die Einrichtung der Wohnung

[10] unsere ganze Sorgfalt in Anspruch. Natürlich hat der Geldbeutel da wieder ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Und diesem Worte sollten wir mehr gehorchen, als den Einflüsterungen unserer Eitelkeit, oder dem Beispiele der Gesellschaft. »Unsere liebe Freundin, die junge Frau A ... hat sich so reizend eingerichtet, – etwas eleganter als die alte Wohnung muß unsere neue doch auch werden!« sagen wir, und opfern dem Modegötzen Summen, die wir an der Ernährung der Familie oder an der Erziehung der Kinder abziehen. Das ist sehr verkehrt, ist nicht eine Sitte, sondern Unsitte der Gesellschaft. Erst das Notwendige – dann das Schöne!

Da nun bei vernünftig denkenden und rechnenden Menschen dieses Schöne so oft hinter dem Notwendigen zurückstehen muß, so sind wir Deutschen dadurch in den Verruf gekommen, keinen Geschmack zu haben. Es ist gar nicht schwer, sich schön einzurichten, wenn uns reiche Mittel zur Verfügung stehen; aber seine Umgebungen ansprechend und harmonisch zu gestalten aus alten ererbten oder von der Junggesellenwohnung des Mannes überkommenen Möbeln, das Fehlende in passender und doch billiger Weise zu ergänzen und alles wiederum einer einfachen Mietwohnung anzupassen, deren Tapeten vielleicht gar nicht zu den Farben unserer Bezüge stimmen, – das ist durchaus nicht leicht! In solchen Fällen ist Einfachheit das sicherste Mittel, sich vor Geschmacklosigkeit zu wahren. Nur kein hohler Prunk, nichts grell in die Augen Fallendes, weder in Farben noch in Formen; begnügen wir uns mit dem Praktischen, wenn wir das Elegante nicht haben können!

Aber selbst wenn uns das letztere zu Gebote steht,[10] setzen wir das Praktische, Behagliche voran. Die Wohnung soll in erster Linie den Bedürfnissen der Familie dienen, erst in zweiter der Aufnahme von Freunden. Verzichten wir lieber auf den »Salon«, um uns ein hübsches Wohnzimmer zu schaffen, lassen wir die »Gaststube« fort, wenn die Schlafräume der Kinder darunter zu leiden haben. Die Gesellschaft vergilt uns derartige Opfer, die wir ihr bringen, nur mit geringschätzigem Achselzucken und scharfer Kritik.

Bei dem, was wir in nachstehendem über die Einrichtung einer Wohnung sagen, haben wir eine Etage von etwa sieben Zimmern im Sinn und eine nur kleine Familie mit ziemlich reichlichen Mitteln. Wir können dann folgende Räume einrichten: ein Wohnzimmer, einen Salon, ein Eßzimmer, ein Arbeitszimmer für den Mann, zwei Schlafzimmer und eine Gaststube.

Das Wohnzimmer muß am meisten den Charakter des Familienhaften an sich tragen. Dorthin passen die alten, ererbten Möbel, die vielleicht schwerfällig, aber gewiß bequem sind; dorthin die vielen Porträts der Angehörigen. So ist man da recht im Kreise der Familie, von den Großeltern an bis zu den Enkelchen, die, einzeln oder in Gruppen, aus alten Pastellbildern, aus neueren Photographien uns anlächeln. Nur, bitte, keine schlechten Bronzerahmen, die, im Verein mit dem Glase, welches die Bilder deckt, das Auge blenden! Die Mannigfaltigkeit der Bilder würde sonst etwas Beunruhigendes bekommen. Die Bezüge der Möbel, die Teppiche und Tischdecken wird man selbstverständlich dunkel wählen, da zarte Farben im täglichen Gebrauch zu sehr leiden würden; gemusterte Stoffe sind im allgemeinen praktischer als einfarbige, auf denen man jedes Fleckchen leicht sieht. Für die Vorhänge dagegen wähle man einen weißen, durchsichtigen Stoff; die Mode der dunklen Gardinen, welche die Zimmer in stete Dämmerung[11] hüllen, ist überall augenverderblich, für einen Raum aber, in welchem gearbeitet werden soll, ganz unzulässig.

Denn dort, am Fenster, steht ja der Nähtisch der Hausfrau, und um den Tisch vor dem Sofa, oder besser in der Mitte des Zimmers, über dem die Lampe hängt, versammeln sich die Kinder, um ihre Schularbeiten anzufertigen. Die Mutter kann sie so von ihrem Nähtisch aus überwachen, wie sie früher in demselben Zimmer die Spiele der kleinen Kinder überwachte. In dem Schränkchen dort hat jedes sein Gefach, wohin es selbst seine Sachen – ob Bücher oder Spielzeug – an den dafür bestimmten Platz legen muß; eine Kommode für die im täglichen Gebrauche nötigen Gegenstände, um ein Taschentuch rasch zu holen, eine Decke schnell verschwinden zu lassen, wird auch nicht fehlen. Noch ein Sessel für die Großmama, mit bequemem Schemel davor, eine Uhr, das Tagewerk zu regeln, ein nicht zu prätentiöser Spiegel – und die Einrichtung des Wohnzimmers ist fertig.


Die Einrichtung der Wohnung

Als Schmuck füge man, außer den Bildern, noch Blumen hinzu, besonders Blattpflanzen, die bekanntlich der[12] Luft den nötigen Sauerstoff zuführen; auch das Vögelchen der Kinder findet am Fenster seinen Platz, wenn es gelegentlich auch in die Schlafstube verbannt wird, weil sein schmetternder Gesang die Arbeit stört. Aber nur in einem Wohnzimmer keine Nippsachen, keine Figürchen und Väschen, die täglich vom Staub gereinigt werden müssen und natürlich für die armen Kleinen ebensoviele Fallen bilden, in denen sie sich bei jeder unbedachten Bewegung fangen, – resp. welche sie zu Falle bringen. Alles soll hier dem Gebrauche dienen, alles zweckmäßig und dauerhaft sein; man muß fühlen: der Raum ist nicht der Möbel, sondern der Menschen wegen da.

Treten wir nun in den Salon ein, so ist dort der Eindruck oft ein umgekehrter. In manchen unserer modernen Salons sind die Möbel in so großer Anzahl vorhanden und so kreuz und quer disponiert, daß für die Menschen wenig Platz übrig bleibt. Das ist immer ein Fehler. Raum zur Bewegung soll jedes Zimmer bieten, ein Gesellschaftszimmer aber zumal. Lassen wir lieber irgend ein reizendes Tischchen oder kunstvolles Schränkchen weg!

Im übrigen haben wir hier, wenn irgend es die Mittel erlauben, der herrschenden Mode gehuldigt. Verschwunden sind die hellen Glanztapeten, die roten Plüschmöbel und bronzenen Spiegel; die Franzosen nennen eine solche Ausstattung jetzt »dentiste«, sie dem Wartezimmer des Zahnarztes überlassend. In den Salons herrscht heutzutage »das dunkle Mittelalter«: Tapeten, Möbelbezüge, Draperien, alles matte, dunkle Farben. Um ja keinen Sonnenstrahl einzulassen, sind die Fenster noch, außer von den schweren, dunklen Vorhängen, von cremefarbigen, dicht gewirkten »stores« verhüllt, die auch das Oeffnen der Fenster sehr erschweren; so ist die Luft, wie das Licht ausgeschlossen. Nächstens werden wir wohl wieder bemalte, oder winzige, in Blei gefaßte Fensterscheiben erleben![13]

Blumen gedeihen natürlich in diesem lichtlosen Raume nicht; sie sind auch nicht mehr auf den Decken und Teppichen zu finden, – alles Arabesken, stilisierte Naturformen. Nun schwärmen wir zwar gar nicht für die gewirkten Rosenbouquets unserer früheren Teppiche, aber die eckigen Hirsche, welche in endloser Wiederholung, ohne Halt für ihre dünnen Beine, auf jenem Schutztuche schweben, oder die wunderlichen Hieroglyphen, welche den Rand der Tischdecke schmücken, sind doch wahrlich auch nicht geschmackvoll zu nennen! Und dann diese Farben, diese verblaßten, schmutzigen Tinten! Das Blau des Himmels, das Grün der Bäume, das warme Rot unserer Blumen sind natürlich ganz aus der Mode; man wundert sich, wie diese Dinge es wagen können, sich noch in so veralteten Farben zu zeigen; alles muß jetzt verdorrt, vergilbt, verwest aussehen! Ist es nicht ein bedenkliches Armutszeugnis, das sich unsere Zeit ausstellt, indem sie, unfähig etwas Neues zu erfinden, und oft mit Hintansetzung aller Fortschritte, welche die Jahrhunderte gebracht, auf das Mittelalter zurückgeht?

Indessen leugnen wir nicht, daß dieses Mittelalter auch seine Vorzüge hatte, und diese wollen wir gern wieder herauf beschwören. Dazu gehört in erster Reihe die künstlerische Gestaltung aller Gegenstände, auch des Hausrats; ferner die freilich einer näher liegenden, der Rokokozeit, entnommene größere Freiheit im Anordnen des Möblements. Die steif an den Wänden stehenden hochbeinigen Stühle, der Tisch vor dem Sofa, in das man sich mühsam hineinzwängte, waren weder schön, noch bequem; jetzt steht hier ein Kanapee, da eine Couchette, frei im Zimmer; dort bildet ein Tischchen mit einigen niedrigen Sesselchen oder, »Puffs« ein einladendes Etablissement, während ein halbkreisförmiger Ausbau des Zimmers – wie man sie in alten Häusern fand und in neuen jetzt wiederfindet – den[14] Schreibtisch der Hausfrau und einen kleinen Bücherschrank enthält.

Die letzteren beiden Gegenstände würden wir, wenn der Platz es erlaubt, entschieden lieber in den Salon, als in das Wohnzimmer setzen, einesteils, weil die Hausfrau in dem von der Familie gemeinsam bewohnten Raume weniger Ruhe zum Lesen oder Schreiben finden wird, dann aber auch, weil der Salon dadurch das Aussehen eines bewohnten Zimmers erhält, und nicht, wie das so oft der Fall ist, einem Möbelmagazine gleicht. Jeder Raum eines Hauses sollte, außer dem Stempel seines Zwecks, den des Gebrauchs, des Bewohntseins tragen. Damit läßt sich die nötige Ordnung und Sauberkeit sehr wohl vereinigen, doch wird der pedantische, sowie der kalte, ungemütliche Anstrich vermieden.


