Wanderjahre

[347] Als Ostern herankam, erhielt ich meine letzten Arbeiten zurück. Das Heft steckte ich nicht in den Ranzen. Ich hatte beim flüchtigen Umblättern gesehen, daß ein langer Satz mit roter Tinte unter den letzten Aufsätzen stand. Konnte mir der Professor wohl etwas Schlimmes unter die Arbeit geschrieben haben, da er mich doch so freundlich und mit so guten Wünschen für meine Zukunft entlassen hatte. An der nächsten Straßenecke stand ich still und las mit klopfendem Herzen:

»Auch diese beiden Arbeiten beweisen den Fleiß und die guten Fortschritte, die du gemacht hast; zwar war der Stil von Anfang an sehr ausgebildet, aber er hat doch wohl noch gewonnen. Sehr schnell aber sind die vielen orthographischen Fehler, die zuerst die Arbeiten verunzierten, verschwunden. Es wäre sehr wünschenswert, wenn du die, mit so gutem Erfolg betriebenen Übungen, nicht liegen ließest. Celarius.«

Das hatte ich nicht erwartet. Es beschämte mich tief. Nun aber mit dem Heft an die Alster! – Lisette erschien am Küchenfenster. Ich schwenkte glückselig mein Heft.

»Gutes Zeugnis?« fragte sie gespannt. Ich nickte und eilte hinaus.

Frau Doktor saß an ihrem Schreibtisch; bei meinem Eintritt sah sie mich fremd und kalt an, so daß mein Fuß unwillkürlich stockte, dann sagte sie streng: »Ich muß dich wohl zu deiner Mutter schicken. Wir können hier nichts mit dir anfangen. Es laufen immer mehr Klagen aus Hamm über dich ein.«[347]

Mir traten die Tränen in die Augen, zitternd trat ich an den Schreibtisch und legte mein Heft mit des Professors Unterschrift vor sie hin. Frau Doktor las länger, als es der Satz erforderte. Sie bot mir einen Stuhl, fragte allerlei und dachte lange nach, dann schrieb sie, faltete den Brief zusammen und sagte: »Den Brief gib den Damen! Dieser Aufenthalt war vielleicht doch nicht das Richtige für dich. Ich mag mich geirrt haben. Schon morgen lasse ich deine Sachen holen. Dich selbst erwarte ich um zwölf Uhr. Also auf Wiedersehen morgen!«

Ein Irrtum von ihr? Das sagte sie zu mir? Sie sah mir wohl meine Freude und mein Glück an, sie lächelte mir freundlich zu, da faßte ich mir ein Herz und fragte: »Darf ich nun wieder ganz hier bleiben?«

»Nein,« sagte sie, »nur vorübergehend. Du sollst bald hören, wohin ich dich schicke, und das wird dann hoffentlich kein Irrtum!«

Zur verabredeten Zeit kam ich mit meinem Bücherranzen, und als ich um die Ecke bog, sah ich zwischen Palmen und Blattpflanzen das schöne Gesicht von Frau Doktor. Sie lächelte, nickte und winkte. Ich brauchte nicht zu klingeln, sie kam selbst heraus, öffnete die Tür, nahm mich in die Arme und küßte mich. Wer war glücklicher als ich! Mein Herz ging in Sprüngen! Ich war in einem Fieberrausch von Schwärmerei für Frau Doktor. Ich sehnte mich nach großen Heldentaten, um zu beweisen, was ich alles für sie tun könnte! – Es wurde aber gar nichts Außergewöhnliches von mir erwartet, ich half dem Kleinmädchen bei meiner Ausrüstung.[348]

Einige Wochen danach stand Frau Doktor vor einem Reisekoffer. Sie sah heute ganz hausmütterlich aus in ihrer weißen Schürze. Sie packte eigenhändig meinen Koffer. Dann gab sie mir lächelnd ein Papier, darauf standen die Stunden, die ich in Eisenach bekommen würde. Sie sagte: »Ich hab's diesmal noch gnädig gemacht mit dem Stundenplan, du wirst dich nicht zu Tode arbeiten. Denke an deine schwache Seite und übe dich in den Fremdsprachen. In der Nähstunde sollst du ein Frauenhemd auf dem Faden nähen. Es kommt mir nicht darauf an, daß es bald fertig wird, aber ich wünsche, daß du dir alle Mühe dabei gibst! Wenn du fleißig gewesen bist, dann lauf nur tüchtig im Wald herum! Grüß' die schöne Wartburg, und denke immer daran, daß du deiner Mutter und uns Freude machst!«

