17. Zwei verschiedene Kinder.

[142] Ein lang gezogener, schriller Pfiff weckt mich. Der Morgen dämmert, erschrocken fahre ich in die Höhe. – Ach, ich habe sicher die Zeit verschlafen, das kommt von den verworrenen Träumen! Auf dem Huthause muß das Glöckchen schon lange zur Schicht gerufen haben. – Aber, – wo bin ich denn? –! Ja so! Schnell das kurze, rot und gelb gestreifte Flanellröckchen über. Ich sehe mich prüfend und ratlos um. Nichts anderes habe ich bei mir, als meine besten Sachen. Es wäre doch Übermut, gleich in aller Frühe, an einem gewöhnlichen Werktag, die weißen Strümpfe und das Konfirmationskleid anzuziehen. Erst arbeiten! Aber was? Ich schaue prüfend auf die Diele, sie erstrahlt in bräunlich mattem Glanze, und es steigen Zweifel in mir auf, ob die mit dem Strohwisch und Sand bearbeitet werden darf, sie hat auch keine Bearbeitung nötig, denn kein Stäubchen[142] ist zu entdecken. Ich mache mein Bett und sehe mir mit scheuer Bewunderung den eleganten Tisch mit der Marmorplatte und dem schönen Porzellangeschirr an. Damasttücher liegen dabei, die glänzen wie Seide. Ansehen darf ich wohl alles, – nur nichts anfassen! Hier ist der weiße Kachelofen, ich öffne die Ofentür, da hat Feuer gebrannt, da liegen Schlacken, da ist Asche, – damit weiß ich umzugehen. Ich ziehe die Schieblade heraus und packe sie mit beiden Händen hübsch voll. Das krause Haar fällt mir im Eifer der Arbeit ins Gesicht, ich streiche es mit den schwarzen Kohlenhänden zurück. Nun aber, – wohin mit der Asche?! Ich öffne mit unsicherer Hand die Tür, das Treppenhaus ist noch ganz dunkel, – gut, daß Zündhölzer und Licht da sind. Ich nehme Licht und Asche und begebe mich auf Entdeckungsreisen. Hinunter, – immer hinunter, bis dahin, wo die weißschimmernde Küche ist. Hier unten war doch gestern abend so viel Leben und Bewegung, da muß doch die Köchin sein, und die wird auch Arbeit für mich haben. Ach, aber alles ist so fremd, so dunkel und still. Eine Angst überkommt mich, als ich die leere Küche betrete. Im unsicheren Morgengrauen hat der Raum ein ganz anderes Aussehen. In einem der dunklen Gänge wird vorsichtig eine Tür geöffnet, die alte Köchin kommt, aber ohne die weiße Mütze mit den bunten Seidenbändern. Ich halte ihr höflich bittend den Aschkasten entgegen, aber wie erschrecke ich, als sie entsetzt die Hände zusammenschlägt und scheltend ruft: »Na, – nun habe ich doch in meinem ganzen Leben nie dergleichen gesehen! Bist du ganz verrückt? – ! – Fast nur das Hemdchen hast du an! – Barfuß läufst du auf den Marmorfliesen herum! Den Tod wirst da dir holen! – Und wie du aussiehst! Alle Asche hast du dir ins Gesicht geschmiert! Was willst du? – Wo du dich[143] waschen sollst? Kannst du den Waschtisch und die Handtücher etwa nicht sehen? – Helfen willst du? Ach du meine Güte! – Kannst ja mit dir selber nicht fertig werden. – Die Schieblade willst du wieder mit haben? Darauf warte nur nicht, – mach schnell, daß du wieder hinauf kommst, nimm dich aber in acht, daß dir nicht etwa Johann begegnet, – das wäre eine schöne Geschichte!«

Aufgeregt, klopfenden Herzens husche ich ängstlich die Treppen hinauf. Als ich den zweiten Absatz erreiche, höre ich zitternd, wie leise eine Tür geöffnet wird, und o Schrecken! vor mir steht eine Gestalt in schneeweißem, langem Gewande. Sprachlos starre ich die Erscheinung an, das Licht zittert in meiner Hand, Gespenster gehören etwa in die Voitgsberger Gruben, so fährt es mir blitzschnell durch den Kopf. Aber dieses Gespenst hat eine Stimme, es nennt mich bei Namen! Ein Paar große, gute Augen gleiten staunend über meine dürftig bekleidete Gestalt, und die Stimme sagt ernst:

»Aber Charitas! – Wie siehst du denn aus? – Du hast ja fast nichts an. Geh sofort auf dein Zimmer, und kleide dich ganz sorgfältig an, in einer halben Stunde komme ich zu dir.«

In meiner ersten Angst hatte ich nicht erkannt, daß es das Gesicht von Fräulein Elise war, das da aus der langen, weißen Gewandung mit demselben maßlosen Staunen meine dürftig bekleidete Gestalt überflog, wie ich die ihre.

Mit welch anderen Augen hätte ich sie angeschaut, wenn damals der Schleier für die Zukunft ein wenig gelüstet worden wäre! Dann hätte ich gewußt, daß sie kein schreckbares Gespenst, sondern der gute Geist eines jeden war, der mit ihr in Berührung kam. Je länger, desto gewisser lernte ich ihr segensreiches, stilles Wirken[144] hochschätzen, sie gehörte in die Klasse der »verborgen Blühenden«. – Das wußte ich aber an jenem Morgen nicht, ich konnte wohl einer Pflanze nach Linné ihren richtigen Klassenplatz anweisen, aber Menschen? Dazu bedarf es langer Lebenserfahrung!

Jetzt mußte ich gehorchen und trotz des Werktages schon in aller Frühe meinen besten Staat anziehen. Bis Fräulein Elise mit dem Frühstück kommt, setze ich mich ans Fenster und schaue mir die Alster bei Tagesgrauen an. Schwäne gleiten stolz über die mattglänzende, bleigraue Fläche. Unter mir rollen Wagen vorüber, Leute, von dieser Höhe aus anzusehen wie Puppen, haften in fliegender Eile in buntem Wechsel daher. Hier oben fühle ich mich allem entrückt, was wirklich ist. Fremd, – fern –, wie ein märchenhafter Traum ziehen die neuen Eindrücke an der Seele vorüber. Kaffee und Butterbrot, aufgedeckt durch Fräulein Elise, sind Wirklichkeiten, die mich wieder zum Bewußtsein meiner selbst bringen, ich fühle, ich habe auf mich zu achten, ich werde ängstlich und befangen.

Nach dem Kaffee gehen wir eine Treppe tiefer in ein helles, großes Zimmer. »Dies ist das Zimmer von Hans, setze dich hierher, Hans wird bald selbst kommen.« Ich schaue mich verwundert um, – wer mochte »Hans« sein? Wahrscheinlich ein gelehrter junger Herr, ein Student vielleicht, denn an der Decke war ein gewaltiger Sternenhimmel, und an den Wänden hingen Landkarten und Papptafeln aller Art, die bildlich die verschiedenen Teile des menschlichen Körpers darstellten. Da war das Herz, der Blutumlauf, Lunge, Leber und dergleichen mehr. Er wird wohl Arzt sein, dachte ich bei mir selbst und schaute mit einer Art Grauen auf die deutlichen Darstellungen. Da öffnet sich die Tür, Frau Doktor – ach wie war sie doch jung, schön und[145] vornehm, – tritt herein, sie führt an der Hand einen siebenjährigen hübschen Knaben. – War das etwa Hans? Hans, dem dieses gelehrt aussehende Zimmer gehörte? Richtig! Frau Doktor reicht mir freundlich die Hand, während ihr prüfender Blick meine Gestalt überfliegt.

