die Toilette.

[208] Toilette – ein französisches Wort; aber wir haben im Deutschen keins, das seinen Sinn ganz wiedergäbe. Der »Anzug«, die »Kleidung« thun es nicht; sie bezeichnen die durch Sitte und Klima notwendig gemachte Bedeckung des Körpers; die Toilette dagegen fügt dem Notwendigen das Schöne hinzu, sie ist das Resultat der Kunst, sich zu kleiden.

Und eine Kunst ist es in der That, sich gut zu kleiden. Mehr noch als in der Einrichtung der Wohnung – die ja von vielen Bedingungen abhängt – zeigt sich das künstlerische Element, das in einer Frau wohnt, in ihrer Toilette. Sie zu vernachlässigen ist deshalb ein Unrecht gegen sich selbst[208] wie gegen die anderen, die doch auch »etwas Erträgliches« sehen wollen.


Die Toilette

»Aber,« mahnt die Männerwelt »es ist weniger notwendig, die Frauen vor der Vernachlässigung der Toilette zu warnen, als vor dem übermäßigen Kultus, den sie derselben widmen. Das ist das große Uebel unserer Zeit, das macht die Frauen oberflächlich, leichtsinnig, gewissenlos, daran gehen Tausende und aber Tausende von Familien zu Grunde!«

Gewiß, meine Herren, ich will nicht widersprechen. Der übermäßige Kleiderluxus, die Putzsucht, ist ein großes Uebel. Sie eisern dagegen bei jeder Gelegenheit; aber thun Sie auch das Ihre, um es zu bekämpfen? ... Die Frage werden Sie verneinen müssen. Gestatten Sie mir, Ihnen ein unfehlbares Mittel gegen dieses »Laster« der Frauen anzugeben.

Das Geständnis ist zwar peinlich, aber es ist nichtsdestoweniger wahr, daß nämlich die jungen Damen (und diese trifft der Vorwurf am meisten!) sich nicht putzen für die liebe Mama oder die gute Tante; auch nicht in erster Reihe um die teure Freundin zu überstrahlen, sondern hauptsächlich: um den Männern zu gefallen. Von ihnen bemerkt, ausgezeichnet, gefeiert zu werden, das ist ihr Ziel; deshalb diese Blumen und Bänder, diese Spitzen und Juwelen: sie sollen die Reize heben, welche die Männer so unwiderstehlich anziehen. Nun denn, meine Herren, zeigen Sie, daß die ungeschmückte Schönheit Ihnen lieber ist, als die geschmückte; daß Sie das einfache Veilchen der prangenden Päonie vorziehen! Unterhalten Sie sich, tanzen Sie vorzugsweise mit ganz einfach gekleideten Damen, geben Sie überall dem Kattunkleid den Vorzug vor der Seide und den Spitzen, – und Sie werden sehen, der Putz verschwindet, die Einfachheit wird Mode! Solange Sie aber, alle zusammen und jeder einzeln, selbst dem Zauber der[209] Toilette huldigen, enthalten Sie sich jedes Tadels derselben; Sie sind dann nicht dazu berechtigt.

Indessen, wie bei allen Dingen, gibt es auch hier eine goldene Mittelstraße. Man soll die Toilette nicht vernachlässigen, sie aber ebensowenig zu seinem Abgott machen. Beide Extreme sind falsch und schädlich.

Also, nicht vernachlässigen soll man die Toilette. Das geschieht mehr, als man denkt, selbst von Damen, die in Gesellschaften stets Muster von Eleganz sind. Sucht man eine solche morgens zu Hause auf und wird vorgelassen, – denn oft ist die gnädige Frau dann nicht zu sprechen, – so findet man sie in einem Aufzug, der den Besucher – hoffentlich die Besucherin! – höchst peinlich berührt. Statt eines einfachen, netten Hauskleides trägt sie die verblühten Gesellschafts- oder Promenadenroben morgens auf, und so präsentieren sich dem Auge verblaßte, unsaubere Stoffe, zerknitterte Bandschleifen, zerzauste Pilssées, kurz, ein höchst unerquickliches Ensemble, über das in der Eile ein großes wollenes Tuch oder eine vertragene Jacke geworfen ist.

