Braunschweiger Tage

Es war Sommer 1872, als ich zum ersten Mal die hochragenden Türme der guten Stadt Braunschweig erblickte. Da ich aus bürgerlichen Verhältnissen kam, so mußte ich mich in die neue Position erst hineinfinden. Die Begeisterung für die Sache, der ich mich nun gewidmet, machte mir dies leicht.

Als Gehalt waren mir 24 Mark pro Woche ausgesetzt. Damit fand ich mich zurecht so gut es eben ging; übrigens waren die Lebensmittel vor der argrarischen Epoche noch sehr billig. Die zwei winzigen Zimmerchen, in denen sich Redaktion und Expedition befanden, kamen mir, der ich an größere und besser ausgestattete Räumlichkeiten gewöhnt war, erst sehr unbehaglich vor. Aber ich gewöhnte mich rasch daran und schließlich war mir das Lokal lieb geworden.

Auf der Redaktion fand ich den Kollegen Gustav Lyser vor. Lyser war der Sohn jenes so überaus fruchtbaren Malers, Musikers und Schriftstellers Lyser, der ein Freund von Heinrich Heine und Robert Schumann war und trotz vieler glänzenden Leistungen im schrecklichsten Elend untergegangen ist.1

Mein Kollege Lyser stammte aus der Ehe seines Vaters mit Karoline Leonhardt, die seinerzeit als Improvisatorin weit bekannt war und von Friedrich Rückert die deutsche Corinna genannt wurde. Von den künstlerischen Gaben seiner Eltern war viel auf Lyser übergegangen; er sprach und schrieb sehr gewandt und machte vortreffliche volkstümliche und satirische Verse. Sein unüberwindlicher Humor ließ ihn die Schattenseiten des Schriftstellerlebens in der Sozialdemokratie von damals kaum empfinden. Von seiner Leichtlebigkeit erzählte man sich fabelhafte Geschichten. Er war ursprünglich Buchdrucker. Wir mochten uns wohl leiden und suchten uns gegenseitig die Situation so erträglich als möglich zu machen. Später wurden wir durch Parteizwistigkeiten entzweit, was mir heute noch leid tut.

Am gleichen Tage lernte ich auch meinen neuen Chef, den Führer der Braunschweigischen Sozialdemokratie, Wilhelm Bracke jr., kennen. Sein Name war dadurch, daß man ihn mit dem ganzen Braunschweiger Ausschuß 1870 in Ketten nach Lötzen geschleppt hatte, sowie durch den hinterher folgenden Prozeß in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt geworden. Er war ein langaufgeschossener Dreißiger, blaß und mager. Er sah mit seinem schlicht herabhängenden Haar wie ein trockener Gelehrter aus. Aber wenn er öffentlich sprach, dann belebte seine Züge[125] das Feuer, das ihn beseelte. Ich habe nie einen besseren Volksredner gehört, jedenfalls keinen, der die Massen mehr mitreißen konnte, als Bracke. In Berlin machte er Aufsehen, als er in einem Redeturnier den berühmten Volksredner von 1848, den alten Held, überwand. Es kam vor, daß Bracke in Versammlungen auch seine Gegner so mit sich fortriß, daß sie sich mit ihm einig fühlten und erst nach einiger Zeit sich wieder besannen, daß sie eigentlich einer anderen Richtung angehörten. Dabei behandelte er mit souveräner Leichtigkeit die schwierigsten Stoffe. So konnte er jederzeit unvorbereitet eine erschöpfende Darstellung der Marxschen Werttheorie geben. Seine Tätigkeit war eine ganz außerordentliche. Nachdem sein Vater kränklich geworden, war dem Sohne die Leitung seines umfangreichen Getreide- und Mehlgeschäftes zugefallen. Das Comptoir war den ganzen Tag von Leuten belagert, die Rat und Auskunft haben wollten; dazu kamen viele, denen seine Wohltätigkeit bekannt war. Er schrieb mehrere Werke und viele Artikel für den »Volksfreund« und hielt unablässig Versammlungen im Herzogtum und anderwärts ab. Er wirkte als Stadtverordneter und Reichstagsabgeordneter. Dazu trieb er chemische[126] und astronomische Studien und hatte in seinem Hause dafür ein Zimmer eingerichtet, das, wie er mir einmal scherzend sagte, Laboratorium und »Sternwarte« zugleich war. Trotzdem fand er noch Zeit genug, sich seiner Familie zu widmen und ein liebreicher Gatte und Vater zu sein.

Bracke war erst Anhänger Lassalles gewesen und hatte sich, da ihm Schweitzers Auftreten nicht gefiel, den »Eisenachern« zugewendet. In Braunschweig dominierte unter der Führung Brackes diese Richtung vollkommen. Lassalleaner gab es nur ganz vereinzelt. Bracke hatte sich vorgenommen, die drei Reichstagswahlkreise des Herzogtums Braunschweig für die Sozialdemokratie zu erobern. Dafür brachte er viele Opfer und setzte er alle seine Kräfte ein. Aber es gelang ihm nicht ein Braunschweiger Mandat zu erringen; er wurde von einem sächsischen Wahlkreis in den Reichstag entsandt. Die Überanstrengungen bei der Agitation haben nicht wenig dazu beigetragen, daß seine Lebenskraft vor der Zeit aufgezehrt wurde. Daß die sozialdemokratische Partei die stärkste im Herzogtum wurde, ist zum guten Teil der Tätigkeit dieses »kühnen und unerschütterlichen Sozialdemokraten«, wie ihn einer seiner Gegner nannte, zuzuschreiben.

Nachdem er sich offen zur Sozialdemokratie bekannt, ward er selbstverständlich von den bürgerlichen Kreisen, in denen die alteingesessene Patrizierfamilie Bracke ein hohes Ansehen genossen, gesellschaftlich und geschäftlich boykottiert. Dies trug er mit Heiterkeit, denn der Sozialismus füllte so sehr sein geistiges Leben aus, daß er seine früheren Beziehungen wenig oder gar nicht vermißte.

Bracke und ich schlossen uns bald enge aneinander an. Es ist mir das eine der liebsten Freundschaften meines Lebens gewesen.

Hier sei bemerkt, daß das Verhältnis zwischen »Chef« und »Angestellten« damals in der sozialdemokratischen Partei keineswegs »Vorgesetzte« und »Untergebene« im allgemeinen Sinne kannte; es beruhte ganz auf gegenseitigem Vertrauen, mochte die Geschäftsleitung nun einem Einzelunternehmer oder einer Preßkommission unterstehen. Entlassungen kamen daher nur höchst selten vor. Ohnehin war die Auswahl von brauchbaren Journalisten damals sehr gering. Ich empfand in meiner neuen Stellung ein wohltuendes Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit. Später war das nicht immer so.