Als mir Lisette auf der Treppe begegnete, sagte sie: »Mein gutes Katalischen, du kommst doch noch mal herunter und nimmst auch Abschied von uns?«

Selbstverständlich tat ich das. Aber wie erstaunt war ich, als mich Lisette vor ein kleines Tischchen führte, wo ordentlich eine Bescherung aufgebaut war.

»Katalischen,« sagte Lisette gerührt und wischte sich die Augen, »siehst du, da ist mein Bild, – du vergißt mich doch nicht?! –«

»O Lisette! Wie könnte ich Sie wohl je vergessen!«

Von Marie lagen Briefbogen da, – und Johann? Der schenkte mir ein Stammbuch! Es lag ein Zettel darauf: Zur Erinnerung an Johann Knickrehm! –

Ich war sehr gerührt. Das mußte ich doch schnell[349] Frau Doktor zeigen. Sie lachte herzlich und meinte: »Na, jedenfalls müssen sie dich unten recht gern gehabt haben!«

Am nächsten Morgen fuhr eine Droschke vor, Johann setzte sich auf den Bock, Hans kam zu mir in den Wagen, und im letzten Augenblick kam Lisette und schob ein kleines Spankörbchen hinein. »Für unterwegs!« sagte sie weinend und gab mir einen schallenden Abschiedskuß.

Wie weit war mir das Herz! Wie dankbar war ich für alles! Wie gern wäre ich hier geblieben! Wer weiß, was mir die nächste Zukunft brachte!

Mit der Droschke fuhren wir bis an die Petrikirche. Da hielt der Omnibus, der mich mit der Fähre nach Harburg bringen sollte. Johann öffnete die Tür des Omnibus, sah sich einen Augenblick suchend um, dann wandte er sich an einen jungen Mann und fragte: »Sie sind doch Gehrts von der Fabrik?«

Der Mann lüftete seinen Hut und nickte.

»Sehen Sie mal, Gehrts, hier ist das junge Mädchen, das Sie nach Harburg begleiten sollen. Der Herr läßt Ihnen sagen, Sie möchten ihr ihre Sachen gut durch den Zoll besorgen, ein Billett nach Eisenach nehmen, ihr im Coupé einen guten Platz aussuchen und warten, bis der Zug abgefahren ist.«

»Soll alles pünktlich besorgt werden!« sagte der junge Mann.

Hans und Johann nahmen herzlichen Abschied. Johann vermahnte mich, kein Heimweh zu kriegen, und schließlich kehrte er noch einmal um und rief in den Wagen: »Nicht vergessen! In Kassel umsteigen! Nachts[350] um drei Uhr kommst du in Eisenach an, aber sei man nicht bange, du wirst sicher abgeholt!«

Der schwerfällige Omnibus setzte sich in Bewegung. Ich hörte, wie eine Frau in lautem Flüstertone zur andern sagte: »Hm, so ein verhätscheltes Ding aus reichem Hause! Ein Diener vorn, ein Diener hinten!«

Punkt drei Uhr lief der Zug in Eisenach ein. Durchgekältet und übernächtigt stieg ich aus, da kam eine ältliche schlanke Dame auf mich zu und fragte, ob ich Fräulein Dietrich sei. Das war Fräulein Trabert. Sie hatte noch einige junge Mädchen bei sich, und das Dienstmädchen ging mit der großen Laterne voraus.

Wie im Traum folgte ich dem matten, zitternden Lichtschein durch ein dunkles Tor über einen freien Platz. Und da waren wir endlich! Ein hübsches junges Mädchen stand oben an der Treppe. Der Schein der Lampe, die sie über ihrem Kopf hielt, beleuchtete ihr frisches Gesicht. Ich atmete auf, hier war alles so schlicht und freundlich, hier, so hoffte ich, würde ich mich wohl fühlen.