Die Einrichtung der Wohnung

Das Klavier oder gar der Flügel findet auch am besten seinen Platz im Salon, da die Musikübungen der Kinder hier weniger stören, als im Wohnzimmer, und er hier auch zugleich den geselligen Zwecken dient. Allerdings verlangen alle diese Möbel viel Raum, und der Raum ist ein in unserer volkreichen Zeit immer kostbarer werdendes Ingrediens. Indessen, etwas ist ja durch die Verbannung des großen[15] Sofatisches gewonnen; statt seiner stellt man hier und da ein kleines, festes, oft mit Plüsch bezogenes Tischchen hin, groß und solide genug, um ein paar Tassen aufzunehmen, leicht genug, um ohne Mühe transportiert zu werden.

Ob sich wohl noch ein Plätzchen für ein schön eingelegtes Schränkchen, eine Etagere oder einen Vertico findet? Denn ganz abgesehen davon, daß diese Möbel den Salon wirklich schmücken würden, brauchen wir ein solches als Träger einiger Kunstartikel, die wir besitzen. Solche Kunstgegenstände möchten wir im Salon nicht missen; gerade sie geben ihm etwas Individuelles, auf den Bewohner Bezügliches, denn sowohl, was er selbst kauft, als was Freunde ihm zum Geschenk machen, ist seinem Geschmack entsprechend, verrät dem Beschauer also etwas von seiner Wesenheit.

(Wir können nicht umhin, hier, wenn auch nur bescheidentlich in Parenthese, den Wunsch auszusprechen, daß sich doch für unsere Zimmereinrichtungen auch einmal ein, Stephan' finden möchte. Von dem Worte Möbel an, das wir allerdings germanisiert haben, sind da fast alle Benennungen französisch. Die »Etagere«, der »Vertico«, die »Chiffonniere«, die »Chaiselongue« und »Causeuse«, die, »Lüstres« und »Portieren«, kurz, der ganze »Salon« mitsamt dem »Boudoir« sind Franzosen vom reinsten Wasser! Bringen wir aber jetzt das Deutsche in unseren Häusern wieder zu Ehren, so sollten wir es auch in unseren Benennungen thun; eine Emancipation nach der Richtung wäre sehr wünschenswert.)

Indem wir nun zu den oben erwähnten Kunstgegenständen zurückkehren, müssen wir ernstlich vor dem Zuviel warnen. Nur kein Museum, kein Raritätenkabinett! Eine kunstvolle Schale für Besuchskarten auf dieses Tischchen, eine schöne Vase auf jenes, ein gutes Bild auf die Staffelei, eine edle Statue, um den Aufsatz des Vertico zu krönen:[16] so, zweckmäßig im Zimmer verteilt, werden diese Gegenstände das Auge erfreuen, werden ihm wie dem Geiste einen wohlthuenden Ruhepunkt bieten. Die Aufhäufung solcher Dinge aber, besonders dieser kleinen Nippsachen, dieser Figürchen, Väschen, Flacons, bildet ein buntes Durcheinander, das den Blick ermüdet und verwirrt; ja, etwas sensible Personen kann es ganz nervös machen. Wahrhaft lächerlich aber erscheinen diese Sächelchen auf einem Schreibtisch, d.h. auf dem Raum desselben, der für das Schreiben bestimmt ist, wo man sie gelegentlich auch aufgepflanzt findet. Entweder verfehlt das Möbel dann ganz seinen Zweck, oder die »Siebensachen« müssen jedesmal erst abgeräumt werden, wenn die Besitzerin schreiben will.

Was den Schmuck der Wände anbetrifft, so darf der Spiegel natürlich in einem Salon nicht fehlen, doch spielt derselbe keine so große Rolle, wie in früheren Zeiten, wo die hohen Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern sich in prätentiöser Weise hervorthaten. Ein ovaler oder länglich eckiger Spiegel, dessen Rahmen zu den Möbeln paßt, wird meist über dem Sofa angebracht.

Hinsichtlich der Bilder nehmen wir es nicht so genau wie die Engländer, welche vorschreiben, daß man im Salon nur Pastellbilder, im Speisezimmer Oelgemälde, meist Familienporträts, und in der »study«, dem Bibliothekzimmer, Stahlstiche aufhänge. Wir trennen das nicht so streng; doch erwähnten wir schon beim Wohnzimmer, daß dieses der richtige Platz für Familienbilder sei, zumal für die kleinen Photographien, welche nur für die Angehörigen Wert haben. Ein gut gemaltes Porträt kann auch Freunde interessieren, paßt also auch in das Gesellschaftszimmer.

