XIII.

Praktische Sozialpolitik.

[75] Die Organisation der Arbeiter zu einer starken, geschlossenen Partei, so verstand ich meine Aufgabe, mußte der Organisation der Arbeit, zu welcher auch der vageste Plan nicht vorhanden war und auch nicht vorhanden sein konnte, vorausgehen. Zu jener Organisation habe ich durch Berufung des ersten deutschen Arbeiterkongresses nach Berlin den Grundstein gelegt. Diesem Kongreß ging die Bildung eines Zentralkomitees voraus, in welchem ich zum Vorsitzenden ernannt wurde und das dazu bestimmt war, den Mittelpunkt einer über ganz Deutschland sich ausbreitenden Arbeiter-Verbindung zu bilden. In dem Statut hieß es: »Wir nehmen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand, und niemand soll sie uns wieder entreißen.« Organ des Zentralkomitees war die von mir gegründete, weiter oben genannte sozialpolitische Zeitschrift: »Das Volk«, die dreimal wöchentlich seit dem 1. Juni erschien. Meine Einsicht in die wirkliche Lage und die Mittel, welche dem Sieger über das absolutistische Regiment nach dessen Beseitigung zu Gebote standen, hinderte mich, Politik ins Blaue hinein zu treiben, wie soviele andere es taten. Der Vorschlag des jungen Schlöffel, auf revolutionärem Wege eine Änderung des oktroyierten Wahlgesetzes zu erringen, wurde von mir bekämpft, weil ich eingesehen hatte, daß die Reaktion, die ihre Streitmittel mit überraschender Schnelligkeit gesammelt hatte, nur auf den Versuch einer neuen Erhebung wartete, um sie mit den in der Nähe von Berlin zusammengezogenen militärischen Kräften niederzuschlagen und das für die Freiheit Errungene wieder zu vernichten. Der Schlöffel'sche Plan kam infolge der Opposition, die er von mir und meinen Freunden erfuhr, nicht zur Ausführung. Zur Kennzeichnung meiner Auffassung der damaligen Lage mögen übrigens einige Zeilen aus dem Programm meiner Zeitschrift dienen. »Das Volk«, so erklärte ich in seiner ersten Nummer, habe den Zweck, einerseits das Bürgertum zu unterstützen im Widerstand gegen die Aristokratie, im Kampfe gegen die noch aufrecht gebliebenen Institutionen des Mittelalters, gegen die Mächte von Gottes Gnaden, andererseits dem kleinen Gewerbetreibenden wie dem Arbeiter beizustehen gegen die Macht des Kapitals und immer voran zu schreiten,[76] wo es gelte, dem Volke ein irgend noch vorenthaltenes politisches Recht zu erkämpfen, damit es die Mittel erhalte, sich die soziale Freiheit, die unabhängige Existenz um so schneller zu erringen.

