XII.

Die Arbeiterpartei. Der Zeughaussturm.

[70] Der eben geschilderte Lohnkampf der Buchdrucker, an dessen Spitze ich gestanden hatte, bildete übrigens für mich nur eine Episode in jenem Bewegungsjahr. Wie es gekommen ist, daß ich überall so rasch ins Vordertreffen, an die exponiertesten Stellen kam, das kann ich heute nicht mehr sagen. Ich erinnere mich nur, daß ich von vielen Gewerkschaften ersucht wurde, den Vorsitz in ihren konstituierenden Versammlungen zu übernehmen, daß ich in vielen freisinnigen politischen Klubs freiwillig oder auf Verlangen der Anwesenden das Wort ergriff, so daß ich wohl eine gewisse Gewandtheit als Redner besessen haben mochte. Im konstitutionellen Klub, an dessen Spitze die Herren Crelinger und Wilhelm Jordan standen, erachtete man es in der Anfangszeit für angemessen, mich mit einigen anderen Personen meiner sozialpolitischen Richtung zu einer Sitzung einzuladen, zu der ich mich denn auch einfand und wo ich zu meiner Überraschung vom Präsidenten mit einer feierlichen Anrede empfangen wurde, die ich, ohne meinem Standpunkt etwas zu vergeben, geschickt genug beantwortete. Von derselben Seite wollte man mich auch auf die Liste der Kandidaten für das Frankfurter Parlament setzen, was ich mit der Begründung ablehnte, daß ich das vorgeschriebene Alter noch nicht erreicht hätte. Ich erwähne dies nur, um darauf hinzuweisen, daß man bei aller Unklarheit, die noch in den Köpfen herrschte, doch schon die Ahnung von der Macht hatte, welche in der arbeitenden Klasse lag, und sich deshalb früh bemühte, diese für sich zu gewinnen. Als ich dann wenige Wochen darauf nach dem Polizeipräsidium geladen wurde, wo man mir in höflicher Weise die Mitteilung machte, daß ich binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt Berlin zu verlassen hätte, und diese Neuigkeit sich wie ein Lauffeuer in den Abendversammlungen verbreitete, ergriffen alle Parteien sofort Partei für mich, Gemäßigte wie Demokraten sandten noch vor Mitternacht Abordnungen an den Polizeipräsidenten v. Minutoli, um gegen diese offenkundige Erneuerung der alten Willkürherrschaft, die man mit dem 18. März[70] begraben zu haben glaubte, einen lebhaften Protest zu erheben. Herr v. Minutoli tat, als wisse er von dieser Maßregel nicht das geringste. Er erklärte mich sogar für ein sehr nützliches Mitglied der Berliner Bevölkerung in einer Zeit, wo man nicht allzuviel Leute besitze, die einen glücklichen Einfluß auf die beschäftigungslosen Arbeiter auszuüben vermöchten; es verstände sich ganz von selbst, daß meine Ausweisung sofort rückgängig gemacht werde. Das Ergebnis der nächtlichen Intervention der Berliner politischen Klubs beim Polizeipräsidenten wurde mir auch ohne Verzug mitgeteilt. Ich war keinen Augenblick um den Ausgang dieses polizeilichen Reaktionsversuches in Sorge gewesen. In der Tat wurde ich bald mit meinem Freunde Bisky, der sich wieder in Berlin eingefunden hatte, nachdem er sich von einer im Barrikadenkampf erhaltenen Wunde in seiner Pommer'schen Heimat erholt hatte, zu einer vom Minister v. Patow mit Mitgliedern des Berliner Stadtrats berufenen besonderen Sitzung eingeladen, in welcher über Aufhebung der nach dem Muster von Paris eingerichteten sogenannten Nationalwerkstätten beraten wurde. Man hatte nämlich mehrere tausend Arbeitslose auf Kosten des Staates und der Stadt in der Nähe von Berlin damit beschäftigt, daß man sie eine Anzahl Sandhügel abtragen und an anderer Stelle aufschütten ließ, ein in keiner Weise durch irgend ein Bedürfnis gebotenes Unternehmen, auf das man eben nur gefallen war, weil man nichts Gescheiteres wußte. Daß das Ganze nur eine Komödie war, hatten die Arbeiter bald bemerkt. Sie taten deshalb so gut wie nichts, schaufelten so wenig wie möglich, eben nur etwas zu ihrer Belustigung, nahmen jedoch vergnügt den Lohn für ihre scheinbare Arbeit in Empfang. Es wurde deshalb beschlossen, da man das Geld der Steuerzahler nicht geradezu vergeuden durfte, sich nach einer, einigermaßen nutzenbringenden Beschäftigung für die »Rehberger« umzusehen. Die Änderungen, die hier vorgenommen werden mußten, waren natürlich ohne Unruhen nicht durchzusetzen.