Hier lernte ich auch Bernhard Becker, den schon erwähnten Nachfolger Lassalles kennen; er gehörte gleichfalls der Redaktion des »Volksfreund« an. Er war von gedrungener Gestalt mit glattem runden Antlitz und spärlichem roten Haar. Weil er stets schwarzen Gehrock und Zylinder trug, was er sich in England angewöhnt, hielt man ihn oft für einen Professor; respektive Sprachlehrer, welchem Beruf er sich auch früher gewidmet hatte. Da er zu den historischen Persönlichkeiten der Sozialdemokratie gehört, so mag von ihm auch eine eingehende Charakteristik gegeben werden. Er war der Sohn eines Gutsbesitzers zu Aue bei Meiningen, hatte schon als Schüler sich seinen Lehrern durch sein Wissen[127] gefürchtet gemacht, alsdann Philosophie und Staatswissenschaft studiert und sich frühzeitig sozialistische Anschauungen zu eigen gemacht. Er war »ein schwer gelehrter Mann«, aber professorenhaft ungewandt und wußte von seinem enormen Wissen nicht den entsprechenden Gebrauch zu machen. Darum ward er auch zeitlebens unterschätzt. 1848 stürzte er sich mit Feuereifer in den Strudel der Revolution, diente im badischen Aufstand von 1849 in der Flüchtlingslegion, später im Mannheimer Arbeiterbataillon und war dabei, als dies Freikorps den Rückzug der bei Waghäusel geschlagenen Revolutionsarmee decken half; er machte auch die Gefechte bei Durlach und vor Rastatt mit. Als nach der letzten Niederlage viele Mannschaften sich in die Festung flüchteten, hielt Becker am Tor eine Ansprache und warnte vor der »Mausefalle«, was etwa tausend Mann bewog, weiter zu ziehen. Im Exil in England hatte er als Privatlehrer eine sehr harte Zeit durchzumachen. Nach zehn Jahren kam er nach Deutschland zurück, mußte eine einjährige Gefängnisstrafe verbüßen und ließ sich in Hildburghausen und sodann in Frankfurt am Main nieder. Er schrieb das geistreiche, nun sehr seltene Werk »Nationalökonomische Raketen«, in dem er namentlich den bekannten Roscher heftig angriff. Seine »Geschichte der deutschen Bewegung von 1848«, die nicht vollendet worden ist, beruhte ganz auf dem historischen Materialismus und erregte darum das Interesse Lassalles. An diesen schloß sich Becker sogleich an und ließ eine Schrift: »Lassalle und seine Verkleinerer« erscheinen. Lassalle ernannte ihn zum Bevollmächtigten des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins in Frankfurt am Main. In dem Testament; das Lassalle vor dem verhängnisvollen Duell bei Genf niederschrieb, empfahl er Bernhard Becker zu seinem Nachfolger mit den Worten:

»Er soll an der Organisation festhalten; sie wird den Arbeiterstand zum Siege führen.«

Dies bewirkte; daß Becker einstimmig zum Präsidenten des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins gewählt wurde. Aber er war der Verwirrung, die nunmehr, namentlich infolge der Intrigen der Gräfin Hatzfeldt, im Verein einriß, nicht gewachsen. Schließlich ward er als »hoffnungslos unheilbarer Idiot« aus dem Verein ausgeschlossen.2 Aus Preußen ausgewiesen, ging er nach Wien und schließlich nach Paris, von wo er 1870 als Deutscher ausgewiesen wurde. 1871 übernahm er in Braunschweig die Redaktion des neugegründeten »Volksfreund«. Gleich der erste Leitartikel »Der Friede und das stehende Heer« wurde konfisziert und Becker selbst wurde körperlich sehr peinlich nach dem Manuskript visitiert, worüber er spöttisch schrieb, er habe keine stehenden Heere am Leibe. Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Als ich kam, »saß« er gerade und ich besuchte ihn im Gefängnis.

Als er frei wurde, zogen wir zusammen in zwei nebeneinander liegende Zimmer und gewöhnten uns sehr aneinander. Wir standen früh auf und während ich an meinem Leitartikel schrieb, kochte er Kaffee. Zugleich diente[128] er mir mit seinem enormen Wissen als Lexikon. Er erzählte hochinteressant aus seinem bewegten Leben, aber er hatte auch viele Eigenheiten. Als er es sich in meiner Gegenwart einmal bequem machte, bemerkte ich, daß er einen langen Strick mit einem eisernen Haken um den Leib gewunden trug. Erstaunt frug ich, was das bedeute. »Man kann nie wissen«, antwortete Becker, »ob es nicht einmal wieder zu einem Barrikadenkampfe kommt. Wenn ich dann im Fall der Niederlage in ein Haus flüchten muß und verfolgt werde, kann ich mich mit diesem Strick aus einem Fenster auf der anderen Seite hinablassen.«

So sehr lebte er in den Erinnerungen an die Revolution von 1848.

Dieser gelehrte Sonderling liebte sehr den Klatsch. Aber er hatte auch viele gute Seiten. Wenn er aus sich herausging, war er ein sehr angenehmer Gesellschafter.

Unter den Führern der Braunschweiger Sozialdemokratie befand sich auch Leonhard von Bonhorst, von Beruf Techniker, der als Sekretär des Braunschweiger Ausschusses mit nach Lötzen geschleppt worden war. Er verlor aber dort seinen Humor nicht, denn er schrieb von Fort Boyen nach Leipzig an Liebknecht:

»Nun, nachdem uns beinahe dreitägiger Kettenschmuck nach einer Reise von ca. 136 Meilen wieder abgenommen, entsende ich Dir den biderben Gruß des »staatsgefangenen Ausschusses« ... Indem wir wünschen, ihr möget vor gleichem oder ähnlichem Schicksal bewahrt bleiben, empfiehlt sich euch bestens die Lötzen-Boyener Kolonie der Braunschweiger Sieben. Dein Bonhorst.«

Dieses Briefchen ward im »Volksstaat« abgedruckt, was den Herrn Festungskommandanten in höchsten Zorn versetzte.

Bonhorst war eine blonde Hünengestalt mit energischen Zügen und mächtiger Stimme; er erinnerte an die alten Germanen. Ein geistvoller, hinreißender Redner, hat er der Sozialdemokratie viele Anhänger zugeführt. Sein feuriges Wesen stand ihm sehr gut an. Als er von Lötzen zurückkehrte, entsagte er der Politik und verlegte sich auf Erfindungen, doch ohne Erfolg.

Becker, Lyser, Bonhorst und ich trafen uns jeden Mittag bei Tische in einem sehr bescheidenen Restaurant. Diese Tischgesellschaft war sehr lustig und anregend. Bei unserem lukullischen Mahle zu 46 Pfennig lasen wir uns die Rodomontaden nationalliberaler Blätter vor, welche eingehend schilderten, wie die Führer und Redakteure der Sozialdemokratie sich »mästeten« und zwar von den »Arbeitergroschen«.3 Auch begrüßten wir[129] es mit »ungeheurer Heiterkeit«, wenn wir in jenen Blättern als Scheusale dargestellt wurden, die »alles verungenieren«, die Familie zerstören. Weibergemeinschaft einführen, dem guten Bürger sein sauer erworbenes Eigentum rauben und ihm schließlich noch den roten Hahn aufs Dach setzen wollten. Die blonde Martha, die uns bediente, geriet manchmal in Wut ob dieser eben so läppischen als ordinären Verleumdungen, worauf der alte Revolutionär Becker seine würdigste Haltung annahm und die erzürnte Schöne durch zärtliches Streicheln und Tätscheln besänftigte.

Des Abends trafen wir uns gewöhnlich in einer kleineren Bierwirtschaft, wo sich dann immer eine größere Anzahl Parteigenossen einfanden und wo es anregend und lustig war.