Der Stubengelehrte wird immer leicht zum Doktrinär und als solcher sieht er nur einen einzigen Weg, der zu dem vermeintlichen Ziele führt. Die Sorge um ein letztes ideales Ziel überließ ich kommenden Jahrhunderten; mein Ziel ging nicht über das zunächst zu Erringende hinaus, nämlich, ich habe es oben angegeben, aus der formlosen, ungefügen Masse nach Überwindung der zunächst sich entgegenstellenden Schwierigkeiten eine geordnete Armee zu bilden, welche einem aller Welt verständlichen und ausführbaren Programm gehorchte. Engels hat gegen mich den Vorwurf erhoben, »in den Veröffentlichungen der von mir begründeten Organisation seien die Auffassungen des kommunistischen Manifestes mit Zunfterinnerungen und Zunftwünschen, Abfällen von Louis Blanc und Proudhon, Schutzzöllnerei usw. durcheinander geworfen.« Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Ich konnte es nicht verhindern, daß sich in der allerersten Zeit auch solche Stimmen in unseren Versammlungen vernehmen ließen, die, nach dem Beispiel der Kleinmeister, die Gewerbefreiheit und die Handelsfreiheit als die Quelle alles Unheils betrachteten und ihre sehnsüchtigen Blicke nach dem wirtschaftlich überwundenen Zunftwesen zurückwandten. Gibt es ja heute, nach einem halben Jahrhundert noch eine Partei, die dasselbe anstrebt. Weder im »Volk« noch in der »Verbrüderung«, die ich herausgab, und über deren Inhalt ich allein zu bestimmen hatte, findet sich jedoch eine Zeile mit wirtschaftlich reaktionärer Tendenz. Engels, der es mir nicht verzeihen konnte, daß ich arbeitete, ohne vorher bei ihm, dem päpstlichen Staatssekretär in Köln, Verhaltungsbefehle einzuholen, hat mich zu jener Zeit ruhig gewähren lassen, nicht mit einem Wink mir ein Zeichen seines Mißfallens kund gegeben. Erst viele Jahre später, als die persönlichen Verbindungen aufgehört hatten, rückte er mit dem weiteren Vorwurf heraus, »ich habe es mit meiner Verwandlung in eine politische Größe etwas zu eilig gehabt und mich mit den verschiedenartigsten Krethi und Plethi verbündet, um nur einen Haufen zusammen zu bekommen.« Ich sehe aus diesen Worten, daß er mich trotz langen persönlichen Verkehrs sehr schlecht gekannt hat. Ich hatte damals, mit[77] dreiundzwanzig Jahren, auch nicht entfernt die Absicht, mich »in eine politische Größe« zu verwandeln. Was ich tat, geschah auf den Impuls meines jugendlichen Idealismus hin, der mich freilich nicht hinderte, die Dinge und die Menschen zu sehen, wie sie in Wirklichkeit waren, sodaß ich meinen Mitarbeitern nichts zumutete, was sie nicht zu leisten vermochten. Mit ehrenwerter Unparteilichkeit nimmt Franz Mehring in seiner »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« mich gegen die Engels'schen Beschuldigungen in Schutz. »Wollte Born«, sagt er, »die Arbeiter als Klasse organisieren, so mußte er mit dem Gedankenkreise rechnen, in dem sie sich vorläufig erst bewegen konnten, und er hat es wenigstens nicht an Eifer fehlen lassen, sie über ihren Horizont hinauszuführen ... Entschieden trat Born aller Zünftelei entgegen; er sagte, es sei keinem Staat, der einmal die Großindustrie eingeführt habe, mehr möglich, zu einer schon niedergegangenen Produktionsweise zurückzukehren, ohne sich zu ruinieren oder eine ganz untergeordnete Stellung in der Reihe der europäischen Staaten einzunehmen.« Daß der Gedanke Louis Blancs, durch die Gründung von Produktiv-Genossenschaften und staatliche Unterstützung derselben einer neuen Produktionsform vorzuarbeiten, als das Nächstliegende bei vielen Leuten und auch bei uns Anklang fand, kann niemand auffallen. Dieser Gedanke drängte sich zunächst allen auf, die sich mit sozialen Fragen beschäftigten. Er wurde von der »Verbrüderung« nicht bekämpft, es geschah von meiner Seite sogar vieles, um die Gründung solcher Genossenschaften zu empfehlen. Und schließlich hat Lassalle diesen Gedanken wieder mit Eifer aufgenommen. Er hat freilich deshalb auch von Marx'scher Seite harte Angriffe erfahren müssen.

Dies, was Louis Blanc betrifft.

