Polterabend und Hochzeit.

[148] Hochzeit! Hochzeit wird gefeiert,

Wörtlein ach so süß,

Schlüßlein zu dem trauten

Ehe-Paradies.


Ja, nach dem Wort »Liebe« gibt es in unserer reichen deutschen Sprache wohl keins, welches das jugendliche Herz freudiger schlagen, das Auge seliger erstrahlen läßt, als das Wort, »Hochzeit«. Der Ausdruck ist bezeichnend: eine »hohe Zeit« fürwahr ist die Besiegelung der Liebe zweier Herzen, der Beginn eines neuen Lebens zu Zweien! So erscheint der Hochzeitstag als der wichtigste im Leben des Menschen und wird mit Recht in der Kirche wie in der Familie mit der höchsten Feier begangen.

Seit der Einführung der Civilehe ist die Trauung bei uns eine doppelte: die bürgerliche und die kirchliche. Vor dem Gesetz freilich genügt die erstere; das Herz aber und die Sitte würden die letztere nur ungern missen, und das Fest würde mit dem Segen des Geistlichen seine höchste Weihe, seine schönste Poesie einbüßen. Deshalb werden es immer nur Ausnahmefälle sein, in denen das Brautpaar sich mit dem bürgerlichen Akte begnügt.

Die Civiltrauung findet meist einen oder einige Tage vor der kirchlichen statt, und zwar, wie jene, an dem[148] Wohnorte der Braut. Die vorherige Meldung besorgt gewöhnlich der Vater derselben. Das Brautpaar begibt sich in Begleitung der beiderseitigen Eltern, oder, wo diese fehlen, der Vormünder oder ältesten nächsten Verwandten, sowie der dazu geladenen Zeugen nach dem Standesamte. Ob zu Fuß oder zu Wagen, hängt von den Raum- und Witterungsverhältnissen ab. Geschieht es zu Wagen, so fährt die Braut mit den Eltern oder deren Vertretern, keinesfalls allein mit dem Bräutigam. Ihre Toilette besteht in einem geschmackvollen Straßenanzug, etwa schwarze oder dunkle Seide, mit Hut und Umhang; folgt auf die bürgerliche Trauung sogleich die kirchliche (es gibt Fälle, wo sich das nicht anders einrichten läßt), so erscheint sie allerdings im Hochzeitskleide, doch ohne Schleier und Kranz, die sich ja leicht nachher anlegen lassen. Auch der Bräutigam trägt Besuchstoilette, d.h. nicht den Frack, sondern einen schwarzen Oberrock und hellfarbige, nicht weiße Handschuhe. Dem entsprechend ist der Anzug der Zeugen: sorgfältig, elegant, aber dunkelfarbig, der ernsten Handlung angemessen.

In einem passend dafür möblierten Zimmer, in würdiger Weise, wird von dem Standesbeamten der Akt vollzogen, welcher die Verlobten vor dem Gesetze zum Bunde fürs Leben vereinigt. Eine häusliche Feier ist mit dieser bürgerlichen nicht verbunden. Bis nach der kirchlichen gehört die Braut, resp. die junge Frau, noch ganz dem Elternhause an, und der junge Ehemann verkehrt darin noch ganz so, wie als Bräutigam.

Der kirchlichen Feier geht gewöhnlich eine Vorfeier im Freundeskreise voran: der Polterabend. Bekanntlich stammt der Name von dem Gebrauche her, alles schadhafte Küchengeschirr, das die Nachbarn besitzen, am Abend dieses Festes »polternd« gegen das Haus der Braut zu werfen,[149] dadurch andeutend, daß diese nun einen neuen Haushalt übernimmt, in dem nichts Schadhaftes geduldet wird. In großen Städten indessen und in seinen Kreisen kommt diese Sitte, durch welche der Heimweg der Gäste oft sehr erschwert wird, mehr und mehr ab.

Der Hauptzweck des Polterabends ist das Ueberreichen von Kranz und Schleier an die Braut. Dies geschieht durch die beiden Brautjungfern. In kleinen Orten wird bei einer derselben der Kranz von den Freundinnen der Braut selbst gewunden, – eine Feier, die mit Schokolade und Kuchen begangen wird; in größeren Städten, wo man geschickte Gärtner hat, zieht man vor, den Kranz von diesen besorgen zu lassen.