Die Gefährten jener Tage sind bis auf ganz wenige abgeschieden. Ich gedenke ihrer stets gerne mit Freude und Rührung. Damals lebte ich mich erst so recht in die Welt des Sozialismus ein und lernte die revolutionären modernen Proletarier auch in ihren menschlichen Beziehungen kennen. Wir verstanden uns schnell. Ich gab ihnen von meinem historischen und literarischen Wissen, was ich geben konnte; sie führten mich erst in die wirklichen modernen Verhältnisse ein; sie erläuterten mir die Wirkung des kapitalistischen Produktionsprozesses auf den physischen und geistigen Menschen und ließen mich erst alle Schwierigkeiten des Kampfes ums Dasein erfassen, die der unterdrückten Klasse bereitet sind. Sie kannten die Bedeutung ihrer Arbeit und würdigten sie nicht etwa nur als den Quell ihres Lebensunterhalts, sondern begriffen recht gut, daß die Arbeit des Gedankens und der Hände es ist; welche allein den Bestand der Gesellschaft zu garantieren vermag. Diese Pioniere der künftigen Gesellschaft waren mir unendlich interessanter, als jene Spießbürger, welche so sehr das Milieu beherrschten, in dem ich aufgewachsen war. Dort legte man dem Geiste spanische Stiefeln an; hier gab es keine Schranken für den zukunftsfrohen Ausblick in eine werdende neue Gesellschaft. Hier trennte ich mich im Geiste und politisch erst völlig von der bürgerlichen Welt. Oftmals, wenn ich mit Bekannten aus früheren Zeiten in Berührung kam, mußte ich lächeln über deren Verwunderung, daß ich mich »dort« wohl fühlen könne. Ach, diese Philister mit ihrem dünkelvollen Pflanzenleben hatten ja gar keine Ahnung von dem Wissensdrang und Bildungshunger des vorgeschrittenen modernen Arbeiters! Sie wußten auch nicht, daß die intelligentesten und bestbezahlten Arbeiter den Kern der Sozialdemokratie bilden, und konnten sich die Sozialdemokraten nur so vorstellen, wie sie diese in den »Fliegenden Blättern« abgebildet fanden.

Dies gilt natürlich nur für gewisse Kreise innerhalb der Gesellschaftsklasse, in der ich mich früher bewegt hatte. Es gab dort auch vorurteilslose Leute genug, die ihre Jugendfreundschaft nicht der spießbürgerlichen Borniertheit zum Opfer brachten; manchen erschien ich als Sozialdemokrat weit interessanter, denn früher; wieder andere rechneten es mir hoch an, daß ich mich entschlossen hatte, offen der verfehmten Partei beizutreten, zu der mich meine Überzeugung trieb. Ich habe immer Beziehungen rein[130] persönlicher Art zu bürgerlichen Kreisen gehabt und vielfach zu recht angesehenen und interessanten Leuten. Das entschädigte mich reichlich für die Anfeindungen rückständiger Menschen, die mich mit einem Makel behaftet glaubten, weil meine Gesinnung und Weltanschauung nicht nach ihrem Geschmack war. Dabei fand ich, daß die gehässigsten Feinde der Sozialdemokratie sich unter den Leuten finden, die nicht einmal das Programm, geschweige denn die wissenschaftlichen Theorien dieser Partei kennen und sich ihre Auffassung aus verleumderischen Zeitungsartikeln gebildet haben. Wie oft habe ich sonst nicht ungebildete Damen der größeren und kleineren Bourgeoisie sagen hören, die »freie Liebe« stünde im Programm der Sozialdemokratie! Daß der Hauptpunkt dieses Programms das »Teilen« sei, galt als selbstverständlich.

In Braunschweig lebte, wie schon erwähnt, der Bruder meines Großvaters, der damals bekannte Tenorist und nachmalige Regisseur am Hoftheater, Friedrich Schmezer. Als ich bei ihm erschien, nahm er mich sehr gut auf und blieb mir sehr zugetan, wenn er auch natürlich von der Sozialdemokratie sonst nichts wissen wollte. Er war beim alten Herzog Wilhelm sehr beliebt und häufig dessen Gast im Schlosse. Er soll im Jahr 1848, als der Herzog in einen Volksauflauf geriet, dem bedrängten Welfenfürsten dadurch Luft gemacht haben, daß er zu singen begann, womit er die Aufmerksamkeit der Masse von dem Herzog ablenkte. Er erzählte mir, daß die Lötzener Kettenaffäre an der Hoftafel zur Sprache gekommen sei. Der Herzog sei über die Verhaftung von Bracke und Genossen sehr erbittert gewesen. Natürlich nicht aus Sympathie für ihre Persönlichkeiten oder Bestrebungen. Aber daß ein preußischer General auf Grund des über Norddeutschland verhängten Belagerungszustandes braunschweigische »Untertanen« innerhalb der Grenzen des Herzogtums verhaften lassen konnte, empfand der Herzog als einen Eingriff in seine landesherrlichen Rechte. Er rief in seinem Zorn wiederholt: »Die Leute haben ja gar nichts getan!«

Man kann danach annehmen, daß das vom Wolfenbütteler Obergericht gegen den General Vogel von Falckenstein, als den Urheber der Lötzener Kettenaffäre, gefällte Urteil auch die Billigung des Herzogs Wilhelm gefunden hat. Bracke und seine Leidensgefährten beschlossen nämlich, nach Beendigung ihres Prozesses gegen den General eine Klage auf Schadenersatz anzustrengen, und zwar sollte dies jeder der »Braunschweiger Sieben« einzeln für sich tun. Zuerst klagte der alte Buchdrucker Sievers. Dieser stand der Sozialdemokratie ganz fern, aber er hatte das »Manifest« des Braunschweiger Ausschusses der Sozialdemokratie gedruckt und war nur deshalb nach Lötzen geschleppt worden. Das Wolfenbütteler Obergericht verurteilte als letzte Instanz den General zu einer Entschädigung an Sievers. Man kann sich denken, welches Geschrei die nationalliberale und konservative Presse gegen das »welfische« Obergericht erhob. Vogel von Falckenstein wollte nicht zahlen, der Gerichtsvollzieher erschien auf seinem Gute und schließlich wurde die Entschädigung vom alten Kaiser [131] Wilhelm auf dessen Privatschatulle übernommen und an Sievers ausbezahlt. Vogel von Falckenstein erfuhr damals viel Spott. So hieß es im »Kladderadatsch«, nachdem dort die Taten der preußischen Generäle im Jahr 1870 aufgezählt worden:


»Vom Falckensteiner aber, dem Helden,

Noch späte Sagen singen und melden:

Er fing durch seine Heldentaten

Jacoby und zwölf Sozialdemokraten.« –


Der Braunschweiger »Volksfreund« erschien damals in kleinem Format und hatte als humoristische Wochenbeilage die »Leuchtkugeln«. Die Partei war noch klein und konnte ein tägliches Blatt nicht halten; wir hatten 1871 im Wahlkreise Braunschweig-Blankenburg, der mich 1912 mit fast 26,000 Stimmen wieder zum Reichstagsabgeordneten gewählt hat, nur 2022 Stimmen gehabt. Das Defizit des Blattes wurde von Bracke gedeckt, der sich damit ein für seine Verhältnisse großes Opfer auferlegte.

Aber noch andere große Opfer erforderten die gerichtlichen Verfolgungen, die über den »Volksfreund« verhängt wurden. Konfiskationen des Blattes und Verurteilungen der Redakteure wechselten in rascher Reihenfolge miteinander ab. Sehr bezeichnend hatte Lyser das Erscheinen der »Leuchtkugeln« mit den Versen angekündigt:


»Morgen werden sie nun kommen,

Drum herbei rasch jung und alt,

Eh' sie in Beschlag genommen

Werden von dem Staatsanwalt!«


Das alte braunschweigische Preßgesetz enthielt gewisse Garantien, die man im Reichspreßgesetz schmerzlich vermißt. Aber wenn der Stadtgerichtspräsident, der in seinem Talar und Barett einem Femrichter sehr ähnlich sah, die Verlesung des Urteils mit dem lapidaren Satze begann: »Es ist erwiesen« – – so konnten wir sicher sein, daß, falls wir einer Gefängnisstrafe entgingen, die »runde Summe«, das heißt die höchste Geldstrafe von 300 Mark über uns verhängt wurde. Übrigens wurden die Geldstrafen und Gefängniskosten durch eine Sammlung »zum bekannten Zweck« nachträglich wieder gedeckt. Die Braunschweiger Parteigenossen haben auf diesem Wege nach und nach gegen 6000 Mark aufgebracht, was damals etwas heißen wollte.