»Hans,« sagt sie, »dies ist Charitas. Zeig ihr mal deine Sachen, und nachher gib ihr eins deiner Hefte und eine Feder; wenn Herr Krus kommt, mag sie unter seiner Aufsicht schreiben. Ich erwarte, daß du dich durch Charitas nicht beim Unterricht stören läßt.«

Ich faßte mir ein Herz und fragte, ob ich nun nicht zur Mutter dürfe. Frau Doktor sagte: »Ich fürchte, die wirst du kaum zu Hause treffen; wenn sie Zeit hat, wird sie dich wohl besuchen.«

Als Frau Doktor gegangen war, schloß Hans seine Schränke auf. – Wie ich staunte! Wie war es nur möglich, daß ein Kind so viele und so schöne Bücher hatte. Alle waren sie so schön gebunden und so gut erhalten, – ach und Bilder waren darin! Wie mußte es köstlich sein, darin nach Herzenslust lesen zu dürfen! Ich vertiefte mich sofort in eins der Bücher, Hans lachte, nahm es mir aus der Hand und sagte: »Gib her! Das muß alles wieder hübsch in Reih und Glied. Es ist häßlich, wenn eine Lücke entsteht. – Hast du auch viele Bücher?«

»Mein Vater hat einen ganzen Schrank voll, aber darin kann ich nicht lesen, es sind meist botanische Werke.«

»So, – aber du selbst, – hast du viele Bücher?« »Ich? – Ach nein! Ich habe drei Bücher, die Bibel, das Gesangbuch und ein Buch, da sind lauter Gedichte über Joseph drin.« Hans schüttelte den Kopf und fragte: »Joseph? Was für ein Joseph denn?« »Ach, du kennst doch die Geschichte von Joseph, weißt du, der[146] von seinen Brüdern in die Grube geworfen wurde und der nachher ein so großer und angesehener Mann wurde!«

Hans schüttelte den Kopf und fragte: »Sind Bilder drin?«

»Nur eins, wie Joseph dem Pharao die Träume deutet.«

»Zeige es mir doch!«

»Es ist bei Madame Piepenbrink. Wenn du mal mit dahin gehst, will ich es dir gern zeigen, aber das Buch selbst ist lose im Einband, es ist auch sehr fleckig und schmutzig.« »Pfui,« sagte Hans, »wie magst du so ein Buch haben! Papa und Mama würden sehr böse, wenn ich meine Bücher fleckig und kaput machte.«

Ich seufzte und sah mich im Geiste bei Schnee und Regen auf dem Wege zwischen Voigtsberg und Siebenlehn. Da bei den jungen Kirschbäumchen, oben am Berge, da hatte ich immer Rast gehalten, und da hatte ich meine verschmachtende Seele gestärkt mit dem Inhalt dieses Buches. »Ich hab' gern täglich etwas daraus auswendig gelernt,« sagte ich sinnend.

»Wer gab es dir auf, und wer überhörte dich?«

»Ich gab es mir selbst auf, und niemand überhörte mich, niemand wußte davon, es war meine tägliche, heimliche Freude.«

»Papa und Mama sagen, man darf keine Heimlichkeiten haben.«

Hans sieht mich mißtrauisch, mißbilligend an. Unwillkürlich schweifen meine Blicke durch den schönen Raum. Wie klar, wie geordnet ist hier alles, wie kampflos ist das Leben dieses schönen Kindes! Er hat wohl nur Freude, genießt nur Liebe und treue Fürsorge. Für ihn ist's wohl keine Kunst, alles fleckenlos zu erhalten. Wir schauen einander sinnend an, da sagt[147] er: »Erzähl mir doch etwas aus deinem Buch, oder kannst du das nicht, weil du es nicht bei dir hast?«

»Freilich!« sage ich, lebhaft erfreut, daß ich von dem sprechen darf, was mir in meiner Verlassenheit Trost und Halt gewesen ist, das meiner Seele Schwingen verliehen hat, das mich hinweg trug aus meinem elenden Leben, hin in sonnige Gefilde, zurück in längst entschwundene Zeiten.