Wie ich damals über Proudhon dachte, davon möge ein Artikel Zeugnis ablegen, den ich bei dem Scheitern der von ihm gegründeten Volksbank veröffentlichte. »Wir haben diesem Unternehmen«, sagte ich, »durchaus keinen Beifall zugeklatscht, und wenn sein Untergang uns auch betrübt, so überrascht er uns doch nicht, denn wir haben diesen Ausgang fast mit Sicherheit erwartet, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil eine Idee, sie mag noch so groß und wahr sein, niemals da ohne weiteres zur Ausführung gebracht werden kann, wo die Elemente zur Ausführung nicht in hinreichendem Maße vorhanden sind. Wir[78] haben immer die Organisation der Arbeiter über die Organisation der Arbeit gestellt, immer die politische Emanzipation der arbeitenden Klasse vorausgesetzt, ehe wir eine größere, in alle Gesellschaftskreise greifende Ausführung sozialer Ideen für möglich hielten ... In die Zwangsjacke eines Systems läßt sich die menschliche Gesellschaft, dieser stets lebendige stets sich erneuernde, schöpferische Organismus ebensowenig hineinzwängen, wie man einer um sich greifenden Verarmung mit Volksbanken entgegenwirken kann, die ihre Fonds aus den Taschen der Armen nehmen müssen. Wir fragen, welche Zukunft, welche Lebensfähigkeit hatte die Volksbank, wenn sie zu Grunde gehen mußte – wegen eines Prozesses des Herrn Proudhon? Mit der Volksbank wollte Proudhon die neue Welt aufbauen, in der Volksbank ruhte seine Lösung der sozialen Frage, und wegen sechs Monate Gefängnis und einiger tausend Franken Strafe, wozu Bürger Proudhon verurteilt wurde, ist die Welt wieder um ihren Heiland und ihren Erlöser geprellt. Wir können ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken, denken wir an die kleinen Eitelkeiten, die der großen Volksbewegung die Wege lichten wollten, ihr als die Josuas der Neuzeit im Prophetengewande voranziehen, nicht aber, um selbst mit dreinzuschlagen, das zackige Schwert zu führen, nein – um sich bewundern zu lassen. Da kommt Herr Considérant, ein Prophet zweiten Ranges, und will Herrn Proudhon die Erfindung der Volksbank streitig machen. Wie erbärmlich dieser kleine Krieg zwischen zwei Persönlichkeiten zu einer Zeit, wo die ganze Welt mit Entwürfen schwanger ist, die Erde bebt von den Tritten zweier großen Heeresmassen, die mit rasender Kampflust einander näher rücken und sich bald das Weiße der Augen zeigen werden, zu einer Zeit, wo eine in Ungarn von Dembinski oder Bem gewonnene Schlacht mehr wert ist als sämtliche gedruckten und ungedruckten Werke der Bürger Proudhon und Considérant zusammen, in einer Zeit, in welcher die größten Berühmtheiten sich an einem einzigen Tage abnützen.«

