XIX.

Der Maiaufstand in Dresden.

1.

[108] Die Dresdner Bürgerwehr, richtiger »Kommunalgarde«, wollte im Schloßhof eine Demonstration zu gunsten der Reichsverfassung machen, sie wurde durch ihren Oberkommandanten, da er im entscheidenden Moment von seiner Stelle zurücktrat, daran verhindert. Die Bürger schämten sich, ohne etwas getan zu haben, wieder nach Hause zu gehen, sie hatten durch die Zeitungen eben erst erfahren, wie leicht es den Württembergern geworden, den Widerstand ihres Königs zu brechen, und es war auch eine allgemein verbreitete Ansicht unter den Dresdnern, Friedrich August wolle sich nur ein wenig drängen lassen, um dem König von Preußen gegenüber sich damit entschuldigen zu können, daß er vom Volkswillen zum Nachgeben gezwungen worden sei. Um 1 Uhr mittags sollte der Zug nach dem Schloßhof stattfinden und noch mehrere Stunden nachher stand die Kommunalgarde eines Kommandos gewärtig auf dem alten Markt. Das Volk sammelte sich während dieser Zeit sehr langsam auf den Straßen, erst allmählich sah man größere Trupps erscheinen, die sich aber ziemlich passiv verhielten bis auf einige Äußerungen, die man hie und da vernahm, die aber keineswegs sehr leidenschaftlichen Charakters waren. Es befanden sich noch in keiner Straße soviel Menschen, daß eine Hemmung der hin-und herrollenden Wagen hätte entstehen können. Das Militär war im Schloß, im Zeughause und in allen öffentlichen Gebäuden in der Nähe der Elbbrücke zusammengezogen, es ließ sich noch nirgends blicken; es unterließ es sogar, einzuschreiten, als ein kleiner Haufen junger Leute, die Pferde, die, wie man sagte, den König aus der Stadt bringen sollten, zurückhielt und vor alle Eingänge des Marstalls einige Stangen und Bretter hinlegte, die kaum eine Andeutung von Barrikaden waren. Ich ging mit einem Freunde nach der Elbbrücke. Auf einem Wirtshause in ihrer Nähe flatterte eine schwarzrotgoldene Fahne, etwa zwanzig Menschen sammelten sich um dieselbe und sprachen gegen den Besitzer den Wunsch aus, sie mitzunehmen. Dieser weigerte sich, sie herzugeben, tat es aber endlich, als sie ihm bezahlt wurde. Die Kommunalgarde blieb immer noch untätig, die geringe Anzahl tatkräftigen[109] Volkes aber, das sich zusammen gefunden, war unbewaffnet, und nichts natürlicher, als daß es seine Demonstrationen gegen das Zeughaus begann. Es lärmte in dessen Nähe und machte auch Miene, sich durch Gewalt Waffen zu holen. Da wurden drei Personen niedergeschossen und jetzt erst sah ich leidenschaftliche Gesichter.

Es wurde eine Leiche nach dem alten Markt gebracht. Es findet sich in solchen Momenten stets ein leerer Wagen, der dazu den Dienst leisten muß; es finden sich immer Menschen, die den Wagen mit seiner blutigen Last durch die erschreckten Straßen ziehen. Wir hörten Rachegeschrei. Eine Frau im Hause des zurückgetretenen Oberkommandanten, es war die berühmte Opernsängerin Schröder-Devrient, reißt das Fenster auf und schreit in unartikulierten Tönen zu uns hernieder, daß uns graust. Wir können keine Silbe verstehen, ihre heftigen Gebärden aber sagen allen nur zu klar, daß sie zum Kampf aufruft. Alles schreit nach Waffen und eilt hier- und dorthin, um sich in den Kampf zu werfen.

Auch die Kommunalgarde und die Turnerkompanie erhielten plötzlich den Befehl, nach dem Zeughaus zu marschieren. Ich schloß mich ihnen, wenn auch unbewaffnet, mit vielen andern an. »Haltet aus, Brüder!« so wurde ihnen vom Volke zugerufen, doch wir bemerkten manches bestürzte Gesicht unter den privilegierten Bewaffneten. Sie hatten keine Munition. Ein Teil dieser Mannschaft mochte wohl glauben, man marschiere vor das Zeughaus, um das dort zum Sturm bereitstehende, wütende Volk zu vertreiben; ein anderer, kleinerer Teil, um selbst mit Hand an das Zeughaus zu legen, dessen Haupttor jetzt durch eine verwegene Schar mehrfach mit einem Wagen angerannt wurde. Doch kaum gab es den Stößen nach, so öffnete es sich auch von innen und drei Kartätschenschüsse wurden hintereinander auf den dichten Volkshaufen abgefeuert. Die Kommunalgardisten stoben nach allen Seiten auseinander, nur die Turner hielten Stand und erschossen zwei Offiziere und einen Kanonier. Die Leichen der Volksstreiter wurden in das dem Zeughause gegenüberliegende Klinikum getragen. Während der darauffolgenden Nacht erstanden in allen Hauptstraßen die Barrikaden, die während sechs Tagen und Nächten mit hartnäckiger Ausdauer gehalten wurden. Die blutigen Vorgänge am Zeughause wiesen immer ernster auf die Notwendigkeit eines Oberkommandos hin. Der Oberstleutnant[110] Heinze, ehemals in griechischen Diensten, wurde zum Oberkommandanten ernannt, kurz nachdem man den Fehler begangen, Kommunalgarden und Turner nach Hause zu schicken, um sie, wie man sagte, »zur nötigen Zeit« wieder zusammenrufen zu lassen. Es war vorherzusehen, daß es allen Tambours der Welt nicht mehr gelingen werde, die Kommunalgarde auf die Straße zu rufen.