Obwohl die großen, meist mit Büchern, Bildwerken und Photographiealbums bedeckten Tische mehr und mehr[17] aus unseren Salons verschwinden, so findet doch ein schönes Buch auch auf den kleineren Tischen Platz und sollte im Salon nicht fehlen, schon aus Rücksicht für die Besucher, die oft dort warten müssen. Die Albums aber mit den Familienbildern bis ins fünfte oder siebente Glied mögen immerhin pensioniert werden; sind sie ohnehin doch meist Invaliden, denen entweder die Hälfte des Schlosses, oder der Zierat auf dem Deckel fehlt, ja, die oft ganz aus dem Leim gehen. Enthalten sie eine Sammlung von berühmten Personen, oder Photographien von Kunstwerken, so lassen wir die mangelhafte Hülle noch hingehen; aber die am meisten vergriffenen, lahmen, sich auflösenden sind gewöhnlich die Familienalbums. Wir geben einem poetischen Gegner dieser »Institute« das Wort:


Ein Album, – o wer kennt es nicht?

Ein Käfig, wo sich Vettern, Basen,

Mit graden und mit krummen Nasen,

Wo Freunde sich und schöne Frauen

Im Sonntagsstaate lassen schauen.


Es kommt Besuch, – man greift, faute de mieux, zu dem Album. Man zeigt die Bilder des Vaters, der Mutter, der Schwester, des Bruders, und:


Dies ist meines Bruders Freund,

Dieses ist des Freundes Freund,

Dies des Freundes Freundes Freund,

Dies ist der und jenes die.

Und zu allen flüstert sie:

»Ach, wie hübsch! und: O, wie ähnlich!

Wie getroffen!« ... Mir wird gähnlich!


Die Darstellung ist drastisch, aber ebenfalls – ähnlich. Hoffen wir, daß unser Salon sie nicht zu erleben habe!

Das Eßzimmer, zu dem wir nun übergehen, liegt[18] hoffentlich neben dem Salon, denn sehr unangenehm ist es, wenn die Gesellschaft, um zu diesem zu gelangen, den kalten Vorplatz passieren muß.

Was seine Form anbelangt, so ist die längliche am zweckmäßigsten, da an einer langen Tafel viele Gäste Platz finden, während parallel stehende Tische die Gesellschaft trennen und deshalb mißlich sind. In einem quadraten Raume stellt man die Tische hufeisenförmig auf.

Das Eßzimmer trägt einen strengeren Charakter, als der Salon, alles ist hier wuchtig, massiv. Die schwere Tafel, welche die Mitte des Zimmers einnimmt, läßt sich natürlich zusammenschieben; um sie herum stehen die hochbeinigen, gradrückigen, ungepolsterten Stühle, an der Langwand das Büffett, an einer der Schmalwände oder zwischen den Fenstern der Schenktisch, alles von dunklem, soliden Eichenholz; auf das Schnitzwerk der Möbel wird viel Wert gelegt. Auch die Tapete ist dunkel oder doch lederfarben; über den Thüren und Fenstern dazu passende Draperien von schweren Stoffen, zu deren Haltern man jetzt vielfach metallene Ketten wählt. Als Schmuck der Wände irgend ein größeres Oelbild: sehr beliebt sind jetzt Reliefporträts in Medaillonform von cuivre poli, oder Majolikaschüsseln, die an den Wänden befestigt werden. Was von Metall vorhanden ist: Kron- und Wandleuchter oder Lampen, Schalen oder Krüge, die das Büffett schmücken, sollte wo möglich übereinstimmen.

Die Frage: ob eine Uhr ins Eßzimmer gehört, wird von vielen verneint; den Gästen soll ja, wie den Glücklichen, keine Stunde schlagen. Da wir aber annehmen, daß die Familie ebenfalls täglich dort speist, und gerade für die Mahlzeiten Pünktlichkeit erforderlich ist, so scheint sie uns dort ganz wohl angebracht. Am besten paßt wohl ein Regulator oder eine große metallene Standuhr in das[19] Eßzimmer. Den Spiegel hingegen lassen wir, als unverträglich mit dem Charakter des Raumes, weg.

Der Hausherr wird sich nicht beklagen, wenn sein Studierzimmer neben dem Speisesaal liegt. Da dort weder die Familie sich aufhält, noch Besuche empfangen werden, so ist er da möglichst ungestört. Vielleicht befindet es sich überdies außerhalb des verschließbaren Korridors, was für geschäftliche Besuche sehr zweckmäßig ist.

Auch hier herrschen dunkle Holzfarben, dunkle Möbelbezüge vor; nur die Fenster sind hell gehalten, – am liebsten wäre es dem Bewohner, »die dummen Lappen, die einem das bißchen Tageslicht fortnehmen«, blieben ganz weg! Man macht deshalb am besten kurze Draperien von Möbelstoff oder Jute über die Fenster; denn weiße Mullgardinen bei dem Tabaksqualm wäre doch unmöglich! Ebenso würde der Herr Doktor oder Rat gern auf die weißen Schutztücher verzichten; sie liegen doch immer an falschen Plätzen, fahren auf dem Fußboden herum, oder werden gelegentlich von kurzsichtigen Besuchern, die sie für ihr Taschentuch halten, exportiert. Will die Hausfrau das Sofa oder den Sessel, in welchem der Herr Gemahl seine Siesta hält, erfolgreich gegen das, »Makassar« seiner Locken schützen, so nähe sie irgend einen dunklen, »Schoner« darüber fest; die dunklen haben ja jetzt ohnehin die fatalen weißen gehäkelten Lappen verdrängt, die dem hübschesten Zimmer ein so merkwürdig pfahlbürgerliches Gepräge verliehen!

Ein großer Schreibtisch links vom Fenster, Bücherschränke und Regale, ein einfacher Tisch ohne Decke vor oder neben dem Sofa, das möglichst bequem und geräumig ist; in einer Ecke ein Rauchtischchen oder ein Pfeifenständer; einige gute Kupferstiche an den Wänden, worunter ein großes Gruppenbild von lauter männlichen Individuen, auf dem der[20] Herr Doktor oder Rat im Kreise seiner sämtlichen Kommilitonen oder der Genossen irgend einer Versammlung figuriert; auf dem Sofa ein gesticktes Rückenkissen, eine Schlummerrolle, die beide von der Berührung mit dem leidigen »Makassar« gelitten haben, – und das Inventar des Studierzimmers ist fertig. –

Auf der anderen Seite des Korridors, nach dem Hof – lieber nach dem Garten – hin liegen die Schlafzimmer. Die erste Bedingung für diese ist, daß sie geräumig und lustig seien; denn die Menschen, denen am Tage drei bis vier Zimmer zur Verfügung stehen, in denen sie sich abwechselnd aufhalten und die öfter gelüstet werden, bringen die ganze Nacht – also fast die Hälfte ihres Lebens – in ein und demselben Raume zu. Ist dieser also niedrig oder zu klein für die Anzahl von Personen, die er aufnimmt, so kann die gesundheitsschädliche Wirkung nicht ausbleiben. Stehen uns nicht Räume genug zur Verfügung, so verzichte man lieber auf ein Luxuszimmer und sorge für gute, gesunde Schlafstätten.

Daß die Betten nicht an einer Außenwand stehen sollen, ist ein bekannter Grundsatz. Kann man es nicht anders einrichten, so setze man sie mit dem Kopfende in die Zimmer hinein, so daß nur das Fußende an die Außenwand stößt. Ebensowenig dürfen die Betten an oder neben dem Fenster stehen; selbst wer sich gewöhnt hat, nachts die Fenster offen zu halten, – eine sehr gesunde Einrichtung für den, der es vertragen kann! – wird seine Schlafstätte doch nicht dem direkten Luftzuge aussetzen. Uns scheint es in Bezug auf die nächtliche Lüftung, – die gewiß sehr wünschenswert ist! – am zweckmäßigsten, ein Fenster in einem anstoßenden Raume zu öffnen, so daß die frische Luft durch die geöffnete Thür in das Schlafzimmer dringt.[21]

Im Winter bei offenem Fenster zu schlafen, heißt, wenigstens in unserem Klima, die Abhärtung wohl zu weit treiben. Es könnte dem Luftverehrer mit seinem Experiment ergehen, wie weiland dem bekannten Münchhausenschen Pferde, das gerade, als sein Herr ihm das Fressen beinahe abgewöhnt hatte, malitiöserweise krepierte. Wir halten es sogar nicht für gesund bei strenger Witterung – einem Thermometer unter Null – in ganz ungeheiztem Raume zu schlafen.


Die Einrichtung der Wohnung

Der Kontrast mit der warmen Luft, welche man tagsüber in den geheizten Zimmern eingeatmet hat, ist zu groß und erzeugt leicht Halskrankheiten. Man sollte, nachdem man am Tage gründlich gelüstet, die Schlafzimmer gegen Abend heizen, so daß sie etwa acht Grad Wärme haben; angenehmer noch ist es, die Thür eines geheizten Zimmers nach der Schlafstube hin abends zu öffnen, so daß die warme Luft auch noch einen Teil der Nacht über hineindringt.

Ein gutes Bett gehört mit zu den Annehmlichkeiten des Lebens. Wer auf der abwärts führenden Seite des letzteren steht, der weiß das zu schätzen. Die ungesunden Federbetten sind jetzt fast überall durch Matratzen ersetzt; auch die heißen Federdecken findet man noch wenig, und sollte sie, wenigstens bei jungen Leuten, nie mehr finden. Steppdecke und Plümeau – erstere in weißem Ueberzug oder mit darum befestigtem Laken – sollten genügen. Statt der Steppdecken bedient man sich im Sommer häufig der in England gebräuchlichen wollenen Decken, welche kühler als jene sind. Diese werden dort rings um den Rand des Bettes festgesteckt, so daß man sie nicht, wie unsere lose[22] aufliegenden Decken, verlieren kann; anstatt unserer viereckigen Federkissen für den Kopf hat man dort eine, die ganze Breite des Bettes einnehmende feste, mit Roßhaaren gefüllte Rolle. Diese Einrichtung scheint uns ebenso zweckmäßig, wie bequem. Der ganze Körper liegt flach auf der Matratze, nur der Kopf, nicht auch die Schulter, hat eine erhöhte Unterlage und zwar eine feste und kühle; während unsere weichen Federkissen über dem Kopf zusammenschlagen und ihn erhitzen, und unsere Keilkissen den Körper nach dem Fußende zu rutschen machen. Wer das englische Bett kennen gelernt hat, wird sich mit dem deutschen nicht leicht mehr befreunden.

Die weißen Piquédecken, die man bei uns gewohnt war, während des Tages über die Betten zu breiten, sind jetzt wenig mehr gebräuchlich. Entweder bedient man sich dazu farbiger Decken oder doch weißer mit bunten Kanten, oder man huldigt der französischen Mode, welche über die Bezüge von farbiger Seide Deckchen von Spitzen oder Weißstickerei breitet und auf das Kopfkissen ein kleines gesticktes und reich garniertes Oreiller legt. Ueberhaupt hat der Luxus in der Ausstattung der Betten mit dem der Zimmereinrichtungen Schritt gehalten; da gibt wieder der Geldbeutel den Ausschlag.

Das magische Halbdunkel, welches wir in den für die Arbeit bestimmten Zimmern tadelten, ist im Schlafgemach sehr wohl angebracht. Man wähle deshalb für Vorhänge und Rouleaux dunkle, oder doch dichte, aber waschbare Stoffe. Wollene Draperien, die den Staub auffangen und bewahren, sind zu vermeiden. Der große, womöglich den ganzen Fußboden bedeckende Teppich dagegen ist eine Annehmlichkeit, die man nicht gern entbehren mag.

Da uns in Deutschland meist nicht, wie in England, neben dem Schlafzimmer ein besonderer Raum zum Ankleiden[23] zur Verfügung steht, so müssen wir die dazu nötigen Gegenstände ebenfalls in dem Schlafzimmer unterbringen. Es muß also Platz bieten für den Waschtisch und zwar einen großen Waschtisch, in Anbetracht der bedeutenden Dimensionen, welche Waschbecken, Wasserkanne, Schwammhalter etc. jetzt aufweisen (gottlob, daß man sich nicht mehr mit den früheren kleinen Spülnäpfchen zu behelfen braucht!); ferner für den Toilettentisch mit Spiegel, Toilettenkissen, Schmuckhalter und seinen verschiedenen Flacons. Wählte man für den erstern einen möglichst geschützten Platz, so setzt man den letztern am besten vor das Fenster oder zwischen zwei derselben, um beim Frisieren reichlich Licht zu haben; auch ist es zweckmäßig, wenn zu beiden Seiten des Spiegels bewegliche Arme für Lichter angebracht sind, die bei der Abendtoilette sich äußerst nützlich erweisen werden. Hat man noch Raum für einen Kleiderschrank, so würde ein solcher mit in die Thür eingelassenem Spiegel, in welchem man seine ganze Gestalt mustern kann, vorzuziehen sein. – Schließlich setzen wir noch die kleine Nachtkommode neben das Bett – ein Möbel, das man im Auslande sehr häufig vermißt, vielleicht auch, wenn Raum und Mittel es gestatten, eine Chaiselongue – und das Schlafzimmer ist fertig.

Verzichteten wir auf das Ankleidezimmer, so können wir uns doch nicht zu der gleichen Entsagung verstehen hinsichtlich einer anderen Bequemlichkeit: des Badezimmers. Wir möchten dasselbe statt Bequemlichkeit lieber ein Bedürfnis nennen, denn tägliches Baden gehört, wie wir das später noch besprechen werden, zu der dem Körper notwendigen Pflege; die Einrichtung dafür ist also nicht eine Sache des Luxus, sondern der Gesundheit. In einem englischen Hause, das nur für eine, wenn auch größere Familie berechnet war, fand ich deren vier. Als ich meine Verwunderung darüber aussprach, meinte die Hausfrau, weniger[24] könne man doch nicht haben: ein Badezimmer für sie und ihren Mann, eins für die Töchter, eins für die Söhne und das vierte für die Dienstboten.

Wir sind bescheidener und begnügen uns mit einer Badestube für einen Haushalt, diese aber sollte darin nicht fehlen. Erfreulicherweise sieht man das auch bei uns mehr und mehr ein und findet jetzt diese so wünschenswerte Einrichtung in allen besseren neueren Häusern. Der zweckmäßigste Platz für die Badestube ist neben dem Schlafzimmer, mit dem sie direkt verbunden sein muß. Ein kleiner Raum genügt dafür, ist sogar, der leichteren Erwärmung halber, vorzuziehen; in Anbetracht der Feuchtigkeit ist Oelfarbenanstrich der Wände und Fliesenfußboden zu empfehlen; der lose Teppich kann ja leicht getrocknet werden.

Wo eine solche Einrichtung nicht anzubringen ist, behilft man sich wohl mit einem Badeschrank.

Ein Gelaß für Kleider- und Wäscheschränke wird der Wohnung hoffentlich nicht fehlen; sehr angenehm ist es, wenn es in der Nähe des Schlafzimmers liegt. Dort läßt sich auch die schmutzige Wäsche aufbewahren, wenn dieselbe nicht etwa allwöchentlich gewaschen wird; keinesfalls sollte man sie in einem Schlafzimmer sich ansammeln lassen.

Zum Schlafgemach der Kinder wählen die Eltern, solange dieselben klein sind, gern einen an das ihre stoßenden Raum. Natürlich gelten dafür dieselben Gesundheitsregeln, die wir schon früher aufgestellt, und noch in erhöhtem Maße, da bei Kindern der Stoffwechsel ein regerer, die Ausdünstung mithin eine stärkere ist. Findet man in einem wohlhabenden Hause einen mit kleinen Betten überfüllten Raum, oder gar mehrere Kinder in einem Bettchen schlafend, so ist man berechtigt, an der genügenden Fürsorge der Eltern für ihre Kinder zu zweifeln.

Die Ausstattung dieses Zimmers sollte möglichst freundlich[25] sein. In England wählt man jetzt dafür gewöhnlich Tapeten, die mit den beliebten Kinderfiguren oder Scenen bemalt sind; jedenfalls sollte man helle Tapeten, helle Stoffe dafür verwenden. Sind diese der Beschädigung von den stets regen – aber nicht stets reinen – Kinderhändchen mehr ausgesetzt, so werden wohlerzogene Kinder auch das Hübsche, das ihnen Vergnügen macht, mehr schonen als das Dunkle, Unfreundliche. Der Einfluß, welchen die Umgebungen auf ein Kindergemüt ausüben, ist unberechenbar. Gewöhnt es sich, in einem häßlichen, schlecht möblierten, wohl gar unsauberen Raum sich aufzuhalten, so wird sein ästhetisches Gefühl von vornherein abgestumpft, während es in einem netten Zimmer leicht Nettigkeit und Ordnung lernt. Auch sollte, sobald sie alt genug sind, sich selbst anzukleiden, jedes Kind sein eigenes Waschservice, seine besonderen Frisiersachen haben, um auch in diesen Dingen sorgfältig und, wie wir sagen, »eigen« zu werden.

Wir gelangen nun zu dem letzten Raum der Wohnung, dem Gast- oder Fremdenzimmer. Es ist dies leider in unserer Zeit, wo die Ansprüche der Familie und die Preise der Wohnungen von Jahr zu Jahr steigen, zu einem Luxusgegenstand geworden, den wir, besonders in großen Städten, nur noch selten antreffen. In Berlin z.B. gehört schon ein bedeutender Grad von Wohlstand dazu, um einen Raum speciell zur Aufnahme von Freunden zu halten. Entbehren doch ganz anständige Familien zuweilen das Schlafzimmer und benutzen zu diesem Zweck das Eßzimmer, in welchem jeden Abend auf Schlafsofas oder vermittelst leicht transportabler Betten die Nachtlager verschiedener Familienglieder aufgeschlagen werden! Da kann es denn nicht wunder nehmen, wenn – wie Referentin dies einmal erlebt – der geladene Logiergast, nachdem er die erste Stunde nach seiner Ankunft im Salon verbracht, auf seine bescheidene[26] Frage nach seinem Zimmer die Antwort erhält: ein besonderes Zimmer könne man ihm leider nicht bieten, hier im Salon werde man ein Bett für ihn aufschlagen.

Das geschah denn auch. Das kunstreich gezimmerte Sofa entpuppte sich als eine leidliche Lagerstätte, der Spieltisch wurde vermöge einer Wachstuchdecke in einen Waschtisch verwandelt, ein Stuhl vom Korridor – denn die Salonmöbel mußten geschont werden! – trug Licht und Schwefelhölzer. Alle Toilettenutensilien mußten morgens in den draußen stehenden Koffer gepackt und abends, wenn der Gast todmüde von den Berliner Genüssen nach Hause kam, wieder ausgekramt werden; beim Anziehen befand er sich in der Lage, die ängstliche Träume uns zuweilen vorführen, daß wir keinen Augenblick ungestört sind, daß durch jede Thür Eindringlinge uns überraschen können; kurz, der Gast war zwar sehr dankbar für die Freundlichkeit der Wirtin, die ihn eingeladen, fand aber die dadurch verursachten Unbequemlichkeiten zu bedeutend, um sie ihr und sich selbst aufzuerlegen. Nach zwei Tagen vertauschte er den Salon mit einem Hotel und atmete hoch auf, als er sich in einem einfachen, aber zu seiner ausschließlichen Verfügung stehenden Gemache befand!

Kann man also ein solches dem Gaste – und sei er unser nächster Verwandter oder bester Freund – nicht bieten, so lade man ihn nicht ein, oder schreibe ihm vorher, welche Bequemlichkeit wir ihm gewähren können. Es ist eine ganz falsche Höflichkeit, dies zu unterlassen in der Befürchtung, der Freund könnte das für eine Andeutung halten, daß man seinen Besuch nicht wünscht. Spricht man sich offen aus, so kann ein solches Mißverständnis schon vermieden werden, während es für den Gast nachher sehr schwer ist, zu erklären, die Einrichtung seiner Wirte behage ihm nicht.

Sind wir aber so glücklich, ein solches Fremdenzimmer[27] zu besitzen, so statten wir es recht sorgfältig mit allem aus, was zur Bequemlichkeit des Gastes dienen kann. Diese Bequemlichkeit stehe in erster Linie – nicht die Eleganz. Wir erhalten zuweilen Zimmer zugewiesen, die recht hübsch, vielleicht gar luxuriös eingerichtet sind und doch manches Notwendige entbehren.

