Logierbesuch,

[167] wie wir ihn kurzweg – aber mit Hilfe eines Fremdwortes – zu nennen pflegen.

Ein gastliches Haus, in welchem eine ganze Reihe von Zimmern den auswärtigen Freunden zur Verfügung steht, ist etwas sehr Schönes, aber etwas immer seltener Werdendes. Die Wohnungen sind in den größeren Städten jetzt so teuer, daß das Fremdenzimmer zu den Luxusartikeln gerechnet werden muß, die nur der Begüterte sich erlauben kann. Finden wir doch in unseren Metropolen elegante Haushaltungen, in welchen allabendlich ein Wohnraum in ein Schlafzimmer verwandelt wird, und gar manchem hübschen Sofa sieht man es nicht an, daß es in seinem Innern alle Ingredienzien eines Bettes verborgen hält. Da ist es denn nicht zu verwundern, daß die Gastfreundschaft darunter leidet, ja, daß man solchen Besuch, wenn er unerwartet[167] per Eisenbahn anlangt, scherzend ein »Eisenbahnunglück« nennt.

Hoffen wir indessen, daß der Gast, den wir uns jetzt unterwegs denken, eine so wenig freundliche Bezeichnung nicht zu fürchten hat. Dennoch würden wir ihm abraten, unerwartet zu kommen; es ist dies weder für den Gast, noch für den Wirt angenehm. Der erstere hat es sich so reizend gedacht, die lieben Freunde zu überraschen; allein er findet sie vielleicht gar nicht zu Hause, oder sie haben bereits Besuch, können ihn nicht aufnehmen, kurz, er kommt ungelegen. Und selbst, wenn dieses nicht der Fall ist, wenn die Wirte sich herzlich über den Anlangenden freuen, so hat er ihnen doch die Vorfreude genommen, hat sie der Möglichkeit beraubt, sich mit ihren Geschäften, ihren Arbeiten so einzurichten, daß sie seine Anwesenheit recht genießen, sich ihm recht widmen können. Also schreibe oder telegraphiere er vorher an den Gastfreund; sein Aufenthalt wird dadurch sicher behaglicher werden.

So wenig beliebt, wie die Ueberraschungen, sind meistens auch die Passanten. »Ich komme dann und dann durch euren Ort, kannst du mich auf eine Nacht beherbergen?« solche Anfragen erhält man häufig. Man sagt natürlich nicht nein; aber die Mühe, das Zimmer herzurichten, lohnt sich kaum für eine Nacht. Der Reisende würde da besser thun, dieselbe in einem Gasthause zuzubringen und bei dem Freunde nur anzufragen, ob er ihm den Abend reservieren könne?

In England ist es Sitte, daß der Freund, welcher uns zu sich ins Haus einladet, gleich die Dauer des Besuchs bestimmt. »Ich werde mich außerordentlich freuen, Sie vom 10. d. M. bis zum 18. bei mir zu sehen,« heißt es etwa in dem Einladungsschreiben. Diese Bemerkung wird einem erst sehr ungastlich er scheinen; bald aber sieht[168] man ein, daß sie, wie die meisten gesellschaftlichen Formen in England, recht praktisch ist. Dort, wo man in den reichen Landhäusern ungezählte Gäste empfängt, ist sie notwendig, um die passenden zu einander einzuladen, um über die Fremdenzimmer disponieren zu können; aber auch in unseren kleineren Verhältnissen würde sie sich zweckmäßig erweisen. Wir, weit entfernt, die Dauer des Besuchs zu bestimmen, würden es für sehr unhöflich ansehen, den Gast danach zu fragen; wir sind also nicht imstande, unsere Einrichtungen danach zu treffen. Wünschen wir selbst in nächster Zeit eine Reise anzutreten, oder einen anderen Freund zu uns einzuladen: wir wissen nicht, ob der erste bis dahin abgereist sein wird; die Vergnügungen, welche wir ihm zu bieten haben, werden auf die ersten Tage gehäuft, statt sie in behaglicher Weise zu verteilen, – kurz, es ist nach allen Richtungen hin störend, über die Dauer des Besuchs im unklaren zu sein. Der Gast seinerseits braucht, infolge obiger Bemerkung, niemals zu fürchten, lästig zu werden; er richtet seinen Koffer nach der angegebenen Zeit ein, und bittet der Gastwirt dann um eine Verlängerung seines Aufenthalts, so darf er sicher sein, daß die Bitte ebenso aufrichtig ist, wie die frühere ungeniert war.

Ueber die Einrichtung des Fremdenzimmers haben wir bereits früher2 gesprochen. Selbstverständlich wird die Wirtin bestrebt sein, zu dem »Guten den Glanz und den Schimmer« zu fügen, also, wenn sie eine Dame erwartet, das Zimmer mit Blumen schmücken, oder, kennt sie die Gewohnheiten des Gastes, dieselben berücksichtigen. Im Sommer wird sie das Zimmer gut lüften, zur Winterzeit, auch wenn der Gast nur darin schlafen soll, es angenehm durchwärmen lassen, da ein dumpfes oder eiskaltes Zimmer stets unangenehm berührt.


Logierbesuch

[169] Ein Mitglied der Familie – Hausherr, Sohn oder Tochter – holt den Gast vom Bahnhof ab; ist die Entfernung vom Hause groß, so nimmt er einen Mietwagen, um ihn und sein Gepäck nach der Wohnung zu führen; geht man zu Fuß, so trägt er Sorge, daß das Gepäck nachgebracht wird. Beides, sowohl Wagen wie Gepäckträger, wird der Wirt, wenn seine Verhältnisse nicht sehr ungünstige sind, bezahlen und es vermeiden, daß der Gast ihm darin zuvor kommt; der letztere seinerseits würde seinen Begleiter – zumal eine Dame einen Herrn – kränken, wenn er den kleinen Betrag ihm aufnötigen wollte.

Nach der Begrüßung im Hause führt der Gastwirt den Freund, respektive die Hausfrau die Freundin in das Fremdenzimmer, um dort Hut und Mantel abzulegen. Eine Kanne mit warmem Wasser steht bereit, auch die Seife fehlt nicht, um sich von dem Reisestaub zu säubern; ist der Koffer schon angelangt, so hat das Mädchen die etwa darüber befindliche Hülle oder das Bindseil entfernt, und bietet, ist der Gast eine Dame, seine Hilfe beim Auspacken an. Wird diese abgelehnt, so läßt man den Gast allein, nachdem man ihn noch gebeten, es offen zu sagen, wenn ihm etwas fehle, oder nicht bequem sei.[170]

Dem Ankömmling seiner- oder ihrerseits möchten wir empfehlen, dieses kurze Zurückziehen auf sein Zimmer nicht abzulehnen. Gute Bekannte legen wohl statt dessen im Wohnzimmer ab und setzen sich dann gleich zu dem bereitstehenden Mahle nieder; aber eine mehrstündige Fahrt bringt fast immer die Toilette in Unordnung: das Haar hat sich gelöst, ein Fleckchen Ruß von der Lokomotive sich gerade auf die Nase gesetzt, oder die Handschuhe haben bei der Wärme abgefärbt, – kurz, der Gast sieht nichts weniger als ordentlich aus und macht keinen günstigen Eindruck. Es ist nicht Sache der Eitelkeit, sondern eine Pflicht der Höflichkeit und der Selbstachtung, sich den Wirten in netter Toilette zu zeigen.

Selbstverständlich setzt man dem Ankommenden eine Erfrischung vor, ob er nun zur Zeit eines Mahles eintreffe oder nicht. Ohne Zweifel würde er sehr enttäuscht sein, wenn er, nach ermüdender Fahrt zwischen der Kaffee- und der Theestunde eintreffend, bis zu letzterer warten müßte. Er darf schon beanspruchen, daß man seinethalben die Hausordnung ein wenig verrücke. So wird man, langt er kurz nach der Stunde des Mittagessens an, mit diesem womöglich auf ihn warten; hat er auf das Mahl zu warten, so bietet man ihm wenigstens ein Glas Wein oder dergleichen an.

Vor dem Schlafengehen erkundigt sich der Gast nach der Frühstücksstunde, und wenn man ihn gleich bittet, sich ungeniert auszuschlafen, und er es, ist er sehr reisemüde, an diesem ersten Morgen auch thut, so wird er sich in der Folge doch streng an die Hausordnung halten. Die Wirte ihrerseits thun gut, dieselbe so viel als möglich unverändert zu lassen. Man fühlt sich nur da behaglich, wo man sieht, daß man in keiner Weise geniert; auch würde man durch die Kinder oder Dienstboten doch leicht erfahren, daß unsere Wirte sich durch uns haben aus dem Geleise bringen[171] lassen. Eine jüngere Dame, die Freundin der Wirtin oder deren Tochter, wird sogar sich gern nützlich im Hause erweisen, mit zugreifen, wo es wünschenswert erscheint, bei Gesellschaften helfen die Honneurs zu machen, kurz, so lange sie in der Familie weilt, sich, soweit man es ihr gestattet, als Mitglied derselben gerieren, nicht als Fremde. Deshalb dürfen die Wirte aber auch nicht glauben, den Gast beständig unterhalten, ihn keinen Augenblick allein lassen zu müssen. Das wäre für beide Teile sehr lästig und hätte nur die Folge, daß man einander rasch überdrüssig würde.

Gewöhnlich entwirft man morgens beim Frühstück den Schlachtplan für den Tag, wobei man natürlich den Gast um seine Wünsche befragt. Die Zeit bis zum Mittagessen oder doch bis zur Besuchszeit, thut man gut, wenigstens bei längerem Zusammensein, jedem zur eigenen Verfügung zu stellen: zum Lesen, Briefschreiben u. dgl. Natürlich hat man dem Gast auch einen passenden Platz dafür anzuweisen, ein Zimmer, in dem er ungestört ist, wenn sein eigenes die dazu nötige Bequemlichkeit nicht bietet.

Abends ist es Sache des Gastes aufzubrechen, wenn nicht, wie in manchen Familien, auch dies fest geregelt ist, so daß der Diener stets zur bestimmten Zeit mit den Handleuchtern erscheint und meldet, daß das Gas in den Schlafzimmern angezündet sei. – Da die Einladungen auf bestimmte Dauer bei uns noch nicht üblich sind, so wird der Gast so bald wie möglich den Zeitpunkt seiner Abreise erwähnen, damit seine Wirte sich danach richten können; auch wird er bei einigem Takt leicht herausfühlen, ob das Zureden jener, länger zu bleiben, aufrichtig gemeint oder nur eine konventionelle Höflichkeit ist. Einen Besuch allzulang auszudehnen, scheint immer gewagt; bei diesem wie bei anderen Vergnügen ist es ratsam, aufzuhören, ehe man sie bis auf die Neige genossen hat.[172]

Zuweilen würde der Gast gern länger bleiben, wenn er nicht sähe, daß er dem Wirt bedeutende Kosten verursacht. Wie dieser Droschke und Packträger für ihn bezahlte, so besorgt er auch Theater- und Konzertbillette, übernimmt bei Ausflügen die damit verbundenen Ausgaben. Natürlich hängt es von den Verhältnissen des Wirts ab, ob der Gast dies gern annimmt, oder ob es ihm peinlich ist. In letzterem Fall dürfte er ihn wohl bitten, seine Gastfreundschaft auf sein Haus zu beschränken und ihm zu erlauben, alle Ausgaben außerhalb desselben selbst zu bestreiten. Das eigene Gefühl muß ihm sagen, ob eine solche Bitte gut aufgenommen werden wird oder nicht.

Das schönste Geschenk, das der Gast seinem Wirte entgegenbringt, ist natürlich er selbst, und er wird den Wert dieses Geschenkes durch Liebenswürdigkeit möglichst zu erhöhen suchen. Doch schließt das andere Gaben nicht aus. Sind Kinder im Hause, so liegt es nahe, diese durch hübsche Geschenke zu erfreuen, die dann gewöhnlich den Eltern mit Vergnügen machen; aber auch die Erwachsenen verschmähen eine kleine Gabe nicht, die ihnen zeigt, daß der Freund ihrer liebend gedacht, daß er sich bemüht hat, ihnen Freude zu bereiten. Etwas der Heimat des Gastes Eigentümliches wird am geeignetsten dazu sein.

Daß man die Dienstboten des gastlichen Hauses beim Abschied mit einem Trinkgelde bedenkt, versteht sich von selbst. Die Höhe desselben bemißt sich nach den Verhältnissen des Gastes und der Dauer seines Aufenthalts, doch sollte er es nicht zu knapp bemessen. Er findet bei einer Wiederholung des Besuchs desto freundlichere Aufnahme und desto größere Dienstbereitheit von seiten der Dienstboten, und das ist in einem fremden Hause auch etwas wert.

Nach Hause zurückgekehrt wird der Gast alsbald an seine Gastgeber schreiben und ihnen den Dank, den er ihnen[173] beim Abschied bereits mündlich ausgesprochen, noch einmal schriftlich wiederholen. Hat er keine Aussicht, ihre Gastfreundschaft erwidern zu können, so wird er suchen, sich in anderer Weise erkenntlich zu zeigen. Ein einzelner Herr z.B. gibt wohl, ehe er das gastliche Haus verläßt, einem Gärtner Auftrag, seiner Wirtin nach seiner Abreise ein paar schöne Pflanzen in Töpfen, oder eine reich gefüllte Jardiniere zu senden; das junge Mädchen, das lange die Gastfreundschaft einer befreundeten Familie genossen, wird die Mitglieder derselben, besonders die Hausfrau, am nächsten Weihnachtsfest durch hübsche, selbstgearbeitete Gaben überraschen; die ältere Dame sendet vielleicht eine Marzipantorte als Neujahrsgruß. Wie bei allen Geschenken kommt es auch hier nicht auf den positiven Wert der Gabe an, sondern darauf, daß man sie mit Takt und Zartgefühl wählt und eine hübsche Form dafür findet.

Fußnoten

1 Siehe S. 121.


2 Siehe S. 26–30.


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886.
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