»Soll ich dir die Vorrede erzählen? Hör nur mal, ich meine immer, die müsse ich selbst geschrieben haben, o, ich mag sie so gern!«

»Lernt man denn auch die Vorrede? Da muß ich doch Herrn Krus mal fragen, ich lese sie nicht einmal.«

»O hör nur! Wird dir denn nicht so, als ob du alles vor dir sähest, als ob du die Freundin, an die sie gerichtet ist, kennen müßtest: An Philippine! Gewiß erinnerst du, liebes Herz, dich noch ebenso gern wie ich, der fröhlichen Kinderzeit, da wir zusammentrafen in dem schiefergedeckten Schulhause am kleinen Hügel. Es war ein freundlicher Punkt in unserem schönen Tal, grüne Rasen und duftender Thymian deckten seinen sanften Rücken – – –.«

»Ach,« rief Hans lebhaft, »hör doch nur auf, steht nicht anderes in dem Buch, dann will ich nichts weiter hören, davon krieg ich Leibweh! Da mag ich das, was ich lerne, tausendmal lieber,« und er schmetterte mit lauter Stimme:

»Es blasen die Trompeten, Husaren heraus! Es reitet der Feldmarschall in fliegendem Saus! Kannst du eigentlich weben?« unterbrach er seinen Gesang.

»Weben?« sage ich erstaunt, »nein, weben kann ich nicht.«

»Aber ich,« sagt Hans und setzt sich tatsächlich an einen allerliebsten, kleinen Webstuhl, wirst das Schiffchen[148] gewandt von einer Seite zur anderen und hat schon ein großes Stück von einem breiten, bunten Bande. »Den hat mein Papa selbst für Kinder erfunden,« sagt er stolz, »oben,« so fährt er fort, »habe ich auch eine Hobelbank, und ich kann auch pappen!«

Alles kann der kleine Hans! und er ist sieben Jahr! Nichts kann ich, und ich bin vierzehn.

Aber da kommt Herr Krus, und die Stunde beginnt. Ich soll ja mit schreiben. Hans ist durchaus korrekt, er sitzt so gerade, hält seine Feder tadellos, und die Buchstaben gestalten sich unter seinen Händen sauber und regelmäßig. Und die meinen? – Ach! –

Mein Gesicht glüht vor Scham, ich erwarte heftige Schelte. Jämmerlich purzelt ein Buchstabe über den andern, und wie mißgestaltet sind sie alle – dick und plump, – schief und krumm – stolpern sie unsicher auf der blauen Linie einher. Ich mag das Zeug nicht sehen, lege die Feder hin, verberge den Kopf in die Hände und fange an zu schluchzen. Dann ist mir, als müßte ich sie aufrichten, und ich fahre mit den nassen Händen über die noch feuchten Buchstaben. So! Nun wird's erst hübsch! – Herr Krus bleibt ganz ruhig und sagt trocken: »Das mußt du lieber lassen, denn wenn Frau Doktor nachher das Heft sieht, so wird es ihr wohl nicht gefallen!«

Frau Doktor sollte das Heft sehen? –! – »Reg dich deshalb nicht auf,« sagt Herr Krus, »deine Hände sind geschwollen und kaput, wenn die in Ordnung sind, wird's wohl besser.« Neue Rätsel! Würde ich denn weiter Schreibübungen machen dürfen?

Dann geht's zu Tisch. Frau Doktor, Fräulein Elise, Hans und ich. Johann bedient. – Es macht mir einige Mühe, die schweren silbernen Gabeln zu regieren.[149]

Später frage ich Hans, weshalb sein Papa nicht mit ißt?

»Papa und Mama essen um 7 Uhr zu Mittag. Dies ist Mamas zweites Frühstück.« Fürwahr, Hamburg ist eine wunderliche Welt.

Am Nachmittag holt mich Fräulein Elise ins Ankleidezimmer von Frau Doktor. Hier liegen allerhand Kleidungsstücke, die mir anprobiert werden. Passen tut nichts, und als ich mit dem langen Mantel und dem flotten Hütchen in den Spiegel sehe, schaut mir da eine ganz fremde Person entgegen, die aber meine Züge trägt. In Voigtsberg zog man mir alles aus, und hier werde ich wieder ausgetauscht! Die Sache war aber diesmal spaßig, und wir lachten alle drei. Frau Doktor ging an die Wand, öffnete eine kleine Porzellanplatte und rief hinein: »Bitte, Johann, einen Wagen!«

Ich fand alles so wunderbar und staunenswert, daß ich erwartungsvoll auf das kleine Loch in der Wand schaute. Würde der Herr Johann wohl in ganzer Lebensgröße da heraus spazieren? Es geschahen in diesem Hause ja so wunderbare Dinge, daß ich auf alles gefaßt war! Das geschah nicht, wohl aber rollte unten eine Kutsche vors Haus.