Am andern Tage begnügte man sich damit, mehr Barrikaden zu bauen. Ich erwartete von dem neuen Oberkommandanten, daß er wenigstens die wichtigsten Punkte werde besetzen lassen. Herr Heinze aber begnügte sich damit, mit einem der am wildesten sich gebärdenden Schreier, dessen ganzes Verdienst darin bestand, daß er den Helm eines gefangenen Reiters auf dem Kopfe trug und einen höchst lächerlichen Anblick darbot, in den Straßen umherzuziehen und Anordnungen anzubefehlen, die dem insurgierten Volke sein eigener Instinkt schon eingegeben. Auf dem Rathause wurden Schußwaffen und Sensen ausgeteilt. Wer ein Gewehr empfangen, konnte ohne weiteres damit fortgehen, wohin es ihm beliebte. Man dachte nicht daran, Kompagnien mit Führern zu formieren, alles lief bunt durcheinander.

Die daheim schon geordneten Zuzüge, die am 4. und 5. Mai, aus allen Orten des Landes kommend, in Dresden sich einstellten, brachten bald ein anderes Leben in die insurgierte Stadt.

Zu gleicher Zeit mit der Ernennung des Oberstleutnants Heinze zum Oberkommandanten der Kommunalgarde wurde auch von den in Dresden anwesenden Abgeordneten beider Kammern die provisorische Regierung gewählt. Nachdem die Abgeordneten Tzschirner, Heubner und Todt ihre Stellung eingenommen, ließen sie sogleich die anwesenden Kommunalgardisten und Freischaren den Eid auf die Reichsverfassung leisten und zur Verteidigung der Barrikaden kommandieren. Da kam mit einem Male die überraschende Meldung, das Zeughaus wolle sich übergeben. Ich war ganz in der Nähe, der Eingang zum Zeughaus war in der Tat schon von Kommunalgardisten besetzt und meinem anständigen Rock hatte ich es zu verdanken, daß man mir nicht wie andern Nichtuniformierten den Einlaß verweigerte. Ich erinnere mich, daß jemand hinter mir die Worte äußerte: »Was ist denn der mehr als ich, ich will auch hinein!« Der Mann hatte recht. Es war der gröbste Fehler, den man begehen konnte, daß man nicht die Massen in das Zeughaus eindringen ließ, Kommunalgardisten[111] waren ja in viel zu geringer Zahl erschienen. Im Hofe des Zeughauses war der Jubel allgemein, die Soldaten umarmten uns, wir tranken uns zu mit Hochs auf die Reichsverfassung, auf die Verbindung von Volk und Heer; ich war der sicheren Überzeugung, daß die Menschen, die sich hier so herzlich die Hände reichten, nie wieder gegeneinander die Waffen ergreifen könnten.

Da trat ein Offizier an mich heran, dem ich deutlich ansah, daß ihm bei der allgemeinen Freude nicht recht wohl zu Mute war. Er sagte etwas verlegen: »Mein Herr, daß hier nur kein Mißverständnis entsteht. Wir wollen das Zeughaus nicht an das Gesindel übergeben, denn es ist unsere Pflicht, das Staatseigentum vor Plünderung zu bewahren. Die Besatzung soll teils aus Militär, teils aus Kommunalgardisten bestehen.« Etwa hundert bewaffnete Bürger, darunter zehn in Uniform, waren im Hofe des Zeughauses, und trotz des Generalmarsches, der auf Befehl des Oberkommandanten Heinze durch alle Straßen wirbelte, waren nicht mehr Kommunalgardisten aufzubringen, mit denen man das Zeughaus hätte besetzen können. Was Wunder, daß die Offiziere am andern Morgen die Konvention wieder aufhoben, die wenigen Männer aus dem Volke, die während der Nacht im Zeughause geblieben waren, fortschickten und die Eingänge schlössen? Wir hatten also keine Kanonen daraus entnehmen können, wie es auf unserer Seite die Absicht gewesen war.

Quelle:
Born, Stephan: Erinnerungen eines Achtundvierzigers. Berlin, Bonn 1978, S. 108-112.
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