Bracke, Becker und Lyser hatten schon ins Gefängnis wandern müssen; nun kam die Reihe an mich. Der damalige Polizeidirektor Meyer, der spätere Staatsminister, ging besonders schneidig gegen den »Volksfreund« vor. Sobald das Blatt abends zur Ausgabe gelangte, erschien vor dem Lokal ein Trupp Schutzleute, die den Austrägerinnen die Blätter abnahmen. Das ging acht Tage lang so. Da richtete ich im Blatte einen gepfefferten »Offenen Brief« an den Polizeidirektor. Dies bewirkte, daß die Beschlagnahmen nachließen, aber ich wurde wegen »Amtsehrenbeleidigung« des Herrn Polizeidirektors zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.[132]

Bevor ich die »Staatswohnung« bezog, ereignete sich noch ein interessanter Zwischenfall. Wir hatten unter den braunschweigischen schwarzen Husaren viele Gesinnungsgenossen und der »Volksfreund« ward in der Kaserne eifrig gelesen. Als wir nun einen Arbeitertag für das Herzogtum abhielten, richteten die sozialdemokratischen Husaren an diesen eine Adresse, die von einem Schriftführer verlesen wurde. Der überwachende Polizeikommissär hätte sich gar zu gerne des Schriftstücks bemächtigt, allein es wurde vor seinen Augen verbrannt. Am anderen Tage ließ der Kommandeur der schwarzen Husaren das Regiment antreten und forderte die Absender, respektive die Verfasser der Adresse auf, sich zu nennen. Diese hüteten sich natürlich, sich selbst zu denunzieren, das Regiment verharrte in eisigem Schweigen und die Strafpredigt des Herrn Obersten ging völlig daneben. Wir erhielten sofort Nachricht von diesem Vorgang und gestatteten uns einige Scherze über die Schlauheit des Herrn Obersten, was uns eine Geldstrafe eintrug.

Bemerkt sei noch, daß nicht etwa eine Verschwörung in der Husarenkaserne angestiftet wurde. Der »Volksfreund« hatte lediglich den Beschwerden der Husaren über Verpflegung und Behandlung Ausdruck verliehen, was auch geholfen hatte.

In diese Zeit fiel auch der große Buchdruckerstreik, den die Sozialdemokratie mit allen Kräften materiell und moralisch unterstützte. Die Begeisterung in diesem Kampfe war groß. Ich hörte Bracke in einer Versammlung sagen, daß er den Buchdruckern mit seinen Mitteln zur Verfügung stehe. Es wurde ein großer Sieg erfochten, denn die Buchdrucker bekamen den Tarif von 1873 zugestanden, der jedem von ihnen einen für die damaligen Verhältnisse sehr erfreulichen Minimallohn garantierte.

Nunmehr, im Oktober 1872, mußte ich meine Strafe antreten. Nachdem ich mich in den »Leuchtkugeln« in lustigen Versen von den Lesern verabschiedet, stellte ich mich im ehemaligen Ägydienklöster, das damals zum Gefängnis diente. In den Zellen, wo früher Benediktinermönche gebetet und gebrütet, saßen nun politische und »gemeine« Sträflinge. Es waren Gefangene beider Geschlechter dort untergebracht. Die Gefängnisordnung war ziemlich streng und die Gefängniskost galt als ungenügend. Der Betrag, den der Staat für die Verpflegung der Gefangenen ausgeworfen hatte, war erstaunlich niedrig; es kamen, wenn ich mich recht erinnere, kaum 30 Pfennig auf den Kopf. Dabei ist allerdings in Anschlag zu bringen, daß man damals nicht in einer Lebensmittelteuerung lebte, wie in diesen Tagen.

Damals war jedem, der es bezahlen konnte, ohne weiteres die Selbstbeköstigung gestattet. In diesem Fall wurde das Essen vom Inspektor geliefert und zwar aus seiner eigenen Küche. Es war vorzüglich, aber teuer für jene Zeit; es mußten 100 Mark pro Monat dafür vorausbezahlt werden. Billiger gab es keine Selbstbeköstigung. Später wurde es anders, als Bismarck in seinem Hasse gegen die Journalisten, »die Leute, die ihren Beruf verfehlt haben«, bei den Bundesregierungen eine allgemeine[133] Verschärfung des Strafvollzuges durchsetzte. Da ward es mit der Selbstbeköstigung eine schwierige Sache. Diese war allerdings eine ungerechte Bevorzugung derjenigen, die sie bezahlen konnten. So aber wars noch schlimmer.

Für widerspenstige Gefangene waren das »schwarze Loch« und die Prügelstrafe vorgesehen. Das »schwarze Loch«, das ich einmal zu sehen Gelegenheit hatte, wird von Bracke folgendermaßen beschrieben:

»Das ist ein finsterer Raum, in dem nichts weiter vorhanden ist, als ein Kübel und eine Holzpritsche; der hiehergebrachte Gefangene bekommt auch für die Nacht weder Strohsack noch Decke und als Nahrung nur Wasser und Brot.« Damit kann man allerdings auch hartgesottene Leute mürbe machen.

Auf dem Bureau der Gefängnisverwaltung ward mir alles, was sich in meinen Taschen befand, abgenommen, nur das Schnupftuch ließ man mir. Ich ward in eine der Mönchszellen gebracht, welche an der Tür die Inschrift aufwies: »Zelle für reinliche Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren.« Diese Abschätzung meiner Persönlichkeit war jedenfalls sehr zart. Als aber hinter mir die Kerkertür zugeschlagen wurde und ich mich von der Außenwelt so gänzlich abgeschlossen sah, erwachte in mir jene Empfindung von Bangigkeit; die jeden befällt, wenn er zum ersten Mal in eine solche Situation gerät. Das verlor sich indessen bald und ich sah, daß mein Gefängnis als solches sich ziemlich freundlich ausnahm. Daß ich hierher gebracht wurde, hatte seinen besonderen Grund. Bernhard Becker hatte nämlich eine andere Zelle bewohnt, eines von jenen engen Gelassen, wo vor hoch oben angebrachten Gitterfensterchen noch ein Brett angenagelt war, so daß der Gefangene wenig Licht erhielt und nur einen ganz kleinen Ausschnitt vom Firmament sehen konnte. Solcher Art eingerichtete Zellen gibt es vielfach auch heute noch. Bernhard Becker hatte sich heftig im »Volksfreund« beschwert und mitgeteilt, daß der Inspektor des Gefängnisses die so verwahrten Zellenfenster seine »Hasengitter« nenne. Diese Dinge machten Aufsehen, denn damals war man im Bürgertum, in Erinnerung an die Reaktionszeit nach 1848, noch gewohnt, zwischen politischen und anderen Gefangenen schärfer als heute zu unterscheiden. So bewirkten Beckers Artikel, daß ich eine Zelle mit sonst üblichen, nur vergitterten Fenstern erhielt; »Hafengitter« gab es da nicht. Dazu trug auch bei, daß ich Selbstbeköstiger war; diese wurden natürlich vom Inspektor, für den dabei etwas abfiel, rücksichtsvoller als andere Gefangene behandelt.

