Gesellschaftsspiele.

[321] Den ersten Platz unter ihnen nimmt, wenigstens für die älteren Glieder der Gesellschaft, das Kartenspiel ein. Freilich wird keines so vielfach angegriffen und verurteilt wie dieses, aber wir meinen mit Unrecht. Natürlich ist hier nicht vom Hazardspiel die Rede, selbst hohe Einsätze erscheinen uns nicht am Platze; das Vergnügen am Spiel selbst aber halten wir für ein durchaus harmloses. Es besteht einerseits in dem Reiz des Zufalls, der die Karten in stets neuen Zusammenstellungen uns in die Hand gibt, dann aber in dem Reiz der eigenen Geschicklichkeit, welche aus diesen wechselnden Zusammenstellungen immer Vorteil zu ziehen versteht. Je mehr dies letztere der Fall, je weniger der Zufall das Glück bestimmt, desto interessanter ist das Spiel. Der pekuniäre Gewinn und Verlust steht dabei erst in zweiter oder dritter Linie; wie ja bei dem geistreichsten und eifrigst betriebenen aller Gesellschaftsspiele, dem Schach, gar keine Rede davon ist.

Die Fertigkeit in einigen derartigen Spielen gehört[321] mit zu den Mitteln, sich in der Gesellschaft angenehm zu machen, und mancher junge Mann hat die Gunst der Gemahlin seines Vorgesetzten dadurch erworben, daß er den vierten Mann bei einer Partie Whist oder den dritten bei dem jetzt beliebteren Skat abgab. Wenn er aber spielt, muß er leidlich gut spielen, sonst riskiert er, die »Gnädige« höchst ungnädig zu machen und für dumm verschrieen zu werden. Außerdem hat er beim Spiel wie bei allen anderen Gelegenheiten Rücksicht auf die Damen zu nehmen: sie zu bitten, die Höhe des Einsatzes zu bestimmen, den Platz zu wählen, soweit derselbe nicht durch die gezogenen Karten angewiesen wird, das Anlegen und Berechnen zu besorgen, besonders aber sich nie eine Bemerkung über ihr Spiel zu erlauben. »Das Kartenspiel verdirbt den Charakter« sagt man; wir meinen vielmehr, es offenbart ihn. Selbstlosigkeit und Habsucht, Vorsicht und Spekulationsgeist, Taktgefühl und Rücksichtslosigkeit, Selbstbeherrschung und Heftigkeit – alles das bekundet sich beim Spiel. Und zwar nicht allein beim Kartenspiel, sondern bei den meisten Gesellschaftsspielen, denen der Kinder sowohl wie der Erwachsenen. Wir können auf diese Spiele, die ja unendlich mannigfaltig sind, hier nicht näher eingehen, sondern sprechen nur im allgemeinen die Mahnung aus, sich nicht durch allzu großen Eifer hinreißen zu lassen. Ruhe und Gelassenheit, Nachsicht gegen die Fehler der Mitspieler, höchstens eine höfliche Andeutung nach dem Spiel, wie sie es besser hätten machen können, um Entschuldigung bitten, wenn man ein Versehen sich hat zu schulden kommen lassen – das ist ein Benehmen, welches uns zu einem beliebten Mitspieler machen und das Vergnügen am Spiel für uns selbst erhöhen wird.

Die Gesellschaftsspiele für die Jugend sind so mannigfacher Art, daß wir nur einige davon erwähnen können.[322] Da sind die Pfänderspiele, bei denen derjenige, der sich eines Versehens schuldig gemacht hat, ein Pfand hinterlegen muß. Die Auslösung dieser Pfänder, welche versteckt gehalten werden, gibt Veranlassung zu allen möglichen Scherzen, doch müssen Takt und Zartgefühl den Vorschlägen für das von dem unbekannten Besitzer des Pfandes zu Leistende präsidieren, wenn man nicht riskieren will, denselben in eine unangenehme Lage zu bringen. Die Auslösung eines Pfandes durch einen Kuß ist nur in Kinderkreisen statthaft. – Eins der geistreichsten Pfänderspiele, das allerdings aber eine litterarisch bewanderte Gesellschaft erfordert, ist dasjenige, bei welchem jeder Mitspielende den Namen eines Dichters wählt, und, während alle im Kreise sitzen, einer einen hölzernen Teller dreht und dabei ein Citat sagt, z.B. »Fern im Süd das schöne Spanien«, worauf Geibel rasch den Teller auffängt und mit einem »Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage« Shakespeare citiert, der wiederum mit »Eilende Wolken, Segler der Lüfte«, oder »Es muß auch solche Käuze geben« Schiller oder Goethe herbei ruft. Wer zu spät kommt, um den Teller aufzufangen, oder fälschlich, oder auch gar nicht kommt, hat ein Pfand zu erlegen.

Sehr beliebt ist das Darstellen und Erraten eines Wortes oder Sprichwortes, das Charadenaufführen, lebende Bilder stellen u. dgl. Wer aber eine solche Unterhaltung vorschlägt, der achte wohl darauf, ob es auch wirklich die Mehrzahl ist, welche gern daran teilnimmt; und wird das Spiel dann ins Werk gesetzt, so müssen sie ferner darauf bedacht sein, daß alle Gäste möglichst aktiv bei dem Spiel sind, oder doch die guten Rollen abwechselnd den einen und anderen übertragen werden. Alle Teilnehmer des Spiels aber mögen sich vor jedem Vordrängen ihrer Person hüten; Bescheidenheit, Rücksichtnahme auf die anderen, Nachsicht[323] bei mangelhaften Leistungen sind bei allen diesen Spielen zu empfehlen.

Schließlich möchten wir noch ein gutes Wort für die Spiele im Freien einlegen, diese in England so sehr verbreiteten »Lawn-Tennis«, »Croquet«, »Cricket«, »Football« etc. Die beiden letzteren werden ausschließlich von der männlichen Jugend gespielt, die ersteren aber von Damen und Herren, Alt und Jung, und geben einen ebenso gesunden wie unterhaltenden Zeitvertreib ab.


Gesellschaftsspiele

Das Croquet, welches wir dem Lawn-Tennis vorziehen, hat auch bei uns Anklang gefunden, aber es sollte weit allgemeiner werden, sollte im Sommer die jungen Mädchen und Frauen, die dann beim Kaffee im Zimmer sitzen, ins Freie locken, sollte statt der endlosen und meist so überflüssigen Stickereien, ihnen den »Hammer« oder das »Schlagbrett« in die Hand und dem Körper gesunde Bewegung geben, sollte auch die männliche Jugend zuweilen mit ihnen vereinen und einen frischeren, natürlicheren Ton zwischen ihnen anbahnen. Nicht nur die Gesundheit, nicht nur das gesellige Leben, nein, auch, wie wir schon bei der Besprechung des Verkehrs unter[324] den jungen Leuten angedeutet, die Entwickelung der Charaktere, ja die Sittlichkeit würde dadurch gewinnen.


Außer den Gesellschaften in Privatkreisen und den Bällen, welche ja oft über diese hinausgehen, gibt es noch


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 321-325.
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