Bei dieser Gelegenheit ging mir eine Aufklärung über die Lehre auf, daß nach der Ablösung des dritten Standes der vierte, derjenige der Arbeiter, zur Herrschaft gelangen solle, und daß damit alle Klassengegensätze endgültig aufhören würden. Es zeigte sich nun aber schon der fünfte Stand hinter dem vierten, derjenige der nicht gelernten Arbeiter, der bloßen Handlanger oder Tagelöhner, denen gegenüber die gelernten eine Art Aristokratie bildeten.[71] Erst hinter diesem fünften Stand kam das Lumpenproletariat als sechster. Und Marx hatte gemeint, das Lumpenproletariat werde man eben erbarmungslos ausrotten müssen. Das schien mir leichter gesagt als getan, es war auch nicht sein Ernst, wie es denn auch nicht mit der humanen Weltanschauung in Einklang zu bringen war, die schließlich doch mehr oder weniger in allen Gesellschaftsklassen herrschte. Die Humanität war aber schwerlich als eine aus der herrschenden Produktionsform zu erklärende ideologische Form anzuschauen.


Ob nun die materialistische Weltanschauung, der zufolge die gesamte Entwicklung der menschlichen Gesellschaft nur von der Magenfrage abhänge, ob die Meinung, daß alle von dieser Gesellschaft ausgegangenen geistigen Schöpfungen nur ein Ausfluß materiellen Bedürfnisses der herrschenden Klasse seien, wirklich auf Wahrheit beruhte? Jene Behauptung erschien mir jetzt nicht mehr als ganz und gar unanfechtbar. Doch hinderte die Einsicht, daß hinter der vierten aufstrebenden Klasse schon eine fünfte stehe, und auch der entstehende Zweifel an der Richtigkeit der materialistischen Weltanschauung mich nicht, an der Organisation des vierten Standes mitzuarbeiten, ohne dabei die Tatsache aus den Augen zu verlieren, daß der Sieg des dritten Standes, dessen liberales Programm erst dem vierten die Wege bahnen konnte, allem vorangehen müsse. Deshalb enthielt ich mich möglichst aller heftigen Ausfälle gegen die Bourgeoisie, als geschlossene Klasse existierte sie ja in Berlin und in ganz Ostdeutschland noch nicht, wo die moderne, gewerbliche Entwicklung eine diesen Namen verdienende Großindustrie noch nicht geschaffen hatte.