Am Polterabend auch werden die kleineren Geschenke übergeben: die hübschen Handarbeiten der Freundinnen, die Jardinièren u. dgl., während die größeren Gaben der Verwandten: Silbersachen, eleganter Hausrat etc. schon früher übersandt worden sind. Die Geber thun gut, sich untereinander darüber zu verständigen, damit derselbe Gegenstand nicht doppelt und dreifach sich einfindet, während andere wünschenswerte Dinge fehlen.

Weil man aber zu einem Polterabend nicht mit leeren Händen geht (sofern das Geschenk nicht schon vorher gemacht ist), werden förmliche Einladungen dazu von den Eltern der Braut nicht erlassen. Die Braut sagt es mündlich ihren Freundinnen, der Bräutigam seinen Freunden, daß sie an dem und dem Abend noch einmal zusammen sein wollen. Weit hübscher freilich erscheint es uns, wenn jene Freunde und Freundinnen das Brautpaar und deren nächste Angehörige zum Polterabend einladen, wie das zuweilen geschieht. Sie arrangieren das Fest dann in irgend einem öffentlichen Lokal und können dort besser, als im Hause der Braut, alle Vorbereitungen treffen. Diese Aufmerksamkeit[150] ist dann ein Beweis, wie beliebt das Brautpaar ist und wird ihnen große Freude machen; zugleich wird den Eltern der Braut die Last einer großen Gesellschaft so kurz vor dem noch größeren Hochzeitsfeste erspart.

Findet aber der Polterabend im Hause der Braut statt, so sollte man ihn nicht auf den Vorabend der Hochzeit, sondern mindestens zwei Tage früher legen. Selbst wenn das Hochzeitsmahl in einem anderen Lokal arrangiert wird, ist dies zweckmäßig. Die Unruhe eines geräuschvollen Festes, das Schwärmen, Tanzen bis in die Nacht hinein – der letzten, welche die Braut unter dem elterlichen Dache verlebt – sind schlechte Vorbereitungen für den Ernst des kommenden Tages; ja, er kann wohl gar durch einen, »Katzenjammer« getrübt werden! Nehmen wir also an, die Gäste versammeln sich im Hause der Braut zwei Tage vor der Hochzeit etwa um sieben Uhr abends; die frühe Stunde ist wünschenswert wegen der zu erwartenden Aufführungen, und weil es ein Familienfest ist, an dem auch Kinder teilnehmen. Alle sind festlich geschmückt: helle Gewänder, Blumen im Haar oder an der Brust passen für die heitere Feier; auch die Braut erscheint in heller Toilette, wie zu einer Tanzgesellschaft, und hat vielleicht irgend ein kürzlich erhaltenes Schmuckstück angelegt, das für die Trauung nicht paßt.

Zuerst führt man die Gäste in das Zimmer, wo die Geschenke aufgestellt sind. Der Bräutigam hat der Braut zwar nicht, wie in Frankreich, eine corbeille de noce zu geben, mit kostbaren Stoffen, mit Spitzen, Shawls und Juwelen gefüllt, aber ein wertvolles Angebinde wird er ihr doch zur Hochzeit verehrt haben: vielleicht ein Kleinod, das in seiner Familie erblich ist und dadurch doppelten Wert erhält. Die alte Wärterin bringt ihr einen kleinen Schuh, den sie aus ihrer Babyzeit aufbewahrt, – oder[151] sich irgendwie verschafft hat! – und erhält natürlich ein reichliches Gegengeschenk dafür.

Es liegt auf der Hand, daß für eine zwanglose Vereinigung, wie sie der Polterabend darstellt, keine festen Gesetze existieren. Die Bewirtung besteht meist aus kalten Speisen; ein Büffett, im Eßzimmer aufgestellt, wird sich am praktischsten erweisen. Die Brautführer und Brautjungfern werden die Reihenfolge der Aufführungen, die an diesem Abend üblich sind, vorher bestimmt haben; sie führen das Brautpaar auf den Platz, wo sie als Mittelpunkt thronen sollen, und die Ueberreichung von Kranz und Schleier eröffnet die Feier. Passende Worte dazu finden sich in allen Sammlungen von Polterabendscherzen; hübscher aber ist es, wenn irgend ein Familienpoet die für die besonderen Verhältnisse passende Dichtung liefert. Daß hierbei, wie bei den Aufführungen überhaupt, jede unzarte Anspielung zu vermeiden ist, versteht sich von selbst.