»Komm!« sagte Frau Doktor. Das sagte sie so gleichmütig, als sei gar nichts besonderes dabei, und doch empfand ich es als ein bedeutsames Ereignis. In Voigtsberg war ich ja freilich täglich ausgefahren, aber ein bißchen anders herum. Während der Fahrt mußte ich an die ganze zauberhafte Art denken, in der alles in diesem Hause geschah. Man sagte: »Bitte!« und die gewünschte Sache war ohne Mühe und Anstrengung da! Wenn ich mich nun auch dieses Zauberwörtchens bedienen wollte? Ob es, aus meinem Munde hervorgegangen, wohl dieselbe Wirkung haben würde? Was würde ich[150] mir wünschen? Ach, Liebe! viele Liebe! – Aber ich hatte sie ja, die Liebe. Die Mutter war doch in Hamburg. Ich würde wieder zu ihr kommen, und sie liebte mich!

Nun hielt der Wagen. Frau Doktor zeigte auf eine kolossale, dunkle Masse und sagte: »Sieh, da wird eine wunderschöne Kirche gebaut, wenn sie fertig ist, wird sie eine der schönsten Kirchen in ganz Deutschland sein.« Es war die Nikolaikirche.

Wir stiegen eine Treppe hinaus. Frau Doktor sagte: »Nun hör gut zu, ich frage dich nachher, und werde sehen, ob du gut aufgepaßt hast!«

Was nun wohl vor sich ging?

Wir traten in einen erleuchteten Saal, wo an einem langen Tische viele erwachsene junge Mädchen saßen. Alle erhoben sich bei unserem Eintritt und begrüßten Frau Doktor mit größter Ehrerbietung. Ich durfte mich dicht zu ihr setzen. Mir gegenüber, an der Wand, stand eine Büste, sie stellte einen alten Mann dar, sein Haar war lang und in der Mitte gescheitelt. Unter der Büste las ich die Worte:

»Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!« Wie wunderbar war es hier! Die vielen fremden Gesichter, deren aller Blicke mit gespanntester Aufmerksamkeit an Frau Doktors Lippen hingen. Und das war das, was ich am besten verstehen konnte. Auch meine ganze Seele war völlig in ihrem Bann! Wie schön sie war! Das schwarze Tuchkleid saß ihr wie angegossen, es hob ihre frischen Farben und fügte ihrer Beweglichkeit eine Würde, eine Hoheit bei, die sie mir von einer ganz neuen Seite zeigten. So ganz einverstanden war ich nun freilich doch nicht mit ihr. Sie hatte kein Gold und keine blitzenden Diamanten an sich, und die gehörten doch notwendig zu ihr. Für wen waren denn[151] alle die Juwelen und die bunten Sammet- und Seidenstoffe am Jungfernstieg, wenn nicht für sie? Im Geiste kleidete ich sie an. Ob ihr roter oder blauer Sammet wohl am besten stand? In das dunkle Haar gehörte ein Diadem von Brillanten, so hatte ich es gelesen, wenn es sich um den Anzug von Fürstinnen handelte. Und an diesen schlanken, weißen Fingern war nur der schlichte Goldreif zu sehen, da mußten ja noch blitzende Ringe daran. Grade als ich am besten Herausputzen war, traf mich ein langer Blick der braunen Augen. Ich schrak heftig zusammen. Ich sollte doch aufpassen. Wenn sie meine Gedanken hätte lesen können! – Sie sprach so klares, schönes Deutsch, und doch verstand ich nichts von dem, was sie da sagte.

»Haben Sie Ihre Faltschulen mit? fragte sie jetzt grade. Ich sah mich unwillkürlich hastig um, denn nun war doch sicher wieder etwas ganz Wunderbares in Sicht. Unter einer »Schule« konnte ich mir nur viele Kinder vorstellen, und so schaute ich jetzt mit Spannung nach der Tür, durch welche sie alle kommen mußten. Aber nichts dergleichen! Die jungen Mädchen öffneten große Mappen, die sie vor sich hinlegten.

»Fräulein Lühring, können Sie mir die drei Punkte wiederholen, die ich Ihnen das letztemal über das Falten gesagt habe?«

Mein äußeres Ohr hörte die Worte, aber ich konnte durchaus keinen Sinn damit verbinden. Frau Doktor stand auf und sah sich die Mappen an. Ich schaute in die Mappe meiner Nachbarin, konnte aber aus den viereckigen, weißen Papierdingern, die auf blaues, steifes Papier geklebt waren, nicht klug werden. »Aber,« hörte ich jetzt Frau Doktor sagen, »soll das vielleicht eine Schönheitsform sein? Durchaus nicht sauber und akkurat gearbeitet! – Sehen Sie,« sagte sie zu einer[152] anderen, »es fehlt wieder an der guten Grundform! Merken Sie sich doch endlich, das findet auch auf die Erziehung im allgemeinen seine Anwendung: wenn Sie nicht schon bei den frühesten Anfängen einen guten Grund legen, so werden Sie mit ihren Zöglingen nichts erreichen!« Sie bog korrigierend an verschiedenen Blättchen herum, dann wurden die Mappen geschlossen, und Frau Doktor sprach nun in zusammenhängender Rede sehr eindringlich auf die jungen Mädchen ein.

Gewisse Ausdrücke kehrten im Lauf der Rede wie der. Ich merkte, daß darauf besonderes Gewicht gelegt wurde. Ab und zu kam auch ein Schimmer des Verständnisses, während meine Gedanken aber dabei verweilten, ging Frau Doktor schon wieder zu anderen Fragen über, die mich gänzlich verwirrten. »Schon von seinem ersten Erscheinen an muß das Kind erzogen werden. Das Haupterziehungsmittel ist die Liebe. Die Erziehung muß lückenlos vorwärts schreiten. Nur ja keine unvermittelten Sprünge! Stets bei der Erziehung die Vermittelung der Gegensätze im Auge behalten! Jeder denke bei sich selbst nach, ob nicht die Liebe das treibende Element zu allem Guten gewesen sei?« – Ja, das verstand ich. Aber: »die Vermittelung der Gegensätze« machte mir viel zu schaffen! Ich wußte gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich hatte das vernichtende Gefühl großer Unwissenheit.

»Nun?« sagte Frau Doktor, als wir wieder im Wagen saßen, »hast du wohl etwas behalten von dem, was du gehört hast?«

»Vermittelung – der – Gegensätze!« stotterte ich verlegen. Frau Doktor sah mich lange sinnend an, dann sagte sie:

»Weißt du wohl, wessen Büste es war, die du da sahest?« Ich verneinte.[153]

»Die Büste stellt Fröbel dar. Er war der Begründer von Kindergärten. Weißt du was ein Kindergarten ist?«

»Ein Garten, worin Kinder sind.«

»Ganz so ist es nicht. Du sollst in nächster Zeit einen sehen, und dann magst du dir einmal überlegen, ob du wohl so eine werden möchtest, die Kinder erzieht.«

Ehe ich antworten konnte, hielt der Wagen, Johann öffnete den Schlag und sprach zu Frau Doktor, darauf wandte sie sich zu mir und sagte:

»Nun lauf aber schnell mal auf dein Zimmer, es ist Besuch für dich da!«

Das verstand ich, das konnte nur die Mutter sein! Nun ade, Fröbel – Grundformen, Schönheitsformen und Vermittelungen der Gegensätze! Nun mußten sich viele Rätsel lösen! Atemlos kam ich oben an.

Quelle:
Bischoff, Charitas: Augenblicksbilder aus einem Jugendleben. Leipzig 1905, S. 142-154.
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