Für ein gutes Bett haben wir natürlich zuerst zu sorgen; da aber die Ansichten über diesen Gegenstand sehr verschieden sind, so tragen wir am besten dem Stubenmädchen auf, den Gast zu fragen, wie er es in dieser Beziehung gewohnt sei, falls wir ihm nicht nahe genug stehen, um dies selbst zu thun. Der Teppich vor dem Bette – wenn nicht der ganze Fußboden mit einem solchen bedeckt ist – wird nicht fehlen, darf auch kein solch schmales Läppchen sein, das einem zwischen den Füßen hängen bleibt, sondern ein größerer, fest aufliegender Teppich, der den Raum zwischen dem Bett und dem Wasch- und Toilettentisch bedeckt. Die Utensilien dieser beiden Tische haben wir schon bei der Beschreibung des ersten Schlafzimmers erwähnt; manches individuellen Bedürfnissen Dienende kann ja wegbleiben, doch sollte man in der Ausstattung derselben eher zu viel, als zu wenig thun. So vergesse man auf dem Waschtische – der natürlich eine vollständige Waschgarnitur mit Bürstenteller, Schwammhalter etc. aufweist – die Seife nicht, welche Deutsche zwar meist auf Reisen mit sich führen, Ausländer aber gewöhnlich zu finden erwarten. Der Porzellaneimer zum Ausgießen des gebrauchten Wassers, das Becken für das Fußbad – Dinge, die wir als selbstverständlich vorhin nicht erwähnt – dürfen nicht fehlen.

Zuweilen denkt die Hausfrau den Gast zu ehren, indem sie ihm ihre feinsten Handtücher (die sonst nur bei Kindtaufen gebraucht werden!) hinlegt. Er wird ihr, fürchte[28] ich, sehr wenig Dank dafür wissen, denn die seinen Fähnchen sind natürlich gleich durchnäßt und erfüllen ihren Zweck so wenig wie möglich! Mag man ein solches Tuch zum Abtrocknen des Gesichts hinlegen, daneben aber ein rauhes türkisches Handtuch und ein drittes von kräftigem Drell, so wird er sich nicht beklagen können, daß die Ehre größer sei als der Nutzen. Ist der Gast eine Dame, so finde sie auf dem Toilettentisch ein mit Stecknadeln versehenes Kissen, sowie ein Döschen mit Haarnadeln; auch wird ihr, nicht weniger als einem Herrn, ein Stiefelknecht angenehm sein, den die Mode der hohen Stiefeletten notwendig macht.

Das Nachttischchen neben dem Bette sei mit Licht und Schwefelhölzern versehen; selbst wenn das Zimmer durch Gas erhellt wird, dürfen diese nicht fehlen, da man jenes doch auslöschen muß, ehe man das Bett sucht, auch nötigenfalls in der Nacht die Möglichkeit haben muß, Licht zu machen, ohne aufzustehen. Es ist zu verwundern, daß man so oft noch, in Privathäusern wie in Hotels, einen hohen Leuchter mit langem Stearinlicht ohne Löscher in den Schlafzimmern findet. Diese Leuchter und Kerzen sind so wenig wie nur möglich für den vorliegenden Zweck geeignet; und daß man ein solches Stearinlicht ausblasen und bis zum Einschlafen den höchst fatalen Geruch einatmen soll, den der langsam verglimmende Docht verbreitet, ist eine Zumutung, die an niemand gestellt werden sollte. In das Schlafzimmer gehören niedrige, mit Löschern versehene Leuchter und kurze, dicke Lichter; besser noch sind die vielfach jetzt gebrauchten Benzinleuchter, welche den Vorzug haben, daß man mit ihnen umher gehen kann, ohne Stearinflecken zu machen, und daß sie sich außerordentlich leicht anzünden lassen.

Für einen kleinen Kleidetschrank ist hoffentlich auch Raum da; wo nicht, muß man ihn durch ein Kleidergestell[29] mit Vorhang oder einen Kleiderständer ersetzen. Die Kommode ist unerläßlich im Fremdenzimmer, und sehr möchten wir die geehrten Wirtinnen bitten, beide Möbel, Schrank wie Kommode, doch dem Gaste unbeschränkt zur Verfügung zu stellen und nicht etwa in ersterm die eigenen Kleider hängen zu lassen, die man dann gerade in dem Moment holen muß, wo der Gast sich anzieht; auch nicht einige Schiebladen der Kommode, mit irgend 'was angefüllt, verschlossen zu halten. In unseren Haushaltungen häufen sich ja die »Siebensachen« in erschreckender Weise auf, so daß die liebe Hausfrau jedes Winkelchen damit füllt; allein bei allem Mitgefühl für ihre Anhänglichkeit an alte »Scharteken« wiederholen wir doch die Bitte, für den Gast zeitweise alle ihre Chiffons zu entfernen und ihn im alleinigen Besitz des ihm angewiesenen Zimmers und aller darin befindlichen Möbel zu lassen.

Können wir zu diesen Möbeln noch ein kleines Sofa fügen, so wird der Gast, besonders wenn es eine ältere Person ist, das sehr angenehm finden; fehlt der Raum dafür, so muß man sich mit einem Sessel begnügen. –

So hätten wir denn die Wohnung, bis auf die Haushaltungsräume, mit denen wir uns hier nicht zu beschäftigen haben, eingerichtet und dürfen hoffen, daß jeder, der sie betritt, den Eindruck erhält, die Bewohner seien Angehörige der guten Gesellschaft. Indessen, wie geschmackvoll, ja wie luxuriös die Räume auch ausgestattet sein mögen, sie würden doch den gewünschten Eindruck nicht machen, wenn ihnen zwei Eigenschaften fehlen, nämlich:


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 10-30.
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