XIV.

Der erste deutsche Arbeiterkongreß. »Die Verbrüderung«.

[85] Auf den 6. April 1848 berief ich mit einigen Freunden in Berlin eine Arbeiterversammlung, deren Vorsitz zu übernehmen ich ersucht wurde. Die Berliner Zeitungen rühmten die große Ordnung, die bei aller Lebendigkeit und Frische der Verhandlungen in dieser Versammlung waltete. Gegenüber einigen in Hamburg und Mainz verunglückten Versuchen, sich über ein Programm zu verständigen, gelangte man zu dem, was zunächst notwendig war, zum Beginn einer Organisation.

Die Deputierten der verschiedenen Gewerke bildeten auf meine Anregung aus sich heraus ein Zentralkomitee, das seinerseits einen Ausschuß von fünf Mitgliedern zur Ausarbeitung von Vorlagen an jenes Zentralkomitee wählte. Erst die von diesem genehmigten oder modifizierten Vorlagen sollten an die Deputationsversammlungen und von diesen an die einzelnen Gewerke und Arbeiterklubs gehen. Jeder Versuch, diesen Beginn einer Organisation zu stören, wurde abgewiesen, auch ein solcher des wohlmeinenden Geheimrats Lette, der an der Spitze eines »Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen« gestanden und in humanitären Unternehmungen manches Gute geleistet hat. Er wollte uns überreden, die beabsichtigte Organisation in Verbindung mit den Unternehmern auszugestalten. Nachdem er schon – ich folge hier dem Buche Dr. Georg Adlers1 – durch ein Flugblatt[85] hierauf hinzuwirken gesucht, erschien er persönlich in einer der Deputationsversammlung der Arbeiter und trug seine Ansichten vor. Er wurde aber von mir in die Minderheit gebracht, indem ich darauf hinwies, daß eine im Interesse der Arbeiter liegende Verständigung mit den Unternehmern nur dann möglich sei, wenn die ersteren zuvor gesondert ihre Interessen gewahrt hätten, da sonst der Einfluß der Unternehmer dominieren oder mangels Einigung gar keine Beschlußfassung zustande käme: »Gründe«, sagt Dr. Adler, »deren Berechtigung viele Jahre später noch im Reichstage vom preußischen Staatsminister von Bötticher anerkannt wurden (gelegentlich der Beratung der im Unfallversicherungs-Gesetzentwurf vorgesehenen Arbeiterausschüsse.)« Diese Gründe leuchteten auch den Arbeitern ein und sie verwarfen demgemäß Lettes Vorschläge.

Der erste deutsche Arbeiterkongreß, der nach mehrtägigen ernsten Beratungen ein im wesentlichen den Anforderungen jener Zeit entsprechendes Programm aufstellte und dessen Organisationsplan nach und nach in einem beträchtlichen Teil Deutschlands angenommen wurde und die Grundlage für die späteren Parteiverbindungen abgab, wurde von mir am 23. August eröffnet. Auf meinen Antrag wählte die Versammlung ein Mitglied der Nationalversammlung, den ehrwürdigen Professor Nees v. Esenbeck, Delegierten des Breslauer Arbeiter-Vereins, zum ersten Präsidenten. Zum zweiten Präsidenten wurde ich, zum Protokollführer Bisky gewählt. Die Arbeiten dieses Kongresses dauerten bis zum 3. September. Das Ergebnis derselben umfaßt eine Broschüre, die unter den aus jener Zeit erhaltenen Dokumenten ohne Zweifel noch in einigen Exemplaren sich vorfindet. Sie enthält die Statuten der von dem Kongreß gegründeten Arbeiter-Verbrüderung, zugleich die Forderungen jenes Kongresses, sein Programm. Es kann nicht auffallen, daß in diesem ersten Kongreß einige Gedanken, die vor einer strengen Kritik nicht bestehen können, trotz lebendigster Redekämpfe schließlich um des lieben Friedens willen in dem Aktenstück stehen geblieben sind, das dennoch, alles in allem, für jene Zeit einen großen Sieg über säkuläre, von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzte Vorurteile bedeutet. Schon der einzige Abschnitt über Volkserziehung und Schule zeigt, wie sehr der Horizont des arbeitenden Volkes sich nach jenen Gewittertagen des März geklärt hat. Gar manche der in diesem Abschnitt damals aufgestellen[86] Forderungen warten in dem einen und andern deutschen Staat noch heute ihrer Verwirklichung. Wirtschaftlich weist das Programm mit Nachdruck auf die Gründung von Konsum- und Produktionsgenossenschaften und auf Beteiligung des Arbeiters am Gewinn des Unternehmers hin. Im Gegensatz zu Schulze-Delitzsch, der allein auf Selbsthilfe rechnete, wird in der »Verbrüderung« die Staatshilfe in Aussicht genommen. Gewiß, weder die Selbsthilfler noch die Staatshilfler haben bis zur Stunde an Stelle der alten Gesellschaft eine ganz neue Gesellschaft mit ausschließlich kollektivistischer Produktionsform gesetzt. Das beweist nur, daß bis zur Stunde die Bedingungen zur Herstellung einer die Produktionsform der freien Konkurrenz ablösenden anderen Produktionsform nicht vorhanden waren, daß eine so ungeheure wirtschaftliche Wandlung, wie sie von einer Seite gefordert wird, eine vollständige Wandlung menschlicher Geistesrichtung, um nicht zu sagen der menschlichen Natur voraussetzt, und deshalb, wenn sie überhaupt stattfinden soll, einen sehr großen Zeitraum zu ihrem Vollzuge voraussetzt. Bei solchen Kongreßbeschlüssen kann es sich ja selbstverständlich nur um praktische, in absehbarer Zeit zu verwirklichende Aufgaben einer Partei handeln. Die Zeit selber, welche stets mit unerwarteten neuen Faktoren auftritt, wirkt nach und nach mit einem gebieterischen »Du mußt!« ihrerseits mit und führt nur zu häufig allzu kühne Vorausberechnungen ad absurdum. Das wichtigste Resultat des Kongresses war jedenfalls die aus ihm hervorgegangene, sich ziemlich rasch aufbauende Organisation des vierten Standes.

Sonderbar erscheint mir heute der vom Geometer Schweninger formulierte und wider alles Erwarten durchgegangene Vorschlag der Wahl besonderer Komitees in den Bezirks-Vereinen, welche den Minimallohn bestimmen, die Löhne der Arbeiter von den Unternehmern einkassieren und an die Arbeiter zur Auszahlung bringen sollten. Letzteres bezweckte die Möglichkeit eines zehnprozentigen Abzuges vom Lohne zur Gründung einer Kreditbank, aus deren Mitteln der Bund Häuser und Äcker zur Benutzung für die Arbeiter zu erwerben gedachte. Dieser Vorschlag gründete sich auf ein Experiment, das nach Schweningers Bericht bei einem Unternehmen in Westfalen auf dem Wege der Ausführung sich befand. Im Grunde schwebte dem Kongreß die Gründung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe als das[87] Nächstliegende vor. Solche Genossenschaften, so rationell sie erscheinen, werden der Staatshilfe noch lange entbehren, es sei denn, daß sie durch ihre geschäftliche Führung und ihre Leistungen ein Vertrauen sich erworben haben, welches freilich an sich schon ihnen den Kredit einer Bank sichern sollte, so daß sie, wie daraus zu schließen wäre, auch ohne Staatshilfe bestehen könnten. Diesen Genossenschaften fehlte es bis jetzt in der Regel an der höheren kaufmännischen Leitung. Man sollte meinen, daß sie diese unschwer erlangen müßten, sobald sie auf die gleiche Besoldung aller Beteiligten verzichten und die unentbehrliche höhere Leistung auch höher honorieren. Dann dürfte sich auch dem Mangel an Betriebskapital abhelfen lassen. In England haben eine beträchtliche Anzahl von Produktivgenossenschaften zu den schönsten Ergebnissen geführt. Dabei stellte sich mehr und mehr die Tatsache heraus, daß im vierten Stande selber eine Scheidung seiner mannigfaltigen Elemente zu Tage tritt, so- daß die nicht den Genossenschaften angehörenden, auf einer unteren Stufe stehenden Arbeiter an den Besserungen im Lebensstand nicht teilnehmen und die Zahl der Paupers vermehren, aus denen nach Ablauf einer geraumen Zeit ein fünfter, nach Erlösung trachtender Stand sich gestalten wird. So will es augenscheinlich die Entwicklung der Menschheit. Utopistisch erscheint bei dieser Erfahrung jedes System, welches darauf ausgeht, die ganze leidende Menschheit auf einmal zu vollkommener materieller Unabhängigkeit zu führen. Soweit man in die Zukunft zu blicken vermag, bleibt immer ein großer Rest übrig, der nach unsäglichen Anstrengungen sich endlich zur Freiheit durchringt, und dieser Rest ist niemals der letzte.

Der Kongreß ernannte zum Schluß ein Zentralkomitee für die deutschen Arbeiter, welches die Aufgabe hatte, die beschlossene Organisation überall da ins Leben zu rufen, wo sie Schwierigkeiten begegnete, und da, wo sie begonnen hatte sie kräftigst zu unterstützen. Zu diesem Zwecke sollte dem Zentralkomitee eine zunächst zweimal wöchentlich erscheinende Zeitschrift, »Die Verbrüderung« dienen, welche die Prinzipien der großen Arbeiterverbindung zu erläutern und zugleich einen Sprechsaal für die arbeitende Klasse abzugeben hatte. Diese Zeitschrift, von Anfang Oktober 1848 bis Anfang Mai 1849 von mir redigiert, ist das einzige Dokument aus meiner Jugendzeit, das sich in meinem Besitz erhalten hat. Indem ich es heute betrachte und durchgehe,[88] kann ich mich einer gewissen inneren Bewegung nicht erwehren. Ein Jugendtraum voll warmer Hoffnungen und verlockender erster Blütenansätze, eine Zeit raschen Entschließens und begeisterten Handelns wird mit diesen vergilbten Blättern wieder lebendig für mich, und sie enthalten weniges, das ich nicht geschrieben haben möchte in jenen schönen Tagen reinster Selbstlosigkeit und gesegneter Rücksichtslosigkeit, wo einem der Gedanke fern liegt, was wohl die andern zu unserem Tun sagen mögen, wo wir, auf uns allein gestellt, nur von dem einen Drang bestimmt werden, unsere Pflicht zu erfüllen und alles übrige zu verachten.

Ich war mit zwei anderen Mitgliedern des Berliner Kongresses, Schweninger und Kick, in das Zentralkomitee gewählt worden, das seinen Sitz in Leipzig aufzuschlagen hatte. Das Geschäftliche des von mir redigierten Parteiorgans »Die Verbrüderung« übernahm der Buchhändler Ludwig Schreck, er ließ das Blatt bis zum 1. Januar, wo unsere erste Assoziation, die Vereinsdruckerei, ins Leben trat, bei Brockhaus drucken. Der vornehmste Leipziger Buchdrucker lieh seine Lettern und seine Pressen zur Herstellung eines Arbeiterblattes her, das auf jeder Seite seinen revolutionären Ursprung bekundete. Auch darin ist das bald erloschene Frührot jener neuen Zeit zu erkennen.

Fußnoten

1 Die Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland. Breslau 1885. S. 160.


Quelle:
Born, Stephan: Erinnerungen eines Achtundvierzigers. Berlin, Bonn 1978, S. 89.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Erinnerungen eines Achtundvierzigers
Erinnerungen Eines Achtundvierzigers
Erinnerungen eines Achtundvierzigers
Erinnerungen Eines Achtundvierzigers (German Edition)

Buchempfehlung

Arnim, Bettina von

Märchen

Märchen

Die Ausgabe enthält drei frühe Märchen, die die Autorin 1808 zur Veröffentlichung in Achim von Arnims »Trösteinsamkeit« schrieb. Aus der Publikation wurde gut 100 Jahre lang nichts, aber aus Elisabeth Brentano wurde 1811 Bettina von Arnim. »Der Königssohn« »Hans ohne Bart« »Die blinde Königstochter« Das vierte Märchen schrieb von Arnim 1844-1848, Jahre nach dem Tode ihres Mannes 1831, gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter Gisela. »Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns«

116 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon