3. Ein recht würdiger, edler, der ganzen Lage und Bestimmung des Weibes vollkommen angemessener Gemüthskarakter.

Hier sind zuvörderst die nackten Grundzüge desselben. Es gehören dazu: Reinigkeit des Herzens und der Gesinnungen, aufgeklärte Gottesfurcht, Schamhaftigkeit und Keuschheit, Bescheidenheit, Freundlichkeit und unerschöpfliche Herzensgüte, Besonnenheit, Ordnungsliebe, Haushaltungsgeist, Eingezogenheit, Anhänglichkeit an Mann, Kind und Haus, ein gänzliches, freies und freudiges Verzichtthun auf die zerstreuenden und berauschenden Vergnügungen des herrschenden üppigen Lebens, und endlich ein liebevolles Hingeben ihres eigenen Willens in den Willen des Mannes, woraus denn nach und nach ein gänzliches süßes Zusammenschmelzen ihrer eigenen Wesenheit (Existenz) mit der seinigen entsteht.

Anstatt dir überflüßiger Weise erst noch zu beweisen, daß eine solche Gemüthsverfassung dem glücklichen und ehrenvollen Weibe, dem sie eigen ist, die Hochachtung und Liebe ihres Gatten, wie aller guten Menschen, ganz unfehlbar zuziehen und erhalten[140] müsse: will ich mich nur auf das Urtheil deines eigenen Herzens berufen. Nicht wahr, mein gutes Kind, du hast es selbst gefühlt, indem ich dir jetzt die Grundzüge dieser Sinnesart angab, daß du der damit geschmückten weiblichen Seele deine reinste Achtung und Liebe unmöglich versagen könnest? Schließe denn aus deinem eigenen Gefühl auf das, was alle andere gute Menschen dabei zu empfinden sich gleichfalls nicht erwehren können; und laß mich die genannten weiblichen Haupttugenden dir etwas näher vor das Auge stellen, damit du sowol die ausnehmenden Schönheit, als auch die Unentbehrlichkeit derselben, in einem noch helleren und überzeugendern Lichte sehen mögest.

Reinigkeit des Herzens und der Gesinnungen: der Grund aller sittigen Vollkommenheit, die einzige nie versiegende Urquelle aller wahren Glückseligkeit! Und worin besteht dieselbe? Gott Lob, daß ich dich, statt einer Beschreibung durch todte Worte, auf dein eigenes Herz und auf dein lebendiges Selbstgefühl verweisen darf! Denn noch – Dank, Dank dem guten Engel, der sie dir erhielt! – ist diese Urquelle aller Tugenden und aller Glückseligkeit dein; noch bist du – ich weiß es, mein geliebtes Kind – dir keiner bösen Gedanken und Empfindungen, keiner unerlaubten Absichten und Wünsche, keiner unordentlichen, unreinen und schändlichen Begierden und Leidenschaften[141] bewußt. Noch ist in deinem Innern altes, was dein Aeußeres verheißt; noch darfst du, ohne Larve, dem tiefeindringenden Blicke des Menschenkenners stehen; ja was noch viel mehr ist, noch darfst du den Gedanken an Gottes Allwissenheit selbst, ohne alle Bangigkeit und vielmehr mit kindlicher Freudigkeit, denken und ihn lebhaft in dir werden lassen. Möge unsers himmlischen Allvaters schützende Vorsehung ihn dir bis ans Ende deiner Tage erhalten, diesen alles überwiegenden, großen und köstlichen Seelenschatz! Möge der Tag eben so gewiß der letzte meines und deines Lebens sein, als er der jammervollste für dich und mich sein würde, an dem du – aber weg mit dieser scheuslichen Vorstellung! Ich will, ich kann mir den Fall, daß du dich und mich je vergessen, deine und meine Grundsätze je wissentlich verleugnen solltest, nicht einen Augenblick, auch nur als möglich denken. Immer wirst du die schöne selige Eintracht zwischen deinem Innern und Aeußern sorgfältig zu erhalten suchen; immer wirst du vor jedem Gedanken, der irgend eine Farbe an sich hat, die du öffentlich sehen zu lassen Bedenken tragen müßtest, als vor einem Feinde deiner Unschuld und deiner Seelenruhe zurückbeben; immer wirst du jedes Gefühl und jeden in dir aufsteigenden Wunsch, bevor du ihnen nachhängst, erst mit der Fackel der von Gott dir verliehenen Vernunft beleuchten, und mit tugendhafter Kraft sie sogleich ersticken, sobald du merkest, daß sie dieses Licht[142] nicht zu ertragen vermögen. Und so, meine theures Kind, wirst auch du schon jetzt und künftig immer mehr und mehr erfahren und fühlen, was alle gute Seelen aus eigener Erfahrung wissen, wie wahr das sei, was jener göttliche Mann, dessen Lehren du aus dem Munde deines Vaters erhalten hast, mit eben so vieler Einfalt, als Kürze sagte: selig sind, die reines Herzens sind! Alles Ungemach des menschlichen Lebens, dem auch du, mein Kind, wie jeder andere junge Erdbürger und jede andere junge Erdbürgerinn, mit jedem neuen Tage immer mehr entgegen gehst, wird dir leicht zu überwinden oder zu ertragen sein, so lange Unschuld und Rechtschaffenheit der unerschütterliche Grund sein werden, auf welchem das Gebäude deiner Glückseligkeit ruhet. Alle Einschränkungen deines Geschlechts, das Gefühl deiner weiblichen Abhängigkeit, und selbst die Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen eines ehelichen Gebieters – wofern es der Vorsehung gefallen sollte, deine Tugend einer so schweren Probe auszusetzen – werden Vieles von ihrer Bitterkeit verlieren; und gleich einem gesunden, schlanken und biegsamen Rohre wird deine, aus reiner Seelengüte hervorgewachsene Glückseligkeit von den schrecklichsten Stürmen des Lebens, zwar wol gebeugt, aber nie zerknickt oder gänzlich ausgewurzelt werden können. Wohl dir und mir, o Tochter, wenn du die Wahrheit auch dieser meiner Versicherung einst durch deine eigene Erfahrung Andern wirst verbürgen[143] können, so wie ich sie dir jetzt durch die meinige verbürge.

Wahre und aufgeklärte Frommigkeit, d.i. kindliche Liebe und Vertrauen zu Gott, dem Allvater, gegründet auf deutliche und feste Begriffe von seiner unendlichen Macht, Weisheit und Güte, und von unserer und aller unserer Schicksale gänzlichen Abhängigkeit von ihm. Eine solche Frömmigkeit, die sich eben so weit von jeder abergläubischen Verfinsterung des Verstandes, als von ängstlicher, unfruchtbarer Andächtelei entfernt, ist zwar jedem Menschen, weß Standes, Alters und Geschlechts er auch sein mag, in Hinsicht auf gewissenhafte Rechtschaffenheit und wahre Glückseligkeit recht sehr zu wünschen: aber doch unter allen Keinem mehr, als dem Weibe; weil unter allen Keiner mehr, als sie, sowol der höhern Bewegungsgründe zu einer gewissenhaften Erfüllung ihrer heiligen Pflichten, als auch der Beruhigungsmittel und Tröstungen bedarf, welche die Religion den Leidenden darbietet. Ihre meisten Obliegenheiten sind ja von der Art, daß sie ein sehr lebhaftes Pflichtgefühl und die zarteste Gewissenhaftigkeit voraussetzen: und wie könnte das eine oder die andere ohne tiefeingeprägte religiöse Grundsätze und ohne herrschende religiöse Empfindungen Statt finden? Außerdem ist ja auch, wie wir oben erkannt haben, ihre ganze gewöhnliche Lage von der Art, daß[144] sie, um ruhig und glücklich darin zu sein, der kräftigen Stärkungen und Beruhigungsgründe der Religion, weniger als Jemand, entbehren kann. Deine Ueberzeugung aber von diesem großen und dringenden Bedürfniß wird noch viel inniger werden, wenn du einen beobachtenden Blick in das Innere des ehelichen und häuslichen Lebens, d.i. in den innern Kreis deiner natürlichen Bestimmung, wirfst, und die vielfachen Sorgen, Mühseligkeiten und Leiden bemerkest, die selbst von dem glücklichsten Hausstande niemahls ganz oder für immer entfernt zu bleiben und für Keinen mehr, als für die Hausmutter, drückend zu sein pflegen. Da findest du, wenigstens häufig genug, Sorgen der Nahrung, Verdruß über ungetreue und undankbare Dienstboten, Familienzwiste, Kränklichkeiten, Krankheiten, Todesfälle, Beschwerlichkeiten der Schwangerschaft, Schmerzen und Gefahren der Entbindung, mancherlei Ungemach bei der Wartung kleiner Kinder, mancherlei Sorgen und Bekümmernisse bei der Erziehung der größern, beträchtliche Unglücksfälle, welche den Gatten in seinem Wirkungskreise und mit ihm auch die Gattinn, wie jedes andere Glied der Familie, sie aber ganz vorzüglich treffen; kleinere Widerwärtigkeiten und Verdrießlichkeiten, die ihn mürrisch und zum Genuß häuslicher Familienfreunden unfähig machen u.s.w. Wie leicht würde es mir sein, wenn es mir darum zu thun wäre, deine Einbildungskraft mit[145] schreckhaften Erwartungen anzufüllen, dieses schwarze Register von Unannehmlichkeiten, welche dir, wie jedem andern jungen Frauenzimmer, welches Gattinn und Mutter werden will, mehr oder weniger bevorstehn, bis zum Schauderhaften zu vermehren und auszumalen! Aber da ich jene Absicht weder habe, noch haben kann: so begnüge ich mich, dir nur einen schwachen Umriß davon vorgehalten zu haben, und es nun deinem eigenen Nachdenken anheim zu stellen, was unter solchen Umständen einst aus dir werden würde, wenn die Kraft der Religion dich nicht mächtig unterstützte; wenn nicht der stärkende und tröstende Gedanke an Gott und Ewigkeit recht heimisch und recht lebendig in dir geworden wäre, und wenn du dich nicht gewöhnt hättest, mit unverwandten Blicken immer nur auf das zu sehen, was Pflicht und Unterwerfung unter den unerforschlichen Rath der Vorsehung von dir fodern.

Suche also schon jetzt die Grundsätze der Religion, die dir einst so große Dienste leisten sollen, durch häufiges Nachdenken darüber und durch tägliche Unterhaltungen mit Gott, dem unsichtbaren obgleich allgegenwärtigen Vater der Welt, dir recht geläufig zu machen. Präge sie dir tief in das Innerste deines Herzens ein, und laß sie von da aus einen entscheidenden Einfluß in deine Gesinnungen und in alle deine Handlungen haben. Gewöhne dich daneben,[146] bei allen deinen Ueberlegungen und Beschlüssen, beständig auf die leise Stimme des Gewissens zu achten, und nichts zu wollen, als was von diesem gutgeheißen und gebilliget wird. Der Gedanke: es ist Pflicht für mich! sei dir stets entscheidend, was auch immer deine Neigungen und Wünsche dagegen einzuwenden haben mögen. Dann, mein gutes Kind, wirst du die Einschränkungen und Unannehmlichkeiten deiner künftigen Lage nicht nur leicht ertragen, sondern auch dich so glücklich dabei fühlen, als Menschen hienieden es nur immer werden können.


Schamhaftigkeit und Keuschheit – eine der ersten und unentbehrlichsten Erfodernisse zu der dir oben empfohlenen Reinigkeit des Herzens; einer der ersten und wesentlichsten Haupttheile der weiblichen Tugend, weil nicht bloß des Weibes ganze Ehre, sondern auch ihre ganze Glückseligkeit davon abhängt. Sie verdienen also wol, daß wir unsere Aufmerksamkeit etwas länger und sorgfältiger darauf heften.

Zwar wenn ich dem Vorurtheile der meisten Eltern, Erzieher und Erzieherinnen nachgeben wollte: so müßte ich dir diesen zarten, über alles wichtigen Bestandtheil einer tugendhaften Gemüthsart höchstens nur nennen, aber nicht erklären; ich müßte[147] dich vor aller Verletzung desselben höchstens nur in allgemeinen Ausdrücken warnen, dir aber ja nicht zu erkennen geben, wie und wodurch man ihn verletzen kann. So will es nähmlich die folgewidrige Art zu denken und zu handeln, welche bei weiten die meisten Menschen in den meisten und wichtigsten Angelegenheiten des menschlichen Lebens, zum Erstaunen des unbefangenen Zuschauers an den Tag zu legen pflegen. Ich für meinen Theil habe mich dieser widersprechenden Denk- und Handlungsart niemahls fügen können; ungeachtet ich wol sah, daß das Abweichen von der breiten und volkreichen Heerstraße nur dem Narren, aber nicht dem Denker, zu Gute gehalten werde. Ich habe mich nämlich nie überreden können, daß es vernünftig gehandelt sei, die junge Köchinn nur im Allgemeinen und nur durch geheimnißvolle Winke zu warnen, daß sie keinen Schierling unter die Speisen mischen müsse, ohne ihr dabei zu sagen, was der Schierling sei, und woran man dieses giftige Kraut erkennen und von andern unterscheiden könne; und wenn kluge Leute mir dagegen sagten, daß das leichtsinnige Mädchen, so bald man sie mit dem vergiftenden Unkraute wirklich bekannt machen wollte durch diese ihr mitgetheilte Kenntniß leicht in die Versuchung gerathen könnte, einen unserer Absicht ganz entgegengesetzten Gebrauch davon zu machen, und erst sich selbst, dann Andere zu vergiften: so habe ich das Unglück gehabt, den Grund zu einer solchen Besorgniß und die Wahrscheinlichkeit[148] einer solchen Gefahr niemahls fassen zu können. Ich habe vielmehr immer die sonderbar günstige Meinung von der menschlichen Natur gehegt, daß sie so ganz verkehrt und unklug doch wol nicht eingerichtet sein möge, um nach dem Schierlinge bloß deswegen zu gieren und zu schnappen, weil man sie über die Beschaffenheit und die giftige Eigenschaft desselben ernsthaft, recht und der Wahrheit gemäß belehrt hatte; sondern ich habe ihr wirklich zugetraut, daß eine solche Belehrung sie in der That bewegen könne, das giftige Unkraut zu verabscheuen und sich davor in Acht zu nehmen. Wenigstens habe ich geglaubt, daß das geheimnißvolle Hindeuten und Hinwinken, ohne ernsthafte und vollständige Belehrung, in jedem Falle zehnmahl bedenklicher und mißlicher sei; und daß man also von Giften entweder überall nicht reden, oder sich sehr bestimmt und verständlich darüber äußern müsse. Man verzeihe mir diese seltsame Denkungsart, und erlaube, daß ich wenigstens gegen mein eigenes Kind ihr gemäß verfahren dürfe; so wie denn auch ich von meiner Seite einem Jeden gern das Recht zugestehe, sich nach der seinigen zu richten, und diesen Abschnitt, wenn man es rathsam finden wird, zu überschlagen.

Dem zufolge will ich dich nun, meine liebe Tochter, mit einer von der hohen Weisheit und Güte unsers Schöpfers herrührenden Einrichtung der menschlichen Natur, die du nothwendig kennen mußt, wenn[149] du dich nicht unglücklich machen willst, noch etwas näher bekannt machen, als es, deiner Jugend wegen, bis dahin geschehen konnte. Von Kindheit an gewöhnt, ehrwürdige und wichtige Wahrheiten mit ehrerbietiger Aufmerksamkeit zu vernehmen, hast du nicht erst nöthig, von mir gewarnt zu werden, dir bei dieser Belehrung keine Flatterhaftigkeit und keinen Leichtsinn zu erlauben. Wie könntest du das, da die Sache an sich so sehr ernsthaft und über alles wichtig ist!

Gott schuf, wie du weißt, nicht alle Menschen, welche leben und diesen Erdball bewohnen sollten, auf einmahl; er rief vielmehr, wie die Vernunft vermuthet und unsere heiligen Bücher uns sagen, anfangs nur erst ein einziges Paar ins Dasein, von welchem die Millionen alle, die er zu schaffen und zu beglücken beschlossen hatte, nach und nach entspringen sollten. Und warum dieses? Vermuthlich – denn wer darf sich vermessen, die Absichten des Unbegreiflichen mit verwegener Zuversichtlichkeit angeben zu wollen? – vermuthlich also darum, damit das ganze Menschengeschlecht, von einem einzigen Stammpaare entsprungen, durch alle Jahrtausende und unter allen Himmelstrichen nur eine einzige große, durch die Bande der Blutsverwandtschaft genau verbundene Familie ausmachen sollte. Er schloß deswegen, auf eine unserer Kurzsichtigkeit völlig unbegreifliche und höchst wunderbare Weise den Keim zu allen diesen Millionen[150] Menschen, welche künstig leben sollten, in das erste Menschenpaar ein, und wollte, daß sie aus diesem, nach Gesetzen, welche er selbst der menschlichen Natur vorschrieb, sich nach und nach entwickeln sollten. Die Art dieser Entwickelung sollte nun – so wollte es sein heiliger Rath – folgende sein:

Je zwei und zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, beide völlig erwachsen und ausgebildet, beide reif an Verstande und fähig, Kinder zu vernünftigen und glücklichen Menschen zu bilden, sollten ein heiliges und unauflösliches Bündniß für ihr ganzes Leben eingehen; sie sollten sich gegenseitige Liebe, Treue und Anhänglichkeit, gegenseitige Hülfe und Beistand, wie zu allen andern Geschäften, so auch besonders zur Erziehung derjenigen Kinder versprechen, welche Gott durch sie ins Dasein rufen würde. Dann sollten sie in der engsten Liebe und Vertraulichkeit bei einander wohnen und leben, und während ihrer vertrauten und geheimen Umarmung sollte auf eine höchstwundervolle Weise der zarte Menschenkeim in dem Körper der Gattinn von dem Gatten befruchtet werden, um alsdann von seinem Schöpfer belebt und weiter entwickelt zu werden. Unter ihrem Herzen sollte das Weib diesen von ihrem ehelichen Freunde geweckten wundervollen Menschenkeim neun Monate lang tragen, ihn mit ihrem Blute nähren, und ihn endlich, wenn zum Menschen völlig ausgebildet und reif geworden[151] wäre, unter schmerzhafter Anstrengung zur Welt gebähren.

Aber gerade dieser Umstand, daß das Gebähren vermöge der Einrichtung, die der weibliche Körper, seiner ganzen Bestimmung nach, nothwendig haben mußte, nicht ohne Schmerzen geschehen konnte, würde die meisten Weiber von der ehelichen Verbindung abgeschreckt haben; so wie auch die meisten Männer die Bemühung, Kinder zu ernähren, und die noch viel größere und mühseligere, Kinder zu erziehen, würden haben vermeiden wollen, wenn nicht die Weisheit des Schöpfers ein kräftiges Mittel angewandt hätte, sowol jene als diese durch eine süße Gewalt gleichsam zu zwingen, seines auf die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts gerichtete Absicht dennoch zu ehren und ihr gemäß zu handeln. Und welches war denn dieses Mittel, denn wir einzig und allein die Fortdauer des Menschengeschlechts überhaupt und unser eigenes menschliches Dasein insonderheit zu verdanken haben? Dieses: er verband die vertrauliche eheliche Handlung, wodurch der Menschenkeim in dem Schooße der Mutter belebt werden sollte, mit einem anziehenden sinnlichen Vergnügen für den Mann sowol, als für das Weib, und pflanzte beiden einen Naturtrieb darnach ein, welcher stark genug wäre, jede Abneigung vor den Folgen dieser Handlung zu überwinden. Dis ist der sogenannte Fortpflanzungstrieb, den[152] wir mit allen andern lebendigen Mitbewohnern der Erde zugleich erhielten. Durch ihn fühlt der erwachsene, zu seiner völligen Reise gediehene Mensch sich bestimmt, eine Person des andern Geschlechts vor allen andern lieb zu gewinnen, und lebhaft zu wünschen, durch die heiligen Bande der Ehe mit ihr verknüpft zu werden, um die oben erwähnte Absicht des Schöpfers, trotz allem für ihn daraus entspringenden Ungemach, dennoch gern und freudig in Erfüllung zu bringen. So entstehen eheliche Verbindungen, und so wird das Menschengeschlecht, so lange der Erdball zum Aufenthalte und zur Ernährung desselben taugen wird, zu tausendmahl tausend Millionen durch Jahrhunderte und Jahrtausende ununterbrochen fortgepflanzt werden.

Wie nun aber allem, was von Gott herrührt, die weisesten Gesetze vorgeschrieben sind, damit es in der besten Ordnung, auf die wohlthätigste Weise, und zu den würdigsten Zwecken geschehe: so hat auch der menschliche Fortpflanzungstrieb seine absichtsvolle Einschränkung und die weisesten Gesetze, nach welchen er wirken soll, von dem erhabenen Urheber der Natur selbst erhalten. Die Thiere befolgen diese, wie all andere Naturgesetze, ohne sie zu kennen, nach einem blinden Zwangstriebe, und befinden sich wohl dabei. Nur der Mensch, der weniger von dergleichen Trieben und mehr von der Vernunft geleitet werde sollte, verliert,[153] und zwar je verfeinerter und ausgebildeter er wird, wie in andern Fällen, so auch in diesem, die ihm vorgeschriebenen göttlichen Naturgesetze nur gar zu oft und gar zu weit aus den Augen, und verwandelt dadurch in Gift und Fluch, was ihm zur Genesung und zum Segen gereichen sollte. Er bedarf daher Unterricht, Rath und Zurechtweisung, selbst in solchen Dingen, wobei der rohe Naturmensch, gleich den Thieren, mit vollkommener Sicherheit bloß triebmäßig verfährt. Das ist nun auch vornehmlich der Fall mit dem erwähnten Fortpflanzungstriebe. Lebten die Menschen noch jetzt ihrer Natur gemäß, würden sie nicht durch verkehrte Erziehungsweisen, durch Verfeinerung, Verweichlichung, erkünstelte Bedürfnisse und Ueppigkeit von dem geraden Wege der Natur auf labyrinthische Abwege geleitet: so würde dieser Trieb nie anders, als auf eine zweckmäßige und immer wohlthätige Weise wirken. Er würde nicht früher erwachen, als er soll, und er würde sich nur dazu äußern, wozu der Schöpfer ihn uns beigelegt hat, nämlich die Menschengattung zu erhalten, ohne Jemand unglücklich zu machen. So erwacht und so wirkt er auch noch jetzt bei allen den rohen, noch nicht zur Ueppigkeit verwöhnten Völkerschaften, die wir Wilde nennen; nicht so bei gebildeten, verfeinerten und zu jeder Art von Unnatürlichkeit verwöhnten Menschen. Diese gelangen, gleich Pflanzen, die im Treibhause gezogen werden, zu einer übereilten, also[154] unnatürlichen und verderblichen Reise in jeder Betrachtung; auch in der, daß der Fortpflanzungstrieb weit früher bei ihnen erwacht, als er, der Absicht Gottes gemäß, erwachen sollte. Daher der schändliche und verderbliche Mißbrauch, der von diesem Naturtriebe gemacht wird; daher die tausendmahl tausend Unglücklichen, welche dieser Mißbrauch elend macht, elend an Leib und Seele, elend für ihr ganzes Leben! Siehst du jenen abgelebten, bleichen, entnervten und kraftlosen Jüngling, welcher an Schwäche und Hinfälligkeit dem zitternden Greise gleicht? Bemerkst du jenes schwächliche, traurende, hinwelkende, nervenkranke Mädchen, welches in der Blüthe seiner Jugend und in den Jahren der Freude, wie eine junge, vom Wurm gestochene Pflanze, das Haupt zur Erde neigt, und zu einer Zeit, da es für das Leben erst recht reifen sollte, schon lebenssatt und kummervoll zum frühen Grabe schwankt? Hast du von geschändeten Personen deines Geschlechts gehört, welche die menschliche Gesellschaft, gleich einem ekelhaften und vergiftenden Unrathe, auswirft, und sie dem Mangel, dem Hunger, der Blöße, der öffentlichen Schande und dem Verderben preis gibt? Steht es dir endlich noch vor Augen, jenes scheusliche Bild halb verweseter und verstümmelter lebendiger Leichen, die du vor einigen Jahren an meiner Hand in einem Berlinischen Siechenhause für unzüchtige Personen, mit Schaudern und Entsetzen sahst? Wisse, daß diese Unglücklichen das tiefe Elend,[155] worunter sie seufzen, keiner andern Ursache, als der unerlaubten Geschlechtsliebe, d.i., dem, nicht nach den Gesetzen der Natur, sondern unzeitig erwachten und blindlings befolgten Fortpflanzungstriebe verdanken.1

Und welches sind denn diejenigen Naturgesetze, welche diesem, an sich selbst unschuldigen, aber durch, Mißbrauch so höchstgefährlich gewordenen Triebe, von dem großen und weisen Urheber der Natur vorgeschrieben sind? Vernimm sie, mein Kind, und laß sie dir beständig heilig sein!


1. Soll dieser Trieb nicht früher erwachen, als bis der Mensch an Leib und Seele zu seiner völligen Reise gekommen ist. Bis dahin also sollen[156] wir ihn in uns unterdrücken, und die dazu bestimmten Theile unsers Körpers vor jeder Reizung auf das sorgfältigste und gewissenhafteste zu verwahren suchen.


2. Soll er nichts anders, als die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts zur Absicht haben, mithin nie anders, als in ordentlicher und rechtmäßiger Ehe erweckt und befriediget werden.


3. Soll man ihn also auch dann noch, wan man an Leib und Seele schon völlig ausgebildet ist, so lange in sich bekämpfen und zurückhalten, bis man sich im Stande steht, eine vernünftige eheliche Verbindung einzugehn, gesunde Kinder zu erzeugen, und sie zu glücklichen und gemeinnützigen Mitgliedern der menschliche Gesellschaft zu erziehn.


Fragst du, meine Tochter, woher ich diese Naturgesetze kenne, und woher ich wisse, daß es Gesetze Gottes sind, die wir, ohne gegen seine weisen und väterlichen Einrichtungen zu freveln, nicht überschreiten dürfen? so wisse, daß ich sie auf eben dem Wege kennen lernte, auf welchem wir jedes andere Naturgesetz gleichfalls nur erforschen können – durch Beobachtung.[157] Der Weg ist dieser: Wenn ich sehe, daß auf diese oder jene Ursache allemahl und unausbleiblich diese oder jene Wirkung folgt; so schließe ich: es ist Gesetz der Natur, daß auf jene Ursache diese Wirkung allemahl erfolgen soll. Wenn ich also auch wahrnehme, daß dieser oder jener menschliche Trieb, auf diese oder jene Weise befriediget, den Menschen allemahl und unausbleiblich entweder besser oder schlechter, glücklich oder elend macht; so schließe ich mit völliger Zuversicht und ohne alle Gefahr zu irren: die eine Befriedigungsart ist den Gesetzen der Natur gemäß, die ander ihr zuwider; die eine geschieht also nach dem Willen des großen Gesetzgebers der Natur, die andere wider ihn; und so wie die eine mich zu einem gehorsamen und glücklichen Bürger in der Stadt Gottes macht, so macht die andere mich zum Rebellen, der den wider die göttlichen Gesetze begangenen Hochverrath durch den Verlust seiner Glückseligkeit büßen muß.

Dis ist nun auch der Fall mit den so eben ausgezeichneten Naturgesetzen, den menschlichen Fortpflanzungstrieb betreffend. So lange die Welt steht, und so lange Menschen in menschlicher Gesellschaft beisammen gelebt haben, hat man immer und ohne Ausnahme gesehn, daß dieser Trieb, auf die angegebene naturgemäße Weise erweckt und befriediget, dem einzelnen Menschen und der menschlichen Gesellschaft[158] immer zum Segen, im entgegengesetzten Falle hingegen immer und unausbleiblich zum Fluch gereichte. Man kann also auch mit völliger Sicherheit und ohne alle Gefahr zu irren, kühnlich schließen: daß jene Regeln, wonach dieser Trieb sich richten soll, gewiß und wahrhaftig heilige Naturgesetze sind, welche der weiseste und größte aller Gesetzgeber, Gott selbst, uns vorgeschrieben hat.

Und nunmehr, mein Kind, wirst du, nicht auf eine dunkle und bloß ahnende Weise, wie die meiste jungen Personen deines Alters, sondern bestimmt und deutlich fassen können, was Keuschheit und was das schändliche Gegentheil dieser so nöthigen Tugend, Unkeuschheit, Unzucht und liederliches Wesen sei. Wenn nämlich eine junge Person männlichen oder weiblichen Geschlechts, bis zu der Zeit, da sie ein rechtmäßiges eheliches Bündniß eingehen kann und darf, alle Vertraulichkeit mit Personen des andern Geschlechts vermeidet; wenn sie, ihnen gegen über, immer in den Schranken der anständigen Höflichkeit ohne leidenschaftliche Gefühle einer besondern Zuneigung bleibt; wenn sie alle Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen, welche das Entstehen der Geschlechtsliebe und des Fortpflanzungstriebes vor der genannten Zeit in ihr veranlassen könnten, aus ihrer Seele verbannt wenn sie ihrem Auge und ihrem Ohre gebietet, sich von allem, was dergleichen, die Seele vergiftende[159] Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen in ihr erregen könnte, mit Abscheu wegzuwenden und nie mit Wohlgefallen darauf zu achten; wenn sie endlich im höchsten Grade schamhaft, nicht bloß gegen andere Menschen, sondern auch gegen sich selbst ist, und diejenigen Theile ihres eigenen Körpers, welche Wohlanständigkeit und Schamhaftigkeit bedeckt zu halten gebieten, ohne Noth niemahls weder vor Andern noch vor sich selbst entblößt oder berührt; wenn sie auf diese Weise ihren Leib und ihre Seele rein und züchtig, unbefleckt und frei von verderblichen Leidensschaften und Begierden erhält: dann gebührt ihr das hohe Lob der Keuschheit, einer Tugend, die sie schon jetzt vor tausendfachen Leiden schützen, und ihr nachher im Ehestande mit wohlverdienten seligen Freuden lohnen wird. Wenn hingegen eine Person männlichen oder weiblichen Geschlechts von diesem allen sich das unglückliche Gegentheil erlaubt, dann ist oder wird sie unkeusch, unzüchtig und liederlich.

O meine Tochter! warum muß ich es dir sagen? – Aber ich kann, ich darf es dir nicht verheelen, daß unter allen Tugenden, welche die allgemeine Sittenverderbniß verdrängt hat, die der Keuschheit bei weiten am seltensten geworden ist. Eine fast allgemeine schändliche Ausgelassenheit, Zügellosigkeit und Schamlosigkeit hat sich durch alle Stände und durch beide Geschlechter verbreitet. Dinge, die eine reine und keusche[160] Seele mit Abscheu erfüllen, sind, sogar in seinen Gesellschaften, eine Lieblingsmaterie der Unterhaltung und ein Gegenstand des Scherzes geworden. Alles, was die Künste der Ueppigkeit und der Schwelgerei hervorbringen, zweckt darauf ab, den Geschlechtstrieb anzuregen und schändliche Begierden zu entzünden. Unsere Bildergallerien strotzen von schlüpfrigen Vorstellungen, bei denen die Unschuld erröthen muß; unsere öffentlichen Schauspiele ertönen von der frechen Sprache der Unzucht und von schmutzigen Zweideutigkeiten; unsere Büchersäle sind voll von Ausgüssen einer unreinen Einbildungskraft, die von teuflischen Unschuldsmördern recht eigentlich zubereitet wurden, um – Seelen damit zu vergiften; wohin man kommt, wohin man sieht und hört, da sieht und hört man Dinge, welche das Zartgefühl der Schamhaftigkeit verletzen, welche schlüpfrige Bilder und Vorstellungen vor die Einbildungskraft führen und sie damit beflecken können. Besonders traurig und bejammernswürdig ist das Schicksal junger unschuldiger Personen deines Geschlechts, denen fast überall, wo sie sich nur blicken lassen, Beispiele, Reizungen und Anleitungen zur Erweckung einer unzeitigen, unerlaubten und daher verderblichen Geschlechtsliebe zubereitet werden. Man sucht durch alle mögliche Künste und Erfindungen der sogenannten Galanterie eure Einbildungskraft zu entzünden, eure Vernunft einzuwiegen, eure Sinne zu berauschen, und euren Herzen auf die feinste und[161] unmerklichste Weise das süße, aber tugendmordende Gift der Schmeichelei anzuhauchen, um es zu einer gänzlichen Vergessenheit seiner selbst, seiner Pflichten, seiner Vorsätze und seiner wahren Glückseligkeit einzuschläfern. Man spottet der Unschuld, lacht der Tugend, und huldiget ihrem scheuslichen Gegentheile.

O mein liebes, gutes Kind! Warum vermag ich es nicht, deine junge, bis dahin reine und unbefangene Seele vor diesen gefährlichen Ausflüssen der Unsittlichkeit, die, gleich einer Sündfluth, alles überschwemmen und alles, was Tugend und Ehrbarkeit heißt, ersäufen, zu jeder Zeit und für immer sicher zu stellen! Warum muß ich – will ich anders, daß du für die menschliche Gesellschaft und nicht zur Einsiedlerinn erzogen werdest – zugeben, daß du unter Menschen kommest, um menschliche Thorheiten und Laster zu sehen, um dich von dem Geschmeiße der Wollüstlinge umsumsen zu lassen, um deine junge Tugend, deine Religiosität, und dein sittiges Ehrgefühl dem Prüfsteine der Verführung zu unterwerfen! Aber ich kann, ich darf dich nicht auf einer Insel erziehen; ich muß, wofern du zu einem brauchbaren und würdigen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft ausgebildet werden sollst, und wofern deine Tugend zur wirklichen Tugend reisen und nicht bloß Unbekanntschaft mit dem Bösen und Mangel an Gelegenheit zum Bösen bleiben soll, dich dem Strome der Gesellschaft überlassen.[162] Alles, was ich dabei thun kann, ist: dir aus treuem väterlichem Herzen zu rathen, dich immer, so viel dir möglich sein wird, am Ufer zu halten – ich will sagen, dich von dem Strome der Gesellschaft und der herrschenden Ueppigkeit so wenig als nur immer möglich fortreißen zu lassen – und dir als ein, dieser mißlichen Schiffahrt nicht ganz unkundiger Mann, einige Regeln und Vorschriften mitzugeben, durch deren redliche Befolgung du die gefährliche Mitte des Stroms samt den Klippen und Strudeln, die deinem kleinen Nachen den Untergang drohen, klüglich und glücklich wirst vermeiden können. Vernimm diese Regeln, und präge sie deinem Gedächtnisse und deinem Herzen mit unauslöschlichen Buchstaben ein. Hier sind sie:


1. Hänge dich fest an deine Eltern; sei besonders unzertrennlich von deiner Mutter, und betrachte sie als den leitenden Schutz-engel, den dein himmlischer Vater dir beigefellt hat, um deine Tugend und Glückseligkeit vor vielen dir drohenden Gefahren zu schützen.


2. Betrachte uns nunmehr, da der Kindheit Stufen von dir erstiegen sind, nicht mehr bloß als Eltern, sondern als deine ältesten, treuesten und besten Freunde, die ihr eigenes Leben wahrlich[163] nicht so sehr als deine Glückseligkeit lieben, denen es auch nicht an Einsicht und Welt- erfahrung fehlt, um dir in jedem alle das zu rathen, was dir jedesmahl am zuträglichsten sein wird.


3. Schließe demzufolge dein Herz mit allem was du zu jeder Zeit denkest und empfindest, gern und willig vor uns auf; verheele uns nichts, nichts – selbst deine Fehler und Schwächen nicht; fest überzeugt, daß es uns unmöglich ist, dein kindliches Vertrauen jemahls auf irgend eine Weise zu mißbrauchen, und daß wir deine Offenherzigkeit nie mit Bitterkeit oder Vorwürfen, sondern immer mit Güte und Liebe, und mit unserm besten väterlichen und mütterlichen Rathe erwiedern werden.


4. Fahre fort, wie du angefangen hast, das Natürliche, Gerade, Einfache und Schlichte in Lebensart und Sitten immer mehr und mehr lieb zu gewinnen und zu einem hervorstechenden Zuge in deinem jugendlichen Gemüthskarakter zu machen; die armseligen freudenleeren Zerstreuungen der großen Welt in ihrer ganzen Dürftigkeit kennen zu lernen[164] und zu verachten, und dagegen die stillen, einfachen und wahrhaftig wohlthätigen häuslichen Vergnügungen, in dem Schooße einer durch Mäßigkeit, Arbeitsamkeit und Ordnung beglückten Familie, über alles zu schätzen.


5. Fahre fort, wie du, Gottlob! gleichfalls angefangen hast, dir eine regelmäßige Berufsgeschäftigkeit zu einem dringenden Bedürfnisse für Leib und Seele zu machen, und den Müssiggang, sammt jeder unnützen, zwecklosen und bloß tändelnden Geschäftigkeit, wie die Pest, zu fliehen. Eine müssige Seele ist jedem Bösen offen; Geschäfte hingegen und eine nützliche, und zwar regelmäßige Thätigkeit versperren dem Laster, ohne daß wir es merken, den Eingang zu unserm Herzen und schmücken es dagegen auf eine unaustilgbare Weise mit jeder schönen und seligen Tugend aus.


6. Sei im höchsten Grade schamhaft, wie gegen Andere, so auch gegen dich selbst. Dein jungfräulicher Leib müsse für dich selbst, wie für Andre, ein Heiligthum sein, bedeckt und geschützt vor entweihenden Blicken und vor entehrenden Berührungen. Bei weiten die wenigsten Weiber kennen und ehren[165] diese recht eigentlich weibliche Tugend in ihrem ganzen Umfange. Aber daher kommt es denn auch, daß so vielen Weibern Ehrbarkeit und Keuschheit nicht mehr heilig sind; daß ihre sogenannte Tugend in der Hand eines jeden wollüstigen Verführers steht, und – daß bei weiten die wenigsten Weiber von ihren Gatten, sobald der Rausch der ersten ehelichen Vertraulichkeit vorüber ist, noch geachtet und geliebt zu werden pflegen.


7. Vermeide jede Vertraulichkeit und besonders das höchstgefährliche Alleinsein mit jungen Personen des andern Geschlechts, wäre es auch nur, um deine jungfräuliche Ehre, die dir von nun an über alles gelten muß, auch vor dem Schatten eines Verdachtes zu sichern. Das Bewußtsein, nichts Böses gethan zu haben, würde dich zwar vor deinem eignen Gewissen, aber nicht vor der Verurtheilung der Menschen sichern. Der Menschenkenner schließt: ein Frauenzimmer, welches unvorsichtig genug war, Verdacht zu erwecken, verdient Verdacht, wenigstens in gewissem Maße; und tausend Erfahrungen berechtigen ihn, so zu schließen.


8. Schätze dich selbst zu hoch, um den abgeschmackten Schmeicheleien, Empfindeleien und[166] Liebeleien junger Gecken je dein Ohr zu leihen. Ein Blick voll Ernst und Würde, ein Blick, wie Unschuld und Tugend, so lange sie dein Herz bewohnen, ihn schon von selbst dir lehren werden, schrecke den faselnden, herz- und hirnlosen jungen Laffen, der den Romanhelden oder den Bühnenliebhaber gegen dich spielen will, in sein erbärmliches Nichts zurück, und benehme ihm für immer den Muth, sich dir jemahls wieder anders, als mit derjenigen Ehrerbietung zu nahen, die ein wirklich tugendhaftes Frauenzimmer zu fodern gegen jedermann berechtiget ist.


9. Aber noch weit mehr und noch viel sorgfältiger, als vor diesen, sei vor solchen jungen Männern auf deiner Hut, die unter der Larve der Empfindsamkeit, des verfeinerten sittlichen Gefühls, dem Herzen und der Tugend eines edeln jungen Frauenzimmers oft die gefährlichsten Schlingen legen. Du kennst die schöne Pfeffelsche Epistel an seine Tochter: Die Klippe des Gefühls genannt, die ich dir und andern jungen Frauenzimmern in meiner Kinderbibliothek bekannt machte. Laß dich dadurch über diese gefährlichste Art von Verführern[167] belehren, um sie einst gleich beim ersten Versuche, den sie machen werden, dir von der Seite des sittlichen Gefühls Fallstricke zu legen, augenblicklich für das zu erkennen, was sie sind, für Taschenspieler der gefährlichsten Art, die dir den Verstand durch Vorspiegelungen hoher tugendhafter Empfindungen umnebeln wollen, um dir dann Herz, Unschuld, Ehre, Ruhe und Glück zu rauben.


10. Und nicht diese allein, welche die Empfindsamkeit zur Larve brauchen, sondern auch die wirklich Empfindsamen, die das, was sie scheinen, in vollem Ernste sind, suche fern von dir zu halten; denn du mußt wissen, mein liebes Kind, daß die geistige Seelenliebe, womit Leute dieser Art ihre romantischen Verbindungen mit jungen Personen deines Geschlechts zu beginnen pflegen, sich nicht selten, und zwar oft ohne ihr eigenes Wissen und Wollen in die gröbste und schändlichste Sinnlichkeit aufzulösen pflegt.


11. Vermeide alles, was dein Herz und deine Einbildungskraft verunreinigen kann – das Anhören zweideutiger Scherze und schändlicher Reden, den Anblick unschamhafter und unkeuscher Vorstellungen[168] in Gemälden und Bildsäulen, und vor allem, das Lesen solcher Bücher, die theils von Liebeleien handeln, theils unehrbare und schmutzige Zoten enthalten, theils das Laster absichtlich in ein reizendes Gewand von durchsichtigem Flor hüllen, ihm dadurch seine natürliche Häßlichkeit benehmen, und den Anblick desselben eben dadurch um so viel verführerischer und vergiftender machen. Und willst du sicher sein, mein Kind, deine Unschuld und Tugend von solchen Werkzeugen der Hölle nie verletzt zu sehn: o so befolge meinen dir schon oft wiederholten väterlichen Rath, und nimm nie ein Buch oder Blatt zum Lesen in die Hand, was du nicht erst vorher meiner Beurtheilung unterworfen hast, um zu erfahren, ob es dir nützlich oder schädlich sein werde. Dis ist einer von den Punkten, die ich, so lange ich bei dir bin, schlechterdings allein besorgen und keinem Andern, wer er übrigens auch sei, übertragen darf, weil ich immer mehr und mehr überzeugt worden bin, daß nur wenige, sehr wenige Menschen, selbst in der Klasse der aufgeklärtesten und besten, auf Erden leben, die den dazu gehörigen sittlichen Takt und zugleich die dazu erfoderliche Kenntniß der jungen menschlichen Seele besitzen, um in jedem Falle durch ein eben so[169] schnelles als richtiges Gefühl bestimmen zu können, was einer solchen Seele nützlich oder schädlich, heilsam oder verderblich sei. Du kennst mich, meine Tochter; weißt, wie entfernt ich von Allem hin, was Selbstdünkel und Pralerei genannt zu werden verdient. Du wirst es also lediglich meiner ehrlichen Ueberzeugung und keiner albernen Eitelkeit beimessen, wenn ich mir in diesem Stück ein wenig mehr, als vielen andern Menschen zuzutrauen wage; und du wirst daher meinen Rath, dich in Dingen dieser Art ganz allein an mich und an mein Urtheil zu halten, nicht überflüssig oder verwerflich finden.


12. Endlich, meine liebe Tochter, vermeide auch, wo nicht allen Umgang – denn dis steht nicht immer bei uns – doch wenigstens alle Vertraulichkeit mit solchen Personen deines eigenen Geschlechts, von denen du auch nur das geringste Unschamhafte, Unehrbare und Unkeusche hörst oder siehest; und wisse, daß das Gift des Beispiels sich unmerklich, und daher um so viel gefährlicher in das Gewebe unserer Vorstellungen und Empfindungen einschleicht, und früh oder spät, aber unausbleiblich gewiß, irgend eine Zerrüttung daselbst anrichtet.[170] Lernst du also, z.B., eine Person kennen, die mit entblößter Brust, mit gesuchtem Putzwerk und in leichtfertiger Tracht sich den Blicken der Angaffer preis gibt: so laß zwar den Grad ihrer sittlichen Verderbtheit dahin gestellt sein; aber zu deiner vertrauten Gesellschafterinn, zu deiner Freundinn wähle sie nicht! Bemerkst du an einer andern, daß ein wildes wollüstiges Feuer aus ihren Blicken strahlt, daß sie die Zudringlichkeit verliebter Gecken nicht ungern sieht, die süßlichen oder zweideutigen Reden und Scherze derselben nicht ungern hört, sondern ihnen Beifall lächelt: so laß zwar ihre Schuld oder Unschuld unentschieden – denn du bist zu keines Menschen Richterinn berufen – aber zu deiner vertrauten Gesellschafterinn, zu deiner Freundinn wähle sie nicht! Hörst du oder siehst du endlich von einer dritten wirkliche Unanständigkeiten, wirklichen Mangel an Schamhaftigkeit und guter Zucht und wirkliche Verletzungen der weiblichen Ehrbarkeit: o so fliehe ihren Dunstkreis, mein Kind, so geschwind du kannst; denn er ist giftig, und das bloße Anschließen an eine solche Person, das bloße freiwillige Beisammensein mit ihr, an einem und ebendemselben Orte, würde, wenn gleich nicht für deine eigene Sittlichkeit, doch wenigstens für die zarte Blume deines jungfräulichen guten Namens verderblich werden können. Denn das Urtheil der Menschen über uns richtet sich nach unserm Umgange; und das spanische Sprichwort hat Recht: [171] sage mir, mir wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist.


Genug hievon.

Ich wende mich nun zu einer dritten Haupttugend, welche den weiblichen Gemüthskarakter zieren muß. Sie heißt: Bescheidenheit!

Laß uns zuvörderst den Begriff, den wir mit diesem Worte verbinden müssen, gehörig aus einander zu setzen und aufzuklären suchen.

Jeder Mensch hat seinen bestimmten Werth, seinen bestimmten Grad von Vollkommenheit, seine bestimmten Verdienste. Diese in sich zu fühlen, sich ihrer bewußt zu sein, kann an und für sich selbst nicht nur nicht unerlaubt sein, sondern die Anregung dieses Selbstgefühls wird sogar zuweilen zur Pflicht, besonders für solche Menschen, die, weil sie sklavisch erzogen wurden und lange in einem Zustande der Unterdrückung lebten, gar zu geneigt sind, sich und ihren eigenen Werth zu verkennen, an sich zu verzweifeln, sich von Uebermüthigen wie ein Wurm zertreten zu lassen, und Muth, Kraft und Freudigkeit zu jeder Aeußerung von Selbständigkeit und mit ihr zu jeder großen und gemeinnützigen Wirksamkeit zu verlieren. Dieses Gefühl also, und ein ihm gemäßes Betragen, wobei man eine gewisse gemäßigte Zuversicht[172] zu sich selbst äußert und auf einen gewissen Grad von verdienter Achtung Anspruch macht, kann, so lange es innerhalb der gehörigen Gränzen bleibt, mit der Bescheidenheit gar wohl bestehn. Aber gerade diese Gränzen sind, wie alle andere Endpunkte, worin Tugenden und Untugenden sich berühren, durch so feine Linien bestimmt, daß sie, um überall bemerkt zu werden, ein sehr geübtes und scharfes sittliches Auge erfodern. Ich will versuchen, ob ich sie dir im Allgemeinen angeben kann.

Das Gefühl unsers Werthes artet in Unbescheidenheit aus:


1. Wenn es der Wahrheit nicht vollkommen angemessen ist: wenn wir mehr von uns halten, als wir wirklich sind; d.i., wenn wir von dem Maße des Guten, welches wir an und in uns wahrzunehmen glauben, nicht einen guten Theil auf die Täuschungen der Selbstliebe rechnen, die unsere Vorzüge uns immer größer, unsere Mängel uns immer kleiner vorspiegelt, als sie wirklich sind;


2. Wenn wir jenes Gefühl unsers Werthes da äußern, wo keine Noth uns dazu zwingt, d.i., wo niemand ihn verkennt, oder wo, wenn er auch ein wenig verkannt würde, es weder unserer Person, noch unserer Wirksamkeit schaden kann;
[173]

3. Wenn wir dem Werthe und den Vorzügen aller anderen Menschen dabei nicht vollkommene Gerechtigkeit widerfahren lassen; und dem zufolge auf mehr Achtung und auf mehr Vortheile in der Gesellschaft Ansprüche machen, als unsere persönlichen Eigenschaften und Verdienste, gegen die Vorzüge und Verdienste anderer Menschen unparteiisch abgewogen, mit Recht fodern können.


In allen diesen Fällen artet das an sich rechtmäßige Gefühl unsers Werthes in Unbescheidenheit aus; und das Gegentheil davon bestimmt den Begriff der Bescheidenheit, die um so viel größer und liebenswürdiger wird, je sorgfältiger man in seinem Selbstgefühl und dessen Aeußerung jenes dreifache Uebermaß zu vermeiden sucht.

Nun betrachte, mein Kind, aber, wenn du kannst, mit unparteiischem Auge, die ganze Lage deines Geschlechts nach unserer dermahligen Weltverfassung; besonders euer Verhältniß zu dem männlichen, euren eingeschränkten Wirkungskreis, eure dürftige Ausbildung, eure Schwäche, eure gänzliche Abhängigkeit von uns, euren Mangel an Selbständigkeit: und es wird dir, hoffe ich, stark und unwidersprechlich einleuchten: daß das Weib die Tugend der Bescheidenheit billiger und vernünftiger Weise noch viel weiter treiben sollte, als der Mann; ungeachtet in den feinern und höhern Ständen gerade das[174] Gegentheil davon bemerkt wird. Laß uns den Gegenstand dieser Bemerkung ein wenig näher vor das Auge rücken.

Gott und die menschliche Gesellschaft haben gewollt, daß das Weib, in jedem Sinne des Worts, schwächer sein sollte, als der Mann, und daß der Schwächere von dem stärkern abhängig wäre: und was geschieht? Unsere Damen – versteht sich hier, wie in dieser ganzen Abhandlung, die vom gewöhnlichen Schlage, und die Ausnahmen abgerechnet – haben die erste Hälfte dieses Naturgesetzes nur zu gut erfüllt, weil es ihrer Bequemlichkeitsliebe behagte; sie haben sich selbst zu einer Schwäche verdammt, die viel größer ist, als die, welche ihre Bestimmung mit sich brachte; aber die natürliche Folge davon, das bescheidene Gefühl dieser Schwäche, und die damit verbundene Anerkennung ihrer Abhängigkeit, als die zweite Hälfte jenes Naturgesetzes, haben sie nicht gewollt. Gleich den Schachs und Sultanen des Morgenlandes, die um so viel gebietrischer herrschen, je schwächer, unfähiger und unthätiger sie sind, verlangen sie eine Art von abgöttischer Verehrung, die mit dem ärmlichen Maße ihrer Kraft und ihrer Verdienste den sonderbarsten und lächerlichsten Abstich macht. Wir Andern sind die Veziere dieser weiblichen Schachs geworden. Man läßt uns, weil man es nicht hindern kann, und wenn mans könnte, aus[175] Bequemlichkeit nicht hindern mag, Kraft und Wirksamkeit, Macht und Gewalt, so viel wir wollen: aber man verlangt, daß wir, wenigstens dem Scheine nach, ihre demüthigen Sklaven sein, ihnen als solche die Steuer großer Worte und tiefer Bücklinge ohne Bedeutung entrichten, sie mit Feenmährchen unterhalten und ihnen weiß machen sollen, daß sie bei aller Unthätigkeit und Schwäche, wozu sie sich herabgestimmt haben, die ersten Triebfedern in dem großen Räderwerke der Schöpfung sind, und daß ohne sie die Sonne selbst bald Feierabend machen würde. Das klingt, als wenn ich scherzen wollte; aber dieser Scherz, wenn es einer ist, hat seine sehr ernsthafte Seite; und ich bitte dich und Alle, welche ungeblendete Augen zum Sehen haben, ein wenig umher zu bücken, und dann zu sagen: ob es nicht wirklich sich so verhalte. Kann ich dafür, wenn das, was in sich lächerlich ist, auch in der Darstellung lachen macht?

Ferner: – Gott und die menschliche Gesellschaft haben gewollt, daß das Weib einen, auf das Hauswesen beschränken Wirkungskreis haben, diesen, und nur diesen allein ausfüllen, aber ihn auch ganz und auf die würdigste Weise ausfüllen sollte; daß sie, um alle öffentliche Angelegenheiten, als welche außerhalb ihres Gesichtskreises und ihrer Bestimmung sind, sich nicht bekümmern, in das Thun und Wirken der Männer sich niemahls mischen sollte: und was geschieht?[176] Unsere Damen – versteht sich abermahls, nicht die und die, welche eine ehrenwerthe Ausnahme von der Regel macht, sondern die Dutzend-damen, wie ich sie in Vergleichung mit den Dutzend-uhren nennen möchte – unfähig, einem einzigen ihrer häuslichen Verhältnisse, einem einzigen Theile ihrer wahren weiblichen Bestimmung vollkommen nachzuleben, lassen sich, ich weiß nicht, von welchem bösen Geiste, über sich selbst und ihre Bestimmung verblendet, alle Augenblicke beikommen, mit ihren schönen, aber schwachen und unfähigen Händen in das Maschinenwerk der männlichen Angelegenheiten einzugreifen, hier ein Rad in Bewegung setzen, dort ein anderes anhalten zu wollen; Dinge, wofür die Natur ihnen den eindringenden und umfassenden Sinn versagte, nach dem verjüngten Maßstabe ihres Kleinigkeitsverstandes messen, beurtheilen und richten, über Aemter, Ehren und Würden schalten, Rechtshändel entscheiden, und von ihrem Ruhebette herab Krieg und Frieden beschließen zu wollen, indeß sie oft nicht so viel Verstand, Kraft und Ansehen besitzen, als dazu erfodert wird, um den kleinen Kriegen ihres Gesindes in der Küche zu steuern.

Gott und die menschliche Gesellschaft haben gewollt, daß der Mann des Weibes Beschützer sein sollte, daß also das Weib sich dem Manne anschmiegen, durch Gefühl, Aeußerung und Geständniß seiner[177] Schwäche, durch eine willige Anerkennung des männlichen Uebergewichts in jedem Betracht, durch ein sanftes, bescheidenes, anspruchloses Wesen sich anziehend und liebenswürdig machen sollte: und was geschieht? Unsere Damen – ich bin es müde, immer zu wiederholen, welche – thun gewöhnlich von dem Allem gerade das Gegentheil. Sie wollen, dem Ansehen nach, nicht beschützt sein, ungeachtet sie unserer Beschirmung alle Augenblicke bedürfen, sondern sie wollen selbst beschützen – und wen? Ihre Beschirmer! Sie wollen schwach sein, aber ihre Schwäche nicht eingestehn, nicht zugeben, daß die Stärkern sie bemerken; sie wollen sich uns nicht anschmiegen, sondern wir, denen die Natur so viel mehr Steifigkeit und Festigkeit, ohne Hülse der Schnürbrust, gab, sollen uns ihnen anschmiegen; sie wollen den Ton, nicht bloß in der Gesellschaft – das möchte hingehn – sondern auch in den Künsten und Wissenschaften, sondern auch in den Geschäften angeben, denen sie doch nun einmahl nicht gewachsen sind. Sie erwarten und fodern überall der Männer Huldigung, und die Männer – haben sie überall zum Besten. Das ist die Dame von gewöhnlichem Schnitt, die Dutzenddame! Diejenige, die da fühlt, daß sie dazu gehört, werfe, wenn sie will, den ersten Stein auf mich, und züchtige mich für die Wahrheit meiner Schilderung, wie sie glaubt, daß sie müsse![178]

Du, mein Kind, fühle das Mißhellige, Ungereimte und Lächerliche einer so unnatürlichen weiblichen Sinnesart ganz, um diesen Uebelstand für dich selbst, in deinen Gesinnungen und in deinem Betragen auf das sorgfältigste zu vermeiden. Stimme die unermeßlichen Ansprüche, welche eine verkehrte Erziehung und die scheinbare Verehrung des männlichen Geschlechts gegen das deinige vielen deiner einfältigen Mitschwestern eingeflößt hat, für dich selbst zu den bescheidenen Wünschen und Erwartungen herab, welche dem Schwächern gegen den Stärkern geziemen, und welche in einem richtigen Verhältnisse zu deinen weiblichen Eigenschaften, Vorzügen und Verdiensten stehn. Thue in diesem Bestreben nach einem bescheidenen und demuthsvollen Sinne – der Krone des weiblichen Karakters – der Sache lieber ein wenig zu viel, als zu wenig; fest überzeugt, daß du an wahrer Achtung bei allen Verständigen, wie an Ruhe und Glückseligkeit im ehelichen Leben, dabei allemahl gewinnen, nie verlieren werdest.

Nur daß du die elende Larve der Bescheidenheit, die man freilich noch hin und wieder unter unsern Damen findet, nicht für Bescheidenheit selbst haltest! Nicht das erkünstelte Niederschlagen und Niedersenken der Augen und des Kopfes, welches gemeiniglich weiter nichts als eine Einladung für die Blicke der Umstehenden ist, sich auf die Reize oder den Putz der Dame[179] um so viel freier und ungestörter zu heften; nicht das taubenmäßige Drehen und Verkürzen des Halses, welches in der Regel weiter keine andere Absicht hat, als eine schöne Wellenlinie hervorzubringen und den Busen etwas stärker hervorzudrängen; nicht die anscheinende Nachlässigkeit im Putze, welche oft viel gesuchter und absichtsvoller, als der regelmäßigste Anzug ist; nicht das sanfte Lispeln oder Girren einer schmelzenden Stimme, welche in der Gesellschaft wie ein leiser Zephir säuselt und flüstert, und außer der Gesellschaft gegen Mann und Gesinde oft wie ein Orkan heult; nicht das scheindemüthige Ablehnen gewisser Kenntnisse und Verdienste durch ein: ich kann nicht darüber urtheilen, aber – oder durch ein: wie käme unser eine dazu, das zu wissen, das zu verstehen, das zu besitzen u.s.w., welches gewöhnlich nichts anders sagen will, als: ich kann allerdings hierüber besser urtheilen, als Andere; ich weiß und verstehe dieses allerdings besser, habe hievon allerdings mehr aufzuweisen, als Andere; nicht diese vielfache Larve der Bescheidenheit, sage ich, durch welche der Menschenkenner so leicht hindurchschaut, sondern die Gesinnung, die man dadurch lügt, weil man weiß, daß sie allgemein gefällt, die, die ist es, die ich dir wünsche, und die ich dir nicht genug empfehlen kann, meine Tochter! Wo diese im Herzen ist, da äußert sie sich auch ganz von selbst, ohne alle Künstelei, nicht durch das eben beschriebene Geziere, sondern durch[180] wahre Sanftmuth und durch ein offenes, gerades, schlichtes und sich immer gleichbleibendes Betragen. Wohl dem Weibe, welches diese schöne Tugend, die Mutter und Begleiterinn vieler andern, in vollem Maße besitzt; und wohl dem Manne, der dieser liebenswürdigen Besitzerinn glücklicher Gatte ist! Beide werden sich dadurch immer inniger an einander gekettet und immer mehr beseliget fühlen. –


Ein solches Weib ist denn auch sicher frei von dem so gewöhnlichen, fast möchte ich sagen allgemeinen weiblichen Fehler der – Eitelkeit, d.i. der Begierde durch Kleinigkeiten, oft sogar durch Nichtswürdigkeiten und durch solche Dinge zu glänzen, welche nicht gelobt, sondern getadelt zu werden verdienen. Ehrgeiz und Eitelkeit verhalten sich wie Mann und Weib; jener ist der Plagegeist des männlichen, diese des weiblichen Geschlechts; beide richten in den Herzen, die davon besessen werden, scheußliche Verwüstungen an. Es ist keine Unthat, wozu der eine nicht den Mann, die andere nicht das Weib verführen kann; keine Tugend, welche der eine nicht im männlichen, die andere nicht im weiblichen Herzen zu ersticken vermag. Ich habe Weiber gekannt, welche, nicht zum Schein, wie die meisten, sondern von ganzem Herzen an ihren Männern hingen: aber solche, die da fähig gewesen[181] wären, selbst dem wirklich geliebten Manne mit den Anfoderungen ihrer Eitelkeit ein ungezwungenes, freiwilliges und freudiges Opfer zu bringen, sind mir selten vorgekommen. Ich habe sanfte und biegsame weibliche Taubenseelen gekannt, welche mit der Selbstverleugnung eines Engels alles über sich ergehen ließen, und immer gelassen, immer nachgiebig, immer freundlich blieben; aber kaum wurde ihre liebe Busenfreundinn, die Eitelkeit, auch nur auf die leiseste Weise berührt und durch diese Berührung in ihrem behaglichen Wesen, in ihren Wünschen und Planen gestört: weg waren Sanftmuth, Selbstverläugnung und Freundlichkeit; das Täubchen ward zum Geier, mit Augen, welche Funken sprüheten und mit Krallen, die Verderben droheten. Und siehe, mein Kind, das ist es, was diesen weiblichen Fehler, der beim ersten Anblicke so geringfügig zu sein scheint, zu einer so verderblichen Sache sowol in Hinsicht auf das Weib selbst, als auch für den Mann, und für die menschliche Gesellschaft macht! Man könnte es dem Kleinigkeitsverstande eitler Weiber ja wol gönnen, gewissen erbärmlichen Nichtswürdigkeiten eben den Werth beizulegen, den der Mann – ich meine den wirklichen – auf wirklich große und ruhmwürdige Dinge setzt; man könnte sich begnügen, nur darüber zu lächeln, wenn man sieht, wie sie Ehre und Bewunderung durch Armseligkeiten erzwingen wollen, die entweder ganz zufällig sind, und also schlechterdings nichts Verdienstliches haben[182] können – wie z.B. eine Haut von gewisser Glätte und Farbe, ein gewisser Wuchs, eine gewisse Farbe des Haars, der Augen u.s.w. – oder welche ganz und gar keinen Werth haben, wie z.B. die ängstliche Beobachtung des jedesmahligen neuesten Geschmacks in Kleidern, Hausrath und Verzierungen: aber unglücklicher Weise bleibt der Eitelkeitsgeist in den Seelen derer, die davon besessen sind, bei dem bloßen Wohlgefallen an solchen großen Kleinigkeiten und bei dem bloßen Wunsche, sie zu besitzen, niemahls stehen; er dehnt sich vielmehr über den ganzen Umfang der Empfindungen, der Neigungen, der Gewohnheiten und der Handlungen des Weibes aus. Ihre Begierden, ihr Dichten und Trachten, ihre ganze Vorstellungskraft sind am Ende auf nichts anders, als auf die Befriedigung dieser kleinlichen, aber nichts desto weniger heftigen Leidenschaft gerichtet; sie verliert darüber alles andere aus den Augen; alles andere, sogar ihre wesentliche Bestimmung, sogar ihre heiligsten Pflichten, als Gattinn und Mutter, werden diesem kleinen winzigen Abgott ihrer Seele ohne Bedenken aufgeopfert, sobald er für etwas geringeres nicht befriediget werden kann. Hat die eine Närrinn eine Puppe, nach der neuesten Mode gekleidet, aus Paris erhalten, und stolzet nun in der nächsten Prachtversammlung mit einem Anzuge einher, der noch nicht seines Gleichen gehabt hat: gleich muß für die andere Närrinn, wenn sie nicht im höchsten Grade[183] unglücklich sein soll, der nämliche beneidete Anzug zur nächsten Versammlung gleichfalls angeschafft werden; er komme, woher er wolle, von dem Schweiße unbezahlter Handwerksleute, oder aus der ihrem Gatten anvertrauten Kasse, wofür er mit seiner Ehre und mit seiner Freiheit haften muß. Hat der Mann seine Einkünfte und seine nothwendigen Ausgaben genau berechnet; hat er darnach einen vernünftigen Zuschnitt für den gesammten Aufwand des Hauses gemacht, und die Summe festgesetzt, worüber seine Gattinn für die Haushaltung und für ihre eigenen persönlichen Bedürfnisse schalten soll: so mag er sich wohl in Acht nehmen, mit Gewißheit darauf zu rechnen, daß dieser Verabredung werde gemäß gehandelt werden. Die Pandora der Zeitschriften, das niedliche Modenjournal öffnet, ehe man es sich versieht, ein neues feuerfarbenes Büchschen; die Teufelchen neuer Erfindungen der Ueppigkeit flattern heraus, umsumsen die Dame, ihr eigenes Eitelkeitsteufelchen, das vielleicht eben schlummerte, erwacht von dem Gesumse, vereiniget sich mit jenen, die Dame wird bestürmt: und weg ist aus ihrem Gedächtnisse die bestimmteste Verabredung! weg aus ihrem Herzen der festeste Vorsatz, jener Verabredung gemäß zu handeln! und noch eher als die niedliche Pandora in ihrem monatlichen Kreislaufe wiederkehren kann, haben die unvorhergesehenen Putz- Schneider- und Künstlerrechnungen den für fest gehaltenen Haushaltsplan schon so wankend gemacht, daß er auf den Kopf des armen Gatten[184] zusammenstürzen und ein neuer angelegt werden muß. Hat der verständige Vater die Erziehung seiner Töchter angeordnet; und ist es ihm gelungen, ihre Mutter im Allgemeinen zu überzeugen, daß es gut und nothwendig sei, diesen Pfändern ihrer Liebe eine natürliche, einfache, auf Häuslichkeit, Ordnung, Arbeitsamkeit, Bescheidenheit und wahre Weiblichkeit – wer kennt sie noch? – abzweckende Erziehung zu geben, und also auch in ihren Speisen und Getränken, in ihrer Kleidung, in ihren Beschäftigungen und Uebungen, in ihren Vergnügungen und in ihrer ganzen Lebensart, alles, was jenem weisen und würdigen Zwecke zuwider ist, auf das sorgfältigste zu vermeiden: er hüte sich, sein Haupt auf das Vertrauen zu dem sonstigen Verstande und dem guten Willen seiner Gattinn gar zu sicher niederzulegen; denn ehe er es sich versieht, hat die mütterliche Eitelkeit ihr Herz beschlichen; und durchlöchert, zerlappt und zerrissen ist sein ganzer schöner Erziehungsplan! »Man kann die lieben Töchter doch nicht wie die Bauermädchen aufwachsen lassen! Man muß sie doch produciren, und um sie produciren zu können, müssen sie doch gekleidet sein, wie Andere ihres Standes gekleidet sind! Es muß doch etwas zu ihrer Bildung geschehen u.s.w.« Umsonst wird der Mann erwiedern: daß er keine taube Nuß darum gebe, seine Töchter producirbar und producirt zu sehn; daß seine Töchter nicht, wie Viele, dazu bestimmt sind, Närrinnen zu werden, und daß sie also[185] auch gar nicht nöthig haben, wie die Vielen, ausgeputzt und aufgesteift zu sein; daß man an Geist, Herzen und Körper recht sehr gebildet und über die Maßen liebenswürdig sein könne, ohne irgend etwas von dem glänzenden Modefirniß an sich zu haben: die kluge Frau wird das alles entweder höchst sonderbar und übertrieben finden, oder sie wird seinen Grundsätzen völlig beipflichten, aber auch, dem Augenscheine zuwider, keck und standhaft behaupten, daß ihr Verfahren vollkommen damit übereinstimme. Der Beweis wird ein unaufhaltbarer Strom von Worten sein, dem der Mann, besonders wenn er schwache Lungen hat, sich an Ende doch wol fügen muß.

Das, das, mein Kind, macht die Eitelkeit der Weiber zu einem so verderblichen Laster, zu einem so großen, so schwer zu besiegenden Hindernisse des häuslichen und ehelichen Familienglücks! Das ist es, was den wohlwollenden Menschenfreund dagegen empört, was bei Dingen, deren jedes an sich so unbedeutend und unschuldig zu sein scheint, ihn oft so bitter macht! Wohl dir, und deinem künftigen Gatten, daß dein Loos auch in dieser Betrachtung besser, als das Loos vieler tausend deiner Gespielinnen war, indem du auch über diesen Auswuchs der weiblichen Menschheit früh belehrt wurdest; und daß also, wenn du diese Belehrungen immer in einem feinen und guten Herzen bewahren und sie beständig vor Augen behalten wirst, dein Kopf nie in[186] eben dem Maße verdreht werden kann, als du das Köpfchen vieler deiner Schwestern verdreht und verschroben finden wirst! Erkenne diesen Vortheil; benutze und vermehre ihn durch eine beständige Aufmerksamkeit auf dein Herz und durch ein unausgesetztes Bestreben nach edler Einfalt, nach einem geraden, bescheidenen und anspruchlosen Sinne; und sei versichert, daß wahre Achtung in den Augen aller verständigen Menschen, und wahre Glückseligkeit für dich und die Deinigen, der unausbleibliche Lohn auch für diese Bestrebung sein werden.


Dann, aber nur dann erst, wird es dir auch leicht werden, dir die fünfte der oben angegebenen weiblichen Haupttugenden zu eigen zu machen. Diese ist:

Freundlichkeit und immer gleiche unerschöpfliche Herzensgüte: ein neuer wesentlicher Hauptzug in dem Karakter des Weibes, welches seine Bestimmung erfüllen und sowol sich selbst, als auch diejenigen beglücken will, welche ihrem Herzen über alles lieb und theuer sein sollen. Aber diese über alles wichtige und nothwendige weibliche Gemüthseigenschaft begreife mehre weibliche Tugenden unter sich, die wir, ihrer ausnehmenden Wichtigkeit wegen, stückweise auseinander legen müssen.[187]

Es gehört zuvörderst dahin: ein leichter zur Heiterkeit und Freude gestimmter Sinn, welcher die glückliche Folge einer anspruchleeren leicht zu befriedigenden, von allen Launen, Einbildungen und Eigenheiten weit entfernten Gemüthsart ist – ein eben so seltener, als köstlicher weiblicher Karakterzug, wovon ich zu deiner und deines künftigen Gatten Glückseligkeit recht herzlich wünschen muß, daß er unaustilgbarer Grundzug in dem deinigen sein und bleiben möge. Höre mir aufmerksam zu, mein Kind, ich will dir sagen, was ich mir bei diesen Worten denke.

Ich denke mir dabei jene glückliche Gemüthsstimmung, da man sich gewöhnt hat, mehr für die Eindrücke des Guten, Schönen und Angenehmen, als für die des Bösen, Häßlichen und Unangenehmen empfänglich zu sein; bei jeder vorkommenden Sache eher und lebhafter die bessere als die schlechtere Seite wahrzunehmen; lieber den Empfindungen des Wohlwollens, der Nachsicht und Güte, als den des Mißfallens, der Unzufriedenheit und des Unwillens nachzuhängen; – jene glückliche Gemüthsstimmung, da man immer geneigt zum seligen Frieden, immer bereit zum Entschuldigen, zum Vergeben und zum Vergessen ist, und nie zu ahnden verlangt, was Andere, sei's aus Schwäche und Irrthum des Verstandes, oder aus bösem Willen, uns in den Weg gelegt haben; jene glückliche Gemüthsstimmung, da man, frei von Eitelkeit und Selbstsucht,[188] mehr die Vorzüge und guten Eigenschaften an Andern, als an sich selbst, bemerkt, schätzt und ins Licht zu stellen sucht; wenig von Andern erwartet, aber ihnen viel schuldig zu sein glaubt, und eben so entfernt von blindem Vertrauen auf ungeprüfte Redlichkeit, als von übertriebenem Mißtrauen gegen dieselben ist; die Menschen nimmt, wie sie sind, nicht für lichtreine Engel, aber auch nicht für höllische Geister von ungeheurer Bosheit, die an dem Bösen, und an den Qualen ihrer Mitgeschöpfe aus teuflischer Begierde zu quälen, Vergnügen finden, sondern im Durchschnitt für ein von Natur gut-artiges, nur gemeiniglich durch eine fehlerhafte Ausbildung an Kopf und Herzen verwahrlosetes, verschrobenes und verhunztes, und durch unsere bürgerlichen Verfassungen zur Eigennützigkeit, zur Selbstsucht, zum Widerstande und zum Stemmen gegen die Absichten und Wünsche anderer Menschen gewissermaßen gezwungenes Geschlecht; – jene dreimahl glückliche und selige Gemüthsart endlich, da man sich immer gleich, immer heiter und gutlaunig ist, unter allen Verhältnissen und Umständen immer die nämliche Person bleibt, überall die nämliche Gutmüthigkeit, die nämliche Freundlichkeit äußert, überall Freude zu finden und Freude zu geben versteht, nie von bösartigen Launen und Eigenwillen abhängt. Nicht wahr, mein Kind, das sind Züge eines weiblichen Karakters, dem niemand seine Hochachtung und sein Wohlwollen versagen kann? Möge man einst, wenn[189] man den deinigen damit vergleichen wird, finden, daß ich in profetischem Geist in die Zukunft geblickt und dich selber hier geschildert habe!

Daß du übrigens diesen leichten Sinn, nach der darüber jetzt erhaltenen Erklärung, nicht mit dem Leichtsinne, d.i. mit einem tadelnswürdigen Mangel an Nachdenken, Ueberlegung und Aufmerksamkeit auf unsere Pflichten verwechseln werdest, das, glaube ich, darf ich deinem Verstande, ohne alle Erinnerung, zutrauen. Daß aber jene glückliche Gemüthsart eines der vorzüglichsten Mittel sei, die Unannehmlichkeiten der ganzen weiblichen Lage zu vermindern und zu versüßen, das wird dir gleichfalls, bei einigem Nachdenken, wol von selbst stark genug in die Augen fallen. Durch sie ermuntert und belebt das glückliche und beglückende Weib ihr ganzes Haus, von dem ernsten Haupte desselben an, bis zum geringsten Bedienten hinab; durch sie erquickt und stärkt sie den von Geschäften und Sorgen ermüdeten Gatten, verscheucht den Unmuth, der seine Seele umwölkte, und lächelt ihm, mit unwiderstehlicher Allgewalt, die mürrischen Runzeln vom Gesichte; durch sie beugt die kluge Beherrscherinn des männlichen Herzens allen Zänkereien vor, indem sie nie Empfindlichkeit mit Empfindlichkeit erwiedert, nie hartnäckig oder bitter widerspricht, nie dem Manne das Recht der Herrschaft streitig macht, sondern immer sanft, gutlaunig,[190] freundlich und nachgebend bleibt, auch da, wo ihr wirklich zu viel geschieht; durch sie macht sie das Haus ihres Gatten zur Wohnung des Friedens, der Freude und der Glückseligkeit, so wie sie es durch ihre hausmütterliche Aufmerksamkeit auf alles, und durch ihre rastlose Thätigkeit zum Muster der Ordnung, der Reinlichkeit und des Fleißes zu machen wußte. Glücklicher Mann, dem eine solche Gefährtinn des Lebens beschieden ward!

Die übrigen Bestandtheile der weiblichen Herzensgüte sind Geduld, Sanftmuth, Biegsamkeit und Selbstverleugnung; vier gleich liebenswürdige und, wenn sie aus Ueberlegung, nicht aus Schwäche entspringen, gleich erhabene Tugenden, wovon die eine die andere in sich faßt, wovon die eine ohne die andere nicht gedacht werden kann, die ich also auch hier nothwendig zusammenfassen mußte. Geduld erträgt, was nicht zu ändern ist; Sanftmuth entwaffnet den männlichen Starrsinn durch milde Freundlichkeit; Biegsamkeit weicht ihm aus durch vernünftiges Nachgeben; und Gewöhnung an Selbstverläugnung gibt zu dem allen die erfoderliche Seelenkraft. Ohne diese Haupttugenden des Weibes, denen auch unsere Sprache überaus schicklich das weibliche Geschlecht beigelegt hat, kann ich mir eine glückliche und zufriedene Ehe nur in dem einzigen Falle denken, wenn durch einen Mißgriff der Natur, oder vielmehr durch eine verkehrte Erziehung,[191] das Weib den Kopf und das Herz des Mannes, der Mann die Eigenheiten des Weibes bekommen hat. In jedem andern Falle muß, wo diese Tugenden fehlen, ehelicher Unfriede und mit ihm herznagender Kummer und häusliches Elend, unvermeidlich sein.

Denn wähne nicht, mein Kind, daß in dem ungleichen Kampfe zwischen Männer- und Weiberkräften, Kopf gegen Kopf, Starrsinn gegen Starrsinn gesetzt, ein für die schwächere Hälfte vortheilhafter Friede sich ertrotzen lasse! So weit ich selbst mein eigenes Geschlecht, sogar die bessern Mitglieder desselben kenne, muß ich dich, allen meinen Erfahrungen zufolge, ganz des Gegentheils versichern. Die Eiche kann im Sturme brechen; aber beugen läßt sie sich von ihm nicht. So auch der Mann, der seiner Kraft sich bewußt ist, nicht vom Weibe, sie tobe und wüthe so sehr sie will und kann! Jede Widersetzlichkeit spannt seinen Unmuth stärker; jeder Versuch, ihn durch Trotz zu entmannen, wirft einen neuen ehernen Harnisch um sein Herz; jede weibliche Bitterkeit in Mienen oder Worten pumpt neue Galle in seine Adern. Und wehe dem unglücklichen Paare, zwischen dem es bis dahin erst gekommen ist!

Ja wehe, wehe dem unglücklichen Gatten und der noch dreimahl unglücklicheren Gattinn, zwischen denen es überhaupt erst dahin gekommen ist, daß unter ihnen[192] gestritten wird, wer von beiden dem Andern nachgeben, wer von beiden seinen Willen in Kollisionsfällen dem Willen des Andern unterwerfen soll! Es ist dahin mit ihrer ehelichen Liebe! Hin ach! sogar mit ihrer Freundschaft, mit ihrem Wohlwollen, mit ihrer gegenseitigen Zutraulichkeit! Hin mit ihrem Hausfrieden, mit der glücklichen Erziehung ihrer Kinder, mit dem Wohlstande ihres Hauses, mit dem guten Fortgange ihrer Geschäfte, mit der Treue und Ergebenheit ihrer Bedienten – hin mit ihrer ganzen irdischen Glückseligkeit! Sie leben forthin nicht mehr, um ihres Lebens froh zu werden, sondern sie leben – um sich einander das Leben zu verbittern! Ihr Haus, anfangs vielleicht ein Himmelreich, ist ihnen von nun an zur Hölle geworden, worin der Eine des Andern Peiniger bei eigenen Qualen wird. Noch einmahl, wehe, wehe dem unglücklichen beklagenswürdigen Menschenpaare, mit dem es bis dahin erst gekommen ist!

Ich hoffe, mein Kind, dich durch die bloße Darlegung dieser hohen weiblichen Tugenden, und der unglücklichen Folgen, welche aus ihrer Abwesenheit entspringen, von der Unentbehrlichkeit derselben überzeugt zu haben. Aber eine Frage, die ich hiebei auf deinem Gesichte zu lesen glaube, verdient noch eine ausführliche Beantwortung. Sie ist diese: warum ich die Tugenden der Gutlaunigkeit, der Freundlichkeit,[193] der Geduld, der Sanftmuth, der Biegsamkeit und der Selbstverleugnung dir bloß als weibliche Karakterzüge geschildert habe; und ob sie nicht vielmehr mit gleichem Rechte von beiden Geschlechtern, von dem männlichen so gut, als von dem weiblichen, gefodert werden können? Meine Antwort hierauf ist folgende:

Allerdings soll auch der Mann diese schönen, zu seiner Glückseligkeit nicht weniger unentbehrlichen Tugenden, so sehr es ihm nur immer möglich ist, zu erwerben suchen; aber wenn es überhaupt – wie nicht zu läugnen steht – Gemüthseigenschaften und Tugenden gibt, die, bei aller ihrer Unentbehrlichkeit für beide Geschlechter, doch vergleichungsweise dem weiblichen noch viel weniger, als dem männlichen, erlassen werden können: so verdienen die genannten ohne allen Zweifel darunter den ersten Platz, und zwar aus folgenden Gründen:

Erstlich weil die Natur die Erwerbung derselben dem Weibe verhältnißmäßig leichter machte, indem sie ihr zartere Nerven, also auch minder starke und tiefe Empfindungen, leichteres Blut, also auch weniger Hang zu ernsten und trübsinnigen Gedanken, und durch beides jenen glücklichen Leichtsinn gab, der ihr den Uebergang von unangenehmen zu angenehmen Vorstellungen so leicht, und alles, was in Männerseelen, wo nicht immer und ewig, doch Jahre lang[194] zu haften pflegt, sie im Hui! wieder vergessen macht. Hier herrscht, in der Regel wenigstens, ein gar großer Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Gemüthsarten, der, wie gesagt, eine Folge größerer Straffheit der Nerven und Fibern und der daraus entstehenden stärkern und dauerhafteren Gefühle auf Seiten des Mannes ist. Bei ihm geht der Uebergang von einer Empfindungsart zur andern schwer und langsam von Statten, und es wird bei ihm – die leichten Halbmänner ausgenommen – gemeiniglich erst eine lange Stufenfolge von abfallenden Zwischenempfindungen erfodert, wenn eine von zwei entgegengesetzten Empfindungen oder Leidenschaften die andere verdrängen und ganz an ihre Stelle treten soll. Er kann daher, wenn er sonst zur Großmuth fähig ist, seinen Beleidigern zwar wol vergeben; aber das Vergessen, das gänzliche Austilgen starker Eindrücke steht nicht bei ihm.

Zweitens, weil der Mann bei seinem größern und ernsteren Wirkungskreise, durch die größere Wichtigkeit und Mühseligkeit seiner Geschäfte, durch die unvermeidlichen, oft sehr bedenklichen und mißlichen Zusammenstöße, die sich alle Augenblicke zwischen ihm und andern Männern ereignen, durch den Verdruß und Kummer, welche eine große und verwickelte Geschäftigkeit für Jedermann ganz unausbleiblich mit sich führt, und vornehmlich auch durch die Sorge für das Ganze seines[195] Hauswesens und für die Erwerbung dessen, was seine Familie bedarf, billiger Weise weit eher, als das Weib bei ihrem beschränkteren Wirkungskreise und bei ihren leichteren Sorgen, zu entschuldigen steht, wenn er nicht immer lächeln kann, und wenn seine Stirn sich unwillkürlich und öfter, als sie sollte und als er selbst es wünschte, in ernste oder unwillige Falten legt.

Endlich drittens, weil diese liebenswürdige Tugend, zwar eine große Zierde für beide Geschlechter, aber doch dem Weibe zu dem ganzen Zwecke ihres Daseins, zu ihrer eigenen Glückseligkeit und zu dem Wohlsein ihrer Familie noch viel, viel unentbehrlicher, als dem Manne, ist. Sie ist ja bestimmt, in einem Zustande der Abhängigkeit zu leben: wie könnte sie diesen besser erleichtern, als durch Freundlichkeit? Sie ist ja dazu gemacht, dem Manne auf der sauren Lebensreise, wo er immer vorangehn muß, um den Weg zu ebnen, den Schweiß von der Wange zu wischen und ihm Heiterkeit, Trost, Freude und Muth ins Herz zu lächeln: wie könnte sie dis, wenn sie selbst sauertöpfisch, kricklich, zänkisch und beißig sein wollte? Sie ist ja dazu da, das Haus ihres Mannes zu einer Wohnung des Friedens, der Ruhe und der Freude zu machen, wo er alles, ihm von außen kommen den Kummers vergessen und in dem Schoße einer heitern und glücklichen Familie von seinen schweren und sorgenvollen Arbeiten ausruhen und zu neuen[196] Arbeiten Kraft und Heiterkeit gewinnen soll: wie könnte sie das, ohne ein unerschöpfliches Maß von Freundlichkeit und Herzensgüte zu besitzen? Sie soll ja endlich auch ihren Töchtern und ihrem Gesinde Muster und Vorbild, wie in jeder andern Tugend, so auch vornehmlich in dieser sein: und wie könnte sie das, ohne in der täglichen Ausübung derselben selbst musterhaft zu sein?

So gewiß und unläugbar nun das Weib dazu verpflichtet ist, eben so unausbleiblich und groß ist denn auch die Strafe, welche der Uebertreterinn dieses Naturgesetzes allemahl auf dem Fuße nachfolgt. Sie verhäßlichet dadurch ihr Gesicht und ihr ganzes Wesen auf eine unausstehliche, für alle, welche seines sittliches Gefühl besitzen, höchst abschreckende Weise;2[197] sie verscherzt dadurch unwiederbringlich nicht bloß die Liebe, sondern auch die Freundschaft und Achtung ihres Gatten; sie verbittert ihm, und dadurch zuverlässig auch sich selbst und allen Gliedern der Familie, das Leben auf die unvernünftigste und grausamste Art; sie macht die Familienzusammenkünfte bei Tische und in Erholungsstunden zu den langweiligsten, gezwungensten und traurigsten Stunden des Tages, die Jeder, der daran Theil nehmen muß, so geschwind als möglich vorüber wünscht; sie flößt ihr eigenes empfindliches, krickliches und zänkisches Wesen den empfänglichen Seelen ihrer Töchter ein, und pflanzt dadurch ihr eigenes Unglück auch auf diese und deren künftige Familien, wer kann sagen, durch wie viele Geschlechter? fort; sie lähmt und zerknickt, zum unersetzlichen Verluste für die Welt, in dem Geiste ihres Mannes so manche edle und große Kraft, schwächt und stört dadurch so manche seiner gemeinnützigen Wirkungsarten, die, ohne sie, ein Segen für seine Familie und für die Menschheit geworden wären; sie benimmt ihm dadurch Lust und Trieb zu jeder großen und gemeinnützigen Unternehmung, wozu ein freier Kopf und ein heiteres unbeklemmtes Herz erfodert werden; sie verkümmert und verbittert ihm jeden Lebens- und Familiengenuß; zwingt ihn, sich in sich selbst zurück zu ziehn und zu verschließen; zwingt ihn, in seinem eigenen Hause, für seine eigene Familie, für sie selbst fremd zu werden;[198] zwingt ihn endlich, mißmüthig, trübsinnig und mürrisch zu werden, und dadurch sich und seine Familie, aber keinen mehr, als – sie selbst unglücklich zu machen.

Zittere vor diesen Folgen, mein Kind – denn sie sind in der That höchst traurig und gar nicht selten; aber laß es dabei auch nicht bewenden, sondern bereite dich vielmehr so zu deinem künftigen Leben vor, daß sie dich selbst niemahls treffen können. Und wodurch? Dadurch, daß du dich schon jetzt und immer unablässig übest, gegen Jedermann, gegen deine Gespielen, gegen das Gesinde, gegen Hund und Katze sogar, nicht anders als freundlich, sanft, gefällig und gutmüthig zu sein; dadurch, daß du alle Empfindlichkeit, selbst da, wo man dir wirklich Unrecht thut, mit tugendhafter Anstrengung in dir bekämpfest und ihr nie den geringsten Ausbruch durch Mienen, Worte oder Handlungen verstattest; dadurch, daß du einen der Hauptfehler der meisten Weiber – das rechthaberische Widersprechen – schon jetzt und künftig immer auf das sorgfältigste vermeidest, und dich nur darauf einschränkest, deine Meinung da, wo es schicklich ist, mit bescheidener Freundlichkeit zu äußern, ohne sie jemahls hartnäckig durchsetzen zu wollen; dadurch, daß du bei Allem, was du denkest, redest und thust, immer die eigentliche weibliche, von Gott und Menschen dir angewiesene Bestimmung vor Augen behaltest,[199] und sie durch Sanftmuth, Liebe, Freundlichkeit und Geduld zu erreichen dich bestrebest; dadurch endlich, und zwar ganz vornehmlich dadurch, daß du dem weiblichen Eitelkeitsteufel für immer dein Herz verschließest, und ihm nie nie den Zutritt zu demselben verstattest, er komme unter welcherlei Gestalt er wolle – als Verstandes- Geschicklichkeits- Schönheits- Standes- Artigkeits- oder gar Frömmigkeitsdünkel. Denn sicher, mein Kind, wo Eitelkeit ist, da ist auch Empfindlichkeit; und wo diese ein Bestandtheil der weiblichen Sinnesart ist, da ist auch mehr oder weniger, aber gewiß allemahl in einigem Grade das – was ich dir kurz zuvor der Wahrheit gemäß geschildert habe.

Schon jetzt, sagte ich, mußt du dich in dieser Gesinnung üben; denn nur jetzt, oder nimmer kannst du dir diese, wie jede andere weibliche Tugend, zu eigen machen. Jung gewohnt, alt gethan, ist ein Sprichwort, welches sich überall bestätiget. Wer in der Jugend knurrte, der wird ein Brumbart im Alter sein; wer aber von Kindheit an sich zur Freundlichkeit, zum gefälligen Wesen, zu einer fröhlichen, sich immer gleichen Gemüthsstimmung gewöhnte, dessen Seele wird auch im Alter noch einem schönen Herbst-abend gleichen, an welchem der Vollmond, von keinem Wolkenschleier verhüllt, vom blauen Himmelsgewölbe herab auf die stille Erde lächelt.[200]

»Aber wenn nun der Gatte seinem Weibe das Beispiel der Unfreundlichkeit gibt? Wenn er von hitziger, aufbrausender oder kricklicher Gemüthsart ist? Wie da?« – Auch da, wie sonst, muß die Frau, will sie anders das Uebel für sich und ihr Haus nicht zehnmahl ärger machen, das Gegentheil davon sein und zeigen. »Warum?« Weil, wie ich eben gesagt habe, sie das Uebel, und zwar für Keinen mehr, als für sich selbst, sonst ganz unfehlbar, nicht vermindern, sondern nur vergrößern würde; weil, in der Regel wenigstens, der Mann der nachgebende Theil weder sein kann, noch wird, noch soll; weil also jede Erwiederung von Unwillen durch Mienen, Worte oder Handlungen, den seinigen nur noch höher spannen, nur noch anhaltender, nur noch drückender machen wird. »Aber es ist hart, zu fühlen, daß man, als Mensch, gleiche Rechte mit dem Manne habe, und ihm gleichwol immer nachstehen, ihm immer weichen zu müssen!« Allerdings; besonders wenn der Mann in der Anwendung der ihm eingeräumten Macht die Gränzen der Billigkeit überschreitet. Aber schaue umher, mein liebes Kind, und siehe zu, ob diese Unbequemlichkeit nicht auch außer der Ehe, in jeder andern kleinern oder größern Gesellschaft, Statt habe, nothwendig Statt haben müsse? Keine gesellschaftliche Verbindung besteht, kann bestehen, ohne daß Jeder der Verbundenen von seinen natürlichen Rechten etwas[201] fahren läßt. Will man des überwiegenden Vortheils der Gesellschaft genießen, so muß man auch die damit verbundenen Nachtheile zu ertragen wissen. Will also auch das Weib sich des Schutzes, des Ansehns und der Bequemlichkeiten erfreuen, deren sie nur durch den ehelichen Verein mit einem Manne theilhaftig werden kann: so muß sie auch sich nicht weigern wollen, für diese nicht unbeträchtlichen Vortheile, einige ihrer natürlichen Rechte hinzugeben. Hat sie diese zu lieb; glaubt sie bei dem Tausche nicht zu gewinnen, sondern zu verlieren: wohlan, so bleibe sie, was sie war, ein Mensch für sich, eine Unverehlichte! Aber sie sehe zu, daß es sie nicht einst gereue, lieber ihrer eigenen Berechnung der Vortheile und Nachtheile, als der Rechnung der Natur getraut zu haben. Die Natur muß nämlich ganz offenbar in den Folgen der ehelichen Verbindung für beide Theile, auch für das Weib, trotz allen Aufopferungen, welche diese dabei machen muß, doch weit mehr Gutes als Schlimmes gefunden haben, weil sie – diese gute Mutter, die doch in allen ihren Einrichtungen gleich gerecht und gütig gegen alle ihre Kinder ist – beiden Theilen, ihren Söhnen sowol als auch ihren Töchtern, einen gleichen Trieb danach eingepflanzt hat.