Ein derartiger Aufzug ist das untrügliche Zeugnis, daß es der Trägerin sowohl an Ordnung, wie an ästhetischem und praktischem Sinn fehlt. Da gilt keine Entschuldigung: daß sie Hausarbeit vorgehabt, oder nicht wohl sei, oder noch keine Zeit gefunden habe, sich anzuziehen. Eine Dame muß zu jeder Zeit des Tages so gekleidet sein, daß sie sich zeigen kann. Ein einfacher, den Beschäftigungen des Morgens angemessener Hausanzug kostet nicht viel und bewahrt die Trägerin davor, wie eine Trödelfrau auszusehen, die ihre Garderobe aus zweiter oder dritter Hand entnommen hat.

Wir sagten: ein den Beschäftigungen des Morgens angemessener Hausanzug. Dieses Wort: angemessen schließt eigentlich alles in sich ein, was wir von der Toilette[210] fordern. Sie soll unseren Beschäftigungen, soll der Tageszeit, dem Zwecke angemessen sein: also kein Gesellschaftskleid bei häuslichen Arbeiten, aber ebensowenig zum Ausgehen für die Straße. Eine Dame, die in Soiroetoilette, mit Schleppkleid und hellen Handschuhen spazieren geht oder einen Morgenbesuch macht, kennzeichnet sich dadurch als nicht zur guten Gesellschaft gehörend. Die Mode schreibt glücklicherweise nicht mehr vor, die Straße mit dem Kleide zu kehren; das Promenaden-wie das Hauskleid ist kurz, die Schleppe nur für den Schlafrock und die Abendtoilette reserviert. Für junge Mädchen ist sie auch für letztere nicht de rigueur: zum Tanzen ist jedenfalls das fußfreie Kleid vorzuziehen, das durch viereckigen Ausschnitt und halblange Aermel seinen Zweck verrät. Die große Toilette, besonders für ältere Damen, verlangt dagegen immer die Schleppe, welche ja auch, gut getragen, bedeutend zu der Eleganz der Erscheinung beiträgt; wir bitten nur im Interesse unserer nicht übermäßig großen Räume, sowie der Herren, für welche die Schleppen ebensoviele Fußfallen bilden, ihre Länge möglichst zu beschränken!

Ferner muß die Toilette dem Aeußern des Trägers oder der Trägerin angemessen sein. Eine kleine, dicke Figur in einem großcarrierten Kleide, so daß etwa anderthalb Carreaux den Rücken bilden, ist eine Karikatur; eben so unvorteilhaft sind für solche Gestalten die vielen Absätze, welche durch Volants, doppelte Röcke u. dgl. gebildet werden. Das Muster sowie der Besatz der Kleider sollte da von oben nach unten laufen, was die Länge bedeutender, die Breite geringer erscheinen läßt, während die lange, hagere Figur durch Absätze und in die Breite laufende Muster ihrer Gestalt mehr Ebenmaß zu geben versuchen muß. Wenn eine Dame mit langem, magerem Hals hohe Rüschen und Kragen trägt, so thut sie wohl daran; die kurz- und[211] dickhalsige dagegen erscheint in der gleichen Tracht zwerghaft. Wie sehr sich kleine, korpulente Damen durch die jetzt beliebten Wülste an den Schultern und der Taille verunstalten, davon haben sie selbst wohl keinen Begriff, sonst würden sie es sicher unterlassen.

Auch die Wahl der Farben sollte sich nach dem Aeußern, resp. der Haut- und Haarfarbe richten. Eine Dame von sehr blassem Teint darf weder Blau noch Grün tragen, die sie noch bleicher erscheinen lassen; diejenige, welcher die Natur im Gegenteil ein sehr lebhaftes Kolorit gegeben, wird sich nicht in rote Farben kleiden, sondern den Purpur der Gesichtsfarbe durch matte Schattierungen mildern. Die Blondine wählt im allgemeinen zartere, die Brünette grellere Farbentöne; indessen hat auch die Mode dabei das letzte Wort zu sprechen.

