VIII.

1848. Die Februarrevolution in Paris.

Aufstandsversuche in Brüssel.

Frau Marx. Reise nach Paris.

[42] Durch den oben erwähnten französischen Flüchtling Imbert, der in Brüssel im Besitz einer Fayencefabrik war, dazu einer tüchtigen Frau, einer lebhaften Marseillerin sich erfreute, die seine republikanischen Grundsätze teilte, sie jedoch mit ungebrochener katholischer Glaubenstreue vereinigte, hatten wir Fühlung mit der Bewegungspartei in Frankreich. Mitte Februar war er heimlich nach Paris gereist und als er zurückkehrte, versicherte er uns, daß es diesmal zu einem ernsten Aufstand kommen werde und wir uns auf große Ereignisse gefaßt zu machen hätten. Er hatte seine Kenntnis von den sich vorbereitenden Dingen an der Quelle geschöpft, von wo aus die Bewegung in Fluß gebracht wurde.

So jämmerlich ist nie eine Monarchie gefallen, wie diejenige Louis-Philippes. Der verblendete König brauchte nicht einmal das von der äußersten Linken geforderte allgemeine Stimmrecht zu bewilligen; er brauchte nur zu rechter Zeit zu der von der gemäßigten Linken beantragten Erweiterung des bisherigen Stimmrechts seine Zustimmung zu geben und die Dinge hätten bis an sein Lebensende ausgehalten. Sein Nachfolger tat dann den weiteren Schritt und die Dynastie der Orleans existierte vielleicht heute noch auf dem französischen Thron. Wie ganz anders die europäischen Verhältnisse sich in diesem Fall gestaltet hätten! Nicht bloß die Weisheit, auch die Torheit der Fürsten steht im Dienste der geschichtlichen Entwicklung.

Am Abend des 24. Februar 1848 standen in Brüssel ein halbes Dutzend deutscher Jünglinge auf dem Perron des Bahnhofes, der nach Paris führenden Linie. Sie waren fast allein. Kein Zug war seit den Morgenstunden aus der französischen Hauptstadt angelangt, keine Nachricht über die Unruhen, die dort ausgebrochen waren. Die redlichen Einwohner der belgischen Hauptstadt[42] waren doch wohl etwas schwerblütige Leute, die erst warm werden mußten, ehe sie sich in Bewegung setzten. Die Neugierde nach dem, was vielleicht in Paris vorgefallen, plagte sie augenscheinlich nicht. Wir paar Deutsche waren, wie gesagt, fast allein auf dem Perron, wir, die Ausländer; doch nein, noch zwei Personen, ein Herr und eine Dame, standen dort stumm und mit sorgenvollem Blick in einer Ecke. Auch sie warteten auf einen Zug, der, wenn auch nicht von Paris, so doch von der französischen Grenze bald eintreffen mußte. Sie warteten augenscheinlich auf Nachrichten aus Frankreich. Manchmal fiel von ihnen ein düsterer Blick auf uns, wenn wir in fröhlicher Unterhaltung die Vermutungen und Hoffnungen aussprachen, die wir auf die Neuigkeiten setzten, die nun nicht lange mehr ausbleiben konnten. Sie errieten unsere Gedanken. Sie taten plötzlich einige Schritte vorwärts, denn ein langer Pfiff hatte die Annäherung des erwarteten Zuges angekündigt. Noch einen Augenblick, und er war im Bahnhof. Bevor er noch vollständig gehalten, sprang der Zugführer ab und rief mit gellender Stimme: »Le drapeau rouge flotte sur la tour de Valenciennes, la république est proclamée.«

Vive la république! ertönte es wie aus einem Munde aus unserer Mitte. Der Herr und die Dame aber, welche auch auf Neuigkeiten gewartet hatten, erblaßten und zogen sich eilig zurück. Es war, wie ein Bahnhofsbeamter uns sagte, der französische Gesandte, General Rumigny, mit seiner Gemahlin.

Mit der sinkenden Nacht wurde das große Ereignis in der ganzen Stadt bekannt. Die Cafés, die Bierhäuser in allen Gassen, namentlich auf dem altertümlichen großen Rathausplatz, füllten sich, überall erklang die Brabançonne und die Marseillaise; die friedsamen, verrosteten Stammgäste – Brüssel besaß zu allen Zeiten ein zahlreiches Philistertum – konnten ihre Plätze nicht behaupten, eine neue begeisterte Bevölkerung war plötzlich wie aus der Erde gewachsen, und halb verschüchtert, halb erstaunt oder aus ihrem zopfigen Traumdasein aufgerüttelt, sahen die Alten offnen Mundes dem Treiben der Jugend zu. Ich erinnere mich eines bildschönen, Lütticher Advokaten, Namens Tedesco, der in einem der großen Cafés, dem Versammlungsort der wohlhabenden Gesellschaft, auf einen Tisch stieg und die ihm nach vom Platz hereingestürmte Menge mit einer glühenden Rede in flammende Begeisterung versetzte. Fort zog er von einem der großen Cafés in das andere, und die Menge umdrängte überall den unwiderstehlichen[43] Feuergeist. Immer neue Massen zog er an, die er mit seinem Wort elektrisierte, und das Vive la république, mit welchem er jedesmal seine Rede schloß, erschallte als ein donnerndes Echo in der Volksbrandung, die auf den großen Plätzen immer gewaltigere Wogen schlug. Man hätte glauben mögen, daß in dieser Nacht das junge Königtum in Belgien vom Sturm vernichtet werden müßte.

Doch es sollte anders kommen, als man hatte erwarten dürfen. Auf dem neu errichteten belgischen Thron saß ein kluger Staatsmann, der sein Schifflein kaltblütig und weise durch die tosenden Wellen steuerte. Er rief seine liberalen Minister, die einflußreichsten Mitglieder der liberalen Kammer, er rief den Bürgermeister und den Gemeinderat von Brüssel zu sich und sagte zu den Herren: »Das Land hat mich zu sei nem König erwählt und ich habe als König stets den Willen des Landes geehrt, keine ernste Klage hat sich bisher gegen meine Regierung erhoben. Wozu Blut vergießen? Wenn das Land den Wunsch ausspricht, daß ich die mir anvertraute Krone niederlege, so werde ich dies ohne Sträuben tun. Um meinetwillen sollen nicht Bürger gegen Bürger mit Waffen sich bekriegen. Man sage mir ein Wort und ich gehe.«

Die anwesenden Volksabgeordneten der Vertreter der Hauptstadt waren von diesen Worten tief bewegt, und wie man am Abend vorher auf Straßen und Plätzen die Republik hatte hochleben lassen, so riefen sie jetzt: »Vive le roi!« In Belgien standen die Dinge denn doch anders als in Frankreich. Louis Philippe, der Sohn des Königsmörders Philippe-Egalité, war ein Hemmschuh der freiheitlichen Entwicklung des Landes geworden. König Leopold von Belgien hingegen war das Muster eines konstitutionellen Herrschers. Der koburgische Prinz verstand es, das Volk, an dessen Spitze er gestellt war, mit wunderbarem Geschick zu behandeln, er war sehr populär und er hatte seine Popularität nicht durch Anwendung schnell verbrauchter Künste, sondern durch verständiges Eingehen auf den besonderen Charakter seines Volkes und durch Einsicht in die Forderungen seiner Zeit erworben. Er konnte nichts Vernünftigeres tun, als seinen Willen kundgeben, freiwillig zurückzutreten, wenn er damit dem Wunsche seines Landes entgegenkomme.

Als am nächsten Tage die Worte des Königs bekannt wurden, hatte er seine Sache, auch der Gesamtbevölkerung gegenüber, schon halb gewonnen. Wohl war in der Nacht von den republikanischen[44] Gesellschaften alles auf einen in Szene zu setzenden Aufstand vorbereitet worden, doch fehlte der revolutionäre Hauch in der Hauptstadt. Ein paar leidenschaftliche Reden genügten denn doch nicht, einen König heute zu vertreiben, gegen den gestern noch kein Vorwurf sich erhoben hatte. Wohl füllten am Abend sich die Straßen und Plätze, die von den revolutionären Klubs getroffenen Anordnungen machten den Eingeweihten sich bemerklich, aber es kam nicht zum Barrikadenbau. Ehe damit noch begonnen wurde, rückte militärische Macht heran. Auf dem Rathausplatz erschien ein Regiment Infanterie in breitester Front; vor der Truppe der Oberst mit einem Tambour. Der Infanterie zur Seite stürmte eine Schwadron Dragoner heran. Die Aufruhrakte wurde verlesen. Nach dem dritten Trommelschlag sollte von den Waffen Gebrauch gemacht werden, wenn der Platz nicht geräumt würde. Auf die erste und zweite Warnung erscholl aus der dichten Menge ein schrilles Pfeifen, ein furchtbares, höhnisches Geschrei. Sie wich nicht vom Platze.

