Leuben

[104] Wie oft bin ich auch ganz allein in weitem Umkreise herumgewandert, um irgendeine Pflanze, die nicht bei uns vorkam, aufzusuchen. Die Wanderung war zuweilen so weit, daß ich unterwegs übernachten mußte. Der Vater gab mir für den Fall ein paar Groschen und einen Brief an einen Lehrer oder Pastor mit, der früher sein Schüler gewesen war. Der Vater bat, daß man mich aufnähme und mir die Stellen zeige, wo die Pflanze wuchs. Hatte ich die Tour erst einmal überstanden, so wiederholte ich sie im nächsten Jahr und wurde immer mit Güte und Freundlichkeit aufgenommen. Wie oft bin ich in Heynitz bei Meißen im Schulhaus und im Pastorat gewesen. Im Heynitzer Pastorat gefiel es mir so gut, daß ich auch im Winter dahin ging.

Ganz besonders gern ging ich aber in die Lommatzscher Gegend, nach Leuben zu Kantor Märkels. Als ich zuerst allein dahin ging, gab mir der Vater einen Zettel mit, darauf standen die Dörfer, durch die ich kam. Durch das stundenlange Alleinsein gewöhnte ich mir das Sprechen mit mir selbst an. Ich führte lange Reden und Gegenreden und verkürzte mir auf die Weise die Einsamkeit. Wenn ich aber auf dem Wege mit einem Menschen zusammentraf, so freute ich mich, zog er einen Wagen, so schob ich von hinten und hatte großen Spaß, wenn der am Wagen sich erstaunt umsah, woher ihm plötzlich die Hilfe kam. Es kamen aber auch hochgeschürzte Mägde, die aufs Feld wollten und schwer an Korb und Krug trugen, denen konnte ich die freie Hand zur Dienstleistung bieten. Zum Dank für meine Hilfe[104] ließen sie mich mal aus dem Erntekrug trinken. Auf der Hälfte des Weges führte mich mein Weg an stattlichen Bauerngütern vorüber. Hier gönnte ich mir eine Ruhepause. Von früheren Wanderungen her war ich den Leuten schon bekannt. »Nu so was!« rief die Bauerfrau erstaunt, »da is ja das kleene Kreitermädel aus Siebeln! Kinder kommt, hier is Gesellschaft für eich! Seht nur emal, die sucht egal Tee. Und so weit muß se d'rnach loofen! Wächst denn das Kreit'ch ni bei eich?« Die Kinder musterten mich zuerst staunend und neugierig. Ganz sachte kamen sie näher und befühlten vorsichtig die Kapsel, sie versuchten, sie zu öffnen, sie faßten das Netz an und fragten schüchtern, wozu ich das alles brauche.

»Ach ja!« sagte die Frau mitleidig, »die hat's ni so gut wie ihr! Die muß egal weit im Lande rumziehen und muß Kreiter und gift'ges Getier suchen. Denkt eich nur emal, ihr Vater, das is e Zauberer, der kocht Tränkchen, dadrmit koriert er die Leite. Ach, was der alles kann un weeß! Alle die Zauberspriche, die kee Mensch verschteht. Na, da bleib nor e Weilchen, m'r essen glei, da ißt de en Löffel Semmelmilch mit.«

Und ich ging mit in die Gesindestube, aß mit einem rundgeformten Blechlöffel mit Herrschaft und Gesinde aus der gemeinschaftlichen irdenen Schüssel, nachdem die Großmagd das Tischgebet gesprochen hatte.

Inzwischen hatten die Kinder ihre Blödigkeit überwunden und führten mich nach dem Essen in Haus und Garten umher.

Beim Beerenessen kam nach kurzer Mittagsruhe auch der Bauer und die Bäuerin hinzu, und nun hatte[105] ich ein Kreuzfeuer von Fragen zu bestehen. Von dem Tun meiner Eltern hatten sie die abenteuerlichsten Vorstellungen. Wenn ich sie berichtigen wollte, taten sie sehr überlegen und sagten, ich brauche mir weiter keine Mühe zu geben, sie wüßten es besser. Den Kindern machte es Spaß, mir Stuben und Kammern und vieles von ihren Vorräten zu zeigen. Bergehoch waren hier die Betten aufgetürmt. In bunten, großen Truhen mit verschlungenen Herzen waren Stoffe und Wäsche aufgespeichert, und mir schien, hier müßten die Bauern wohnen, von denen der Vers erzählte, den die Hirten im Herbst sangen, wenn sie das Vieh heimtrieben:


»Horei! Horei!