Noch wichtiger ist es, die Toilette dem Alter des Trägers anzupassen. Welch' peinlichen Eindruck machen doch eine Dame, ein Herr, die ihre Runzeln, ihre bejahrte Gestalt durch jugendliche Kleider zu verdecken suchen! Man bezeichnet das Alter wohl als eine Krankheit; wird es aber nicht mit Würde getragen, so kann es zu einer widerlichen Krankheit werden! Wie Benehmen und Manieren, so muß sich auch die Toilette in Stoff, Schnitt, Farbe und Ausputz ihm anpassen. Der kurze, knappe, abgerundete Leibrock, der phantastische kleine Hut, das biegsame Spazierstöckchen, das ins Auge gedrückte Monocle, die hellen, buntfarbigen Handschuhe lassen einen alten Herrn geckenhaft erscheinen; das kurze, bunte Kleid, der runde Federhut, das jugendlich leichte Umhängsel rauben der Dame, welche das Schwabenalter überschritten hat, alle Würde, ja allen Reiz, den sonst auch diese Jahre sich erhalten können. Leichte, durchsichtige Stoffe, helle Farben – zumal Rosa, Blau und Grün – dekolletierte, oder viereckig ausgeschnittene Taillen, kurze Aermel, Blumen oder Bandschleifen als Haarschmuck sind[212] Attribute der Jugend und kleiden nur sie; ebensowenig aber paßt für ein junges Mädchen das Schleppkleid von Sammet, Atlas oder Moiro, die Spitzencoiffure oder der Diamantschmuck. »Eines schickt sich nicht für alle« – dies Wort sollte man in Bezug auf die Toilette besonders beherzigen. Auf einen Artikel der Toilette aber möchten wir das Citat speciell anwenden: das ist der Hut.

In keinem Lande – so wenigstens ist es uns auf unseren Reisen vorgekommen – wird in dieser Beziehung so viel gesündigt, wie in Deutschland. In England und Frankreich sieht man, bei jungen wie alten Damen, auf der Straße fast nur den Capothut; der runde Hut ist dort nur für Kinder und ganz junge Mädchen, im späteren Alter für das Land und für Reisen reserviert. Bei uns dagegen tragen zwei Drittel der sogenannten jungen Damen, selbst wenn sie über die Dreißig längst hinaus sind, den runden Hut. Sie wissen wohl nicht, wie sehr sie sich selbst dadurch schaden. Der kleine runde Hut, oder auch der große Rembrandthut steht nur ganz jugendlichen, frischen Gesichtern; fest ausgeprägte Züge, selbst wenn sie noch nichts von Alter verraten, harmonieren nicht damit. Ebenso sollten auch junge, aber häßliche Mädchen solche phantastische Kopfbekleidungen vermeiden, die ihre natürlichen Mängel nur noch mehr hervorheben. Aeltere Damen aber damit umhergehen zu sehen, unter dem runden, vielleicht aufgeklappten Rand, der nickenden Feder ein Gesicht zu erblicken, dem die Sorgen des Lebens schon ihr ernstes Siegel aufgedrückt haben, ist geradezu widerwärtig.

Eine Dame in Trauer besuchte mich kützlich. Sie hatte einen schweren Verlust erlitten, und ich brachte ihr meine wärmste Teilnahme entgegen. Aber die in der zweiten Hälfte des Lebens Stehende trug ein kleines rundes Hütchen von schwarzem Krepp, unter dem die schon von Silberfäden[213] durchzogenen Haare, das vergrämte alte Gesicht in abstoßendem Kontrast hervorblickten. Die Dame hatte wohl nicht die Absicht, sich durch das jugendliche Hütchen jünger zu machen, es war nur einfach eine Geschmacklosigkeit von ihr, – aber ich fühlte meine Sympathie für sie sich abkühlen.

Die außerordentliche Mannigfaltigkeit unserer jetzigen Hutmoden bietet ja ein weites Feld für die Wahl; das hinter dem Ohr liegende Hutband verleiht auch dem Gesicht ein jugendliches Ansehen; da sollten unsere älteren Damen sich doch zu irgend einer Art des Capothutes entschließen und den zierlichen runden Hut der Jugend überlassen, während ihnen für das Landleben, für Ausflüge und Reisen der große, schützende »Schüppenhut«, die sogenannte englische Façon, zu Gebote steht.

Auch der Schmuck hat sich nach dem Alter zu richten. Wir erwähnten schon, daß es sich für junge Mädchen nicht schicke, Diamanten zu tragen; diese sind das Monopol der älteren, oder doch verheirateten Frau. Die Jugend muß sich mit weniger kostbaren Steinen begnügen: mit Perlen, Korallen, Granaten, Bernstein, Türkisen, Amethysten, welch' letztere jetzt besonders beliebt sind. Auch ist ihr jeder Phantasieschmuck gestattet.