Der dritte Trommelschlag ertönte.

Es fiel kein Schuß. Mit gefälltem Bajonnett drängte die Infanterie unaufhaltsam vorwärts, die Reiter sprengten an einer Seite des Platzes, dicht beim Trottoir heran, und die Menge ergriff die Flucht. Ich stand mit Engels auf dem Trottoir, vor dem Eingang in eines der vielen Cafés; zu meiner Rechten war Wilhelm Wolf, einer der beliebtesten unter den in Brüssel lebenden Deutschen. Da drängt plötzlich ein Reiter auf ihn ein, langt sich vom Roß herab, das auf das Trottoir gelangt ist, den kleinen Wolf, indem er ihn fest am Kragen packt und schleppt ihn mit sich fort. Im Nu war es geschehen, im Nu war er verschwunden. Wilhelm Wolf war damals etwa 40 Jahre alt. Er hatte in Breslau Philologie studiert, und die Verfolgungen, die er sich als Burschenschafter zugezogen, trieben ihn ins Ausland. In Brüssel ernährte er sich durch Privatunterricht in den alten Sprachen. Nach der Märzrevolution zog er mit Marx nach Köln. Er wurde sehr geschätzt als Mitarbeiter der »Neuen Rheinischen Zeitung,« in welcher er namentlich durch seine Darstellung der bäuerlichen Verhältnisse in Schlesien sich auszeichnete.

Die belgische Regierung, nachdem sie so leicht den ersten Versuch eines Aufstandes niedergeschlagen hatte, beschloß, es zu einem zweiten Putsch nicht kommen zu lassen. Wenn sie gleich mit Verhaftungen unter den Landesangehörigen vorsichtig sein[45] mußte, so hatte sie doch freie Hand gegenüber den Ausländern. Wir wurden durch Freunde von der Absicht der Regierung unterrichtet, die namhaftesten aus unserem Kreise zu verhaften und über die Grenze zu senden. Ein Brüsseler Bürger, der außerhalb der Stadt ein ziemlich einsames Haus bewohnte, bot uns für die nächste Nacht seine Gastfreundschaft an. Marx, Engels und ich begaben uns nach Sonnenuntergang zu dem wackern Mann. Wir wurden freundlich aufgenommen. Ein Abendessen erwartete uns, und für jeden von uns war ein Lager bereitet.

Die Regierung des Herrn Roger, der damals am Ruder war, wollte kein Aufsehen erregen, bei Tage hatten wir keine Verhaftung zu befürchten. Wie es sich übrigens nur zu bald zeigte, hatte sie es fürs erste nur auf Marx abgesehen, den sie nicht mit Unrecht als die Seele der deutschen Emigration ansah. In nächster Nacht – er hatte sich nicht mehr von den Seinen entfernen wollen – klopfte es ungestüm an seine Haustür. Er ließ öffnen. Man kündigte ihm seine Verhaftung an. Die eingetretenen Polizisten forderten ihn auf, ihnen zu folgen. Marx fügte sich, ohne ein Wort zu verlieren, in das Unvermeidliche. Seine Frau jedoch geriet außer sich. Wohin man ihren Mann bringe, fragte sie in namenloser Angst und Aufregung. Man gab ihr keine Antwort und ließ sie allein. Der armen Frau bemächtigte sich nun ein entsetzlicher Gemütszustand. Sie konnte das, was über sie gekommen, nicht fassen. Verzweiflung im Herzen, händeringend ging sie in ihrem Zimmer auf und ab. Allein sein hier mit ihren Kindern, und ihr Mann im Gefängnis! Einem plötzlichen Impuls folgend, setzte sie hastig den Hut auf, warf ein Tuch über die Schultern, eilte die Treppe hinab. Jetzt war sie draußen auf der Straße.