In den verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes bestehen für den Polterabend die mannigfaltigsten, zum Teil sehr hübschen Gebräuche. Einer derselben ist der Bohnenkuchen, welcher wohl dem Dreikönigstag entlehnt ist, und allerdings meist schon früher als am Polterabend, bei der »Brautschokolade« figuriert – einer Gesellschaft, welche die Braut ihren Freundinnen gibt. In einen Kuchen backt man eine Bohne ein; der Luxus unserer Zeit aber hat die ehrliche Hülsenfrucht in eine silberne Bohne verwandelt, die, mit einem Oeschen versehen, als Zierat an der Uhr getragen werden kann. Man schneidet den besagten Kuchen nun in ebensoviele Teile, als unverheiratete und unverlobte junge Damen in der Gesellschaft sich befinden, und die, welche das Stück mit der Bohne erhält, wird unfehlbar sich zuerst verloben!

Noch ein anderes Spiel treibt man mit Hilfe eines[152] Kuchens. Auf jedes Stückchen desselben – der rund sein muß – legt man das Symbol eines männlichen Berufes; also etwa einen Säbel en miniature für den Militärstand, ein kleines Horn für das Postfach, eine Geldrolle für den Banquier, eine Feder für den Beamten. Auf das Mittelstück der Torte befestigt man einen beweglichen Zeiger, à la roulette; jedes der anwesenden jungen Mädchen hat denselben zu drehen, und der Zeiger weist ihr den Beruf ihres Zukünftigen!

Allgemeiner verbreitet als diese Gebräuche, und nur am Polterabend oder bei der Hochzeit üblich ist die Sitte des Kranzwerfens. Ein zu dem Zweck verfertigter Myrtenkranz wird der Braut in die Hand gegeben, während man ihr die Augen verbindet. Die jungen Mädchen bilden, sich die Hände reichend, einen Kreis um sie und umtanzen sie, etwa unter dem Gesang des Brautliedes: »Wir winden dir den Jungfernkranz.« Die Braut versucht nun eines der Mädchen zu haschen und ihr den Kranz auf das Haupt zu setzen, wogegen die Gefangene sich meist nicht allzu sehr sträubt, denn die ihr zugeteilte Zier bedeutet ja, daß sie von allen anwesenden Gespielen zuerst Braut werden wird! Der Bräutigam nimmt dann ein ähnliches Spiel mit seinen Freunden vor, deren einem er mit verbundenen Augen ein Sträußchen ins Knopfloch zu stecken hat. Die beiden so Geschmückten gehören dann für den Abend zu einander und empfangen, als künftiges Brautpaar, nach dem wirklichen die meisten Ehren. Zuweilen fügt das blinde Schicksal – das ja infolge der jetzigen seinen Batisttücher nicht immer stockblind ist! – zwei Personen zusammen, die sich gern dazu verstehen, aus dem hübschen Spiele Ernst zu machen.

Wir fügen hier noch einiges über die Brautjungfern und Brautführer hinzu. Die Zahl derselben ist bei uns[153] gewöhnlich auf zwei beschränkt, zu denen die Braut ihre beiden liebsten Freundinnen, der Bräutigam seine besten Freunde wählt. Selbstverständlich müssen sie unverheiratet sein. Die Brüder und Schwestern des Brautpaares füllen oft diesen Ehrenposten. Die Brautführer haben den Brautjungfern kurz vor dem Polterabend einen Besuch abzustatten; sie übersenden ihnen am Hochzeitstage gewöhnlich ein Boukett, das jene dann bei der Feier in der Hand halten, und sind ihre Kavaliere bei allen mit der Hochzeit verbundenen Festlichkeiten. Nach derselben verabschieden sie sich von ihren, »Kolleginnen« durch einen Besuch; aber hört das kollegiale Verhältnis damit auch auf, so kann das freundschaftliche doch fortgesetzt werden, und zuweilen erschien die Hochzeitsfeier den beiden so schön, daß sie sich beeilen, sie nachzumachen!