Aeltere Damen sollten niemals unechte Steine tragen. Der unechte Sammet, der unechte Batist sind in der Gesellschaft acceptiert worden; man weiß, was es ist und findet sie für manche Zwecke nützlicher, als ihre vornehmen Originale. Die unechten Juwelen aber wollen als echt gelten, wollen täuschen; deshalb haben sie keine Berechtigung.

Wie alle Teile der Toilette untereinander harmonieren müssen, so ist dies besonders bei Schmucksachen notwendig, wenn sie nicht, statt zu schmücken, unangenehm auffallen sollen. Denn unangenehm berührt es ohne Zweifel, eine Mosaikbrosche zwischen zwei Korallenohrgehängen, oder zu[214] letzteren ein Collier von Granaten tragen zu sehen. Brosche und Ohrringe zumal (wenn man diesen letzteren, an die Wilden erinnernden Schmuck denn durchaus tragen will!) sollten stets übereinstimmen; für Armbänder, Ringe u. dgl. ist das nicht nötig.

Eine Geschmacklosigkeit muß es auch genannt werden, Schmucksachen bei einem schlechten Anzuge zu tragen. Die Dame glaubt vielleicht das alte Kattun-oder das vertragene Wollenkleid zu heben, indem sie eine elegante Brosche daran befestigt und eine Kette darüber hängt; sie irrt sich aber: die Mängel der Garderobe treten durch den Kontrast nur um so schärfer hervor.

Endlich sollte Schmuck auch diskret getragen werden. Eine Uhrkette sehr lang und mit vielen Berlocken behängt zu tragen, Colliers und dicke Ketten über dem Mantel zu befestigen (wie dieses eine Zeitlang Mode war), macht stets einen unfeinen Eindruck. Ebensowenig finden wir es schön, die Finger mit Ringen, die Arme mit Spangen zu überladen. Am meisten berechtigt erscheinen diejenigen Schmucksachen, welche neben dem Schmücken auch nützen: also die Brosche, welche die einfache Stecknadel, der goldene Knopf, welcher Haken und Oese ersetzt, der emaillierte Kamm, die mit Juwelen besetzte Haarnadel, welche die Flechten halten, die goldene Kette, an der die Uhr befestigt ist. Die übrigen Schmuckgegenstände, bei denen das Schmücken alleiniger Zweck ist, sollten nicht täglich, sondern nur bei Festlichkeiten getragen werden. Eine Ausnahme davon machen schwarze Schmucksachen, wie Jet und schwarze Emaille, die niemals unangenehm auffallen.

Natürlich hat sich die Toilette auch der Jahreszeit anzupassen. Es scheint in der That natürlich und deshalb überflüssig, darüber zu sprechen, daß man im Winter warme, im Sommer leichte Kleider trägt. Dennoch ist dem nicht[215] immer so. Wie häufig sieht man Damen im Sommer mit schweren, wollenen Kleidern umhergehen. »Ich habe kein anderes Kleid, muß mich mit diesem behelfen,« heißt es da. Die Dame glaubt zu sparen, indem sie sich kein Sommerkleid kauft, – sie verschwendet aber im Gegenteil. Ganz abgesehen davon, daß der Stoff für dieses nicht die Hälfte von dem kosten würde, was das Wollenzeug gekostet hat, verbraucht sie letzteres auch doppelt rasch infolge der Hitze und des Staubes der warmen Jahreszeit. Vom gesundheitlichen, wie vom ökonomischen Standpunkt aus ist es zweckmäßiger, der Jahreszeit entsprechende Kleider wie Untergarderobe zu tragen, als die Wintergarderobe im Sommer zu verderben.