Nach welcher Richtung sollte sie sich wenden? Da, etwa dreißig Schritt von ihrem Hause entfernt, erblickte sie einen Polizisten. Sie stürzt auf ihn zu. Es war einer von denen, die in ihre Wohnung gedrungen waren, die die Verhaftung vorgenommen. »Wo haben Sie meinen Mann hingeführt? Sagen Sie mir, wo er jetzt ist«, schrie sie ihn an. – »Sie wollen es wissen?« fragte der Polizist. – »Ich muß es wissen«, antwortete sie; »zeigen Sie mir das Haus, führen Sie mich zu ihm.« – »Folgen Sie mir«, antwortete der Diener der öffentlichen Wohlfahrt und Gerechtigkeit. Sie folgte ihm.

Der Mann führte sie in ein altes, hohes Haus, durch einen schmalen, langen Gang. Es wurde ihr eng auf der Brust, der Atem[46] ging ihr aus. Ihr ahnte Unheil. Jetzt schloß er eine Tür auf, stieß sie in einen kärglich beleuchteten Raum und schloß wieder hinter ihr zu. Ein tolles Gelächter empfing die taumelnd Eingetretene, eine Schar der unheimlichsten weiblichen Wesen umringte sie. Man betrachtete sie mit frecher Neugier. Eine Fremde! eine Unbekannte! ein neuer Gast! erschallte es um sie her. Und wieder brachen Sie in ein tolles Gelächter aus. Jetzt wußte die unglückliche Frau, in welche Gesellschaft man sie gestoßen. Ein gräßlicher Schrei entrang sich ihrer Kehle, ein Schrei, durch den selbst die verlorenen weiblichen Wesen, in deren Mitte sie sich befand, tief erschüttert wurden. Plötzlich schwiegen sie. Hier war etwas Unerhörtes geschehen, das fühlte eine jede. Das war eine anständige Frau, die man zu ihnen, dem Gassenkehricht der Menschheit, gesperrt. Sie hielten erschrocken mit ihren schmutzigen Scherzen inne, sie schwiegen. Wie hat das kommen können? Nach und nach wagte die eine und die andere sich an die schluchzende, in Tränen vergehende Unbekannte mit einem beruhigenden Wort heran. »Rührt mich nicht an! Fort!« erscholl es ihnen entgegen.

Das war eine grausige Nacht, die sich mit all ihren Schrecken und Schmerzen tief in die Seele eingrub. Als die Wintersonne endlich am Horizont erschien, öffnete sich jenes unnennbare Gefängnis. Die in so verbrecherischer Weise Beleidigte nahm alle ihre Kraft noch zusammen, um bei einem, im Hause anwesenden höheren Beamten wegen der ihr angetanen Schmach Klage zu erheben.

»Das war ein sehr bedauerlicher Irrtum«, sagte er. »Ich werde die Sache näher untersuchen.« – »Das war ein sehr bedauerlicher Irrtum«, sagte auch der Minister des Innern, als er in der Kammer wegen des Vorgefallenen interpelliert wurde. Und damit war für die offizielle belgische Welt die Sache abgetan.

In der Stadt wurde am andern Morgen die Verhaftung von Karl Marx schnell bekannt. Ich eilte in sein Haus, und dort erzählte mir Frau Marx unter unaufhaltsamen Tränen, wie das zugegangen, und alles Entsetzliche, was ihr selbst in der vergangenen Nacht widerfahren war.

Bald erschien auch unser vortrefflicher Freund, ein Brüsseler junger Gelehrter, Namens Gigot der in der Stadtbibliothek ein Amt als Paläograph bekleidete. Er erklärte sich bereit, sich nach den Absichten der Regierung bezüglich des Verhafteten zu erkundigen. Er war überzeugt, daß Marx in wenigen Tagen wieder[47] entlassen sein, und daß man ihm die Wahl des Landes, in welches er nun überzusiedeln gedenke, freistellen werde. Dies bestätigte sich in der Tat. Wenn er, wie dies jetzt kaum zu bezweifeln sei, Paris wähle, so rate er Frau Marx, ihm dorthin mit den Kindern vorauszugehen, ich sollte mich ihr zur Begleitung anschließen, die Magd solle indessen mit seinem eigenen Beistand den Brüsseler Haushalt auflösen und dann nach Paris folgen. Frau Marx war mit diesem Rat einverstanden. Sie traf im Laufe des Tages, nach dem sie es noch erlangt hatte, von ihrem Mann im Gefängnis Abschied nehmen zu dürfen, alle Vorbereitungen zur Abreise. Ich hatte meine Angelegenheiten bald geordnet und meinen Koffer gepackt.

