6. In Bezug auf die siebente und neunzehnte Wahrnehmung.

[453] Alle Menschen haben Gefühl für Ehre und Schande, d.i., sie werden alle von Ehrgeiz oder Eitelkeit oder von beiden geleitet. Es ist also der Klugheit gemäß, diesen Trieb in unserm ganzen Benehmen gegen die Menschen bei allen vorauszusetzen, und dieser Voraussetzung gemäß zu handeln, damit eine, gemeiniglich so stark gespannte und dabei so zarte und empfindliche Saite der menschlichen Natur, niemahls unsanft, und jede andere Saite nie anders, als im Einklange mit ihr berührt werde. Die besondern Beobachtungen, die ich dieser allgemeinen Bemerkung schon oben beigefügt habe, sind eben so viele Klugheitsregeln, die wir in Hinsicht auf diesen neuen Karakterzug der Menschheit, besonders in den feinern Ständen, sorgfältig zu beobachten haben.

Ich merkte nämlich zuvörderst an, daß dieser Trieb in der Regel bei rohen und ungesitteten Menschen schwächer, bei verfeinerten und gesitteten hingegen stärker, als der der Sinnlichkeit, zu wirken pflege. Daraus folgt also, daß wir uns bei den ersten vorzüglich an diesen, bei den letzten vorzüglich an jenen wenden müssen, wenn wir etwas über sie vermögen wollen; es müßte denn sein, daß in besondern Fällen besondere Beobachtungen das Gegentheil riethen.[454]

Ich habe zweitens angemerkt, daß auch von diesem Triebe gelte, was wir über den der Sinnlichkeit beobachteten, daß er nämlich, so oft er befriediget wird, das Herz des Ehrgeizigen und Eiteln öffne, und es demjenigen geneigt mache, von dem die Befriedigung herrührt. Daraus folgt denn abermahls, und zwar 1. überhaupt, daß wir den Ehrtrieb der Leute, wofern uns an ihrem Wohlwollen etwas gelegen ist, nicht nur niemahls ohne Noth – Noth aber nenne ich hier, was unsere Pflicht verlangt – verletzen, sondern auch zu seiner Befriedigung, so viel es ohne schändliche Schmeichelei und Niederträchtigkeit geschehen kann, das Unsrige gern beitragen müssen. Was ich unter schändlicher Schmeichelei und Niederträchtigkeit verstehe, werde ich nachher sagen. 2. Daß wir besonders dann dem Ehrgeize oder der Eitelkeit der Menschen erst ein angenehmes Opfer zu bringen nicht verabsäumen müssen, wann wir uns gemüssiger sehen, ihnen etwas Unangenehmes zu sagen oder zu thun, oder etwas Unangenehmes und Beschwerliches von ihnen zu verlangen oder ihnen aufzubürden. In solchen Fällen müssen wir das Unangenehme des Widerspruchs, des Tadels oder der Zumuthung dadurch zu mildern oder gar zu versüßen suchen, daß wir erst alles, auf die vorliegende Sache Bezug habende Wahre, Gute und Liebenswürdige in den Reden, Handlungen, Fähigkeiten und Karakterzügen des Andern anerkennen,[455] billigen und loben, und nur dann erst zu der minder angenehmen Aeußerung vorsichtig übergehn.

Ich habe drittens angemerkt, daß dieser Trieb, wie jeder andere, bei verschiedenen Menschen sehr verschiedene Abänderungen, und bei jedem insbesondere seine besondere Richtung erhalten habe, so, daß ein und ebendasselbe Lob, welches den Einen Ehrgeizigen oder Eiteln in Entzücken setzt, einem Andern oft völlig gleichgültig ist. Daraus folgt, daß wir uns bemühen müssen, die besondern Ansprüche der Menschen kennen zu lernen, um gegen dieselben nicht nur nicht zu verstoßen, sondern ihnen auch Gelegenheit zu geben, sie, so gut sie können und mögen, gelten zu machen. Es bedarf hiebei gar keines Lobes; man darf nur, wie gesagt, Gelegenheit geben, daß der Ehrsüchtige oder Eitle sich selbst loben oder, was auf eins hinausläuft, das, was er Lobenswürdiges zu besitzen glaubt, schicklich an den Tag legen könne: und er wird diese Gefälligkeit eben so dankbar aufnehmen, als wenn man ihn geradezu und unmittelbar gelobt hätte.

Und nun vernimm erst, in wiefern ich glaube, daß die Benutzung dieses und jedes andern menschlichen Triebes mit diejenigen Aufrichtigkeit und Redlichkeit sich vereinigen lassen, die, wie ich hoffe, dir und mir[456] bei dem Bestreben, das Wohlwollen unserer Mitmenschen zu erwerben, immer heilig bleiben sollen. Diese Vereinigung kann, dünkt mich, sehr wohl Statt finden, wenn wir 1. den Ehrgeiz und die Eitelkeit der Menschen nie zu andern als guten, und in jedem Betrachte unschädlichen Absichten benutzen, also niemahls jemand dabei zu hintergehen suchen; 2. uns bloß darauf einschränken, nur dasjenige zu loben, was wirklich lobenswürdig ist, das Uebrige aber so lange nicht zu bemerken scheinen, als wir es zu bemerken und zu rügen durch nichts verpflichtet sind; und endlich in jedem Falle, wo eine solche Pflicht wirklich eintritt, keinen Augenblick Bedenken tragen, uns auch über die Thorheiten, Fehler und Laster der Menschen freimüthig und ohne Rückhalt zu erklären. Unter diesen Umständen kann es nie Unrecht sein, diejenigen Menschen, zu deren Erziehern wir nicht bestellt sind, so zu nehmen, wie sie sind; ihnen ihre süßen Einbildungen von sich und allen ihren Trefflichkeiten, so, lange sie Keinem dadurch schaden, zu lassen, und auf die vergebliche Mühe, sie wider ihren Willen in die Kur zu nehmen, Verzicht zu thun. Denn was würden wir, wenn wir den Schwachheiten, Thorheiten und Lastern der Menschen den offenbaren Krieg ankündigen wollten, ausrichten? Wahrlich nichts, als dieses: daß Alle über uns herfallen, uns belachen, verspotten und verfolgen würden. Wir würden darüber zu Grunde gehen, ohne daß deswegen auch[457] nur eine einzige Thorheit oder ein einziges Laster weniger in der Welt wäre. Und das wäre denn doch wol in jedem Betrachte gar nicht weise gehandelt.


Dis vorausgesetzt, kann ich also gar kein Bedenken tragen, dir auch die übrigen Klugheitsregeln anzugeben, deren Befolgung durch die Ehrsucht und Eitelkeit der Menschen nothwendig gemacht wird. Da kein anderer menschlicher Trieb so unendlich viele Seiten darbietet, von denen er beleidiget werden kann, als dieser: so werde ich mich auch bei ihm länger, als bei jedem andern, verweilen müssen, um dich, im Bezuge auf ihn, wenigstens mit den vorzüglichsten Vorsichtigkeitsregeln bekannt zu machen. Dazu rechne ich nun folgende:


1. Sei in hohem Grade bescheiden und höflich gegen jedermann; d.i., dein ganzes Betragen sei freundlich, gütig und liebreich gegen Geringere, gegen Höhere ehrerbietig, und gegen Gleiche so, als stünden sie alle eine merkliche Stufe über dir. Beobachte daneben in Ehrenbezeugungen und Wohlstandsgebräuchen alles, was die allgemeine Sitte darüber festgesetzt hat; und mache es dir überhaupt zur Regel, Jedem nicht etwa nur gerade so viel Ehre, als seinem Stande und seinen Verdiensten gebührt, sondern allemahl noch[458] etwas mehr zu erweisen. Denn du darfst sicher darauf rechnen, mein Kind, daß die Begriffe, die Jeder von seiner Person, von seinen Verdiensten und von seinem Stande hat, allemahl um einige Grade über das wahre Verhältniß, worin er mit andern Menschen steht, hinauszugehen pflegen, und daß du also sicher beleidigen würdest, wenn du ihm nur das ihm eigentlich gebührende Maß von Achtung oder Ehrerbietung, und nicht noch eine kleine Zugabe obenein wolltest angedeihen lassen.