Schließlich soll die Toilette den Verhältnissen, d.h. dem Stande und Vermögen der Person angemessen sein. Nicht zu schlecht dafür, aber auch nicht darüber hinausgehend. Das erstere ist nicht so häufig, wie das letztere, kommt aber doch auch vor. Besonders unangenehm fällt es auf, wenn Damen schlechte Stoffe, oder billigen, flitterhaften Ausputz tragen. Ein guter Stoff, einfach gemacht, sieht immer nobel aus; aber ein dünnes Seidenkleid, etwa mit baumwollenen Spitzen besetzt, macht stets einen unfeinen Eindruck. Wir sind nicht alle in der Lage, nur echte Spitzen zu tragen; die baumwollene Spitze, die ja oft sehr hübsch ist, paßt auch vortrefflich zu dem Kattunkleid; aber nicht zur Seide! Junge Mädchen mögen immerhin zum Tanzen eine Taille von dem jetzt so beliebten Halbatlas nehmen, sie überdauert ja ihren falschen Glanz doch nicht; wenn eine Dame aber von solchem Stoff ein Gesellschaftskleid trägt, so schimmert mit der Baumwolle immer die übertriebene Sparsamkeit, oder das »Wollen und nicht Können« durch!

Häufiger indessen, als die zu geringe, findet sich die zu elegante, zu luxuriöse Toilette. Wie gesagt, Stand und Vermögen haben das Maß des Luxus zu bestimmen.[216] Warum soll eine vornehme reiche Dame nicht die prachtvollsten Stoffe, die kostbarsten Spitzen tragen? Der Luxus fördert ja die Industrie, und unsere Fabrikanten, unsere Kaufleute würden sehr wenig damit einverstanden sein, wenn ein Gesetz das Tragen von teuren Stoffen und Spitzen untersagen wollte. Nein, meine Damen, wenn der Herr Gemahl bereit ist, fünfhundert oder tausend Mark für Ihr Kleid zu zahlen, so kaufen Sie es immerhin; aber bitte, kaufen Sie es in Deutschland, kaufen Sie heimisches Fabrikat und lassen es nicht etwa aus Frankreich kommen! Die Preiscourante der Pariser Firmen, diese »Au Bon Marché«, »Au Printemps«, »Magasins du Louvre« etc. kursieren in erschrecken der Menge bei uns, ein Zeichen, daß sie zahlreiche Abnehmer finden; das ist jedenfalls eine der Unsitten der guten Gesellschaft! Wir meinen, die deutsche Frau sollte Patriotismus genug besitzen, um mit ihren Ausgaben den deutschen Fabrikanten, den deutschen Arbeiter zu unterstützen! Die Französin, trotz ihres ausgesprochenen Geschmacks, würde sich lieber etwas weniger elegant kleiden, als ihre Toilette von Berlin zu verschreiben; ahmen wir ihr darin nach! Unsere Industrie hat auch nach dieser Richtung bedeutende Fortschritte gemacht; es wird wahrlich kein großes Opfer von uns verlangt, wenn man uns bittet, deutsche, oder doch in Deutschland gekaufte Stoffe zu tragen.

Aber freilich, dem kleinen Bürgermädchen, der einfachen Handwerkersfrau steht es schlecht an, sich in Sammet und Seide zu kleiden. Die Eleganz der Toilette paßt dann nicht zu der Erscheinung, der Umgebung. An Sonntagnachmittagen sieht man häufig eine wohlgenährte Bäckers- oder Metzgersfrau so aufgeputzt an der Seite des einfachen Mannes promenieren; da vermögen die Kleider denn doch nicht »die Leute« zu machen; der Eindruck ist und bleibt der des Unharmonischen, wenn nicht gar Lächerlichen.[217]

Am häufigsten aber finden wir das Mißverhältnis zwischen dem Luxus der Toilette und den Vermögensverhältnissen. Hier ist der schon anfangs erwähnte wunde Punkt, das Uebel, an dem unsere Zeit krankt. Das Beispiel wird oben gegeben, und wirkt durch alle Klassen durch. Wenn die Frau Major oder Regierungsrat sich so elegant kleidet, so darf die Frau Hauptmann oder Assessor nicht allzusehr dagegen abstechen, und die mittellose Frau Lieutenant oder Aktuar muß dann nolens volens folgen. Das ist die gesellschaftliche Stufenleiter. Nun kann man freilich von der Frau Major oder Geheimerat, die etwa über Privatvermögen zu verfügen haben, nicht verlangen, daß sie sich der unbemittelten Frau Lieutenant oder Aktuar zu gefallen einfacher kleiden sollen, als ihre Verhältnisse es erlauben; aber die letzteren Damen sollten vernünftig genug sein, erst ihre Mittel und dann ihren Rang zu berücksichtigen.