Ich irrte mich nicht. Das Lernen hier war mir eine Luft. Der Stundenplan war abwechslungsreich und brachte mich mit vielerlei Menschen zusammen. Literatur- und Kunstgeschichte hatte ich mit mehreren jungen Mädchen bei einer originellen alten Dame, bei Frau Göpel, die ganz besonders freundlich zu mir war. Französische Stunden gab eine Dame, die Kammerfrau bei der Herzogin von Orleans gewesen war. Über dem Sofa hing das Bild der Herzogin, und mir war, als durchlebte ich einen Roman, wenn Fräulein Hugo von ihrem Leben bei Hofe erzählte. Ich fühlte mich nicht wenig[351] geehrt, als sie mir ein Stück Leinwand schenkte, das aus einem Wäschestück der Herzogin stammte.

Unternahm meine Phantasie nach der Seite hin die verwegensten Wanderungen unter der hohen Aristokratie, so wurde ich in den Näh- und Plättstunden wieder auf ganz realen Boden gestellt. – Auf dem Faden sollte das seine Hemd genäht werden, das buchstäblich durchzuführen war mir Ehrensache. Nach einem halben Jahr war ich fertig damit. Mit fieberhafter Spannung schickte ich es an Frau Doktor. Die Antwort darauf trug ich so lange mit mir herum, bis nichts mehr davon nachblieb als die Erinnerung.

Frau Doktor schrieb: – – »und mit dem Hemd hast Du Dich selbst übertroffen, es ist tadellos genäht! Ich habe es Lisette geschenkt, da ich weiß, daß ich Euch beiden eine große Freude damit mache.«

Der Brief berauschte mich.

Schöne, glückliche Stunden gewährte mir noch der Musikverein, den Müller-Hartung leitete. An schönen Sommertagen machten wir unter seiner Führung Ausflüge in die herrlichen Thüringer Berge und Wälder und sangen mit jubelnder Begeisterung:


»Und frische Nahrung, neues Blut

Saug' ich aus dieser Welt;

Wie ist Natur so hold und gut,

Die mich am Busen hält.«


***


Nach Ablauf des Jahres kam ein Brief von Frau Doktor, darin hieß es: »Du hast wiederholt gebeten, noch länger in Eisenach zu bleiben, aber Du wirst Dich erinnern, daß ich Dir schon sagte, daß ich mit Fräulein[352] Breymann in Wolfenbüttel über Dein Hinkommen korrespondiert habe. Ich habe Dich definitiv da angemeldet. Überlege mit Fräulein Trabert Tag und Stunde Deiner Abreise, und schreibe Fräulein Breymann, wann sie Dich erwarten kann. Du bist jetzt in einem Alter, wo man Dir ganz andere Arbeiten zumuten kann, als was in Eisenach von Dir verlangt wird.

Ich mache Dich darauf aufmerksam, daß Du mehrere Jahre in Wolfenbüttel bleiben wirst, vorausgesetzt, daß Du Dir in jeder Beziehung Mühe gibst; nur dadurch ist es möglich, daß Du da bleibst. Du wirst in Wolfenbüttel einer großen Gemeinschaft eingegliedert. Willst Du Dir eine geachtete Stellung Deinen Gefährtinnen gegenüber erwerben, so hast Du in jeder Beziehung auf Dich zu achten. Du weißt, ich habe noch viel an Dir auszusetzen! Vergiß und verlier nicht immer Deine Handschuhe, und achte darauf, daß Du Dir den Scheitel gerade ziehst! Ich kann Dir sagen: Hier ist ein Fleck! Wegwischen mußt Du ihn! In Wolfenbüttel sind viele Ausländerinnen, benutze die Gelegenheit und übe Dich in fremden Sprachen. Achte nur ja recht auf eine gute Aussprache! Dein sächsischer Dialekt ist Dir sehr im Wege, überwinde ihn. Ich hoffe, nur Gutes von Dir zu hören.

Mit Gruß M. M.«


***[353]


Quelle:
Bischoff, Charitas: Bilder aus meinem Leben. Berlin 1912, S. 347-354.
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