Gigot, von dem ich eben gesprochen, bewährte sich nun als ein zuverlässiger Freund, und kurz vorher hatte sich Marx, als uns von dem erwähnten Brüsseler Bürger in seinem Hause für die Nacht ein Asyl bereitet worden war, so bitter über Gigot ausgesprochen, daß es darüber zwischen ihm und Engels zu einer peinlichen Szene kam, deren Schilderung ich unterlasse. Es gab einen Menschen, den Marx geradezu haßte, und das war der Vater des Nihilismus und Anarchismus, der Russe Bakunin. Dieser hatte am 29. November auf der in Paris von den Polen veranstalteten Feier zur Erinnerung an ihre Erhebung des Jahres 1830 – auch dort waren diesesmal Nichtpolen zugezogen worden – eine Rede gehalten, welche den russischen Botschafter zu einer Beschwerde bei der französischen Regierung veranlaßte, die Bakunin in Folge dessen sofort eine Ausweisung zukommen ließ. Er kam nach Brüssel, er suchte eine Anknüpfung mit uns, Marx wich ihm aus, Gigot tat dies nicht. Bakunin war ihm eine interessante Persönlichkeit und man sah ihn öfter in dessen Gesellschaft. Daß er, der sich um die grauen, sozialistischen Theorien überhaupt wenig kümmerte, und wesentlich von der rein humanitären Seite der Arbeiterbewegung sich angezogen fühlte, Marx Bakunins wegen nicht vernachlässigte, das bewies er in jenen Tagen, wo seine persönliche Intervention der schwer heimgesuchten Marx'schen Familie nützlich sein konnte.

Einen Abschiedsbesuch hatte ich in Brüssel zu machen, im Hause unseres französischen Freundes Imbert. Er war abwesend, er war am Tage vor dem Ausbruch der Revolution nach Paris gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. »Mein Mann ist Gouverneur der Tuillerien«, sagte mir Frau Imbert freudestrahlend. »Gouverneur[48] der Tuillerien«, wiederholte sie. »Sie müssen ihn besuchen. Bringen Sie ihm meine Grüße und die unserer Kinder. Sie treffen ihn im Pavillon des Prinzen Joinville. Da hat er seinen Wohnsitz aufgeschlagen.«

Wunderbarer Wechsel der Dinge! Louis-Philippe, seine Söhne und Enkel im Exil, und Monsieur Imbert, der Exilierte von gestern, Gouverneur der Tuilerien. Gewiß wollte ich ihn besuchen.

Ich geleitete Frau Marx und ihre drei Kinder nach Paris. Sie war nicht wie Frau Imbert, voller Glück und Freude. Ihre Gedanken waren bei ihrem Manne. Sie war angegriffen von den Erlebnissen der letzten Tage und eine drückende Traurigkeit lagerte auf ihren reinen Zügen. Wir gaben uns die Hand und trennten uns, als sie ihr provisorisches Heim erreicht hatte. Provisorisch war alles bis dahin für sie gewesen, ein festes Heim hatte sie mit ihren Kindern noch nicht gekannt. Doch am nächsten Tage schon war sie mit ihrem Manne wieder vereint. ...

Und auf den Straßen von Paris sah man noch viele Barrikaden, als wir in die Stadt fuhren. Überall wogte ein neues, frisches Leben. Fortwährend große Aufzüge von Männern oder auch Frauen, die sich nach dem Rathause begaben, wo die provisorische Regierung ihren Sitz aufgeschlagen, um ihr die Huldigung des Volkes darzubringen. Wohin man auch gelangte, überall traf der schöne Klang desselben Liedes das Ohr; es war nicht die Marseillaise, die das Volk aufgegeben hatte, ehe sie noch hoffähig geworden beim weißen Zaren und den weißen Mönchen in Nordafrika; es war der Gesang der Girondins, der jetzt einzig und allein die Lüfte erschütterte. Auch die patriotischen Lieder haben ihren Auf- und Niedergang.


Mourir pour la patrie,

C'est le sort le plus beau,

Le plus digne d'envie.

Quelle:
Born, Stephan: Erinnerungen eines Achtundvierzigers. Berlin, Bonn 1978, S. 42-49.
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