Das hier Mitgeteilte ist charakteristisch für meine damalige Denk- und Ausdrucksweise, und ich weiß es Herrn Franz Mehring Dank, daß er es in seinem Geschichtswerk angeführt hat. Der Satz »in die Zwangsjacke eines Systems läßt sich die menschliche Gesellschaft nicht hineinzwängen«, beweist zugleich, welchen Eindruck das im Sommer 1848 erschienene »Kommunistische Manifest« auf[79] mich hat machen müssen. Das Manifest war freilich schon kurz vor der Februarrevolution als »ausführlich theoretisches und praktisches Parteiprogramm« des Bundes der Kommunisten abgefaßt. War es nun praktisch, in jenen ersten Tagen der sozialen Bewegung von einem Ziel zu sprechen, das heute, nach fünfzig Jahren, noch niemanden in einem nur einigermaßen bestimmten Bilde sich darstellt? Ist überhaupt die Ersetzung des Privateigentums durch ein Gesamteigentum, oder wie man später sich ausdrückte, durch die »Verstaatlichung aller Arbeitsmittel« die Lösung, die als unbestreitbares Ergebnis der Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse sich uns aufdrängt? Und angenommen, die wissenschaftliche Betrachtung der Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens der Menschheit hätte zu diesem nicht mehr abzuweisenden Ergebnis geführt, so konnte es sich dabei ja doch nur um ein aus dem Nebel weit entfernter Zukunft sich ankündigendes Resultat geschichts-philosophischer Forschung handeln, aber nicht um etwas, was mit den Bedürfnissen der Gegenwart irgend welchen Zusammenhang hatte. Engels hat in seinem Buch »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« den Kommunismus, weil er ihn aus der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit als den Endpunkt der heutigen Bewegung zu erkennen glaubte, noch zu erleben gehofft. Er steckte als Beurteiler der Welt, in der er lebte, in großer Unklarheit. Von seinen wiederholten Prophezeiungen über den bevorstehenden Zusammenbruch dieser schnöden Welt ist auch keine in Erfüllung gegangen, wenngleich er den Termin für diesen Zusammenbruch von Zeit zu Zeit etwas hinausrückte. Was mich betrifft, so beschränkte sich im Lauf der Jahre mein Blick in die Zukunft auf die Erkenntnis, daß ohne Zweifel der bisherige Eigentumsbegriff wie in allen vergangenen Zeiten eine fortschreitende Wandlung in dem Sinne erfahren werde, daß durch den Willen des Volkes gewisse, nicht mehr aufrecht zu erhaltende, auf dem Kollektivbesitz von Aktiengesellschaften beruhende Unternehmungen, wenn die Notwendigkeit es dringend zum Besten der Gesamtheit erfordert, in den Besitz der Gesamtheit, d.h. des Staates, übergehen werden. Dieser Prozeß hat längst begonnen, in monarchischen, wie in republikanischen Staaten, und wie die Straßen und Brücken, die Posten und Telegraphen, die Schulen, die Museen und Bibliotheken, die städtische Beleuchtung, Parks und Erholungsanstalten, die Spitäler[80] und mannigfaltigen Einrichtungen zum Besten des Gemeinwohls sich mehr und mehr im Geist unserer Zeit ausdehnen und vervollkommnen und immer neue Zweige der verschiedensten Einzelunternehmungen sich in Unternehmungen der Gemeinden oder Staaten umwandeln, wie man in der Schweiz Gemeindekäsereien und in Dorfgemeinden aller Länder gemeinsame Bäckereien besitzt, so werden sicher sehr viele andere der gemeinsamen Ausbeutung zugängliche Unternehmungen nach und nach in die Leitung einer größeren oder geringeren Gemeinsamkeit übergehen. Der Kampf aller gegen alle, wie er aus dem manchesterlichen Dogma des »freien Spiels der wirtschaftlichen Kräfte« sich entwickelt hat, wird nicht ewig dauern, werden ihm ja doch schon von Jahr zu Jahr, sogar in der Bourgeois-Gesetzgebung Schranken gesetzt. Daß daraus aber in noch so entfernter Zeit sich die Aufhebung des bürgerlichen oder Privateigentums – beide, sich nicht ganz deckende Ausdrücke wechseln im »kommunistischen Manifest« ab, – ergeben müsse, ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. Dieser Überzeugung sind, wie aus so vielen ihrer Kundgebungen hervorgeht, auch die meisten Führer der sozialdemokratischen Partei. Sie gehen deshalb mit Recht auf die Aufforderung nicht ein, doch mit einem klaren Bilde von ihrem Zukunftsstaat ihre Anhänger wie ihre Gegner zu erfreuen. Zur Zeichnung eines solchen Bildes, wenn sie dazu nicht die phantastischen Farben eines Romanschreibers wählen wollen, fehlt es an jeglichem positiven Material. Die sozialdemokratischen Führer haben sich auch nach manchen Schwankungen über die Frage, ob sie an der Reformarbeit sich beteiligen sollen, die auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung möglich ist, schließlich zur Beteiligung an derselben entschlossen. So werden sie schrittweise aus Sozialrevolutionären zu Sozialreformern.

In einem Lande wie die Schweiz, wo nahezu die letzten Konsequenzen demokratischen Staatslebens gezogen worden sind, wo zum allgemeinen, geheimen Stimmrecht die Wahl der Regierenden und der Richter durch das Volk gekommen ist, die Volksabstimmung über neue Gesetze und die Volksinitiative in der Gesetzgebung Regel geworden, fällt es der sozialdemokratischen Partei gar nicht ein, sich als eine revolutionäre Partei auszuspielen. Hier regiert das mehr oder weniger gut informierte, durch den Stimmzettel seinen Willen kundgebende Volk. Vor einigen[81] Jahren erklärte ich in einem in Basel gehaltenen Vortrag über die soziale Bewegung, daß, wenn jemals die Gefahr eintreten sollte, daß die Weissagung von der allgemeinen Verelendung d.h. von der schließlichen Aufsaugung des gesamten Besitztums der mittleren Volksschichten durch Millionen besitzende Kapitalisten sich zu erfüllen drohte, so daß es im Lande schließlich nur Krösusse und Bettler gäbe, wir zuverlässig die Mittel finden würden, solcher Kalamität durch unsere Gesetzgebung vorzubeugen. Ich fühlte, als ich diesen Satz aussprach, daß die Versammlung mit mir in vollstem Einverständnis sich befand. Der letzten Konsequenz der Lehre vom »freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte« würde jedes Volk, auch wenn es nicht im Besitz des Referendums und der Initiative ist, durch gesetzliche Maßregeln vorzubeugen wissen. In den nordamerikanischen Freistaaten, wo die ganze Bevölkerung fieberhaft dem Gotte Dollar nachjagt, und wo es der Association der Geldmächte, den das ganze wirtschaftliche Leben der Nation umklammernden Ringen des Großkapitals gelungen ist, den Staat und die ihrer Ausbeutung überlieferten arbeitenden Klassen ihren Zwecken dienstbar zu machen, kann und wird diesen Ringen durch die Reform der Gesetzgebung das Handwerk gelegt werden. Wer aber möchte behaupten, daß der trockne, alle Ideologie verachtende Amerikaner deshalb bis zur Aufhebung des Privateigentums vorgehen werde?

Jedem unbefangenen Beobachter drängt sich die Wahrnehmung auf, daß seit dem jetzt verflossenen halben Jahrhundert ein neuer Geist die Herrschaft über die Bevölkerung aller europäischen Staaten gewonnen hat. Der »um seine Emanzipation kämpfende vierte Stand«, wie der Exminister Herr von Berlepsch sich kürzlich ausdrückte, ist zu einer Macht geworden, die von Jahr zu Jahr an Stärke zunimmt, damit aber an revolutionärem Charakter verlieren muß. Revolutionär sind nur diejenigen, die noch um die ersten elementaren Rechte des Staatsbürgers kämpfen müssen. Revolutionär waren die mit dem allgemeinen Stimmrecht noch nicht ausgestatteten Barrikadenkämpfer des 24. Februar, des 13. und 18. März 1848, revolutionär die Arbeiter, welche gemeinsam mit der Bourgeoisie für die Einheit Deutschlands kämpften. Mit jedem Stück, das erreicht worden, mußte sich der revolutionäre Charakter der Bewegung abschwächen. Reden in dem Ton, wie sie einst Hasenclever und andere vor einigen Jahrzehnten noch gehalten, sind für Deutschland heute vollständig veraltet. Diejenigen[82] politischen Rechte, die dem »vierten Stand« noch vorenthalten sind, wird er auf friedlichem Wege und in nicht allzu langer Zeit besitzen; dafür erhitzt sich niemand mehr. Auf dem politischen Gebiet ist ein großes Terrain gewonnen worden. Nicht den geringsten Fortschritt hingegen in der Eroberung der Geister haben die kommunistischen Ideen gemacht, wie sie das von Marx und Engels unterzeichnete Manifest vom Ende des Jahres 1847 entwickelt. Verfolgt man übrigens die Vorreden zu diesem Manifest, (die erste ist vom Jahre 1872, die letzte vom Jahre 1890) so erkennt man darin auch, daß die Verfasser dieses historisch hochinteressanten und wichtigen Aktenstückes, zuletzt der Marx überlebende Engels, an dem ursprünglich gewählten Ausdruck »kommunistisch« selbst nicht mehr absolut festhalten. In jener Vorrede des Jahres 1890 heißt es: »Derjenige Teil der Arbeiter, der von der Unzulänglichkeit bloßer politischer Umwälzungen überzeugt, eine gründliche Umgestaltung der Gesellschaft forderte, nannte sich damals (1847) kommunistisch. Es war ein nur im Rauhen gearbeiteter, nur instinktiver, manchmal etwas roher Kommunismus, aber er war mächtig genug, um zwei Systeme des utopistischen Kommunismus zu erzeugen, in Frankreich den »ikarischen Cabets«, in Deutschland den von Weitling. Sozialismus bedeutete 1847 eine Bourgeois-Bewegung, Kommunismus eine Arbeiter-Bewegung: Der Sozialismus war, auf dem Kontinent wenigstens, salonfähig, der Kommunismus war das gerade Gegenteil. Und da wir schon damals sehr entschieden der Ansicht waren, daß »die Emanzipation der Arbeiter das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muß,« so konnten wir keinen Augenblick im Zweifel sein, welchen der beiden Namen zu wählen. Auch seitdem ist es uns nie eingefallen, ihn zurückzuweisen.