Nun sind Civiltrauung und Polterabend vorüber, und der große Tag, der Hochzeitstag, bricht an. Die Einladungen dazu sind schon lange, schon drei bis vier Wochen vorher erlassen worden, um den Gästen Zeit zu geben, das hochzeitliche Kleid zu rüsten. Man läßt diese Einladungen gewöhnlich drucken, und bedient sich dazu etwa folgender Form:


Herrn Dr. A. nebst Frau Gemahlin und Fräulein Tochter beehren wir uns zu der am 20. Mai stattfindenden Hochzeitsfeier unserer Tochter Emma mit dem Herrn Gerichtsassessor B. hierdurch ergebenst einzuladen.

Regierungsrat E. und Frau,

Berlin, Kreuzstr. 3.

geb. D.


Kirchliche Trauung um vier Uhr in der ... Kirche. Hochzeitsmahl um fünf Uhr im Saale des Kasino.

Der Wagen wird um drei Uhr vorfahren.

Um Antwort wird gebeten.


Da bei uns kein Gesetz hinsichtlich der Zeit der[154] Trauung existiert, wie in England, wo dieselbe stets vor zwölf Uhr mittags stattfinden muß, so steht die Wahl der Stunde frei. Natürlich nimmt man deshalb Rücksprache mit dem Geistlichen, zu welchem Zweck der Vater der Braut oder besser noch das Brautpaar selbst ihm einen Besuch abstattet. Die festgesetzte Zeit muß dann mit möglichster Pünktlichkeit eingehalten werden. Für alle Teilnehmer, zumal aber für den Pfarrer, der meist noch andere kirchliche Handlungen vorzunehmen hat, ist es im höchsten Grade peinlich, wenn die Feier durch Unpünktlichkeit sich verzögert. Die Gäste haben sich deshalb zur festgesetzten Zeit bereit zu halten, so daß der Wagen nicht zu warten braucht; die Festgeber ihrerseits aber auch dafür zu sorgen, daß eine hinreichende Anzahl von Equipagen – denn natürlich nimmt man keine Droschken dazu! – gemietet worden sind, um die Gäste rechtzeitig abzuholen.

Für diejenigen Hochzeitsgäste, welche von auswärts kommen, nehmen die Gastgeber, sofern sie sie nicht im eigenen Hause beherbergen können, oder befreundete Familien sich nicht dazu erboten haben, Logis in einem Hotel, so daß die Gäste, welche ohnehin die Kosten der Reise zu tragen haben, nicht auch noch für ihre Unterkunft zu zahlen brauchen. Junge Mädchen sucht man immer im Hause zu logieren; der Bräutigam dagegen, wenn er von auswärts kommt, wohnt bei dieser Gelegenheit nicht im Hause der Braut.

Die Trauung findet, wenn nicht besondere Gründe dagegen vorliegen, in der Kirche statt. Zieht man vor, sie im Hause zu begehen, – vielleicht, weil einer der nächsten Angehörigen, den man ungern bei der Feier missen würde, durch körperliche Leiden verhindert ist, in der Kirche zu erscheinen – so hat man in dem dazu bestimmten Gemache eine Art Altar zu errichten, mit Blumen und Lichtern[155] geschmückt, ähnlich, wie wir dies bei der Tauffeier1 bereits angegeben. Schöner und feierlicher aber ist die Trauung in der Kirche, wo Orgelklänge das Brautpaar begrüßen und alle seine Freunde und Bekannte sich einfinden, um Teil an dem wichtigsten Feste seines Lebens zu nehmen.

Die Ordnung des Brautzuges ist je nach den Konfessionen und der lokalen Sitte verschieden. In protestantischen Ländern finden wir nachstehende Reihenfolge am häufigsten.

Die Eltern der Braut und ihre Geschwister – sofern sie nicht Brautjungfern und-Führer sind – fahren zuerst nach der Kirche und begeben sich nach der Sakristei, um dort die Gäste zu empfangen. Diese erscheinen nun in der Folge, wie die Wagen ihnen zugeschickt werden, wobei darauf zu achten ist, daß die älteren Herren und besonders die älteren Damen zuletzt abgeholt werden, damit sie möglichst kurze Zeit in der Kirche zu warten haben. In den vorletzten Wagen kommen die Brautjungfern und Brautführer; in dem allerletzten Braut und Bräutigam allein. Diese letztere Sitte wird mehr und mehr der früheren: daß die Braut in Begleitung der Eltern fährt, vorgezogen, seit es eigentlich nicht mehr das Brautpaar, sondern das schon bürgerlich getraute Ehepaar ist, dem man diese Freiheit gestattet.