Treib ei, treib ei!

In das große Tor hinein,

Wo die reichen Bauern sitzen,

Mit den großen Zippelmützen,

Die den Quark mit Löffeln essen,

Und das Geld mit Scheffeln messen.«


Zum Abschied pflückten mir die Kinder ein Krauseminzsträußchen und vertrauten mir mit wichtiger Miene: »Wenn mer groß sein, gehn mer ooch fort, da kommen mer na Meißen uf de Benehme!«

In Leuben kam ich an, als die Kinder den Schlußvers sangen:


»Unsern Ausgang segne Gott,

Unsern Eingang gleichermaßen,

Segne unser täglich Brot,

Segne unser Tun und Lassen.«


Ich lauschte am Treppengeländer, und es wurde mir ganz feierlich zumute mit einem so vielstimmigen Segen empfangen zu werden. Ehe aber die Herde losgelassen[106] wurde, eilte ich schnell hinauf. Ach, welch wohltuender Empfang wurde mir nun zuteil!

Der der Tür gegenüberhängende Spiegel zeigte mir ein rundes, vom Wandern gerötetes, fröhliches Gesicht. Das dunkle Haar hing mir wirr ins Gesicht, der Strohhut war mir in den Nacken gerutscht, ich war zum Umfallen müde und sehr hungrig. Die liebe, freundliche Frau Kantor kam von ihrem Nähtisch auf mich zu, sie war so erstaunt, so warm und mütterlich, daß ich mir in dem Augenblick nichts Schöneres denken konnte, als in Leuben gelandet zu sein. Ich fühlte mich ganz zu Hause. Wie freute ich mich, wenn sie lebhaft rief: »Du bist ja ein kleiner Held! Den weiten Weg hast du ganz allein gemacht! Und wie sauber hast du dir die Stiefel gehalten!«

»Bleibst du denn ein paar Tage bei uns?« sagte sie, während sie mir Hut und Kapsel abnahm. »Na, die Kinder werden Augen machen! Horch, da kommt die Bande!«

Und dann ging die Tür auf, und blaß und müde kam der Herr Kantor und hinter ihm die Kinder, der große Paul und der kleine Berndel, das blondhaarige Liesel, die sanfte Hedel und die kleine Dicke. Zwischen all den lieben, wohlerzogenen Kindern fand der fremde Gast seinen Platz, und jedes wetteiferte, mir ein reichlich Teil von dem Milchkaffee und dem Honigbrot zukommen zu lassen. Hier war mir wohl, hier hätte ich immer sein mögen! Was nur ein Kinderherz erfreuen konnte, das fand ich hier. Soviel liebe Spielgefährten, Puppen, Wagen, Bücher! Aber nach dem Kaffee ging's hinunter in den Garten, da gab es keine Müdigkeit, ich[107] kugelte mich mit den anderen im Grasgarten den Berg hinunter. Bald suchte ich aber doch die Ruhe. Ich setzte mich ans niedrige Kindertischchen, das zwischen Ofen und Sekretär einen so geschützten Ruhepunkt bot. Ich kannte schon meine Lieblinge. Über dem Tischchen war ein Bücherbrett angebracht, darauf fand ich zwischen vielen anderen Büchern Horns »Spinnstube«. Wie durchlebte ich alles mit, was der Schmiede-Jakob seinen Zuhörern erzählte. O, wie gern las ich! Und was ich gelesen hatte, das erzählte ich gern wieder, hatte ich keine Zuhörer, so erzählte ich es mir selbst auf meinen einsamen Wegen.

Ich schlief mit Hedel und Liesel im Stübchen mit der hellen Tapete. Das eigentümliche Gefühl, was durch die neuen Eindrücke hervorgerufen wurde, stimmte mich ganz feierlich. Ich war körperlich müde, aber so glücklich.

»Nun erzähl' uns was!« sagten die Mädchen, und ich erzählte kraus durcheinander Gelesenes, Erlebtes und Erdachtes, bis mir endlich die Müdigkeit die Lippen schloß.

Durch das nächtliche Schweigen hörte ich den fremden Klang der Kirchenglocke, das Tuten und den Gesang des Nachtwächters, dann noch aus der Ferne Hundegebell. Glücklich träumte ich in meinem Kindheitsparadies von kommenden, schönen Tagen.[108]

Quelle:
Bischoff, Charitas: Bilder aus meinem Leben. Berlin 1912, S. 104-109.
Lizenz:
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