Außerdem kann eine praktische Frau sich recht nett kleiden, ohne großen Aufwand. Dazu ist nötig, daß sie

1. ihre Garderobe nicht von einer teuren Schneiderin oder gar einem Schneider anfertigen lasse, sondern von einer geschickten Arbeiterin bei sich im Hause, wo sie alles angeben, mithelfen, und die Zuthaten selbst einkaufen kann. Daß sie

2. immer nur wenige Kleider habe und sie nicht, wie das manche Damen lieben, erst ein halbes Jahr lang im Schranke hängen lasse, ehe sie sie trägt. Bei den so rasch wechselnden Moden ist das höchst unverständig.

3. Muß sie sich in den Farben, die sie trägt, beschränken, damit die verschiedenen Teile des Anzugs zu einander passen, denn diese Harmonie ist eine der Hauptbedingungen einer seinen Toilette. Ein blaues Kleid und ein lila Hut, mag jedes für sich noch so schön sein, bringen zusammen eine entsetzliche Wirkung hervor, während das einfachste Kleid mit dazu passendem Umhang und ditto Hut elegant aussehen.[218] Eine Dame, die sich mit ihren Toiletteneinkäufen innerhalb zwei oder drei seinen, nicht in die Augen fallenden Farben hält, wird es ermöglichen, ohne große Kosten stets elegant gekleidet zu sein.

4. Endlich möchten wir die Damen warnen, nicht so viel für das Färben alter Kleider auszugeben. Nur bei reinen und noch sehr gut erhaltenen Stoffen ist diese Prozedur angewendet, und schließlich bleibt ein gefärbtes Kleid stets – ein gefärbtes Kleid. Heutzutage, wo die Stoffe so außerordentlich billig sind, dagegen Macherlohn und Zuthaten für ein Kleid ziemlich viel kosten, ist es unpraktisch, alte Sachen in der Weise wieder verwenden zu wollen. –

Wir verlangen also Uebereinstimmung der Toilette mit dem Zweck, dem sie dienen soll, mit der Jahres-und Tageszeit, sowie mit dem Aeußern, dem Alter, dem Stande und Verhältnissen des Trägers. Und, frägt man, soll sie nicht auch mit der Mode übereinstimmen? Ohne Zweifel, es wäre gewagt, diesen so wichtigen Faktor außer acht zu lassen. Wir würden keiner Dame raten, sich davon zu emancipieren, denn dadurch würde sie auffallen, und das will, das darf keine gebildete Frau. Ebensowenig aber ist sie verpflichtet, sich unbedingt allen Launen dieser Tyrannin zu unterwerfen. Daß diese Launen oft abscheuliche Auswüchse zu Tage fördern, Trachten, die, mit objektivem Blick beschaut, sogar unser Anstandsgefühl verletzen, – wer könnte das leugnen? Solche Auswüchse nun muß, nein, sollte keine Dame nachahmen; es gibt schließlich eine Aesthetik, ein Gesetz der Schönheit, das höher steht als eine oft aus sehr unlauterer Quelle stammende Caprice, und wenn die gebildete Frau es unterläßt, sich durch Achsel- oder sonstige Wülste zu verunstalten, so wird ihr kein vernünftiger Mensch einen Vorwurf daraus machen. Ja, sie kann dies in so diskreter Weise thun, daß selbst unvernünftige Menschen[219] – und zu diesen rechnen wir jede blinde Anbeterin der Mode – ihr verzeihen. Bei der heutigen Mannigfaltigkeit der Trachten ist es nicht schwer, etwas herauszufinden, das sich an die Mode anschließt, ohne zu irgend einem Extreme zu gehen; und wenn das Gewählte geschmackvoll ist und der Trägerin gut steht, so hat sie damit die Berechtigung für ihre leise Abweichung erlangt.

Der Geschmack, ja, der sollte die oberste Instanz in allen Toilettenfragen bilden. Da er aber so unendlich verschieden ist, da sich bekanntlich schlecht darüber streiten läßt, und da die Mode sich nicht nach ihm, sondern er sich nach der Mode richtet, so ist es nutzlos, tiefer auf den Gegenstand einzugehen.