Ist nun die Hochzeitsgesellschaft versammelt, so begibt sie sich in folgender Ordnung aus der Sakristei zum Altar.

Voran schreitet die Braut, geführt von ihrem Vater, während ihr Schwiegervater an ihrer rechten Seite geht. Wo diese fehlen, nimmt der Vormund, oder der älteste von den nahen Verwandten ihre Stelle ein. Dann folgt der Bräutigam zwischen den beiderseitigen Müttern; hierauf[156] die Brautjungfern, geleitet von den Brautführern, denen sich dann die übrige Gesellschaft paarweise, nach dem Grade der Verwandtschaft oder des Ranges, anschließt. Sind Kinder in dem Zuge, so läßt man diese meist vorangehen, um den Weg bis zum Altar mit Blumen zu bestreuen.

In manchen Orten ist es Brauch, daß die Gäste sich, statt in die Sakristei, gleich in die Kirche begeben und dort die Sitze zunächst des Altars einnehmen. In dem Falle warten die Brautjungfern und-Führer am Eingang der Kirche auf das zuletzt allein kommende Brautpaar, um es nach dem Altar zu geleiten. Während der Trauung stehen jene direkt hinter dem Brautpaar, schon, weil eine der Brautjungfern der Braut während der Ceremonie des Ringwechselns das Bouquet abnimmt; dann folgen rechts und links die beiderseitigen Eltern, und zwar die Mutter der Braut mit dem Vater des Bräutigams und vice versa; die übrigen Gäste bilden den weiteren Kreis um den Altar herum. Alle stehen natürlich; nur alten oder leidenden Personen ist es ausnahmsweise gestattet, während der Ceremonie sitzen zu bleiben.

Die Eltern oder Freunde der Braut haben dafür gesorgt, daß die den Altar umgebende Galerie mit Blumengewinden geschmückt sei; in der schlechten Jahreszeit stellt man statt dessen wohl immergrüne Gewächse zu beiden Seiten des Altars auf. Vor denselben läßt man einen Teppich legen, so daß das Brautpaar nicht auf dem Steinboden zu stehen braucht. Der Platz zum Niederknieen ist in allen Kirchen mit Kissen versehen.

Während die beiden so vor dem Altare stehen, richten sich natürlich alle Blicke mit warmer Teilnahme, einige mit tiefer Rührung auf sie. Indessen befinden sich unter den Anwesenden auch solche, die, ohne persönliches Interesse, nur in die Kirche gingen, um eine Hochzeit zu sehen, und[157] diese werden ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich den Toiletten zuwenden. Nehmen wir an, wir gehörten zu diesen letzteren, und betrachten wir ebenfalls die Anzüge der Festteilnehmer.

Die Brauttoilette besitzt stets für alle Mädchen einen ganz besonderen Nimbus. Das weiße Kleid, der Schleier und Kranz haben ja lange eine Rolle in ihren liebsten Träumen gespielt; bei jeder Hochzeit, der ein junges Mädchen beiwohnt, fragt sie sich leise, wann sie selbst wohl mit diesen verheißungsvollen Insignien geschmückt wird? Und in diesem Gedanken betrachtet sie sich die Toilette der Braut so genau, daß sie, kommt die Reihe nun wirklich an sie, keiner besonderen Anleitung dafür mehr bedarf.

Selbstverständlich ist das Brautkleid weiß; ob aber von Seide, Batist oder Kaschmir, hängt von den Verhältnissen ab. Jetzt, wo das duftige, spitzenbesetzte Mullkleid nicht mehr Mode ist, wählt man, wenn irgend möglich, einen seidenen Stoff: Atlas, Taffet, Moiré oder Damast. Der Rock wird meist glatt, mit langer Schleppe, die Taille stets bis an den Hals hinauf reichend, und mit langen, geschlossenen Aermeln gemacht. Die Stelle der Brosche nimmt ein kleines Myrtenbouquetchen ein, das man höchstens mit einer kostbaren Nadel befestigt; sonstiger Schmuck ist nicht gebräuchlich.