Die eine Treppe hoch liegende Zelle war geräumiger als die anderen und das Fenster ging auf einen Garten, der zu einem Mädchenpensionat gehörte. Die gegenüberliegende Gartenmauer stieß an eine Straße und aus den an der anderen Seite dieser Straße liegenden Häusern konnte man in meine Zelle hineinsehen. Die dortigen Bewohner schienen bald einiges Interesse für den Gefangenen zu empfinden. Der Garten war, da der Winter hereinbrach, schon ziemlich öde; indessen tummelten sich in den Unterrichtspausen des Pensionats allerlei niedliche Backfische dort umher, die, wenn ich an meinem Gitter stand, mich bald schelmisch anlächelten, bald mir eine Nase drehten, bald hochmütig sich abwendeten.[134]

Diese anscheinende Idylle wurde aber sehr beeinträchtigt durch die besondere Ungunst des Polizeidirektors Meyer. Denn wegen des Verbrechens, diesen beleidigt zu haben, war ich ja hinter die »schwedischen Gardinen« geraten. Er war der Vorgesetzte des Gefängnisinspektors und entzog mir alle die Vergünstigungen, die einem Selbstbeköstiger sonst anstandslos gewährt wurden. Er verbot mir das Rauchen, was mir sehr schmerzlich war; ein eigenes Bett durfte ich nicht mitbringen und nur zweimal in der Woche durfte ich im Hofe oder im Garten mich ergehen. Nur bis 9 Uhr abends durfte ich Licht brennen. Dies war eine sehr kleinliche Rache, aber es wurde alles nicht so streng durchgeführt, wie ich befürchtet.

Nachdem ich mich zur Selbstbeköstigung angemeldet; erschien bei mir Herr Spengler, der Inspektor des Gefängnisses; eine originelle und in Braunschweig sehr bekannte Persönlichkeit. Ich sollte mich über ihn nicht zu beklagen haben.

»Papa Spengler«, wie er in der Stadt allgemein genannt wurde; war schon in den Siebzigen. Er hatte als Braunschweiger Kanonier den Feldzug von 1815 gegen Napoleon in Belgien mitgemacht. Da meine historischen Kenntnisse ausreichten, um mit ihm über diese Sache plaudern zu können, so kam er jeden Tag nach Tische auf eine halbe Stunde; oftmals blieb er auch länger. Da erzählte er, wie er als Kanonier habe einen Zopf tragen müssen und meinte: »Das waren doch höllisch närrische Zeiten!« Ich hörte ihm begierig zu, wenn er von den welthistorischen Ereignissen sprach, deren Zeuge er gewesen; von dem furchtbaren Geschützdonner bei Waterloo, von den wilden Attacken des Marschalls Ney mit den französischen Kürassieren gegen die »roten Mauern« der englischen Karrees und von dem berühmten letzten Aufmarsch der alten Garde Napoleons. Schwärmerisch verehrte er den Herzog Friedrich Wilhelm und tiefe Bewegung ergriff ihn, wenn er erzählte, wie man den tödlich verwundeten Feldherrn bei Quatrebras aus dem Schlachtgetümmel trug.

So gewann Papa Spengler eine gewisse Vorliebe für mich und die Vergünstigungen, die der Herr gestrenge Polizeidirektor mir versagt, traten nun von selbst ein. »Rauchen Sie man zu!« sagte Papa Spengler, als ich mich über das Rauchverbot beschwerte. Ich rauchte nun drauf los. Und wie! Als einmal abends die Runde kam, war die »Zelle für reinliche Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren« so mit Tabaksdampf gefüllt, daß nichts zu sehen war. »Sind Sie da?« rief die Runde und ich antwortete aus der Tabakswolke: »Jawohl!«, worauf die Runde lachend abzog.

Den Selbstbeköstigern ließ man tagsüber die Zellen offen, so daß sie ungeniert miteinander verkehren konnten. Bei einem Gefangenen, der wegen Bankerotts verurteilt war; wurden mehrmals Kaffeekränzchen abgehalten, wenn seine Töchter zu Besuch waren.

Inzwischen kam mir der Gefängnisgeistliche auf den Hals, um mich zum Besuche des Gefängnisgottesdienstes zu veranlassen. Spengler hatte diese[135] Sache in mein Belieben gestellt und der Geistliche wendete darum kein anderes Mittel als seine Überredungskunst an. Damit erreichte er bei mir natürlich nichts. Wir unterhielten uns recht gut, aber er kam nicht wieder.

Die Bänke in der Kirche waren mit Bretterverschlägen so eingerichtet, daß die Häftlinge wohl den Prediger, aber sich nicht untereinander sehen konnten.

Zu Weihnachten war es Brauch, daß für die Gefangenen ein Weihnachtsbaum zurecht gemacht wurde. Man erzählte sich, daß unter anderem »Konfekt« auch gesalzene und geräucherte Heringe daran zu hängen pflegten. Um sechs Uhr morgens sollten sich am ersten Weihnachtsfeiertag die sämtlichen Häftlinge um den Baum versammeln, der nach Absingung eines geistlichen Liedes geplündert werden sollte. Davon sollte ich nicht dispensiert werden, wie mir ausdrücklich angekündigt wurde. Aber ich beschloß, alles zu tun, um mich dieser mir äußerst widerwärtig erscheinenden »Zeremonie« zu entziehen. Kurz vor sechs Uhr erschien die Runde und mahnte mich. Ich blieb ruhig liegen. Bald erschien sehr aufgeregt der Herr Assistent des Inspektors mit einem Wärter und hieß mich aufstehen. »Sie wollen wohl Widerstand leisten?« rief er. »Durchaus nicht!«, erwiderte ich, »führen Sie mich hinunter, meinetwegen im Hemde. Da wird Fräulein Spengler sich freuen.« Diese, die Tochter des Inspektors, leitete nämlich die Weihnachtsfeier. So verstrichen unter dem Hin- und Herreden noch einige Minuten und plötzlich erscholl drunten der feierliche Choral: »O heil'ger Geist, kehr' bei uns ein!« oder »Es ist das Heil uns kommen her.« Der Assistent zog grimmig ab und so blieb es mir erspart, diese »Feier« mitzumachen.

Es kamen auch sehr ernste Dinge vor. Es befanden sich viele Frauen im Gefängnis und in einem nicht weit von meiner Zelle befindlichen Saal waren etwa dreißig Prostituierte zusammengesperrt. Die Wärter, welche durch ein Schiebfensterchen den Saal übersehen konnten, erzählten von unglaublichen Dingen, die da drinnen vorgingen. In die Straße, die an dem Garten des Mädchenpensionats vorüberführte, kamen des Nachts manchmal die Zuhälter der gefangenen Prostituierten und unterhielten sich über die Mauer des Gartens herüber mit diesen. Es war keine Blumensprache, in der diese Unterhaltungen geführt wurden, und die Inhaberin des Pensionats beschwerte sich bei Papa Spengler. Dieser erließ ein strenges Verbot; als es aber nicht gehalten wurde, ließ er die Zellenfenster belauschen, aus denen gesprochen wurde. Drei Frauen wurden ermittelt, die an der Unterhaltung teilgenommen; ein Selbstbeköstiger, der schlechte Witze aus seinem Fenster gerufen, erhielt ein »Hafengitter« vor das Fenster genagelt. Die drei Frauen wurden auf Grund der Gefängnisordnung zu je sechzehn Stockschlägen verurteilt.