Am freigebigsten mußt du mit deinen Ehrenbezeugungen gegen die Dummköpfe – du erinnerst dich doch des darüber oben festgesetzten Begriffes noch? – aus allen Ständen sein, und jede Art von Ehrengebräuchen gegen Keinen ängstlicher, als gegen diese beobachten. Denn Keiner hat eine größere Meinung von sich und seinem Werthe in jedem Betrachte, als sie: Keiner macht daher auch mehr Ansprüche auf Achtung und Ehrenbezeigungen, als sie; Keiner wacht sorgsamer darüber, daß ihm nichts davon verkürzt werde, als sie; Keiner hält daher auch mehr auf Wohlstandsgebräuche jeder Art, und Keiner wird durch jeden kleinen Verstoß dagegen empfindlicher beleidiget, als sie. Am leichtesten hingegen ist in diesem Punkte mit wirklich großen und edeln Menschen auszukommen, die im Bewußtsein dessen, was sie[459] sind, gar niemahls auf die Besorgniß, von unser Einem verachtet zu werden, gerathen können. Gegen diese darf daher unser Benehmen schlichter, wahrer und natürlicher, als gegen Andere sein, welche an Stand und Verdiensten um unendlich viel Stufen tiefer stehn. Doch muß uns wahre Bescheidenheit und wahre Höflichkeit auch gegen diejenigen nie verlassen, welche deshalb die wenigsten Anfoderungen an uns machen. Denn wenn wir bei diesen gleich nicht zu besorgen haben, daß sie sich dadurch beleidigt finden werden: so würden wir doch in ihrer guten Meinung von uns dadurch verlieren. Denn wahre Bescheidenheit und wahre Höflichkeit sind keine Fratzen; es sind vielmehr schöne und nothwendige sittliche Tugenden, deren Mangel auch der edle und große Mensch nicht anders als mit Mißfallen an uns bemerken könnte. Also müssen wir sie, wenn auch nicht seinetwegen, doch um ihrer selbst und um unsertwillen, zu besitzen und an den Tag zu legen suchen.

Uebrigens bedarf es wol keiner Erinnerung, daß Bescheidenheit und Kriecherei, Höflichkeit und feierliches Wesen ganz verschiedene Dinge sind; und ich glaube es deinem Selbstgefühle und deinem guten Geschmacke vollkommen zutrauen zu dürfen, daß du das verächtliche Nachäffen jener edlen Tugenden von ihnen selbst, beim ersten Blicke unterscheiden und, wie es sich gebührt, verschmähen werdest. Ich fahre also fort:
[460]

2. Vermeide unangenehmen Widerspruch, und hüte dich, daß die Behauptung deiner Meinung nie in Rechthaberei ausarte. Diese Regel sagt, wie du wol siehst, keinesweges, daß du mit allen Menschen einerlei Meinung haben sollst; denn wie wäre das möglich? Sie sagt auch nicht, daß du dich stellen sollst, als habest du einerlei Meinungen mit ihnen: denn wo bliebe da die Aufrichtigkeit, wo das Vergnügen der Unterhaltung, und wo deine Selbständigkeit? Du darfst und sollst also von den Meinungen anderer Menschen abgehen, es sei im Scherz oder im Ernst: nur daß du dich, wie die Regel sagt, dabei in Acht nehmest, daß dein Widerspruch nicht in Rechthaberei ausarte, d.i., weder durch Hartnäckigkeit, noch durch unangenehme Aeußerungen lästig und beleidigend werde. Jeder Widerspruch ist ein scherzhafter oder ernsthafter Angriff aus den Verstand des Andern, und der Eitelkeit des Andern kann es dabei unmöglich gleichgültig sein, wer von beiden Theilen den Sieg davon trage. Sie ist daher augenblicklich im Harnisch, um dem Verstande zu Hülfe zu springen; und sie fühlt jeden Vortheil, den man jenem abgewinnt, als eben so viele Wunden, die ihr selbst geschlagen werden. Die Kunst ist nun, sie entweder ganz aus dem Spiele zu bringen, oder sie wenigstens so zu besänftigen und angenehm zu beschäftigen, daß sie eine ruhige Zuschauerinn dabei bleibe. Und hiezu wird erfodert:


[461] Erstens: daß man gewisse Arten des Widerspruchs ganz und gar vermeide. Jeder Mensch hat über gewisse Dinge so ernsthaft und so entschieden abgeurtheit, daß er von Zweifeln und Einwendungen dagegen durchaus nicht weiter hören mag. Diese, ihm ausgemachten Punkte muß man zu erforschen wissen, um sie unberührt zu lassen. Dazu gehören besonders die religiösen Begriffe, aus denen Jeder von uns sein besonderes Glaubensgebäude errichtet hat. Diese sind dem Menschen zu wichtig, und er ist darüber, ordentlicher Weise, zu entschieden, als daß er auch nur den leisesten und bescheidensten Einwand dagegen ertragen könnte. Wer also klug ist und keinen besondern Beruf dazu hat, die Begriffe der Menschen in dieser wichtigen Angelegenheit, mit Gefahr seiner eigenen Ruhe, seines guten Leumunds und seiner bürgerlichen Wohlfahrt zu berichtigen: der gehe solchen Gegenständen des Gesprächs, die über dis zu Unterhaltungsmaterien in vermischter Gesellschaft schlecht geeignet sind, weislich aus dem Wege, oder berühre sie, wenn er sich mit Gewalt dazu gezwungen sieht, so leise und behutsam, daß Keiner der Anwesenden an seinem Gewissen oder an seiner Glaubenseitelkeit – Menschenkenner wissen, daß es eine solche gebe – gereizt und verwundet werden könne. Kein Mensch ist heutiges Tages verpflichtet, nach der Ehre der Märtererkrone zu trachten; denn theils bedarf die Welt der Beispiele von Marterthum nicht mehr, weil[462] es ihr heutiges Tages nicht an anderweitigen, allgemein verbreiteten Mitteln zur Belehrung und Ueberzeugung fehlt; theils weil in unsern Tagen dergleichen Beispiele das nicht mehr wirken würden, was sie ehemahls zu wirken vermochten. Denn anstatt bei dem Scheiterhaufen eines freiwilligen Märterers, wie ehemahls, auszurufen: seht da einen Zeugen der Wahrheit! würde alle Welt jetzt mit Fingern auf ihn weisen und sprechen: seht da einen Narren, der sich braten läßt, weil er nicht zu leben verstand!


Zweitens: daß wir uns durch den Geist des Widerspruchs nie müssen verleiten lassen, solche Irrthümer zu rügen oder aufzudecken, die, sobald sie ans Licht gezogen werden, den Irrenden lächerlich machen oder ihm gar Schande bringen können. Dahin gehören alle Irrthümer und Aeußerungen der Menschen, die eine größere Verstandesschwäche, eine größere Unwissenheit, oder eine schlechtere Gemüthsart verrathen, als Jeder in seiner Lage gern möchte an sich kommen lassen. Solche Blößen, die jemand wider seinen Willen gibt, muß man nicht nur nicht wahrzunehmen scheinen, sondern auch durch eine plötzliche geschickte Wendung des Gesprächs sie sogleich mit dem Mantel der Liebe zu decken suchen, damit die Aufmerksamkeit der Gesellschaft schnell davon abgelenkt werde, und der Irrende, wo möglich, ohne Beschämung[463] davon komme. Dadurch vermeiden wir einer Seits die sonst unvermeidliche Erbitterung desselben, und andrer Seits erwerben wir uns, falls er den Dienst, den wir ihm dadurch leisten, gewahr wird, sein Vertrauen und sein Wohlwollen in hohem Grade. Und das ist in jedem Falle doch mehr werth, als das augenblickliche und nicht sehr edle Vergnügen, welches seine Beschämung uns machen könnte.


Drittens: daß wir nie in einem entscheidenden Tone, nie mit Bitterkeit oder gar mit verachtender Wegwerfung widersprechen. Diese Art des Widerspruchs erträgt sicher Keiner, selbst der Sanfteste und Nachgiebigste nicht, weil sie eine Zwangsherrschaft über unsern Verstand und zugleich eine Verachtung gegen denselben ankündiget, welche Keiner, dessen Seele noch nicht ganz unterjocht und in den Staub getreten ist, sich gefallen lassen kann. Vermeide also diesen Fehler auf das allersorgfältigste, und so oft du widersprechen zu müssen glaubst, sorge dafür, daß dein Gesicht immer freundlich, deine Stimme sanft, dein Widerspruch selbst bescheiden und schüchtern sei, und nicht sowol einer Zurechtweisung, als vielmehr einem aus mangelhafter Kenntniß der Sache herrührenden Zweifel und einer Bitte um bessere Belehrung gleiche. Sage: du fühltest wohl, wie unfähig du wärest, über so etwas zu urtheilen; du begriffest, wie lächerlich anmaßend[464] es für dich sein würde, einem Manne oder einer Frau in einer Sache zu widersprechen, worin du nur ein wißbegieriger Lehrling, sie hingegen Meister wären; auch wärest du weit davon entfernt, dich einer solchen Lächerlichkeit schuldig zu machen, nur wünschtest du, zur Berichtigung deiner eigenen Begriffe, von ihnen zu hören, was sich antworten lasse, wenn jemand dagegen einwerfen wollte u.s.w. Auf diese und ähnlichs Weisen kann man in allen den Fällen, wo gerader Widerspruch nicht gut geheißen würde, der Wahrheit, sich selbst und der Eitelkeit der Leute zugleich ein Genüge thun.


Viertens: daß unser Widerspruch nie länger fortgesetzt werden müsse, als wir merken können, daß er gern gehört werde. Und dis zu bemerken, bedarf es ja nur einer mäßigen Aufmerksamkeit auf die allen Menschen verständlichen Zeichen des Wohlgefallens, die sich in Blicken, Miene, Stimme und Geberden äußern. Wozu wollten wir aber, vorausgesetzt, daß keine Pflicht oder Noth uns dazu zwingt, unsern Widerspruch weiter treiben, als man ihn zu hören verlangt? Warum muthwilliger Weise uns den Leuten beschwerlich und widerlich machen.
[465]

3. Steht dir Witz zu Gebote, hüte dich, ihn zur Beschämung oder Kränkung Anderer spielen zu lassen. Witz und Verstand sind ein Messer, welches uns gegeben ward, den Armen an Geist unser Brodt zu schneiden; nicht ihnen wehe damit zu thun oder gar ihnen ins Herz damit zu stoßen. Wehe dem unfreundlichen Besitzer derselben, der sie dazu mißbrauchen kann! Die Wollust edler Seelen – sich geliebt zu fühlen – wird ihm nie zu Theil werden. Nicht einmahl wahre Achtung wird er sich erwitzeln können. Denn würden seine beißenden Einfälle und Erwiederungen auch noch so laut belacht und beklatscht: so wird er doch am Ende nie mehr davon haben, als der Pavian, dessen hämische Affenstreiche zwar auch wol belacht werden, aber bei dessen Annäherung doch jedermann zurückweicht.

Wie viel seliger ists, durch Gutmüthigkeit, durch eine bescheidene und sanfte Aeußerung unserer Geistesgaben, und durch ein verbindliches einladendes Wesen, Allen, die uns kennen lernen, den Wunsch nach einem nähern Umgange und nach einer größern Vertraulichkeit mit uns einzuflößen!

Diese Beobachtungen würden für jeden gutgesinnten Menschen allein schon hinreichend sein, ihm die Befolgung her obigen Regel wichtig zu machen: wie[466] viel wichtiger aber muß sie uns werden, wenn wir sie in Rücksicht auf denjenigen allgemeinen Karakterzug der Menschen betrachten, mit dem wir es hier besonders zu thun haben! Jede Ueberlegenheit an Verstand und Witz ist für die Eitelkeit der Menschen, besonders derjenigen, welche etwas der Art selbst zu besitzen glauben, schon an sich eine Beleidigung, welche nicht leicht verziehen wird. Kommt nun vollends etwas Bösartiges hinzu; sucht man mit seinen Einfällen nicht bloß zu glänzen, sondern erlaubt man sich sogar, Andern wehe damit zu thun: so ist es ja wol unausbleiblich, daß man Unwillen, Haß und Erbitterung dadurch erregt. Dis gilt, wie du wohl siehest, von beiden Geschlechtern; ganz besonders aber von dem deinigen. Ein Frauenzimmer muß ein überschwängliches Maß von Gutmüthigkeit zugleich besitzen, wenn sie durch einen hervorstehenden Grad von Witz nicht allgemein verhaßt werden soll. Dis ist so allgemein wahr, daß mir, so lange ich unter Menschen lebe, noch nie eine Ausnahme davon vorgekommen ist. Die Sache ist auch sehr begreiflich. Schimmernder Witz und ächte Weiblichkeit, noch mehr aber stechender Witz und weibliche Sanftmuth lassen sich nicht zusammen henken. Eins widerstrebt dem andern; eins von beiden kann also in einer und eben derselben Person nur Statt haben. Dazu kommt, daß der hervorstechende Witz eines Frauenzimmers die männliche und weibliche Eitelkeit zugleich empört; die weibliche, weil[467] keine einen Vorzug an der Schwester dulden mag, den sie selbst nicht hat; die männliche, weil es dem Stolze der Herren der Schöpfung unsanft thut, einer Seelenfähigkeit, im Weibe huldigen zu müssen, die ihnen selbst nicht noch in höherem Grade beiwohnt. – Wie viele Gründe für ein Frauenzimmer, bei dem Gebrauche ihres Witzes, wenn sie welchen hat, sparsam und vorsichtig zu Werke zu gehn, und ihn nie anders als auf der Unterlage (Folie) ächter Bescheidenheit, Sanftmuth und Gutherzigkeit spielen zu lassen!


4. Wenn keine Noth und keine Pflicht dich dazu zwingen, so scheine von den Schwachheiten und Fehlern deiner Mitmenschen niemahls Kenntniß zu nehmen. Ich sage: scheine; denn für dich selbst darfst und sollst du sie, sowol zur Schärfung deines sittlichen Sinnes, als auch zur Bestimmung deines Verhaltens gegen die Menschen, allerdings bemerken: aber zur Sittenrichterinn über Andere dich aufzuwerfen, dazu fodert weder Klugheit noch Beruf dich auf. Hat besonders jemand in deiner Gegenwart das Unglück, etwas zu sagen oder zu thun, was ihn lächerlich machen kann: sei, bitte ich, taub und blind dagegen. Denn nie wird derjenige, der da weiß, daß du etwas Lächerliches an ihm wahrgenommen habest, und das[468] es nur bei dir stehe, ihn zum Spotte der Menschen zu machen, dein Freund sein. Er wird vielmehr wünschen, dich aus der Schöpfung vernichtet zu sehn; und wenn er auch nicht gerade an deine Person Hand zu legen wagt, so wird er hoch, um das, was du von ihm sagen kannst, unkräftig zu machen, dein sittliches Da sein, d.i., die Meinung der Menschen von deiner Rechtschaffenheit und Glaubwürdigkeit, so viel an ihm ist, zu zernichten suchen. Bemühe dich also, um deines eigenen Friedens willen, jedermann bei dem Glauben zu erhalten, daß du nichts als Gutes und Rühmliches von ihm wissest, auch wenn du es in deiner Gewalt haben wirst, ihn zum Gegenstande des Gelächters und der Verachtung zu machen. Das wird seiner Eitelkeit wohlthun, und er wird nun eben so sehr an der Befestigung deines Ansehens bei Andern arbeiten, als er sonst gesucht haben würde, es nach Vermögen zu untergraben.


5. Statt deine Fähigkeiten, Vorzüge und Vollkommenheiten den Leuten unter die Nase zu halten, bemühe dich vielmehr, sie vor ihnen zu verhüllen, und dagegen ihnen selbst Gelegenheit zu verschaffen, ihre eigenen Fähigkeiten, Vorzüge und Vollkommenheiten dir und Andern im schönsten Lichte zu zeigen.[469] Das wird dich in ihrem Wohlwollen und in ihrer Achtung unendlich viel weiter bringen, als alles, was du von deinem eigenen persönlichen Werthe sie bemerken lassen könntest. Denn, glaube mir, mein Kind, die meisten Menschen schätzen und lieben uns, nicht um unserer eigenen Vorzüge willen, sondern um der Gerechtigkeit willen, die wir den ihrigen widerfahren lassen, und um der Gelegenheit willen, die wir ihnen verschaffen, sie an den Tag zu legen. Die feinste Lebensart ist daher nicht die, wodurch man sich und seinen eigenen Werth ins schönste Licht zu stellen sucht; sondern die, wodurch man alle Welt mit sich selbst und mit ihrem eigenen Werthe zufrieden zu machen weiß, und ihnen behülflich ist, auch Anderer Zufriedenheit darüber einzuärndten. Besorge also ja nicht, daß du je etwas dabei verlieren werdest, wenn du dich überwindest, mit dem Guten, was etwan in dir sein mag, zurückzuhalten, und dagegen die Vorzüge anderer Menschen ans Licht hervorzuziehn: es wird dis vielmehr das sicherste Mittel sein, deinen eigenen. Werth allgemein bekannt zu machen, und ihn ohne Neid und Scheelsucht von allen anerkennen zu lassen. Denn erstens mußt du nicht glauben, daß irgend eine rühmliche Eigenschaft, die man zu verbergen sucht, um deswillen nun auch wirklich verborgen bleibe; man ahnet, man wittert sie, ich weiß nicht wie; man stellt sie sich dabei zuverlässig allemahl größer und glänzender vor, als sie wirklich ist; und statt eine[470] Angelegenheit daraus zu machen, sie gegen Andere zu verkleinern und herabzuwürdigen, beeifert man sich vielmehr im Gegentheile, sie, als etwas, was man durch eigenen Scharfsinn entdeckt hat, in Schutz zu nehmen und auszuposaunen. Zweitens kannst du völlig sicher sein, daß Jeder, wo nicht eben dieselben guten Eigenschaften, die du ihm an den Tag zu legen Gelegenheit geben wirst, doch etwas Aehnliches in dir – sei es aus Erkenntlichkeit, sei es aus Täuschung – wahrnehmen und bewundern wird. Bist du, z.B., jemand behülflich gewesen, Verstand und Witz auszukramen, indem du ihm entweder Platz dazu machtest, oder in seine Einfälle unmerklich und mit geschickter Hand einige Körnerchen Salz warfest, die er selbst hinein zu thun vergessen hatte: so sei versichert, er werde nicht aufhören, deinen eigenen Verstand zu rühmen und dich überhaupt für eine vortreffliche Person zu erklären. Hast du Gelegenheit gehabt, in dem, was er sagte oder that, etwas Gutherziges, Edles oder Großmüthiges bemerken zu lassen: so sei versichert, daß er von der Güte und Vortrefflichkeit deines eigenen Karakters durchdrungen sein und ihn gegen jeden Verläumder eifrig in Schutz nehmen wird. Alles Wirkungen der menschlichen Eitelkeit, deren Einfluß in unsere Empfindungen, Urtheile und Handlungen sich unglaublich weit erstreckt!
[471]

6. Gib bei gesellschaftlichen Zusammenkünften, so weit es von dir abhängt, Jedem, mit dem du dich unterhältst, Gelegenheit von dem zu reden, worin er entweder wirklich zu Hause ist, oder doch zu Hause zu sein glaubt; nicht aber von solchen Dingen, worin du ihn etwan übersehen magst. Diese Regel ist eine unmittelbare Folgerung aus der vorhergehenden; und die nämlichen Gründe, worauf jene beruhete, empfehlen daher auch diese. Ich füge noch hinzu, daß du, außer dem Wohlgefallen, welches Andere darüber empfinden werden, auch noch den wesentlichen Vortheil davon haben wirst, daß deine Gespräche mit ihnen auf diese Weise wirklich lehrreich für dich werden können. Denn wenn man Jeden aus seinem Fache reden läßt, so ist es wahrscheinlich, daß man in vielen Fällen etwas zu hören bekommen werde, was man entweder gar nicht, oder doch nicht so gut und vollständig wußte, als man es nun erfährt. Wenn es also auch nicht die Eitelkeit der Menschen wäre, welche die Befolgung dieser Regel nöthig macht, so würde es die Betrachtung unsers eigenen Vortheils thun.


Ich beschließe diese, die menschliche Eitelkeit betreffen Klugheitsregeln mit einer Hauptvorschrift,[472] die, wenn sie erfüllt wird, alle andre beinahe entbehrlich macht. Sie lautet:


7. Sei du selbst so wenig ehrgeizig und eitel, als die menschliche Natur es nur immer zuläßt, fest überzeugt, daß der Ehrgeiz und die Eitelkeit anderer Menschen nicht besser von uns befriediget und zugleich nicht unschädlicher für uns gemacht werden können, als wenn wir selbst anspruchfrei und bescheiden zu sein uns bestreben. Es ist überhaupt eine bekannte Erfahrung, die sich überall bestätiget, daß von zwei Menschen, deren Einer leidenschaftlich handelt, her Andere nicht, dieser Letzte allemahl am besten fährt. Der Zornige wird, unter gleichen Umständen, allemahl vom Kaltblütigen besiegt; und der ruhige Spieler nimmt in der Regel dem leidenschaftlichen das Geld ab. So hat auch der Bescheidene und Demüthige vor dem Eiteln und Ehrsüchtigen allemahl mehr als Einen entschiedenen Vortheil voraus. Er lebt ruhiger und zufriedener, als dieser: weil er leichter zu befriedigen ist; er stößt mit andern Menschen seltener zusammen: weil es ihm nicht sauer wird, ihnen auszuweichen, ihnen mit Höflichkeit zuvorzukommen, oder ihnen nachzusehn; er wird allgemein geliebt und geschätzt: weil er wenig fodert und viel gibt, weil er die Achtung der Menschen nie zu erzwingen oder zu ertrotzen sucht, und weil her Glanz seiner Vorzüge, durch den sie umhüllenden Flor der Bescheidenheit gedämpft,[473] den Leuten auf eine minder beschwerliche Weise in die Augen fällt. Es würde daher in der That kein Wortspiel sein, sondern einen guten und wahren Sinn enthalten, wenn man demjenigen, welcher edlere Bewegungsgründe nicht mehr auf sich wirken lassen kann, den Rath gäbe: bescheiden aus Eitelkeit und demüthig aus Ehrsucht zu sein. Denn sicher gibt es kein besseres Mittel, den Zweck dieser Leidenschaften zu erreichen, als das – sie nicht zu haben.

Quelle:
Campe, Joachim Heinrich: Vaeterlicher Rath für meine Tochter. Braunschweig 1796 [Nachdruck Paderborn 1988], S. 453-474.
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