Der Schleier besteht aus Seidentüll oder einem, jetzt vielfach vorgezogenen Spitzengewebe, das sich auf glattem Seidenzeug sehr reich und elegant ausnimmt. In manchen Gegenden ist es üblich, daß der Schleier das Gesicht verhüllt; in anderen läßt er dieses frei. Die Franzosen nennen die erstere Art à la Juive, die letztere à la Vierge. Der Schleier wird durch den Brautkranz auf dem Haupte gehalten, da man diesen darüber befestigt. Zu dem Kranz wählt man feinblättrige Myrten, womöglich mit Blüten vermischt; die Form: ob diademförmig, ob einfach runder[158] Kranz oder mit herabhängenden Enden, wechselt mit der Mode. Kränze von künstlichen Myrten sieht man nur bei geringen Leuten.

In der Hand hält die Braut Boukett und Taschentuch. Das erstere, aus Myrten und weißen Blüten bestehend, ist die Gabe des Bräutigams. Man sucht jetzt etwas darin, daß diese Blumenspende sich nicht nur durch ihre Eleganz, sondern auch durch ihren Umfang auszeichne, und beladet die Bräute mit kolossalen, räderartigen Bouketts. Wir können das nicht schön finden und halten es für weit seiner und graziöser, den Reichtum des Straußes auf seine Qualität zu beschränken.

Das Taschentuch ist gewöhnlich das Geschenk einer Freundin, allein von ihr selbst verfertigt ist es selten noch, da die dazu jetzt gebräuchlichen seinen Spitzengewebe mit dem handgroßen Stückchen Batist in der Mitte wohl selbst den geschicktesten Fingern eine zu schwierige Aufgabe stellen würden. Sehr zweckentsprechend sind diese Tüchlein freilich nicht, und wir wollen wünschen, daß sie nur ein paar jener Brautthränen zu trocknen haben, die, wie das Sprichwort sagt, nicht länger fließen, als ein Morgenregen.

An diese Thränen möchten wir noch die Bemerkung knüpfen, daß es höchst peinlich berührt, wenn die Braut während der Ceremonie sehr heftig weint, wohl gar das, »Ja«, mit dem sie sich dem Manne angelobt, vor Schluchzen kaum hörbar wird. Wie begreiflich auch eine nervöse Erregung an diesem Tage sein mag, so sollte die Braut doch so viel Selbstbeherrschung besitzen, um eine, dem hochwichtigen Akt entsprechende würdige Haltung zu bewahren, um so mehr, als man ihre Thränen gar leicht, statt der Rührung, einer Abneigung gegen den zu schließenden Bund zuschreiben kann. Das seine Tüchlein mag sie daran mahnen!

Abweichend von der beschriebenen Brauttoilette ist die[159] einer Witwe, welche sich wieder vermählt. Statt des weißen Kleides wählt sie hellfarbige Seide, etwa silbergrau oder blaßlila; der jungfräuliche Schleier bleibt ganz weg, und der geschlossene Myrtenkranz verwandelt sich in ein offenes Diadem von Myrten, dem auch wohl Orangenblüten beigefügt werden. – Ein Fräulein, welches sich in späteren Jahren noch verheiratet, wird ebenfalls buntfarbige oder schwarze Seide für ihr Brautkleid wählen, sonst aber ist die Toilette die gleiche, wie für das junge Mädchen.

Der Anzug des Bräutigams ist natürlich der feinste, eleganteste, den die Mode, welche unseren Herren jetzt alle Farben verbietet, überhaupt gestattet, nämlich: schwarzer Frack und eben solche Beinkleider (der Engländer trägt blauen Frack und helle inexpressibles, da die schwarze Farbe für die heitere Feier verbannt ist!) weiße Weste und Halsbinde, ditto Glacéhandschuhe und Cylinderhut. Nicht etwa chapeau-claque, der nicht in die Kirche gehört. Das Myrtensträußchen im Knopfloch ist das einzige, welches den Anzug von dem für jeden Ball üblichen unterscheidet. – Ein Offizier erscheint natürlich in seiner Gala-Uniform.

Was die Toilette der Gäste anbetrifft, so versteht es sich von selbst, daß jeder derselben seinen besten Staat anlegt. Die Herren haben es in der Beziehung gut: mit dem universellen Frack sind sie immer fertig; manche Dame aber hat die Einladung zu einer solchen Feier schon abgelehnt, weil ihr das hochzeitliche Gewand fehlte. Das schwarze Seidenkleid, das jede wohl besitzt, ist freilich bei solchen Gelegenheiten nicht gern gesehen, allein es gelingt wohl, ihm durch weiße Spitzen oder farbigen Ausputz ein festlicheres Aussehen zu geben.