Fügen wir noch ein Wort über zwei Toilettenartikel bei, die von besonderer Wichtigkeit sind: nämlich die Fußbekleidung und die Handschuhe. »Être bien chaussé et bien ganté« gilt bei den Franzosen als Zeichen der guten Gesellschaft. In der That, plumpe, ordinäre Schuhe, schlechte, wohl gar zerrissene Handschuhe vermögen den feinsten Anzug zu verderben. Beide sollten nett und sauber sein, sind es aber durchaus nicht immer. Die Fußbekleidung zumal wird oft als Stiefkind behandelt. Madame macht Toilette für eine Gesellschaft. Sie zieht ein elegantes Kleid an, – aber die Lederstiefel, mit denen sie am Nachmittage einen Weg draußen gemacht, werden nicht gewechselt. Es ist das so unbequem, und die Schuhe sieht man ja nicht! Allein sie irrt sich. Man bleibt doch nicht immer am Tisch sitzen, das Kleid, selbst das Schleppkleid, läßt die Füße vorn frei, und da bilden dann die, wenn auch nicht schmutzigen (das wollen wir nicht hoffen!) so doch derben, nichts weniger als eleganten Schuhe einen unangenehmen Kontrast mit der übrigen seinen Toilette. – Wir raten also, die Chaussure dem Anzuge anzupassen. Es gibt ja[220] Ueberschuhe zum Schutze der seinen, dünnsohligen Fußbekleidung, die für Gesellschaften geeignet ist; möchte man sich ihrer doch bedienen! Der Gast hätte dann den Vorteil, nicht, wie der Pfau, seine häßlichen Füße verbergen zu müssen, und die Wirtin den, ebenfalls nicht gering anzuschlagenden, daß ihr Parkett oder ihr Teppich geschont wird.

Auch hinsichtlich der Handschuhe sündigen manche Damen sehr. Nicht nur, daß sie die heterogensten Farbenzusammenstellungen sich erlauben, braune Handschuhe zu blauen Kleidern tragen, sondern sie nehmen es auch mit der Reinlichkeit und Ordnung nicht so genau. Die rechte Hand zeigt oft eine ganz bedenkliche Trübung ihrer Bekleidung, und die Fingerspitzen sehen häufig wie vorwitzige Rosenknöspchen aus der aufgeplatzten Hülle hervor. Solche unberechtigte Oeffnungen lassen tief blicken, – nicht nur bis auf die Hand selbst, sondern bis auf das Wesen der Trägerin, in welchem Unordnung eine hervorstechende Eigenschaft bildet.

Ein sauberer, mit der Farbe des Anzugs harmonierender, gut sitzender Handschuh hebt die ganze Toilette. Und schließlich ist keine Toilette vollständig ohne ihn. Man tritt in keine Gesellschaft ohne Handschuhe ein; bei einem Diner oder Souper behält man sie an, bis man zu Tische sitzt; in einer Soirée, einem thé dansant, wo die Speisen herumgereicht, oder am Büffett verzehrt werden, legt man sie gar nicht ab, oder zieht doch nur den Handschuh der rechten Hand aus. Letzteres geschieht in manchen Ländern, z.B. in England, auch, um die Hand zum Willkomm oder Abschied zu reichen. Im Theater, bei Vorlesungen, Konzerten und bei Visiten behält man selbstverständlich die Handschuhe immer an.

Was die Farbe der Handschuhe anbetrifft, so wechselt dieselbe mit der Mode. Im allgemeinen wählt man sie, wie schon erwähnt, passend zu dem Kleide, bei dem man[221] sie tragen will. Zu sehr feierlichen Gelegenheiten, wie Hochzeiten, Taufen, ist der weiße Handschuh stets der beliebteste, doch kann man jetzt auch da einen hellfarbigen, genau zum Kleide passenden tragen. Bei Visiten zieht man meist mittelfarbige Handschuhe an, doch steht der schwarze bei den Damen jetzt so sehr in Gunst, daß er den mittelfarbigen fast verdrängt hat. Herren tragen bei feierlichen Gelegenheiten stets weiße, für Besuche kolorierte, und nur bei Trauer schwarze Handschuhe. –

Während die Damentoilette in jeder Saison eine Veränderung erleidet, zeigt sich die der Herren seit Jahren hinsichtlich des Schnittes und Stoffes so konservativ, daß, wenigstens für den oberflächlichen Beschauer, nur wenig Abweichungen sichtbar sind. Leider! müssen wir hinzufügen; denn niemand wird behaupten wollen, daß die jetzige Tracht schön sei. Ein Herr in seiner elegantesten Toilette – wenn er nicht dem Militär oder dem Hofe angehört – bietet heutzutage einen recht traurigen Anblick. Das einförmige Schwarz, der unschöne Frack, der steife Cylinder – da ist weder in Form noch in Farbe irgend etwas Gefälliges. Wie kleidsam die Trachten früherer Zeiten waren: der gestickte Sammetrock, die bunte Atlasweste, der Federhut, – das sieht man zuweilen noch auf der Bühne und bei Maskeraden. Es muß eine recht nüchterne Zeit sein, die den Frack und Cylinder erfunden hat; hoffen wir, daß eine poetischere Epoche auch den Herren wieder geschmackvollere Trachten bringen wird!

Indessen, bei aller Einförmigkeit gibt es doch auch bei der Herrentoilette seine Unterschiede. Der eine Herr sieht gut, der andere schlecht gekleidet aus; Stoff, Schnitt und Farbe haben darauf Einfluß. Im allgemeinen sieht ein schwarzer oder doch ganz dunkler Anzug bei dem jetzigen Schnitt immer seiner aus, als ein buntfarbiger. Die[222] Phantasiestoffe und -Schnitte, der umgeschlagene Hemdkragen, der große Kalabreser oder der kleine »knock about« sind nur morgens erlaubt. Zu Besuchen gehört der schwarze oder dunkle Gehrock und der Cylinder, zu Gesellschaften der schwarze Frack, die weiße Krawatte, der chapeau claque. Allerdings nehmen wir es in Deutschland nicht so genau, wie in England, wo ohne jene Attribute kein Herr eine Gesellschaft besuchen darf; in kleineren Kreisen macht man sich selbst seine Gesetze, doch sollte besonders der Fremde in der Beziehung eher zu viel, als zu wenig thun.

Eine große Rolle bei der Herrentoilette spielt die Wäsche. Von dem dunkeln, meist farblosen Anzug hebt die weiße Chemisette, die weißen Manschetten sich freundlich ab. Freilich haben auch sie die Eleganz früherer Zeiten: den reichen Jabot, die graziöse Spitzenmanschette, eingebüßt; immerhin aber bilden sie in ihrer Glätte und schneeigen Reinheit auch jetzt noch die beste Zierde der männlichen Kleidung. Der Herr hat deshalb um so mehr darauf zu sehen, daß diese Glätte und Reinheit wirklich tadellos sei; ohne so weit zu gehen, wie weiland der berühmte englische beau Brummel, welcher die Wäsche dreimal täglich wechselte, wird jedes männliche Mitglied der guten Gesellschaft doch einen ziemlich starken Verbrauch in diesem Artikel aufzuweisen haben. Sollte aber das Jägersche Wollsystem mit dem bis ans Kinn zugeknöpften Oberrock die Herrschaft erlangen, dann wird auch dieser einzige Lichtblick in der düstern Einfarbigkeit des Herrenanzuges schwinden. Hoffen wir deshalb – mit den Weißwarenhändlern und den Wäscherinnen – daß jene dunkle Zeit nicht über uns hereinbrechen möge!

Die gestickte Chemisette wird nur bei festlichen Gelegenheiten und auch da meist nur von jüngeren Herren getragen, während die Binde von weißem Atlas für Gesellschaften ziemlich allgemein üblich ist. Sehr sparsam muß[223] der Herr in Bezug auf Schmucksachen sein: Hemd- und Manschettenknöpfe, eine Tuchnadel, Uhrkette und Ringe sind die einzigen Gegenstände, die ihm überhaupt erlaubt sind, und auch diese sollten in bescheidener Form erscheinen. Eine dicke, mit vielen Berlocken behängte Uhrkette ist »parvenu«. Von Ringen trägt ein seiner Herr außer seinem Trauring meist nur einen Siegelring am kleinen Finger der linken Hand; mehr zu tragen macht den Eindruck des Geckenhaften. –


Die Toilette

Stellen wir, nach allem Gesagten, uns nun die Frage: wie kann man die Toilette mit den Anforderungen der Gesellschaft sowie der Mode und mit den persönlichen Verhältnissen in Einklang bringen? so würde die Antwort lauten: durch Geschmack und praktischen Sinn. Diese beiden Eigenschaften, so scheint uns, vermögen das so schwierige Problem zu lösen!
[224]

Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 208-225.
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