16. An der Alster 24 [134] a.

Als wir aus der Apotheke auf die Straße traten, waren bereits die Gaslaternen angezündet. Ein elegant gekleideter Herr begegnete uns und grüßte ehrerbietig. »Mutter,« sagte ich erstaunt, »hat er dich gegrüßt? Kennst du ihn denn? Wer ist es denn? Ist er Apotheker?«

Die Mutter lachte und sagte: »Er denkt nicht dran![134] – Willst du dich mal nicht umsehen! Das schickt sich nicht!«

»Aber sag mir doch, wer der seine Herr ist?«

»Ich weiß nur seinen Vornamen, und der kann dich wohl nicht interessieren!«

Ich wunderte mich nun erst recht und hätte gern noch mehr gefragt, wir traten aber aus der Straße heraus, und was ich da vor mir sah, ließ mich den geheimnisvollen Herrn mit seinem Vornamen vergessen. Vor uns lag eine breite Wasserfläche. »Sieh dich um,« sagte die Mutter, »wir sind hier auf dem Jungfernstieg, das Wasser vor dir ist die Alster. Die Brücke da hinten, mit der Windmühle darauf, das ist die Lombardsbrücke.«

Ich stand und staunte. – Die Gaslaternen, von denen die Alster eingefaßt ist, warfen einen märchenhaften Schein auf die breite, leicht bewegte Fläche. Gleich zitternden Feuersäulen wirst sich dieser Schein in bodenlose Tiefe. Wie ein Riesensaal erscheint mir der Raum da unten, wie ein Aufenthalt für spielende Nixen und bärtige Meergreise. Das Auge kann sich nicht losreißen. Wie gebannt weilt der Blick in der Tiefe. Wie das zieht und lockt! Wie geschäftig die Phantasie den Raum noch ausschmückt und mit stummen, seltenen Tieren bevölkert. Jungfernstieg und Alster scheinen alle Herrlichkeit der Welt zusammenzuhäufen. Diese Lichtfülle! Dieser Glanz und diese Pracht in den Läden! In kleinem, dichtgedrängtem Raume blühen mitten im Winter Blumen von märchenhafter Schönheit. Weiterhin blitzen funkelnde Juwelen, neben einem Laden mit Südfrüchten, deren Namen ich nicht kenne. Der Mutter macht mein Entzücken Spaß, aber sie mahnt endlich zum Weitergehen.

»Hier ist das Ferdinandstor,« erklärt sie, »wir müssen aufpassen, daß wir vor zehn Uhr zurückkommen, sonst[135] ist es geschlossen, und man muß einen Schilling bezahlen, wenn man wieder in die Stadt will.«

Ich lachte. Es war ja noch so zeitig, für uns war doch keine Gefahr, wir hatten nun doch auch alles gesehen. Hier draußen waren ja keine Läden mehr, nur links die zauberhaft schöne Alster, und rechts die ruhigen, vornehmen Häuser, die hinter sorgsam gepflegten Anlagen zurücktraten. Zielbewußt durchschritt jetzt die Mutter diese Anlagen und steuerte auf eins der Häuser zu. Vor erleuchteten Fenstern, die zum Teil unter uns lagen, gerade wie in Berlin, wo ich in meiner Angst angeklopft hatte, blieben wir stehen. Keine Gardine wehrte uns hier den Einblick, und die Mutter meinte, ich möge mir das Treiben da unten mal ansehen. Ich aber hatte meine Erfahrungen gemacht, ich zupfte die Mutter ängstlich am Rock und sagte: »Laß uns das ja nicht tun, wenn sie uns sehen, schicken sie zur Polizei, und stecken uns ins Loch!«

Die Mutter lachte und sagte: »Warum nicht gar! Was sind denn das für Räubergeschichten! Schau du nur da hinunter, ich geb' dir mein Wort, es geschieht dir nichts. Nur sei ein bißchen leise, sie brauchen uns ja nicht gerade zu sehen!«

Ich kauerte mich ganz dicht ans Fenster, die Mutter stand daneben und erklärte in lautem Flüsterton: »Das ist eine Hamburger Küche in einem vornehmen Hause. Der weiße Fußboden ist aus Marmorfliesen. Die leuchtenden, weißen Wände sind aus Kacheln hergestellt. Sieh das blitzende Kupfergeschirr! Die ältere der beiden weiblichen Gestalten ist die Köchin. Ja, hübsch ist die weiße Mütze mit den bunten Seidenbändern. Die andere im hellen Kattunkleid ist das Kleinmädchen.«

»Aber sie ist doch nicht klein,« flüsterte ich.

»Sie heißt wohl Kleinmädchen, weil sie so hunderterlei[136] verschiedene kleine Arbeiten im Hause verrichten muß,« antwortete die Mutter.

»Und der seine Herr vor dem großen silbernen Teebrett, der so schön die Fruchtschale schmückt?« fragte ich und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf einen schwarz gekleideten Herrn, dessen Gesicht vom Fenster abgekehrt war. Die Mutter gab mir einen Klaps und sagte: »Wer zeigt denn mit Fingern auf die Leute!«

Jetzt drehte sich der Herr um – und – – fast hätte ich laut aufgeschrien vor Überraschung. »Mutter!« sagte ich aufgeregt, »siehst du es? Da ist der hübsche Herr, der dich vorhin grüßte.« »Na,« sagte die Mutter, »dann hast du ja alles gesehen, nun komm nur, wir wollen weiter.«

Zu meinem Erstaunen erstieg die Mutter die Stufen, die zu dem Hause führten. Verwundert sah ich mich in der Halle um. Lebensgroße, weiße Figuren standen in Nischen und wurden von einer bunten Ampel magisch beleuchtet. An der großen Glastür klingelte die Mutter, und noch ehe ich alle Einzelheiten betrachtet hatte, stand der hübsche Herr aus der Küche, in Frack und weißer Halsbinde, vor uns, das silberne Teebrett mit der Fruchtschale balancierte er geschickt auf der einen Hand, während er uns mit der anderen die Tür öffnete.

Ich war ganz Ergebenheit und Ehrfurcht, und knixte und dienerte. Daß ein so vornehmer Herr das nicht beachtete, wunderte mich nicht.

»Die Herrschaften sind noch bei Tisch, aber ich bringe schon den Nachtisch heraus. Wollen Sie nur, bitte, so lange in der Bibliothek Platz nehmen!« Er öffnete eine Tür, wir traten in einen matt erleuchteten Raum, und der Herr verschwand. Die matte Beleuchtung dämpfte unwillkürlich unsere Stimmen. Wir setzten uns, und ich fragte beklommen: »Wo sind wir denn?«[137]

»An der Alster 24 a,« flüsterte die Mutter. Ich sah mich staunend um. Ein geräumiges, hohes Zimmer, in der Mitte ein großer, mit grünem Tuch bezogener Tisch, an der Wand rechts riesige Glasschränke, die bis an die Decke reichten, angefüllt mit Büchern. Vor uns am Fenster ein großer Globus, links mehrere Türen und an der Wand ein Ölgemälde. Aus breitem Goldrahmen schauten ernst aber gütig ein paar große, braune Augen auf uns, der Blick war so lebendig, daß ich fast verlegen wurde. Ich wollte gerade fragen, wer der Herr sei, als ich hörte, daß oben eine Tür geöffnet wurde. Dann vernahm ich heiteres Lachen und Plaudern. Die Tür wurde auseinandergeschoben, und im Rahmen derselben erschien ein bildschönes Paar. Da war ja auch unser bekannter Herr! – Er schraubte an der Lampe, und zu meinem Schreck war der Raum plötzlich taghell erleuchtet. Gut, daß ich so weit im Hintergrunde saß! Jetzt trat das Paar näher und sah sich suchend um. Die Mutter stand auf und begrüßte die beiden als: »Herr und Frau Doktor«. Ich hörte zu meinem Staunen, wie die Dame fragte: »Aber liebe Frau Dietrich, haben Sie denn noch immer keine Nachricht von Ihrer Tochter?«

»Sie ist hier, Frau Doktor. Kind komm her,« sagte sie zu mir, »und sag Herrn und Frau Doktor guten Tag!«

Ach, ich sollte herzu, und ich hätte mich am liebsten hinter der Mutter versteckt. In Reichtum, Schönheit und Jugend erstrahlte das Paar, das da vor mir stand. Geblendet, im Gefühl gänzlicher Nichtigkeit stand ich vor den beiden. Freundlich reichten sie mir die Hand, und die Dame fragte nach meinem Namen.

»Das ist ein schöner Name!« sagte sie gütig, »jetzt setz dich mal ein Weilchen in dieses Zimmer.«

Sie deutete nach dem angrenzenden Raum, ich zögerte,[138] – ohne die Mutter? Da war ich doch sehr unsicher. Die Mutter nickte mir schweigend zu, daß ich gehorchen sollte, sie sandte mir noch einen langen, ernsten Blick nach.

Kaum hatte ich das bezeichnete Zimmer betreten, als hinter mir die breite Tür mit einem eigentümlichen Geräusch zusammenrollte. Ich befand mich in einem nicht großen, aber sehr prächtigen Raume, wo es hell und warm war. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Ich schaute und staunte. Ein warmes sattes Blau umgab mich. Blau war die dicke Decke, auf der ich stand, blau waren alle Möbel und die schweren Vorhänge an der Tür neben mir. Ein Fenster war hier nicht, statt dessen führte eine breite, offene Glastür in einen märchenhaften kleinen Palmengarten. Seltene Schlingpflanzen bezogen die Glaswände, unter den Palmen grünten anmutige Farrenkräuter. Eine bunte Laterne verlieh den herrlichen Gewächsen einen zauberhaften Schein. In einem goldglänzenden Käfig schaukelte sich ein ausländischer Vogel. An den Wänden in der Stube hingen große Bilder, deren Sinn ich mir nicht deuten konnte. Ich hatte reichlich Zeit, mir das alles in Ruhe zu betrachten. Endlich wieder der rollende Laut hinter mir, – Herr und Frau Doktor traten ein und schlossen die Tür hinter sich. Warum ließen sie denn die Mutter nicht mit herein? Meine Blicke hafteten fragend an der Tür. Oder durfte ich jetzt zu ihr hinein?

»Du stehst noch?« sagte Frau Doktor, »nimm dir einen Stuhl und setze dich an den Tisch!«

Ich tat, was mir geheißen war. Beide fragten mich nach meiner Reise. Nur unsicher und stockend antwortete ich. Diese Kluft zwischen uns in jeder Beziehung! Und nicht die Mutter neben mir, um diesen Abstand zu vermitteln![139]

»Siehst du den weißen Knopf an der Wand? Zieh ihn heraus!« sagte Frau Doktor.

Kaum saß ich wieder, so erschien der Herr im Frack und der weißen Krawatte.

»Bitte, Johann,« sagte die Dame, »bringen Sie dem Kinde ein gestrichenes Rundstück und eine Tasse Tee.«

Ja, war ich denn krank? »Ich bin nicht krank,« sagte ich in bezug auf den Tee.

Alle drei lachten, selbst der Herr Johann. Jetzt wußte ich also seinen Vornamen! Als ich fertig war mit Essen und Trinken, erhob ich mich und sagte voller Unruhe: »Ich darf nun wohl zu meiner Mutter, sie wird warten.«

»Deine Mutter ist nicht mehr hier.«

Die Mutter nicht mehr hier? Wo war sie denn? Weshalb war sie allein gegangen? Meine Blicke waren unentschlossen auf die Tür gerichtet, hinter der ich bis dahin die Mutter vermutet hatte.

»Ja, was nun?« sagte Frau Doktor lächelnd.

»Ich muß fragen,« sagte ich beklommen, »aber vielleicht ist das Ferdinandstor geschlossen, dann muß ich einen Schilling bezahlen, und ich habe kein Geld mehr.«

»Dann mußt du wohl lieber bei uns bleiben. Komm!«

Nein, wie konnte ich wohl! – Frau Doktor trat mit mir auf die Vordiele und rief: »Fräulein Elise!« – Ein Fräulein erschien, und Frau Doktor sagte: »Bitte, liebes Fräulein, bringen Sie dieses Kind zu Bett!«

Sprachlos stand ich am Fuß der Treppe. Frau Doktor war ins blaue Zimmer zurückgekehrt, und die junge Da me wartete, daß ich ihr die Treppe hinauf folgen sollte.

»Ich kann doch nicht hier bleiben,« sagte ich, »meine Mutter und Madame Piepenbrink warten auf mich!«[140]

»Komm nur, die warten nicht. Deine Mutter weiß, daß du hier bleibst. Dein Bett ist zurecht.«

»Aber – wo bin ich denn hier?«

»An der Alster 24 a!« sagte das Fräulein lächelnd.

Wie im Traum stieg ich die mit Teppichen belegten Treppen hinauf, – drei zählte ich. In einem einfachen Zimmer, das mir aber sehr schön erschien, stand ein weiß bezogenes Bett und ein kleines Sofa mit einem Tisch davor, darauf stellte das Fräulein ihr Licht, gab mir freundlich die Hand und verließ mich.

Sobald Fräulein Elise hinaus war, löschte ich das Licht. Es war doch schade um die schöne Kerze, und ich war gewohnt, im Dunkeln zu Bett zu gehen. Sinnend setzte ich mich noch ein Weilchen aufs Fensterbrett. Da, tief unter mir liegt eine neue, unbekannte Welt, da liegt die breite, schöne Wasserfläche. Über mir aber wölbt sich derselbe Himmel, blinken dieselben Sterne, wie über der sächsischen Heimat, wenn auch der Nebel sie verhüllt. Über Bekanntem und Unbekanntem regiert derselbe Gott, dessen treue Vatergüte des einsamen Kindes nicht vergessen hat. »Ich will dich nicht verlassen noch versäumen,« die Zuverlässigkeit dieser Verheißung hat er bewiesen. Er hat mich aus dem stillen Dörfchen sicher in die große Weltstadt geleitet, – sollte Er nicht weiter helfen?

Im Bett führen Müdigkeit und Aufregung noch einen harten Kampf miteinander. So viele Rätsel drängen nach Lösung. Noch nach dem Abendgebet wogen die verschiedensten Bilder kaleidoskopartig an der Seele vorüber. Schon halb im Traum sehe ich mich in einer qualmigen Stube auf der Ofenbank sitzen. Aber das ist doch schon lange, lange her! Laß sehen! – Gestern abend erst? – Und dann heute die gute, gute Madame Piepenbrink! »En söte Deern, wenn se bi mi bliwt, schall se[141] dat beten Kram kregen!« Ob es wohl noch einmal wieder so schön wird, wie heute mittag? Das Herz so leicht – und so viel Liebe – auf plattdeutsch und auf hochdeutsch! Das kommt wohl nicht wieder, – etwas so ganz, ganz Schönes, das dauert immer nur sehr kurze Zeit, dafür habe ich längst die Erfahrung! Oder – sollte – morgen? Sobald wie möglich will ich morgen zur Mutter! Ach, und so viel schöne Sachen habe ich bekommen! Mutter, – du wolltest mir an diesem ersten Tag in Hamburg keinen Kummer machen, – aber – aber – du hast mir nicht einmal gute Nacht gesagt! Gute Nacht, liebe, liebe Mutter! –

Quelle:
Bischoff, Charitas: Augenblicksbilder aus einem Jugendleben. Leipzig 1905, S. 134-142.
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