Aber stelle dir, mein Kind, die Sache nur nicht gräulicher vor, als sie wirklich ist. Es hängt wahrlich ganz von dir ab, ob diese ehelichen Unbequemlichkeiten[202] einst für dich groß oder unbedeutend sein, oder ganz und gar verschwinden sollen. Vernimm diese eben so wahre, als beruhigende Nachricht, die ich absichtlich bis an diesen Ort verschoben habe, weil ich dich erst mit den Mitteln bekannt machen mußte, die man anzuwenden hat, wenn man die Wahrheit meiner Versicherung an sich selbst erfahren will. Vorausgesetzt also, daß du einst bei der Wahl des Mannes, in dessen Hände du das Schicksal deines Lebens legen willst, durch den Rath deiner Eltern geleitet, mit Vernunft verfahren, also sicher kein sittliches Ungeheuer wählen wirst; und vorausgesetzt, daß du diejenige Gemüthsart, diejenigen weiblichen Verdienste, Fertigkeiten und Gewohnheiten dir erworben habest, die ich dir in diesem Aufsatze so dringend empfehle: so kann deine weibliche Abhängigkeit nie drückend für dich werden; so kann die aufwallende Hitze oder die Unfreundlichkeit deines Gatten – wofern er je so etwas äußern sollte – nie von Dauer, sondern höchstens nur ein leichtes, schnell vorübereilendes Wölkchen sein, welches den Gesichtskreis eurer häuslichen und ehelichen Glückseligkeit nie länger, als nur auf kurze Augenblicke, trüben wird. Denn wisse, mein Kind, daß der Mann, und zwar je kraftvoller und männlicher er ist, eher gegen alles andere, als gegen anhaltende Sanftmuth, gegen stille und geduldige Ertragung seiner Launen, gegen Nachgiebigkeit und fortdauernde liebevolle Freundlichkeit auszuhalten vermag. So wie[203] jeder Widerspruch und jedes Stemmen gegen seinen gebieterischen Willen ihn in Harnisch jagt: so entwafnet ihn ein einziger freundlicher Blick, der um Schonung bittet und seiner Herrschaft huldiget. Er ist der Löwe, der nur gegen Starke Stärke zeigt, und den Schwächern mit sich spielen läßt.

Unter der Bedingung also, daß du die dir jetzt empfohlenen Tugenden dir zu eigen machst, steht das Herz des Mannes ganz in deiner Hand; und mit etwas Klugheit, verbunden mit wahrer und herzlicher Liebe, kannst du daraus machen, was du willst! Bei Gott! das kannst du. Denn noch soll der Mann geboren werden, welcher einem liebevollen weiblichen Wesen, das seine Vortheile kennt und zu nutzen weiß, zu widerstehen vermöchte. Nur, daß sie keine andere Waffen, als diejenigen, welche die Natur ihr gab – Sanftmuth, Liebe und Nachgiebigkeit – gegen ihn brauchen wolle! Nur daß die Befriedigung ihrer Eitelkeit und Rechthaberei ihr nie mehr, als der häusliche Friede und die eheliche Glückseligkeit, werth sei, und daß sie also Liebe und Klugheit genug besitze, um sich ihrem Gatten jedesmahl, ohne erst mit ihm rechten zu wollen, auf Gnade oder Ungnade in die Arme zu werfen, und mit zärtlichen Bitten und Liebkosungen nicht eher nachzulassen, bis das Eis seines Staarsinns zu schmelzen beginnt! Ich wiederhole es: noch soll der Mann geboren werden, der diesen Waffen[204] zu widerstehen vermag. Es widersteht ihnen Keiner, er sei so trotzig, wie er wolle; er sei so kalt oder so hitzig, so fühllos oder so leidenschaftlich, wie er wolle! Es widersteht ihnen Keiner; denn das wäre wider die Natur des Menschen, und wider die vermag sogar der größte Unhold nichts! Hat Jemand ein menschliches Herz im Leibe, und ist dieses Herz geformt, wie andere menschliche Herzen es sind: so muß es, es mag wollen oder nicht, der Allgewalt der ächten Weiblichkeit erliegen, wenn sie in ihrer reinen Güte sich durch himmlisches Lächeln, sanft und zärtlich stehend, äußert. Kein Unwille ist so bitter, keine Leidenschaft so stark und tobend, um gegen dieses milde Lächeln, gegen dieses unwiderstehliche Schmeicheln, Liebkosen und Flehen eines weiblichen Engels lange aushalten zu können. Das bezeugt die Geschichte, und das bestätiget die Erfahrung in allen den glücklichen Familien, wo das Weib zu dieser reinen Höhe ächter Weiblichkeit sich hinaufgeschwungen hat. Da, da ist es denn auch, wo eheliche Glückseligkeit – diese eben so kostbare als seltene, dem Garten des Himmels entlehnte Pflanze – gedeiht, grünt und wächst, und lieblicher Früchte die Fülle trägt! Da ist es, wo Mann und Weib mit jedem Tage, bis ins höchste Alter, einander gegenseitig immer mehr veredeln, einander gegenseitig auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher und höher heben, einander immer werther, immer theurer, immer unentbehrlicher[205] werden! Da ist es endlich, wo Kinder froh und gut, wie die Pflanzen Gottes, um die elterlichen, in einander verschlungenen Stämme herum zu eigener Glückseligkeit und zum Glück der Menschheit aufwachsen, ihre gesunden, starken und edlen Aeste weit ausstrecken, und über die ganze Gegend umher kühlenden Schatten und liebliche Düfte verbreiten.

So viel vermag das Weib, das gute, sanfte, zärtliche, kluge und verständige – mit einem Worte, das weibliche Weib, das seine Bestimmung erfüllt! O meine Tochter, fühle sie ganz, die große Macht und Würde deines Geschlechts, die da, wo sie angewandt und behauptet werden, alles überwiegen, was das männliche Geschlecht ihnen je entgegen setzen kann! Sei stolz; du gehörst zu Wesen, die, wenn sie ihre Bestimmung erfüllen, an Allgewalt, Einfluß und Verdienst in der ganzen Schöpfung, so weit wir sie kennen, nicht ihres Gleichen haben! Sei stolz; aber zittere vor der Gefahr, von dieser Höhe des Verdienstes und Glücks, zu der dein Schöpfer dich, wie alle deine Schwestern, bestimmte, durch mißgebildete Gemüthseigenschaften, durch Ansprüche auf Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wirksamkeiten, welche nur des Mannes sein sollten, durch Eitelkeit und Selbstsucht zu der Schmach und zu dem Elende des gewöhnlichen Weibes hinabzusinken! Ihr[206] seid Engel; nur Schade, Schade, daß es der – gefallenen so viele gibt!


Die sechste Haupttugend, welche zu den wesentlichen Eigenschaften eines recht würdigen weiblichen Karakters gehört, will ich die Bedächtigkeit nennen. Meine Erklärung wird dir sagen, was ich damit meine.

Ich meine damit die durch unablässige Uebungen von Kindheit an erworbene Fertigkeit, nicht nach einzelnen unzusammenhängenden Einfällen, Einbildungen und Launen, sondern vielmehr nach Grundsätzen und wohlüberlegten Planen zu handeln, und sich dieser Grundsätze und Plane immer bewußt zu bleiben. Wie nothwendig und schätzbar auf der einen, und wie selten gleichwol auf der andern Seite diese – Grundlage aller wahren Tugend, bei Personen deines Geschlechts sei, davon werde ich dich leicht überzeugen können.

Sie ist selten; denn leider! ist es ja der bekannte Fehler vieler Weiber, daß sie, gleich Kindern und Otahitern, nur von gegenwärtigen Eindrücken, Empfindungen und Vorstellungen sich leiten lassen. Unfähig, ihre quecksilberne Vorstellungskraft auf einen und ebendenselben Gegenstand lange und ausschließlich[207] zu heften, nehmen ihre Seelen von dem, was sie jedesmahl empfinden oder denken, höchstselten scharfe, genau bestimmte und tiefe Eindrücke an; und sowol deswegen, als auch wegen der ihnen eigenen Weichlichkeit an Leib und Seele, pflegen alle Eindrücke, die sie erhalten, und daher auch die darauf gegründeten Vorsätze, Entwürfe und Plane, höchstselten von einiger Festigkeit und Dauer, sondern meistens schwankend und vorübergehend zu sein. Der folgende Eindruck löscht den vorhergehenden, der neue Einfall den ältern Vorsatz, das gegenwärtige Bild der Einbildungskraft den vorher festgesetzten Grundsatz gemeiniglich so ganz wieder aus, daß ihre Stäte nicht mehr gefunden wird. Daher kommts, daß sogar die Besten unter den Bessern deines Geschlechts so selten fähig sind, folgerecht, d.i., nach einerlei Grundsätzen zu handeln; und daß also auch bei weiten die wenigsten unter ihnen dahin gebracht werden können, planmäßig zu verfahren, d.i., auf bestimmte Zwecke nach festgesetzten Regeln anhaltend hin zu arbeiten. All ihr Denken, all ihr Wirken ist Stückwerk; innigen Zusammenhang, feste Verbindung und Gleichförmigkeit bemerkt man nirgend, außer – in ihren Fehlern, weil diese größtentheils aus einerlei Hauptquellen, dem Leichtsinn und der Eitelkeit, entspringen.

Und gleichwol ist die entgegengesetzte Tugend der Bedächtigkeit dem Weibe, das seine Bestimmung erfüllen[208] will, so ganz unentbehrlich! Denn ob sie gleich nur selten in den Fall gerathen kann, einem großen Ganzen vorstehen zu müssen, sondern in der Regel nur dazu berufen ist, eine untergeordnete Rolle zu spielen: so kann sie doch der Fertigkeit, zusammenhängend und planmäßig zu handeln, um deswillen nicht entbehren, weil sie dazu bestimmt ist, in zwei sehr wichtigen Angelegenheiten – in der Haushaltung und in der Kinderzucht – an die Stelle des Mannes zu treten, und die Plane und Anordnungen desselben bis auf die kleinsten Einzelheiten hinab, mit gewissenhafter Genauigkeit in Ausübung zu bringen. Der Mann, mit anderweitigen Berufsarbeiten beladen, kann mit jenen Einzelheiten unmöglich sich befassen; er kann nur allgemeine Plane und Anordnungen machen; kann nur die Grundsätze, die er dabei im Auge hat, seinem Weibe angeben und erklären; kann höchstens nur an einigen Beispielen zeigen, wie diese Grundsätze angewandt werden müssen. Weiter geht seine Mitwirkung gewöhnlich nicht. Aber nun erwartet er, daß das, was er selbst nicht leisten kann, von seinem Weibe geschehe; und er ist in seinen Foderungen hierüber um desto strenger, jemehr er selbst sich gewöhnt hat, in seinem eigenen Wirkungskreise zusammenhängend, ordentlich und planmäßig zu verfahren. Und da ist es denn ein großes Unglück, wenn ein solcher Mann – und solche Männer sollten billig alle sein – in dieser Erwartung, wozu er[209] allerdings berechtiget war, sich getäuscht sieht! Es ist ein Unglück für den Mann, für das Weib und für die ganze Familie.

Für den Mann; denn schon der bloße Anblick eines unregelmäßigen und widersprechenden Verfahrens verstimmt seine an Genauigkeit, Ordnung und Planmäßigkeit gewöhnte Seele und thut ihm weh. Noch weher thut ihm die Vorstellung von den unausbleiblichen Folgen, welche ein solches Verfahren für ihn, für den ganzen Zustand seines Hauswesens und ach! besonders auch für seine Kinder haben wird. Er wird also mißmüthig und immer mißmüthiger, je öfter der Fall, daß er Abweichungen von seinen Anordnungen wahrnehmen muß, von neuen wiederkehrt. Hat er endlich Jahre lang daran gearbeitet, seiner Gattinn diesen Fehler abzugewöhnen, und hat er dennoch den Verdruß, zu sehn, daß ihr Leichtsinn, ihre Flatterhaftigkeit und ihre Vergessenheit eine völlig unheilbare Krankheit ihrer Seele sind, dann ist es aus mit seiner Achtung, und, da keine wahre Freundschaft ohne gegenseitige Achtung bestehen kann, auch mit seiner Liebe gegen sie.

Für das Weib; denn was ist diese, sobald sie des Mannes Achtung und Liebe verloren hat? Und wer leidet durch die Fehler, die ihr Leichtsinn sie begehen läßt, mehr als sie? So schmählich es für den[210] schwachen unfähigen Mann ist, wenn seine verständigere Gattinn ihn in Dingen, welche seines Berufs sind, oft zurechtweisen muß: eben so schmählich ist es auch für das leichtsinnige und unvermögende Weib, wenn der aufmerksamere Gatte sie in Dingen ihres weiblichen Fachs übersieht und täglich Fehler ahnden und verbessern muß, welche sie darin begangen hat. Nur der ist ein achtungswürdiger und glückseligkeits-fähiger Mensch, der den Kreis, worein Gottes Vorsehung ihn durch Geburt, Stand und bürgerliche Verhältnisse gesetzt hat, ganz zu füllen weiß, der Durchmesser dieses Kreises mag so kurz oder so lang sein, als er will. Denn nicht der Fleck, worauf wir stehn, sondern die Art und Weise, wie wir ihn zu behaupten wissen, bestimmt den Werth des Menschen und das Maß seiner Glückseligkeit. Nun ist aber keines Menschen Beruf, am wenigsten der des Weibes, so geringe und unbedeutend, daß man ihn tändelnd und gedankenlos erfüllen könnte. Hat sie also, wie dis leider! so oft der Fall ist, durch jugendliche Verwöhnungen, den Geist des Leichtsinns und der Flatterhaftigkeit einmahl angenommen: so kann es gar nicht fehlen, daß nicht häufige Verdrießlichkeiten, Demüthigungen und Unannehmlichkeiten für sie daraus entstehen sollten. Bald wird ihr Gatte etwas ihrer Aufbewahrung Anvertrautes von ihr verlangen, und es wird verlegt sein: bald, wenn er nach Vollendung mühseliger Geschäfte in dem Schoße seiner Familie[211] Ruhe und Erquickung zu finden hofft, wird er mannigfache Verstöße wider seine häuslichen Anordnungen bemerken, und zu jeder heitern und liebevollen Unterhaltung dadurch unfähig gemacht werden: bald wird er über gewisse, bei der Erziehung ihrer gemeinschaftlichen Kinder zu befolgende Grundsätze Abrede mit ihr genommen haben, und wenn er nachsieht, gerade das Gegentheil davon in der Ausübung finden. Er wird nicht ermangeln, ihr Vorwürfe darüber zu machen; und sie wird zu ihrer Entschuldigung jedesmahl weiter nichts vorzubringen haben, als das, eines denkenden Menschen unwürdige: ich dachte nicht daran! Und wenn dis nun oft, wenn es sogar täglich der Fall ist: so urtheile selbst, mein Kind, was für ein eheliches Verhältniß, was für ein Gemüthszustand des Mannes, und was für ein Schicksal des Weibes die nothwendige Folge davon sein müssen!

Für die ganze Familie. Die traurigen Folgen des Leichtsinns auf Seiten der Hausmutter werden sich bis auf die kleinsten Theile des Hauswesens und auf alle Glieder der Familie erstrecken. Es wird überall Unordnung und Zerrüttung einreißen; die Kinder werden schlecht erzogen werden; das Gesinde wird sich zur Nachlässigkeit und zur Untreue verwöhnen; das unangenehme Verhältniß zwischen Mann und Weib wird jedes häusliche Vergnügen stören; eine[212] allgemeine Verstimmung wird sich aller Glieder der Familie bemächtigen; Familienglückseligkeit wird von diesem Hause für immer Abschied nehmen.

Was ist nun aber zu thun, wirst du fragen, um diesem Unglücke vorzubeugen? Was anders, mein liebes Kind, als dich schon jetzt so zu gewöhnen, wie du künftig sein mußt, wenn du dieses große Unglück für dich, für deinen künftigen Gatten, und für deine künftige Familie einst vermeiden willst; dich also schon jetzt zu gewöhnen, bei allem, was du thust, immer vorsichtig und nachdenkend, nie flatterhaft zu Werke zu gehn; jede dir anvertraute Sache wohl zu verwahren; jedes dir aufgetragene Geschäft, es bestehe worin es wolle, mit aller dir möglichen Aufmerksamkeit zu verrichten; jeder deiner Pflichten zu jeder Zeit mit gewissenhafter Treue nachzuleben; nie übereilt und leichtsinnig etwas zu beschließen oder zu thun, sondern bei allem, was du vor hast, deine ganze Besonnenheit zusammen zu nehmen; dir immer wohldurchdachte und feste Plane nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen, nicht nur für dein künftiges Leben überhaupt, sondern auch für jeden einzelnen Tag insonderheit zu machen, und von solchen Planen, ohne Noth, niemahls abzugehn; mit Einem Worte, deiner ganzen Denkungsart und Handlungsweise das Gepräge der Bedachtsamkeit tief und für immer einzudrücken. Das, mein Kind, wird dich jetzt und künftig vor tausend[213] Fehlern und Unannehmlichkeiten schützen, und dem Ziele der Vollkommenheit und der Glückseligkeit dich mit jedem Tage um Vieles näher bringen. Und nur dann erst, wenn du diese höchstschätzbare Gemüthseigenschaft angenommen haben wirst, wird es dir gelingen, dir auch die siebente der oben auszeichneten Haupttugenden eines edlen und braven Weibes – ich meine die Ordnungsliebe – in ihrem ganzen Umfange zu erwerben.


Ordnungsliebe! – Wo nehme ich Worte her, dir diese – Tugend? nein, das ist zu wenig gesagt, diese Mutter und Pflegerinn aller andern Tugenden, diese Beglückerinn des menschlichen Lebens, diese mächtige Leiterinn jeder nützlichen Thätigkeit, in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit, Nothwendigkeit und Nützlichkeit zu schildern? Laß mich damit anfangen, den Begriff von »Ordnung« in deiner Seele aufzuhellen; dann wird es dir von selbst einleuchten, wie wichtig es für den Menschen überhaupt, und wie noch wichtiger es für das Weib insonderheit sei, ihre ganze Denkungs Handlungs und Lebensweise nach diesem Begriffe gebildet zu haben.

Jede Ordnung, sie bestehe worin sie wolle, setzt zuvörderst eine Regel, dann eine Vielheit von Dingen oder Handlungen voraus, welche nach[214] jener Regel gestellt, eingerichtet oder gethan werden. So herrscht z.B. Ordnung in deinem Zimmer, in deinem Schranke, in deiner Küche u.s.w. wenn du erst nach vernünftiger Ueberlegung festgesetzt hast, an welchem Orte jedes Ding mit Hinsicht auf Wohlstand, Bequemlichkeit und Sicherheit seinen Platz haben soll, und wenn du dann mit pünktlicher Genauigkeit darüber hältst, daß jedes Ding zu jeder Zeit an diesem und keinem andern Orte nun auch wirklich angetroffen werde. So herrscht ferner auch in deinen täglichen Handlungen Ordnung, wenn du für jedes deiner gewöhnlichen, also vorauszusehenden Geschäfte, abermahls in Hinsicht auf Wohlstand, Nutzen und Bequemlichkeit, sowol die Zeit bestimmst, in welcher du es jedesmahl verrichten willst, als auch die Art und Weise, wie es verrichtet werden soll, und wenn du nachher von dieser einmahl festgesetzten Zeit und Art, ohne Noth und ohne vernünftige Bewegungsgründe, niemahls abzuweichen dir erlaubest. So herrscht endlich drittens auch in deinen Gedanken, Empfindungen, Wünschen und Neigungen Ordnung, wenn du, von eigener Vernunft und guter Belehrung Anderer geleitet, dir Grundsätze der Klugheit, der Weisheit und der Tugend sammelst, dich von der Wahrheit und Güte derselben innig überzeugest sie dir durch oft wiederholtes Nachdenken darüber recht geläufig machst, und dir dann niemahls einen Gedanken, eine Empfindung, einen Wunsch oder Genuß[215] erlaubest, die mit jenen deutlich erkannten und angenommenen Grundsätzen auf irgend eine Weise in Widerspruch stehn. Es gibt also eine Ordnung für die Dinge, eine Ordnung für die Geschäfte und eine Ordnung für die ganze Denkungs- und Handlungsart des Menschen.

Und daraus wirst du nun sogleich von selbst einsehen, daß die Gewöhnung an Ordnung überhaupt, in dem ganzen Umfange der jetzt entwickelten Bedeutung des Worts genommen, jede andere besondere menschliche Tugend wirklich in sich faßt; und daß es daher das höchste, jede andere preiswürdige Eigenschaft einschließende Lob eines Sterblichen ist, wenn man mit Wahrheit von ihm sagen kann: er sei ein ordentlicher Mensch! Jetzt laß uns die Nothwendigkeit und den Nutzen dieser rühmlichen Eigenschaft, und zwar in Beziehung auf dein Geschlecht und dessen Bestimmung insbesondere, erwägen.

Der natürliche Wirkungskreis des Weibes ist das Hauswesen. Dieses besteht, auch bei der kleinsten Haushaltung, aus einer großen Vielheit und Mannigfaltigkeit von Dingen und Geschäften. Jene zu ordnen, zu gebrauchen, zu verwahren und zu erhalten, diese einzutheilen, sie auf die rechte Art und zur rechten Zeit zu verrichten und unter ihrer unmittelbaren Aufsicht verrichten zu lassen, ist die erste unumgängliche[216] Pflicht der Hausmutter. Der Mann, mit andern Geschäften und Sorgen belastet, kann nur im Vorbeigehn und in den Stunden der Erholung darauf achten: und wohl ihm, wenn sein treffliches Weib dann jedesmahl dafür gesorgt hat, daß er alles so findet, wie er es zu erwarten berechtiget war; wohl ihm und ihr, wenn jeder Blick, den er alsdann in das Innere seines Hauswesens wirft, ihm zur Erholung, ihr zum Lobe gereicht, ich will sagen, wenn er überall Reinlichkeit und überall eine schöne musterhafte Ordnung in den Sachen und in den Geschäften des Hauses bemerkt! Dann steht alles wohl; dann verbreitet sich die Zufriedenheit des Hauptes über alle Glieder der Familie; jedes Geschäft geht gut von Statten, das Wohl des Hauses blüht, die ganze Familie fühlt sich glücklich.

Aber widerlich und höchst traurig anzusehn ist das Bild eines Hauses, in welchem das Weib es an der Erfüllung dieser ihrer ersten hausmütterlichen Pflicht ermangeln, also Unordnung in den Sachen, Unordnung in den Geschäften und in der Lebensart der Familie einreißen läßt. Hier geräth gar bald alles in Verwirrung und in Verfall; und die Glückseligkeit, die eine Tochter der Ordnung ist, flieht ihrer verscheuchten Mutter nach. Der Greuel der Unsauberkeit nimmt Wohnzimmer, Schlafgemach und Vorrathskammern ein, vergiftet die Luft, besudelt und verderbt[217] Kleider und Hausrath, und verleidet jedem, an Reinlichkeit gewöhnten Tischgenossen, die ekelhafte Mahlzeit. Jede nützliche Beschäftigung stockt; denn bald fehlt es an diesem, bald an jenem verpolterten Werkzeuge; Einer wirft dem Andern den Vorwurf der Unordentlichkeit zurück; man zankt sich, man verbittert sich dadurch vollends jeden dürftigen Lebensgenuß, der für eine solche Familie etwa noch übrig bleiben mag; man bauet sich eine Hölle auf Erden, in welcher Einer des Andern Unhold und Peiniger ist. Ein jämmerlicher Zustand!

Das Schlimmste dabei ist, daß die Unordnung im Aeußerlichen nach und nach, zwar unmerklich, aber nichts desto weniger gewiß, auch in das Innere der Menschen, in ihre Empfindungen, in ihre Denkungsart, in ihre sittlichen Handlungen übergeht. Wessen Auge durch den Anblick der Verwirrung und Unsauberkeit in seinem Zimmer nicht mehr beleidiget wird, dessen Herz und Geist werden sich auch nicht lange mehr gegen die sittlichen Unordnungen in seinen eigenen Handlungen und in den Handlungen der Glieder seiner Familie empören. Ein Weib, welches ekelhaften Schmutz auf ihren Kleidern und Regellosigkeit in dem Innern ihres Hauswesens dulden kann, wird nach und nach auch den noch edlern Sinn für Reinigkeit des Herzens und der Sitten verlieren. Alle ausschweifende und liederliche Menschen, die mir[218] jemahls vorgekommen sind, waren auch zugleich unordentlich in Sachen und in Geschäften. Andere Menschenbeobachter haben das Nämliche bemerkt. Man schließt daher – und ich glaube in den meisten Fällen nicht mit Unrecht – von dem Mangel an Ordnung und Reinlichkeit, den eine Person deines Geschlechts sich in ihrer Kleidung, in ihren Sachen und in ihrem Hauswesen zu Schulden kommen läßt, auch auf einen Mangel an wohlgeordneten, reinen und tugendhaften Gesinnungen.


Reinsein ist des Weibes Ehre,

Ordnung ist ihr höchster Schmuck.


Wäre also auch die Gefahr, an Geist und Herzen, durch Unordnung und Unreinlichkeit im Aeußerlichen, verschlimmert zu werden, nicht so groß und wahrscheinlich, als sie wirklich ist: so würde doch ein Frauenzimmer, welches nach der Ehre und dem Glücke eines unbescholtenen guten Namens strebt, schon um der Gefahr willen, für regellos in Neigungen und Sitten gehalten zu werden, Ordnung und Sauberkeit, als die stärkste Schutzmauer gegen die giftigen Pfeile der bösen Nachrede, über alles lieben und auf das sorgfältigste zu erhalten sich bestreben müssen. Denn den will ich sehen, der nicht von Hochachtung gegen eine Frau erfüllt wird, und noch einen Verdacht gegen ihre Tugend unterhalten kann, wenn er zu jeder Zeit, auch zu solcher, wo man keinen Besuch[219] erwartete, in dem Innern ihres Hauswesens, wie in ihrem und ihrer Kinder Anzuge, bei jeder zufälligen Ueberraschung, Regelmäßigkeit, Ordnung und Reinlichkeit findet! Der Schluß von dem Aeußerlichen auf das Innerliche ist uns so natürlich, und er pflegt auch, alles zusammengenommen, so selten zu trügen, daß wir, bei der Beurtheilung der Menschen, in den meisten Fällen uns damit begnügen, darauf bauen, und alle andere Beobachtungen über der Menschen Thun und Lassen für entbehrlich halten. Es gibt freilich Fälle, wo dieser Schluß uns irre leitet; aber da diese doch immer die seltneren sind, und da das Innere in den allermeisten Fällen mit dem Aeußern übereinzustimmen pflegt: so hält man sich gewöhnlich für berechtiget, diese Uebereinstimmung zu einer allgemeinen Regel zu erheben, und in seinem vorläufigen Urtheile über die Menschen, wenigstens bis auf weiter, darauf zu bauen. Ein Frauenzimmer also, welches Ordnung und Reinlichkeit im Aeußern vernachlässiget, kann sicher sein, daß man ihr auch wenig Regelmäßigkeit und Zartgefühl der Gesinnungen zutrauen wird.

Ich glaube dich nunmehr überzeugt zu haben, meine Tochter, daß die schöne Tugend, von der wir jetzt reden, zwar für Jedermann, aber doch für keinen in höherem Grade nöthig und unentbehrlich sei, als für Personen deines Geschlechts. Die Frage ist[220] nun abermahls, wie du es eigentlich anzufangen habest, um dir dieselbe ganz und für immer zu eigen zu machen? und hier hast du meinen Rath darüber!

Jede gute Fertigkeit setzt Gewöhnung, und jede Gewöhnung setzt vielfältige Uebungen voraus. Die gesammte Tugend des Menschen ist, wie schon ein alter Weiser ganz richtig bemerkt hat, nichts anders als eine lange Gewohnheit. Es fragt sich also, was für Uebungen du mit dir selbst anstellen mußt, um Ordnungsliebe in dem ganzen Umfange des Worts anzunehmen, und auch an dieser, wie an jeder andern weiblichen Tugend eine Zierde deines Geschlechts zu werden? Und hier bitte ich dich zuvörderst, fest überzeugt zu sein, daß man in keiner Sache irgend einen beträchtlichen Grad von Fertigkeit und Vollkommenheit erlangt, wenn man sie nicht theils mit Lust, theils mit anhaltendem Eifer, theils mit gewissenhafter und regelmäßiger Genauigkeit treibt. Um dich von der Wahrheit dieses Satzes zu überzeugen, denke z.B. nur aus Klavierspielen, ans Zeichnen oder an welche andere Geschicklichkeit du sonst willst; und sage selbst, ob man es wol ohne Lust und Eifer und ohne anhaltende regelmäßige Uebungen, zu irgend einer nennenswerthen Fertigkeit darin zu bringen vermöge? Daß es aber leichter sei, eine Tugend als eine Kunst bis zur Fertigkeit oder gar bis zur Vollkommenheit anzunehmen, ist eine Einwendung, die[221] ich von dir unmöglich erwarten kann, weil deine eigene Erfahrung dich schon lange das Gegentheil gelehrt haben muß. Also Lust, mein Kind, also anhaltenter Eifer und regelmäßige Uebungen sind noth, wenn Ordnungsliebe ein bleibender Bestandtheil unsers Karakters werden soll. Die Lust und den Eifer kann dir niemand, als dein eigener Verstand und dein eigenes Nachdenken geben; die regelmäßigen Uebungen, deren du bedarfst, wird deine gute Mutter für dich veranstalten, weil dis theils zu ihrer Pflicht gehört, theils der allergrößte und kräftigste Beweis von mütterlicher Liebe ist, den sie dir jemahls geben kann. Aber alle diese Uebungen würden wahrlich fruchtlos bleiben, wenn sie nicht regelmäßig wären und anhaltend fortgesetzt würden. Sie wird sich daher nicht begnügen, dich an jedem wirthschaftlichen und hausmütterlichen Geschäfte vollen Antheil nehmen zu lassen: sondern sie wird einige ihrer häuslichen Besorgungen und Pflichten dir ganz allein anvertrauen; sie wird dir Zeit und Ort dazu genau bestimmen; sie wird dir zeigen, wie diese wirthschaftlichen und hausmütterlichen Geschäfte am besten, am ordentlichsten und am geschwindesten verrichtet werden können; sie wird ein aufmerksames Auge darauf haben, ob und wie du diese dir anvertrauten Dinge beschicken wirst, und dir Erinnerungen geben, wenn du anfangs hie und da noch etwa fehlen solltest; sie wird dir die Besorgung der Reinlichkeit und der Ordnung, wo nicht[222] gleich in allen, doch in einigen Zimmern ausschließlich übertragen, und sie und ich werden uns in Ansehung alles dessen, was dir einmahl übergeben ward, künftig lediglich an dich halten, so wie unsere Freude beim Anblick der Ordnung und Pünktlichkeit, die du dabei beobachten wirst, dein Werk, und der beste Beweis deiner Erkenntlichkeit für unsere elterliche Zärtlichkeit, auch zugleich das sicherste Mittel sein wird, dich unserer Liebe und Fürsorge mit jedem Tage würdiger zu machen. Sie wird die Zeit des Aufstehens und des Schlafengehns, die der Arbeit und der Erholung, die der Mittags- und Abendmahlzeit u.s.w. genau mit dir verabreden, einen nach Stunden, nach halben und Viertelstunden bestimmten Lebens- und Geschäftsplan darüber aufsetzen, und mit liebevoller Strenge darüber wachen, daß an jedem Tage und in jeder Stunde gerade das von dir geschehe oder besorgt werde, was der Plan dafür angeben wird; sie wird täglich, bald zu dieser bald zu jener Zeit, bald deinen Schrank, bald dein Rechnungsbuch, bald die deiner Aussicht übergebenen Zimmer, Kleider- und Vorrathskammern nachsehn, und mit scharfen hausmütterlichen Blicken prüfen, ob alles gehörig aufbewahrt und verschlossen, ob alles gehörig gereiniget, geputzt und wieder in Ordnung gebracht sei; sie wird an jedem Abend mir, der ich an dem großen Verdienste, welches sie sich auf diese Weise um deine Ausbildung und um deine ganze künftige Glückseligkeit erwerben[223] wird, nur durch meinen väterlichen Rath und durch meine heißesten Wünsche Antheil nehmen kann, den Ertrag ihrer täglichen Beobachtungen, zu meiner Freude, wie ich hoffe, und zu deiner eigenen Ermunterung mittheilen; und das, mein Kind, wird dann jedesmahl die Zeit meines köstlichsten Lebensgenusses, die herrlichste Erquickung nach jedem schwülen, in Arbeit verlebten Tage sein; es wird meinen Schlaf sanft und stärkend, und die Lasten des folgenden Tages mir jedesmahl leicht und angenehm machen!

Diese Uebungen nur ein halbes Jahr lang mit ununterbrochenem Eifer regelmäßig fortgesetzt, und ich stehe dir dafür, daß die Ordnungsliebe ein nie wieder zu vertilgender Hauptzug in deinem Karakter werden wird. Und welcher Lohn wird das für uns, deine Eltern, welcher Gewinn für dich und für die menschliche Gesellschaft sein! Ich sage für die menschliche Gesellschaft: denn unbeschreiblich groß ist der Segen, den der durch Ordnung geleitete und beförderte Thätigkeitstrieb eines einzigen Menschen rund um sich her verbreiten kann. Habe ich selbst hienieden nicht umsonst gelebt, und ist es mir gelungen, mit dem Maße von Kräften, welches die Vorsehung mir verliehen hatte, zum Wohl unserer Mitmenschen auch mein Schärflein beizutragen: so verdanke ich das selige Gefühl, welches diesen Gedanken begleitet, lediglich dem von früher Jugend an mir zur andern Natur gewordenen[224] Ordnungs- und Thätigkeitstriebe. Möchte ich diesen – o Gott, der du mir immer mehr gewährtest, als ich von dir bat, du weißt, wie glühend heiß dieser Wunsch aus meinem Herzen steigt, – möchte ich diesen Geist einer regelmäßigen Thätigkeit auf dich, mein liebes einziges Kind, fortpflanzen können! Möchtest du schon jetzt es ganz fassen und fühlen, wie groß und köstlich dein Erbtheil sein wird, wenn du diesen Geist der Ordnung und der regelmäßigen Geschäftigkeit von mir annehmen und ihn – das kannst du, wenn du willst, denn du hast Anleitung und Rath dazu, welche mir in deinem Alter gänzlich fehlten – vermehren und vervollkommnen wirst! Nur so lange, o Gott! bis ich dieses Wunsches gewisse Erfüllung sehe, erhalte mir, wenn es dir gefällt, das Leben; habe ich ihn, welcher das Ziel meiner irdischen Glückseligkeit sein wird, durch deine Gnade und durch die Liebe meines Kindes erreicht: dann gebiete über mein Leben, wann du willst! wie du willst! Ich habe genug gelebt; und getrost und ohne Murren werde ich eine Welt verlassen, in der ich dann eine Tochter zurücklasse, welche meinen Platz einnehmen, ihre Bestimmung erfüllen, und durch Ordnung in Gesinnungen, Geschäften und Lebensart sich und Andere beglücken wird.
[225]

Es gibt Tugenden und Geschicklichkeiten, die, wenn sie nicht in früher Jugend erworben werden, von Erwachsenen selten, von völlig ausgebildeten Menschen niemahls mehr erworben werden können. Dazu gehört, außer der dir jetzt empfohlenen Muttertugend, der Ordnungsliebe, auch noch ganz besonders der, einer Hausmutter so sehr zu wünschende Geist der Sparsamkeit und der Haushältigkeit, den ich unter die ihr unentbehrlichen Tugenden zu zählen, ganz und gar kein Bedenken tragen kann. Laß mich, liebes Kind, erst auch hierüber, deine, vielleicht noch mangelhaften Begriffe zu vervollständigen suchen: dann wird die Nothwendigkeit und Wünschenswürdigkeit dieser neuen hausmütterlichen Eigenschaft, die mit der Ordnungsliebe genau zusammenhängt, wol ohne mein Zuthun dir von selbst einleuchten.

Sparsamkeit besteht in der Sorge für die Erhaltung oder möglich geringste Verschlimmerung und Verminderung dessen, was man hat, und Haushältigkeit ist die zur Fertigkeit gewordene Geschicklichkeit, das Erworbene zu verwalten und so zu gebrauchen, daß man mit dem mindesten Aufwande den größten Nutzen und die meisten Bequemlichkeiten davon habe, und daß Ausgabe und Einnahme dabei immer in einem richtigen Verhältniß bleiben. Beide Tugenden liegen in der Mitte zwischen zwei ihnen entgegengesetzten Lastern, wovon das eine des andern Gegentheil ist; sie[226] heißen Geiz und Verschwendung. Geiz und Sparsamkeit gränzen unmittelbar an einander und berühren sich sogar in mehr als einem Punkte; Haushältigkeit und Verschwendung hingegen liegen weiter auseinander, und der Uebergang von jener zu dieser geht erst durch die Tugenden der Gerechtigkeit, der Freigebigkeit, der Mildthätigkeit, der Uneigennützigkeit und der Großmuth. Alle diese zwischenliegenden Tugenden können und müssen mit einander verbunden sein; können nicht bloß, sondern müssen auch zu gleicher Zeit geübt und durch Uebung erworben werden, wenn sie Tugenden bleiben und nicht in das eine oder das andere der auf beiden Seiten angränzenden Laster des Geizes oder der Verschwendung ausarten sollen. Denn nur dann erst wird die Sparsamkeit zum Geiz, wenn sie nicht von Gerechtigkeit, Mildthätigkeit und großmüthiger Uneigennützigkeit begleitet wird; und nur dann erst artet diese letzte in Verschwendung aus, wann sie sich von der Sparsamkeit, der Haushältigkeit und Gerechtigkeit absondert. So lange hingegen diese Tugenden unter sich in einer und eben derselben Seele in steter Verbindung bleiben und nicht von einander getrennt werden, hat es weder mit dem Geize, noch mit der Verschwendung Noth, auch wenn die Sparsamkeit an der einen und die großmüthige Uneigennützigkeit an der andern Seite aufs höchste getrieben werden. Denn so nahe auch in diesem letzten Falle die Tugend an das[227] Laster gränzt, so bleiben doch beide, zwar durch seine, aber nichts desto weniger unverkennbare Gränzlinien geschieden, welche hinreichend sind, die Gefahr des Ineinanderfließens abzuhalten. Laß uns diese Linien deutlich zu bemerken suchen.

Geiz und sparsame Haushältigkeit kommen zuvörderst darin überein, daß beide etwas zu erwerben und das Erworbene zu erhalten und zu vermehren streben; aber sie weichen theils in der Art und Weise, wie sie dieses thun, theils durch die Mittel, wodurch sie ihre Absicht zu erreichen suchen, theils endlich auch durch die Absicht, in welcher sie zu erwerben und das Erworbene zu erhalten wünschen, nach ganz entgegengesetzten Richtungen weit von einander ab. Der Geizige wird dabei von heftiger Leidenschaft fortgerissen; der sparsame und erwerbsame Haushälter hingegen nur von gemäßigter Strebsamkeit getrieben. Jener erlaubt sich jegliches Mittel, wodurch er seinen Zweck erreichen kann, sogar die ungerechten und die, welche schändlich sind, nicht ausgenommen; dieser hingegen nur solche, welche gerecht und anständig sind. Jener betrachtet das Erworbene und zu Erwerbende nicht als Mittel zu guten Absichten, sondern als Zweck, und er rafft daher, so viel er kann, zusammen, nicht um einen vernünftigen und würdigen Gebrauch davon zu machen, sondern nur in der Absicht, es zu haben, es das seinige zu nennen; dieser hingegen achtet des[228] Reichthums an und für sich selbst nicht, aber er achtet seiner als eines Mittels zu seinem und der Seinigen Wohlergehen, und zugleich als eines Mittels zu Werken der Menschenliebe und zu solchen gemeinnützlichen Unternehmungen, welche nur dem Begüterten möglich sind. Hier trifft also in mehr als Einer Betrachtung das alte Sprichwort ein: wenn zwei einerlei thun, so ists nicht einerlei. Der Geizige und der Erwerbsame bleiben himmelweit verschieden.

Eben so auch der edle Uneigennützige und der unedle Verschwender. Die Scheidewand, welche diese beiden von einander trennt, heißt Gerechtigkeit und Weisheit. Der Uneigennützige ist freigebig und großmüthig, aber mit Gerechtigkeit gegen sich und gegen Andere; er gibt daher, und zwar gern, aber nur das, was er hat, nur das, was er entbehren kann, nur das, was wirklich sein, nicht fremdes Eigenthum ist; und bevor er sich das selige Gefühl erlaubt, welches Handlungen der Mildthätigkeit und der Großmuth mit sich führen, blickt er erst sorgfältig umher, ob auch schon der Gerechtigkeit in Allem ein Genüge geschehen sei: der Verschwender aber wirft ohne Ueberlegung weg, was oft nicht sein ist, was seinen unerzogenen Kindern, was seinen bedrängten Blutsverwandten, oder gar seinen Gläubigern, oder gar dem armen Handwerksmanne gehörte, der seinen Schweiß für ihn vergossen hat, und der mit Weib und Kindern[229] nun nach Brod seufzen muß, weil er den wohlverdienten Lohn seiner Arbeit nicht erhalten kann. Der Erste gibt mit Weisheit da, wo es wirklich noth thut, da, wo es wirklich angewandt ist, da, wo die Summe des Bösen in der Welt dadurch wirklich verringert, die Summe des Guten dadurch wirklich vergrößert werden kann; der Letzte hingegen wirft mit vollen Händen ohne Absicht, höchstens nur in der selbsüchtigen und unedlen Absicht aus, sich sinnliches Vergnügen und Befriedigung seiner Leidenschaften zu erkaufen, ohne Hinsicht auf Menschenpflicht und Gemeinnützigkeit. Beide gehen daher sehr weit von einander ab, ungeachtet beide darin übereinkommen, daß sie gleich weit von Habsucht und Geiz, nur in verschiedener Richtung, sich zu entfernen suchen.

Und nun, mein Kind, werden wir im Stande sein, den geraden Mittelweg zu bezeichnen, den du in Ansehung der jetzt beschriebenen Tugenden einschlagen mußt, wenn die auf beiden Seiten angränzenden Laster glücklich von dir vermieden werden sollen. Es kommt dabei, wie bei allem, was sittlich ist, auf Zweck, Mittel und Manier an.

Hast du die gute Absicht, etwas zu erwerben, und das Erworbene zu Rathe zu halten, nicht um es nur zu besitzen, nicht um thörichte Wünsche oder fehlerhafte Neigungen damit zu befriedigen, sondern um es[230] zu deinem und der Deinigen wahren Wohl, zu gemeinnützigen Unternehmungen und zu Werken weiser Menschenliebe anzulegen; wendest du, um dein Eigenthum zu erhalten und zu vermehren, keine andere als rechtmäßige und anständige, von deinem Gewissen und von einem vernünftigen Ehrgefühl gebilligte Mittel an; thust du dabei gern deine milde Hand dem Dürftigen und Nothleidenden auf, um von deinem Ueberflusse ihm das, was wirklich dein ist, und was du, ohne Verletzung einer höhern Pflicht, weggeben kannst, liebreich mitzutheilen; gibst du endlich Jedem, was sein ist, zu rechter Zeit und ohne Verkürzung: dann erfüllst du durch Erwerbsamkeit, Fleiß und Sparsamkeit eine schöne und große Pflicht, als Mensch und Bürgerinn; dann handelst du besonders deiner Bestimmung zur Hausmutter, zur Vorsteherinn des Hauswesens, ganz gemäß; dann kann dein Trieb zu erwerben und zu ersparen, auch wenn er noch so lebhaft ist, nie in Geiz, wie deine Neigung zur Wohlthätigkeit nie in Verschwendung ausarten.

Was den Erwerbungs- und Ersparungstrieb insonderheit betrifft, so vernimm nunmehr die Gründe, welche dich bewegen müssen, dir ihn zu eigen zu machen.

Erstens sind ja – Glücksfälle, welche kein Vernünftiger in Anschlag bringen muß, abgerechnet – haushälterische Sparsamkeit und Erwerbsamkeit, die[231] einzigen Mittel, uns und die Unsrigen vor Mangel, Noth und Elend zu schützen, weil die Vorsehung, welche am besten wußte, wie höchst schädlich ein ganz unthätiger und sorgenloser Zustand für den Menschen wäre, die Ausübung dieser Tugend zu einer nothwendigen Bedingung unserer Erhaltung gemacht hat. Laß eine, in den finstern Zeiten der Priesterherrschaft ersonnene Mönchslehre die Verachtung aller irdischen Güter empfehlen; es ist und bleibt doch nichts desto weniger wahr, daß wir alle, der Eine mehr, der Andre weniger, eine Menge von natürlichen und angenommenen Bedürfnissen haben, deren einige wenigstens, schlechterdings befriediget werden müssen, wenn wir leben, und unsers Lebens einigermaßen froh werden wollen; und daß diese Bedürfnisse nicht anders, als durch die sogenannten irdischen Güter – die Nahrungs- Kleidungs- und Bequemlichkeitsmittel – befriediget werden können. Diese Mittel also durch redlichen Fleiß und Sparsamkeit zu erwerben und zu Rathe zu halten, kann nicht nur nicht unerlaubt sein, sondern es gehört vielmehr ganz eigentlich zu dem, was wir uns selber und den Unsrigen schuldig sind, unsern Verstand, unsere Kräfte und unsere Geschicklichkeiten dazu aufzubieten. Dir dis erst weitläuftig beweisen zu wollen, hieße, meine ich, etwas sehr Ueberflüssiges thun.[232]

Und ist es nicht zweitens auch ohne allen Zweifel schön und rühmlich, durch eigene Geschicklichkeit, Sorgfalt und Sparsamkeit nicht nur das, was man wirklich selbst bedarf, sondern auch Mittel zur Wohlthätigkeit, zur Verminderung des menschlichen Elendes und zur Verbreitung menschlicher Glückseligkeit zu erwerben? Schaue umher, mein Kind, und siehe, wie Mangel, Noth und Elend so viele unserer Brüder drücken: fühle bei diesem traurigen Anblicke die heilige Pflicht der Mildthätigkeit; erneure zugleich in deiner Seele die dir hoffentlich nicht mehr fremde, so überaus süße Empfindung, welche dem, der diese Pflicht erfüllt, so unmittelbar und so reichlich zu lohnen pflegt: und sage dann selbst, ob es, um dieser seligen Empfindung oft theilhaftig werden zu können, nicht der Mühe werth sei, sich von früher Jugend an zu haushälterischer Sparsamkeit und zu jeder Art von rechtmäßiger und anständiger Erwerbsamkeit zu gewöhnen?

Bedenke daneben drittens, daß es ganz eigentlich zu der Bestimmung des Weibes gehört, den Erwerb des Mannes räthlich und klüglich zu verwalten, ihm dadurch sowol, als auch durch miterwerbende häusliche Geschäftigkeit die Sorgen der Nahrung zu erleichtern, und ihn durch beides zu einem ruhigen und frohen Genuß der Früchte seines Fleißes zu verhelfen. Groß und unheilbar sind die Leiden eines Mannes, dessen[233] unwürdige Gattinn diesem wesentlichen Theile ihrer Bestimmung, es sei nun aus Hang zur Unordnung und Verschwendung, oder aus Mangel an wirthschaftlichen Kenntnissen und Fertigkeiten, kein Genüge thut. Seine eigene Sparsamkeit, Arbeit und Strebsamkeit sind umsonst; und umsonst ist der stärkste Zufluß des Segens, den er durch unermüdeten Fleiß und sorgenvolle Unternehmungen in sein Haus zu leiten weiß. Sein Haus gleicht einem durchlöcherten Gefäße; jemehr auf der einen Seite in dasselbe einfließt, desto mehr rinnt auf der andern Seite wieder aus. – Aber schön und beneidenswerth ist das Loos des glücklichen Mannes, dem eine kluge und strebsame Wirthinn – das Wort in seiner edlen und vollen Bedeutung genommen – zum Weibe ward! Auch bei den mäßigsten Einkünften ist sein wohlbesorgtes Haus ein Bild des Wohlstandes; wohin er sieht, erblickt er Ordnung, Reinlichkeit und wirthliche Geschäftigkeit; er darf seiner treuen und klugen Gattinn Alles anvertrauen; darf sich selbst aller häuslichen Aufsichtssorgen entschlagen und mit vollkommener Sicherheit seine ganze Aufmerksamkeit auf die eigentlichen Gegenstände seines Berufs und seines Gewerbes richten; sein Haushaltungsplan steht, nach einmahl genommener Abrede, fest und unerschütterlich, und er braucht nicht, wie der unglückliche Mann der Verschwenderinn, bei jedem Abschlusse zu zittern, daß ihm nachzuzahlende Schuldposten angegeben werden, auf die er[234] nicht gerechnet hatte; er selbst kann daher auch in allen Rechnungs- und Geldsachen ein Mann von Wort sein; kann auf Tage und Stunden bestimmen, wann er dis und wann er Jenes abtragen will; kann seinen Kredit dadurch auf immer feststellen, und jedesmahl durch eine zeitige und richtige Abtragung seiner Verbindlichkeiten sich das Vertrauen und die Achtung seiner Mitbürger erwerben; sein Gewerbe blüht, seine Unternehmungen gelingen, weil er von häuslichen Sorgen befreit, sich ihnen ganz und mit ungetheilten Seelenkräften widmen kann; und kehrt er, ermüdet von den Geschäften des Tages, am Abend in den Schoß seiner glücklichen Familie zurück, so findet er sich durch die Ordnung, durch die geschäftige Munterkeit, welche sein ganzes Haus belebt, für den vergossenen Schweiß des Tages reichlich belohnt. Sein Herz fließt von Erkenntlichkeit gegen die treue, kluge und geschäftige Gefährtinn seines Lebens über, und jede Aeußerung seiner Zufriedenheit und seiner dankbaren Liebe ist für alle Glieder der Familie, bis auf den untersten Dienstboten hinab, eine Losung zur festlichen Fröhlichkeit. Glücklicher Mann! Ehrwürdiges Weib! Beneidenswerthe Familie!

Endlich, mein Kind, vernimm noch einen vierten Bewegungsgrund zur haushälterischen Sparsamkeit, der in der eigenthümlichen Beschaffenheit unserer jetzigen Zeit-umstände liegt. Es wird wol schon deiner eigenen[235] Beobachtung aufgefallen sein, wie schnell seit einiger Zeit die schwelgerische Ueppigkeit und die erkünstelten Bedürfnisse der Menschen in allen Ständen um sich gegriffen haben, und wie die Preise der Dinge in gleichem Grade mit jedem Jahre höher gestiegen sind, und zu steigen noch immer fortfahren. Diese von einander unzertrennlichen Dinge gleichen dem Schneeballe, der von einem steilen Gebirge herabrollt. Einmahl in Bewegung gesetzt, hört er nicht wieder auf zu rollen und anzuschwellen, bis er selbst zu einem fallenden Berge wird, der ein ganzes Thal mit allen seinen Bewohnern begräbt. Schon jetzt gehören die Familien, die unter diesen Umständen nicht von größern oder geringern Nahrungssorgen gequält werden, unter die selteneren, unter die Ausnahme; in der Regel wird es jedem Hausvater sauer, für die steigenden Bedürfnisse seiner Familie Rath zu schaffen. Schon jetzt sieht mancher junge Mann bei Einkünften, woran noch vor zwanzig Jahren eine angesehene und zahlreiche Familie genug gehabt haben würde, sich durch den ungeheuren Aufwand, den in unsern Tagen ein Hausstand nöthig macht, in die Unmöglichkeit zu heirathen gesetzt; und schon jetzt geräth Mancher durch das zerrüttete Verhältniß zwischen seinen Einnahmen und Ausgaben in Versuchungen zu Unterschleifen, Uebervortheilungen und Schelmereien, welche stärker als seine Tugend sind. Was wird's nicht erst nach funfzig und was nach hundert Jahren sein,[236] wenn Prachtliebe, Schwelgerei, Verfeinerungssucht, und ihre beständige Gefährtinn, die Sittenlosigkeit, zu einer immer fürchterlicheren Höhe anzuwachsen fortfahren werden? Wenn also Sparsamkeit und Haushältigkeit jemahls Tugenden genannt zu werden verdienten, so ist es jetzt; und wenn es Tugenden gibt, von denen sich behaupten läßt, daß sie, vergleichungsweise, dem weiblichen Geschlechte noch in einem höhern Grade nöthig und unentbehrlich sind, als dem männlichen: so sind es diese. Denn was ist billiger, als daß der minder erwerbende Theil durch haushälterische Verwaltung und Zurathehaltung dessen, was der andere erwirbt, diesem die Arbeit erleichtere, und wenigstens dadurch zu dem, was beide gebrauchen, seinen kleinen Beitrag entrichte? Und was kann zu der Bestimmung einer Hausmutter wesentlicher gehören, als die Sorge für das von ihrem Gatten ihr anvertraute Hauswesen und dessen kluge und sorgfältige Verwaltung?

Die allgemeine Klage über das Verderben, welches nachlässige, in Haushaltungssachen ungeübte und verschwenderische Weiber jetzt in so mancher, bloß dadurch unglücklichen Familie stiften, und die Bemerkung, wie selten jetzt die Mütter sind, welche ihre Töchter dazu anführen und bilden, einst tüchtige Hausfrauen und Wirthinnen zu weiden, haben mich vermocht, über diesen, in der That wichtigen, Gegenstand[237] mich so umständlich auszulassen; und ich hoffe nun, wenigstens dich, meine liebe Tochter, von der Nothwendigkeit überzeugt zu haben, dich schon jetzt zu beeifern, ein sparsames und haushälterisches Mädchen zu sein, um einst auch in diesem Betracht eine musterhafte Hausfrau zu werden. Schon jetzt, sage ich; denn zu dieser, wie zu den meisten andern Tugenden wird die menschliche Seele entweder in der Jugend, oder niemahls, gebildet. Früh oder niemahls erlangt man den scharfen haushälterischen Blick, dem nichts entgeht, was dem Hauswesen zum Vortheil oder zum Nachtheil gereichen kann; und früh oder niemahls macht man sich den Geist der Aufmerksamkeit auf eine Menge kleiner Dinge, den Geist der Ordnung in Geschäften und die Fertigkeit im Ueberlegen und Entschließen zu eigen, welche eine wackere Hausmutter auszeichnen müssen. Dis bezeugen alle meine Erfahrungen, ohne Ausnahme.

Aber wie mußt du es denn nun anfangen, um diese dir einst so unenbehrliche Tugend schon jetzt zu erwerben? – Du mußt es hiemit, wie mit jeder andern Tugend machen, die du deinem Karakter einzuverleiben wünschest – du mußt sie üben, schon jetzt und zwar regelmäßig und unablässig üben. Das wird geschehen, indem du immer mehr und mehr an die Stelle deiner Mutter trittst, und immer mehr von ihren Pflichten übernimmst; indem du uns immer[238] mehr und mehr durch Beweise von Aufmerksamkeit auf Alles, was zum Hauswesen gehört, durch freiwillige Theilnahme an allen Geschäften der Haushaltung, und durch eine treue und pünktliche Besorgung derjenigen Theile derselben, welche dir übertragen sind, so viel Vertrauen zu deinem Verstande und zu deiner Achtsamkeit einflößen wirst, daß wir dir nicht bloß die Haushaltungskasse gänzlich anvertrauen, sondern es auch deiner eigenen Ueberlegung, Wahl und Eintheilung überlassen können, zu bestimmen, was an jedem Tage zur Bestreitung der Bedürfnisse des Hauses angeschafft, gekauft und verbraucht werden muß. Wenn du denn diesen, für dich ehrenvollen Auftrag, zu unserer Zufriedenheit besorgen, wenn du dahin sehen wirst, daß deine Ausgaben und Einnahmen immer im richtigen Verhältnisse bleiben; wenn du am Ende eines jeden Monats, alles, was von Kaufmannswaaren eingenommen ward, mit Bescheinigungen, alle übrige Einzelheiten der Ausgabe mit einem ordentlich geführten, deutlich geschriebenen und sauber gehaltenen Rechnungsbuche wirst belegen können; wenn deine Mutter bei fleißiger und sorgfältiger Beobachtung deines ganzen wirthschaftlichen Verfahrens dir das rühmliche Zeugniß des Wohlverhaltens, der Klugheit und der haushälterischen Sparsamkeit geben wird: dann, mein liebes Kind, kannst du nach Verlauf einiger unter diesen nothwendigen Uebungen verflossenen Jahre dich den prüfenden Augen eines jeden guten Wirths[239] und einer jeden guten Wirthinn ruhig darstellen, und ihres Beifalls über deine wirthschaftlichen Kenntnisse und Fertigkeiten gewiß sein; und ich, dem der Vorzug, wodurch du dich dann vor Tausenden deiner Mitschwestern auch hierin auszeichnen wirst, nicht entgehen kann, werde Ursache haben, mich unter die glücklichsten Väter zu zählen. Ich traue es deinem Verstande und deinem Herzen zu, daß du es der Mühe werth finden werdest, alle deine Kräfte aufzubieten, um nach diesem rühmlichen Ziele mit ganzer Seele hinzustreben; und ich wünsche zum voraus, dir, uns und deinem künftigen Gatten Glück dazu.


Bald werden wir das rührende und liebenswürdige Bild eines Weibes, das seine Bestimmung erfüllt, völlig ausgezeichnet haben. Nur noch einige Pinselstriche, und es steht, zwar in einem sehr unvollkommenen und mangelhaften Gemälde, aber doch auch so in einer Schöne und Würde da, denen kein unverderbtes Herz und kein gesunder Verstand die Huldigung wird versagen können.

Häuslichkeit – heißt der neue, gleichfalls wesentliche Zug, den wir noch hinzufügen müssen, oder vielmehr, den wir, ohne es zu merken, schon hinzugefügt haben, weil er mit dem letztgezeichneten, wo nicht völlig einerlei ist, doch wenigstens unzertrennlich[240] zusammenhängt. Wir dürfen also nur noch etwas mehr Licht darauf fallen lassen.

Diese Tugend besteht, wie ich kaum erst noch anzudeuten nöthig habe, in derjenigen herrschenden Gemüthsstimmung, da das Weib den Aufenthalt in ihrem Hause, die Beschäftigung mit ihrer Wirthschaft und mit der Bildung ihrer Kinder, die stillen häuslichen Vergnügungen und den Umgang mit ihren Hausgenossen, jeder Zerstreuung und jeder Belustigung außer dem Hause und in fremder Gesellschaft, aus Neigung vorzieht, und an dem letzten nur in dem Maße Antheil nimmt, in welchem die Gesetze des Wohlstandes und die Pflicht der Geselligkeit es ihr durchaus nothwendig machen. Die Gründe, welche dir die Erwerbung dieser Tugend wichtig machen müssen, sind in der Kürze folgende:

Erstens dein Beruf. Dieser geht ja recht eigentlich dahin, die Seele deines Hauswesens zu sein, d.i., jeden Theil desselben, wie ein Glied von dir, zu lenken und zu regieren; für jeden Theil desselben, bis auf die kleinsten Einzelheiten hinab, zu wachen und zu sorgen; jeden Theil desselben – und seiner Theile sind viele – vor Unordnung, Verschlimmerung und Verderben zu bewahren: wie könntest du dis, wenn deine Neigung dich oft aus dem Mittelpunkte dieser deiner Berufswirksamkeit hinaus zu außerhäuslichen[241] Zerstreuungen und Ergetzlichkeiten riefe? Dein Beruf; denn dieser geht ja ferner recht eigentlich und zwar ganz besonders auch dahin, die Pflegerinn und Bildnerinn derjenigen Kinder zu sein, welche der Vater der Menschen einst durch dich ins Dasein rufen wird, um durch dich zu glückseligkeitsfähigen Geschöpfen und zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft gebildet zu werden; und wie könntest du diese große und heilige Pflicht, von welcher nichts dich freisprechen kann, ohne Häuslichkeit erfüllen? Dein Beruf; dieser zweckt ja endlich und zwar vorzüglich auch noch darauf ab, daß du dem Manne, dessen Schicksale die Vorsehung mit den deinigen einst unzertrennlich verknüpfen wird, das Leben versüßen, ihm sein Haus zum Mittelpunkt seiner Glückseligkeit, und den Kreis seiner Lieben, an deren Spitze du stehen wirst, zur angenehmsten Gesellschaft machen sollst; und wie könntest du das abermahls, wenn das stille häusliche Leben für dich selbst nichts Reizendes hätte, wenn du selbst dich stündlich aus demselben hinaus sehntest, um dich in Zerstreuungen und Lustbarkeiten außer dem Hause zu verlieren?

Zweitens das Armselige, Unbefriedigende und Täuschende der außerhäuslichen Zerstreuungen und Ergetzlichkeiten, welche des hohen Preises der stillen häuslichen Glückseligkeit, die man so unbedachtsam dafür hingibt, doch wahrlich nicht[242] werth sind. Ich berufe mich hiebei auf dein eigenes Gefühl, welches, wenn ich nicht sehr irre, schon lange hierüber gesprochen und den zwar einfachen, aber auch reinen und dauerhaften Vergnügungen, welche das häusliche Leben einer in sich glücklichen Familie versüßen, bei weiten den Vorzug zuerkannt hat. Du mußt es nothwendig schon gemerkt haben, wie arm jene glänzenden und rauschenden Zusammenkünfte der großen Welt an wirklichen Freuden sind; wie wenig alle die edleren Bedürfnisse des Geistes und des Herzens, welche unsern wahren Werth bestimmen, dabei befriediget werden, und wie groß und unangenehm die Leere ist, welche Zerstreuungen dieser Art, sobald sie vorüber sind, in jedem wohlgeordneten Gemüthe zurückzulassen pflegen. Ich enthalte mich daher aller Weitläuftigkeit hierüber um so viel lieber, da ich zu meinem Vergnügen wahrgenommen zu haben glaube, daß du, jener eigenen Bemerkung zufolge, nach Zerstreuungen dieser Art eben keine große Sehnsucht in dir verspürst, und daß es dir gar keine Ueberwindung kostet, selbst dann Verzicht darauf zu thun, wenn die Gelegenheit dazu dir angeboten wird, und es nur von dir abhängt, Gebrauch davon zu machen.

Endlich drittens das wahre und beneidenswerthe Glück eines Weibes, dem es bei eigener Neigung zur Häuslichkeit gelungen ist,[243] ihr Haus und den darin befindlichen kleinen Familienzirkel, auch zugleich ihrem Gatten so angenehm und werth zu machen, daß er sich nirgends lieber als in ihm befindet. Dis Verdienst, das größte, welches ein verehlichtes Frauenzimmer sich erwerben kann, bestimmt nicht nur das Maß ihrer eigenen Glückseligkeit, sondern auch den Grad der Achtung aller verständigen Menschen gegen sie. Man schätzt nämlich durchgängig, wo wahre Vollkommenheiten und Tugenden noch nicht ganz verkannt werden, den Werth des Weibes, nach der Art, wie sie das Herz ihres Gatten zu gewinnen, den Besitz desselben zu erhalten, diesem Herzen zu genügen und es zu beglücken versteht. So wie aber dis das höchste Ziel ihres vernünftigen Ehrgeizes sein muß: so ist es auch zugleich die unumgänglich nothwendige Bedingung ihrer eigenen Glückseligkeit, die von der Glückseligkeit ihres Gatten wahrlich unzertrennlich ist. Um dis recht anschaulich wahrzunehmen und dich davon zu überzeugen, rufe, mein liebes Kind, in deinem eigenen Gedächtniß aus der Zahl deiner Bekanntschaften ein paar entgegengesetzte Beispiele von Weibern hervor, deren Eine ihre Zufriedenheit und Freude immer in außerhäuslichen Kreisen suchte, die Andere hingegen sie immer innerhalb ihres eigenen Hauses fand; und sage dir dann selbst, welche von beiden dir die glücklichste zu sein scheint? Ich müßte mich in deiner Art wahrzunehmen, zu empfinden[244] und zu urtheilen hier zum erstenmahle gröblich irren, oder du wirst nicht einen Augenblick anstehen, den Zustand der Letzten schön und wünschenswürdig, den der Ersten hingegen armselig und bedaurenswerth zu finden. Wie sanft, ruhig und heiter fließen Jener die meisten Stunden ihres Lebens hin; wie ungleichförmig hingegen, wie unruhig und tumultvoll sind die abwechselnden Lagen, zwischen welchen Diese, wie ein Schiff auf dem Rücken eines stürmischen Meeres, hin und hergeworfen wird! Da ist fast nie an jenen glücklichen Mittelzustand der Empfindungen, der für unsere gesammte körperliche und geistige Natur so überaus wohlthätig ist, für sie zu denken; Ueberspannung oder Erschlaffung, Berauschung von erkünstelten Ergetzlichkeiten oder Hinsinken in einen, beinahe an Zernichtung gränzenden Zustand, sind die beiden unnatürlichen Endpunkte, zu denen sie sich wechselsweise hingeschleudert sieht. Und durch wen? Durch sich selbst; durch den Mangel an Häuslichkeit; durch ihr Unvermögen sich in ihrem eigenen Hause eine Welt im Kleinen und in dieser kleinen Welt alles das selbst zu schaffen, was die Bedürfnisse einer wohlgebildeten Menschenseele befriedigen kann.


Aber nicht die bloße Neigung zu einem stillen häuslichen Leben überhaupt, und nicht die bloße Abneigung von zerstreuenden Ergetzlichkeiten, außer dem Hause[245] genossen, allein; sondern vielmehr die Art, wie ein Frauenzimmer sich in ihrem Hause zu beschäftigen und in der Abwartung häuslicher Geschäfte ihr Vergnügen zu finden weiß, erhebt die Häuslichkeit zu dem Range einer Tugend, und macht sie deiner Bestrebungen werth. Also nicht jene schlaffe Trägheit, welche einige Personen deines Geschlechts bewegt, sich nicht bloß in ihrem Hause, sondern auch in ihrem Zimmer einzusperren, und sich auf ein unthätiges, weichliches und träges Lehnstuhlleben einzuschränken; sondern vielmehr eine weise, für Leib und Seele wohlthätige Gewöhnung an häusliche Thätigkeit ist es, was ich dir hier unter dem Namen der Häuslichkeit empfehlen wollte. Und auch diese muß, wenn sie zweckmäßig, für dich und die Deinigen wohlthätig sein soll, nicht nur überhaupt auf nützliche, sondern auch auf solche Gegenstände gerichtet sein, welche recht eigentlich zu deinem Berufskreise gehören.

Bist du also, wie ich wünsche und hoffe, entschlossen, dir auch diese zu deiner Bestimmung unentbehrliche weibliche Tugend zu erwerben: so fliehe, mein Kind, zuvörderst und vor allen Dingen den Müßiggang; jenes verderbliche Nichtsthun, welches oft noch schlimmere Folgen, als sogar das Uebelthun, hat. Durch unablässige Uebungen in nützlicher Geschäftigkeit müssen Fleiß und Arbeit dir zu einem eben so wesentlichen Bedürfnisse, als das Athemholen, werden; und nie[246] müsse eine häusliche Beschäftigung, sie sei übrigens welche sie wolle, dir unangenehmer und beschwerlicher vorkommen, als das Unangenehmste und Beschwerlichste von allem, die gänzliche Geschäftslosigkeit. Denn, glaube mir, mein liebes Kind, es gibt unter allen Verwöhnungen, an denen unsere Natur erkranken kann, keine unheilbarere und verderblichere, als die der Trägheit und des Müßiggangs. Sie verderbt den Körper und macht ihn ungesund; lähmt unsere Kräfte; macht uns unlustig und unfähig zu jedem Guten; regt unsittliche, oft schändliche Wünsche, Neigungen und Triebe in unserer Seele auf; verscheucht aus ihr diejenige Heiterkeit und Zufriedenheit, welche die Folge und der Lohn jeder nützlichen Geschäftigkeit sind, und erfüllt Herz und Kopf mit Mißmuth, Trübsinn und Verdrießlichkeit. Also weg, für immer weg mit ihr!

Aber auch weg mit jener scheinbaren Geschäftigkeit, welche keine Geschäftigkeit ist; mit jenen unnützen zeitverderbenden Tändeleien, welche der Trägheit zum Deckmantel dienen, und welche man, zur Schande deines Geschlechts, unter dem Namen weiblicher Arbeiten zu begreifen pflegt. Zwar habe ich nichts dawider, daß ihr Dinge dieser Art bei gesellschaftlichen Zusammenkünften und in solchen Stunden, welche für das thätige Leben ohnehin verloren sein würden, an die Stelle des gänzlichen Nichtsthuns setzet – dis lobe ich vielmehr, und bedaure, daß[247] unsere Sitten dem männlichen Geschlechte nicht etwas Aehnliches zu Gute halten – aber sie zu seiner eigentlichen Berufsgeschäftigkeit zu rechnen, und sie in den der Arbeit gewidmeten Stunden an die Stelle der weit nöthigern, weit nützlicheren und heilsameren hausmütterlichen Thätigkeit zu setzen, das werde ich immer einen schädlichen und tadelnswürdigen Zeitverderb, und eine Versündigung an Gott, an euch selbst und an der menschlichen Gesellschaft nennen. An Gott: denn dieser rüstete euch, wie uns, mit so vielerlei edlen Kräften und Fähigkeiten doch wahrlich nicht dazu aus, daß ihr etwa nur Okki's oder Knötchen hienieden schürzen solltet; an euch selbst: denn ist es nicht ausgemachte, allgemeine Erfahrung, daß diejenigen Personen deines Geschlechts, die ihre ganze Berufswirksamkeit auf solche erbärmlich kleine Nichtswürdigkeiten einschränken, dadurch nach und nach an Leib und Seele verkommen, an Geist und Herzen verkrüppelt und zum Genuß der reinsten und dauerhaftesten Art menschlicher Freuden, der häuslichen und Familienglückseligkeit, gänzlich unfähig werden? An der menschlichen Gesellschaft endlich: denn ist diese für das, was sie euch gewährt – für Schutz, Unterhalt, Bequemlichkeiten – nicht berechtiget, auch von euch, wie von dem männlichen Geschlechte, zu verlangen, daß ihr etwas dafür wiedergeben, daß ihr mit euren Kräften, nach Maßgabe der Gelegenheit, die euch dazu gewährt wird, etwas wirken, etwas[248] schaffen sollt, was der Gesellschaft, was dem Staate, worin ihr lebet, Nutzen bringen kann?

Und was soll, was kann es sein, das ihr dem Staate wiederzugeben im Stande und verpflichtet seid? Was anders, als die treue und gewissenhafte Erfüllung aller der hausmütterlichen Pflichten, die ich bis hieher auseinander gesetzt habe; also Aufsicht über das Innere des Hauswesens; Anordnung aller dazu gehörigen Geschäfte; Beförderung derselben durch Gegenwart und Theilnahme; Sparsamkeit, haushälterisches Zurathehalten und Erwerbfleiß; Sorge für Ordnung und Reinlichkeit; vernünftige Kinderzucht; Beglückung des Mannes und Beförderung seiner dem Staate ersprießlichen Thätigkeit durch Aufheiterung und Verwahrung vor häuslichen Leiden und Verdrießlichkeiten! Das, das ist es, was die menschliche Gesellschaft von euch verlangt, von euch zu verlangen berechtiget ist, und was ihr, ohne Ungerechtigkeit, ihr nicht schuldig bleiben könnt! Das ist aber auch, wie du wol siehst, eine Foderung, zu deren Erfüllung etwas mehr, als bloßes Tändeln, gehört. Dazu wird Gewöhnung an wirkliche Geschäftigkeit, dazu wird Uebung der Gliedmaßen und der Verstandeskräfte durch jede Art von nützlicher weiblicher Thätigkeit, dazu werden Fleiß, ausdauernde Geduld und Anstrengung erfodert. Diese suche dir also immer mehr und mehr zu eigen zu[249] machen, und erhebe dich dadurch an Werth und Verdienst weit über den unedlen Troß gemeiner Weiberseelen, welche nur da zu sein glauben, um ein unrühmliches Raupenleben zu führen, zu genießen, was der Fleiß des Mannes erarbeitet, und dem erwerbenden Manne selbst, gleich wirklichen Kerbthieren, den Genuß desselben zu verleiden.


Endlich, mein Kind, laß mich dieses unvollkommene Gemälde der Tugenden, wonach du ringen, und der Pflichten, die du, wenn du ein recht würdiges und recht glückliches Weib werden willst, emsig und gewissenhaft zu erfüllen dich bestreben mußt, damit endigen, womit ich es anfing – mit der wiederholten Einschärfung einer Tugend, die, wo nicht zu den ersten, doch zu den unentbehrlichsten deines Geschlechts gehört. Sie heißt: Gewöhnung an Abhängigkeit! Dazu bist du nun einmahl geboren; dazu bist du nun einmahl von der Natur sowol als auch von der menschlichen Gesellschaft bestimmt, und alles Sträuben und Sperren dagegen würde dir wahrlich zu weiter nichts dienen, als die sanften Bande der Liebe, welche diese Abhängigkeit leicht machen sollen, in drückende Ketten der Knechtschaft zu verwandeln. Sei also weise, junge Weltbürgerinn, und lerne, dich willig in eine Ordnung fügen, welche die Natur selbst beliebt und die ganze[250] menschliche Gesellschaft, so weit wir sie kennen, angenommen hat. Thue Verzicht auf einen unabhängigen Willen, vornehmlich auf eigene Launen und auf jede Art von Widersetzlichkeit. Lerne, dich als das zweite Glied in der Kette deines Hauswesens denken; dein künftiger Gatte wird und muß das erste sein; und so wie alle die übrigen Glieder von dir abhängig sein werden, so mußt du selbst mit allen übrigen zugleich es von ihm sein. Erkennst du dieses natürliche und billige Verhältniß willig an; unterwirfst du dich gern und ohne Murren den bessern Einsichten des Mannes, den du selbst würdig gefunden haben wirst, dein Beschützer und Führer auf der Reise durchs Leben zu sein; gibst du dich ihm ganz und ohne Rückhalt hin, um nur für ihn und in ihm einzig und allein zu leben und zu weben; thust du nicht bloß aus Gewissenhaftigkeit, sondern auch aus wahrer Klugheit, Verzicht auf alle die kleinen und unredlichen Verstellungskünste und weiblichen Schelmereien, womit so manche ihren ehelichen Freund zu täuschen und zu hintergehn sich erlaubt; siehst du vielmehr zu jeder Zeit mit allen deinen Gedanken, Empfindungen und Handlungen offen vor ihm da, und suchst ihm nichts zu verheimlichen, nichts zu verdrehen, nichts abzulisten; gebrauchst du endlich, wann er starrköpfig oder übellaunig ist, nie andere Schutz- und Trutzwaffen gegen ihn, als die, welche die Natur selbst dir gab –[251] Nachgiebigkeit, Sanftmuth, Bitten und zärtliche Liebkosungen: dann, mein liebes Kind, kann und wird der abhängige Zustand, wozu du geboren bist, nie drückend für dich werden können; dann wird das Herz deines Gatten, mit allen seinen Eigenheiten und Launen, wenn es dergleichen hat, ganz in deiner Hand sein, und du wirst es biegen und lenken können, wie und wohin du willst; dann wird er an dir, wie du an ihm hangen, und die schreckhaften Vorstellungen von Herrschaft und Abhängigkeit werden sich ganz von selbst in die süßesten Gefühle einer gegenseitigen zärtlichen und vollkommenen Uebereinstimmung auflösen.


So viel von den sittlichen Tugenden des Weibes, die du, wenn du deine Bestimmung erreichen, selbst glücklich sein und Andere glücklich machen willst, nothwendig, und zwar vor allen andern Eigenschaften und Fertigkeiten, dir zu eigen machen mußt.

Aber auch hiemit ist noch nicht alles gethan. Ein Weib kann die bisher von mir beschriebenen Fertigkeiten, Verdienste und Tugenden ihres Geschlechts alle und zwar in hohem Grade besitzen; kann dadurch Jeden, der sie kennen lernt, zur[252] Hochachtung und Bewunderung zwingen; und dennoch – wenn ihr bei dem allen Eins gebricht – gänzlich unfähig sein, die dauernde Liebe eines gebildeten Mannes und die herzliche Zuneigung eines Freundes oder einer Freundinn von edler Erziehung zu gewinnen. Dieses Eine also, was für euch von so großer Erheblichkeit ist, laß uns nun zuletzt gleichfalls noch in ernstliche Erwägung ziehn.

Es heißt: äußerliche Annehmlichkeiten.

Das Weib ist dazu bestimmt, dem Manne zu gefallen, ihn an sich zu ziehn und durch die Bande einer zärtlichen Zuneigung unauflöslich mit sich zu verketten. Das einzige Mittel hiezu sind geistige und körperliche Reize, oder innere und äußere Annehmlichkeiten. Von jenen, die in weiblichen Verdiensten und sittlichen Tugenden bestehn, habe ich bis jetzt geredet. Durch sie wird der innere Mensch, die Vernunft und der sittliche Sinn des Mannes befriediget; aber der Mann hat auch körperliche Sinne, mithin auch Bedürfnisse und Neigungen, welche sich nur auf diese beziehen. Auch diese wollen befriediget sein. Sein Auge verlangt an dem Gegenstande, den er lieben soll, nichts Widriges, nichts Verzerrtes, nichts Ekelhaftes zu finden; sein Ohr will nicht durch das Kreischen oder Schnattern einer unangenehmen, scharfen oder rauhen Stimme[253] beleidiget sein. Seine übrigen Sinne machen ähnliche Foderungen. Es braucht nur Einer von ihnen auf eine Widerwillen und Ekel erregende Weise angegriffen zu werden, und es ist ihm, wenigstens für den Augenblick, oft auch, je nachdem er tiefer oder flacher empfindet, auf längere oder kürzere Zeit unmöglich, den Gegenstand, von dem die Beleidigung seiner Sinne oder seines Geschmackes ihm kam, zu lieben. Es ist also äußerst wichtig für das Weib, von ihrer Person, von ihrem Anzuge und von ihrem ganzen äußerlichen Wesen und Thun alles dasjenige sorgfältig zu entfernen, was auf die Sinne und den Geschmack des gebildeten Mannes dergleichen unangenehme Eindrücke machen könnte, und sich dagegen in den Besitz aller derjenigen Annehmlichkeiten und Reize zu setzen, die ihn anziehen und fesseln können. Und worin bestehen diese äußerlichen Annehmlichkeiten?

Daß hier nur von solchen die Rede sein könne, welche nicht von der größern oder geringern Freigebigkeit der Natur, sondern von unserer eigenen Sorgfalt abhängen, die also auch durch Aufmerksamkeit auf uns selbst und durch eigene Veredelung unsers Wesens erworben werden können, versteht sich ganz von selbst. Ich will sie aufzählen.[254]

Es gehört dazu erstens die schon oben erwähnte Schönheit der verständigen, guten und rechtschaffenen Leute, d.i. jener unverkennbare Ausdruck einer reinen, wohlgebildeten und schönen Seele, die sich selbst, ohne alles Künsteln, in jedem bleibenden Gesichtszuge, in jeder vorübergehenden Miene, in jedem Blicke, in der ganzen Haltung des Körpers, im Gange, in jeder andern Bewegung, mit Einem Worte, in dem ganzen Aeußerlichen malt. Die Vorschrift zu dieser Schönheit, der einzigen, die der verständige und rechtschaffene Mann an seiner Gattinn verlangt, und der einzigen, welche eine dauerhafte Liebe erregen und unterhalten kann, habe ich dir schon oben gegeben. Ich brauche sie also hier nur zu nennen, und mich auf dasjenige zu beziehen, was ich, um dir die Erwerbung derselben wünschenswürdig und wichtig zu machen, dort schon angeführt habe.

Es gehört zweitens dazu ein ordentlicher, reinlicher und obgleich schlichter, doch mit Geschmack gewählter Anzug. Ein solcher hebt nicht nur die natürlichen Reize des weiblichen Körpers, sondern – was noch viel wichtiger ist – er läßt zugleich jeden Menschenkenner auf den Geschmack, die Ordnungsliebe, die Reinheit und Bescheidenheit der ihn belebenden Seele schließen. Wenn daher ein Frauenzimmer, um ihre Bestimmung –[255] die dem Manne zu gefallen – zu erreichen, der äußerlichen Reize auch nicht bedürfte: so bedürfte sie doch eines saubern, anständigen und geschmackvollen Anzuges schon deswegen, um nicht für unordentlich, unreinlich, nachlässig oder gar für liederlich gehalten zu werden.

Den dritten Bestandtheil der einem Frauenzimmer so nöthigen äußerlichen Annehmlichkeiten macht jene zierliche Natürlichkeit oder jene natürliche Zierlichkeit aus, die eurem Geschlechte, bei einiger Ausbildung, schon von Natur eigen ist; die sich über alle Bewegungen und Handlungen desselben verbreitet, und die zwischen jeder Aeußerung von Roheit und Plumpheit auf der einen und von eitelem Geziere einer bloß erkünstelten und übertriebenen Feinheit auf der andern Seite die gerade Mittellinie hält. Diese, jedem Frauenzimmer zu wünschende Eigenschaft hier umständlich zu beschreiben, würde eine vergebliche Arbeit sein. Sie läßt sich durch Worte nicht fest bezeichnen, durch Vorschriften nicht erlernen. Nur die Erziehung durch Umgang mit Personen, denen sie eigen ist, theilt sie mit; und nur das Zartgefühl des durch einen solchen Umgang gebildeten Geschmacks kann in einzelnen Fällen richtig bestimmen, was ihr gemäß und was ihr zuwider ist, wozu jede Beschreibung im Allgemeinen immer unzureichend sein würde. Ich überlasse dich daher, mein Kind, in Ansehung[256] ihrer derjenigen Schule, worin du diese Art von Ausbildung, so weit sie von deinem jedesmahligen Alter zu erwarten stand, bereits glücklich angenommen hast; und bin wegen des fernern Erfolges unbekümmert.

Endlich gehört hieher viertens, was ich zuerst genannt haben würde, wenn ich besorgen müßte, daß es bei dir noch einer Erinnerung daran bedürfte, die allersorgfältigste Vermeidung alles dessen, was unangenehme oder gar Ekel erregende sinnliche Eindrücke machen kann; also vornehmlich Reinlichkeit, die höchste Reinlichkeit in jedem Betracht, zu jeder Zeit und unter allen Umständen! Es ist unbeschreiblich, wie gewaltsam die Vernachlässigung dieser recht eigentlich weiblichen Tugend den Mann von zartem Gefühl, sogar an einem solchen Frauenzimmer zurückstößt, das durch jede andere Trefflichkeit seine Hochachtung und seine Liebe auf sich zog. Nichts kann den Mangel derselben ersetzen, nichts den Widerwillen dämpfen, der sich des Gemüths eines solchen Mannes gegen ein solches Frauenzimmer unwiderstehlich bemächtiget. Wahre eheliche Liebe kann unmöglich zwischen ihnen Statt finden, den einzigen Fall ausgenommen, da der Mann an seinen eigenen Empfindungswerkzeugen nach und nach selbst dergestalt abstumpft, daß er gegen unangenehme Eindrücke dieser Art völlig gleichgültig und unempfindlich wird.[257] Aber welch ein Fall! und welche Gemüthsstimmung von Seiten des Weibes gehört dazu, um diesen vorauszusetzen, zu erwarten oder gar zu wünschen!

Und hier, mein Kind, hast du nun einen neuen Schlüssel zu dem Räthsel: warum eine innige und dauerhafte eheliche Zärtlichkeit eine so seltene Erscheinung, sogar unter solchen Personen ist, die sich in jedem andern Betracht gegenseitig zu schätzen und zu lieben, nach ihrem eigenen Geständnisse, Ursache haben. Er heißt: Vernachlässigung der äußerlichen Liebenswürdigkeit. Gemeiniglich bemühen sich junge Personen deines Geschlechts nur so lange Annehmlichkeiten und Reize für den Mann, den sie zu dem ihrigen zu machen wünschen, zu haben, bis er der ihrige geworden ist. Kaum haben sie diesen Zweck erreicht, so fangen sie plötzlich an, sich, wo nicht für Alle, doch für ihn, den erbeuteten Gatten, gänzlich zu vernachlässigen, in ihrem Hauswesen, in ihrer Kleidung und an ihrem eigenen Leibe die Reinlichkeit hintanzusetzen, in Unordnungen aller Art zu versinken und sich, sobald sie mit ihrem Gatten allein sind, Unschicklichkeiten und Unanständigkeiten zu erlauben, die ihm, wofern er feineres Gefühls ist, nothwendig Widerwillen und Ekel verursachen müssen. Ist es nun zu verwundern, wenn die Liebe eines solchen Mannes zu einer solchen Frau, erst in Kaltsinn, zuletzt gar in Abneigung übergeht? Nein; das Gegentheil[258] wäre vielmehr wunderbar, weil dieses eine der menschlichen Natur zuwiderlaufende Erscheinung sein würde. Kein Mensch kann lieben, was ihm Ekel verursacht; göttliche und menschliche Gesetze sprechen ihn frei davon. –

Doch genug von einer Sache, die ich hier, nur um der Vollständigkeit, nicht um deinetwillen, bloß zu berühren, nicht umständlich zu erörtern brauchte.


Das rührende und ehrwürdige Bild eines Weibes, das seine Bestimmung erreicht hat, steht nunmehr, so weit es von mir gezeichnet werden konnte, vor dir da, mein liebes Kind! Sieh es fleißig, sieh es mit anhaltender Aufmerksamkeit an! Erwärme dich, so oft du es ansiehst, durch die Vorstellung der hohen Würde und der reinen Glückseligkeit, welche einem solchen Weibe nothwendig zu Theil werden müssen; und damit ein so ehrenvolles und glückliches Loos einst auch das deinige werden möge, o so schiebe es doch ja um keine Minute auf, dich aus allen Kräften und unablässig zu bestreben, das zu werden, das zu können und das über dich zu vermögen, was du, wenn du jenes erhabene Ziel erreichen willst, nothwendig sein, können und über dich vermögen mußt. Daß du das wollest, weiß ich, mein geliebtes Kind; daß es dir gelingen werde, kann nur derjenige bezweifeln, der[259] die Allgewalt einer fortgesetzten tugendhaften Bestrebung noch nie aus eigener Erfahrung kannte. Was bleibt mir also übrig, als mich schon jetzt des Glücks zu freuen, welches einst der Preis deiner kindlichen Folgsamkeit und zugleich der süßeste und beste Lohn für unsere elterliche Sorgfalt sein wird!

1

Jungen Personen, die sich über diese gefahrvollen und schrecklichen Abweichungen von dem Wege der Natur, besonders auch über die schändlichste und verderblichste von allen, die Unzucht mit sich selbst getrieben, und über die Mittel, sich dagegen zu sichern, noch genauern belehren lassen wollen, empfehle ich eine in dieser wohlthätigen Absicht geschriebene kleine Abhandlung unter folgenden Titel: Hochnöthige Belehrung und Warnung für junge Mädchen zur frühen Bewahrung ihrer Unschuld, von einer erfahrnen Freundinn. Eine gekrönte Preisschrift; herausgegeben von J.H. Campe. Braunschweig 1790. Anmerk. Zur dritten Aufl.

2

Das zornige Gesicht eines Mannes kann, unter Umständen und Bedingungen, noch immer viel Würde, ja sogar etwas haben, was man nicht ungern sieht; das zornige Gesicht eines Weibes hingegen niemahls, höchstens nur unter Umständen, in welche von Tausenden kaum Eine geräth. Der Abstich zwischen einem solchen leidenschaftlichen Gemüthszustande und der Bestimmung des Weibes, zwischen einem solchen Gesicht und dem Gemüthskarakter, den man bei ihr erwartet, zwischen solchen Verzerrungen angeschwollener Gesichtsmuskeln endlich und dem zarten Gewebe ihrer Haut, der größern Feinheit ihrer Züge, ist zu auffallend häßlich, als daß er nicht für die Empfindungen eines jeden gebildeten Menschen etwas sehr Zurückstoßendes haben sollte.

Quelle:
Campe, Joachim Heinrich: Vaeterlicher Rath für meine Tochter. Braunschweig 1796 [Nachdruck Paderborn 1988], S. 140-260.
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