Obwohl die Feier am Tage stattfindet, tragen die Damen doch Abendtoilette, d.h. Schleppkleid und Kopfputz, nicht etwa den Hut, wie das in England und Frankreich[160] üblich ist. Junge Mädchen emancipieren sich bei der jetzt so allgemeinen Mode der kurzen Kleider häufig von der Schleppe, die ja auch später, beim Tanzen, so lästig ist. Helle, frische Toiletten mit Blumenschmuck sind für sie am passendsten; ganz weiß sich zu kleiden aber würde sich nicht ziemen, da Weiß an diesem Tage nur die Braut auszeichnen soll.

Auf die Trau-Ceremonien können wir hier nicht näher eingehen, da sie, auch innerhalb derselben Kirche, je nach den Ländern und Gegenden sehr verschieden sind. Das Brautpaar thut deshalb gut, sich genau danach zu erkundigen. Trat doch noch kürzlich bei der Trauung einer deutschen Prinzessin mit einem russischen Großfürsten in Petersburg eine Störung ein, weil man versäumt hatte, die Braut genügend mit dem Ritus der russischen Kirche bekannt zu machen, – ein Umstand, der zu allerhand unangenehmen Bemerkungen Anlaß gab. Solche Irrungen muß man natürlich vermeiden.

So ist z.B. der Platz der Braut nicht immer derselbe. In den meisten Gegenden steht sie an der rechten Seite des Bräutigams, als der Ehrenseite; in anderen aber an der linken. Ferner ist es an manchen Orten Sitte, daß das Brautpaar – und die Gäste mit ihm – die Traurede des Geistlichen sitzend anhört, zu welchem Zweck zwei Sessel vor den Altar gestellt werden; häufiger indessen stehen alle während derselben. Beim Wechseln der Ringe knieen Braut und Bräutigam stets nieder, nachdem sie vorher schon den Handschuh von der rechten Hand entfernt haben, an deren Ringfinger der bisher an der linken Hand getragene Verlobungs- oder der neue Trauring steckt. Diese Ringe legen beide auf die ihnen zu dem Zweck von dem Geistlichen dargereichte Bibel, worauf er den Wechsel voll zieht und den Segen über das Paar spricht. Nach beendigter[161] Feier reicht er den jungen Eheleuten glückwünschend die Hand; darauf folgen die Glückwünsche und Umarmungen der beiderseitigen Eltern, dann die der übrigen Gäste.

Mittlerweile warten die Equipagen am Ausgang der Kirche, und das junge Paar verläßt dieselbe, wohl unter Orgelklang, zuerst. Doch begibt es sich nicht gleich in den Saal, wo die Gäste sich versammeln, sondern wartet in einem anderen Zimmer ab, bis alle angekommen sind, um dann erst unter ihnen zu erscheinen. Die junge Frau hat von ihrer Toilette nur den Schleier abgelegt. Die Gäste fahren, gewöhnlich je zwei Damen und zwei Herren, nach dem Hochzeitshause, wobei die Gastgeber darauf zu achten haben, daß die älteren Damen und Herren zuerst die Kirche verlassen. Die Mutter der Braut indessen wird gleich nach dieser folgen, um die Gäste daheim empfangen zu können.

Bei dem Festmahle nimmt das junge Paar wiederum die Ehrenplätze in der Mitte der Tafel ein, welche man meist mit Blumengewinden schmückt. Rechts und links von ihnen sitzen die beiderseitigen Eltern, gegenüber die Brautjungfern und Brautführer, sowie der Geistliche, den man nie versäumen wird einzuladen. Die Plätze sind, wie bei größeren Gastmählern, durch Karten bezeichnet, die man ja schön illustriert bekommt; statt derselben sieht man jetzt oft solche, die auf der oberen Seite mit der Photographie des jungen Paares geschmückt sind, während die andere Seite das Menü enthält. Es ist dies eine hübsche Art, jedem Teilnehmer des Festes zugleich ein kleines Andenken daran zu geben.