Diese Strafe konnte nur mit Zustimmung des Polizeidirektors vollstreckt werden. Sie wurde eingeholt und Papa Spengler lud mich ein, der Exekution beizuwohnen. Ich lehnte dies ab und gab mir keine Mühe, meinen Unwillen über die Prügelei zu verbergen. Darüber wurde Spengler[136] erregt und erklärte, der Gefängnisverwaltung müßten solche Disziplinarmittel zur Verfügung stehen. »Ja«, sagte er, »Becker hat auch im »Volksfreund« gegen die Prügelstrafe losgezogen, aber ich fürchte mich vor keiner Kritik; ich habe das Recht!«

Offenbar um mir zu beweisen, daß er sich wirklich vor keiner Kritik fürchte, ließ Spengler die Exekution vor meiner Tür auf dem Korridor vornehmen. Ich hörte das Jammergeschrei der Frauen, die draußen vorgeführt wurden, und stellte mir vor, wie sie, nachdem man ihnen eine Art dünner Hofe übergezogen, auf den »Bock« geschnallt wurden. Nun hörte ich die Schläge auf dem Körper aufklatschen und ein Gemütsmensch unter den Wärtern meinte nachher, die Streiche seien »auf keinen edlen Teil« verabreicht worden. Zwei der Frauen schrieen furchtbar; die dritte verbiß den Schmerz und sagte den Peinigern Grobheiten, wofür sie nachher ins »schwarze Loch« kam. Es wurde mir nachher der über daumensdicke Haselstock gezeigt, mit dem die Prügelei ausgeführt worden war. Ich brauche kaum zu sagen, daß mein Abscheu vor der Prügelstrafe infolge dieses Erlebnisses den Gipfelpunkt erreichte. Noch ein anderer Vorfall bewegte mich tief. Eines Abends vernahm ich vor meiner Tür Klagen und Weinen von einer weiblichen Stimme. Ich hörte zu. Ein Dienstmädchen war von seiner Herrschaft eines geringfügigen Diebstahls bezichtigt und in Haft genommen worden. Sie erklärte sich für unschuldig und bat so flehentlich, daß es hätte einen Stein erweichen müssen, den Wärter, sie nicht allein in ein finsteres Loch zu sperren. Allein der Wärter mußte seinen Befehl vollziehen und noch lange tönte mir der Schrei des unglücklichen Mädchens in den Ohren, den es ausstieß, als es in die dunkle Zelle geschoben wurde. Der Wärter sagte mir am anderen Morgen, er hätte vor Aufregung nicht schlafen können, aber das arme Kind sei freigelassen, da sich seine Unschuld herausgestellt habe.

Die Neujahrsnacht von 1872 auf 73 verbrachte ich trübselig in meiner Zelle; ein Punsch und eine Zusammenkunft mit den Nachbarn waren abgeschlagen worden. Abends als es zwölf Uhr schlug und ich an meinem Gitterfenster stand, öffnete sich in einem gegenüberliegenden Hause, wo man mich kannte, ein Fenster; eine Frauengestalt trank mir zu und warf mir eine Kußhand herüber. Dergleichen Gefängnisromantik wird man heute nicht so leicht mehr finden.

Ich hatte auch ein Verhör beim Untersuchungsrichter respektive dessen Stellvertreter zu bestehen. Dieser war ein junger Justizreferendar namens Otto, der mich sehr freundlich behandelte. Ich konnte nicht ahnen, daß aus diesem Justizreferendar sich der allgewaltige Staatsminister von Otto entwickeln werde, und er konnte nicht ahnen, daß er siebzehn Jahre lang ein »Joch« tragen werde, das ihm dieser junge Gefangene auferlegen sollte. Bei der Reichstagswahl von 1907 unterlag ich, nachdem ich Braunschweig siebzehn Jahre ununterbrochen im Reichstage vertreten, und der Minister von Otto gab in einem Trinkspruch seiner Freude Ausdruck, daß nunmehr dies »Joch« von ihm genommen sei.[137]

Während meiner unfreiwilligen Muße studierte ich eifrig die mir zugängliche sozialistische Literatur. Von den Schriften Lassalles waren mir manche noch nicht bekannt; sie wurden nun vorgenommen. Auch den ersten Band des »Kapital« von Karl Marx studierte ich mit aller Aufmerksamkeit; desgleichen die Arbeiterfrage von Lange und noch einige kleinere Werke.

Als meine Strafzeit abgelaufen war, sagte mir Papa Spengler, daß er die Unterhaltungen, die wir jeden Nachmittag gepflogen, ungern vermisse. »Kommen Sie bald wieder!« meinte er lachend.

Ich bin aber nicht wieder zu ihm gekommen.

Die Freude über meine Wiederkehr in die Freiheit wurde mir durch meinen – Schneider beeinträchtigt. Dieser hatte mir einen neuen Anzug ins Klostergefängnis gebracht. Ich hielt darin stolz meinen Auszug. Aber ich wurde dadurch sehr herabgestimmt, daß der Schneider sofort das Geld für den Anzug haben wollte. Vergebens stellte ich ihm vor, daß ich erst meine Verhältnisse wieder ordnen müsse und erst in einigen Tagen das Geld beschaffen könne. Er gab nicht nach und drohte schließlich, ich müsse den Anzug wieder hergeben. Diesem Elend wurde durch Bracke ein Ende gemacht; der bereitwillig für den Anzug Bürgschaft leistete. Dann gings endlich in die Wirtschaft, wo mich meine Freunde erwarteten. Die hübsche Tochter des Wirtes, bei der ich gut angeschrieben war, hatte schon von dem Zwischenfall mit dem Anzug gehört.

»Wie soll man Sie trösten über Ihr Mißgeschick?« sagte die Schöne, indem sie ihre glänzenden braunen Augen tief in die meinen bohrte. »Erst drei Monate sitzen und dann die Freude über die erlangte Freiheit so elend verdorben!«

»Sie können mich leicht trösten«, sagte ich mutwillig, »indem Sie mir einen recht schönen Kuß geben!«

Sie sah mich einen Moment seltsam an; dann sagte sie hastig:

»Diesen Trost sollen Sie haben – aber ruhig abwarten!«

Ich saß im trauten Freundeskreise, von allen Seiten zur wiedererlangten Freiheit beglückwünscht. Eben war der Beifall verklungen, der dem Trinkspruch eines Freundes gefolgt war – da wurde plötzlich das Gas ausgedreht, weiche Arme umschlangen mich in der Dunkelheit und ein feuriger Kuß brannte auf meinen Lippen. Ich war getröstet worden. Bis das Gas wieder brannte, war die Trösterin weit weg von mir und tat gar nicht, als ob etwas Ungewöhnliches geschehen wäre!

