht mich fragend erstaunt an. Hier sieht's doch nicht aus, als ob wir in der Nähe einer Stadt wären! Jetzt muß ich mich aber doch besinnen und Umschau halten, denn vierzig Jahre sind selbst für ein gutes Heimatsgedächtnis eine lange Zeit.

Wir übergeben dem einzigen Mann in dem einfachen Bretterhäuschen unsere Sachen, um sie gelegentlich mit in den »Romanus« zu nehmen. Dieser breite Fahrweg führt hinauf ins Städtchen; vor dem Städtchen liegt unser Hotel.[12]

Rechts haben wir die spärlich bewachsenen Felswände, links plaudert über blanke Kiesel und grünes Farnkraut das zu Tal hüpfende Bächlein, bald dunkel überschattet von den Wipfeln der Waldbäume, bald wieder freudig aufblitzend im hellen Sonnenschein. »Was Neues hat es nicht gelernt,« es murmelt dieselbe harmlose Weise, wie zu meiner Kinderzeit.

Meine Tochter wundert sich über den Namen unseres Hotels.

»Warte mal!« sage ich nachdenkend, »das ist zu meiner Zeit auch kein Hotel gewesen.«

Als ich Kind war, stand auf kahler Steinhalde ein mäßig großes Haus, das Steigerhaus des »Romanus«. Das Haus stand leer, und der Berg lag brach. Als ich meine Mutter danach fragte, erzählte die mir, daß vor etwa 700 Jahren Italiener hierher gekommen seien, die haben an der Stelle, wo die Halde ist, geschürft und entdeckt, daß hier viel Edelmetall zu finden war. Sie errichteten auf dem Gipfel des Berges eine Gewerkschaft und gaben der Grube den Namen »Romanus«. Man sprach weit und breit von der Grube, als von einer, »die da Silber spendete und Gold«. Der Romanus ist vielen Wechselfällen unterworfen gewesen. Man liest in alten Schriften, daß Krieg, Wassersnot und Pestilenz oft auf lange hinaus den Betrieb unterbrochen und gestört haben. Mit bewundernswerter Zähigkeit und Ausdauer nahmen aber die Siebenlehner Bergleute den verlorenen Posten immer wieder auf und verhalfen dem Romanus nach einer Zeit des Niederganges wieder zum Aufschwung. Siegesfreudig erklangen dann die frommen Bergmannslieder wieder aus dem Betsaal des Steigerhäuschens. Dann kam eine Zeit, da ging das Gerücht durchs Städtchen, die Grube sei erschöpft, sie werde nächstens den Betrieb einstellen. Wir trauerten, waren wir[13] doch stolz auf unsere sieben Gruben, ihnen verdankte unser Städtchen sein Dasein. Das Gerücht behielt leider recht. Der Gesang der Bergleute wurde immer schwächer, schließlich fuhr, allerdings nur kurze Zeit, nur ein Bergmann noch hinunter. Das war der Häuer Schramm. Man sagte, er könne sich nicht von der Grube trennen, trotzdem er beim Sprengen ein Auge eingebüßt hatte. Schließlich mußte aber auch er sich andere Arbeit suchen. Die leichteren Baulichkeiten wurden abgebrochen, die Einrichtungen und Maschinen überließ man ihrem Schicksal, das Loch zur Einfahrt wölbte man zu, und das Steigerhäuschen ließ man stehen.

So etwa hatte mir meine Mutter erzählt.

»Ob wir wohl in dem Steigerhäuschen wohnen?« fragte meine Tochter. »Wer weiß, die Zeit bringt manche Umwandlung,« sagte ich. Wir machten eine scharfe Wegbiegung und befanden uns vor einem stattlichen Neubau, über dessen Tür eine frische Guirlande und in großen Lettern »Hotel zum Romanus«, prangte.

Nach der freundlichen Begrüßung lud uns die Wirtin ein, uns doch in den Garten zu setzen, sie werde das Frühstück sofort bringen.

Mit herzlicher Teilnahme und Befriedigung ließ ich meine Blicke auf der hübschen Waldidylle ruhen.

»So hat mich mein Gedächtnis doch betrogen,« sagte ich zur Wirtin, »ich meinte, eine kahle Halde zu finden, und finde mich zu meiner Überraschung mitten im Walde.«

Die Wirtin sah mich sinnend an und sagte: »Das muß lange her sein! In den fünfziger Jahren mag es hier so gewesen sein.«

Ich nickte eifrig.

»Sehen Sie!« sagte sie lächelnd. »Nun,« fuhr sie fort, »dann kam der Kirbach und kaufte den Kram. Haben Sie ihn vielleicht noch gekannt?«[14]

»Ich entsinne mich seiner nur dunkel.«

»Das war ein kurioser Mann! Er hatte den Kopf immer voller Pläne. Mit wahrhaftem Kummer trug er daran, daß der einst berühmte Romanus dem gänzlichen Verfall und der Vergessenheit anheimfallen sollte. ›Er soll in Ehren bestehen bleiben! Kann er uns nichts mehr von seinem Innern geben, so wollen wir's mal mit seiner Außenseite versuchen‹, so sagte er. Wir lachten ihn aus. Wie kann wohl auf nackten Steinen etwas wachsen!? Er nahm den Tragkorb und schleppte gute Erde und Dünger heraus. Er schleppte unermüdlich, bis es genug war, und dann pflanzte er. Seine Sinne waren immer tätig, er hatte seine Augen überall. Zu all den hübschen Grotten, die Sie hier ringsherum sehen, hat er die Steine herbeigeschleppt, und dann hat er's auf seine Weise geordnet. Im Winter schnitzte er die Bergmänner, sehen Sie, dort stehen sie. Wo er einen hübschen Spruch fand, verwandte er ihn, er malte sie auf Steine, gab sie den Bergmännchen in die Hand. Er hat erreicht, was er erstrebt, alles wächst und gedeiht! Zum Andenken an den alten Kirbach haben wir auch das Steigerhaus stehen lassen. Wenn Sie da unten um die Ecke gehen, liegt es vor Ihnen. Es ist noch ganz so, wie's zur Zeit des Bergbaues war, unten ist der Betsaal, oben sind einige Kammern, jetzt schlafen unsere Mädchen da.«

Richtig, da stand das alte Haus! Ich hob mich auf die Zehen und blickte in den alten Betsaal. Ich ging um das Hans herum, und je länger ich es besah, desto vertrauter wurde es mir.

Vor dem Hause lag ein Gemüsegärtchen, eine Jasminlaube stand darin, ich setzte mich auf die Bank und betrachtete sinnend eine alte Frau, die vor uns in einem der Beete lag und jätete.[15]

Ich forschte in ihren Zügen. Sollte ich dieses faltige, pockennarbige Gesicht wohl früher gekannt haben?

Die Alte schob das bunte Kattuntuch nach hinten, so daß die Ohren frei wurden. Ein paar lange Ohrbummeln, mit bunten Steinchen ausgelegt, glitzerten in der Sonne. Aber diese Ohrbummeln kannte ich doch? Die gehörten doch der Christel, der Magd von der Madame Hänel! War das Christel?! Die Christel, die ich jung und rotbackig so gut gekannt hatte? Gewiß, das mußte stimmen. Die hatte Pockennarben. Mit der mußte ich mir doch einen Spaß machen!

»Christel!« sagte ich leise.

Die Alte hatte im Eifer der Arbeit nichts gehört, obgleich uns ab und zu ein halb neugieriger, halb gleichgültiger Blick traf.

»Christel,« sagte ich nun etwas lauter, »wollen Sie mich morgen besuchen, mit mir Kaffee trinken, und wollen wir mal wieder Kuchen zusammen essen, – wissen Sie, wie dazumal beim Menden-Jakob, als der seinen Geburtstag feierte?«

Eine jähe Röte fuhr über das Gesicht der Alten. Sie sah unsicher in die Laube und stotterte endlich: »Was!? Menden-Jakob? – Gott bewahre –! wer red't denn noch von dem verrückten Kerl? Der is doch lange tot!?«

»Ach ja,« sag' ich, »das weiß ich, aber ich erinnere mich seiner ganz deutlich. Morgen wollen wir mal über alte Zeiten plaudern, nicht wahr?«

Christel stand jetzt auf, schüttelte die Erde von ihrer grauen Sackschürze und trat mit einem Ausdruck von Furcht und Neugier in die Laube.

»Nu – aber – wem sein Sie denn?« fragte sie in echt siebelnschem Dialekt.[16]

»Nun raten Sie mal. Ich will den Hut absetzen. Nehmen Sie eine tüchtige Handvoll Jahre. Denken Sie an die Zeit, da der Menden-Jakob noch lebte. – – Wer war dabei, als er seinen Geburtstag feierte und die schönen Kuchen gebacken hatte, die Madame Hänel nicht essen wollte und sie unterm Tisch Ihnen und mir zusteckte?«

Ich machte Platz auf der Bank, aber die Alte sah mich mit offenem Munde an und rührte sich nicht. – »Sie sein – doch – nicht? Warten Sie mal, – die Kleene vom Forschthof?«

»Ja freilich, Christel, die bin ich.«

»Nu so was! Und das is Ihre Tochter? Und ich soll morgen zum Kaffee kommen? Hm, was wird denn de Frau Wirtin sagen?«

»Sie müssen mir morgen von allen erzählen. Ihre Madame?« –

»Die is lange tot, – sonst wär' ich ni hier. Sie wissen wohl gar ni, daß ich mei 50jähriges Jubiläum gefeiert hab'. Schade, daß Sie nich derbei waren. Da gab's ooch Kuchen, aber den steckte niemand erscht untern Tisch.«

»Und Huldinchen?«

»Ooch tot. Die finden Sie alle beieinander uf'm Gottesacker.«

»Wer hat denn den schönen Strauß, den damals das Huldinchen aus Dresden mitbrachte?«

»Das wissen Sie noch alles! Ach, den hab' ich, der steht bei mir im Glasschrank, noch fast ebenso schön, wie vor einigen vierzig Jahren. Ich hab' aber ooch immer e Stückchen Flor drüber. Ach, das war die scheenste Zeit meines Lebens, damals, wie die Madame Witwe war, und wie das Huldinchen noch jung und glücklich war. Na, Sie wissen's ja! 's war so hübsch still im Hause, und[17] ich galt ooch noch etwas. Nachher war's ni mehr hübsch, Unruhe und Sorge kam für uns alle, und nun sein se alle weg und haben mich alleene zurückgelassen.«

Ich drückte der guten Alten die Hand und ging nachdenklich auf mein Zimmer. Auf die Frage meiner Tochter, wer die Alte sei, erzählte ich ihr folgendes.

Quelle:
Bischoff, Charitas: Augenblicksbilder aus einem Jugendleben. Leipzig 1905, S. 12-18.
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