Der erste Toast gilt natürlich dem jungen Paare und wird gewöhnlich von dem Geistlichen, wenn dieser zugegen ist, ausgebracht; fehlt er, so übernimmt irgend ein älterer Freund der Familie dieses Amt, nie aber einer der nächsten Angehörigen. Der Bräutigam ist zu einer Erwiderung[162] nicht verpflichtet, doch er scheint es natürlich, wenn er für sich und seine junge Frau einen herzlichen Dank ausspricht für alle die Liebe und Freundschaft, welche ihnen seitens der Gäste zu teil geworden. Fühlt er diesen Dank wirklich, so wird er die passende Form dafür schon finden. – Obligatorisch ist dann noch der Trinkspruch auf die Eltern des Paares, an welchen sich gewöhnlich eine unbeschränkte Reihe von Toasten, Reden, Liedern etc. anschließt. Daß auch hier alle unzarten Andeutungen zu vermeiden sind, bedarf wohl nicht der abermaligen Erwähnung.

Häufig engagirt man einige Musikant en, oder doch einen Klavierspieler, einen sogenannten »Tappeur« für das Fest, das ja doch meist mit einem Tänzchen endet. Soll die Musik schon während des Mahles sich hören lassen, so muß sie sehr diskret sein und wird am besten in ein Nebenzimmer postiert. Die Gäste haben schon in der Kirche sich schweigend verhalten müssen; jetzt möchten sie ihre Gedanken austauschen, und würden sich durch laute Musik sehr unangenehm daran gehindert finden.

Wenig passend erscheint es uns, Scherze, wie man sie sich am Polterabend erlaubt, komische oder gar groteske Verkleidungen u. dgl. bei der Hochzeitsfeier vorzunehmen. Sie soll immerhin eine ernste sein, und so hübsch auch einige sinnige kleine Aufführungen die oft allzu lange währenden Tafelfreuden unterbrechen, so unangenehm berührt an dem Tage das Possenhafte, Karikierte.

Die junge Welt sieht meist mit Ungeduld der Aufhebung der Tafel entgegen, um sich dem Vergnügen des Tanzes hinzugeben. Die Neuvermählten eröffnen denselben natürlich, nehmen aber selten lange daran Teil, da es nun wohl an der Zeit ist, sich zur Hochzeitsreise zu rüsten. Einen Tanz aber müssen sie mitmachen, schon dem hübschen Spiele des Kranzraubens zu gefallen! Die junge Frau[163] hat den Myrtenkranz vorher etwas lockerer befestigt, und während sie tanzt, suchen nun die Gäste unter großer Heiterkeit ihr denselben zu rauben und statt seiner ein Häubchen – gewöhnlich das Geschenk einer Freundin – ihr auf das Haar zu setzen. Da die junge Frau sich ja gern »unter die Haube bringen« läßt, so wird das kühne Unternehmen nach einigen vergeblichen Versuchen schließlich mit Erfolg gekrönt. – Wo man von einem Tanze absieht, oder das junge Paar vor demselben aufbricht, führt die jüngste verheiratete Frau der Gesellschaft diese Vertauschung des Kranzes gegen das Häubchen, ohne daß es die Braut merkt oder zu merken scheint, aus.

Nun aber, unter den rauschenden Klängen der Musik, unter dem Lachen und Scherzen der Gäste, ist das junge Paar verschwunden. Findet die Feier im Hause der Braut statt, so erscheint es noch einmal im Reisekostüm unter den Gästen, um einen kurzen Abschied von ihnen zu nehmen, – indessen nur, wenn dieser Abschied ein leichter, fröhlicher sein kann. Ist das nicht der Fall, bleibt die junge Frau nicht an demselben Orte oder ganz in der Nähe, sondern folgt dem Gatten in die Fremde, verläßt für lange Zeit das Heim ihrer Kindheit – dann wird der Schmerz des Scheidens, momentan wenigstens, den Sieg über das Glück der Vereinigung mit dem Geliebten davontragen, und dann unterbleibt der Abschied am besten ganz. Die Mutter nur ist dann dem teuren Kinde gefolgt, um es noch einmal aus Herz zu drücken; mit feuchten Augen kehrt sie zurück, um ihre Pflichten als Wirtin bis zu Ende zu erfüllen, und die Gäste werden wohl thun, dieses Ende nicht allzu lange hinaus zu schieben.
[164]

Was wir heut mit Grün bekränzen,

Möge einst in Silber glänzen –


so könnten wir den bekannten Spruch umändern, der bei der silbernen Hochzeit auf die goldene deutet. Ja, überspringen wir mit der Leichtigkeit des Gedankens fünfundzwanzig Jahre und feiern


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 148-165.
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