So schrieb Engels am 1. Mai 1890. »Kommunistisch« nannte er also das von ihm und Marx 1847 verfaßte Manifest, weil der Sozialismus angeblich damals schon salonfähig in der Bourgeoisie war. Wir können die eben zitierten Worte nicht ohne weiteres hingehen lassen. Der »utopische Kommunismus« war weder in Frankreich noch in Deutschland vor 1848 so verbreitet, daß er dort die Aufstände von 1834 in Lyon und die Februarrevolution von 1848 in Paris, in Berlin den Aufstand vom 18. März 1848 hätte hervorrufen können. Die kleine Sekte der Cabetisten kam gar nicht in Betracht in einem Lande, wo der Arbeiter seit der großen französischen Revolution, gewissermaßen von der Tradition[83] geleitet, um seine politische Gleichberechtigung und um eine Erhöhung seines gesamten Lebensstandes in den Kampf ging; von Weitling war kaum der Name in die Arbeiterkreise Deutschlands gedrungen. Als er 1848 in Berlin erschien und dort eine Rolle zu spielen versuchte, wurde er kaum beachtet. Nicht die Urheber kommunistischer Systeme, die mit ihren Ideen über den kleinen Kreis von ein paar hundert Menschen nicht hinausgedrungen waren, haben 1848 die Arbeiter-Bewegung gemacht, sondern, wie es in der eben zitierten Vorrede verlangt wurde, so geschah es in Wirklichkeit: Die Emanzipation der Arbeiter, ohne Anerkennung, ja ohne Kenntnis irgend eines in festen Formen vorhandenen sozialistischen Systems, war das Werk der Arbeiter selbst, sie wird auch ihr Werk bleiben. Die Anschauung stimmt ja auch zu der im Manifest dargelegten historischen Entwicklung des Klassenkampfes.

Es ist meiner bescheidenen Ansicht nach ein großer Widerspruch in der Marx'schen Theorie, daß diese auf dem im vorigen Jahrhundert zuerst aufgetretenen, heutzutage in das Bewußtsein aller Mitlebenden übergegangenen Entwicklungsgedanken beruht und dennoch dem geschichtlichen Werdegang nicht die Gestaltung der Zukunft anheimstellt, sondern schon vor fünfzig Jahren von einer unausbleiblichen kommunistischen Gesellschaft spricht, in welcher, weil dann die Klasse der Lohnarbeiter zur Herrschaft gelangt wäre, aller Klassenkampf überhaupt aufhören würde. Dieser Gedanke, er mag von nationalökonomischem Gesichtspunkte aus noch so geistreich begründet worden sein, lebt heute ebensowenig wie vor fünfzig Jahren im Bewußtsein des Volkes. Der Glaube, den Entwicklungsgang der Menschheit, als unterliege er wie der Gang der Gestirne unfehlbaren mathematischen Gesetzen, in mehr als allgemeinen Linien vorausbestimmen zu können, ist sicher ein Irrtum. Wo man es mit dem Menschen zu tun hat, da ist man niemals im Besitz aller Faktoren, die in Rechnung gezogen werden müßten, wollte man ein genaues Ergebnis aus der Betrachtung seiner individuellen und seiner nationalen Rolle im Haushalt der Natur ziehen. Gewisse, das Gesamtergebnis beeinflussende Faktoren wird man immer übersehen oder man wird als konstantes Element das angesehen haben, was nur eine vorübergehende Erscheinung war. Wie bestechend auch die Marx'sche Weltbetrachtung sein mag, die alles was ist, aus wirtschaftlichen Ursachen erklärt, so ist sie sicher[84] nicht das letzte Wort der Philosophie der Geschichte. Die den Entwicklungsgang der Menschheit bestimmenden Impulse und Ideen entspringen wohl aus dem materiell gebundenen menschlichen Organismus, aber einmal in der Welt wirksam, setzen sie ihr eigenes, unvergängliches Leben Jahrhunderte hindurch fort, bis sie modifiziert oder von anderen Ideen abgelöst werden, die wiederum Kinder der Not und des Zeitbedürfnisses, die Herrschaft mit dem rein stofflichen Alltagszwang teilen, ja, in großen Entwicklungsmomenten sie vorübergehend ganz allein übernehmen.

Quelle:
Born, Stephan: Erinnerungen eines Achtundvierzigers. Berlin, Bonn 1978, S. 75-85.
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