Das Wort »Klassengegensätze« hatte damals, an den wirklichen Zuständen Deutschlands gemessen, kaum eine Berechtigung. Wenn man wenige Gewerbe, die der Maschinenbauer, der Buchdrucker und noch einige andere ausnahm, so gab es wohl Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der Meister aber war in der Regel nichts anderes als ein ehemaliger Geselle. Es waren zwei Altersstufen vorhanden, keine zwei Klassen. In den Köpfen herrschten dabei noch die Vorstellungen von den verschiedenen Standesstufen, die aus dem Zunftwesen in die Zeit der Gewerbefreiheit sich hinübergerettet hatten, der Geselle war, wie oben schon gesagt, dem[72] Meister nach dessen patriarchalischen Anschauungen untergeordnet, doch war ihm der Weg zur Meisterschaft, solange das Handwerk nicht fabrikmäßig betrieben wurde, nicht verschlossen. Vorherrschend war in den Städten Deutschlands im Jahre 1848 – einige Punkte im Rheinland ausgenommen – das Kleinbürgertum, das sich aus Handwerkern und Krämern zusammensetzte, und den breiten Mittelstand bildete. Dieser kleinbürgerliche Mittelstand war durchwegs liberal und schloß sich in liberaler Gesinnung den sogenannten Honoratioren, Kaufleuten und Beamten an, deren Bildung sich mit einer längeren Herrschaft des Absolutismus nicht vertrug und deshalb mit dem eigentlichen Volk des Mittelstandes die Umwälzung des 18. März als eine Erlösung aufnahm. Deutschland wäre noch eine kurze Zeit im Stande der vertrauensseligen politischen Unschuld geblieben, in welchem es sich vor dem 18. März und auch in den nächsten Tagen befand, wenn nicht die »kleine, aber mächtige Partei« der Junker sofort mit entschiedenem Klassenbewußtsein aufgetreten wäre und rücksichtslos die Reaktion in Szene gesetzt hätte. Der feudale Adel sah seine Interessen bedroht und er wartete keinen Tag, um sich zu einer festen Phalanx zusammenzuschließen. Die absolute Monarchie gab er als unhaltbar auf, in der konstitutionellen Monarchie aber, die nicht mehr zu umgehen war, wollte er seinen maßgebenden privilegierten Platz behaupten. Das ist ihm, genau genommen, bis zur heutigen Stunde gelungen.

Die Stadt Berlin hatte nach dem 18. März nur noch einen großen Tag, denjenigen, an welchem die gesamte Bevölkerung sich zu einer Huldigung für die Opfer des Freiheitskampfes einmütig zusammenfand. Es war am 4. Juni. Endlos war der Zug, der auf dem Gendarmenmarkt und den benachbarten Straßen sich ordnete, um nach dem Friedrichshain zum Grabe der Kämpfer des 18. März zu ziehen. In warmen Worten wurde denen, welchen das Morgenrot einer neuen Zeit in das brechende Auge geleuchtet, der Dank des Vaterlandes dargebracht. Mit mehreren andern war ich an jenem denkwürdigen Tage zum Sprecher bei dem feierlichen Akt bestimmt worden. Für den Studentenverein sprach Gaudenz von Salis, ein Enkel des Dichters, mit hinreißender Glut. Ich habe ihn in der Schweiz einige Jahre darauf wiedergesehen. Die Flügel schienen ihm beschnitten. Er ist früh gestorben. Es haben manche von uns nach den schönen Tagen[73] heißen Kampfes sich in die darauf folgenden Jahre stillen Furchenziehens im Gleichmaß des Alltagslebens nur schwer gefunden.

Daß die von der junkerlichen Partei organisierte Reaktion früh in Tätigkeit trat und ihr jedes Mittel, das zum Ziele führte, recht war, davon gab der Sturm auf das Zeughaus, der zu einer Zeit sich vollzog, wo auch nicht das geringste Anzeichen das Herannahen eines revolutionären Ereignisses ankündigte, den vollen Beweis. Bei eintretender Nacht verbreitete sich in der Stadt die Nachricht, daß einige hundert Leute aus der untersten Schicht der Bevölkerung in das Zeughaus eingebrochen seien und dasselbe plünderten. Der Kommandant der Bürgerwehr, Herr Rimpler, ließ den Generalmarsch schlagen, rasch waren die Bataillone zusammen getrommelt, ich schloß mich dem des Handwerkervereins an, das ohne Verzug zum Zeughaus marschierte und vor dessen Tor in der Gießhausgasse und auf einem Platz in der Nähe des Gießhauses aufgestellt wurde. Aus dem Tore des Zeughauses und aus dessen niederen Fenstern flohen die Plünderer mit Waffen bepackt, die ihnen von unserer Seite abgenommen und aufgeschichtet wurden. Es waren darunter auch neuerfundene Zündnadelgewehre, die damals noch als Staatsgeheimnis betrachtet wurden. An der Stelle, wo unser Bataillon Wache hielt, konnte keines dieser Gewehre fortgeschleppt werden. Unsere Wirksamkeit beschränkte sich darauf, dem Gesindel seinen Raub abzunehmen. War das geschehen, so ließen wir die Burschen laufen. Sie gefangen zu nehmen, hielten wir nicht für unsere Aufgabe, sondern für diejenige der Polizei, die ja im Hintergrunde des Schauplatzes zahlreich genug vertreten war. Sie mochte unter den scheu Abziehenden manches Individuum erkennen, das schon durch ihre Hände gegangen war. Als das Bataillon spät in der Nacht entlassen wurde und ich auf dem Heimweg alles, was ich bei diesem Zeughaussturm beobachtet hatte, einer Prüfung unterzog, konnte ich mich des Verdachtes nicht erwehren, daß ich hier einem von der Reaktion ausgeheckten und in Szene gesetzten politischen Schachzug beigewohnt hatte. Daß die Leute, welche die Tore des Zeughauses mit Balken eingerammt hatten, oder durch die eingeschlagenen Fenster eingestiegen waren, und darauf mit Beute beladen abzogen, hier nicht aus freiheitlicher Begeisterung gehandelt hatten, etwa in der Absicht, die Revolution, die zu versumpfen drohte, zu Ende zu führen, davon überzeugte[74] man sich auf den ersten Blick. Wer allein konnte aus diesem fatalen Ereignis Nutzen ziehen? Die von allen Seiten sich ankündende Reaktion. In der Tat erhob sich am nächsten Tage der Vertreter des Kriegsministeriums zu einer nicht ohne Eindruck bleibenden Rede, in welcher er auf die aus den Märzereignissen hervorgegangenen Zügellosigkeit der Massen hinwies, die am Staatsgut sich vergriffen hätten, und sogar die Geheimnisse des Staates dem Auslande zugänglich machten. Er wies auf die Notwendigkeit der Rückkehr zu strengeren Regierungsmaßregeln hin.

Daß der Zeughaussturm von der Regierung zu ihren Zwecken ausgebeutet werden würde, war ja vorauszusehen. Fern lag mir jedoch der Gedanke, daß das Ministerium selber von den Machinationen etwas wußte, die eine Gruppe entschlossener Reaktionäre auf eigene Faust gesponnen hatte. Den Verdacht, daß man es hier mit einem bestellten und bezahlten politischen Streich zu tun gehabt, konnte ich nicht mehr unterdrücken, und so sprach ich ihn auch in meinem Blatte, »Das Volk«, ungescheut aus.

Einige meiner ältesten Freunde, wie z.B. Ehrenreich Eichholz, der später die Redaktion der Weserzeitung übernahm, machten mir bittere Vorwürfe über meinen, die politischen Gegner einer so unerhörten Handlung bezichtigenden Artikel; das betrübte mich, aber ich hatte doch richtig beobachtet. Denn als ich einige Jahre später in Zürich lebte, und dort mit dem Historiker, Professor Adolph Schmidt, der alsdann von Zürich nach Jena berufen wurde, in Freundschaft verbunden war, kam eines Tages zufällig die Rede auf den Zeughaussturm. Ich erzählte ihm, daß ich wegen meiner Beurteilung dieses Zwischenfalls manche brave Seele verletzt hatte. »Lassen Sie es gut sein«, erwiderte Professor Schmidt, »Sie hatten vollkommen recht. Der Bürgerwehrkommandant Rimpler, der nach jenem Zeughaussturm seine Entlassung nahm, hat mir die Dokumente über diesen Fall zu späterer, eventueller Benutzung übergeben, sie sind noch in meinem Verwahrsam. Der Zeughaussturm war ein von der Reaktion eingefädeltes Manöver. Die den Beweis hierfür abgebenden Dokumente sollen der Öffentlichkeit nicht vorenthalten bleiben.«

Quelle:
Born, Stephan: Erinnerungen eines Achtundvierzigers. Berlin, Bonn 1978, S. 70-75.
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