In die Redaktion war inzwischen, da Lyser fortging und Becker an einem historischen Werke arbeitete, noch Samuel Kokosky aus Königsberg eingetreten, ein hochbegabter Jurist, in dessen verkrüppeltem Körper ein starker Geist wohnte. Trotz seines Unglücks – er hatte über ein Jahrzehnt im Bette zubringen müssen und war halb gelähmt geblieben – besaß er einen prächtigen Humor, mit dem er in der Folge den Parteitagen manche heitere Stunde bereitete. Er schloß sich unserer Tafelrunde an, deren Gemütlichkeit aber dadurch beeinträchtigt wurde, daß er so leicht keinen anderen zu Worte kommen ließ.[138]

Um diese Zeit fanden in Braunschweig Neuwahlen zur Stadtverordnetenversammlung statt. Bracke war der Meinung, um einen Erfolg zu erzielen, müsse man sich mit den Resten der bürgerlichen Demokratie verbinden, die es in Braunschweig gab. Er schlug vor, beide Richtungen sollten einen »demokratischen Wahlverein« bilden und gemeinsame Kandidaten aufstellen. Er kam den bürgerlichen Demokraten sehr weit entgegen und schlug vor, aus dem Eisenacher Programm von 1869 den zehnten Punkt zu streichen, die anderen neun Punkte aber zum Programm des demokratischen Wahlvereins zu machen. Diese neun Punkte hatten ursprünglich das sogenannte Chemnitzer Programm gebildet, welches sich die sächsische Volkspartei, die aus radikalen Demokraten und Sozialdemokraten bestand, 1866 zu Chemnitz gegeben hatte. 1869 wurden diese neun Punkte, die eigentlich nur die Forderungen der bürgerlichen Demokratie enthielten, in das Eisenacher Programm aufgenommen und ihnen als zehnter Punkt hinzugefügt:

»Staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit für freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien.«

Dieser Punkt zehn wurde, als der einzige sozialdemokratische des Programms4, von den Mitgliedern der Eisenacher als sehr wichtig betrachtet und es erregte Erstaunen, daß Bracke ihn so leicht preisgab. Ohnedies waren die eigentlichen bürgerlichen Demokraten in Braunschweig gering an Zahl und bildeten keine organisierte Partei. Aber Bracke rechnete darauf, durch die Verbindung mit ihnen die im Bürgertum damals noch zahlreich vorhandenen und »wild« sich herumtreibenden demokratischen Elemente heranzuziehen, von denen man wußte, daß in ihnen die Erinnerungen an 1848 noch lebendig waren. Diese Berechnung traf denn auch zu.

In der Sozialdemokratie war man damals, bei der Gespaltenheit der Bewegung und der oftmaligen Umbildung der Programme, prinzipiell und taktisch nicht so gefestigt, wie später. Wir ließen uns in der großen Parteiversammlung, wo Bracke seinen Vorschlag begründete, alle von seiner glänzenden Beredsamkeit mitreißen. Der demokratische Wahlverein ward beschlossen, der Punkt zehn des Programms ward ihm geopfert. Die Partei selbst blieb dabei unverändert weiterbestehen.

Der neue Wahlverein, zu dessen Schriftführer ich erkoren wurde, hatte zunächst einen großen Erfolg. Bracke und drei Demokraten wurden zu Stadtverordneten gewählt. Der Jubel in der Arbeiterschaft war groß und die neuen Stadtverordneten leisteten unter des rastlosen Bracke geschickter Führung tüchtige Arbeit.

Aber außerhalb Braunschweigs fand der demokratische Wahlverein entschiedenen Widerspruch in der Partei. Im Leipziger »Volksstaat« griff Bebel in einem längeren Artikel die Sonderorganisation an.[139] Bracke erwiderte ihm. Indessen erwuchsen aus dieser Angelegenheit weiter keine Zwistigkeiten. Die bald eintretende Wahlbewegung für den Reichstag nahm alle Aufmerksamkeit der Parteigenossen in Anspruch und der demokratische Wahlverein schlummerte sanft ein, um niemals wieder zu erwachen.

Um diese Zeit erreichte der Kampf zwischen den beiden sozialdemokratischen Fraktionen, den Eisenachern und den Lassalleanern, seine größte Heftigkeit und führte zu den gehässigsten persönlichen Angriffen. Es gab auf beiden Seiten viele, die auf eine Einigung hinarbeiteten, aber das war bei dem einmal erwachten Fanatismus gefährlich. Das mußte auch unser Kollege Lyser erfahren, der auf einer Agitationstour mit mehreren Führern der Lassalleaner zusammengekommen war und sich für die Einigung ausgesprochen hatte. Er schrieb nachher an einen jener Lassalleaner einen Brief, in dem er die Gehässigkeit des Kampfes scharf verurteilte. Der Brief kam an die Öffentlichkeit und so wurde Lyser auf dem Eisenacher Kongreß von 1873 aus der Partei ausgeschlossen. Dies ist heute um so weniger begreiflich, als die Vereinigung der beiden Richtungen anderthalb Jahre später erfolgte. Auch Becker, Kokosky und ich stimmten für den Ausschluß. Ich leugne nicht, daß ich bei jenem Bruderzwist viel mitgesündigt habe.

Die journalistischen und anderen Exzesse, die bei dem Kampfe zwischen »Lassalleanern« und »Eisenachern« seinerzeit begangen wurden, gehörten zu den Kinderkrankheiten oder, wenn man lieber will, zu den Jugendtorheiten der Sozialdemokratie. Wie jeder gesunde Junge, so hat auch jede junge und lebenskräftige Partei ihre Flegeljahre. Bei bürgerlichen Parteien sind dergleichen Exzesse auch vorgekommen. Wenn sich Parteien mit mörderischen Waffen auf dem Schlachtfelde bekämpfen, so mögen andere darin eine höhere »Ethik« suchen, als etwa in Versammlungsprügeleien; wir tun da nicht mit. Jedenfalls hat durch den Krieg zwischen Eisenachern und Lassalleanern Deutschland keinen Schaden gelitten.

Die Presse nahm von diesen Dingen wenig Notiz, da die sozialistischen Gruppen damals klein waren. Welch ein Fressen für die Sensationsblätter, wenn dergleichen heute vorkäme! Aber gerade, daß wir so weit davon entfernt sind, beweist die innere Kraft der sozialistischen Bewegung. Wir haben keinen Grund, diese Dinge schamhaft zu verschweigen. Denn wir auf unsere Parteientwicklung zurückschauen. Denn wenn jener Fanatismus auch manchmal abstoßend erschien, so war er innerlich doch ein reiner und stand turmhoch über jenem schmutzigen Fanatismus, mit dem sich Agrarier und Finanzaristokraten um ihre Beute zu streiten pflegen.

Die Parteientwicklung in Braunschweig wurde von den Lassalleanern besonders scharf beobachtet, denn sie hatten hier einen Hauptstützpunkt gehabt, der nun an die Eisenacher verloren gegangen war. Dazu kam, daß sich Bernhard Becker, der einstige Nachfolger Lassalles, bei uns befand, der von den Lassalleanern ganz besonders gehaßt wurde. Er hatte an Lassalle eine[140] scharfe und manchmal boshafte Kritik geübt. Auch hatte er den Herrn von Hofstetten, einen ehemaligen bayerischen Offizier, den Schweitzer für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein zu gewinnen gewußt, recht boshaft in eine böse Falle gelockt. Hofstetten wurde nach Wien geschickt, um dort eine große Versammlung zu halten und die Wiener Arbeiter für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein zu gewinnen. Es gingen ihm die Geldmittel aus und in seiner Not vertraute er sich dem damals in Wien sich aufhaltenden Bernhard Becker an. Dieser überredete ihn, sich zu dem Grafen Platen, dem Bevollmächtigten des vertriebenen Königs von Hannover, und zu dem Pater Greuter, einem Führer der Ultramontanen, zu begeben und von diesen Unterstützung zu verlangen. Natürlich blitzte Hofstetten bei beiden ab. An demselben Abend, an dem die große Versammlung stattfinden sollte, veröffentlichte Becker in den Abendblättern, daß Hofstetten bei Herrn von Platen und Pater Greuter um Unterstützung nachgesucht habe. Man kann sich denken, wie die Wiener Arbeiter den doppelt geleimten Hofstetten abfahren ließen.

Becker bezeichnete die Führer der Lassalleaner als »weiße Blusen«.5 Der »Neue Sozialdemokrat«, das nunmehrige Organ des deutschen Arbeitervereins, blieb ihm die Antwort nicht schuldig.

Die Lassalleaner versuchten in Braunschweig wieder Boden zu fassen. Zuerst erschien der Lassalleaner Grottkau und versuchte unter den Maurern Anhänger zu werben. Er hatte keinen Erfolg, wurde aber von den Eisenachern durchaus anständig behandelt. Darauf verspottete er in einer öffentlichen Erklärung die Braunschweiger Sozialisten als naive Leute, die nicht den Mut gehabt hätten, ihn zu verhauen. Dies rief eine im Verhältnis zur Sache fürchterliche Erregung hervor. Es wurde verabredet; bei der nächsten Gelegenheit weniger sanft zu sein.

Die Gelegenheit kam recht bald. Ein Lassalleaner Meyer berief eine Volksversammlung ein, zu der sieben der besten Redner des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins nach Braunschweig kamen.

Nachdem Meyer die überfüllte Versammlung eröffnet; wurde ein Bureau gewählt, das ganz aus »Eisenachern« bestand. Ich war Schriftführer. Als Hauptredner hatte Meyer den Lassalleaner Richter aus Wandsbek bestellt, der übrigens nach der Vereinigung der beiden Richtungen als unverbesserlicher Krakeeler ausgeschlossen wurde. Dieser erhielt nun das Wort nicht; sondern Bracke, der in damals gebräuchlicher Weise die Gegensatze zwischen den beiden Richtungen erörterte und Herrn von Schweitzer als einen Agenten der preußischen Regierung und als einen Stipendiaten des Reptilienfonds charakterisierte.

Richter war zweimal zu mir gekommen und hatte an »die Unparteilichkeit des Schriftführers« appelliert, um das Wort zu erhalten; ich konnte ihn nur an den Vorsitzenden verweisen. Aber die Versammlung beschloß auf Antrag Brackes, die Abgesandten Schweitzers überhaupt nicht sprechen zu lassen. Darauf erhob sich ein furchtbarer Tumult und es gab, wie sich[141] die Blätter ausdrückten, »schlagende Beweise«. Die Lassalleaner mußten für den Übermut Grottkaus schwer büßen.

Man geriet so hart aneinander, daß sich den zum Bureau flüchtenden Lassalleanern eine dichte verworrene Masse auf das Podium nachwälzte, wo wir an unserem Tische saßen. Die Hintersten drängten rücksichtlos nach und die Vordersten wurden so unwiderstehlich gegen uns geschoben, daß das gesamte Bureau mit seinem Tisch über die Rampe in den Saal hinabzufallen drohte. Diesem Schicksal entgingen wir schließlich auch nicht. Unten dicht am Podium standen die Setzer der Brackeschen Druckerei und riefen uns zu, nur getrost hinabzufallen. Sie streckten alle die Arme empor. Wir hatten auch gar keine andere Wahl und purzelten also »getrost« mitsamt dem Tisch in den Saal hinab. Die Setzer singen uns mit kräftigen Armen so geschickt auf, daß keiner die geringste Beschädigung erlitt.

Dieser Vorfall rief natürlich wiederum eine heftige Polemik in den gegenseitigen Parteiblättern hervor. Bei vielen von uns aber, zu denen auch ich gehörte, herrschte nachher eine katzenjämmerliche Stimmung. Eines solchen Sieges konnte man nicht froh werden. Übrigens kam ähnliches in Braunschweig nicht mehr vor.

Im Frühjahr 1873 erhielt ich von dem Ausschuß der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der damals in Hamburg seinen Sitz hatte, die Aufforderung, die Redaktion des »Volksstaat« in Leipzig, des Zentralorgans der Eisenacher Richtung, zu übernehmen, da dessen Redakteur Liebknecht die ihm im Leipziger Hochverratsprozeß zuerkannte zweijährige Festungshaft antreten mußte. Der »Volksstaat« erschien dreimal wöchentlich; finanziell bedeutete dieser Wechsel eine Verschlechterung, denn ich sollte nur 90 Mark monatlich erhalten. Bracke meinte, es sei »ein furchtbar ehrenvoller Posten«, zu dem ich als junger Mann von 23 Jahren da berufen werde. Ich nahm an. Mein Gehalt wurde übrigens bald etwas aufgebessert.

Ich verließ Braunschweig ungern, denn die schöne Kameradschaftlichkeit, die dort unter den Parteigenossen herrschte, hatte mir sehr gefallen.

Von dem damaligen Freundeskreis ist außer mir nur noch Bonhorst am Leben. Bernhard Becker zerfiel abermals mit der Partei. Er hatte immer gesagt, wenn er alt werde, dann erschieße er sich. Dies tat er auch 1882 zu Lützen in seinem 56. Jahre und wußte seinen Freitod in solch ein Geheimnis zu hüllen, daß die Partei erst nach zehn Jahren davon erfuhr. Dieser merkwürdige Mann ist heute völlig vergessen, trotzdem er wertvolle Werke über Lassalle, über 1848–1849 und einiges andere veröffentlicht hat. Bei aller Gelehrsamkeit war er ein Freund des Klatsches und der Intrige; ich erfuhr erst später, daß er während meiner Hast Briefe meiner Braut aufgestöbert und mit dieser hinter meinem Rücken einen Briefwechsel geführt hatte.[142]

Fußnoten

1 Professor Friedrich Hirth in Wien hat in seinem Buche über Lyser, einer bedeutenden Forscherarbeit, diesen neuerdings gewürdigt.


2 Dieser Beschluß erklärt sich aus den Parteiwirren.


3 Zu diesem Schlagwort, das von reaktionären Demagogen im Kampfe gegen die Sozialdemokratie so oft mißbräuchlich angewendet wird, sei bemerkt, daß alle Groschen Arbeitergroschen sind. Geld ist nicht nur Tauschmittel und Wertmaß der in den Waren vergegenständlichten menschlichen Arbeit, sondern es ist auch selbst Ware und hat mit allen Waren gemeinsam, daß es Produkt menschlicher Arbeit ist. Sonach bestehen die in den Geldschränken der besitzenden Klassen aufgespeicherten Summen auch aus »Arbeitergroschen« und zwar meist aus solchen, die durch arbeitslosen Erwerb in die Hände der Eigentümer gekommen sind. Ich studierte damals im »Kapital« von Marx die Begriffe von »Ware« und »Geld« und dabei amüsierte mich sehr sein lapidarer Witz: »Geld ist Dreck, aber Dreck ist nicht Geld!


4 Franz Mehring meint, der revolutionäre Sinn der Lassalleschen Produktiv-Assoziationen mit Staatskre dit sei in dieser Form verschleiert gewesen.


5 So nannte man zur Zeit Napoleons III. in Paris die als Arbeiter verkleideten Lockspitzel.


Quelle:
Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. 2 Bde, 1. Band. München 1914, S. 143.
Lizenz:

Buchempfehlung

Schlegel, Dorothea

Florentin

Florentin

Der junge Vagabund Florin kann dem Grafen Schwarzenberg während einer Jagd das Leben retten und begleitet ihn als Gast auf sein Schloß. Dort lernt er Juliane, die Tochter des Grafen, kennen, die aber ist mit Eduard von Usingen verlobt. Ob das gut geht?

134 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon