Die Pflege des Körpers

[194] setzen wir mit Recht voran, denn sie ist die erste Bedingung einer angenehmen äußeren Erscheinung. Die Hauptsache aber bei dieser Pflege ist die Reinlichkeit.

Man hat den Bildungsgrad eines Volkes nach seinem Verbrauch von Seife bemessen, und die Engländer sagen sogar: »Cleanliness is next to Godliness« (Reinlichkeit kommt gleich nach der Frömmigkeit). Dieser letztere Ausspruch hat sich nun wohl nicht überall und zu allen Zeiten bewahrheitet, denn die Säulenheiligen und Anachoreten früherer Jahrhunderte hielten entschieden den Weg zum[194] Himmel für einen recht schmutzigen. Auch selbst als Bildungsgradmesser bewährt sich die Reinlichkeit nicht immer: den Beweis liefert die bekannte Anekdote von Bettina von Arnim, – die man übrigens auch der Lady Montague nacherzählt, – daß sie auf die Bemerkung eines Freundes: »Was hat die Bettina aber für schmutzige Hände!« mit mehr als kindlicher Naivetät geantwortet habe: »Da solltest du erst einmal meine Füße sehen!«

In unserer Zeit aber würde eine solche Aeußerung und ein Aeußeres, wie sie es andeutet, nicht mehr als Genialität betrachtet werden, wie damals, sondern einfach als eine Verletzung der guten Sitte, als Vernachlässigung einer Pflicht, die man der Gesellschaft sowohl wie sich selbst schuldet. Ja, in erster Linie ist die Reinlichkeit eine Pflicht der Selbsterhaltung, der wir verbunden sind täglich einige Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen.

Als ich kürzlich in England in einem Logierhause übernachtete, fragte mich die Wirtin, welche mich abends in mein Zimmer geleitete, um welche Zeit ich am nächsten Morgen mein Bad zu haben wünsche? Sie erkundigte sich nicht, ob ich eins wünsche, sondern nur um welche Zeit; das Bad erschien ihr ebenso selbstverständlich, wie etwa das Frühstück.

Und das sollte es in der That sein. Nichts ist so erfrischend, so stärkend als ein Bad des Morgens, nichts so wohlthätig für die Gesundheit, so vorteilhaft für den Teint. Die Poren des Körpers sind vierundzwanzig Stunden hindurch infolge der eigenen Ausdünstung sowohl, wie durch Staub und Schmutz von außen geschlossen, verstopft worden; sie bedürfen der Abwaschung, um sich davon zu befreien, um gesunde Werkzeuge für das Aufnehmen der Luft zu sein. Dazu genügt das gewöhnliche Waschen des Oberkörpers nicht, alle Teile des Körpers verlangen dieselbe Pflege.[195]

Auch ist es durchaus nicht so schwer, sie ihm angedeihen zu lassen. Wie wir schon bei Gelegenheit der Einrichtung des Hauses bemerkten, findet sich jetzt ein Badezimmer in fast jeder größeren Wohnung, und allgemeiner noch eine Wasserleitung. Mit Hilfe dieser letzteren kann man dann leicht, wo das Badezimmer fehlt, eine es ersetzende Einrichtung im Schlafzimmer treffen, im Notfall nur ein großes Becken von lackiertem Blech, wie man solche in den englischen Schlafzimmern vielfach vorfindet. Mit Hülfe der Krahnen für kaltes und heißes Wasser ist es schnell gefüllt, und das Bad ist fertig. Auch unser Waschgeschirr hat jetzt glücklicherweise größere Dimensionen angenommen, als früher, wo man sich mit einem Becken von dem Umfang eines Spülkumps und als einzigem Wasserbehälter mit einer Karaffe behalf. Der Verbrauch von Wasser und Seife hat entschieden bei uns zugenommen!

Haben wir so für den Körper im allgemeinen gesorgt, so gehen wir nun zu der Pflege der einzelnen Teile über. Besondere Aufmerksamkeit verlangen die Zähne. Ihre Erhaltung ist eine Frage sowohl der Gesundheit, wie der Schönheit. Jedermann weiß, daß nur gesunde Zähne die Nahrung genügend zu zermalmen vermögen, um sie dem Magen in dem für ihn tauglichen Zustand zuzuführen. Jedermann auch findet weiße, gut gepflegte Zähne schön, schwarze, angefreßne häßlich. Dennoch versäumen sehr viele das zu thun, was zur Erhaltung der Zähne notwendig ist, – denn jeder Mensch hat von Natur gute Zähne. Dazu gehört zuerst: Mäßigkeit im Genusse süßer Speisen, die besonders für ganz junge Zähne schädlich sind. Kinder sollten Zucker und Kuchen nur vom Hörensagen oder doch nur als seltene Leckerbissen kennen, statt daß sie meistens damit gefüttert werden; im späteren Alter sind diese Dinge weniger gefährlich. Ferner ist das Rauchen ein großer[196] Feind der Zähne; diesem Moloch fällt manches schöne Gebiß zum Opfer. Auf die Zähne besonders bezieht sich auch der ärztliche Ausspruch: daß Verhüten besser sei, als Kurieren. Man sollte die Zähne regelmäßig von dem Zahnarzte – resp. der Zahnärztin – untersuchen lassen, die Erwachsenen alle sechs, Kinder alle drei Monate, dann würde durch das Beseitigen des kleinen Schadens mancher große verhütet.

Besonders aber sei man sorgfältig im Reinigen der Zähne. Das Gesetz befiehlt den Hindus, nach jeder Mahlzeit den Mund siebenmal auszuspülen. So anspruchsvoll sind wir nicht; jedenfalls aber kann es nicht genügen, dies nur einmal täglich, morgens, zu thun. Auch nach dem Mittags- und Abendbrot sollten die Zähne mit einer schmalen, weichen Bürste geputzt und der Mund mit lauwarmem Wasser ausgespült werden, um die Reste des Essens zu entfernen; ein Löchlein oder eine Lücke findet sich nur zu oft, um als Speisekammer zu dienen, und diese sich dort lagernden Ueberbleibsel sind mit die Ursache des übeln Geruches, der zu den fatalsten Dingen gehört, mit denen ein Mensch behaftet sein kann.

Was ist das lieblichste Lächeln, was die beredtesten Worte, wenn mit ihnen ein unangenehmer Eindruck auf unser empfindliches Geruchsorgan verbunden ist? ... Eine Dame klagte einmal, daß sie während eines Diners neben einem berühmten Professor gesessen habe, aus dessen schwarzem Gebiß ihr bei jedem seiner ohne Zweifel sehr geistreichen Worte ein penetranter Tabaksgeruch entgegengeweht sei. Das Vergnügen, die Bekanntschaft des gelehrten Herrn zu machen, war ihr dadurch gründlich vergällt worden. – Daß ein übelriechender Atem als Scheidungsgrund angenommen wird, ist wohl bekannt.

Zu der Toilette, die man für den Besuch einer Gesellschaft, eines Theaters oder Konzerts macht, gehört also[197] unbedingt das Reinigen des Mundes, besonders für Herren, welche geraucht, oder Bier oder Spirituosen zu sich genommen haben. Genügt das Wasser nicht, um den unangenehmen Geruch zu beseitigen, so füge man eine Auflösung einiger Körner hypermangansaures Kali bei (das man in jeder Droguenhandlung für wenige Pfennig erhält), welches für den genannten Zweck ausgezeichnet wirkt.

Die Fortschritte der Zahnarzneikunde ermöglichen mehr und mehr die Konservierung der Zähne, oder ihren Ersatz, wenn man das Unglück hat, sie zu verlieren. In letzterem Fall sollte man nicht Anstand nehmen, sie durch einen geschickten Techniker ersetzen zu lassen, denn es ist für den Betroffenen weit gesundheitsdienlicher und für den Beschauer weit angenehmer, wenn er künstliche Zähne, als wenn er gar keine hat.

Gehen wir nun zu der Pflege der Haare über, so haben wir auch für sie dieselbe Sorgfalt zu empfehlen. Es ist sehr falsch, sie nur mit Oel und Pomade zu traktieren: sie bedürfen des Wassers so gut, wie jeder andere Teil des Körpers. Einmal wöchentlich sollten sie mit lauwarmem Wasser, zu dem man einige Tropfen Essig oder etwas Ammoniak fügt, abends vor dem Schlafengehen gewaschen werden; sehr zweckmäßig ist auch das »Shampoonen«, die englische Kopfwäsche, durch welche der Zweck noch gründlicher und auf angenehmere Weise erreicht wird, und wofür auch unsere Friseure meist den nötigen Apparat besitzen.

Außerdem muß das Haar morgens und abends tüchtig mit einer guten, nicht zu harten Bürste gebürstet werden; dies, verbunden mit dem öfteren Waschen, erhält es weich und glänzend. Auch schneide man die ungleichen Enden öfter ab; in der Jugend ist häufiges Beschneiden des Haares überhaupt ratsam, da es danach schöner und reicher wieder wächst.[198]

Die Mode der massenhaft auf dem Kopf getragenen fremden Haare ist jetzt glücklich vorüber. Wie viel Schaden dieselben angerichtet haben, ist kaum zu sagen. Ganz abgesehen davon, daß diese Flechten von den Köpfen an ansteckenden Krankheiten Gestorbener genommen sein konnten, verdarben sie das eigene Haar und verursachten durch ihr Gewicht alle möglichen Kopfleiden. Die Natur hat unser Haupt nur für eine angemessene Menge dieses Schmuckes bestimmt, das Uebermaß rächt sich stets.

Freilich, wie künstliche Zähne besser sind, als gar keine, so sind auch fremde Haare besser, als ein kahler Kopf. Eine Perücke erscheint uns deshalb in solchen Fällen, besonders für ältere Herren, sehr zweckmäßig. Das weiße Haar aber durch eine dunkle Perücke verdecken und sich dadurch den Schein der Jugend geben zu wollen, zeugt von zu weit gehender Eitelkeit; solche Versuche sind wohl die Ursache der Lächerlichkeit, welche an jener Kopfbedeckung haftet. – Damen verdecken den Mangel an Haaren am besten durch ein Häubchen.

Die jetzige Haartracht für das weibliche Geschlecht kommt der Natur insofern entgegen, als sie nicht verlangt, daß die Haare, wie in früheren Jahren, am Kopfe festkleben. Ein vagabundierendes Löckchen oder Strähnchen wird nicht als ein Verbrechen betrachtet, im Gegenteil, es ist Mode d'être mal peigné. Aber, muß man hinzufügen, es ist nicht erlaubt, d'être mal coiffé, – und mal coiffé, schlecht frisiert erscheinen uns entschieden die Damen, welche jene Mode ins Extreme treiben und sich in einem Haarwirrwarr präsentieren, der an den Struwwelpeter erinnert. Ebensowenig schwärmen wir für die offenen Haare, welche junge Mädchen oft tragen. Auf der Bühne, bei lebenden Bildern u. dgl. mag das am Platze sein; wenn wir aber bei Tische neben einer Dame sitzen, welche die Zierde ihres[199] Hauptes so wenig gefesselt trägt, daß die vorwitzigen Büschel fortwährend ganz unerlaubte Exkursionen machen, und unsere Suppe Gefahr läuft, in allzu intime Berührung mit ihnen zu kommen – dann erscheint diese Tracht entschieden unpassend und unanständig.

Gegen die vielgeliebten Simpelfransen polemisieren zu wollen, ist nun gar nutzlos. Die Damen haben einmal eine Passion dafür, und so ist mit Gründen nicht dagegen anzukommen. Wir geben zu, daß eine allzu hohe Stirn durch diese, sie halb verdeckende Fransen gewinnt; allein auch die niedrige Stirn wird damit bedacht, und fallen dann die Haarsträhne bis auf die Augen, sitzt gar ein niedliches Stumpfnäschen darunter, dann ist der »Affenpinscher« fertig. Pardon! aber es ist nicht unsere Schuld, wenn das Tierchen einen so anstößigen Namen trägt, und die Aehnlichkeit ist wirklich zuweilen frappant!

Wollen wir nun noch ein Wort über die Haartrachten der Herren hinzufügen, so können wir im allgemeinen nur Nettigkeit und Natürlichkeit empfehlen. Die gebrannten Löckchen, die künstlich zurecht geklebten Haare machen immer den Eindruck des Geckenhaften. Was den Bart betrifft, der unzweifelhaft zu den schönsten Zierden des männlichen Geschlechts gehört, so bedarf er einer sehr sorgfältigen Pflege, um wirklich schön zu sein. Ein struppiger, schlecht gehaltener Bart gibt dem Träger ein verwildertes Aussehen, und ist er auch lang dabei, so erregt er dieselben Befürchtungen, wie das offene Haar der Damen. Das häufige Streichen desselben, das Drehen des gewichsten Schnurrbarts sind häßliche Angewohnheiten, die einen fatalen Eindruck machen. Rasiert sich der Herr, so muß es häufig geschehen, denn die Stoppelfelder im Gesicht sind nichts weniger als kleidsam. Da nun aber Barbiere nicht stets zu haben sind, z.B. auf Reisen, so erscheint es ratsam, daß jeder, der[200] des Rasiermessers bedarf, es selbst zu führen verstehe. Napoleon I. rasierte sich selbst. »Ein geborener König,« sagte er, »mag sich rasieren lassen; ein gemachter kann es selbst thun.« Nach dem Princip freilich könnten die Barbiere ihr Geschäft aufgeben!

Einer besonderen Pflege bedürfen schließlich die Hände. Wir möchten sie den aristokratischten Teil unseres Körpers nennen, d.h. denjenigen, welcher am leichtesten verrät, welchem Stande wir angehören. Mag eine Person der unteren Klassen ein noch so vorteilhaftes Aeußere besitzen, sich noch so schön kleiden, so daß man sie, so lange sie schweigt, für ein Mitglied der guten Gesellschaft hält; sobald sie die Handschuhe auszieht, ist sie erkannt! Freilich besitzt auch der Vornehmste nicht immer eine schöne Hand; aber er wird und sollte jedenfalls immer eine gut gepflegte besitzen. Dazu gehört, nächst der auch hier in erster Linie stehenden Reinlichkeit, daß man die Haut glatt und weich erhält durch den Gebrauch guter Seife, das Aufspringen derselben verhindert, wozu Glycerin oder Vaseline am[201] dienlichsten sind, besonders aber auf die Nägel große Sorgfalt verwendet.


Die Pflege des Körpers

Eine Engländerin, der man einmal ein deutsches Dienstmädchen empfahl, antwortete: es möge ganz gut sein, aber die deutschen Dienstmädchen hätten immer schmutzige Nägel. Ich fürchte, der Vorwurf trifft nicht nur die Dienstmädchen, sondern viele Deutsche überhaupt. Eine verarbeitete Hand ist keine Schande, doch schwarze Nägel sind nicht eine Folge der Arbeit, sondern der Unsauberkeit. Und diese ist nie und nirgends erlaubt.

Man hat also neben der Zahn- auch eine Nagelbürste sich zu halten, und diese, mit Seife eingerieben, fleißig zu benutzen. Mit Hilfe des spitzen Endes einer Nagelfeile entferne man dann unter den noch feuchten Nägeln allen Staub und sonstiges Unreine, das sich so leicht darunter setzt; schneide mit einer Nagelschere die Nägel ab, so daß sie eine möglichst mandelförmige Gestalt behalten, und feile die Kanten glatt, immer darauf achtend, daß die Nägel oben länglich rund, an den Seiten möglichst schmal bleiben. Mit dem stumpfen Ende der Feile, oder mit dem Nagel der andern Hand schiebe man dann die Nagelhaut so weit hinunter, daß der kleine Halbmond über der Nagelwurzel sichtbar ist; Hautendchen neben dem Nagel, sogenannte »Neidnägel«, hat man vorsichtig zu entfernen, doch bilden sich solche an wohlgepflegten Fingern nicht leicht. Bei einer solchen Behandlung werden die Nägel eine schöne gewölbte Form und eine perlmutterartige Weiße erhalten und eine Zierde der Hände sein, während schlecht geschnittene, unsaubere Nägel die schönste Hand entstellen.

Sind aber auf der einen Seite kurze und stumpfe Nägel häßlich, so können wir anderseits die übermäßig langen Nägel ebensowenig schön finden. Sie gehören, wie die wirren Haare, zum Schreckbilde des Struwwelpeters.[202] Der langgewachsene Nagel, sagen die Engländer, soll der Welt zeigen, daß die Hand, welche ihn trägt, keine grobe Arbeit thut, er sei also gewissermaßen das Wappen der Vornehmheit. Wir meinen aber, wahre Vornehmheit lasse sich auch auf andere, weniger extravagante Weise darthun. In manchen Gegenden Italiens sollen die überlangen Fingernägel so sehr Mode sein, daß man sie nicht eher schneidet, als bis sie abbrechen. Ein solch abgeschnittener zolllanger Nagel dient dann als teuerste Liebesgabe, und die italienischen Don Juans sollen Päckchen solcher Nägel besitzen, wie die unseren Päckchen von blonden, braunen und schwarzen Haarlocken. So erzählt uns ein Reisender; für die Wahrheit der Mitteilung stehen wir jedoch nicht ein.

Haben wir nun die Pflege des Körpers, sofern sie mit der Reinlichkeit zusammenhängt, in ihren Hauptpunkten besprochen, so möchten wir schließlich noch eine Warnung vor den verschiedenen Schönheitsmitteln hinzufügen, welche täglich in den Spalten unserer Zeitungen angepriesen werden. Man sollte denken, diese Warnung sei überflüssig, die Menschen seien vernünftig genug zu begreifen, daß jene künstlichen Mittel den Zweck nicht erfüllen; allein dem ist nicht so. Daß für das Annoncieren dieser Dinge so enorme Summen ausgegeben werden, beweist schon den Erfolg desselben; und jeder Quacksalber, der eine neue »Lilionese«, ein neues Haarerzeugungs- oder Haarfärbemittel auf den Markt bringt, findet Absatz.

Das gebräuchlichste Schönheitsmittel ist wohl das Reispulver oder poudre de riz, wie man trotz Nationalgefühls und Stephan noch immer sagt. Dasselbe läßt in der That die Haut weich und weiß erscheinen, verstopft aber zugleich die Poren und kann deshalb nicht gesund sein. Rote Schminke (»rouge« verbessert mich wieder der seine Ton) sollte keine Dame auflegen, die ihren Teint und – ihren[203] Ruf liebt, denn beide leiden darunter. Die Haarfärbemittel nun gar richten oft entsetzliche Verwüstungen an. Die Geschichte von Mr. Tittmouse (in »Zehntausend Pfund Renten«), der seine roten Haare braun färben wollte und statt dessen eine grünschillernde Färbung erlangte, ist wohl nicht nur Dichtung; die roten Haare zwar werden nicht mehr gefärbt, denn sie sind Mode geworden, aber die weißen Haare werden immer noch von alternden Schönen allen möglichen – und unmöglichen! – Prozeduren unterworfen, die sich nur zu häufig durch jenen unsicher in allen Nuancen spielenden Schein verraten.

Vor allen diesen chemischen Präparaten also möchten wir warnen; dagegen haben wir nichts einzuwenden gegen einen mäßigen Gebrauch jenes anderen chemischen Präparats, Parfüm genannt.

Die Alten, welche sich auf die Pflege des Körpers weit besser verstanden, als wir, ließen sich nach dem Bade mit wohlriechenden Oelen und Essenzen einreiben; wir gebrauchen solche höchstens noch für die Haare. So hat der Gebrauch der Parfüms sehr abgenommen. Am meisten wird noch das Kölnische Wasser gebraucht; sehr starke Parfüms, wie Moschus und Patchouli, sind in der guten Gesellschaft ganz verpönt. Will eine Dame sich eines Parfüms bedienen, so wähle sie ein recht seines, wenig auffallendes; sie nehme dann stets nur das eine, und zwar gieße sie dasselbe nicht etwa massenhaft in ihr Taschentuch, sondern lege kleine, mit dem gewählten Wohlgeruch – in Pulver – gefüllte Kißchen, sogenannte sachets, zwischen ihre Wäsche, ihre Handschuhe u. dgl., so daß alle ihre Kleidungsstücke diesen einen seinen Duft aushauchen. Das berührt ihre eigenen Geruchsorgane wie die anderer in wohlthuender Weise.

Ein sorglich gepflegter Körper indessen genügt noch[204] nicht, um in der guten Gesellschaft einen angenehmen Eindruck hervorzubringen; die Art, wie wir gehen und stehen, wie wir uns bewegen, kurz, unsere


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 194-205.
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